Archiv der Kategorie: Kommentar

Kommentar zu den Kinostarts vom 28. Juli 2016

Diese Woche gibt es lärmigere Tier-Filme und leisere politische, wobei ich letzteren angesichts ihrer Qualitäten den Vorzug gebe, zuallererst:

FUOCOAMMARE
Hier sind die sensible Ahnungshaftigkeit eines Coming of Age mit dem elementaren Kampf ums nackte Überleben auf der Flucht übers Meers rein geographisch und in Zuspitzung weltpolitischer Begebenheiten zu einem erschreckend schönen Bilderbogen verquickt.

HEIMATLAND
Junge Schweizer Filmemacher üben sich in Schweiz-Bashing mittels Herbeiziehung des Katastrophenfilmgenres, welches ihnen allerdings ob der moralischen Bemühungen gelegentlich aus dem Blickfeld gerät.

WIENER DOG
Der Wiener Dog ist ein Dackel und die Filmemacher machen sich einen Spaß daraus, rund um einen Dackel die dramaturgisch bedeutsame Frage zu stellen: was wäre wenn?

PETS
Ist ist die Katz aus dem Haus, tanzt die Maus. Und dann ist wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Wenn einem sonst nichts einfällt.

LEGEND OF TARZAN
Der dritte, laute Tierfilm in dieser Woche.

Neu vorgestellte DVDs

DER BUNKER
In diesem Bunker riecht es nicht ganz so modrig nach deutscher Pfründen- und Zwangsgebührenkultur. Hier herrscht die Klassik und ein Gast wird erwartet.

VON 5 – 7 – EINE ETWAS ANDERE LIEBESGESCHICHTE
Ein reichlich pikanter, reichlich akademischer Affärenversuch eines unbeschriebenen Blattes von Dichter und dessen Bedürfnis, das leere Blatt mittels erdachter Affäre zu füllen; eine Ahnung von Größe darf attestiert werden.

Kommentar zu den Filmstarts vom 21. Juli 2016

Heute gemischte Wetterlage bei den Kinostarts mit durchaus beachtlichen Blüten.

STAR TREK: BEYOND
Hochanständiges Unternehmen, das an die Grenzen der Erkundung der Möglichkeiten einer besseren Welt geht, das menschenzentriert ist und uns den 3D-Migräne-Obulus abverlangt; das Anti-Trump-Programm.

MA FOLIE
Die berühmte Liebe auf den ersten Blick zweier weniger berühmter Charaktere, was die die Angelegenheit schwierig und spannend zugleich macht.

FRÜHSTÜCK BEI MONSIEUR HENRI
Und immer wieder tändeln die Franzosen gekonnt rational mit der Liebe; hier erwischt es den großartigen Claude Brasseur.

THE GIRL KING
Das schwedische Königshaus und der Katholizismus vertragen sich nicht; wie erst, wenn eine schwedische Königin nicht nur dem Katholizismus, sondern auch den Frauen zuneigt? Eine Geschichte aus der Geschichte, damals ihrer Zeit weit voraus.

BOLSCHOI BABYLON
Eine Dokumenation so strikt und diszipliniert zusammengeschnitten wie Balletttänzer konsequent üben. Sie gibt einen grausigen Blick frei hinter die Kulissen des Perfektionsanspruches dieser Kunst und wie unzulänglich und verbrechensanfällig das Leben dahinter ist.

BFG: BIG FRIENDLY GIANT
Die bunte Patchworkdecke, die die Protagonistin erst wie ein kleines Gebirge ausschauen lässt, führt durch eine Wunderwelt von Riesen und Traumfängerei.

Neu vorgestellte DVDs

UHF – SENDER MIT BESCHRÄNKTER HOFFNUNG
Die Jugend von 89 habe sich bepisst vor Lachen über diese Werbe- und TV-Show-Parodie, die Übertriebenes noch übertriebener dargestellt hat und doch die Geschichte von einem guten Herzen erzählt.

PALMEN IM SCHNEE
Epische Kolonialromanze und ein bisschen spanische Kolonialzeitaufarbeitung zwischen schneeiger Pyrenäenregion und tropischem Neuguinea von einer Liebe, die nicht sein durfte.

Kommentar zu den Filmstarts vom 14. Juli 2016

Der wichtigste Film diese Woche ist zweifellos TONI ERDMANN. Als Eröffnungsfilm des Münchner Filmfestes hatte er zur Folge, dass in einer Klatschspalte zu lesen war, dass nach diesem Film die Honoratioren ihre Reden besser nicht gehalten hätten. Das lässt aufhorchen. Wobei sich die anderen Neustarts nicht verstecken brauchen, bis auf eine wie gewaltsam erzwungen wirkende Komödie.

GHOSTBUSTERS
Hier schon mal einen Vorgeschmack auf den Film, der bei uns am 4. August startet, anhand eines Blickes in die verheerenden Reviews bei IMDb.

INDEPENDENCE DAY: WIEDERKEHR
Roland Emmerichs versiertes Spiel mit der Kleinheit der Menschen angesichts übermächtiger Aliens und wie sie sich wie Insekten doch ganz lustig zurechtbuddeln.

MIT BESTEN ABSICHTEN
Das Helfersyndrom von Susan Sarandon, mit der Absicht, Lebenssinn aus der Organisation von Glück für andere zu ziehen, verläuft sich im Laufe der vielfältigen, lebensnahen Handlung glücklich.

MULLEWAPP 2 – EINE SCHÖNE SCHWEINEREI
Hütet Euch in Eurer bequemen Idylle vor Herrn Horst: seine Freundlichkeit ist nur Fassade!

STREET DANCE NEW YORK
Ein fühliger New York Film, der die Trauer um 9/11 mit dem Traum von Musik und Tanz kombiniert.

UNTERWEGS MIT JACQUELINE
Eine Kuh, die mit einem kernigen, naturkomischen, algerischen Bauern zu Fuß unterwegs nach Paris ist, wird zum Medienbuzz.

ATOMIC FALAFEL
In der angespannt wirkenden „Komödie“ bleibt zwischen Realität und prätendierter Fiktion kein Platz für Witz und Humor.

Zum Schluss noch ein Lesetipp.
In artechock schimpfen Edelmann und Willman auf dem Filmfest 2016 auf die Jugend von heute.
Ein geistreicher, kenntnisreicher, witziger Rückblick auf das Filmfest München 2016.

Kommentar zu den Filmstarts vom 23. Juni 2016

Angesichts des Beginns des Münchner Filmfestes hat es das reguläre Kinoprogramm schwer. Mein Favorit ist The Neon Demon von Nicolas Winding Refn, der seine private Lust am Horror mit der Begeisterung für die geleckte Modewelt unverschämt zu einem makellosen Hochglanzkino zusammenmischt.

Die Frau mit der Kamera – Portrait der Fotografin Abisag Tülmann hat zwar viel mit dem privaten Abschied von einer besten Freundin zu tun, verliert deshalb ihre bundesrepublikanisch-historische Dimension keineswegs.

The Lobster – Eine unkonventionelle Liebesgeschichte wirft einen schrägen Blick auf den Hang des Menschen, seine Mündigkeit an der Pforte abzugeben.

Bastille Day kommt genau richtig zur EM in Frankreich und setzt noch eins drauf auf die Bedrohung durch den islamistischen Terror und Fankrawalle.

Athos, das Putin kürzlich besucht hat, kann vor allem mit der Seltenheit der Dreherlaubnis und den von-oben-Aufnahmen punkten.

Café Belgica erzählt eine Brudergechichte aus der Discobetreiberwelt, die wir nun nicht unbedingt wissen wollten, die aber zu erfahren kein Zeitverlust ist.

Filmfest München 2016

Brexit hin oder her, das Kino blüht, bunt und quirlig sind sie, die Erzählungen der Menschen.
stefe hat sich einige Filme vorab schon mal anschauen können; wobei die in der Filmkritik prinzipiell schon angelegte Ungerechtigkeit noch mal verschärft wird dadurch, dass die Auswahl der Filme teils von Zufällen, teils von der Laune abhängt. Als Nachteil kommt hinzu, dass die Filme zuhause am Bildschirm und nicht im Kino zu sichten sind. Generell hat stefe einen weiten Bogen um die deutsche Zwangsgebührenkunst gemacht, hat sich Entfernteres vorgenommen. Die Filme sind in alphabetischer Reihenfolge geordnet und mit direkten Links zu den Reviews versehen.

23 KILOMETRES
Noura Kevorkian, Libanon/Kanada
Hautnahe Betrachtung von Demenz, Rückblick auf einen Forscher, Tüftler und dessen Träume, Werk und Philosophien ergeben einen Tochter-Vater-Film, der nebenbei zeigt, dass es noch ein ziviles Leben im Libanon gibt, sogar quietschvergnügte Pfauen.
ABOUT LOVE
Anna Melikyan, Russland
In diesem TV-magazinhaften Mischmasch zum Thema Liebe ist zu erfahren, dass unterschiedliche Rassen besser keinen Sex miteinander haben; kurios ist die Eruierung der Schönheitskosten eine jungen Frau anhand ihrer Leiche.
ACTOR MARTINEZ
Mike Ott, Nathan Silver, USA
Jeder verdammte motherfucker auf der Welt hat irgendwo einen Punkt, wo man ihn ernst nehmen muss. Es geht um den harten Kampf um die Glaubwürdigkeit der Darstellung im Film.
AVALANCHE
Morteza Fashbaf, Iran
Eine mehrtägige Kaltwetterfront über Iran, eine Ärztin in der Midlifecrisis, bei der ein bisschen Rouge auf den Lippen einem Aufstand gleichkommt und ein glücklich-zufriedener Gatte, dem der Stillstand in der Ehe noch gar nicht aufgefallen ist.
BIG JATO
Cláudio Assis, Brasilien
Pubertät eines Dichters in der brasilianischen Steinfisch-Provinz, die ihm Gefängnis und quicklebendiger Nährboden zugleich ist.
BOLSCHOI BABYLON
Nick Read, Mark Franchetti, Russland/England
Die kriminalisierende Widersprüchlichkeit zwischen dem Perfektionsanspruch in der Abbildung des Lebens durch die berühmteste Ballett-Compagnie der Welt und dem Leben selber hinter der Bühne mit Säureanschlag.
CAMINO A LA PAZ
Francisco Varone, Argentinien
Ein nicht näher charakterisierter junger Mann macht auf einer touristisch und menschlich wenig ergiebigen Fahrt mit einem nierenkranken Muslim, der an der Prostata leidet, von Argentinien nach La Paz nicht unbedingt eine Wandlung durch.
CARACAS, EINE LIEBE
Lorenzo Vigas, Venezuela
Aus Aschenbach in Venedig wird Armando in Caracas und statt der Todesstory hebt eine dramatische Wandlung den Begriff „faggot“ mit Wucht aus seiner festen Vorurteilsverankerung.
CINEMA NOVO
Eryk Rocha, Brasilien
Ein Flow kostbaren Footages aus jener aufregenden Zeit, da sich das brasilianische Kino nichts vorschreiben lassen wollte, mit einer Kamera in der Hand und einer Idee im Kopf auf die Realität los ging.
CLOSET MONSTER
Stephen Dunn, Kanada
Dieses kanadische gay Coming-of-Age fällt auf durch stachelige Schnitte und einen sprechenden Hamster, der über den Erzähl-Zeitraum des Filmes ein Methusalem geworden sein muss.
DER JUNGE UND DAS BIEST
Mamoru Hosoda, Japan
Der Junge Ren aus der Menschenwelt und Kumatsetsu aus der Biesterwelt haben die schlechtest möglichen Zukunftsaussichten, raufen sich zusammen zu einem Lehrer-Schüler-Modell und werden am Schluss sogar auf das Schwert verzichten.
DIAS EXTRANOS
Juan Sebastián Quebrada, Kolumbien
Die Beat-Generation hat Kolumbien erreicht, ein lockerer Argentinier, eine feurige Kolumbianerin und eine Frau aus Uruguay haben Zeit für einander und kein Geld; und wenn sie keine Zeit für einander haben, dann knirschts vernehmlich.
DOG EAT DOG
Paul Schrader, USA
Solange es Waffen ad libitum gibt in den USA, so lange wird im Kino dem Gangster-Genre nicht beizukommen sein, selbst wenn Paul Schrader mit zusammengekniffenen Augen und mit altmeisterlicher Eleganz es mit Spott überzieht.
EL CLÁSICO
Halkawt Mustafa, Irak
Weiches Grün im Irak, ein Quad mit zwei kleinwüchsigen Männern drauf mit den Fahnen von Real Madrid und Barcelona geschmückt, begibt sich auf ein teils sehr erfundenes Roadmovie-Abenteuer.
EL DESTIERRO
Arturo Ruoiz Serrano, Spanien
Eine fein inszenierte Ménage-à-trois in abgelegenem Steinhaus in der Herrera vor dem Hintergrund des spanischen Bürgerkrieges.
EL PLACER ES MIO
Elisa Miller, Mexiko
Mateo und Rita, er will Triebbefriediung, sie ein Kind, es gibt Hühner und die Handlung ist die, dass die Zeit vergeht.
FRENZY
Emin Alper, Türkei
Hysterie schleicht bedrückend durch Istanbul.
GO HOME
Jihane Chouaib, Libanon
Rückkehr in eine frühere Heimat, in der es zwar noch die Halbruine eines Vaterhauses, aber nur schmallippige Nachbarn gibt. Hier ist kein Halt zu finden und vom Libanon gibt es auch nicht viel zu sehen.
LA CALLE DE LA AMARUGA
Arturo Ripstein, Mexiko
Zeichnet mexikanisches Elend in den eindrücklichen Bildern eines 50-er-Jahre-Kinos und kritisiert die Beherrschung der Welt durch Geld heute.
LA CIÉNAGA – ENTRE EL MAR Y LA TIERRA
Manolo Cruz, Carlos del Castillo, Kolumbien
Lichtdurchflutet: Muskelschwund-Schmerzensmann malerisch auf Matratze in Pfahlbau gelegt, ist der unerbittlichen Mutterliebe ausgeliefert.
LA VANITÉ
Lionel Baier, Schweiz
Warten auf den Tod am Genfer See in einem Motel in Route-66-Design, ohne je etwas mit einem Mann gehabt zu haben, kann das gut gehen?
LITTLE BIRD
Vladimir Beck, Russland
Voll fokussiert auf den jugendlichen Eros im Sommercamp – das Schnäbeln der Tauben auf dem Dach.
LOSERS
Ivaylo Hristov, Bulgarien
Coming-of-Age im rückständigen, in Schwarz-Weiß malerisch schön verkommenen Bulgarien, nicht ohne Selbstmitleid.
MA
Celia Rowlson-Hall, USA
Pantomime und Antibeischlafs-Performance im weiten, amerikanischen Westen nach dem Bibelspruch von der tugendhaften Frau – in Las Vegas wartet ein Baby.
MALI BLUES
Lutz Gregor, Mali/Deutschland
Stippvisite in die Musikwelt des multiethnischen Mali, das durch den Terror getrennt ist.
MA MA DER URSPRUNG DER LIEBE
Julio Medem, Spanien
In seinem dicht gewirkten Filmpoem zerpflückt Medem meisterhaft das Thema Mutterschaft, deren Gefährdung und Vergänglichkeit und wie es trotzdem weitergeht.
MATE-ME POR FAVOR
Anita Rocha da Silveira, Brasilien
Die Jugend der Satellitenvorstadt Barra von Rio in einem frisch geschmeidigen Bilderbogen von der Liebe bis zum Tod.
MR. SIX
Hu Guan, China
Das vom Kino schon x-fach durchgekaute Männer-Gen des Ehrbegriffs wird hier anfällig gegen Krebs, die Widersprüchlichkeit der Moral und den Zahn der Zeit.
MONTANHA
Joao Salaviza, Portugal
David, knapp 15, gibt dem Filmemacher den Vorwand, fühlig ruhig dieser Zeit kurz vorm ersten Mal mit einem Hauch Sentimentalität und Romantik nachzuspüren; sie wirkt wie eine gespannte Wartezeit.
MUTTER UND DIE ANDEREN SPINNER DER FAMILIE
Ibolya Fekete, Ungarn
Ungarische Lebenskunst des 20. Jahrhunderts: lass dich wie ein rohes Ei in die Luft werfen und bleibe beim Aufprall auf den Boden ganz.
NAWARA
Hala Khalil, Ägypten
Da kommt viel Druck auf: verheiratet sein mit einem Nubier in Ägypten und und aus ökonomischen Gründen die erste Nacht nicht hinter sich bringen können; das just im aufgewühlten Moment des Sturzes von Mubarak.
NUR WIR DREI GEMEINSAM
Kheiron, Frankreich
Hier spielt der Sohn den eigenen Vater, aber aus der Sicht des ehemaligen Buben, was dieser Flüchtlingsgeschichte eine ganz eigene Komik verleiht.
OFFICE
Johnnie To, Hong Kong
Büromusical kurz vor der Lehmannpleite, der Teamenthusiasmus hat Showwerte und als Sahneguss gibt es eine märchenhafte Liebesgeschichte.
OLEG Y LAS RARAS ARTES
Andrés Duque, Russland/Spanien
Hochkünstlerisches Portrait des russischen Filmkomponisten Oleg Karavajchuk; Dissonanz gibt mehr her als Harmonie.
O PREFEITO
Bruno Safadi, Brasilien
Spaßige Kunstperformance mit einem fiktiven Bürgermeister von Rio, der zwischen Vision, Halluzination und Tablettenrausch davon schwadroniert, stadtplanerisch alles besser zu machen, so ganz allgemein, bevor er sich zu seinem eigenen Gipsdenkmal transformiert.
ORESTES
Rodrigo Siqueira, Brasilien
Das Thema Rache wird im Hinblick auf den griechischen Fall „Orest“ als dem ersten Justizfall der Geschichte und vor dem Hintergrund der Militärdiktatur und auch moderner Polizeigewalt in einem Fake-Prozess mit echten Beteiligten verhandelt. Der Film belegt die hohe Kultur des Diktaturverarbeitungsgenres in Lateinamerika.
OSCURO ANIMAL
Felipe Guerrero, Amazonas
Der Dschungel ist so grün wie langsam. Die Frau ist das Opfer. Mal passiert ein Mord. Aber seine hässliche Fratze zeigt der Dschungel erst bei den rot gemalten Buchstaben ACC.
POESÍA SIN FIN
Alejandro Jodorowsky, Chile
Jodorowskys hochpoetische, filmpoetische Poetikvorlesung anhand eines autobiographisch gesponnenen Fadens.
PSYCHO RAMAN
Anurag Kashyap, Indien
Indische Variation zum Serienkillerthema unter dem Aspekt der Seelenverwandtschaft von Cop und Killer.
RALÉ
Helena Ignez, Brasilien
Copacabana Mon Amour, aber Alain Resnais sind wir nicht, wir können nicht die 60er Jahre nochmal spielen, umso mehr verlustieren wir uns an deren späten Errungenschaften, zum Beispiel der Homo-Ehe.
TE PROMETO ANARQUÍA
Julio Hernández Cordón
Bunuels „Los Olvidados“ war einmal; jetzt sind die Straßenkids von anno dunnemal in den Bluthandel und in heftige, schwule Liebe involviert.
THE BLACK HEN
Min Bahadur Bham, Nepal
International gefördertes Gugemeint-Movie – Eine Schulstunde für ein Ei.
THE FIND
Viktor Dement, Russland
Fischereiinspektor Trofims eingefahrenes Selbstbild erfährt nach einem Babyfund gehörige Erschütterungen.
THE LAND OF THE ENLIGHTENED
Pieter-Jan De Pue, Belgien/Afghanistan
Ein Belgier realisiert Traumbilder knackig-kerniger Knaben im afghanischen Grenzgebiet zu Tadschikistian, die Schmuggel und Lapis Lazuli-Abbau betreiben statt Pfadfinderspiele.
THE SHELL COLLECTOR
Yoshifumi Tsubota, Japan
Der blinde Muschelsammler auf der Hanare-Insel wird dokumentarisch eingeführt; wie ihm aber der Pazifik eine Frau an den einsamen Strand schwemmt, kennt die fiktionale Erfinderei kein Halten mehr.
THE STUDENT
Kirill Serebrennikov, Russland
Wer mit Bibelworten beschlagen ist, kann effektvoll gegen die Argumente „unkontrollierte Erektion“ und „vorübergehende, geistige Verwirrung“ anreden und seine gesamte Umwelt zur Verzweiflung bringen. Nach dem Stück „Märtyrer“ von Marius von Mayenburg.
TONI ERDMANN
Maren Ade, Deutschland/Österreich
Der Humanismus als Klumpfuß des Kapitalismus.
TRAMONTANE
Vatche Boulghourjian, Libanon
Die Beschaffung eines Passes artet für den markanten, blinden Musiker Rabih, der faszinierende Georges Dib, zu einem Thriller aus, der Suche nach der eigenen Geschichte, die aus tausend Geschichten zu bestehen scheint.
YOU CARRY ME
Ivona Juka, Kroatien
Der Krieg hat Kroatien und die Kroatier grob und chaotisch gemacht; drei Frauen schlagen unerbittlich um sich.
WEST NORTH WEST
Takuro Nakamura, Japan
Barfrau liebt Frau in Pink und die Frau mit dem Kopftuch bringt die Gefühlsbalance der beiden durcheinander, dabei sucht sie nur nach der richtigen Himmelsrichtung, wo liegt Mekka?

Kommentar zu den Filmstarts vom 9. Juni 2016

Und wieder gibt es eine ganze Reihe schöner Filme neu im Kino.

Mein Favorit ist Sky, Diane Kruger als Lieferantin jeder Menge magischer Kinomomente in einem Film, der erst wie von einer anderen Stern wirkt und den Abgründen der Liebe großes Kinoformat verleiht.

Einmal Mond und zurück: hier lässt es die raumfahrtbegeisterte Jugend krachen und probiert die Raketen schon mal am Maskottchen aus.

Erlösung: „Im dänischen Flachland gedeihen mysteriöse, grausame Serien-Verbrechen der grässlichsten Art und es schluckt sie lange, bis sie, wenn überhaupt, an den Tag kommen. “ so fängt stefes Review an; es geht um verschollene Kinder, die keinem aufgefallen sind. In bester Adler Olson-Krimimanier.

Himmelskind: Was nützt alle ärztliche Kunst gegen Darmverschlaufungen, wenn doch im Garten ein hohler Baumstamm steht? Nach einem erst kürzlich „real“ passierten Wunder.

Stolz und Vorurteil & Zombies oder Jane Austen angerichtet als filmischer Toast Hawai mit Zombies und Shaolin-Kampfkunst.

Hannas schlafende Hund: ehrenhafte Erinnerungsbemühung eines HFF-Professors, die sich leider für die schwierigst mögliche Erzählstruktur entscheidet.

Pierce Brosnan interpretiert in Professor Love als Dozent für Romantik die These „carpe diem“ als „vögle und fühle dich frei“, lavishly buttered.

Kommentar zu den Filmstarts vom 2. Juni 2016

Wieder so viele Filme neu im Kino, das ist wie ein Dauerfilmfest und auch heute sind wieder viele schöne dabei.

Mein Favorit sind die Dirty Games von Benjamin Best; vor jeder Übertragung von Sportereignissen am Fernsehen sollte künftig ein 30-Sekunden-Trailer aus diesem Film gesendet werden.

Der Moment der Wahrheit: aufregender Recherchethriller, der elektrisiert ist von der Sprengkraft eines – vermuteten – Körnchens Wahrheit im Heuhaufen der Geschichte; hätte die Beibringung eines höher gestellten „th“s einer bestimmten Schreibmaschine der Geschichte einen andern Drall geben können?

In Everybody Wants Some!! spürt Richard Linklater minutiös dem delikaten Übergang junger Männer vom College zur High-School und zum Baseball nach.

Green Room testet reichlich schön, reichlich amerikanisch und reichlich akademisch unsere Musikidologie anhand eines Horrormotives.

Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen: Auf ihrer sympathischen Suche nach der Nachhaltigkeit müssen diese französischen Idealisten ganz schön viel „fuel“ verbrannt haben.

The other side of the door: Horror auf fein Indisch, eine Mutter, die sich vom toten Kind nicht anständig verabschiedet, die kann was erleben.

Die Buben Mikro und Spirit verhüllen originell in einem romantischen, fahrbaren Holzhäuschen ihre Verpuppung von träumerischen Jungs zu konventionellen Erwachsenen.

Doktor Proktors Zeitbadewanne: Die Norweger haben ihr Pupspulver noch lange nicht verschossen und mit Zeitseife angereichert verlebendigen sie sogar amüsant Historie.

Die beiden deutschen Spielfilm-Neustarts handeln vom Schreiben und verheddern sich darin, leiden unter enormen Drehbuchschwächen – einmal mehr.
Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika: Maria Schrader inszeniert in ihrem Film viel Applaus für Stefan Zweig.
In Agnes hat Johannes Schmid mit seiner Konzentration auf Gediegenheit anstelle der Entscheidung für eine Hauptfigur das Storyneed Schachmatt gesetzt.

Ehrliches Bolzplatzkino mit Stargusto zeigen Russel Crowe und Ryan Gosling in The Nice Guys.

Whiskey Tango Foxtrot: Subalternisierung, die mit greller, sich gegenseitig anstachelnder Lache die katastrophale Lage in Afghanistan zu übertönen versucht und jede Verantwortlichkeit von sich weist.

Kommentar zu den Filmstarts vom 26. Mai 2016

Wieder so viele neue Filme. Mein Favorit ist The Whispering Star, der mit einer ungeheuren Leichtigkeit die größte Distanz zur Kleinkariertheit und zum Hickhack der Welt schafft, ohne diese zu ignorieren, ja indem er das sogar großartig einbaut und zudem einen stark dokumentarischen Blick auf Fukushima und die Folgen wirft. Einblick in die Flüchtlingsarbeit in Persien bietet Sonita, wobei die Dokumentaristin zur glücklichen Wendung der Geschichte gegen das Prinzip des Dokumentarfilms einen starken Schubs verleiht, während Urmila über das Mitleidige mit der jungen Frau, die sich in Nepal aus der Sklavschaft befreit hat, nicht hinausreicht. Hollywood-Klassenclown George Clooney beschäftig sich in Money Monster nonchalant und nicht allzu betroffen mit den Folgen mieser Finanzbetrügereien, bietet dem reingelegten Kleinanleger voodoomäßig die Chance, Rachegefühle auszuleben. Mit deutlich mehr Biss und Humor wartet zum Thema Demokratie Mein Praktikum in Kanada auf, mit einem unverdorbenen, wachen Geist aus Haiti namens Souverain. In Sing Street verschmelzen die Nostalgie nach der Musik der 80er und dem Coming of Age zu einer runden, gefühlvollen, nichtsdestotrotz präzisen Story, während Warcraft: The Beginning mit Dolby Atmos und viel Nahaufnahmen kriegerische Auseinandersetzung in uns vertrauter Ikonographie in einer Mischung aus Mittelalter und schwäbischer Fasnet in uns hineininjiziert. Bei drei weiteren, deutschen Neustarts sind überall gute Ansätze da, aber es hapert an allen Ecken und Enden, vor allem bei den Büchern, da sollten sich die Highpotentials doch besser aufschlauen, bevor sie zu drehen anfangen: Ente gut! fasziniert zwar mit seinen beiden bildhübschen Vietnamesen-Girlies, leidet aber leidet enorm unter der fernsehredaktionellen Vorgabe, ein besonderer Kinderfilm sein zu sollen, Outside the Box ist nach einer gelungenen Exposition restlos von sich begeistert und glaubt, damit auf die weitere Ausarbeitung verzichten zu können und Der Nachtmahr schafft es erst ganz am Schluss, eine Beziehung zwischen dem Teenage-Girl und dem schnuckeligen Trickwesen herzustellen.

Anmerkung für die Leser zu den heutigen Reviews

Heute fängt das Filmfest München an. Einige der Filme aus dem Programm des Filmfestes habe ich schon vorab an regulären Pressevorführungen sehen können. Das ist jetzt etwas viel geworden und da auch noch Programmwechsel in den Kinos ist, kommt noch mehr hinzu; deshalb hier eine kurze Übersicht über die neuen Reviews, die Titel sind weder in alphabetischer noch in gewichtender Reihenfolge, diese ist arbeitstechnisch bedingt, so sieht es beim Runterscrollen aus:

Filmfest München:
Das Märchen der Märchen – Il Racconto dei Racconti
Broadway Therapy
Learning to drive – Fahrstunden fürs Leben
Den Menschen so fern – Loin des hommes
Heil
Der kleine Rabe Socke 2 – Das große Rennen
Slow West
Escobar Paradise Lost
Coconut Hero
Boy 7
Becks letzter Sommer
Amy
Men & Chicken
Ooops! Die Arche ist weg
Die Liebe seines Lebens – the Railway Man

Reguläres Kinoprogramm:
Atlantic
Ted 2
Dior und Ich
Underdog – White God Feher Isten
Freistatt
Täterätää! – Die Kirche bleibt im Dorf 2

stefe

Nuscheln gehört zum Handwerk

Mit Willkommen in Hamburg gab Til Schweiger soeben seinen Einstand als Tatort-Kommissar. Man mag über die meines Erachtens stark schwankende Qualität der Tatorte geteilter Meinung sein, oder auch darüber, ob es nun eher ein Karrieresprung oder das Karriereende bedeutet, wenn man dort „Tenure“ erhält – quasi ein Grundeinkommen für Medienschaffende. Aber das ist mir persönlich heute egal.

Was mir im Vorfeld der Ausstrahlung aufgefallen ist: Es gab jede Menge Häme über Til Schweigers Nuscheln. So auch bei Sheng-fui:

Man mag von Til Schweiger halten, was man will. Aber der Mann ist eine Type. Sein Kommissar ist das, was man als typecast bezeichnet: Ein Schauspieler, der von seinem eigenen Wesen her besonders gut zur Rolle passt. Das ist eine nicht unübliche Methode, um passende Leute für Rollen zu finden. Doch während man hier beispielsweise für ein schüchternes Krischperl grundsätzlich Christian Ulmen zu besetzen scheint, würde sich in Hollywood auch ein Tom Cruise oder ein Gerard Butler in so eine Rolle zu finden suchen.

Und nun hat man Til Schweiger, vom Typ her schon immer der gutaussehende Typ, der eher mit dem Kopf durch die Wand geht, anstatt mal innezuhalten und eine Taktik auszutüfteln, eben für den Tatort besetzt. Und ja, Til Schweiger nuschelt.

Aber mal ehrlich: Wieso stört das so viele? Ich finde es nämlich große Klasse, wenn eine Leinwandfigur Charaktereigenschaften hat, die sie hervorstechen lassen. Während sich in anderen Tatorten die komplette Crew damit abmüht, auch artig jedesmal „Konschtanz“ zu sagen, ganz wichtig für den Lokalkolorit nämlich, scheißt sich Til Schweiger nix. Er spielt seinen Nick Tschiller eben so, wie ein Til Schweiger einen Kommissar eben spielt. Und wenn Til Schweiger nuschelt, nuschelt eben auch Nick Tschiller.

Ganz ehrlich: Das ist mir auch tausendmal lieber so. Denn ein Film ist ein Kunstwerk. Der Zuschauer hat nicht den Anspruch, jedes gesprochene Wort kristallklar übermittelt zu bekommen. Es geht hier ja nicht um das öffentliche Verlesen eines Dekrets, sondern um Filmkunst. Gut, abgespeckt fürs TV, aber im Grunde dieselbe Angelegenheit. Denn es ist Schauspiel, was wir hier sehen, trotz Typecasting. Ein Spiel! Eine Performance! Kunst!

Was wäre denn ohne diese darstellerische Freiheit, diese Entscheidung, aus den großen Klassikern geworden? Man stelle sich einmal den Paten vor, in dem Marlon Brando nicht mühsam „Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann“ stöhnt, sondern dies ohne jegliche Einschränkung, klar und verständlich in die Kamera spricht? Eddie Murphy hätte sich doch einsalzen lassen können, wenn er seinen Beverly Hills Cop ohne diese Schnauze hätte spielen, stattdessen einfach seinen Text langsam und klar aufsagen müssen. Und überhaupt, Götz George und sein Schimanski, das war doch auch eine ziemliche Nummer in puncto deutscher Sprache. Ich sag Euch was: Eine Katastrophe wäre das.

Ich denke, nicht wenige Zuschauer haben eine gewisse Anspruchshaltung gegenüber dieser Art Kunst entwickelt. Sie fühlen sich vor den Kopf gestoßen, wenn sie die Filmhandlung aus dem Kontext entnehmen müssen, anstatt sie erklärt zu bekommen. Ein ganz ähnliches Problem ergibt sich durch bewusst fehlende Untertitel bei der Verwendung fremder Sprachen. Sicherlich sind nicht wenige von Euch schon in den Genuss eines Sitznachbarn gekommen, der sich zum Beispiel bei einem Agentenfilm, wenn ein gegnerischer Wachposten etwas in sein Funkgerät kauderwelscht, daraufhin eine Antwort bekommt, dann lacht und sich eine Zigarette anzündet, zu einem herüber beugt und fragt: „Was hat er denn jetzt gesagt? Ich hab das nicht verstanden!“. Solche Leute möchte man doch manchmal mit ihrem eigenen Popcorn ersticken, oder nicht?

Also: Lasst ihn nuscheln. Von mir aus kann Til Schweiger in seinen Filmen nuscheln, so viel er will. Solange der Film funktioniert, die Dramaturgie stimmt und man der Handlung folgen kann, kann er von mir aus auch eine chinesische Oper aufführen. Ob der Text wichtig ist, ist eine bewusste Entscheidung, die schon lange gefällt wurde, bevor die erste Klappe fällt.

PS: Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zum Tatort, und schimpfe auch oft gern darüber. Meist „live“, in Rage, auf Twitter. Es gibt so viele Kritikpunkte: Das kalte Licht, das bedeutungsschwangere Geschau (das keiner versteht, weil der jeweilige Konflikt nicht gravierend genug ist), die lahmarschigen Actionszenen (heute war definitiv eine Ausnahme), das Duden-Deutsch, die tristen Settings, die teilweise haarsträubenden Geschichten, die krampfhafte Inszenierung für genau 90 Minuten (nicht nur die Amis können das viel besser), diese schrecklichen „typisch deutschen“ Verhaltensmuster von Hauptfiguren und Nebenrollen (aber auch die vorausgesetzten Wertvorstellungen), und dann doch diese typischen Hollywood-Ansätze, in denen der Täter noch lange erklärt, was er so geplant hat, damit man ihn noch aufhalten kann, ta-daa (heute hat das Mädel diesen Max ja „without further ado“ einfach über den Haufen geknallt, das war ja fast Tarantino-esk, höchst erfrischend) – doch leider wirken diese Hollywood-Manierismen in Filmen, die sich bewusst gegen diese Tradition stellen, absolut anachronistisch (zu deutsch: Tatort-Macher, was wollt Ihr eigentlich?). Nunja, Tatort ist so eine Sache für mich.

Aber heute, da muss ich schon sagen, das war deutlich mehr Kino als TV. Respekt.