Archiv der Kategorie: Filmfest

DOK.fest München 2024 – Übersicht über die Reviews

stefe hat auf zwei Wegen die Möglichkeit erhalten, Filme des heute beginnenden DOK.festes München 2024 vorab zu sehen. Es gab Filme bei regulären Pressevorführungen, aber auch Sichtungslinks, die vom DOK.fest freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurden. Es sind Filme, die richtig Lust darauf machen, ans DOK.fest zu gehen, sie im Kino und mit Publikum anzuschauen und sich davon über die unterschiedlichsten Themen anregen zu lassen. Es sind generell Filme von hohem Niveau, Qualitätsprodukte aus aller Welt.

Oft sind Dokumentationen anregender als manche Spielfilme, weil sie Einblicke ermöglichen, die man als Normalbürger normalerweise nicht erhält, weil die Locations und Organisationen nicht öffentlich zugänglich sind oder aus Orten, wohin zu reisen zu beschwerlich und teuer ist.

Es gibt Exotisches, Abseitiges, Skurriles, aber auch Grundsätzliches, was mit unseren Lebens- und Gesellschaftsgrundlagen zu tun hat und faszinierende Künstlerporträts.

THIS IS GOING TO BE BIG
Diese Film führt zu einem ungewöhnlichen Höhepunkt, mehr als der Titel verspricht.

HOLLYWOODGATE
Embedded bei den Taliban. Wo Frauen sich als Schockolade fühlen dürfen.

MADE IN ETHIOPIA
Industrialisierung im Schnelldurchlauf im Nordosten Afrikas

OF CARAVAN AND THE DOGS
Schwundstufen der Meinungsfreiheit in Russland

BIS HIERHIN UND WIE WEITER?
Weltveränderung mit Selbstreflexion

JOANA MALLWITZ – MOMENTUM
Die Dirigentin, der die Musiker vertrauen.

PROJEKT BALLHAUSLATZ. AUFSTIEG UND FALL DES SEBASTIAN KURZ.
Und war dann doch nur ein durchtriebenes Jüngelchen.

LET THE CANARY SING
Fluffiges vom Kanarienvogel

DIE VISION DER CLAUDIA ANDUJAR
Die Fotografin, der die Indigenen vertrauten.

IM LANDE DER WÖLFE
Entnehmen oder nicht entnehmen, das ist hier die Frage

2UNBREAKABLE
Von den wilden Teens mittels Tanzsport ins Profileben

EINHUNDERTVIER
Seenotrettung in Originalzeit

ETERNAL YOU – VOM ENDE DER ENDLICHKEIT
Wenn Avatare über den Tod hinaus übernehmen – oder, wenn sich der Spiritismus in die KI-Welt verirrt.

THE BONES
Wenn Dinosaurier-Knochen erzählen könnten.

THE DANGER ZONE
Extremtourismus dahin, wo geballert wird.

FOOD INC. 2
Noch besteht die Möglichkeit der Heilung vorm Ernährungskollaps.

This is going to be big (DOK.fest München 2024)

Theater als Ereignis

Bei der Aufführung des Stückes über den australischen Sänger John Farnham im Mountain View Theatre in Bullengarook in Australien kennen Stimmung und Begeisterung im Publikum keine Grenzen mehr.

Das ist mehr als nur ‚big‘, wie im Titel des Filmes von Thomas Hyland behauptet, das ist einmalig, das ist einzigartig, das ist ein Höhepunkt sondergleichen, wie er mit keiner Berufsroutine zu erreichen ist. Das hängt durchaus mit der Art zusammen, wie der Dokumentarist arbeitet.

Der Titel ist sogar irreführend, denn er hört sich so gewöhnlich an, scheint es sich doch dabei um eine leicht und schnell genutzte Redensart zu handeln. Immerhin gibt er Hinweis auf das vordergründige Ziel der Doku, nämlich die alle zwei Jahre stattfindende Theateraufführung der High School in Bullengarook.

Das ist eine ganz spezielle High School, keine inklusive, sondern eine exklusive für Menschen mit Behinderungen, von disorder ist die Rede, auch von autistischen Eigenschaften. Bei uns gibt es Inklusionsprojekte in der Hochkultur, beispielsweise an den Münchner Kammerspielen. Dort down under bleibt man exklusiv.

Und exklusiv ist die Art, wie der Dokumentarist darüber berichtet. Es ist nicht diese zielorientierte, rationale Verfolgung eines Projektes. Er ist sporadisch zugegen praktisch ab dem Moment, wo mit den Vorbereitungen begonnen wird, über ein halbes Jahr vor der geplanten Premiere.

Die Haltung des Dokumentaristen ist diskret. Er und vielleicht ein zweiter Kameramann verdrücken sich in die Ecken der Zimmer, gar vor die Tür, manchmal ist kein Ton dabei. Er hält sich raus aus dem Geschehen, er möchte dieses auch mölichst wenig durch seine Anwesenheit beeinflussen.

Thomas Hyland lässt sich Zeit. Auf gar keinen Fall will er protokollarisch wirken. Das Atomosphärische interessiert ihn mehr. Er ist nicht unempfänglich für Beifang, das Mädel, das sich für Käfer interessiert, der Flugzeugspotter, die ländliche Umgebung der High School.

Er lässt einige der Protagonisten zu Wort kommen. Teils können sie ganz gut über ihre Defekte sprechen. Er ist bei einigen zuhause. Das gibt Einblick in großzügige australische Lebensverhältnisse.

Der Dokumentarist führt so den Zuschauer sachte heran, wie bei einem erotischen Vorspiel, an den unglaublichen Höhepunkt in seinem Film.

2unbreakable (DOK.fest München 2024)

Wege der Jugend –
Wege ins Leben

Mit dem Hauptaugenmerk auf Joana und Serhat schildert Maike Conway, fernsehlich betreut von den Redakteuren Uschi Hansen und Jürgen Erbacher vom ZDF, auf dem Weg vom Teen zum Profisportler. Sie verbindet mit Ali, Said, Sankofa Crew München, The Saxonz Dresden und BGirl Joanna die Liebe zum Breakdance, ja die Besessenheit davon.

Ein roter Faden im Film ist die Etablierung des Breakdance als olympische Disziplin. Dieses Jahr in Paris ist es so weit. Allerdings ist der Film wohl vollendet worden, bevor Klarheit über die allfällige Teilnahme im Olympiakader herrschte. Dieses Ziel wird oft angesprochen, ob man dabei sein werde; es gibt harte Vorentscheidungen bei verschiedenen Battles. Da treten immer zwei Tänzer oder Tänzerinnen gegeneinander an und wer die schwierigsten Moves am perfektesten meistert, gewinnt, der andere ist raus.

Momentweise wirkt der Film wie ein glatter Werbefilm für die Sportart mit eindrücklichen Acts und mit Statements, die diesen Sport und das Gemeinschaftsgefühl, das er vermittle und überhaupt wie schön das Tanzen sei, über den grünen Klee loben.

Der Film wird momentweise ganz anrührend, wenn er ins Privatleben von Joana und Serhat hineinschauen darf, ja, da wird es kurzfristig brisant politisch, denn Serhat ist uigurischer Abstammung, lebt mit seiner Mutter in Kiefergarten bei München und nimmt auch Teil an Demonstrationen gegen die Unterdrückung der Uiguren vorm chinesischen Konsulat in München. Nicht nur, dass er ein athletischer Typ ist, das Schicksal der Uiguren und dass er hier im freien Westen leben kann, ist für ihn zusätzliche Motivation in Richtung deutsches Kader für Olympia. Seine Mutter unterstützt ihn, muss aber schlucken bei der Entscheidung des Sohnes für den Profisport gegen das Studium an der Fachhochschule. Inzwischen lebt er vom Sport, er unterrichtet auch.

Joana dagegen schafft es, beides unter einen Hut zu bringen, nicht nur studiert sie und unterrichtet ebenfalls Breakdance, sie managt auch den Umgang mit ihrem Freund und dessen Tochter. Auch hier spielt eine traurige Geschichte mit, die biologische Mutter von Xenia ist kurz nach der Geburt gestorben und Joana übernimmt die Mutterfunktion. Auch Joana hat Migrationshintergrund, sie stammt aus Bulgarien.

Der Film fängt irgendwann in den Zehner Jahren dieses Jahrhunderts an, da schlafen die Kids bei Wettbewerben noch im Massenlager auf dem Boden und in Schlafsäcken und eine Flatulenz erheitert die Kids. Der Film lässt aber auch ablesen, wie dieser Sport sich auf dem Weg der Professionalisierung – und damit wohl der Reglementierung – befindet, auf dem Weg ins Establishment. Was der Enthusiasmus-Erfahrung der Jugend, die diesen Weg mitgeht, wohl kaum Abbruch tun dürfte. Dennoch werden Ernährungs- und Verletzungsfragen ernsthafter und elementarer. Worum sich Kids mit 15, die einfach Lebensenergie ausdrücken wollen, wohl eher weniger kümmern.

Danger Zone (DOK.fest München 2024)

Reiseberichte
Wieviel, und wenn ja, welchen Kick braucht der Mensch?

Der junge Mormone AJ führt ein beschauliches, familiäres Leben in der amerikanischen Komfortzone. Er sucht einen besonderen Kick, einen wahrhaftigen Kick. Er trifft auf Andrew, der bietet Reisen in Kriegsgebiete an. Mit ihm fliegt AJ nach Somalia. Statt Feuergefechten erlebt AJ vor allem Check-Points und Spannung in den Straßen und Elend. Nach der Reise sucht er den Kick in der Fallschirmspringerei und bleibt in seiner Komfortzone.

Das ist einer der Reiseberichte, die Vita Maria Drygas, die mit Kamil Niewinksi auch das Drehbuch geschrieben hat, in diesem Film versammelt. Zum Bericht gehört selbstverständlich auch Footage über Andrew, den Anbieter solcher Reisen. Auch er führt ein beschauliches Leben mit Frau und Kind in den USA. Er kennt sich aber aus in Krisengebieten und managt solche Individualreisen, die mit großem logistischem Aufwand und einem guten Netzwerk an Kontakten verbunden sind. In Somalia muss Andrew allein für den einen Kunden um ein Dutzend Sicherheitsleute engagieren. Die stören AJ vor allem, wie er am Strand mit Somaliern kicken will.

Ein anderer Reisebericht, und selbstverständlich ist auch hier jemand vom Dokuteam dabei, die versuchen sich aber unsichtbar zu machen, ist derjenige der Amerikanerin italienischen Ursprungs Eleonore. Sie reist nach Afghanistan just zu der Zeit, wie die Taliban Distrikt um Distrikt einnehmen und in ungeahntem Tempo dabei sind, an die Macht zurückzukehren. Auch hier gibt es vor allem Checkpoints und Elend. Immerhin darf Eleonore bei der afghanischen Armee Schießübungen mitmachen. Hier denkt man auch an den Film Hollywoodgate (ebenfalls am DOK.fest München 2024).

Eine weitere Reise führt in den Syrienkonflikt ins Kurdengrenzgebiet von Kamishli. Auch hier gibt es vor allem Flüchtlingselend zu besichtigen, Kinder, die miserabel ausschauen und die teils Fürchterliches erlebt haben müssen unter der ISIS-Herrschaft. Hier durchsuchen die Kriegstouristen Ruinen.

Zuhause hat Andrew eine Sammlung makabrer Souvenirs von seinen Reisen.

The Bones (DOK.fest München 2024)

Paläonto-Stromer-Doku

Nehmen wir an, die Paläntologie ist ein Feld mit einer Vielfalt von Blüten, so stromert diese Doku von Jeremy Xido über dieses Feld, verweilt bei der einen Blüte, lässt wieder von dieser ab, wendet sich der nächsten zu, kehrt auch mal wieder zu einer zurück.

Sich treiben lassen im Feld der Paläntonologie. Und diese treibt wirklich die merkwürdigsten Blüten. Allein die Charaktere von Paläontologen, von Sammlern, Händlern, Forschern bis hin zu solchen, die versuchen, aus DNA Urviecher zu rekonstruieren, sind skurril bis pittoresk. Dieses Feld ist ein weltweites Feld.

Der Film macht Station in der Wüste Gobi in der Mongolei, in der Sahara in Marokko, in den USA in Montana, in Frankreich, in Berlin. Es ist eine internationale Hop-on-Hop-off-Doku, die sogar einen Berührungspunkt mit Hollywood hat, mit Steven Spielberg und seinen Dinosaurier-Fantasien.

Die Doku interessiert sich für Grabungen, legal wie illegal, für den Handel mit Knochenfunden, legal wie illegal, sie interessiert sich für Forschung, Ausstellung, auch mobil wie in der Mongolei, Vorträge und Auktionen, diese legal.

Die Doku guckt bei manchen Protagonisten auch zuhause vorbei. Sie macht staunen nicht nur mit dem Blick in den sternenvollen Himmel in der Wüste Gobi, sondern auch mit der Präsentation von Skeletten von Dinosaurieren und Urvögeln.

Projekt Ballhausplatz. Aufstieg und Fall des Sebastian Kurz (DOK.fest München 2024)

Märchenprinz

Das scheint ein mögliche Interpretation dieser märchen- und thrillerhaften Dokumentation von Kurt Langbein zu sein, dass das Volk Märchen und Märchenprinzen will, dass es zu leicht glaubt, dass die Macht neue Kleider trägt.

Dass aber in Österreich doch noch genug demokratischer Geist vorhanden ist, und es auffliegt, dass das Märchen gar kein Märchen, der Prinz gar kein Prinz sondern lediglich ein durchtriebenes Jüngelchen sei, das berichtet der Film auch.

Der Film kommentiert sein eigenes Vorhaben, Aufstieg und Fall des Sebastian Kurz zu erzählen, mit einer hübsch dazwischenmontierten Geschichte von machtvoller Präsentation und Schritt für Schritt des Auseinandernehmens eines schwarzen Hammers (Aufschneiderauto); der liegt am Schluss in Einzelteilen in einer Garage, während der Protagonist des Filmes an einer Massenbergwanderung teilnnimmt und vermutlich auf eine Art des Comebacks sinnieren dürfte.

Mit dem Hammer fängt Kurzens raketenhafter politischer Aufstieg 2010 an. Man muss sich was einfallen lassen, wenn man auffallen will. Er nutzt so ein bulliges Auto für Fotosessions mit hübschen Frauen und zur Demonstration des Begriffes „geiles Mobil“. Nicht unbedingt seriös, aber es verfängt, es verfing.

Man kann nur staunen, wie dieser junge Mann mit stets akkurat nach hinten gekämmtem Haar wie aus dem Nichts heraus Staatssekretär wird und bevor man das realisiert hat, schon Außenminister ist und kurz darauf sich das Kanzleramt angelt; wer möchte Österreich nicht neu denken oder zurück an die Spitze führen (aber doch nicht so!).

Der Film dröselt nach und nach auf, wie diese Karriere Folge systematischer Hinter-den-Kulissen-Arbeit war und vor allem, dass diese weit über das hinausgeht, was vermutlich selbstverständliches politisches Netzwerken ist.

Das Systematische illustriert der Film kommentierend auch gerne mit der Einblendung mechanischer Vorgänge wie des Druckens einer Zeitung oder des Herstellens von Stacheldraht zur problematischen Grenzsicherung.

Eine weitere Infoebene schafft der Film mit den Inserts von SMS-Diskussionen zwischen dem Protagonisten und seinen engsten Vertrauten, mit teils schonungloser Begrifflichkeit, die unverbrämter Machtgier entspringt.

Selbstverständlich gibt es über eine Person, die im Jahre 2010 anfängt, so richtig ins Licht der Öffentlichkeit zu treten, genügend Archivmaterial, das hier zu einem unterhaltsam, informativen Mix zusammenmontiert wurde. Es entsteht so das Bild eines skrupellosen Populisten, die Begegnungen mit Trump oder Putin machen einen direkt schaudern. Die Liste der Namen derjenigen, die am Aufstieg des Bürschchens mitgebastelt haben, und die es ablehnten, sich dazu in diesem Film zu äußern, ist lang.

Of Caravan and the Dogs (DOK.fest München 2024)

Under Russian law a person or institution which receives „support“ or is under „influence“ from outside Russia

Ein Trauerspiel

Extremisten werden sie genannt, ausländische Agenten, wer immer sich in Russland vor und während des Ukrainekrieges noch eine freie Meinungsäußerung zu diesem Thema erlaubt.

Russische Zeitungen oder NGOs (Novaya Gazeta, dann Memorial) können Nobelpreise gewinnen, im Land selber werden sie nur noch mehr verfolgt.

Der Hund bellt, aber die Karawane geht weiter und der Dokumentarist Askold Kurov hält drauf. Er ordnet seine Dokustrecke chronologisch, fängt nach der Nobelpreisverleihung an Novaya Gazeta 126 Tage vor dem Krieg an, gemeint ist der Überfall auf die Ukraine, und fährt fort bis zur erneuten Nobelpreisverleihung, diesmal an die NGO Memorial.

Es ist der deprimierende Bericht eines Niederganges, des Niederganges des Atems der Demokratie, der Freien Meinungsäußerung und der Bewahrung der Erinnerung.

Parallel zum Überfall auf die Ukraine werden fast im Tagestakt neuen Gesetze zur Unterdrückung der freien Meinungsäußerung durch das abnickende Parlament geschleust. Journalisten wissen bald nicht mehr, was sie überhaupt noch schreiben dürfen, alles ist verboten, was auch nur irgendwie an den Krieg erinnert.

Plötzlich soll alles Propaganda fremder Mächte sein und jeder, der sie verbreitet, ist deren Agent. Die Bestrafungen sind horrend. Die Frage, die sich jedes Medium, jede NGO stellt, ist die, weitermachen oder dichtmachen, bleiben oder ab ins Exil? Über eine nur knappe Übergangszeit versuchen es einige noch.

Askold Kurov ist nah dran bei diesen Vorgängen bei der Novaya Gazeta, bei Rain TV, Radio Echo of Moscow, bei Memorial.

Im Abspann sind viele Mitwirkende mit Anonymus genannt. Sie kämen wohl nicht ungeschoren davon, wenn ihre echten Namen in diesem Film genannt würden. Die Hoffnung bei der Schließung der Medien ist die, dass es nicht lange dauert. Inzwischen ist allerdings der Ukraine-Krieg im dritten Jahr angelangt, ein Ende ist nicht in Sicht, die Zerstörung und die Blutbäder dauern fort. Man fragt sich, wie lange ein Land wie Russland so ein Terrorregime überhaupt noch aushalten kann.

Made in Ehtiopia (DOK.fest München 2024)

Das große Industrialisierungsrad

in Afrika drehen die Chinesen wie im Dukem-Industriepark in Äthiopien. Das Symbol dafür ist Direktorin Ma, man könnte den Film fast ein Porträt dieser chinokapitalistischen Persönlichkeit nennen. Sie ist eine faszinierende Figur mit geballter Körperlichkeit zwischen locker und angespannt, mit unverbesserlichem Optimismus, mit keiner Berühungsangst vor Gegnern und nicht beschwert mit Gründeleien und Bedenkenträgerei.

Teil 1 des Industrieparkes vor den Toren von Addis Abeba steht schon und arbeitet auf Hochtouren in dieser Doku von Xinyan Yu und Max Duncan. 20′ 000 Fabrikabeiterinnen und Fabrikarbeiter lassen sich hier ausbeuten; es gibt keinen Mindestlohn; frühkapitalistische Erscheinungen. Hopp, hopp, sie sollen 5′ 000 Paar Jeans am Tag schaffen statt nur 3′ 000.

Aber es gibt auch die Probleme solch schneller Industrialisierung. Die Äthiopier haben eine andere Arbeitsauffassung als die Chinesen. Im Umgang mit Fehlern sind sie nicht so streng. Die Chinesen wiederum machen kurzen Prozess mit unzuverlässigen Leuten, hier wird schnell gefeuert, denn Tausende drängeln sich um die Jobs. Erzkapitalismus pur.

Der Film zeigt nicht nur, wie die Chinesen Afrika industrialisieren, er zeigt generell ein Beispiel für rücksichtslosen Kapitalismus, der sich rühmt, Arbeitsplätze zu schaffen. Wenn man vorher gerade den Film über die zunehmende Zensur in Russland gesehen hat, so atmet man richtig auf, wie hier das Dokuteam doch offenbar guten Zugang zu den Fabriken, in die Chef- und Konferenzetagen, in den Direktionswagen, aber auch zu den benachbarten Bauern hat, die ihr Ackerland für Phase II des Industrieparkes zur Verfügung stellen sollen.

Den Bauern wurde Ersatzland versprochen. Aber auch hier scheint sich eine unselige Geschichte der Industrialisierung zu wiederholen, versprochen und nie gehalten, obwohl die Chinesen die entsprechende Anzahlung schon geleistet hatten.

Der Film ist also auch ein Bericht über dieses ewige Konfliktpotential und die offenbar unervermeidliche Wiederholung dieser Konflikte. Zudem einer der Filme, die von Covid erwischt worden sind. Hier kann eine der Fabriken immerhin schnell auf die Produktion von Masken umstellen.

Let the Canary Sing (DOK.fest München 2024)

Man muss sie nur lassen,

ganz stimmt der Satz über Cindy Lauper nicht, insofern als sie gemacht hat, was sie wollte in ihren ersten Zeiten und zwar so sehr, sich so sehr in Vorbildsängerinnen versetzt hat, dass sie plötzlich keine Stimme mehr hatte.

Da kommt bei den Talking Heads eine Gesangslehrerin ins Spiel, die sich solche Imitatstimmen von ihr angehört hat und daraus schließt, wenn sie als andere Sängerin schon so stark sei, was muss da erst sein, wenn sie wirklich so singt, wie sie ist.

Der Prozess zur ureigenen Stimme dauert vielleicht ein Jahr. Das reicht aber nicht. Es müssen auch die richtigen Songs her, die richtigen Produzenten, eins ergibt das andere, so erzählt es zumindest dieser fluffige (ich weiß nicht, wie ich auf diesen Ausdruck komme) Film von Alison Ellwood.

Und dann muss auch ein Song her, der stimmig ist; das wird vielleicht erst der Fall, wenn sie selber auch textet. Der Film erinnert den abenteuerlichen Prozess bis zu „Girls just want to have fun“ und dass der Song auch nicht gleich geknallt hat. Dazu hat sich die quirlige Sängerin, die stets meint, was sie singt, die ausgefallene PR-Idee mit einem Wrestler einfallen lassen.

Eins fügt sich zum anderen. Den Wrestler kannte sie schon von einem Werbespot, den sie mit ihrer Mutter gedreht hat und bei dem der Wrestler den Vater spielte. Stufen nach oben. Bis zum Grammy.

Es ist eine durch und durch stylishe Doku. Gestylt ist sowieso, auch dafür gibt es eine Begründung, die Protagonistin selber. Die ersten Anregungen bekommt sie in der bunten Welt von Brooklyn, die referiert der Film fast wie eine Modechronik. Auch als Kind wird sie zuhause adrett modisch eingekleidet. Die Talking Heads machen ebefalls stylish gute Facon, fügen sich in den Augenschmaus von Archivmontage mit Highlights aus Musikvideos.

Cindy Laupers Song von den Girls, die fun haben wollen, hat überlebt, der Titel steht auf Transparenten von heutigen Frauendemos gegen das Abtreibungsverbot.

Joana Mallwitz – Momentum (DOK.fest München 2024)

Die Dirigentin, der die Orchester vertrauen –
Konfiserie-Kino

Joana Mallwitz weiß sehr wohl, was an Abgründigkeiten möglich ist im Orchester-Business, dass ein Orchester einen Dirigenten auflaufen lassen kann, wenn es will, aber keine Bange, der Film von Günter Atteln über die wunderbare Dirigentin suhlt sich nicht in kulturellem Abgrund-Tourismus wie der Spielfilm Tar mit Cate Blanchett.

Joana Mallwitz weiß auch, dass es in ihrem Job auf Vertrauen ankommt und auf Teamwork und sie versteht es, durch ihre unbedingte Hingabe an das Werk, dieses Vertrauen zu gewinnen.

Wie sehr sie auf die Musik und nicht auf das Drumherum fixiert ist, zeigen verschiedene Szenen.

Den bayerischen Ministerpräsidenten grüßt sie zwar kurz, lässt ihn aber gleich wieder stehen, hat nicht mal Zeit auch nur für einen Small-Talk-Satz, weil sie sich konzentrieren muss auf das bevorstehende Dirigat.

Die Einladung ins Schloss Bellvue für eine Ehrung kann sie nicht annehmen, weil sie Generalprobe woanders hat und wegen der Unzuverlässigkeit der Bundesbahn diese Reise nicht riskieren kann; sie kann ihre Musiker nicht hängen lassen.

Richtig lustig kommt die Szene rüber mit dieser Frau, die von sich selber sagt, dass sie keine Witze mache, wie ihr Igor Levitt von den „Riders“ erzählt, das sind Listen mit Wünschen, die die Künstler abgeben können, welche Annehmlichkeiten sie in der Garderobe vorfinden wollen; welche Teesorte genau und wie kalt welche Trauben zu sein hätten; da fällt sie echt aus allen Wolken.

So ist auch verständlich, dass sie die chronischen Fragen nerven, wie sich das anfühle, als einzige Dirigentin in Berlin zu arbeiten oder wie sie Job und Familie mit Kind vereinbare. Teamwork ist ihre einzige, fast verlegene Antwort. Und dass sie die feministische Frage irritiert, dass sie sie gar nicht versteht, tut sie auch kund. Sie mache nur ihren Job und das sei genügend Arbeit.

Der Film ist eine generöse Hommage an die ungewöhnliche Musikerin und gut bestückt mit Musikausschnitten aus Konzerten und Opernaufführungen und mit einem Mahlerfinale, mit dem sie Berlin im Sturm erobert und enthusiasmiert.

Bei all dem zunehmendem Stress dieser Karriere finden sich immer wieder Momente, wo sie über sich, die Musik, ihren Weg sympathisch erzählen kann oder wo der Dokumentarist in ihr Familienleben hineingucken darf genauso wie bei Proben und hinter die Kulissen bei Auftritten. Schade findet sie, dass sie keine Zeit für Vor- und Nachfreude nach Konzerten habe.

Sympathisch macht sie auch, wie vorbehaltlos sie die Arbeit der Komponisten bewundert, wie sie einmal vor einer komplexen Partitur sitzt und versucht, den Komponierprozess nachzuvollziehen; wo doch schon das Dirigieren kompliziert genug sei.