Archiv der Kategorie: München

Das letzte Schweigen (Filmfest München)

Falls „Das letzte Schweigen“ noch das letzte Geheimnis übers Kino mit ins Grab nehmen wollte, dann wäre Kino: breite Leinwand (tote Punkte in Wohnzimmern oder auf Bettwäsche kommen so  besonders deutlich zur Geltung), immer wieder Flugaufnahmen über Kornfeld und Wald und Teich und das gross aufgesoundet, und vor allem, statt sich auf einen zentralen Konflikt zur Erzeugung und Beförderung von Kinospannung zu konzentrieren, statt sich für eine Hauptfigur zu entscheiden, lieber im Sinne des Boulevards diffus mal da mal dort erzählen und die Schauspieler, allesamt tv-proof, öfter betroffene und betretene Gesichter machen und ausgewählte Sätze wie folgende sagen lassen „Dieses Arschloch! Wir haben nicht mal eine Leiche. Mach das aus!“ oder „War das Ihre Idee, Sie Arschloch?“ oder „Herr Sommer, kümmern Sie sich endlich um das Quietschen der Schaukel. Das ist nervtötend“

My Son, my Son, whath have Ye Done? (Filmfest München)

Was Herzog mit seinem Protagonisten mit dieser Visage verbinden dürfte, das ist bestimmt „the real thing“ zu wollen und nicht wie die anderen Jugendlichen im Rafting Camp die Grenzen ihrer Fähigkeiten auszuloten. Da aber Hollywood, das den Film produziert hat, eher auf der Seite der Rekordsucht und der Suche nach den Grenzen der Fähigkeiten und nicht nach dem Real Thing anzusiedeln ist, so entsteht hier der Eindruck einer eigentümlichen Asymetrie zwischen der filmischen Aussage Herzogs und jener des kommerziellen Genres innerhalb dessen er diese tätigt. Diese Asymmetrie zwischen Spannung und Sperrigkeit äussert sich in gelegentlichem Beinah-Stillstand der Handlung, zum Beispiel in dem Zweier-Bild mit Zwerg oder darin, dass die Kamera sich ablenken und beeindrucken lässt durch eine riesige Felswand, unter der das Rafting Camp liegt oder auch durch das Wildwasser (Symbole für das Real Thing) oder durch ein hässlich-gelbes Polizei-Absperrband was demonstrativ vor der Kamera die Sicht für Momente verstellt, wobei der Zuschauer Zeit genug hat darüber zu sinnieren, wie weit vielleicht gerade so ein Absperrband auch ein Real Thing sei. Oder die trotzige Behauptung des Protagonisten angesichts zweier Flamingos, er sehe eine Herde rennender Strausse.

Eighteen (Filmfest München)

Ein cineastisch mit den Möglichkeiten der Skizzenhaftigkeit modernder Kameras, die einen Verzicht auf umständliche Beleuchtungsorgien und somit auf das Thema konzentriertes Arbeiten ermöglichen, gelingender  Balanceakt, den riskanten Kippmoment im Leben eines jungen Mannes, der einerseits noch Kind zuhause ist, andererseits bereits triebgesteuerter Liebhaber, einzufangen. Wobei offenbar die Strenge koreanischer Eltern sowie die Anforderungen der Schule zusätzlich destabilisierend wirken. Dass das Narrative an den Enden sorglos ausfranst,  scheint dem Gegenstand sogar neckisch angemessen.

Redland (Filmfest München)

Eine lange Meditation in Rot und zu Sitharklängen darüber, dass es weder Gut noch Böse gebe, mit beiläufig verhuschter Story erzählt und mit gelegentlichem Verschwimmen der Peripherie des Focus. Eine Art „Art Brut“ des modernen Kinos, nicht so grob und plump wie die neuesten deutschen Hinterkaifeck-Verfilmungen aber auch nicht so sophisticated, prägnant und abgehoben wie neuere Versuche von Godard oder von von Trier in der Nachfolge Rousseaus (Natur und Wald und Hirsch und Bach und Blut).

Ein ganz neues Leben (Filmfest München)

So kann ein Mensch ein schwieriger Mensch werden. Wenn er an das Wort des Vaters glaubt. Dieser Mensch ist Jinhee, ein Mädchen von neun Jahren. Sie wird vom Vater auf eine Reise mitgenommen. Doch daraus wird die  todtraurigschöne Geschichte einen Aufenthaltes im Waisenhaus,  eines hartnäckigen Widerstandes gegen die Unwahrheit von Vaters Wort und einer Freundschaft mit einem elfjährigen Mädchen, die aus einem Geheimnis besteht. Dies alles schnörkellos und ohne jenen besserwisserisch-anbiedernd-pädagogischen Untertext erzählt  wie er hierzulande Kinderfilmen allzu oft Ernst, Tiefe und Poesie raubt.

Unter Dir die Stadt (Filmfest München)

Hochhäusler hat mit seinem unbeherrschten Drang zum Design (von Klamotten, Ausstattung, Szenenbild, Dialogen und Figuren) die Chance vertan, deutsche Wirtschafts- und Finanzeliten glaubwürdig und damit kritisch darzustellen. Hier bashen lediglich Alphatiere ihre Texte souverän undifferenziert und der Film erbringt den Beweis, dass es nebst Analogkäse wohl auch den Analogfilm gibt. Als Scout einer grossen internationalen Produktion hingegen würde ich Hochhäusler sofort als Design-Berater anheuern.

Pecados de mi Padre (Filmfest München)

Eine hohe Dosis Lateinamerika mit Drogen und High-Society und hochkonzentriert – aus dem exklusiven Blickwinkel von Sebastián Marroquín vormals Juan Escobar, dem Sohn des kolumbianischen Volkshelden, Drogendealers,  Milliardärs, Politikers, Drahtziehers und Sammlers exotischer Tiere, des Aufrührers und Mord- und Chaosanstifters Pablo Escobar. Den Sohn, der mit seiner Mutter in Buenos Aires lebt,  treiben offenbar Heimweh und der Wunsch nach Versöhnung.

Transit (Filmfest München)

Romanze eines verspäteten Fernfahrers mit einer abgehauenen Nutte inclusive philosophischer Gespräche über den Fahrtenschreiber, einem Zuhälter, der ständig in einen weinerlichen Ton verfällt, mit viel Figur- und Dialogerfindung am Computer und wenig Recherche vor Ort (konträr zu Scorsese, AMERICAN BOY und AMERICAN PRINCE hier am Festival) als gewöhnungsbedürftiger Versuch der Bebilderung von zarten Streicher- und Pianoklängen des Babelsberger Filmorchesters, immerhin mit einen schön fotografierten Münchner Messeturm und dessen gewaltiger Betonumgebung. Es ist kaum zu erwarten, dass diese Bild-Musik-Kombination in den Gehirnen der Zuschauer Tsunamis der Fantasie oder der Erkenntnis auslösen wird.

Swansong: Story of Occi Byrne (Filmfest München)

Das Risiko im Leben eines traumatisierten Bastards, der von den irischen Schulkameraden in einer roten Tonne einen Dünenhügel runter gegen das Meer gedonnert worden ist, besteht darin, dass er in der geringsten Konfliktsituation leicht wie eine Rakete losgeht und wie besinnungslos auf das auslösende Objekt eindrischt. Darüber berichtet der Schauspieler Conor McDermottroe mit erfrischend viel Engagement und mit der sorglosen Entdeckerfreude am Kino, wie sie einst die Pioniere hatten, beispielsweise wenn Occi, der Protagonist, der  angenehm weder das Heldische  noch das Opferhafte seiner Figur herauskehrt, auf dem Farrad mit der Pistole wild in der Luft gestikulierend einer Meute Hunde davonfährt, welche durch ein Stück Fleisch, was an einer Schnur hinter dem Fahrrad her auf dem Boden schleift, angelockt und gereizt wird.