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Projekt Ballhausplatz. Aufstieg und Fall des Sebastian Kurz (DOK.fest München 2024)

Märchenprinz

Das scheint ein mögliche Interpretation dieser märchen- und thrillerhaften Dokumentation von Kurt Langbein zu sein, dass das Volk Märchen und Märchenprinzen will, dass es zu leicht glaubt, dass die Macht neue Kleider trägt.

Dass aber in Österreich doch noch genug demokratischer Geist vorhanden ist, und es auffliegt, dass das Märchen gar kein Märchen, der Prinz gar kein Prinz sondern lediglich ein durchtriebenes Jüngelchen sei, das berichtet der Film auch.

Der Film kommentiert sein eigenes Vorhaben, Aufstieg und Fall des Sebastian Kurz zu erzählen, mit einer hübsch dazwischenmontierten Geschichte von machtvoller Präsentation und Schritt für Schritt des Auseinandernehmens eines schwarzen Hammers (Aufschneiderauto); der liegt am Schluss in Einzelteilen in einer Garage, während der Protagonist des Filmes an einer Massenbergwanderung teilnnimmt und vermutlich auf eine Art des Comebacks sinnieren dürfte.

Mit dem Hammer fängt Kurzens raketenhafter politischer Aufstieg 2010 an. Man muss sich was einfallen lassen, wenn man auffallen will. Er nutzt so ein bulliges Auto für Fotosessions mit hübschen Frauen und zur Demonstration des Begriffes „geiles Mobil“. Nicht unbedingt seriös, aber es verfängt, es verfing.

Man kann nur staunen, wie dieser junge Mann mit stets akkurat nach hinten gekämmtem Haar wie aus dem Nichts heraus Staatssekretär wird und bevor man das realisiert hat, schon Außenminister ist und kurz darauf sich das Kanzleramt angelt; wer möchte Österreich nicht neu denken oder zurück an die Spitze führen (aber doch nicht so!).

Der Film dröselt nach und nach auf, wie diese Karriere Folge systematischer Hinter-den-Kulissen-Arbeit war und vor allem, dass diese weit über das hinausgeht, was vermutlich selbstverständliches politisches Netzwerken ist.

Das Systematische illustriert der Film kommentierend auch gerne mit der Einblendung mechanischer Vorgänge wie des Druckens einer Zeitung oder des Herstellens von Stacheldraht zur problematischen Grenzsicherung.

Eine weitere Infoebene schafft der Film mit den Inserts von SMS-Diskussionen zwischen dem Protagonisten und seinen engsten Vertrauten, mit teils schonungloser Begrifflichkeit, die unverbrämter Machtgier entspringt.

Selbstverständlich gibt es über eine Person, die im Jahre 2010 anfängt, so richtig ins Licht der Öffentlichkeit zu treten, genügend Archivmaterial, das hier zu einem unterhaltsam, informativen Mix zusammenmontiert wurde. Es entsteht so das Bild eines skrupellosen Populisten, die Begegnungen mit Trump oder Putin machen einen direkt schaudern. Die Liste der Namen derjenigen, die am Aufstieg des Bürschchens mitgebastelt haben, und die es ablehnten, sich dazu in diesem Film zu äußern, ist lang.

Of Caravan and the Dogs (DOK.fest München 2024)

Under Russian law a person or institution which receives „support“ or is under „influence“ from outside Russia

Ein Trauerspiel

Extremisten werden sie genannt, ausländische Agenten, wer immer sich in Russland vor und während des Ukrainekrieges noch eine freie Meinungsäußerung zu diesem Thema erlaubt.

Russische Zeitungen oder NGOs (Novaya Gazeta, dann Memorial) können Nobelpreise gewinnen, im Land selber werden sie nur noch mehr verfolgt.

Der Hund bellt, aber die Karawane geht weiter und der Dokumentarist Askold Kurov hält drauf. Er ordnet seine Dokustrecke chronologisch, fängt nach der Nobelpreisverleihung an Novaya Gazeta 126 Tage vor dem Krieg an, gemeint ist der Überfall auf die Ukraine, und fährt fort bis zur erneuten Nobelpreisverleihung, diesmal an die NGO Memorial.

Es ist der deprimierende Bericht eines Niederganges, des Niederganges des Atems der Demokratie, der Freien Meinungsäußerung und der Bewahrung der Erinnerung.

Parallel zum Überfall auf die Ukraine werden fast im Tagestakt neuen Gesetze zur Unterdrückung der freien Meinungsäußerung durch das abnickende Parlament geschleust. Journalisten wissen bald nicht mehr, was sie überhaupt noch schreiben dürfen, alles ist verboten, was auch nur irgendwie an den Krieg erinnert.

Plötzlich soll alles Propaganda fremder Mächte sein und jeder, der sie verbreitet, ist deren Agent. Die Bestrafungen sind horrend. Die Frage, die sich jedes Medium, jede NGO stellt, ist die, weitermachen oder dichtmachen, bleiben oder ab ins Exil? Über eine nur knappe Übergangszeit versuchen es einige noch.

Askold Kurov ist nah dran bei diesen Vorgängen bei der Novaya Gazeta, bei Rain TV, Radio Echo of Moscow, bei Memorial.

Im Abspann sind viele Mitwirkende mit Anonymus genannt. Sie kämen wohl nicht ungeschoren davon, wenn ihre echten Namen in diesem Film genannt würden. Die Hoffnung bei der Schließung der Medien ist die, dass es nicht lange dauert. Inzwischen ist allerdings der Ukraine-Krieg im dritten Jahr angelangt, ein Ende ist nicht in Sicht, die Zerstörung und die Blutbäder dauern fort. Man fragt sich, wie lange ein Land wie Russland so ein Terrorregime überhaupt noch aushalten kann.

Made in Ehtiopia (DOK.fest München 2024)

Das große Industrialisierungsrad

in Afrika drehen die Chinesen wie im Dukem-Industriepark in Äthiopien. Das Symbol dafür ist Direktorin Ma, man könnte den Film fast ein Porträt dieser chinokapitalistischen Persönlichkeit nennen. Sie ist eine faszinierende Figur mit geballter Körperlichkeit zwischen locker und angespannt, mit unverbesserlichem Optimismus, mit keiner Berühungsangst vor Gegnern und nicht beschwert mit Gründeleien und Bedenkenträgerei.

Teil 1 des Industrieparkes vor den Toren von Addis Abeba steht schon und arbeitet auf Hochtouren in dieser Doku von Xinyan Yu und Max Duncan. 20′ 000 Fabrikabeiterinnen und Fabrikarbeiter lassen sich hier ausbeuten; es gibt keinen Mindestlohn; frühkapitalistische Erscheinungen. Hopp, hopp, sie sollen 5′ 000 Paar Jeans am Tag schaffen statt nur 3′ 000.

Aber es gibt auch die Probleme solch schneller Industrialisierung. Die Äthiopier haben eine andere Arbeitsauffassung als die Chinesen. Im Umgang mit Fehlern sind sie nicht so streng. Die Chinesen wiederum machen kurzen Prozess mit unzuverlässigen Leuten, hier wird schnell gefeuert, denn Tausende drängeln sich um die Jobs. Erzkapitalismus pur.

Der Film zeigt nicht nur, wie die Chinesen Afrika industrialisieren, er zeigt generell ein Beispiel für rücksichtslosen Kapitalismus, der sich rühmt, Arbeitsplätze zu schaffen. Wenn man vorher gerade den Film über die zunehmende Zensur in Russland gesehen hat, so atmet man richtig auf, wie hier das Dokuteam doch offenbar guten Zugang zu den Fabriken, in die Chef- und Konferenzetagen, in den Direktionswagen, aber auch zu den benachbarten Bauern hat, die ihr Ackerland für Phase II des Industrieparkes zur Verfügung stellen sollen.

Den Bauern wurde Ersatzland versprochen. Aber auch hier scheint sich eine unselige Geschichte der Industrialisierung zu wiederholen, versprochen und nie gehalten, obwohl die Chinesen die entsprechende Anzahlung schon geleistet hatten.

Der Film ist also auch ein Bericht über dieses ewige Konfliktpotential und die offenbar unervermeidliche Wiederholung dieser Konflikte. Zudem einer der Filme, die von Covid erwischt worden sind. Hier kann eine der Fabriken immerhin schnell auf die Produktion von Masken umstellen.

Let the Canary Sing (DOK.fest München 2024)

Man muss sie nur lassen,

ganz stimmt der Satz über Cindy Lauper nicht, insofern als sie gemacht hat, was sie wollte in ihren ersten Zeiten und zwar so sehr, sich so sehr in Vorbildsängerinnen versetzt hat, dass sie plötzlich keine Stimme mehr hatte.

Da kommt bei den Talking Heads eine Gesangslehrerin ins Spiel, die sich solche Imitatstimmen von ihr angehört hat und daraus schließt, wenn sie als andere Sängerin schon so stark sei, was muss da erst sein, wenn sie wirklich so singt, wie sie ist.

Der Prozess zur ureigenen Stimme dauert vielleicht ein Jahr. Das reicht aber nicht. Es müssen auch die richtigen Songs her, die richtigen Produzenten, eins ergibt das andere, so erzählt es zumindest dieser fluffige (ich weiß nicht, wie ich auf diesen Ausdruck komme) Film von Alison Ellwood.

Und dann muss auch ein Song her, der stimmig ist; das wird vielleicht erst der Fall, wenn sie selber auch textet. Der Film erinnert den abenteuerlichen Prozess bis zu „Girls just want to have fun“ und dass der Song auch nicht gleich geknallt hat. Dazu hat sich die quirlige Sängerin, die stets meint, was sie singt, die ausgefallene PR-Idee mit einem Wrestler einfallen lassen.

Eins fügt sich zum anderen. Den Wrestler kannte sie schon von einem Werbespot, den sie mit ihrer Mutter gedreht hat und bei dem der Wrestler den Vater spielte. Stufen nach oben. Bis zum Grammy.

Es ist eine durch und durch stylishe Doku. Gestylt ist sowieso, auch dafür gibt es eine Begründung, die Protagonistin selber. Die ersten Anregungen bekommt sie in der bunten Welt von Brooklyn, die referiert der Film fast wie eine Modechronik. Auch als Kind wird sie zuhause adrett modisch eingekleidet. Die Talking Heads machen ebefalls stylish gute Facon, fügen sich in den Augenschmaus von Archivmontage mit Highlights aus Musikvideos.

Cindy Laupers Song von den Girls, die fun haben wollen, hat überlebt, der Titel steht auf Transparenten von heutigen Frauendemos gegen das Abtreibungsverbot.

Joana Mallwitz – Momentum (DOK.fest München 2024)

Die Dirigentin, der die Orchester vertrauen –
Konfiserie-Kino

Joana Mallwitz weiß sehr wohl, was an Abgründigkeiten möglich ist im Orchester-Business, dass ein Orchester einen Dirigenten auflaufen lassen kann, wenn es will, aber keine Bange, der Film von Günter Atteln über die wunderbare Dirigentin suhlt sich nicht in kulturellem Abgrund-Tourismus wie der Spielfilm Tar mit Cate Blanchett.

Joana Mallwitz weiß auch, dass es in ihrem Job auf Vertrauen ankommt und auf Teamwork und sie versteht es, durch ihre unbedingte Hingabe an das Werk, dieses Vertrauen zu gewinnen.

Wie sehr sie auf die Musik und nicht auf das Drumherum fixiert ist, zeigen verschiedene Szenen.

Den bayerischen Ministerpräsidenten grüßt sie zwar kurz, lässt ihn aber gleich wieder stehen, hat nicht mal Zeit auch nur für einen Small-Talk-Satz, weil sie sich konzentrieren muss auf das bevorstehende Dirigat.

Die Einladung ins Schloss Bellvue für eine Ehrung kann sie nicht annehmen, weil sie Generalprobe woanders hat und wegen der Unzuverlässigkeit der Bundesbahn diese Reise nicht riskieren kann; sie kann ihre Musiker nicht hängen lassen.

Richtig lustig kommt die Szene rüber mit dieser Frau, die von sich selber sagt, dass sie keine Witze mache, wie ihr Igor Levitt von den „Riders“ erzählt, das sind Listen mit Wünschen, die die Künstler abgeben können, welche Annehmlichkeiten sie in der Garderobe vorfinden wollen; welche Teesorte genau und wie kalt welche Trauben zu sein hätten; da fällt sie echt aus allen Wolken.

So ist auch verständlich, dass sie die chronischen Fragen nerven, wie sich das anfühle, als einzige Dirigentin in Berlin zu arbeiten oder wie sie Job und Familie mit Kind vereinbare. Teamwork ist ihre einzige, fast verlegene Antwort. Und dass sie die feministische Frage irritiert, dass sie sie gar nicht versteht, tut sie auch kund. Sie mache nur ihren Job und das sei genügend Arbeit.

Der Film ist eine generöse Hommage an die ungewöhnliche Musikerin und gut bestückt mit Musikausschnitten aus Konzerten und Opernaufführungen und mit einem Mahlerfinale, mit dem sie Berlin im Sturm erobert und enthusiasmiert.

Bei all dem zunehmendem Stress dieser Karriere finden sich immer wieder Momente, wo sie über sich, die Musik, ihren Weg sympathisch erzählen kann oder wo der Dokumentarist in ihr Familienleben hineingucken darf genauso wie bei Proben und hinter die Kulissen bei Auftritten. Schade findet sie, dass sie keine Zeit für Vor- und Nachfreude nach Konzerten habe.

Sympathisch macht sie auch, wie vorbehaltlos sie die Arbeit der Komponisten bewundert, wie sie einmal vor einer komplexen Partitur sitzt und versucht, den Komponierprozess nachzuvollziehen; wo doch schon das Dirigieren kompliziert genug sei.

Im Land der Wölfe (DOK.fest München 2024)

Entnehmen oder nicht entnehmen,

das ist hier die Frage in amtlicher Umschreibung für „Töten oder nicht töten“ des Wolfes, um den es in dieser Dokumentation von Ralf Bücheler geht in der Art eines lebendig gemachten Arbeitspapieres, wenn man so will, eben nicht papieren, sondern die verschiedenen Aspekte in TV-affiner Verzopfmanier und anregend präsentiert.

Frappierend ist, wie schnell die Wolfspopulation in Deutschland wächst, da ein Rudel je nur eine Familie ist und der Nachwuchs, sobald der nächste Nachwuchs kommt, seiner eigenen Wege gehen muss, das heißt: umherstreifen und in einem noch wolfsfreien Gebiet selber ein Rudel gründen. Da ist es nur logisch, dass mit der steigenden Zahl der Wölfe auch die Konflikte mehr werden. Und ebenso die Begegnungen.

Der Dokumentarist hat einige teils in den Medien bekannt gewordene und auf Video aufgenommene Begegnungen für seinen Film organisieren können. Er hat aber auch Footage, das Wölfe in Sichtweite von Menschen zeigt, ohne dass diese jene wahrnehmen würden. Wie denn ein wichtiger Strang der Dokuerzählung das Material aus Wildkameras ist, besonders nachts sieht es gespenstisch aus, alles nur Schwarz und Grau und die weiß leuchtenden Augen von Wölfen, Hirschen, Dachsen, Wildschweinen.

Weitere Elemente des Filmes sind Ausschnitte aus einer Anhörung zum Thema Wolfsmanagement und Wolfsmonitoring im Bundestag, die Systematik der Untersuchung von toten, vor allem überfahrenen Wölfen in einem spezialisierten Institut, eine Führung in der freien Natur mit einem unterhaltsamen Wolfskundler, Begegnungen mit Schafshirten als den vielleicht am stärksten von der Ausbreitung des Wolfes Betroffenen, Aufnahmen von Demonstrationen von Seiten der Almwirtschaft, Ausschnitte aus einem Film aus Kanada von Wölfen nach einem harten Winter.

Es kommt der Begriff des evidenzbasierten, wissenschaftlichen Wolfsmanagements vor und es gibt die beruhigende Info, dass der Mensch nicht ins Beuteschema des Wolfes gehöre. Warum aber der Wolf zum Bösen und also zum mutmaßlichen Beutschema des Menschen geworden ist, das kann der Film zwar feststellen, nicht aber erklären.

Zwischendrin gibt es wunderbare Naturaufnahmen zum Niederknien. Es ist ein Film teils noch aus der Covid-Zeit, als die Menschen Masken trugen und der Film selbst hat irgendwann den Reiz der Drohnenaufnahmen entdeckt und weidlich genutzt. Von oben sieht man oft besser und mehr, wie sich eine Schafsherde bewegt, das ergibt als Beifang neckischen cineastischen Zuwert.

Hollywoodgate (DOK.fest München 2024)

Wenn des Dokumentaristen Absichten schlecht sind, wird er bald sterben,

das droht der Chef der Taliban in Afghanistan dem Filmemacher an. Dieser ist aber willkommen vom ersten Tag der Machtübernahme an, der ist „embedded“, also auf Schritt und Tritt wird er beobachtet und immer mal wieder murmelt der Präsident, er soll aufhören zu filmen, oder die Kamera müsse zurückbleiben. Oft wird auch in der Entourage des Präsidenten geflüstert, was der Filmemacher da suche. Man solle ihn machen lassen. Dieser Präsident ist entweder eitel oder medienbewusst. Er weiß es geschickt, den Film für sich zu nutzen.

Das Absurd-Grotesk-Unfassliche an diesem Film ist, dass die Leute, die hier sich filmen lassen, die High-Tech Weltmacht USA und die Nato mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt haben.

Der Filmemacher Ibraahim Nash’at durfte die Taliban bei ihren ersten Schritten der Machtübernahme begleiten. Einmal schaut der neue Präsident versonnen, irgendwie neugierig wie irritiert, lange in die Kamera, als wolle er evaluieren, wie gefährlich sie ihm werden könne oder wie geschickt sie sich für ihn verwenden lasse.

Erstaunlich ist die sanfte, weiche Stimme des Chefs, sein fast demütiger Blick oder wie er ungerührt über Todesfälle spricht, auch noch zu verursachende. Und wie er bei einer Flugplatzbesichtigung fast nur zwischen den Zähnen brabbelt, man möge hier Bäume pflanzen oder Blumen. Und bei einer der nächsten Besichtigungen werden tatsächlich Bäume gepflanzt.

Wie überhaupt der Flugplatz und die Flugzeuge ein Lieblingsspielzeug des Führers zu sein scheinen. Irgendwie treibt er Piloten auf, gründet eine Pilotenakademie und zum ersten Jahrestag der Machtübernahme schafft es der Präsident, auf dem Flugplatz ein Defilee zu veranstalten mit jeder Menge Flugzeuge, die über die Menge fliegen und Truppen, die einsatzbereit scheinen, ganz gegen den Eindruck von den Taliban als Kämpfern aus der Steinzeit.

Davor zeigt einer eine der Höhlen, in denen sie primitivst nur Unterschlupf fanden.

Zur Militärparade kommen Botschafter von mit der Talibanregierung befreundeter Länder, die Chinesen mit dem Aktenköfferchen dabei, Pakistan, Russland. Mehr als einer ist scharf darauf, von den Bodenschätzen des Landes zu profitieren.

Der Filmemacher erklärt am Schluss, dass er vom Elend im Lande ferngehalten worden sei und darüber nicht berichten könne.

Krass sind vor allem die frühen Aufnahmen, wie die Truppe um den neuen Präsidenten die Hinterlassenschaft der Amis besichtigt. Hier knallen verschiedene Zeiten zusammen und der neue Präsident weiß nicht mal, was die Desinfektionsflaschen am Eingang zu einem Hangar bedeuten. Aber er selbst geht mit Handy und Walky-Talky souverän um.

Über das Verständnis von Frauen gibt die Geschichte Aufschluss, die einer zur Erkärung des Schleiergebots erzählt, die Frauen werden mit Schockolade verglichen.

Geschmackvoll und verschiedenen sind die Kopfbedeckungen des neuen Präsidenten, der eine gründliche Machtphilosophie zu haben scheint und eine tiefe Motivation wegen dem Tod seines Bruders.

Food Inc. 2 (DOK.fest München 2024)

Unser tägliches Brot gib uns heute,

ist nicht umsonst eine der wichtigen Forderungen im christlichen Gebet und vermutlich nicht nur im Christentum, denn so selbstverständlich ist die Sicherung der Ernährung – und noch dazu guter Ernährung – nicht.

Kein Wunder also, dass es dazu auch Mengen von Filmen gibt, das Thema ist zu breit, zu vielschichtig, zu reichhaltig, wie ein wuchernder Garten und auch zu wichtig; denn so gesichert ist die Ernährung der Menschheit nicht.

Einer breiten Palette von Aspekten zu dem Thema mit dem speziellen Fokus auf die USA haben sich (erneut nach „Food Inc.“) Robert Kenner und Melissa Robledo angenommen.

Eine Gefährdung der Ernährung kommt ausgerechnet von jener Landwirtschaft, die doch die Massen günstig ernähren will, der industriell-kapitalistischen Landwirtschaft. Die Dokumentaristen streifen ihre Punkte und konkretisieren sie oft mit einzelnen Beispielen, hier der Fleischfabrik Tyson („feeds America“), die wächst und wächst. Die Machtkonzentration in der Fleischversorgung in wenigen Händen sieht der Film mit Besorgnis, weil dadurch der Wettbewerb eliminiert werde.

Hier spielt auch die Massentierhaltung eine Rolle, das Thema Tierwohl. Das ist in den USA nicht viel anders als bei uns, hier wie dort die Diskussion, wie Subventionen zu einer guten Landwirtschaft führen können und nicht nur zum Abgreifen von Subventionen für Kapitalisten dienen, die letztlich keine guten Nahrungsmittel produzieren; denen Profit vor Nachhaltigkeit geht.

Das gilt auch für das Thema der mit einem unguten Mix an Fremdstoffen zur besseren Verkäuflichkeit behandelten Lebensmittel (‚ultraprocessed food‘). Dazu können die Filmemacher Werbespots aus aller Welt anführen.

Aber es geht nicht nur um das Tierwohl, auch das Menschenwohl spielt eine Rolle und nicht nur des Menschen als Konsumenten. Die Landwirtschaft ist ein klassisches Feld kapitalistischer Ausbeutung; illegale Latinos schuften in den USA bei der Tomatenernte; aber auch eine Fast-Food-Mitarbeiterin gehört zu den Verlierern des Systems.

Es werden Initiativen gegen ausbeuterische Landwirtschaft angeführt, die sich um die Erhaltung des Bodens kümmern oder um gute Ernährung in der Schulkantine; es gibt einen Blick in die Fleischersatzindustrie, der die Gefahr, unter die Räder des kapitalistischen Ausbeutungsschemas zu geraten, durchaus bewusst ist und es wird auf den gesunden, ursprünglichen Ernährungsinstinkt des Menschen hingewiesen, das „nutritional wisdom“.

Es ist einer der Ernährungsfilme, die den Zuschauer am Ende direkt zum Handeln auffordern, weil eine Heilung noch möglich sei.

Eternal You – Vom Ende der Endlichkeit (DOK.fest München 2024)

Diese verdammte Sterblichkeit,

die ist sicher ein fundamentales Problem des Menschen, des Seins, der menschlichen Existenz und sie treibt und trieb Blüten eh und je, siehe die ganzen Totenkulte und bis hinein in den aktuellen Europawahlkampf: hier gibt es Plakate, die für eine Partei werben, die Gelder locker machen will für Forschung, die das menschliche Leben auf 1000 Jahre ausdehnen will.

Die Toten wieder lebendig werden lassen, das haben oft schon, gerne auch in Filmen, spiritistische Sitzungen versucht.

Über einen Hight-Tech-Pop-Up-Versuch, um ihn locker so zu titulieren, berichten elegant in gängig internationaler Magazinmanier und betreut von Kohorten von Fernsehredakteuren Hans Block und Moritz Riesewieck über mit Hilfe von KI hergestellte Avatare von Toten, die mit den Hinterbliebenen selbständig kommunizieren können.

Der Film berichtet über Plattformen, auf denen man chatten kann mit den Verschiedenen und über Möglichkeiten im Rahmen von Virtual Reality. Hier wird eine Mutter in Korea in einer Fernsehshow ihrem rekonstruierten Kind wieder begegnen. Grad gruselig ist es.

Forscher berichten ernsthaft über die Gefahren, die bei KI lauern, die Gefahr der Verselbständigung und dass wir nicht wissen, was daraus wird. Das hört sich so besorgt an, wie damals die Befürchtungen von Oppenheimer zur Gefahr der Atomwaffen.

Der Film versucht von seiner Ästhetik her den Eindruck einer durchverbandelten Welt zu erwecken: nächtliche Städteansichten, die an Schaltboards von Computern erinnern, an Chipoberflächen mit ihren Vernetzungen und Verknüpfungen; das ist ästhetisch verführerisch und referiert auf Normatives.

Der Film kommt mit der Eleganz eines glattgebürsteten Hochglanzmagazins daher, bringt Ausschnitte aus einer Anhörung im US-Kongress zum Thema KI, sowie nachgestellte Chatprotokolle, textet damit mehrfach die Leinwand zu. Im Abspann wird versichert, dass diese Chats tatsächlich so verlaufen seien.

Schummrig kann einem beim Gedanken werden, dass nach dem eigenen Tod jemand auf die Idee kommen könnte, mit virtuellen Übrigbleibseln von einem so einen Avatar herzustellen, der dann womöglich ganz anderen Blödsinn verzapft, als man selber es getan hat. Oh, da kann einem grad schaudern vor der digitalen Unsterblichkeit, vor diesem High-Tech-Voodoo.

Einhundertvier (DOK.fest München 2024)

Deutsche Befehle

schallen über das Mittelmeer, 31 Seemeilen außerhalb der Gewässer Libyens; aber auch auf Englisch: „We tell you what to do“, „“You make a good job“, „Not touch the ship“ „You do it good“ – immer und immer wieder.

Seenotretter und die Mannschaft des Schiffes Eleonore haben ein Gummiboot mit 101 Flüchtlingen gefunden, das ohne Motor in den internationalen Gewässern treibt. Von der Eleonore aus rast ein kleines Motorboot dorthin. Seerettung ist eine disziplinierte Sache. Jetzt gilt es, Ruhe zu bewahren, keine Panik, Rettungspanik, auszulösen.

Es können nicht alle Männer – Frauen und Kinder sind keine dabei – auf einmal gerettet werden. Vor allem müssen die Leute sich setzen; ein Befehl, der immer wieder erschallt, auf Englisch, auf Arabisch.

Zuerst werden orangenfarbene Rettungswesten verteilt. Die reichen nicht. Also fährt das kleine Boot zur Eleonore zurück und besorgt sich weitere. Indessen fährt die Eleonore näher an das schwabbelige Gummiboot heran. Es setzt ein Shuttleverkehr ein, jeweils 6, dann 8, dann sogar zehn Flüchtlinge werden geholt.

Die Spannung steigt, wie sich ein mächtiges Boot von der libyschen Küstenwache bedrohlich nähert. Da droht kurz Panik unter den Männern im Gummiboot auszubrechen.

Dieser Rettungseinsatz vom 26. August 2019 wird dokumentiert von Jonathan Schörnig, der einen zweiten Kameramann dabei hat – und versucht den Geretteten und den zu Rettenden nicht im Wege rumzustehen; eine kitzlige Angelegenheit. Zusätzlich hat er einige GoPros installiert. Er präsentiert die Bilder im Splitscreen-Verfahren, bis zu sechs Kameransichten können so gleichzeitig vom selben Zeitpunkt präsentiert werden. Es sind aber nicht immer alle Kameras an.

Der Film dokumentiert diese – geglückte – Rettungsaktion – in Originalzeit. Der Zuschauer wähnt sich ab und an als Gaffer, kann aber sein Gewissen beruhigen, indem er ja die Rettungsaktion selber nicht behindert.

Im Abspann wird die Geschichte forterzählt, von der nicht gestatteten Landung in Malta und in Italien. Erst nach Tagen, gelingt es dem Kapitän, die Situation als Notfall zu erklären, worauf, davon gibt es wieder Bilder, die Männer endlich an Land gehen dürfen. Wer weiß, was für Geschichten sie hinter sich haben. Eine solche – fiktive – wird in dem Film Ich Capitano erzählt.