Archiv der Kategorie: Kurzfilm

Los Aeronautas (Kurzfilm, Pantalla Latina)

Faszinierende Animationsfiguren leben in einem kargen Land, in einem stilisierten Andenhochland.

Sie sind eine Mischug von Urtier und drollig, wirken gemütlich und empathieerregend, verhalten sich nicht unsensibel auf ihre Situation und Lebensumstände. Sie reden gerne über und mit dem Kleinsten Soo’go. Sie sind eine bärige Mischung aus Dino und Gecko.

Ein bedrohlicher Vogel taucht als Gefahr am Horizont auf. Sie müssen sich wehren und sich bewaffnen, schnitzen Pfeile für den Bogen.

León Fernández aus Mexiko hat diesen Film entworfen und realisiert, der eine erstaunliche Vertrautheit verbreitet, vielleicht wegen der gewissen Langsamkeit der Figuren, vielleicht aber auch, weil sie doch recht viel reden; was allerdings für denjenigen, der die Untertitel, die hier teils zweizeilig sind, ein gewisses Problem für den Nachvollzug der Geschichte bereitet, denn man möchte auch nicht eine Bewegung dieser Figuren verpassen.

Vielleicht gefällt einfach auch die gewisse Einfachheit und Übersichtlichkeit dieser Lemurenwelt, zieht Blicke und Mitgefühl wie magnetisch auf sich.

Genaro (Kurzfilm, Pantalla Latina)

Thema ist die Gesetzlosigkeit der Paramilitärs in Kolumbien und ihre Opfer.

Jésus Rayes und Andrés Porras bringen den Topos auf die Leinwand und ins Bewusstsein mit einem Porträt von Genaro mit dem eindrücklichen, vom Leben geprägten Gesicht. Dieser fährt im Auftrag der Paramilitärs die Leichen von Ermordeten und Angeschwemmten zu den Hinterbliebenen und übergibt ihnen gleichzeitig einen Umschlag mit Geld.

Die Leichen liegen in einfach gezimmert Holzkisten. Aber Genarrt ist nicht nur Überbringer von Toten und Geld, er hat ein ganz persönliche Interesse.

Encarnación (Kurzfilm, Pantalla Latina)

Soldaten sollen die Spuren eines Massackers im entlegenen Dorf Encarnacion in Mexiko beseitigen.

Dabei setzt Ricardo Castro, der Autor und Regisseur dieses Kurzfilmes, seinen Protagonisten Ezequiel (Luis Alberti), der von der Truppe abgekommen ist, einer alptraumhaften Situation aus, die als Symbol gelesen werden kann für den einsetzenden, aber längst nicht vollendeten Vorgang der Verdrängung, beginnender Amnesie.

Die Taten, die die Soldaten in diesem Dorf begangen haben, sind grauenhaft. Kein Mensch kann weiter damit leben. Der Prozess der Verdrängung setzt wohl augenblicks ein.

Bis auf Ezequiel sind die Darsteller die Originalbewohner des Dorfes. In kurzem Szenenstakkato bebildert Castro beklemmende dieses Post-Massacker-Trauma.

Corp (Kurzfilm, Pantalla Latina)

Der Auswuchs von mechanisch organisierten Menschen- und Hierarchiesystemen zu Monstern im Hinblick auf Geldgewinnung und Gewinnmaximierung. Eine verselbständigte Maschine von Zeichentrickeinheiten, je ein kleiner Fensterrahmen, darin eine Figur, ein Underdog oder ein Chef, ein Vorgang, eine Anweisung. Es gibt keine Pause, keinen Feierabend, kein Wochenende.

Diese Fenster sortieren sich ständig zu neuen Bäumen, neuen Systemen, neuen Konfigurationen, rotieren, fressen sich auf, schlucken sich, tun sich zusammen (Firmenhochzeit), stoßen sich ab oder eliminieren andere.

Pablo Poledri aus Argentinien hat diese gnadenlos wirtschaftlichen Funktionszusammenhänge auf ein mechanisches Spiel vor ernstem Hintergrund reduziert; so dass der Kopf des Zuschauers zu tun, zu erkennen, wiederzuerkennen und oft was zum Lachen hat; aber nicht immer!

Diese breit verständliche Zeichensprache hat zum Gewinn des Kurzfilmpreises bei der Pantalla Latina in St. Gallen geführt.

Con Sana Alegria (Kurzfilm, Pantalla Latina)

Lasst Euch von Alter und Zerfall nicht die Lebensfreude nehmen!

In nostalgisch zauberhaft abblätternden Kubafarben entwirft die Kubanerin Claudia Muniz das Porträt von Zayda, einer noch, aber nicht mehr ganz jungen Frau. Sie pflegt ihre Großmutter; bindet sie am Bett fest. Gleichzeitig möbelt sie sich selbst auf, schminkt sich, macht sich attraktiv. Sie verlässt das Haus, geht in eine Disco, besorgt sich Stoff, bandelt an mit einem Typen; lässt sich zuhause von ihm nehmen und nimmt Geld dafür. Im Abspann wird Jan Josef Liefers als assoziierter Produzent erwähnt. Der Titel heißt auf Deutsch: mit gesunder Freude. Auf der Tonspur gibt es kirchliche Gesänge.Insofern: Freude als breitgefächerter Begriff.

Al Silencio (Kurzfilm, Pantalla Latina)

Ein Roadmovie der besonderen Art von Mariano Cocolo aus Argentinien. Ein jüngerer Mann, Indio, geht mit einer schweren Tasche einen langen Weg zu Fuß oder als auch als Mitfahrer in einem PKW aus einem Tal über schneebedeckte Gebiete immer höher hinauf ins Gebirge, zielbewusst, bewegt, um uns an einer einsamen Stelle das Ziel seiner Reise zu offenbaren. Ein Weg in die Stille, in die Ruhe, in die Erhabenheit, ins Loslassen.

A (Kurzfilm; Pantalla Latina)

Vor lauter A’s, die ihm in allen Lebenslagen sowohl akustisch als auch bildlich begegnen, kommt der Jungfilmer Joe Houlberg aus Ecuador und sein Protagonist, der Briefträger mit dem Fahrrad, gar nicht dazu, B zu sagen. Deshalb ist A ein Kurzfilm geworden, oder: ein langer Kurzfilm über kurze As. Eine humoristische Spielerei mit Buchstaben und Bildern; studentenstreichhaft.

Niederbayern: ernst-melancholischer Pfingstmontagsausflug auf Youtube

Die Bilderwelt ist getragen ernst, schwarz-weiß, auf dem Videoclip zum Gedicht WÖDASCHWÜLN von Emerenz Meier (1874 – 1928). Die Musik ist schon wütender dagegen (Jürgen Engl, der auch singt, und Barbara Dorsch). Für die Regie steht Philipp Wagner. Er sollte sich vielleicht mal Murnau-Filme (Nosferatu) anschauen, wie sich innere Emotion, Natur-Aufruhr und Grenzsituation in Pferdekutschenfahrten darstellen lässt. Der Text selbst von Emerenz Meier ist härter als es sich anhört oder anschaut: es geht um enttäuschte Liebe, den Rivalen und den Wunsch nach dem Eingreifen Gottes mittels Einsatz der Naturgewalten.

Searching for Wives (Kurzfilm)

Wie ein dialektischer Vorfilm zum heute startenden Where to, Miss? (einem Film der Filmakademie Baden-Württemberg) kann dieser leichte, schnelle, unterhaltsame, von Peter Lim geschmeidig gschnittene Kurzfilmtupfer von Zuki Juno Tbgye gesehen werden.

Er berichtet nicht von der Emanzipation der Frau in Indien, sondern von der Nicht-Emanzipation eines indischen Mannes, von Shanmugavel Pathakarnan, 34, der in einer Variante der Tradition eine Frau sucht.

Sein Problem: er ist indischer Gastarbeiter in Singapur. Er hat das Geld für eine eigenes Haus zusammen. Aber er hat keine Gelegenheit, Frauen aus seiner Heimat kennenzulernen. Der Brauch ist, dagegen wehrt er sich nicht, dass die Familie die Braut aussucht und die Hochzeit die erste Begegnung der beiden ist.

Entscheidend für die Brautsuche ist also das Foto (Ganzkörperfoto), das er nach Hause schickt und welches in Frage kommenden Frauen gezeigt wird. Es sollte aus diesem Grund ein besonders attraktives Foto sein. Die Dokumentaristin ist beim Fotoshooting dabei. Sie befragt ihn auch zu seiner Haltung. Ihn interessiert eine Liebesheirat nicht. Die Frau muss zuverlässig und herzlich sein.

Allerdings stellt er fest, dass immer weniger Frauen bereit sind, auf diesem Wege ihren Mann zu suchen. Dazu liefert „Where to, Miss?“ ein Gegenbeispiel. Dieser Kurzfilm hier stammt auch aus Singapur, von der The Puttnam School of Film und dem Lasalle college of the Arts.

Pistenzauber (Kurzfilm)

Die Kunst des Kurzfilmes. In zwanzig Minuten etwas erzählen, das aufschlussreich ist, das man rekapitulieren kann, das zu schauen Vergnügen bereitet.

Das ist Korbinian Dufter hier ganz gut gelungen (er hat dafür den Shocking Shorts Award 2016 gewonnen).

Dufter nimmt mit seiner schwarzen Komödie auf weißer Piste in dunkler Nacht den Skizirkus auf die Schippe, resp. dieser geht bei ihm von der Schippe. Er zeichnet ihn als das absurde Ineinandergreifen eines Räderwerkes aus lauter indivduellen, nicht synchronisierten Rädern mit eigenen Zielen – Assozitation: Tinguely-Maschine – aus den Bedürfnissen Yoga und Skifahren, Ficken und Blasen, Pistenraupenvorschriften und knarzende Kette, Schredder und Selbstanzeige, aus bunten Bällen auf der Piste, Erste-Hilfe-Kurs, Disko, Anmache und Lächerlichmachung durch Liebesbriefe.

Nur das Rad der alpen- und menschenvernichtenden Ski- und Tourismus-Industrie, der Investoren, der Geldmacher, das dreht sich rücksichts- und gnadenlos, planiert mit der Pistenraupe alles andere unter sein Ziel des Geschäfts, schaufelt wie ein großes Zahnrad (der Seilbahn) unaufhörlich sich drehend den Gewinn herbei.

Super geschrieben, super inszeniert, super gespielt und last not least, super gefimt von Tim Kuhn, mit dem die aktuelle Ausgabe von Kameramann, Bild, Ton & Schnitt ein Interview führt.