Archiv der Kategorie: München

Transit (Filmfest München)

Romanze eines verspäteten Fernfahrers mit einer abgehauenen Nutte inclusive philosophischer Gespräche über den Fahrtenschreiber, einem Zuhälter, der ständig in einen weinerlichen Ton verfällt, mit viel Figur- und Dialogerfindung am Computer und wenig Recherche vor Ort (konträr zu Scorsese, AMERICAN BOY und AMERICAN PRINCE hier am Festival) als gewöhnungsbedürftiger Versuch der Bebilderung von zarten Streicher- und Pianoklängen des Babelsberger Filmorchesters, immerhin mit einen schön fotografierten Münchner Messeturm und dessen gewaltiger Betonumgebung. Es ist kaum zu erwarten, dass diese Bild-Musik-Kombination in den Gehirnen der Zuschauer Tsunamis der Fantasie oder der Erkenntnis auslösen wird.

Swansong: Story of Occi Byrne (Filmfest München)

Das Risiko im Leben eines traumatisierten Bastards, der von den irischen Schulkameraden in einer roten Tonne einen Dünenhügel runter gegen das Meer gedonnert worden ist, besteht darin, dass er in der geringsten Konfliktsituation leicht wie eine Rakete losgeht und wie besinnungslos auf das auslösende Objekt eindrischt. Darüber berichtet der Schauspieler Conor McDermottroe mit erfrischend viel Engagement und mit der sorglosen Entdeckerfreude am Kino, wie sie einst die Pioniere hatten, beispielsweise wenn Occi, der Protagonist, der  angenehm weder das Heldische  noch das Opferhafte seiner Figur herauskehrt, auf dem Farrad mit der Pistole wild in der Luft gestikulierend einer Meute Hunde davonfährt, welche durch ein Stück Fleisch, was an einer Schnur hinter dem Fahrrad her auf dem Boden schleift, angelockt und gereizt wird.

Morgen das Leben (Filmfest München)

Münchner Gschichten: BOGENHAUSEN ODER PERLACH, das ist die Frage. Riedel und Timm (als Co-Autorin) entscheiden sich für Perlach oder für Hasenbergl Dülferstrasse oder Messestadt Riem, da wo die kleinen Leute in den spriessenden neuen Münchner Quartieren wuseln, um zu überleben oder erlernen, andere zu manipulieren, um zu überleben. Und Riedel und Timm schauen genau hin. So scheint sich hier ein Kino zu entwickeln, was vom dokumentarischen Beobachten her kommt und uns hoffentlich noch einiges erzählen wird. Mit mehr Mut zu mehr Privacy und strengeren narrativen Zügeln um auch wieder zum Ende zu kommen, dürften die Voraussetzungen für wachsendes Publikumsinteresse gegeben sein.

Norteado (Filmfest München)

Die erste Viertelstunde kommt der Mexiko-Fan was Landschaft und Weite und Wüste betrifft, voll auf seine Kosten, denn unser Protgonist und Armutsflüchtling Andrés durchmisst sie in Richtung USA. Nach einem misslungenen Grenzübertrittsversuch wabert der Film eine ganze Weile in der erotisch aufgeladenen Atmosphäre subtropischen Stillstandes im Grenzort Tijuana im Spezereiwaren-Lädchen von Ela und Cata und der gut gebaute Andrés dazwischen, dessen Gesicht so wenig über seine Geschichte verrät wie die sparsamen Dialoge. Eine kurze, auf den ersten Blick absurd anmutende Performance leitet dann das Ende ein.

Die Hummel (Filmfest München)

Mein Eindruck: noch nicht reif fürs Kino. Empfehlung: Revision. 1. Zur Erdung der Hauptfigur mit dem norddeutsch sich anhörenden Vornamen Pit eindeutige Klärung, ob die Figur norddeutsch oder bayrisch sei. 2. Zur Erhöhung der Möglichkeit der Teilhabe des Zuschauers an der Bewältigung seiner Lebenskatastrophe, diese vom ersten Moment an krass offenlegen und sie nicht erst nach und nach verraten (den Zuschauer auf Anhieb mit einer Figur konfrontieren, die ein schier unlösbares Problem hat, das hätte zumindest die professionelle dramaturgische Beratung erkennen sollen). 3. Zur Erhöhung des Reizes der Biederkeit der Hauptfigur, sie mit mehr Rosinen, mit mehr exotischen Figuren um sie herum umgeben wie mit jener Dame mit der exaltierten Lache, die aus einem Almodovar-Film stammen könnte und die den Schrank schon voll hat mit seinen Schönheitsprodukten, denn im Moment unterscheidet Pit  sich in seiner grauen Biederkeit viel zu wenig von der grauen Biederkeit seines ihn umgebenden Castes; und Grau in Grau unterscheidet sich schlecht;  auch die Grufties bleiben seltsam grau, bis vielleicht auf seinen Sohn; die beiden Telefon-Gören wirken in ihrer künstlischen Aufgekratztheit auch nicht kontrapunktisch, denn sie spielen auf einer anderen Ebene der Ernsthaftigkeit.

Le Refuge (Filmfest München)

Die Sehnsucht nach Nähe, Wärme, Schönheit, Schmerz, Glück, Reichtum, Natur und Meer, das sind Ursehnsüchte des Kinos. Francois Ozon kennt sie genau, ergeht sich in ihnen und bedient sie und mixt sie aus dem Effeff. Als Vorwand dient ihm eine Narrative, die den Ansprüchen des Groschenromans genügt. Für cineastische Importance fehlt der Stachel. In der Drogerie am ehesten unter Wellness-Lotions zu platzieren.

Perpetuum Mobile (Filmfest MÜnchen)

Langsamkeit (und Einsamkeit?) können in 90 Minuten ganz schön viel erzählen über einen erwachsenen Sohn, der bei seiner Mutter lebt, über eine Oma, die sich als Waisenkind sieht, über ein Ehepaar, das sich nach langen Jahren trennen will, über einen Untermieter, der vor die Tür gesetzt wird, über kleine Lügen und Betrügereien allerorten, schliesslich über eine illegale Beerdigung im Bergwald und im Hintergrund sind Kuhglocken und Muh.

Slovenian Girl – Slovenka (Filmfest München)

Auch das kann Eindruck machen: eine Hauptfigur, Sasha mit dem Doppelleben einer Studentin und einer über Zeitungsannoncen selbst anschaffenden Freizeitprostituierten, die eine unglückliche Figur ist, die meist schlecht aussieht mit Rändern unter den Augen und als ob sie Drogen genommen hätte, die in einen Krimi hinein gerät, wie er eher fürs Fernsehen gemacht scheint, kurz, die das Leben alles andere als professionell meistert. Ene Geschichte aus Ljubljana.

Elenors Geheimnis – KERITY la maison des contes (Filmfest München)

Animation aus Frankreich, die sich zügig zu einem beinah dadaistisch-kubistischen Höhepunkt in einer Dachkammer voller Bücher hochschraubt, der uns die Macht, die Magie der Buchstaben, der Bücher und der Geschichten augenfällig illustriert, um diese dann mit einer nicht allzu ungewöhnlichen, aber doch ordentlichen Abenteuergeschichte vor der Verramschung durch den Trödler zu erretten.

White Night – Byakuya (Filmfest München)

Diese Weisse Nacht auf einer roten Brücke in Lyon ist zwar ein Liebesexperiment des Regisseurs und Autors mit einem Paar, was nicht zusammengehört, bezieht sich aber explizit weder auf die Weissen Nächte von Dostojewski noch auf deren Verfilmung durch Luchino Visconti mit Maria Schell und Marcello Mastroianni von 1957; explizit erwähnt wird die Weisse Nacht nur als die von Schweden und Norwegen, bei der man nicht weiss, wann schlafen und die eben nicht kalt sei, wie der Tag und der Ort der Handlung in diesem winterlichen Lyon, in welchem gerade eine Demonstration gegen den kriegerischen Überfall Israels auf Palästina stattgefunden hat. Wer den Dostojewski und den Visconti im Hinterkopf hat, der mag schnell enttäuscht sein, hat andererseits einen wunderbaren Vergleich zur Hand, mit welchem er möglicherweise einen anregenden Zugang zu diesem eher forschenden und improvisierenden Film eines Japaners finden wird. Nachsatz: dem Thomas Willmann, so war bei artechock zu lesen, hat der Soundtrack, den ich eher für die penetrante Geräuschkulisse von Lyon hielt, das Vergnügen offenbar ziemlich vermasselt.