Archiv der Kategorie: Filmfest

Die ängstliche Verkehrsteilnehmerin (Fünf Seen Filmfestival 2024)

Wild-aufsäßig-feministisches Poem

Anhand der Eintragungen in ein Oktavheft in ungebundener Schrift und begleitet von kindhaften Zeichnungen von Selma Schulte-Frohlinde ventiliert Martha Mechow, die auch das Drehbuch geschrieben hat (Dramaturgie: Charlotte Brandhorst), grundsätzlich feministisches Gedankengut einer modernen Frau in essayistischer Form.

Es gibt eine Spielhandlung.

Hauptlocation ist Barraconi auf Sardinien, eine Mutter-Kind-Kurstätte. Hierher folgt Flippa (Lisa Schulte-Frohlinde) ihrer Schwester Furia (Ann Göbel). Ihre Mutter hat sie früh verlassen. Von hier wird Flippa mit ihrem Macker Vicky (Max Grosse Majench) und ihrem Buben sich in einem lottrigen Kleinwagen zur Fähre nach Korsika begeben.

Es sind die urfeministischen Themen. Sie werden reflektiert vom kapitalistischen Standpunkt aus, dass die Frauen die Kur ja nur machen, damit sie nachher wieder arbeiten, lieben, pflegen können, dass sie wieder funktionieren im kapitalistischen Kreislauf.

Es gibt Musik zwischendrin und Party. Es gibt fesche Männer, die auch zu Wort kommen. Der Begriff von der Frau als trojanischem Pferd fällt oder derjenige des heterosexuellen Knotens der Männer. Und dann weiß doch niemand, was damit gemeint ist.

Der Tour d‘ horizon du feminisme fängt mit der Bibel und der christlich-abendländischen Ikonographie an. Mit der Verwunderung darüber, dass Maria nichts von der unbefleckten Empfängnis bemerkt haben will; die Darstellung der Maria in der bildenden Kunst als ein Häuflein Elend. Mit einer Kettensäge wird einer Marienskulptur das Heilige Kind abgetrennt.

Die Frage der wahren, nicht von der Gesellschaft arrangierten Liebe rückt ins Zentrum. Jane Austin wird diskutiert, dass die Gefühle der Frau von den Umständen diktiert werden. Was ist freie Liebe? Was ist bedingungslose Liebe? Kleiner Gag dabei: die Frau trägt zum Sprechen eine Art Zahnspange.

Der Film sprüht nur so vor Ideen auch zur leichten, spontan wirkenden Illustration seines elmentaren Themas. Der Erzeuger des Buben von Flippa tauch unangemeldet auf. Und ein wunderbares Ensemble an Darstellern.

Antier Noche (Fünf Seen Filmfestival 2024)

Sich faszinieren lassen
und ein bisschen inszenieren,

das scheint das Dokumotto von Alberto Marín Menacho gewesen zu sein, um die Ortschaft Salvaléon in der Extremadura in Spanien zu porträtieren.

Schon Bunuel war von der Extremadura fasziniert. Er inszenierte dort den Film Las Hurdes als ein Beispiel für extreme Armut im ländlichen Spanien. Ein Spielfilm, der so tat, als sei er eine Dokumentation.

Alberto Marín Menacho ist da offener in seiner Vorgehensweise. Er fängt den Film mit einer Castingsituation an. Der elfjährige Juan Francisco erzählt, dass er noch nie in einem Film gespielt habe, dass er noch kein Casting gemacht habe und warum er die Haare wachsen lässt. Das hat einen ganz persönlichen Hintergrund. Er wird einer der Protagonisten sein.

Der Dokumentarist bekommt auch Juans Schwester und Mutter vor die Linse. Und viele weitere Bewohner des Dorfes, das vielleicht 1600 oder 1700 Einwohner hat. Es ist ein Dorf unserer Zeit. Hier trifft die Moderne auf Ländlichkeit, auf Weite, Abgeschiedenheit, Ärmlichkeit, Vergessenheit, Verlorenheit. Es sind Sehnsuchtslandschaften für die ins Internet und die Mobiltelefonie eingespannten, eingestrickten Großsädter. Aber um die Moderne ist nicht herumzukommen.

Im Dorf gibt es eine Fleischfabrik. Aber auch die Landwirtschaft mit Kühen, Schweinemast, Obstanbau, Oliven, Korkeichen. Die Jugend fährt Mofa, geht in die Disco und spielt Videogames. Das Mobilphon ist ein untentbehrliches Kommunikationsmittel, nicht nur für die Verwandte, die im Krankenhaus ist, auch zum Festhalten von Waldbränden oder dem Löschhelikopter, um sich selbst im Spiegel zu fotografieren.

Es ist ein ungezwungenes Betrachten des Dorfes, ein Film für Müssiggänger und für Leute, die zu bequem zum selber Erkunden sind. Es ist ein Film, der gar nicht erst Systematik und Vollständigkeit vorgibt. Es lässt die Dinge auf sich zu kommenen.

Der Film ist dabei, wenn die Dörfler mit ihren Windhunden jagen, wenn sie Falken trainieren, aber auch bei der Jugend in der Turnhalle oder beim rauschenden Bach, wenn die Leute schwimmen. Er lässt den Jungen durch einen herrlichen Farnwald gehen; Naturidylle pur. Wenn Gelegenheit ist, setzt er die Leute mit innerem Monolog vor die Kamera oder inszeniert auch mal ein Gespräch über das Leben im Dorf, das Auswandern, die Liebe. Oder er wirft einen Blick auf die Geschichte rund um einen entlaufenen Esel.

Animal (Fünf Seen Filmfestival 2024)

Die Welt der Animateure

Der Film von Sofia Exarchou taucht ein in die Welt der Animateure auf einer griechischen Urlaubsinsel.

Das Hauptaugenmerk gilt der Tänzerin und Karaoke-Sängerin Kalia (Dimitra Vlagopoulou). Um sie herum sind die rätselhafte Eva aus Polen (Flomaria Papadaki) und weitere Animateure wie Simos (Ahilleas Hariskos), Thomas (Chronis Barbarian), Jonas (Voodoo Jürgens), Sergey (Kristof Lamp).

Der Film lässt sich vor allem vom Milieu faszinieren. Dieser Enthusiasmus, diese Stimmung, die Sorglosigkeit der Lebensentwürfe der Gaukler (ein ganz fernes Echo an die Welt aus „Abendstunde der Gaukler“ oder „La Strada“, oder auch Rimini)

Der Film kümmert sich wenig um die Ortung. Dass er in Griechenland auf einer Insel spielt, wird dezidiert erst kurz vor Schluss sozusagen amtlich. Darum scheint es der Filmemacherin nicht zu gehen. Sie mag den Strand, das Meer, wenn dort nicht Betrieb herrscht, die Barackensiedlung, die Atmosphäre im Club Apollo oder im feinen Hotel. Sie mag die Show-Nummern, die Künstler hinter der Bühne. Ein kleines Mädchen lebt mit den Künstlern, darf auch mal auftreten.

Es gibt Momente, die etwas unter die Oberfläche schauen lassen, aber der Film hütet sich vorm Drama oder vor der großen Liebesgeschichte. Alles ist vergänglich. Nur der Tag zählt.

Es gibt eine Verletzung, die darauf hinweist, auf wie dünnem Eis solche Künstlerleben gebaut sind. Es gibt Liebesgeplänkel unter Kollegen oder mit Gästen. Die Atmosphäre ist erotikgeschwängert. Es gibt den Moment der Überstrapaze, in dem Kalia in eine Krise schlittert.

Generell gilt: Lächeln, die Lust am Leben wird propagiert, der Elan der Jugend. Das kommt so glaubwürdig rüber, dass der Eindruck entsteht, es handle sich teils um einen Exploitation-Film, der einen realen Club mit realen Animateuren als Hintergrund für die Szenen benutzt, in denen er tiefer in die Akteure hineinhorcht. Hier tauchen Fragen auf, warum man das mache, wie lange schon.

Es gibt auch zwei, ja sogar drei Erklärungen für den Titel. Die eine ist bereits in der grafischen Gestaltung des Titels enthalten. Hier fällt nach ein paar Sekunden das „l“ am Schluss weg. Es bleibt die Anima, die Seele, was sicher auch als Zugeneigtheit des Filmes zu seinem Objekt – oder gar Subjekt – gelesen werden kann.

Einmal erzählt Kalia von einem Auftritt bei ätzender Hitze in Griechenland. Die Tänzerinnen trugen über den Bodys in den Farben Russlands schwere Pelze. Diese „Tiere“ lasteten auf ihnen, seien über ihnen gewesen. Die Last des Unterhaltungsgewerbes. Eva erzählt von einem Traum, der mit ihrer Herkunft zu tun hatte, da haben die alle geschaut mit großen Augen wie Tiere.

Im Rosengarten ( Nachtrag zum Filmfest München 2024)

Winter auf dem Lande
oder: Deutschland im Winter

Die Eifel. Der Schwarzwald. Weihnachtszeit.

Kostja Ullmann spielt Yak, einen erfolgreichen Rock-Pop-Sänger. Seine Mutter ist Deutsche aus dem Schwarzwald. Die hat sich vor 20 Jahren das Leben genommen. Sein Vater (Husam Chadat) ist Syrer. Zu dem hat er seit Jahren keinen Kontakt. Jetzt ist Yak in die Krise als Sänger, bricht einen Auftritt ab. Er erfährt, dass es seinem Vater nicht gut geht. Der liegt in einer Klinik in Berlin.

Dort findet Yak sich plötzlich in Gesellschaft von Latifa (Safinaz Sattar), einer 16-jährigen Tochter seines Vaters, also einer Schwester, von der Yak nichts wusste. Sie spricht kein Wort Deutsch, scheint kriegstraumatisiert. Ganz genau wird ihr Weg nicht klar, nur dass sie eine andere Mutter hat.

Yak und Latifa bilden nun das Tramp-Paar, das entwurzelt durch den deutschen Winter sich durchschlägt – Yaks Kreditkarte ist gesperrt von seinem Manager.

Erst besuchen sie in der Eifel einen früheren Kumpel von Yak, der einst Schriftsteller werden wollte. Jetzt lebt er eremitsch in einem Häuschen im Wald, zieht Gemüse heran und hat eine Ziege, die er nicht schert und nicht melkt. Das ist so ein Symbol, das zeigt, dass der Autor und Regisseur dieses Filmes, Leis Bagdach (Drehbuchmitarbeit bei Die Besucher), nicht ohne Humor arbeitet.

Dann landen die beiden Existenzreisenden im Schwarzwald bei Yaks deutschen Großeltern. Hier kommt es zu einer fremdenfeindlichen Auseinandersetzung in der Dorfkneipe, die das Klischee des üblichen deutschen Subventionsfilm bravourös unterläuft.

Die große Liebe von Yak war Fee (Verena Altenberger). Auch hier findet eine konfliktgeladene Wiederbegegnung statt in einem Luxushotel im Schwarzwald bei Fees Hochzeit mit einem anderen.

Die Geschichte im Film von Leis Bagdach ist ein recht geschicktes Konstrukt zum Thema von Migration, Heimat, Identität, Deutschsein, Menschsein, Familie, Beziehung, Verwurzelung, Treue und sie wird so richtig deutsch vorgetragen im Sinne der vielfältigen Filmförderer und Fernsehredakteure, die in Deutschland weitgehend bestimmen, welche Filme gemacht werden und welche nicht. Aber sie wirkt emotionaler und wärmer. Man hat den Eindruck, der Filmemacher wollte seinen Finanziers keinen Grund zu Einwänden liefern.

Allerdings ist die Exposition der Geschichte zu kompliziert, es bleibt von Anfang zu vieles unklar (stefe behauptet gerne, der Zuschauer müsse vom ersten Moment an wissen, worum es geht, wenn er denn dabei bleiben soll. Hier geht es weder darum, dass Yak ein Rockstar sei noch darum, dass ihm übel wird; just das aber sind in etwa die ersten Infos, mit denen der Film den Zuschauer versorgt). Mehr Klarheit und Einfachheit täte der Schönheit, Anmut und dem Sog der Geschichte keinen Abbruch und dürfte einem Erfolg im regulären Kinobetrieb nicht im Wege stehen; förderlich für einen solchen wäre auch mehr Kühnheit im Einfangen und Montieren der an sich schönen Bilder.

Detail: üblicherweise beten in deutschen Themen-Filmen zur Migration immer nur die Muslime, hier beten auch Christen. Und poetische Einsprengsel in den Dialogen haben eh ihren unbestreitbaren Reiz.

Achilles (Cinema Iran 2024)

Mensch und System

Systemsprenger gibt es allerorten, weil Systeme Menschen einengen, jedes System auf seine Art.

Im Film von Farhad Delaram, der im Abspann gar nicht erst so tut, als ob der Film für den Hausgebrauch im Iran gemacht sei, sind Farid Achill (Mirsaeed Molavian) und Hedieh (Behdokht Valian), inszeniert als ein Kinotraumpaar, wie man es sich nur wünschen kann, die mit dem System, für das symbolisch die Wände (die reden oder horchen, wie man es nimmt) stehen, die Nicht-Angepassten, die Nicht-Anpassungfähigen oder die sich nicht anpassen wollen. So sind die Konflikte vorprogrammiert.

Farid, der eigentlich Filmemacher ist, hat alles hinter sich gelassen, Familie, Job und arbeitet in der Orthopädie-Abteilung eines Krankenhauses. Die Alternative wäre gewesen, auszuwandern. Oder in seinem Job, den er, wie er offen gesteht, dank Vitamin B durch einen Freund, der Arzt ist, bekommen hat, unauffälig zu bleiben, sich im System einzurichten.

In der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie trifft er auf die Patientin Hedieh. Die braucht eine Schiene für den Arm, denn sie hat sich eine Verletzung zugezogen, weil sie ständig gegen die Wand geschlagen hat. Ihre Begründung und die ihrer Zimmermitbewohnerin, die Wände würden ständig reden.

Seinen Nonkonformismus beweist Achill, indem er über die Wände Klebband klebt, eine filmisch gut erinnerliche Aktion, die beiden Patientinnen beteiligen sich daran. Hedieh hat als Mensch sein Interesse geweckt. Es muss dieses Systemsprengerische sein, das er in ihr spürt. Er überredet sie zur Flucht. So kommen die Roadmovieelemente in Gang.

Es gibt eine Zwischenstation bei Achills Vater, der ihn das erste Mal umarmt und der selber eine Migrationsgeschichte hinter sich hat. Die Geschichte von Hedieh wird nach und nach aufgeblättert oder von Farid recherchiert, es gibt ja heute Internet.

Von der Stadt wechselt der Film aufs Land in die Nähe vom Meer. Idylle pur ist das leerstehende Haus von Oma, das vorerst als Zufluchtsort dient. Denn längst sind die Häscher hinter ihnen her. Aber auch da zeigt sich, dass das Korn des Systemsprengertums noch nicht ausgestorben ist. Auf so einer Flucht finden sich immer auch überraschende Helfer.

Mit minamlinvasiver Kamera bringt der Filmemacher uns die Geschichte, die weit über simple Kritik an einem totalitären, schariagesteuerten System hinaus geht, für das große Kino näher, anknüpfend an die Tradition weltbekannter iranischer Filmemacher wie Abbas Kiarostami, Farah Pahlavi, Asghar Farhadi, Mohsen Makhmalbar, Mohammad Rasoulof.

Der Filmemacher selbst lässt seinem Double eine Verbitterung zuschreiben, wobei dessen faszinierendes Spiel eher das eines Zweiflers ist, der an Gott sowieso schon lange nicht mehr glaubt. Dagegen singt ein Chanson vom Glück mitten im Film an.

Es gibt ein paar raffinierte Kunstkniffe, einmal ziehen die Träume Farid aus dem Bett, ein ander Mal wird am Meer ein Film auf eine Leinwand projiziert, in dem eine Frau mit dem Säbel gegen die Gischt ankämpft.

DOK.fest München 2024 – Übersicht über die Reviews

stefe hat auf zwei Wegen die Möglichkeit erhalten, Filme des heute beginnenden DOK.festes München 2024 vorab zu sehen. Es gab Filme bei regulären Pressevorführungen, aber auch Sichtungslinks, die vom DOK.fest freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurden. Es sind Filme, die richtig Lust darauf machen, ans DOK.fest zu gehen, sie im Kino und mit Publikum anzuschauen und sich davon über die unterschiedlichsten Themen anregen zu lassen. Es sind generell Filme von hohem Niveau, Qualitätsprodukte aus aller Welt.

Oft sind Dokumentationen anregender als manche Spielfilme, weil sie Einblicke ermöglichen, die man als Normalbürger normalerweise nicht erhält, weil die Locations und Organisationen nicht öffentlich zugänglich sind oder aus Orten, wohin zu reisen zu beschwerlich und teuer ist.

Es gibt Exotisches, Abseitiges, Skurriles, aber auch Grundsätzliches, was mit unseren Lebens- und Gesellschaftsgrundlagen zu tun hat und faszinierende Künstlerporträts.

THIS IS GOING TO BE BIG
Diese Film führt zu einem ungewöhnlichen Höhepunkt, mehr als der Titel verspricht.

HOLLYWOODGATE
Embedded bei den Taliban. Wo Frauen sich als Schockolade fühlen dürfen.

MADE IN ETHIOPIA
Industrialisierung im Schnelldurchlauf im Nordosten Afrikas

OF CARAVAN AND THE DOGS
Schwundstufen der Meinungsfreiheit in Russland

BIS HIERHIN UND WIE WEITER?
Weltveränderung mit Selbstreflexion

JOANA MALLWITZ – MOMENTUM
Die Dirigentin, der die Musiker vertrauen.

PROJEKT BALLHAUSLATZ. AUFSTIEG UND FALL DES SEBASTIAN KURZ.
Und war dann doch nur ein durchtriebenes Jüngelchen.

LET THE CANARY SING
Fluffiges vom Kanarienvogel

DIE VISION DER CLAUDIA ANDUJAR
Die Fotografin, der die Indigenen vertrauten.

IM LANDE DER WÖLFE
Entnehmen oder nicht entnehmen, das ist hier die Frage

2UNBREAKABLE
Von den wilden Teens mittels Tanzsport ins Profileben

EINHUNDERTVIER
Seenotrettung in Originalzeit

ETERNAL YOU – VOM ENDE DER ENDLICHKEIT
Wenn Avatare über den Tod hinaus übernehmen – oder, wenn sich der Spiritismus in die KI-Welt verirrt.

THE BONES
Wenn Dinosaurier-Knochen erzählen könnten.

THE DANGER ZONE
Extremtourismus dahin, wo geballert wird.

FOOD INC. 2
Noch besteht die Möglichkeit der Heilung vorm Ernährungskollaps.

This is going to be big (DOK.fest München 2024)

Theater als Ereignis

Bei der Aufführung des Stückes über den australischen Sänger John Farnham im Mountain View Theatre in Bullengarook in Australien kennen Stimmung und Begeisterung im Publikum keine Grenzen mehr.

Das ist mehr als nur ‚big‘, wie im Titel des Filmes von Thomas Hyland behauptet, das ist einmalig, das ist einzigartig, das ist ein Höhepunkt sondergleichen, wie er mit keiner Berufsroutine zu erreichen ist. Das hängt durchaus mit der Art zusammen, wie der Dokumentarist arbeitet.

Der Titel ist sogar irreführend, denn er hört sich so gewöhnlich an, scheint es sich doch dabei um eine leicht und schnell genutzte Redensart zu handeln. Immerhin gibt er Hinweis auf das vordergründige Ziel der Doku, nämlich die alle zwei Jahre stattfindende Theateraufführung der High School in Bullengarook.

Das ist eine ganz spezielle High School, keine inklusive, sondern eine exklusive für Menschen mit Behinderungen, von disorder ist die Rede, auch von autistischen Eigenschaften. Bei uns gibt es Inklusionsprojekte in der Hochkultur, beispielsweise an den Münchner Kammerspielen. Dort down under bleibt man exklusiv.

Und exklusiv ist die Art, wie der Dokumentarist darüber berichtet. Es ist nicht diese zielorientierte, rationale Verfolgung eines Projektes. Er ist sporadisch zugegen praktisch ab dem Moment, wo mit den Vorbereitungen begonnen wird, über ein halbes Jahr vor der geplanten Premiere.

Die Haltung des Dokumentaristen ist diskret. Er und vielleicht ein zweiter Kameramann verdrücken sich in die Ecken der Zimmer, gar vor die Tür, manchmal ist kein Ton dabei. Er hält sich raus aus dem Geschehen, er möchte dieses auch mölichst wenig durch seine Anwesenheit beeinflussen.

Thomas Hyland lässt sich Zeit. Auf gar keinen Fall will er protokollarisch wirken. Das Atomosphärische interessiert ihn mehr. Er ist nicht unempfänglich für Beifang, das Mädel, das sich für Käfer interessiert, der Flugzeugspotter, die ländliche Umgebung der High School.

Er lässt einige der Protagonisten zu Wort kommen. Teils können sie ganz gut über ihre Defekte sprechen. Er ist bei einigen zuhause. Das gibt Einblick in großzügige australische Lebensverhältnisse.

Der Dokumentarist führt so den Zuschauer sachte heran, wie bei einem erotischen Vorspiel, an den unglaublichen Höhepunkt in seinem Film.

2unbreakable (DOK.fest München 2024)

Wege der Jugend –
Wege ins Leben

Mit dem Hauptaugenmerk auf Joana und Serhat schildert Maike Conway, fernsehlich betreut von den Redakteuren Uschi Hansen und Jürgen Erbacher vom ZDF, auf dem Weg vom Teen zum Profisportler. Sie verbindet mit Ali, Said, Sankofa Crew München, The Saxonz Dresden und BGirl Joanna die Liebe zum Breakdance, ja die Besessenheit davon.

Ein roter Faden im Film ist die Etablierung des Breakdance als olympische Disziplin. Dieses Jahr in Paris ist es so weit. Allerdings ist der Film wohl vollendet worden, bevor Klarheit über die allfällige Teilnahme im Olympiakader herrschte. Dieses Ziel wird oft angesprochen, ob man dabei sein werde; es gibt harte Vorentscheidungen bei verschiedenen Battles. Da treten immer zwei Tänzer oder Tänzerinnen gegeneinander an und wer die schwierigsten Moves am perfektesten meistert, gewinnt, der andere ist raus.

Momentweise wirkt der Film wie ein glatter Werbefilm für die Sportart mit eindrücklichen Acts und mit Statements, die diesen Sport und das Gemeinschaftsgefühl, das er vermittle und überhaupt wie schön das Tanzen sei, über den grünen Klee loben.

Der Film wird momentweise ganz anrührend, wenn er ins Privatleben von Joana und Serhat hineinschauen darf, ja, da wird es kurzfristig brisant politisch, denn Serhat ist uigurischer Abstammung, lebt mit seiner Mutter in Kiefergarten bei München und nimmt auch Teil an Demonstrationen gegen die Unterdrückung der Uiguren vorm chinesischen Konsulat in München. Nicht nur, dass er ein athletischer Typ ist, das Schicksal der Uiguren und dass er hier im freien Westen leben kann, ist für ihn zusätzliche Motivation in Richtung deutsches Kader für Olympia. Seine Mutter unterstützt ihn, muss aber schlucken bei der Entscheidung des Sohnes für den Profisport gegen das Studium an der Fachhochschule. Inzwischen lebt er vom Sport, er unterrichtet auch.

Joana dagegen schafft es, beides unter einen Hut zu bringen, nicht nur studiert sie und unterrichtet ebenfalls Breakdance, sie managt auch den Umgang mit ihrem Freund und dessen Tochter. Auch hier spielt eine traurige Geschichte mit, die biologische Mutter von Xenia ist kurz nach der Geburt gestorben und Joana übernimmt die Mutterfunktion. Auch Joana hat Migrationshintergrund, sie stammt aus Bulgarien.

Der Film fängt irgendwann in den Zehner Jahren dieses Jahrhunderts an, da schlafen die Kids bei Wettbewerben noch im Massenlager auf dem Boden und in Schlafsäcken und eine Flatulenz erheitert die Kids. Der Film lässt aber auch ablesen, wie dieser Sport sich auf dem Weg der Professionalisierung – und damit wohl der Reglementierung – befindet, auf dem Weg ins Establishment. Was der Enthusiasmus-Erfahrung der Jugend, die diesen Weg mitgeht, wohl kaum Abbruch tun dürfte. Dennoch werden Ernährungs- und Verletzungsfragen ernsthafter und elementarer. Worum sich Kids mit 15, die einfach Lebensenergie ausdrücken wollen, wohl eher weniger kümmern.

Danger Zone (DOK.fest München 2024)

Reiseberichte
Wieviel, und wenn ja, welchen Kick braucht der Mensch?

Der junge Mormone AJ führt ein beschauliches, familiäres Leben in der amerikanischen Komfortzone. Er sucht einen besonderen Kick, einen wahrhaftigen Kick. Er trifft auf Andrew, der bietet Reisen in Kriegsgebiete an. Mit ihm fliegt AJ nach Somalia. Statt Feuergefechten erlebt AJ vor allem Check-Points und Spannung in den Straßen und Elend. Nach der Reise sucht er den Kick in der Fallschirmspringerei und bleibt in seiner Komfortzone.

Das ist einer der Reiseberichte, die Vita Maria Drygas, die mit Kamil Niewinksi auch das Drehbuch geschrieben hat, in diesem Film versammelt. Zum Bericht gehört selbstverständlich auch Footage über Andrew, den Anbieter solcher Reisen. Auch er führt ein beschauliches Leben mit Frau und Kind in den USA. Er kennt sich aber aus in Krisengebieten und managt solche Individualreisen, die mit großem logistischem Aufwand und einem guten Netzwerk an Kontakten verbunden sind. In Somalia muss Andrew allein für den einen Kunden um ein Dutzend Sicherheitsleute engagieren. Die stören AJ vor allem, wie er am Strand mit Somaliern kicken will.

Ein anderer Reisebericht, und selbstverständlich ist auch hier jemand vom Dokuteam dabei, die versuchen sich aber unsichtbar zu machen, ist derjenige der Amerikanerin italienischen Ursprungs Eleonore. Sie reist nach Afghanistan just zu der Zeit, wie die Taliban Distrikt um Distrikt einnehmen und in ungeahntem Tempo dabei sind, an die Macht zurückzukehren. Auch hier gibt es vor allem Checkpoints und Elend. Immerhin darf Eleonore bei der afghanischen Armee Schießübungen mitmachen. Hier denkt man auch an den Film Hollywoodgate (ebenfalls am DOK.fest München 2024).

Eine weitere Reise führt in den Syrienkonflikt ins Kurdengrenzgebiet von Kamishli. Auch hier gibt es vor allem Flüchtlingselend zu besichtigen, Kinder, die miserabel ausschauen und die teils Fürchterliches erlebt haben müssen unter der ISIS-Herrschaft. Hier durchsuchen die Kriegstouristen Ruinen.

Zuhause hat Andrew eine Sammlung makabrer Souvenirs von seinen Reisen.

The Bones (DOK.fest München 2024)

Paläonto-Stromer-Doku

Nehmen wir an, die Paläntologie ist ein Feld mit einer Vielfalt von Blüten, so stromert diese Doku von Jeremy Xido über dieses Feld, verweilt bei der einen Blüte, lässt wieder von dieser ab, wendet sich der nächsten zu, kehrt auch mal wieder zu einer zurück.

Sich treiben lassen im Feld der Paläntonologie. Und diese treibt wirklich die merkwürdigsten Blüten. Allein die Charaktere von Paläontologen, von Sammlern, Händlern, Forschern bis hin zu solchen, die versuchen, aus DNA Urviecher zu rekonstruieren, sind skurril bis pittoresk. Dieses Feld ist ein weltweites Feld.

Der Film macht Station in der Wüste Gobi in der Mongolei, in der Sahara in Marokko, in den USA in Montana, in Frankreich, in Berlin. Es ist eine internationale Hop-on-Hop-off-Doku, die sogar einen Berührungspunkt mit Hollywood hat, mit Steven Spielberg und seinen Dinosaurier-Fantasien.

Die Doku interessiert sich für Grabungen, legal wie illegal, für den Handel mit Knochenfunden, legal wie illegal, sie interessiert sich für Forschung, Ausstellung, auch mobil wie in der Mongolei, Vorträge und Auktionen, diese legal.

Die Doku guckt bei manchen Protagonisten auch zuhause vorbei. Sie macht staunen nicht nur mit dem Blick in den sternenvollen Himmel in der Wüste Gobi, sondern auch mit der Präsentation von Skeletten von Dinosaurieren und Urvögeln.