Archiv der Kategorie: Kommentar

Kommentar zu den Filmstarts vom 23. Juni 2016

Angesichts des Beginns des Münchner Filmfestes hat es das reguläre Kinoprogramm schwer. Mein Favorit ist The Neon Demon von Nicolas Winding Refn, der seine private Lust am Horror mit der Begeisterung für die geleckte Modewelt unverschämt zu einem makellosen Hochglanzkino zusammenmischt.

Die Frau mit der Kamera – Portrait der Fotografin Abisag Tülmann hat zwar viel mit dem privaten Abschied von einer besten Freundin zu tun, verliert deshalb ihre bundesrepublikanisch-historische Dimension keineswegs.

The Lobster – Eine unkonventionelle Liebesgeschichte wirft einen schrägen Blick auf den Hang des Menschen, seine Mündigkeit an der Pforte abzugeben.

Bastille Day kommt genau richtig zur EM in Frankreich und setzt noch eins drauf auf die Bedrohung durch den islamistischen Terror und Fankrawalle.

Athos, das Putin kürzlich besucht hat, kann vor allem mit der Seltenheit der Dreherlaubnis und den von-oben-Aufnahmen punkten.

Café Belgica erzählt eine Brudergechichte aus der Discobetreiberwelt, die wir nun nicht unbedingt wissen wollten, die aber zu erfahren kein Zeitverlust ist.

Filmfest München 2016

Brexit hin oder her, das Kino blüht, bunt und quirlig sind sie, die Erzählungen der Menschen.
stefe hat sich einige Filme vorab schon mal anschauen können; wobei die in der Filmkritik prinzipiell schon angelegte Ungerechtigkeit noch mal verschärft wird dadurch, dass die Auswahl der Filme teils von Zufällen, teils von der Laune abhängt. Als Nachteil kommt hinzu, dass die Filme zuhause am Bildschirm und nicht im Kino zu sichten sind. Generell hat stefe einen weiten Bogen um die deutsche Zwangsgebührenkunst gemacht, hat sich Entfernteres vorgenommen. Die Filme sind in alphabetischer Reihenfolge geordnet und mit direkten Links zu den Reviews versehen.

23 KILOMETRES
Noura Kevorkian, Libanon/Kanada
Hautnahe Betrachtung von Demenz, Rückblick auf einen Forscher, Tüftler und dessen Träume, Werk und Philosophien ergeben einen Tochter-Vater-Film, der nebenbei zeigt, dass es noch ein ziviles Leben im Libanon gibt, sogar quietschvergnügte Pfauen.
ABOUT LOVE
Anna Melikyan, Russland
In diesem TV-magazinhaften Mischmasch zum Thema Liebe ist zu erfahren, dass unterschiedliche Rassen besser keinen Sex miteinander haben; kurios ist die Eruierung der Schönheitskosten eine jungen Frau anhand ihrer Leiche.
ACTOR MARTINEZ
Mike Ott, Nathan Silver, USA
Jeder verdammte motherfucker auf der Welt hat irgendwo einen Punkt, wo man ihn ernst nehmen muss. Es geht um den harten Kampf um die Glaubwürdigkeit der Darstellung im Film.
AVALANCHE
Morteza Fashbaf, Iran
Eine mehrtägige Kaltwetterfront über Iran, eine Ärztin in der Midlifecrisis, bei der ein bisschen Rouge auf den Lippen einem Aufstand gleichkommt und ein glücklich-zufriedener Gatte, dem der Stillstand in der Ehe noch gar nicht aufgefallen ist.
BIG JATO
Cláudio Assis, Brasilien
Pubertät eines Dichters in der brasilianischen Steinfisch-Provinz, die ihm Gefängnis und quicklebendiger Nährboden zugleich ist.
BOLSCHOI BABYLON
Nick Read, Mark Franchetti, Russland/England
Die kriminalisierende Widersprüchlichkeit zwischen dem Perfektionsanspruch in der Abbildung des Lebens durch die berühmteste Ballett-Compagnie der Welt und dem Leben selber hinter der Bühne mit Säureanschlag.
CAMINO A LA PAZ
Francisco Varone, Argentinien
Ein nicht näher charakterisierter junger Mann macht auf einer touristisch und menschlich wenig ergiebigen Fahrt mit einem nierenkranken Muslim, der an der Prostata leidet, von Argentinien nach La Paz nicht unbedingt eine Wandlung durch.
CARACAS, EINE LIEBE
Lorenzo Vigas, Venezuela
Aus Aschenbach in Venedig wird Armando in Caracas und statt der Todesstory hebt eine dramatische Wandlung den Begriff „faggot“ mit Wucht aus seiner festen Vorurteilsverankerung.
CINEMA NOVO
Eryk Rocha, Brasilien
Ein Flow kostbaren Footages aus jener aufregenden Zeit, da sich das brasilianische Kino nichts vorschreiben lassen wollte, mit einer Kamera in der Hand und einer Idee im Kopf auf die Realität los ging.
CLOSET MONSTER
Stephen Dunn, Kanada
Dieses kanadische gay Coming-of-Age fällt auf durch stachelige Schnitte und einen sprechenden Hamster, der über den Erzähl-Zeitraum des Filmes ein Methusalem geworden sein muss.
DER JUNGE UND DAS BIEST
Mamoru Hosoda, Japan
Der Junge Ren aus der Menschenwelt und Kumatsetsu aus der Biesterwelt haben die schlechtest möglichen Zukunftsaussichten, raufen sich zusammen zu einem Lehrer-Schüler-Modell und werden am Schluss sogar auf das Schwert verzichten.
DIAS EXTRANOS
Juan Sebastián Quebrada, Kolumbien
Die Beat-Generation hat Kolumbien erreicht, ein lockerer Argentinier, eine feurige Kolumbianerin und eine Frau aus Uruguay haben Zeit für einander und kein Geld; und wenn sie keine Zeit für einander haben, dann knirschts vernehmlich.
DOG EAT DOG
Paul Schrader, USA
Solange es Waffen ad libitum gibt in den USA, so lange wird im Kino dem Gangster-Genre nicht beizukommen sein, selbst wenn Paul Schrader mit zusammengekniffenen Augen und mit altmeisterlicher Eleganz es mit Spott überzieht.
EL CLÁSICO
Halkawt Mustafa, Irak
Weiches Grün im Irak, ein Quad mit zwei kleinwüchsigen Männern drauf mit den Fahnen von Real Madrid und Barcelona geschmückt, begibt sich auf ein teils sehr erfundenes Roadmovie-Abenteuer.
EL DESTIERRO
Arturo Ruoiz Serrano, Spanien
Eine fein inszenierte Ménage-à-trois in abgelegenem Steinhaus in der Herrera vor dem Hintergrund des spanischen Bürgerkrieges.
EL PLACER ES MIO
Elisa Miller, Mexiko
Mateo und Rita, er will Triebbefriediung, sie ein Kind, es gibt Hühner und die Handlung ist die, dass die Zeit vergeht.
FRENZY
Emin Alper, Türkei
Hysterie schleicht bedrückend durch Istanbul.
GO HOME
Jihane Chouaib, Libanon
Rückkehr in eine frühere Heimat, in der es zwar noch die Halbruine eines Vaterhauses, aber nur schmallippige Nachbarn gibt. Hier ist kein Halt zu finden und vom Libanon gibt es auch nicht viel zu sehen.
LA CALLE DE LA AMARUGA
Arturo Ripstein, Mexiko
Zeichnet mexikanisches Elend in den eindrücklichen Bildern eines 50-er-Jahre-Kinos und kritisiert die Beherrschung der Welt durch Geld heute.
LA CIÉNAGA – ENTRE EL MAR Y LA TIERRA
Manolo Cruz, Carlos del Castillo, Kolumbien
Lichtdurchflutet: Muskelschwund-Schmerzensmann malerisch auf Matratze in Pfahlbau gelegt, ist der unerbittlichen Mutterliebe ausgeliefert.
LA VANITÉ
Lionel Baier, Schweiz
Warten auf den Tod am Genfer See in einem Motel in Route-66-Design, ohne je etwas mit einem Mann gehabt zu haben, kann das gut gehen?
LITTLE BIRD
Vladimir Beck, Russland
Voll fokussiert auf den jugendlichen Eros im Sommercamp – das Schnäbeln der Tauben auf dem Dach.
LOSERS
Ivaylo Hristov, Bulgarien
Coming-of-Age im rückständigen, in Schwarz-Weiß malerisch schön verkommenen Bulgarien, nicht ohne Selbstmitleid.
MA
Celia Rowlson-Hall, USA
Pantomime und Antibeischlafs-Performance im weiten, amerikanischen Westen nach dem Bibelspruch von der tugendhaften Frau – in Las Vegas wartet ein Baby.
MALI BLUES
Lutz Gregor, Mali/Deutschland
Stippvisite in die Musikwelt des multiethnischen Mali, das durch den Terror getrennt ist.
MA MA DER URSPRUNG DER LIEBE
Julio Medem, Spanien
In seinem dicht gewirkten Filmpoem zerpflückt Medem meisterhaft das Thema Mutterschaft, deren Gefährdung und Vergänglichkeit und wie es trotzdem weitergeht.
MATE-ME POR FAVOR
Anita Rocha da Silveira, Brasilien
Die Jugend der Satellitenvorstadt Barra von Rio in einem frisch geschmeidigen Bilderbogen von der Liebe bis zum Tod.
MR. SIX
Hu Guan, China
Das vom Kino schon x-fach durchgekaute Männer-Gen des Ehrbegriffs wird hier anfällig gegen Krebs, die Widersprüchlichkeit der Moral und den Zahn der Zeit.
MONTANHA
Joao Salaviza, Portugal
David, knapp 15, gibt dem Filmemacher den Vorwand, fühlig ruhig dieser Zeit kurz vorm ersten Mal mit einem Hauch Sentimentalität und Romantik nachzuspüren; sie wirkt wie eine gespannte Wartezeit.
MUTTER UND DIE ANDEREN SPINNER DER FAMILIE
Ibolya Fekete, Ungarn
Ungarische Lebenskunst des 20. Jahrhunderts: lass dich wie ein rohes Ei in die Luft werfen und bleibe beim Aufprall auf den Boden ganz.
NAWARA
Hala Khalil, Ägypten
Da kommt viel Druck auf: verheiratet sein mit einem Nubier in Ägypten und und aus ökonomischen Gründen die erste Nacht nicht hinter sich bringen können; das just im aufgewühlten Moment des Sturzes von Mubarak.
NUR WIR DREI GEMEINSAM
Kheiron, Frankreich
Hier spielt der Sohn den eigenen Vater, aber aus der Sicht des ehemaligen Buben, was dieser Flüchtlingsgeschichte eine ganz eigene Komik verleiht.
OFFICE
Johnnie To, Hong Kong
Büromusical kurz vor der Lehmannpleite, der Teamenthusiasmus hat Showwerte und als Sahneguss gibt es eine märchenhafte Liebesgeschichte.
OLEG Y LAS RARAS ARTES
Andrés Duque, Russland/Spanien
Hochkünstlerisches Portrait des russischen Filmkomponisten Oleg Karavajchuk; Dissonanz gibt mehr her als Harmonie.
O PREFEITO
Bruno Safadi, Brasilien
Spaßige Kunstperformance mit einem fiktiven Bürgermeister von Rio, der zwischen Vision, Halluzination und Tablettenrausch davon schwadroniert, stadtplanerisch alles besser zu machen, so ganz allgemein, bevor er sich zu seinem eigenen Gipsdenkmal transformiert.
ORESTES
Rodrigo Siqueira, Brasilien
Das Thema Rache wird im Hinblick auf den griechischen Fall „Orest“ als dem ersten Justizfall der Geschichte und vor dem Hintergrund der Militärdiktatur und auch moderner Polizeigewalt in einem Fake-Prozess mit echten Beteiligten verhandelt. Der Film belegt die hohe Kultur des Diktaturverarbeitungsgenres in Lateinamerika.
OSCURO ANIMAL
Felipe Guerrero, Amazonas
Der Dschungel ist so grün wie langsam. Die Frau ist das Opfer. Mal passiert ein Mord. Aber seine hässliche Fratze zeigt der Dschungel erst bei den rot gemalten Buchstaben ACC.
POESÍA SIN FIN
Alejandro Jodorowsky, Chile
Jodorowskys hochpoetische, filmpoetische Poetikvorlesung anhand eines autobiographisch gesponnenen Fadens.
PSYCHO RAMAN
Anurag Kashyap, Indien
Indische Variation zum Serienkillerthema unter dem Aspekt der Seelenverwandtschaft von Cop und Killer.
RALÉ
Helena Ignez, Brasilien
Copacabana Mon Amour, aber Alain Resnais sind wir nicht, wir können nicht die 60er Jahre nochmal spielen, umso mehr verlustieren wir uns an deren späten Errungenschaften, zum Beispiel der Homo-Ehe.
TE PROMETO ANARQUÍA
Julio Hernández Cordón
Bunuels „Los Olvidados“ war einmal; jetzt sind die Straßenkids von anno dunnemal in den Bluthandel und in heftige, schwule Liebe involviert.
THE BLACK HEN
Min Bahadur Bham, Nepal
International gefördertes Gugemeint-Movie – Eine Schulstunde für ein Ei.
THE FIND
Viktor Dement, Russland
Fischereiinspektor Trofims eingefahrenes Selbstbild erfährt nach einem Babyfund gehörige Erschütterungen.
THE LAND OF THE ENLIGHTENED
Pieter-Jan De Pue, Belgien/Afghanistan
Ein Belgier realisiert Traumbilder knackig-kerniger Knaben im afghanischen Grenzgebiet zu Tadschikistian, die Schmuggel und Lapis Lazuli-Abbau betreiben statt Pfadfinderspiele.
THE SHELL COLLECTOR
Yoshifumi Tsubota, Japan
Der blinde Muschelsammler auf der Hanare-Insel wird dokumentarisch eingeführt; wie ihm aber der Pazifik eine Frau an den einsamen Strand schwemmt, kennt die fiktionale Erfinderei kein Halten mehr.
THE STUDENT
Kirill Serebrennikov, Russland
Wer mit Bibelworten beschlagen ist, kann effektvoll gegen die Argumente „unkontrollierte Erektion“ und „vorübergehende, geistige Verwirrung“ anreden und seine gesamte Umwelt zur Verzweiflung bringen. Nach dem Stück „Märtyrer“ von Marius von Mayenburg.
TONI ERDMANN
Maren Ade, Deutschland/Österreich
Der Humanismus als Klumpfuß des Kapitalismus.
TRAMONTANE
Vatche Boulghourjian, Libanon
Die Beschaffung eines Passes artet für den markanten, blinden Musiker Rabih, der faszinierende Georges Dib, zu einem Thriller aus, der Suche nach der eigenen Geschichte, die aus tausend Geschichten zu bestehen scheint.
YOU CARRY ME
Ivona Juka, Kroatien
Der Krieg hat Kroatien und die Kroatier grob und chaotisch gemacht; drei Frauen schlagen unerbittlich um sich.
WEST NORTH WEST
Takuro Nakamura, Japan
Barfrau liebt Frau in Pink und die Frau mit dem Kopftuch bringt die Gefühlsbalance der beiden durcheinander, dabei sucht sie nur nach der richtigen Himmelsrichtung, wo liegt Mekka?

Kommentar zu den Filmstarts vom 9. Juni 2016

Und wieder gibt es eine ganze Reihe schöner Filme neu im Kino.

Mein Favorit ist Sky, Diane Kruger als Lieferantin jeder Menge magischer Kinomomente in einem Film, der erst wie von einer anderen Stern wirkt und den Abgründen der Liebe großes Kinoformat verleiht.

Einmal Mond und zurück: hier lässt es die raumfahrtbegeisterte Jugend krachen und probiert die Raketen schon mal am Maskottchen aus.

Erlösung: „Im dänischen Flachland gedeihen mysteriöse, grausame Serien-Verbrechen der grässlichsten Art und es schluckt sie lange, bis sie, wenn überhaupt, an den Tag kommen. “ so fängt stefes Review an; es geht um verschollene Kinder, die keinem aufgefallen sind. In bester Adler Olson-Krimimanier.

Himmelskind: Was nützt alle ärztliche Kunst gegen Darmverschlaufungen, wenn doch im Garten ein hohler Baumstamm steht? Nach einem erst kürzlich „real“ passierten Wunder.

Stolz und Vorurteil & Zombies oder Jane Austen angerichtet als filmischer Toast Hawai mit Zombies und Shaolin-Kampfkunst.

Hannas schlafende Hund: ehrenhafte Erinnerungsbemühung eines HFF-Professors, die sich leider für die schwierigst mögliche Erzählstruktur entscheidet.

Pierce Brosnan interpretiert in Professor Love als Dozent für Romantik die These „carpe diem“ als „vögle und fühle dich frei“, lavishly buttered.

Kommentar zu den Filmstarts vom 2. Juni 2016

Wieder so viele Filme neu im Kino, das ist wie ein Dauerfilmfest und auch heute sind wieder viele schöne dabei.

Mein Favorit sind die Dirty Games von Benjamin Best; vor jeder Übertragung von Sportereignissen am Fernsehen sollte künftig ein 30-Sekunden-Trailer aus diesem Film gesendet werden.

Der Moment der Wahrheit: aufregender Recherchethriller, der elektrisiert ist von der Sprengkraft eines – vermuteten – Körnchens Wahrheit im Heuhaufen der Geschichte; hätte die Beibringung eines höher gestellten „th“s einer bestimmten Schreibmaschine der Geschichte einen andern Drall geben können?

In Everybody Wants Some!! spürt Richard Linklater minutiös dem delikaten Übergang junger Männer vom College zur High-School und zum Baseball nach.

Green Room testet reichlich schön, reichlich amerikanisch und reichlich akademisch unsere Musikidologie anhand eines Horrormotives.

Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen: Auf ihrer sympathischen Suche nach der Nachhaltigkeit müssen diese französischen Idealisten ganz schön viel „fuel“ verbrannt haben.

The other side of the door: Horror auf fein Indisch, eine Mutter, die sich vom toten Kind nicht anständig verabschiedet, die kann was erleben.

Die Buben Mikro und Spirit verhüllen originell in einem romantischen, fahrbaren Holzhäuschen ihre Verpuppung von träumerischen Jungs zu konventionellen Erwachsenen.

Doktor Proktors Zeitbadewanne: Die Norweger haben ihr Pupspulver noch lange nicht verschossen und mit Zeitseife angereichert verlebendigen sie sogar amüsant Historie.

Die beiden deutschen Spielfilm-Neustarts handeln vom Schreiben und verheddern sich darin, leiden unter enormen Drehbuchschwächen – einmal mehr.
Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika: Maria Schrader inszeniert in ihrem Film viel Applaus für Stefan Zweig.
In Agnes hat Johannes Schmid mit seiner Konzentration auf Gediegenheit anstelle der Entscheidung für eine Hauptfigur das Storyneed Schachmatt gesetzt.

Ehrliches Bolzplatzkino mit Stargusto zeigen Russel Crowe und Ryan Gosling in The Nice Guys.

Whiskey Tango Foxtrot: Subalternisierung, die mit greller, sich gegenseitig anstachelnder Lache die katastrophale Lage in Afghanistan zu übertönen versucht und jede Verantwortlichkeit von sich weist.

Kommentar zu den Filmstarts vom 26. Mai 2016

Wieder so viele neue Filme. Mein Favorit ist The Whispering Star, der mit einer ungeheuren Leichtigkeit die größte Distanz zur Kleinkariertheit und zum Hickhack der Welt schafft, ohne diese zu ignorieren, ja indem er das sogar großartig einbaut und zudem einen stark dokumentarischen Blick auf Fukushima und die Folgen wirft. Einblick in die Flüchtlingsarbeit in Persien bietet Sonita, wobei die Dokumentaristin zur glücklichen Wendung der Geschichte gegen das Prinzip des Dokumentarfilms einen starken Schubs verleiht, während Urmila über das Mitleidige mit der jungen Frau, die sich in Nepal aus der Sklavschaft befreit hat, nicht hinausreicht. Hollywood-Klassenclown George Clooney beschäftig sich in Money Monster nonchalant und nicht allzu betroffen mit den Folgen mieser Finanzbetrügereien, bietet dem reingelegten Kleinanleger voodoomäßig die Chance, Rachegefühle auszuleben. Mit deutlich mehr Biss und Humor wartet zum Thema Demokratie Mein Praktikum in Kanada auf, mit einem unverdorbenen, wachen Geist aus Haiti namens Souverain. In Sing Street verschmelzen die Nostalgie nach der Musik der 80er und dem Coming of Age zu einer runden, gefühlvollen, nichtsdestotrotz präzisen Story, während Warcraft: The Beginning mit Dolby Atmos und viel Nahaufnahmen kriegerische Auseinandersetzung in uns vertrauter Ikonographie in einer Mischung aus Mittelalter und schwäbischer Fasnet in uns hineininjiziert. Bei drei weiteren, deutschen Neustarts sind überall gute Ansätze da, aber es hapert an allen Ecken und Enden, vor allem bei den Büchern, da sollten sich die Highpotentials doch besser aufschlauen, bevor sie zu drehen anfangen: Ente gut! fasziniert zwar mit seinen beiden bildhübschen Vietnamesen-Girlies, leidet aber leidet enorm unter der fernsehredaktionellen Vorgabe, ein besonderer Kinderfilm sein zu sollen, Outside the Box ist nach einer gelungenen Exposition restlos von sich begeistert und glaubt, damit auf die weitere Ausarbeitung verzichten zu können und Der Nachtmahr schafft es erst ganz am Schluss, eine Beziehung zwischen dem Teenage-Girl und dem schnuckeligen Trickwesen herzustellen.

Anmerkung für die Leser zu den heutigen Reviews

Heute fängt das Filmfest München an. Einige der Filme aus dem Programm des Filmfestes habe ich schon vorab an regulären Pressevorführungen sehen können. Das ist jetzt etwas viel geworden und da auch noch Programmwechsel in den Kinos ist, kommt noch mehr hinzu; deshalb hier eine kurze Übersicht über die neuen Reviews, die Titel sind weder in alphabetischer noch in gewichtender Reihenfolge, diese ist arbeitstechnisch bedingt, so sieht es beim Runterscrollen aus:

Filmfest München:
Das Märchen der Märchen – Il Racconto dei Racconti
Broadway Therapy
Learning to drive – Fahrstunden fürs Leben
Den Menschen so fern – Loin des hommes
Heil
Der kleine Rabe Socke 2 – Das große Rennen
Slow West
Escobar Paradise Lost
Coconut Hero
Boy 7
Becks letzter Sommer
Amy
Men & Chicken
Ooops! Die Arche ist weg
Die Liebe seines Lebens – the Railway Man

Reguläres Kinoprogramm:
Atlantic
Ted 2
Dior und Ich
Underdog – White God Feher Isten
Freistatt
Täterätää! – Die Kirche bleibt im Dorf 2

stefe

Nuscheln gehört zum Handwerk

Mit Willkommen in Hamburg gab Til Schweiger soeben seinen Einstand als Tatort-Kommissar. Man mag über die meines Erachtens stark schwankende Qualität der Tatorte geteilter Meinung sein, oder auch darüber, ob es nun eher ein Karrieresprung oder das Karriereende bedeutet, wenn man dort „Tenure“ erhält – quasi ein Grundeinkommen für Medienschaffende. Aber das ist mir persönlich heute egal.

Was mir im Vorfeld der Ausstrahlung aufgefallen ist: Es gab jede Menge Häme über Til Schweigers Nuscheln. So auch bei Sheng-fui:

Man mag von Til Schweiger halten, was man will. Aber der Mann ist eine Type. Sein Kommissar ist das, was man als typecast bezeichnet: Ein Schauspieler, der von seinem eigenen Wesen her besonders gut zur Rolle passt. Das ist eine nicht unübliche Methode, um passende Leute für Rollen zu finden. Doch während man hier beispielsweise für ein schüchternes Krischperl grundsätzlich Christian Ulmen zu besetzen scheint, würde sich in Hollywood auch ein Tom Cruise oder ein Gerard Butler in so eine Rolle zu finden suchen.

Und nun hat man Til Schweiger, vom Typ her schon immer der gutaussehende Typ, der eher mit dem Kopf durch die Wand geht, anstatt mal innezuhalten und eine Taktik auszutüfteln, eben für den Tatort besetzt. Und ja, Til Schweiger nuschelt.

Aber mal ehrlich: Wieso stört das so viele? Ich finde es nämlich große Klasse, wenn eine Leinwandfigur Charaktereigenschaften hat, die sie hervorstechen lassen. Während sich in anderen Tatorten die komplette Crew damit abmüht, auch artig jedesmal „Konschtanz“ zu sagen, ganz wichtig für den Lokalkolorit nämlich, scheißt sich Til Schweiger nix. Er spielt seinen Nick Tschiller eben so, wie ein Til Schweiger einen Kommissar eben spielt. Und wenn Til Schweiger nuschelt, nuschelt eben auch Nick Tschiller.

Ganz ehrlich: Das ist mir auch tausendmal lieber so. Denn ein Film ist ein Kunstwerk. Der Zuschauer hat nicht den Anspruch, jedes gesprochene Wort kristallklar übermittelt zu bekommen. Es geht hier ja nicht um das öffentliche Verlesen eines Dekrets, sondern um Filmkunst. Gut, abgespeckt fürs TV, aber im Grunde dieselbe Angelegenheit. Denn es ist Schauspiel, was wir hier sehen, trotz Typecasting. Ein Spiel! Eine Performance! Kunst!

Was wäre denn ohne diese darstellerische Freiheit, diese Entscheidung, aus den großen Klassikern geworden? Man stelle sich einmal den Paten vor, in dem Marlon Brando nicht mühsam „Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann“ stöhnt, sondern dies ohne jegliche Einschränkung, klar und verständlich in die Kamera spricht? Eddie Murphy hätte sich doch einsalzen lassen können, wenn er seinen Beverly Hills Cop ohne diese Schnauze hätte spielen, stattdessen einfach seinen Text langsam und klar aufsagen müssen. Und überhaupt, Götz George und sein Schimanski, das war doch auch eine ziemliche Nummer in puncto deutscher Sprache. Ich sag Euch was: Eine Katastrophe wäre das.

Ich denke, nicht wenige Zuschauer haben eine gewisse Anspruchshaltung gegenüber dieser Art Kunst entwickelt. Sie fühlen sich vor den Kopf gestoßen, wenn sie die Filmhandlung aus dem Kontext entnehmen müssen, anstatt sie erklärt zu bekommen. Ein ganz ähnliches Problem ergibt sich durch bewusst fehlende Untertitel bei der Verwendung fremder Sprachen. Sicherlich sind nicht wenige von Euch schon in den Genuss eines Sitznachbarn gekommen, der sich zum Beispiel bei einem Agentenfilm, wenn ein gegnerischer Wachposten etwas in sein Funkgerät kauderwelscht, daraufhin eine Antwort bekommt, dann lacht und sich eine Zigarette anzündet, zu einem herüber beugt und fragt: „Was hat er denn jetzt gesagt? Ich hab das nicht verstanden!“. Solche Leute möchte man doch manchmal mit ihrem eigenen Popcorn ersticken, oder nicht?

Also: Lasst ihn nuscheln. Von mir aus kann Til Schweiger in seinen Filmen nuscheln, so viel er will. Solange der Film funktioniert, die Dramaturgie stimmt und man der Handlung folgen kann, kann er von mir aus auch eine chinesische Oper aufführen. Ob der Text wichtig ist, ist eine bewusste Entscheidung, die schon lange gefällt wurde, bevor die erste Klappe fällt.

PS: Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zum Tatort, und schimpfe auch oft gern darüber. Meist „live“, in Rage, auf Twitter. Es gibt so viele Kritikpunkte: Das kalte Licht, das bedeutungsschwangere Geschau (das keiner versteht, weil der jeweilige Konflikt nicht gravierend genug ist), die lahmarschigen Actionszenen (heute war definitiv eine Ausnahme), das Duden-Deutsch, die tristen Settings, die teilweise haarsträubenden Geschichten, die krampfhafte Inszenierung für genau 90 Minuten (nicht nur die Amis können das viel besser), diese schrecklichen „typisch deutschen“ Verhaltensmuster von Hauptfiguren und Nebenrollen (aber auch die vorausgesetzten Wertvorstellungen), und dann doch diese typischen Hollywood-Ansätze, in denen der Täter noch lange erklärt, was er so geplant hat, damit man ihn noch aufhalten kann, ta-daa (heute hat das Mädel diesen Max ja „without further ado“ einfach über den Haufen geknallt, das war ja fast Tarantino-esk, höchst erfrischend) – doch leider wirken diese Hollywood-Manierismen in Filmen, die sich bewusst gegen diese Tradition stellen, absolut anachronistisch (zu deutsch: Tatort-Macher, was wollt Ihr eigentlich?). Nunja, Tatort ist so eine Sache für mich.

Aber heute, da muss ich schon sagen, das war deutlich mehr Kino als TV. Respekt.

Ein Kommentar zu Skyfall

Was zu diesem Bond nicht alles von den Kollegen geschrieben wurde! 50 Jahre James Bond! Der 23. Spielfilm mit dem unglaublichen Agenten! Neue Bond-Girls! Die Musik von Adele! Der Wahnsinn!

Es ist ganz einfach: Wer Bond-Fan ist, wird ihn sich ansehen. Wer immer noch keiner ist, eben nicht. Selber schuld. Ich denke nicht, dass es viele Leute da draußen gibt, die von einer Kritik abhängig machen, ob sie den Film sehen wollen. Und ich denke, dass es jede Menge Leute gibt, die sich Skyfall anschauen werden.

Ich persönlich fand ihn ganz wunderbar, erfrischend anders, endlich mal ein menschlicher, fehlerbehafteter Agent! Auch muss nicht mehr die ganze Welt gerettet werden, sondern die Handlung dreht sich um einen relativ kleinen Konflikt in genau dem Milieu, für das man Agenten braucht. Also keine geheimen Raketenabschussbasen in erloschenen Vulkanen, keine Unterwasserzentralen von Bösewichten, und auch keine unsichtbaren Autos im ewigen Eis. Viel besser, und daher viel packender!

Bond ist zu seinen Wurzeln zurückgekehrt – nicht nur dadurch, dass es herrlich menschelt in Skyfall, sondern auch durch Twists und Anspielungen, wie sie noch schöner kaum hätten inszeniert werden können. Javier Bardem gibt einen tollen Gegner, genau richtig. An Goldfinger, Dr. No oder Ernst Stavro Blofeld kommt er natürlich nicht heran, so viel sei den sonntagabendlichen Prägungen aus der Kindheit am Sonntag Abend vor dem Fernseher geschuldet, aber schwer beeindruckend ist sein Auftritt ebenso wie der Hintergrund seiner Figur. Welcher, wird natürlich nicht verraten. Auch die Handlung nenne ich hier nicht – ins Kino locken muss ich hier niemanden mehr, und jedes Wort wäre zuviel gesagt.

Wer jetzt noch „in Style“ im Kino auflaufen will, der sollte sich auch ein entsprechendes Outfit zulegen. Und mal ehrlich, wer wäre nicht gerne so gut gekleidet wie James Bond persönlich? Auf die Idee sind auch andere gekommen, so entdeckte ich jüngst dieses Schaufenster in der Münchner Innenstadt:

Ohne viel Gelatsche kann man sich sein Outfit zum Beispiel auch bei Zalando zusammenstellen. In der Herrenausstatter-Abteilung gibt es neben passenden Anzügen auch Krawatten, Uhren und sogar Manschettenknöpfe. Das nenne ich mal geschickt eingefädelt!

Wikileaks, oder: Who you gonna call?

Nun gibt es also diese sogenannte „Enthüllungsplattform“ Wikileaks im Netz, und sie stellt sich nach und nach als Nest unbequemer Troublemaker heraus. Dieser Gründer und Chef, Julian Assange, wurde wegen mehrfacher Vergewaltigung per internationalem Haftbefehl gesucht, nun ist er also eingeknickt und hat sich am 7. Dezember in London gestellt. Währenddessen spritzt die Webseite, zwischenzeitlich mehrfach von Hackern attakiert, dann abgeschaltet und mittlerweile auf viele Spiegelserver verteilt, weiter Gift und Galle, wie eine Hydra, der man einen Kopf abgeschlagen hat (1). Es ist eine Katastrophe, die Katze ist aus dem Sack, die Büchse der Pandora geöffnet. Wo soll das nur enden, wenn nichtmal mehr Staatsgeheimnisse sicher sind?

So zumindest der Tenor des Mannes auf der Straße. Neulich haben sich ein paar Kollegen und ich nach einer Pressevorführung über Wikileaks unterhalten, deren Übereinkunft war, dass Wikileaks grundsätzlich eine gute Idee sei, aber dass die kürzliche Veröffentlichung von Botschaftsdepeschen (im Gegensatz zur Veröffentlichung von Kriegsverbrechen von vor einiger Zeit) ein dummer Fehler war, denn beleidigende Depeschen nützen nicht und schaden nur.

Doch lasst uns zuerst einmal die Ausgangssituation beleuchten: Vereinfacht gesagt teilt sich die Bevölkerung des Planeten aus rein organisatorischen Gründen schon seit immer in Gruppen auf. Diese Gruppen bestehen nicht zwangsweise aus nationalen Zugehörigkeiten, sondern sind oft genug Interessengemeinschaften. Diese mögen sich über Landesgrenzen hinweg bilden (wie Großkonzerne oder „die Oberschicht“), oder von Landesgrenzen umschlossen werden (wie z.B. die Hartz IV-Empfänger), sie können verschwindend klein sein (wie die Stammkunden einer gewissen Kneipe) oder auch riesengroß (wie die regelmäßigen Zuschauer der Tagesschau). Auf jeden Fall fällt jeder Mensch in eine Vielzahl von Interessengemeinschaften, vom Brokkoli-Verachter bis zum Linkshänder, ob er will oder nicht, und vor allem oft, ohne dass er sich dessen bewusst ist. In diesen Gruppen bringt er sich mehr oder weniger intensiv ein, das Engagement reicht von völlig passiv (Sauerstoffatmer) bis euphorisch (Grundeinkommensbefürworter). (Interessant dazu übrigens: Transnational Republic)

Nun liegt es in der Natur des Menschen, sich innerhalb der einzelnen Gruppen Konkurrenz zu machen, sich überbieten zu wollen. Die Angler wetteifern um den größten Fisch, die Sportler um die beste Zeit, die Schnäppchenjäger um das beste Angebot, die Filmjournalisten um das beste Fachwissen und die Brünftigen um die meisten Kerben am Bettpfosten. Jeder will am stärksten glänzen, obwohl das für den Forbestand der Menschheit eigentlich nicht nötig ist: Der Zweck des Angelns ist das Stillen von Hunger, beim Weglaufen fressen nur den letzten die Wölfe, kein Schnäppchenjäger muss nackt herumlaufen und so weiter. Wozu also die Anstrengung? Im Gegensatz zum Rest der Erdbewohner haben wir ein wirklich großes Gehirn, ein ausgeprägtes Bewusstsein und vor allem die Fähigkeit, die Konsequenzen unseres Tuns abzuschätzen, woraus sich in unserem Tun ein Pfad der Vernunft. Warum nutzen wir dies nicht stärker?

Inhärentes Merkmal allen Übervorteilens anderer ist das Geheimnis. Egal, welcher Gruppe man zugehört. Geheimnisse sind stets Herrschaftswissen, kriegswichtig, Chefsache und daher immer zu hüten wie der eigene Augapfel. Geheimnisverräter galten schon immer als Abschaum des Abschaums, das ist so gut wie jedem Menschen in Fleisch und Blut.

Doch mit Geheimnissen wird auch immer ein großes Geschäft gemacht. Die Coca-Cola-Formel ist so ein Geheimnis, das natürlich nicht verraten werden kann, wo kämen wir denn hin, wenn jeder Coca-Cola herstellen könnte? Bombenbauanleitungen ins Internet zu stellen ist auch so eine infame Sache, solches Wissen darf doch nicht frei verfügbar sein! Und wenn die Deutschen den Transrapid erfinden, dann hat China den nicht nachzubauen, weil, das ist fei unfair.

Auf Geheimnissen basiert der Weltfriede! Gäbe es nicht den heißen Draht zwischen Washington und Moskau (oder hieß es das rote Telefon?), wäre bestimmt schon die halbe Welt in die Luft geflogen. Diplomatische Geheimnisse sind unantastbar, denn sie sind für erfolgreiches Mauscheln und Taktieren absolut nötig. Man kann nicht den Außenminister eines befreundeten Landes einen unfähigen Deppen schimpfen und eine Woche später in irgendwelche Verhandlungen gehen und so tun, als wäre alles eitel Sonnenschein.

Natülrich geht das nicht. Geheimnisverrat ist völlig kontraproduktiv für unsere Gesellschaft. Geheimnisverrat untergräbt die Fundamente der Welt, die wir uns aufgebaut haben, und die auch wunderbar funktioniert. Verräter von Staatsgeheimnissen gehören verurteilt, weggesperrt oder gleich unauffällig beseitigt.

Nur: Stimmt das auch? Ist unsere Gesellschaft richtig so, wie sie ist? Führen wir unsere Welt auf eine gute Weise? Ist das alles okay, was wir hier veranstalten? Funktioniert alles wirklich so wunderbar?

Aha, denkt man jetzt, das ist es nicht, es gibt Verbesserungsbedarf. Verklappung von Müll in den Weltmeeren, das muss natürlich ans Licht gezerrt werden. Ebenso wie Kriegsverbrechen der USA im Irak. Oder auch perverse Abfindungen für unfähige Pleitebanker und andere schlagzeilenwürdige, leicht verständliche Stoffe. Aber was wichtige Politiker von anderen wichtigen Politikern halten, das ist natürlich Geheimsache, wenn das veröffentlicht würde, wäre das kontraproduktiv.

Nur: Wer bewacht die Wächter? Wer sollte entscheiden, was veröffentlicht werden darf und was nicht? Und in wessen Interesse? Mit welchen Folgen? Nichts geringeres als die Meinungsfreiheit steht gerade auf dem Spiel. (2, 3, 4, 5)

Wikileaks tut das einzig Richtige: Sie veröffentlichen alles. Sie zensieren nicht selbst und stellen sich daher früher oder später, gewollt oder ungewollt, auf die eine oder andere Seite. Und Junge, fliegt denen gerade all das um die Ohren. When the fit hits the shan, sozusagen. Allerdings, das muss man zugestehen, sichtet Wikileaks das eingereichte Material, sonst wäre ja alles voller UFO-Sichtungen.

Sicher kann das pauschale Veröffentlichen von allem auch falsch sein, zum Beispiel bei Identitäten von aktiven Geheimagenten. Doch wie eingangs schon erwähnt: Die Katze ist aus dem Sack, und Wikileaks ist eine Institution geworden. Das Rad der Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen, und selbst wenn Wikileaks dichtgemacht werden sollte (wie soll das gehen?), wird es andere Portale geben, die dasselbe bieten (6). Es geht um die Idee, und Ideen, deren Zeit gekommen ist, sind bekanntlich nicht aufzuhalten.

Die große Aufgabe für die Menschheit besteht nun darin, sich diesen neuen Gegebenheiten anzupassen. In einer Zeit, in der es möglich ist, in zwei Tagen jeden Punkt der Erde zu erreichen; in der es möglich ist, sofort und ich Echtzeit mit so gut wie jedem anderen Menschen der Welt zu kommunizieren, werden Geheimnisse Luxus werden. Und ich persönlich halte das für gut, denn es steht weit weniger Schaden als Nutzen zu erwarten.

Die Angstschürerei gegen den Geheimnisverrat läuft in allen Medien auf Hochtouren. Was, wenn medizinische Daten online einsehbar sind? Riesenpanik in der Bevölkerung. Doch mal ehrlich, wer interessiert sich schon für die Krampfadern von Oma Müller? Die Versicherung? Dann sollten wir eher mal die Gesetzgebung unter die Lupe nehmen, die es Versicherungen erlaubt, Leute aufgrund von Vorerkrankungen abzulehnen, als den Geheimnisverrat von Oma Müllers Krampfadern zu ahnden, finde ich. Die Gesellschaft muss sich den neuen Umständen anpassen, nicht die Umstände der Gesellschaft. Denn die Gesellschaft, zumindest der Teil mit politischem Einfluss, möchte natürlich nichts ändern an den vielen kleinen Tricks und Kniffen, die es ihm über die Jahrhunderte ermöglichten, reich, satt und fett zu werden, während der Rest es gar nicht schaffen kann, sich aus den Kreditschulden zu buckeln. Nein, Geheimnisverrat ist richtig und wichtig, nur her mit der neuen Offenheit.

Dies ist unser aller Planet, und ich wage zu bezweifeln, dass der afghanische Ackerbauer eine Gefahr für mich darstellt, die am Hindukusch verteidigt werden muss. Könnten wir, das Volk, solche Themen direkt mit ihm und den Seinen ausbaldowern, müssten unsere Politiker nicht gegenüber seinen Politikern mit den Ärmeln rauschen und jede Menge große Gesten und noch größere Missverständnisse und Gesichts-Wahr-Aktionen starten. Das Tolle ist: Wir können. Über das Internet und wenn es sein muss, sogar über das Telefon. Fragt mich nicht, wie, aber es ist doch offensichtlich, dass es wenigstens eine bessere Lösung geben muss als schwarz-gelb. Wir müssen sie nur finden.

Ich hoffe, dass Wikileaks weiter so macht, und in zwanzig Jahren wird auch der Letzte verstanden haben, dass Geheimnisse ganz generell keine gute Grundlage für ein friedvolles Zusammenleben sind.

Nachtrag: Ach ja, und das mit der Vergewaltigung… Naja… Da gibt es auch andere Versionen. Auch sind die gesellschaftlichen Umwälzungen mittlerweile auch an der Oberfläche zu erkennen, wie dieses und dieses Beispiel zeigt. Michael Moore sieht es übrigens ähnlich.

Und so ganz unwichtig waren die Botschaftsdepeschen wohl doch nicht: