Archiv der Kategorie: Filmfest

The Self-Portrait (DOK.fest München 2020)

Künstlertum und Krankheit.

Lene Marie Fossen leidet an Anorexie , Magersucht auf Deutsch. Aber nicht nur, dass sie Probleme mit dem Essen hat. Sie will auch nicht eine Frau werden, hat die Pubertät nicht erlebt, hat keine Regel. Das erzählt die 28-jährige norwegische Fotografin. 

Aus dieser Krankheit heraus hat sie angefangen, Selbstportraits zu schießen. In einem verlassenen Gebäude auf der griechischen Insel Chios. Sie stellt die Kamera auf. Diese macht alle paar Sekunden Klick. Sie posiert in Gewändern mit apartem Faltenwurf, stehend, sitzend, im Rahmen eines Fensters, auf einem Bett. Es sind schwarz-weiß Fotos von scharfen Lichtgegensätzen. Schmerzhaft eindrücklich. 

Ein norwegischer Meisterfotograf erinnern die Bilder an Caravaggio. Dieses verhungerte und gleichzeitig unschuldige Schmerzensgesicht, die Gestalt, die nur aus Haut und Knochen zu bestehen scheint, die an Bilder von den KZ-Befreiungen erinnert, die aparten Gewänder darüber, die Selbstexposition vor der Kamera. Und das, ohne je den Beruf des Fotografen gelernt zu haben. 

Es ist persönlicher Ausdruck des Leidens am Leben, wie er tiefer kaum gehen kann, wie er urmenschengeschlichtlich ist, Passion. Es ist ihr Gefühl, nichts wert zu sein, wohl eine Urhumankonstituante. 

Eine kleine Erfolgsstory hält der Film von Margreth Olin, Katja Hogset und Espen Wallin, der sich über mehrere Jahre erstreckt, dann doch noch bereit. Jemand lässt die Bilder dem norwegischen Starfotografen zukommen, der erkennt sofort die Qualität und verhilft zur ersten Ausstellung. Bald hat sie auch eine Agentin. 

Jetzt könnte ein Traum von Erfolg und Ruhm beginnen, vielleicht gar mittels psychiatrischer Behandlung die Heilung von der Krankheit? Ein Autounfall bringt diese Träume zum Stoppen. Lene verbringt ein Jahr in der Klinik, sie kann den Hals nicht mehr bewegen, ist ans Bett gebunden, ist deprimiert, sieht keinen Lebenssinn mehr. Nach dem Klinikjahr ist sie aufgepäppelt und fängt wieder an zu fotografieren. 

Das menschliche Sein und Leiden und dessen bildliche Reproduktion dürften Bewussstseinsaxiome für das Humane überhaupt sein; was im Kino mit dem bewegten Bild fortgeführt wird und an so etwas wie kulturelle Urmasse rührt.

The Letter (DOK.fest München 2020)

Afrika-Normalität.

Ausgangspunkt für den Film von Maia Lekow und Christopher King sind Zeitungsberichte über die Ermordung von alten Menschen in Kenia, weil sie der Hexerei beschuldigt wurden, Hexerei, die Unglück und Krankheit über andere Menschen ihrer Familien, ihres Dorfes bringt. 

Das scheint in Kenia ein gängiges Phänomen zu sein, jedenfalls schaut der Film auch bei einem Altenheim vorbei, in dem Menschen wohnen, denen die Ermordung aus diesen Gründen droht, eine geschützte Anlage. Eine spezielle Art afrikanischen Altenheims. Vorm Betreten bitte die Schuhe ausziehen.

Die Filmemacher haben als Leitfigur einen jungen Mann gefunden, der in Mombasa Puppenspieler ist. Mit ihm fahren sie in sein Heimatdorf. Dort wohnen viele seiner Verwandten in mehreren Häusern, die alle beieinander stehen. Es ist ein bescheidener Wohlstand, die Menschen sind nicht ungebildet, Autos können sie sich nicht leisten, eine Tante konnte sich ihr Haus mit dem Geld bauen, das sie bei der UNO verdient hat bei weltweiten Einsätzen. Viel mehr ist über die Berufe und den Bildungsstand seiner Familie nicht zu erfahren. 

Es ist eine Stimmungsbild-Doku, eine Doku, die unter dem Vorwand der Hexerei-Geschichte uns afrikanische Normalität aufzeigen will gegen das Bild der Hilfsbedürftigkeit Afrikas, der Unterentwicklung. 

Es ist keine Recherche-Doku. Die Filmemacher inszenieren öfter Szenen, in welchen sie ihre Protagonisten im Wohnzimmer beieinander sitzen und sich über ein Thema meist im Zusammenhang mit der Hexerei reden lassen. 

Als Beifang gibt es eine Hochzeit oder eine Hexereiaustreibungsgottesdienst eines anglikanischen Pfarrers, der Puppenspieler hat einen Auftritt in Mombasa oder seine Oma arbeitet auf dem Acker oder erntet Getreide. 

Es wird das Bild von paradiesischen, zumindest angenehmen Lebensverhältnissen in afrikanischer Landschaft entworfen und da gehören Gerüchte über Hexerei nun mal dazu; was doch nahtlos in die Vorurteilswelt von uns Westlern passt. 

The Disrupted (DOK.fest München 2020)

Bills to pay – 

Vorgeschmack auf Nach-Corona

Seine Rechnung bezahlen zu müssen kann schnell problematisch werden, wenn die Einnahmen schrumpfen oder gar wegbrechen wegen Arbeitslosigkeit. Das betrifft den amerikanischen Mittelstand im Besonderen, obwohl zur Zeit der Dreharbeiten dieses Filmes von Sarah Colt und Josh Gleason in Amerika die Beschäftigen-Zahlen so gut wie nie waren. Aber für immer mehr Beschäftigte reicht es nicht mehr zum Leben. 

Das war vor Corona. Jetzt sind innert weniger Wochen über 30 Millionen Arbeitsplätze in den USA weggebrochen. Der Film liefert somit einen leisen Vorgeschmack auf das Nachcorona-Amerika. Allerdings zeigen die drei Protagonisten des Filmes auch diese amerikanische Unerschütterlichkeit und den Optimismus, sie jammern nicht, sie beschuldigen nicht andere. So gewährt der Film nicht nur Einblick in amerikanisches Leben jenseits von Hollywood, sondern auch in jene Mentalität, die sich nicht so leicht unterkriegen lässt und die nicht gleich nach dem Staat ruft. Insofern nützlich auch für Deutschland, dem noch einiges an wirtschaftlichem Rückgang bevorsteht und wohl massenhaft aufblühende Arbeitslosigkeit. 

In bewährter Verzopfmanier haben sich die Filmemacher für drei markante Protagonisten entschieden und deren Geschichten ineinander verschränkt. Es sind dies eine Uber-Fahrerin in Tampa Florida, ein Landwirt in Kansas und ein 3M-Mitarbeiter in Ohio. 

Wie die Bienen machen die Filmemacher immer wieder Station bei ihren Protagonisten und bringen Bildausbeute mit nach Hause, die dann zusammengeschnitten wird. Sie machen Halt bei Viehauktionen, bei der Belehrung von Arbeitslosen durchs Arbeitsamt, bei wartenden Uber-Fahren am Flughafen Tampa, bei Sportereignissen oder bei Tagungen der landwirtschaftlichen Vereinigung, bei einer OP im Spital, bei einer psychologischen Beratung für einen Sohn ohne Freunde, bei einem Verkehrsunfall, Wohnungsbesichtigung, bei Bankgesprächen, bei Uber-Fahrer-Demos, beim Erhalt des Umschulungszertifikates, bei Ehestreitereien oder beim Gespräch des Vaters mit seinem beiden Söhnen über die Fortführung der seit Generationen in der Familie befindlichen Landwirtschaft: ein bunter Mix leichthändig spontaneistischer Impressionen aus Amerikas gefährdetem Mittelstandsleben. 

Musikalisch tendieren die Macher dazu, voluminös zu übersounden. Eine Szene hat besonders beeindruckt, wie der Sohn des einen Protagonisten mit seinem Vater am Sportplatz sitzt und eine Flamme des Pubertären vorbeigeht, er sie anspricht, sie ihn kalt stehen lässt, da sitzt er in sich gekehrt neben dem Vater; dieser fragt ihn, was los sei; der Bub meint, die Sonne sei etwas stark. Zu befürchten, dass auch bei uns aktuell die Sonne etwas stark scheint. 

Suspensión (DOK.fest München 2020)

Hütet Euch vor dem Dschungel!

Das kann in etwa als die Moral gelesen werden dieses Dschungel-Straßenbau-Filmes von Simón Uribe, der mit Joaquín Uribe auch das Drehbuch geschrieben hat. 

Die Serpentinen des Filmes drehen sich um die verkehrsmäßige Erschließung von Mocoa mitten durch das steil-bergig-zerklüftete kolumbianische Amazonas-Gebiet als Verbindung von Mocoa mit dem Inneren Kolumbiens.

1944 haben Kapuziner-Mönche in zwei Jahren eine ungeteerte Straße gebaut. Das bebildert der Film knapp mit schwarz-weiß Archivfotografien. 

Dann hupft der Film auf 1995. Jetzt gibt es eine halsbrecherische Straße, ungeteert, theoretisch mit zwei Fahrbahnen, praktisch ist ein Ausweichen mit entgegenkommenden Fahrzeugen kaum möglich. Für deren Bau seien zehn Jahre nötig gewesen. Aus 1995 gibt es außerdem archivarisches Sensationsfootage wegen eines enormen Erdrutsches, der Teile der Straße weggerissen hat. Jetzt ist oft die Rede von einem „Bypass“ über San Francisco (Kolumbien) als Alternative. 

2014 geht es darum, eine kühne Autostraße zu bauen mit Tunnels und geschwungenen Brücken. Sieht im Modell fantastisch aus – aber auch brutal. 

2017 verweilt der Film detailliert und nah bei den Betongießarbeiten für den Straßenbelag in schwindelnder Höhe einer Eisenkonstruktion von Brücke auf kirchturmhohen Pfeilern. Wenig später steht die Brücke fertig, ragt ins Nichts hinaus, die Bauarbeiten sind eingestellt, die Menschen machen Ausflüge zu dem Bauwerk. 

Dann Sprung zum letzten Sensationsfootage, das vom 31. März 2017. Sintflutartige Regenfälle spülen Mocoa weg. Mit dem Dschungel hat sich schon Werner Herzog schwer getan, warum sollen Filmer es heute leichter haben?

Songs of Repression – The Art of Repression (DOK.fest München 2020)

Es gibt ein Leben nach dem Verbrechen

Kein Mensch kann das irgendwo lernen, wie umgehen mit einer Zeit seines Lebens, die unter skandalösen, verbrecherischen Vorzeichen stand, in der man Teil eines Unterdrückungssystems war, wie der brutalen Herrschaft des Gründers der Colonia Dignidad in Chile. 

Die Filmemacher Hougen-Moraga und Estephan Wagner haben sich in die Colonia Dignidad, wie sie ehedem hieß, heute „Villa Bavaria“begeben. 

Aus der verbrecherischen Schäfer-Zeit leben dort noch 120 Menschen. Eine kleine Gruppe davon hat sich bereit erklärt, den Dokumentaristen Red und Antwort zu stehen. 

Vom Bildermaterial her lebt der Film von den paradiesischen Landschafts- und Dorfaufnahmen und dem Fokus auf den Gesichtern dieser Menschen, die in einem grauenhaften Züchtigungs- und Unterdrückungssystem gelebt haben oder darin aufgewachsen sind und damit Teil des Systems waren; eines Systems, das systematisch die Geschlechter getrennt hat, das mit Prügeln und Schlägen und gleichzeitig mit der Verabreichung von Medikamenten den reinen Glauben der Gemeinschaft durchsetzen wollte und das streng hierarchisch organisiert war. Neben Schäfer waren die Hierarchen die Durchsetzer dieser Ordnung. 

Schäfer hatte gute Beziehungen zum Diktator Pinochet, der einen Teil seiner Folterungen und Ermordungen von Gegnern in Schäfers streng abgeschirmte Colonia auslagern konnte. Einen Einblick darin lieferte 2016 der Spielfilm Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück.

Es geht also in diesem Film nicht um juristische Aufarbeitung oder um Täterverfolgung; es geht hier darum, wie können Menschen, die Teil eines solchen Systems waren, überleben. 

Die Kolonie selbst versucht die Öffnung mit Tourismus. Hier wird Folklore, bayerische Gemütlichkeit, Wellness und schöne Landschaft angeboten. Insofern kann der Film auch als Tourismuswerbung gesehen werden. Es gibt Ausschnitte aus einer Gruppenführung. 

Die Filmer richten ihr Augenmerk auf die Befragungen zur Schäferzeit. Dabei zeigen sie die Gesichter der Interviewten von ganz nah, als versuchten sie darin Spuren jener Horrorzeit zu finden. Die meisten sind noch traumatisiert, können ohne Medikamente nicht leben, haben Alpträume, führen eine Ehe, in der Sex sich mit der Kinderzeugung erschöpft hat. 

Ein ehemaliger Loverboy von Schäfer erzählt, sie hätten es wie die wilden Tiere getrieben; er ist eher schockiert darüber, dass sie dafür laut altem Testament hätten gesteinigt werden können. 

Es gibt die Leute, die es so halten, wie die Hierarchen nach der Verhaftung Schäfers: ein Formular unterschreiben, in dem alles verziehen wird und damit soll Schweigen über das Thema gebreitet werden. Es gibt die Frau, die nach wie vor von Pinochet schwärmt. 

Der Film zeigt, wie bei einer solchen Gemeinschaft, nach der sich viele Menschen sehnen, Paradies und Hölle nah beieinander liegen können. 

Der Titel weist auf die Gesangstradition in der Colonia Dignidad zurück. Es gibt einen Restchor, der von der „Kraft des Liedes“ überzeugt ist. 

Die Dokumentaristen bauen das Dokumentieren aktiv in den Film ein, die Vorbereitungen zum Interview, Telefonstörungen, Einmischungen von außen; dadurch wirkt der Film wie ein spontaner Besuch und über die Paradiesbilder blenden sie Infotexte zur verbrecherischen Geschichte der Colonia Dignidad ein. 

Sunless Shadows (DOK.fest München 2020)

Mörderinnen im persischen Frauenknast.

Diese knallige Überschrift trifft zwar einerseits zu, andererseits ist alles viel differenzierter in diesem Film von Mehrdad Oskouei. 

Es geht um Frauen, die ihre Männer oder Väter umgebracht haben. Der Filmemacher ist ganz offiziell zu Gast im Knast bei diesen Frauen und wird von ihnen mit „Onkel Mehrdad“ angesprochen. Sie zeigen ihm, wie sie hier leben. Sie verhalten sich, wie wenn man einen Gast, einen Besuch hat, von der aufgeräumten Seite. Sie haben aber auch, einerseits durch die Taten, andererseits durch die Geschütztheit im Knast eine Freiheit und eine Sicherheit gewonnen. Sie müssen keine Angst mehr vor den Schlägen und Gewaltaten brutaler – oder vielleicht auch: überforderter – Ehemänner oder Väter haben. 

Die Frauen bilden eine familiäre Gruppe, haben sogar einen Säugling dabei, einen kleinen Mohammed mit vielen, ihn umsorgenden Müttern. Sie haben ihre Räume lebenswert eingerichtet; diese sind mit Teppichen ausgelegt. Sie kochen selber. Im Schlafsaal mit jeder Menge Doppelstockbetten tafeln sie. Von der Bettenanzahl her müsste der Knast dichter belegt sein. Aber Oskouei hat sich auf eine übersichtliche Gruppe von Frauen, die natürlich auch die Bereitschaft zur Mitwirkung gezeigt haben, beschränkt. 

Zwischen den alltäglichen Knastszenen wie Kochen, Ballspielen, Englischunterricht, Töpfern, Gesellschaftsspielen, Nähen, Geburtstagsfeier, Meditation oder religiöse Verrichtungen, bittet der Dokumentarist sie einzeln vor die Kamera, in die hinein sie zu den Ermordeten sprechen, dass sie ihn im Grunde lieben, dass er aber seine Liebe wohl nicht zeigen konnte. Oder sie können eine Videobotschaft an Verwandte in einem anderen Knast aufzeichnen. 

Gemeinsam ist den Frauen, dass sie nach jahrelangem Leid nicht mehr anders konnten als ihre Quälgeister umzubringen. Eine Mutter ist in der Todeszelle. Sie möchte nicht gehenkt werden. Aber ihre beiden Söhne sind stur, können ihr den Mord am Vater nicht verzeihen. 

Zentral sind die Nachfragen von „Onkel Mehrdad“ nach der Tat. Die Frauen sind gepflegt angezogen; tragen Kopftuch. Sie diskutieren untereinander und eine nimmt einen Gegenstand in die Hand wie ein Mikro. Es geht um das Töten und ob der Mörder oder die Mörderin in ihren Fällen wirklich die Schuld trifft. 

Es sind auch bei uns nicht unbekannte innerfamiliäre Gewaltgeschichten; jeden dritten Tag, ist zu lesen, komme es in Deutschland zu einem tödlichen Beziehungsdelikt. Erschwerend kommt für diese Frauen hinzu, dass sie offenbar keine Chance haben, in ein Frauenhaus zu gehen oder sich Freunden anzuvertrauen und wenn sie bei der Polizei Anzeige erstatten, so wird das nicht ernst genommen. 

Eine Ex-Gefangene kommt zurück und wird gefragt, wo es besser sei, drinnen oder draußen. Draußen sei es langweilig meint sie. Draußen sind die Frauen nicht mehr so geschützt wie hier, haben nicht diese Gemeinschaft. 

Eine der Protagonistinnen des Filmes, Aida, habe sich, ist im Abspann zu lesen, nach der Entlassung aus dem Knast umgebracht. 

Silence Radio (DOK.fest München 2020)

Aufgeheizter Bilderbogen

Vier Jahre lang begleitete die Dokumentaristin Juliana Fanjul die unerschrockene mexikanische Journalistin Carmen Aristegui.

Aristegui wurde dem TV-Telenovela-Präsidenten Pena zu gefährlich, weil sie die Weiß-Haus-Geschichte aufdeckte: die Chinesen hatten ihm einen Palazzo ganz in weiß hingestellt und dafür einen industriellen Großauftrag im Eisenbahnbereich an Land gezogen, Musterbeispiel von Korruption. Aristegui macht das öffentlich. Darauf hin wurde sie von ihrem Radiosender suspendiert. 

Fanjui schaffte es, Aristeguis Vertrauen zu gewinnen, ja es gibt einem Moment im Film, wo Carmen ganz dankbar zu der sie begleitenden Journalistin hinter der Kamera blickt. Diese heftet sich an ihre Fersen. Dadurch ist Atemlosigkeit garantiert. 

Da Carmen weder am Fernsehen noch am Radio weiterarbeiten kann, gründet sie ihre eigene Internet-Seite und mietet sich mit einem kleinen Team in einem Hochhaus ein. Gegen den Rausschmiss vom Radio-Job kann sie keinen von offizieller Seite in Mexiko gewinnen. Dafür findet sie bei einer internationalen Organisation, die sich für Journalisten einsetzt, Unterstützung. 

Im Film gibt es eine thematische Paralle zum ebenfalls am Dok.fest gezeigten Vivos von Ai Weiwei. Es geht um die 43 verschwundenen Studenten aus Iguala. Dabei wird der Unterschied der Dokumentarstile besonders deutlich: während Ai Weiwei skulpturhaft statisch die Dinge markant ausstellt, lässt sich Juliana Fanjul anstecken von Carmens Jagd nach Gerechtigkeit und gegen die Korruption und von der Dringlichkeit dieser Jagd; denn die Verhältnisse werden nicht besser und in Mexiko sind sind ganz besonders schlimm. 

Der Film endet bei den Wahlen von 2017 in Mexiko, bei denen ein neuer, hoffnungsvoller Präsident der Sieger wird, der das Krebsgeschwür Korruption bekämpfen möchte. Das haben viele Präsidenten in vielen Ländern bei ihrem Amtsantritt gesagt. 

Mitzubekommen ist, wie schwer die Journalistin immer wieder angefeindet wird, welche Shitstorms und Drohungen sie erntet und wie oft sie vor Gericht gezerrt wird. Andererseits ist sie eine Volksheldin, ein Star, Menschen wollen Selfies mit ihr machen.

Quiang’s Journey (DOK.fest München 2020)

Nach dem großen Erdbeben von Wenchaun/Sichuan 2008verlangt die chinesische Staatspartei die sofortige Zwangsumsidlung der Quiang einer in China geduldeten Minderheit, die dort als Bergbauern ein karges Leben fristen. 

Gao Tunzi fängt seinen Film kurz nach dem Erdbeben an, wie ein Parteifunktionär der Dorfbevölkerung erklärt, dass sie binnen weniger Tage das Dorf für immer zu verlassen hätten. Sie müssten die Tiere verkaufen und die Häuser zurücklassen. 

Im Vorspann erzählt Tunzi die Geschichte der Menschheit, wie die Quiang sie sehen, dass der Mensch vom Esel abstamme. Allerdings gibt es hier ein Perzeptionsproblem, bedingt dadurch, dass die in wunderbar kalligraphischem Schönschrift-Kino erzählte Sage sehr hell ist, gleichzeitig erscheinen ganz in Weiß ellenlange Untertitel; die in der Geschwindigkeit kaum aufzunehmen sind, wobei man kaum mehr dazukommt, die großartigen Handzeichenungen aus dem Buch anzuschauen. Das mit den Untertiteln ist auch im weiteren Film immer wieder ein Problem, wenn Gespräche sind. 

Tunzi legt seine Dokumentation als einen großartigen, kalenderblatthaften Bilderbogen über die Quiang, ihre Kultur und Zeremonien an. Nachdem die Dörfler 2008 schwer bepackt losgezogen sind in eine ihnen unbekannte Zukunft, macht Tunzi einen Schnitt auf 2017 und dokumentiert, wie die Partei offenbar gut für die Leute gesorgt hat, wie sie in modernen Steinhäusern wohnen, wie sie jetzt Tee anbauen, wie die Jungen sich auf die moderne Technik einlassen. 

Die Alten vermissen ihre Götter, die Gräber ihrer Ahnen. Sie wollen zurück und den Gott Mubi holen. Da blinkt kurz ein Generationenkonflikt auf, wenn es darum geht, dass die Jungen sie darin unterstützen. So gibt es Ausflüge ins inzwischen überwucherte, frühere Dorf. Allerdings müssen sie das selber organisieren, die Partei, die sie um Mithilfe bitten, ist mit anderen Dingen beschäftigt, die will den Tourismus ankurbeln. Dafür wären ein paar Bräuche der Quiang doch höchst attraktiv, besonders der Naturjodel, der gegen Schluss ertönt. 

Zwischendrin gibt es zu den vielen Untertexten, die Englisch und Chinesisch sind, auf der oberen Bildfläche weitere Infos zur Kultur der Quieng. 

Punks (DOK.fest München 2020)

Punkploitation

Kaputte Jugend ist ergiebig für die Leinwand, wie denn sowieso das Kaputte, das Außenseiterische, das Verkommene, das Nicht-Integrierbare fürs Kino attraktiv erscheint. 

Maasja Ooms hat sich in ihrer Dokumentation für kaputte Jugend aus Holland entschieden. Teens, die nich integrierbar sind in deren Familien, deren Eltern überfordert sind, Kids, die mit Drogen handeln, auf Bewährung draußen sind. Kids, die bessere Menschen werden sollen, die ihr Leben in den Griff bekomen sollen. 

Eine Institution, dies zu ermöglichen, scheint die Gesprächstherapeutin Petra zu sein. Sie lebt im hügeligen, rauen Frankreich, in einem Gehöft aus Stein mit etwas Landwirtschaft. Hier nimmt sie solche Kids auf. Die Handys werden ihnen abgenommen. 

Petra insistiert auf ständigen Befragungen, warum sie dies und warum sie das getan hätten, konfrontiert sie mit früheren Aussagen, auch auf Video. 

Petra und drei holländische Punks, wie sie hier genannt werden, sind die Protagonisten. Später kommt noch ein Mädchen und noch später ein weiterer Junge hinzu. Er scheint, was die Dreharbeiten für den Dokumentarfilm betrifft, unvorbereitet. Er ist der einzige, der seine Umgebung, also auch die Kamera und die Regisseurin dahinter, wahrnimmt; in diesem Moment erscheint Davino authentisch. 

Bei den anderen scheint mir das Problem, dass die Mäuschen-Doku-Methode die Lage verändert. Sie wissen genau, dass eine Kamera dabei ist und vermeiden es voll professionell, in die Kamera zu blicken. Von dem Moment an sind sie Schauspieler, Darsteller ihrer selbst, ja: Filmstars. Das wirft zwar auch schon schön was ab für die Leinwand, wirkt aber nicht als mehr denn als Punkploitation. Insofern ist es keine authentische Darstellung und es wäre sicher ein gewaltiger Unterschied zwischen diesem so vorgespielten Leben und dem unbeobachtet sich fühlenden Leben auf der Station. 

Ein Handlungsstrang ist die Geschichte zwischen Mitchel und seinem Vater, der ihn mehrfach besucht. Auch hier sind die Begegnungen Gespräche unter der Leitung von Petra. Über die Mutter und den Bruder wird geredet. Es ist nicht überprüfbar, wie die sind, sind sie doch lediglich Gesprächsobjekte. 

Da es sich um Gesprächstherapie handelt, wird konsequenterweise fast pausenlos geredet. Eine sportliche Veranstaltung für Untertitelleser. 

Overseas (DOK.fest München 2020)

Heldinnen

nennt der philippinische Präsident Duterte sie, die OFWs, die Overseas Filippine Workers, die Frauen, die in Übersee, das ist für die Philippinen Hong Kong, Dubai, Singapur, die Emirate, Saudi Arabien, als Haushaltshilfen arbeiten, um Devisen in ihr Heimatland zu schicken. Sie selber halten von dieser Äußerung wenig, sie sehen sich nicht als Heldinnen – so wie in Deutschland ganz plötzlich die Pflegekräfte den Heldinnenstatus haben – sie wollen ihren Kindern ein anständiges Zuhause und eine Ausbildung bieten. Es dürfte sich, wie eine Sequenz gegen Schluss des Filmes zeigt, um ein Millionenheer von Philippinas handeln. 

Sunga-A Yoon hat einige dieser Frauen beobachtet, wie sie in ihrer Heimat in einem Ausbildungszentrum ihre beruflichen Fähigkeiten testen und verbessern, sich fortbilden. Der Film ist von seiner Einstellung zu seinem Objekt her am ehesten zu vergleichen mit dem hervorragenden französischen Film über die Ausbildung zur Pflege Zu jeder Zeit und teilt mit diesem Film eine in Dokumentarfilmen selten vorkommende Qualität, dass er stellenweise Unterhaltungswert hat, dann, wenn die Kursteilnehmerinnen in Rollenspielen Alltagssituationen in ihrem Beruf üben und die einen die Herrschaften spielen, die anderen die Dienerinnen. 

Ein altes und grundlegendes Thema, wer ist der Herr, wer der Diener und ist nicht viel mehr der wahre Herr ein wahrer Diener? 

In der Weiterbildung werden handwerkliche Fertigkeiten geübt und immer wieder gibt es Anekdoten und Geschichten aus ihren bisherigen Berufserfahrungen. Ihre Verträge laufen zwei Jahre und da kann es schon vorkommen, wenn eine Mutter zu ihrem Kind zurückkehrt, dass es von diesem erst mit „Tante“ angesprochen wird. 

Die Weiterbildung legt Wert auf die Menschenwürde , die nur zu oft missbraucht wird, von der Ausnutzung Tag und Nacht bis zum Versuch der Vergewaltigung. Die Frauen lernen hier, wie damit umgehen und dass sie nicht rechtlos sind. 

In Wela hat die Filmemacherin eine wunderbare Protagonistin, die zur Einstimmung eine Klo-Putzszene im Herrschaftshaus des Fortbildungsinstitutes vorspielt. Einen Geheimtipp, wie damit umgehen, erfährt der Zuschauer später: sich Dollarzeichen in der Kloschüssel vorstellen. Der Film wirft mit seiner Konzentriertheit auf die Sache und der unprätentiösen Erzählweise ein scharfes Licht auf einen wunden Punkt der Globalisierung.