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DOK.fest München vom Mittwoch, 6. bis Sonntag, 24. Mai 2020 im Internet.

Das Dok.fest München zieht sich dieses Jahr aus der Öffentlichkeit, aus den öffentlichen Räumen zurück, weil Vater Staat überfürsorglich mit seinem Bürgern umgeht und ihnen nicht zutraut, aus Coronängsten genügend Abstand zwischeneinander zu halten, was im Kino ohne weiteres möglich wäre. 

Das DOK.fest München als ein Streaming-Festival. Filme im Internet zu sichten, ist zwar für den Reviewer kein ungewöhnlicher Vorgang, er hat sogar gewisse Vorteile, wobei die Vorführung im Kinosaal das Non-Plus-Ultra bleibt und der wahre Härtetest für Filme. 

Andererseits fehlt dem Festival genau das, was es zum Festival macht: der Kontakt zu den anderen Menschen, der Austausch über die Filme, die Reaktionen der anderen Zuschauer während der Vorführung, die auf Dinge aufmerksam machen können, die man selber übersieht. 

Insofern ist dies nur der Torso eines Festivals, was immerhin für die teilnehmenden Filmemacher den Ausweis einer Festivalteilnahme mit sich bringt, was mitunter für die weitere Laufbahn eines Filmers entscheidend sein kann und noch mehr, die Teilnahme an verschiedenen Wettbewerben, was für die Finanzierung neuer Projekte hilfreich sein kann, für Filme, die wir vielleicht nächstes oder übernächstes Jahr zu sehen bekommen; das allein ist Grund genug, sich hier Filme anzusehen, um dem Kino beim Überleben in diesen krassen Zeiten zu helfen. 

Coronapolitikgeschädigte Bürger haben hier die Möglichkeit, als Online-Zuschauer ein sicher spannenderes Programm zu erleben als das übliche Fernsehprogramm bietet. 

stefe hat sich im Vorfeld einige der Filme anschauen können.

Reviews zu den Filmen des Internationalen Wettbewerbes DOK.international.

Reviews zu den Filmen der Reihe DOK.horizonte.

Reviews zu den drei Filmen von DOK.network Africa

Und last but not least 3 Reviews zu Filmen außerhalb dieser Reihen, zu JENSEITS DES SICHTBAREN – HILMA AF KLINT, WALCHENSEE FOREVER, zu SCHLINGENSIEF – IN DAS SCHWEIGEN HINEINSCHREIEN und zu SPACE DOGS.

stefes Lieblingsfilm: 143 RUE DU DÉSERT, auf einen Tschai für Müßiggänger!

DOK.international (DOK.fest München 2020)

Der internationale Wettbewerb des DOK.festes München 2020 bringt eine Mischung unterschiedlicher methodisch-thematischer Ansätze des Dokumentarfilmes. Der politische Dokumentarfilm über den bröselnden Mittelstand in den USA, über ein mexikanisches Staatsverbrechen und über Straßenkämpfe in Hong Kong. Der reizvoll cinéphil-essayistische Dokumentarfilm, der Dokumentarmaterial montiert um Literatur zu bebildern, eine Filmemacher-Biographie zu schreiben, die Auseinandersetzung mit dem Tod zu führen oder die eigene Mutter als cinésynthetisierte Frau zu erfinden; aber auch die Künstlerin, die sich selbst zum Dokumentarmaterial macht, sei es als Malerin mit krasser Krankheit (in Norwegen) oder als Tänzerin mit bewegt-bewegender Vergangenheit (in Ungarn). Pittoreske Außenseiterthemen als Stimmungsbilddokus wie Zwangsumsiedlung von Roma in Rumänien oder einer Minderheit in China; die Mäuschendoku über die Erziehung holländischer Punks auf dem Bauernhof oder Eintauchen in den unteren Rand der Gesellschaft in Persien gleich zweimal als mordende Frauen im Knast oder als drogenabhängige Prostituierte im Obdachlosenheim. Schließlich der Aufarbeitungsfilm als Befragungs- und Stimmungsbildfilm, der in Chile Menschen besucht, die Teil eines brutalen Systems gewesen sind. 

BABENCO – TELL ME WHEN I DIE

Der Tod, das sind Flitterwochen mit einem Hongkong-Star!

ACASA, MY HOME

Rumänischer Versuch, eine eigenwillige Romafamilie zu integrieren. 

THE EUPOHRIA OF BEING

Die Komplexität der Frau. 

UNE FEMME – MA MÈRE

Erfinden einer Mutter – aus dem kanadischen Filmarchiv. 

VIVOS

Ungesühntes, unaufgeklärtes mexikanisches Staatsverbrechen an Campesinos. 

LE CHANT D‘ EMPÉDOCLE

Literaturverfilmung als Portrait einer Insel. 

THE DISRUPTED

Bröselnder Mittelstand in den USA.

QUIANG’S JOURNEY

Erdbebenbegründete Zwangsumsiedlung von Minderheit in China. 

SUNLESS SHADOWS

Persischer Frauenknast.

THE SELF-PORTRAIT

Kunst und Anexorie – tiefhuman bildstark. 

SONGS OF REPRESSION

Niemand kann das irgendwo lernen: damit umgehen, dass man eine furchtbare Vergangenheit in einem Zwangssystgem gehabt hat. 

HONG KONG MOMENTS

Reißerische Frontreportage des Kampfes um die Demokratie. 

THE UNSEEN

Vom Abschaum Teherans – nicht im Sinne der Mullahs.

PUNKS

Selbtdarsteller für Mäuschenkamera oder Punkploitation. 

DOK.horizonte (DOK.fest München 2020)

Philippinische Hausmädchen bilden sich fort. Eine mexikanische Recherche-Journalistin kämpft gegen die Korruption. Indonesische Hausmädchen zur Kolonialzeit. Ein weiterer Puzzlestein zum unlösbaren Nahostkonflikt. Ein syrischer Junge zaubert mit Farbrauch Musicalatmospähre in die Ruinen. Eine Dschungelstraße in Kolumbien macht einem Filmemacher schwer zu schaffen. Ein Tunnel in Georgien lockt Stimmungsbilddokumentaristen an. Ein Flussweg zwischen Indien und Ladakh muss zum Vorwand für Himmalaya-Sehnsuchtsbilder herhalten. 

OVERSEAS

Philippinische Hausmädchen auf Fortbildung. 

SILENCE RADIO

Aufgeheizt für die Freiheit der Meinungsäußerung. 

THEY CALL ME BABU

Indonesische Kindermädchen im holländischen Kolonialismus.

IBRAHIM: A FATE TO DEFINE

Nicht aufgearbeitete Exekution unter Terroristen. 

COPPER NOTES OF A DREAM 

Der Stoff, aus dem die Träume sind. 

SUSPENSIÓN

Der Amazonas-Dschungel verschlingt Euch alle!

A TUNNEL

Stimmungsbilddoku von einer Bruchstelle der Weltpolitik. 

CHADDR – UNTER UNS DER FLUSS

Mit genügend Ladakh-Beifang für die deutsche Sehnsuchtsseele.

DOK.network Africa (DOK.fest München 2020)

Drei Filme unterschiedlicher Dok.-Genres aus Algerien, Lesotho und Kenia sind in der Reihe DOK.network Africa zu sehen.

Malika betrachtet von einer Saharastraße aus das algerische Leben. In Lesotho nisten sich die Chinesen gegen Geld ein. Der Vorwand von Hexereigerüchten dient zur Darstellung mittelständisch kenianischen Lebens auf dem Lande. 

143 RUE DU DÉSERT 

Malikas Blick auf Passanten und Fahrer einer Landstraße in der Wüste ist wie ein Blick in die DNA von Algerien. 

DAYS OF CANNIBALISM

Geld gegen Land einerseits und Diebstahl/Gewalt gegen das Gefühl der Unterlegenheit andererseits in Lesotho.

THE LETTER

Für von der Ermordung wegen des Verdachtes der Hexerei bedrohte Alte gibt es im ländlichen Kenia ein „exklusives“, geschütztes Altenheim.

The Euphoria of Being (DOK.fest München 2020)

Etwas Hässliches zu zeigen, ist unmoralisch

oder

von der Komplexität, eine Frau zu sein. 

Éva Fahidi, die Protagonistin dieses Filmes von Réka Szabó ist ganz und gar Frau und sich der Komplexität dieses Seinszustandes von früh an bewusst. 

Als junge Frau hatte sie einen dreiteiligen Spiegel, vor dem sie tanzte, nackt, natürlich. Jetzt mit über 90 Jahren macht sie das nicht mehr, weil sie findet, etwas Hässliches zu zeigen, sei unmoralisch – und als so etwas empfindet sie ihren Körper; teils sind die Füße und Beine blutunterlaufen. 

Die nackte Schönheit der Frau zeigt dagegen Emes Cuhorka. Sie ist eine junge Tänzerin. 

Die Regisseurin Réka Szabó hat die beiden Frauen für eine Tanzperformance zusammengebracht, die das Leben von Éva, die auch ein autobiographisches Buch geschrieben hat, erzählt. Es ist, wie eine Frau komplex ist, ein vielschichtiger Film geworden, der die Entstehung dieser Tanz- und Sprechperformance dokumentiert. 

Es ist ein Tanzfilm, ein Frauenfilm, ein Holocaustaufarbeitungsfilm, ein Lebensfreudefilm, denn Leben sei Euphorie, es ist in gewisser Weise auch ein Ungarnfilm, ein Träumerfilm, ein Autobiographiefilm. 

Éva stammt aus vermögenden, bürgerlichen Verhältnissen, jüdisch. Dem Vater war Geld wichtig. Das wollte er nicht zurücklassen, deshalb flohen er und seine Familie nicht. Das ist eine der zentralen Szenen der Performance, in der Éva ihren Vater anklagt, das Leben der ganzen Familie aufs Spiel gesetzt zu haben bloß wegen Geld. 

Éva war die einzige, die Auschwitz überlebt hat, ein weiteres zentrales Thema, Trauma, aber auch ihre kleinere Schwester, für die Emese steht, und der ewige Traum vom Fliegen, das Gefühl, ein Leben in Euphorie verdient zu haben, ein Leben in Liebe und Glück verdient zu haben nach den Gräueln von Auschwitz. 

Szabó fängt ihren Film mit der Verlegung von Stolpersteinen für die Familie von Éva an vor dem Haus, in welchem sie damals gelebt hatten. Für die Münchner ein Signal, dass Stolpersteine nicht zum Herumtrampeln auf der Erinnerung da sind, sondern dafür, solche eindrücklichen, tiefen Erinnerungen wach zu halten. 

Dank Corona wird einem durch den Film eine weitere Dimension bewusst, wie wichtig doch für menschliches Leben und menschliche Würde Nähe, Austausch und Berührung sind; alles Dinge, die die Coronapolitik brutal verbietet. 

Walchensee forever (DOK.fest München 2020)

Heimat Walchensee

Der Walchensee als Dreh- und Angelpunkt für das Leben von 5 Generationen starker Frauen einer Familie. 

Die Filmemacherin Janna Ji Wonders wäre die vierte Generation. Ob sie je das Café am See weiterführen wird, das ist kein Thema in ihrem Film; sie gibt im Abspann lediglich zu verstehen, dass sie noch dort wohnt. 

Zentrum ihrer sehr persönlichen und familiären Familienbefragung oder Familienaufstellung ist ein Gespräch mit ihrer Mutter Anna. Dabei eröffnen sich überraschende Perspektiven und Geschichten weit über das bayerische Voralpenland hinaus mitten hinein in die Generation der bundesrepublikanischen 68er. 

Da in der Familie früh schon fotografiert worden ist, wie es überhaupt literarisch-künstlerische Adern immer gegeben hat, die auch Tagebuch geführt oder Briefe geschrieben haben, kann die Filmemacherin auf einen reichen historischen Bilder- und Textschatz zurückgreifen, der weit zurückgeht in die Familiengeschichte bis in den ersten Teil des letzten Jahrhunderts. 

Da ist ihre Uroma an den Walchensee gezogen sein, weil sie das Café ihrer Eltern an einem anderen bayerischen Voralpensee nicht weiterführen wollte, da ihre Schwester gestorben war. Also früh schon ein dunkler Akkord in der Familie, ein Erlebnis, was die immer höchst gepflegte Dame tief und vermutlich nie besprochen belastet haben muss. 

Lebendig zu erleben ist noch die Oma der Filmemacherin, die in den letzten Aufnahmen bereits stolze 104 Jahre alt ist und das Café geführt hatte. Die Mutter und Hauptperson in dem Film hatte auch eine Schwester. Die beiden sind Vertreter jener Generation, die in den 60ern/70ern des letzten Jahrhunderts anfingen, die weite Welt mit erschwinglichen Flugreisen zu erkunden. Die beiden Schwestern reisten nach Mexiko als musikalisches Duo in Dirndl und mit Hackbrett. 

Mexiko ist nicht weit weg von Kalifornien. Da waren die Hippies. Da wurde Hasch geraucht und meditiert und die beiden Bayerinnen angesteckt von diesem Rausch. Später stand Indien auf dem Programm und in München landeten sie beide beim Kommunarden Langhans, der in diesem Film ein weiterer wichtiger Interviewpartner wird nebst Jutta, die damals auch Teil des berühmt-berüchtigten „Harems“ war. 

Faszinierend an der Mutter von Janna ist, dass sie offenbar ihre Bodenständigkeit nie verloren hat, dass sie das Café weitergeführt hat – trotz dem seltsamen Gefühl der Jugend in der Gastronomie und wohl bis heute Unverdautes mit sich herumtragend. 

Ebenso faszinierend ist, dass auch die Filmemacherin, die am Schluss des Filmes schon die nächste Generation, ihr Baby, zeigen kann, immer noch am Walchensee wohnt. Der amerikanische Hippie-Opa aber lebt in Kalifornien und da führt die erste Flugreise mit Baby denn auch hin. Schöner kann man es nicht haben, sowohl den Walchensee als auch die Welt – wenn auch dieses leichte Reisen momentan in Coronazeiten nicht mehr so gegeben sein dürfte.

Vivos (DOK.fest München 2020)

Im Vorspann:

„On the night of September 26, 2014, police attacked five buses carrying student activists in Uguala, Mexico.

Six people were killed, dozens wounded, and 43 students were forcibly disappeared. These students have not been seen since. 

The official state-led investigation into the events concluded that the police handed the 43 students over to a local drug cartel which killed them, incinerated their bodies and disposed of their remains into a nearby river. The attorney General of Mexico declared this the „hitoric truth“.

Staatsverbrechen

sind schwer zuzugeben; auch in Mexiko; hier wird stattdessen eine „historische Wahrheit“ als definitive Wahrheit propagiert. So im Falle der 43 Studenten von der Ayotzinapa-Schule in Iguala, die mit anderen in einem Bus fuhren, von der Polizei angehalten und an ein Drogenkartell übergeben wurden. Von 43 Studenten fehlt seither jede Spur. 

Die Schule in Ayotzinapa ist dem Staat ein Dorn im Auge, weil sie sich für Menschenrechte und also auch die Rechte der indigenen Bauern der Gegend einsetzt, ihnen die Chance auf Bildung eröffnend.

Ai Weiwei hat Entführung und Verschwinden der 43 Studenten zum Anlass für seinen Film genommen. Er nutzt den Vorwand aber auch, um ein einprägsames Bilder des Lebens dieser „Campesinos“ zu zeichnen, die Kaffee, Zuckerrohr, Mais anbauen. Da Ai Weiwei von der bildenden Kunst kommt, hat er ein geschärftes Auge für Bildkomposition, einen entschiedenen Fokus, auch für die Auswahl seiner Protagonisten. Er stellt die Kamera, die sich kaum bewegt, so hin, dass prägnante, aussagekräftige, teils fast spektakuläre Bilder des einfachen Alltags dieser Bauern entstehen. 

Dass Ai Weiwei auf der Seite seiner Protagonisten steht und für die Zeit des Filmes bei ihnen ist, deutet er in wenigen Bildern am Anfang an, in denen er selbst zu sehen ist. Mehr Selbstdarstellung braucht er diesmal nicht wie in seinem Film Human Flow, wo er sich ständig mit den Flüchtingen abgelichtet hat, was ihm damals vorgeworfen worden ist. 

Der Film schildert aber auch, wie die Hinterbliebenen der verschollenen Studenten darunter leiden, wie sie versuchen, damit klar zu kommen. Die Eltern der 43 schweißt dieses Staatsverbrechen zusammen. Sie haben Menschenrechtsanwälte und Journalisten, die sie unterstützen.

Für den nicht verschleppten, vorgeblich gehirntoten Aldo, der in einem Spital ist, haben sie ein Haus für die dauernde Pflege gebaut. Er ist physisch wenigstens noch da. 

Über das Schicksal der 43 verschwundenen Studenten müssen sie sich mit der „historischen Wahrheit“, die kaum mehr als ein Gerücht ist, abfinden. Sie tun es nicht, sie organisieren Demonstrationen in Mexiko, auf dem Zocalo, vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft, vor anderen Regierungsgebäuden. Sie rühren sich. Auch der Film von Ai Weiwei kann als Teil dieser Aktivitäten gesehen werden, auch wenn eine Mutter lieber in Frieden im Kreise ihrer Familie leben würde als Interviews für einen Film geben zu müssen. 

Ai Weiwei weitet die Perspektive von der Schilderung des Landlebens aus auf die politische Dimension; zeigt wie frustrierend es für die Aktivisten ist, weil der Staat sich taub stellt. So scheint auch Fatalismus sich in seinen Film einzuschleichen, der gegen Ende sich in Bildern von Demos, Militärparaden und Folklore wie auflöst. 

They call me Babu (DOK.fest München 2020)

Niederländisch-Indien 

oder Niederländisch-Ostiniden war der Name des heutigen Indonesiens als holländische Kolonie von 1602 bis 1949. 

Die reichen holländischen Kaufleute oder Staatsangestellten beschäftigten arme Indonesierinnen als Kindermädchen. Die nahmen sie auch mit nach Holland. Sie wurden „Babu“ genannt. 

Von diesen Nannys gibt es Berichte und im 20. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Filmes von Holländern auch Amateuraufnahmen. 

Aus den Zeugnissen vieler Babus und aus einem Fundus von Archivfootage von Holländern aus der Zeit hat Sandra Beerends die fingierte Geschichte einer solchen Frau synthetisiert und diese mit alten Filmausschnitten illustiert. 

Der Grund dafür, dass Babu diesen Job macht. ist der, dass sie von ihrem Vater verstoßen worden ist, weil der lieber einen Jungen gehabt hätte. Deshalb hat sie das Angebote angenommen, das recht abenteuerlich war, für zwei Jahre mit der Familie nach Belanda, Holland, zu gehen, um sich vor allem um das kleinste Kind der Familie, Jantje, zu kümmern. 

Somit gibt es die luxuriöse Seite des Kolonialismus zu sehen, die Überfahrt auf dem Luxusdeck eines Dampfers, die Vergnügungen vom Sackhüpfen über das Wellenbad, die Durchfahrt durch den Suezkanal, der obligatorische Ausflug zu den Pyramiden. Holland, die Kälte, der Schock für Babu, dass sie im Geschäft mit „Madame“ angesprochen wird. 

Nach zwei Jahren die Rückreise nach Indonesien. Am Rande bekommt sie mit, dass die Nazis in Holland einmarschiert sind. Japan nimmt Indonesien den Holländern weg. Über Nacht verliert sie ihre Herrschaft. 

Über die Japanisierung Indonesiens liefern die Archive deutliches Material, wie roboterhaft zackig in den Fabriken gearbeitet oder in der Schule gelernt wird. Glücklich schaut niemand aus. 

Babu findet als neue Herrschaft eine chinesische Familie. Für eine Liebesgeschichte zu einem traditionellen Tänzer, Ribut, gibt das Archiv auch genügend her. 

Sara Beerends lässt ihre Geschichte traurig und glücklich zugleich ausgehen. Der Tänzer treibt als Leiche im Fluss. Babu aber trägt schon etwas von ihm im Leibe. Die Geschichte wird über den Bildern von einer Frauenstimme vorgetragen. Für Hahnenkämpfe, Stabpuppenspiel und traditionelle Tänze bleibt auch noch Zeit.

Darüber könnte man vielleicht streiten, ob das Material wirklich so eine zurechtgebogene Geschichte braucht, oder ob nicht eine etwas systematischere Darstellung des Filmmaterials nachhaltiger und informativer wäre. 

Une Famme, ma Mére (DOK.fest München 2020)

Erfindung einer Mutter 

oder Annäherung an eine Unnahbar-Unbekannte. 

Schicksal des Säuglings, der von der Mutter gleich nach Geburt zur Adoption freigegeben wird. Und den das Leben lang dieses Gefühl des Verstoßenseins, des Nicht-Willkommenseins quält. 

Das erzählt der Kanadier Paul-Claude Demers in seiner schön schwarz-weiß essayistischen Bildmontage. 

Demers muss seine Mutter, da sie ihre Spuren sorgfältig verwischt und absolut nichts von dem Kind wissen will, erfinden. Er versucht, sie sich vorzustellen. Es ist Nachkriegszeit. Er geht daon aus, dass sie in Burlington in den USA als Au-Pair gearbeitet hat, um Englisch zu lernen, da sie aus dem französischsprachigen Teil Kanadas stammt, wie er offenbar auch, denn er ist der Ich-Erzähler, der seine Vermutungen und Erfahrungen der Suche nach seiner Mutter voiceover auf Französisch spricht. 

Wie an Bilder einer Unbekannten kommen? Da hat Demers eine spannende Lösung gefunden. Er hat im Archiv des National Board of Canada’s Film Collection gewühlt, ausgiebig gewühlt. Dort hat er Ausschnitte herausgepickt, die das zeitgenössische Leben in Kanada, auch in Spielfilmen, schildern. Damit öffnet er raffinierterweise die Geschichte von der reinen Privatheit auf die Geschichte kanadischen Filmemachens, was er zu einer faszinierend essayistischen Montage der vorgeblichen Biographie seiner Mutter zusammenfügt, wobei er nachträglich gedrehte Spielszenen mit Darstellerinen allen Alters seiner Mutter noch eingefügt hat. 

Gleichzeitig transportiert er den Schmerz eines vom ersten Tag an dermaßen verlassenen Menschen. Den Film widmet er der Enkelin seiner Mutter, seiner Tochter Alma.

Demers entwirft mit diesem fiktiven Portrait auch das synthetisch, prototypische Bild einer kanadischen Nachkriegsfrau und erfüllt so seinen Titel von „Einer Frau“ als auch von “Meine Mutter.“

The Unseen (DOK.fest München 2020)

Homeless in Iran are called ‚cardboard sleepers‘

because they sleep in cardbourdboxes.

Den Elenden helfen?

In diesem Film von Behzad Nalbandi ist nur die Tonspur das Dokumentarische. 

Auf dem Bildschirm – oder hoffentlich bald wieder auf der Kinoleinwand! – sind von ihm liebevoll gefertigte Kartonage-Animationen zu sehen, die die Frauen, die er interviewt, darstellen, bis auf eine sind sie gezielt ohne Absicht der Ähnlichkeit. 

Es handelt sich um Frauen am äußersten Rand der islamischen Gesellschaft in Teheran, einen Rand, den es offiziell gar nicht gibt. Daher ist mit Berichten darüber Vorsicht geboten, damit dürfte sich die Reduktion des Dokumentarischen auf die Tonspur erklären. 

Der Regisseur befragt die Frauen, die jetzt in einer Art Frauenhaus oder Fauengefängnis leben, ganz klar wird das nicht, da von zwei Institutionen die Rede ist, nach ihrem Schicksal. Das ist immer in etwa das Gleiche. Verstoßen von zuhause oder ganz früh verheiratet, keine gute Ehe; Gewalt. Alle Frauen landeten eher früher als später auf der Straße, in der Prostitution und bei den Drogen Meth, Heroin, Crack. 

Sie lebten zwischenzeitlich in Kartonboxen. Das ist der Text, der dem Film vorangestellt ist: Obdachlose werden in Iran „cardboard sleepers“ (Kartonbox-Schläfer) genannt, weil sie in Kartons schlafen; darauf bezieht sich der Regisseur bei seiner Animation, die er aus Kartonteilen im Stop-Motion-Verfahren anfertigt. 

Es sind Schicksale ohne Chance auf eine Rückkehr in die Gesellschaft. Im Abspann werden mehrere der Protagonistinnen erwähnt, die 5 Jahre nach den Dreharbeiten bereits verstorben sind und aus jenem staatlichen Gefängnis, das für 30 Frauen ausgelegt und mit 60 Frauen übervoll ist, sei kein Herauskommen, falls nicht die Familie das ausdrücklich wolle – aber so eine gibt es nicht, das ist just der Grund für das Schicksal. Über die anderen ist im Abspann zu lesen, dass sie alle noch in jenem „Shelter“, Schutzraum, Unterschlupf, seien.