Archiv der Kategorie: Filmfest

Fünf Seen Filmfestival 16 – stefe Reviews

ALLE REDEN ÜBERS WETTER,
deutsche Intellektuelle selbstverständlich nicht

ALICE SCJWARZER,
eine wahre deutsche Intellektuelle

BELFAST
So malt sich ein bekannter britische Regisseur seine Herkunft aus.

DANCING PINA
So spannend kann Epigonentum sein.

DAS LEBEN EIN TANZ
Heilsbotschaft gegen die Körperausbeutung durch die Balletthochkultur.

DIE KÜCHENBRIGADE
Message gegen Ungerechtigkeiten dieser Welt

DRII WINTER
Eine Liebe ist nur eines, hier unwirtlich alpin

ELVIS
Das Double nimmt es mit dem Original auf.

FREIBAD
Nicht frauenschmeichelhaft

GIRL GANG
Tochters Interneterfolg verführt die Eltern.

GUGLHUPF GESCHWADER
Kult und ein warmer Regen für die ausgedörrte deutsche Kinolandschaft

HIVE
Mit Konfitüre und Aivar aus den Jugoslawien-Kriegsruinen

INTO THE ICE
Das Stethoskop der Geologen am Grönland-Gletscher

KING RICHARD
Traumgeschichte – und doch wahr

KLONDIKE
Alles andere als traumhaft, Leben in der Ostukraine anno 2014

MÄRZENGRUND
Wenn ein erfolgreicher Dichter zurückschaut – mit galligem Humor –
dafür darf er jetzt in Tirol Tourismussteuer bezahlen.

MIKADO
Paternalistische Figur aus Rumänien beherrscht die Kunst des sorgfältigen Stäbchenentnehmens wenig.

MISS SIXTY
Deutsche Komödie

MUTTER
Der allgemeingültig kondensierte Muttertext?

PLAYGROUND
Der Schulhof als Kampfarena fürs Leben

UNSERE HERZEN EIN KLANG
Reine Bewunderung des Chorgesanges

VERABREDUNG MIT EINEM DICHTER. MICHAEL KRÜGER.
Ein deutscher Intellektueller

Fünf Seen Filmfestival 16 (24. August bis 4. September 2022)

Während der bayerische Ministerpräsident das Münchner Filmfest klein und bedeutungslos redet, indem er es mit ein paar Millionen Zuschuss groß und bedeutend machen möchte, was sich hinsichtlich der damit aufs Korn genommenen Berlinale wie ein geplanter Schildbürgestreich anhört (so realistisch wie eine CSU-Bundeskanzlerschaft) … während die einen also reden, handelt das Team um Matthias Helwig vom Fünf Seen Filmfestival unermüdlich, sorgt dafür, dass die Landschaft um die 5 Seen südwestlich von München sich als Kinolandschaft ins Bewusstsein einbrennt.

Matthias Helwig weiß, dass Kino einerseits Rabbatz braucht, andererseits aber auch attraktive Filme, Wettbewerbe und Preise, Previews, Begegnungen mit Filmemachern, mit Stars und einem reizvollen Rahmenprogramm samt einer kultigen Schifffahrt.

Das Fünf Seen Filmfestival ist greifbar, merkbar; es legt seinen Fokus auf mitteleuropäische Filme, zeigt 130 ausgewählte davon. Das Münchner Filmfest dagegen möchte sich mit Glamour profilieren.

Mitteleuropa, das heißt Filme aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Italien, Ukraine, Rumänien, Tschechien, Belgien, Polen, Italien, Österreich, Albanien, Luxemburg, mithin Länder mit einer exquisiten Arthouse-Kultur mit Filmen, die ‚klein‘, aber oho sind, Filme, die nachdenken und sich wundern lassen über die condition humaine.

Auswahl aus dem Programm

Kino Open Air 2022
ALLE REDEN ÜBERS WETTER / BELFAST / DAS LEBEN EIN TANZ / DER BAUER UND DER BOBO / DER CLOU / DIE KÜCHENBRIGADE / ELVIS / FREIBAD / GUGLHUPF GESCHWADER / HARD SHELL SOFT SHELL / KING RICHARD / MENSCHLICHE DINGE / MISS SIXTY / MÄRZENGRUND / SCHWEIGEND STEHT DER WALD / THE ART OF LOVE / WANN KOMMST DU MEINE WUNDEN KÜSSEN

Fünf Seen Filmpreis
DRII WINTER / KLONDIKE / MIKADO / MIRACLE (2021) / PLAYGROUND / RIMINI / SILENT LAND / VERA DREAMS OF THE SEA / ZAHORI

Dokumentarfilmpreis
ANIMA / BEYOND THE WHITE / BÜRGERMEISTER, SCHÄFER, WITWE, DRACHE / DIDA / IMMORTELS / MEIN WENN UND ABER / MUTZENBACHER / SONS OF CAIN / WHAT REMAINS OF THE WAY

Perspektive Spielfilm
ALLE REDEN ÜBERS WETTER / ALLE WOLLEN GELIEBT WERDEN / CHARLY / OTHER CANNIBALS / SCHWEIGEND STEHT DER WALD / THE ORDINARIES / WANN KOMMST DU MEINE WUNDEN KÜSSEN / YELLOW IS THE SKY

Best of Festivals – Publikumspreis
A NIGHT OF KNOWING NOTHING / ALICE SCHWARZER / ATLAS (2021) / DAS LEBEN EIN TANZ / DER ANATOLISCHE LEOPARD / DER BAUER UND DER BOBO / DIE ALBANISCHE JUNGFRAU / DIE KÜCHENBRIGADE / HARD SHELL SOFT SHELL / MEHR DENN JE / MENSCHLICHE DINGE / MUTTER / NACH DER ARBEIT / SONNE / THE ART OF LOVE

Kino und Klima
ALPENLAND / AYA / INTO THE ICE / RISE UP / THE NORTH DRIFT. PLASTIK IN STRÖMEN / TOUT COMMENCE

Horizonte Human Rights
BEAUTIFUL BEINGS / DARKLING / GIRL GANG / HIVE / LADIES ONLY / SMALL BODY / WET SAND

Odeon
BILDER AUS DEM NOTFALLKOFFER / DANCING PINA / DAS ARTURO-PROJECT / DIE LIEBE FRISST DAS LEBEN / HALLELUJAH: LEONARD COHEN, A JOURNEY, A SONG / Jazz im Kino: FRIEDRICH GULDA: I LOVE MOZART, I LOVE BARBARA / LIEBE, D-MARK UND TOD / Literatur im Kino 2022: ANTON G. LEITNER UND JAROMIR KONECNY / OLAFUR ELIASSON: MIRACLES OF RARE DEVICE / Tango im Kino: EIN SCHUSS IN DER NACHT / UNSERE HERZEN EIN KLANG / VERABREDUNG MIT EINEM DICHTER. MICHAEL KRÜGER

Mutter (Fünf Seen Filmfestival)

Austauschbarkeit der Mutterrolle

macht Carolin Schmitz unter redaktioneller WDR-Betreuung durch Jutta Krug und Andrea Hanke sichtbar, indem sie aus Statements, Selsbstaussagen (wobei auch dieser wiederum redaktionell bearbeitet worden sind) von 8 Frauen im Alter zwischen 30 und 75 über ihr Frausein, Muttersein, ihr Glück, Unglück einen Monolog für Anke Engelke zimmert, den diese in einem einzigen Ton, wenn auch ab und an mit Dialekteinsprengseln angereichert, in genau so austauschbarer Kulisse, in genau so austauschbarem Setting vorträgt.

Teils ist der Monolog selbst als Theaterrolle angelegt, teils sitzt die Protagonistin auch vor ihrem Rollenbuch, blättert drin, liest praktisch ab.

Die Regisseurin „erfindet“ möglichste viele Alltagssiuationen, in denen Anke Engelke diesen Monolog sprechen kann. Sie liegt in der Badewanne, steht im Blumengeschäft, fährt mit dem Auto durch die Waschstraße, liegt bei einer Theaterprobe auf einem Sofa auf der Bühne, setzt zwei Hasen aus dem Vorgarten auf den Teppich im Salon, reinigt einen Fleck auf der Bluse, liegt im Bett, putzt Fenster, wechselt einen Reifen, ist beim Zahnarzt.

Auch bei Kostüm und Maske wird darauf geachtet, dass sie möglichst austauschbar bleiben, möglichst neutral, dass sie sozusagen das Allgemeine an der Mutterrolle oder eben deren Austauschbarkeit unterstreichen.

Es geht um Frigidität, erste Liebe, Verhältnis zu den Kindern, Abtreibung, Seitensprung, Zerbrechen der Ehe, Ehe und Arbeit, Kinderbetreuung. Die Themen plätschern als ruhiges Rinnsal dahin. Nur keine Aufregung. Nur keine Effekte. Nur kein genaueres Hinsehen. Nur keine Überraschungen, die einen Denkprozess beim Zuschauer in Gang setzen könnten.

Dabei ist wohl nichts so skeptisch zu betrachten, wie Äußerungen von Menschen über sich selbst, was gerade bei Dokfilmen (und indirekt handelt es sich hier ja um einen) zu misslichen Momenten führt. Weil es nur um Meinungen geht, nicht um Konflikte; so wirkt der Film eher wie ein allgemeines Meinungsdreschen über die Mutterrolle ohne einen neuen Aspekt in die Diskussion zu tragen. Es bleibt nach diesem Film alles beim Alten.

Playground (Fünf Seen Filmfestival)

Kampfarena

Mit dem titelgebenden Playground ist der Schulhof, der Pausenhof einer Volksschule irgendwo in Belgien gemeint in diesem Film von Laura Wandel.

Hier sollte gemäß Begriff gespielt werden. Aber ’spielen‘ dürfte ein alternativer Begriff für ’sozialiseren‘ meinen, ‚kämpfen“ und da Kinder keine Engel sind, halten sich die Kämpfe an keine Regeln, Macht des Stärkeren, den Outsider quälen, ziemlich brutal; die Lehrkräfte greifen lange nicht immer ein, bekommen gar nicht alles mit, wollen es gar nicht mitbekommen und wenn, stoßen sie auf eine Wand des Schweigens, so bekannt, so mafiahaft, so häufig.

Laura Wandel beobachtet mit ihrer atemlosen Quasi-Doku-Handkamera die Geschwister Nora (Maya Wanderbeque) und Abel (Günter Duret). Vom Familienhintergrund wird lediglich klar, der Vater (Karim Leklou) ist besonders besorgt um die beiden Geschwister, bringt sie zur Schule und holt sie ab.

Dazwischen passieren die Dinge, von denen die Kinder nachher dem Vater nicht unbedingt erzählen oder faule Begründungen für Verletzungen angeben. Laura und Nora fallen dadurch auch auf, da sonst keine Eltern die Schüler bringen und abholen.

Der Film wird konsequent aus der Perspektive der Kinder erzählt, die Kamera meist auf Höhe ihrer Köpfe, so dass die Erwachsenen mehr zu spüren als zu sehen sind. So wird das Drama, das sich zwischen den beiden anfangs innigen Geschwistern durch die Vorfälle in der Schule entwickelt, umso schmerzlicher sichtbar.

Es sind Prozesse, wie sie hier im Kleinen ablaufen, wie sie in der Erwachsenenwelt, in der großen Politik, der offenbar oft solche Sozialisierung abgeht, immer wieder zu beobachten sind.

Zwei Menschen, Abel ist der ältere, Laura, die jüngere, hängen besonders zusammen, auch als Schutz gedacht, um in der neuen Schule bestehen zu können. Das wird von den Mitschülern und Mitschülerinnen negativ beobachtet und gnadenlos geahndet. Das wiederum führt zur Krisen in der innigen Geschwisterliebe, zu Verrat, was wiederum Aktion des Vaters in Gang setzt, der Dominoeffekt aus der Reihe geratener oder nicht gelungener Schulverabredungen.

Der Film bleibt recht konsequent auf dem Pausenhof, macht wenige Sprünge in den Klassenraum, in die Turnhalle und das Schwimmbad, was fürs Auge jedesmal zumindest eine Erfrischung bietet von den harten, dichten und auf ihre Art konsequenten Vorgängen auf dem Pausenhof.

Der Originaltitel heißt „Un monde“, eine Welt, und impliziert, dass eben hier schon alles stattfindet, was in anderen Welt auch dazugehört, so unbehaglich das ist, und verletzlich sind ja nicht nur Kinderseelen.

Mikado (Fünf Seen Filmfestival)

Sensibles Gleichgewicht

Der deutsche Titel (original: Marocco) dieses Filmes von Amenuel Parvu, der mit Alexandru Popa auch das Drehbuch geschrieben hatd, deutet mit dem Hinweis auf das Mikado-Spiel auf sorgfältig ausbalancierte menschliche Konstellationen hin, bei denen es nicht viel braucht, um sie zum Zusammenbruch, zum Einsturz zu bringen, im Glücksfall, sie nur zu erschüttern.

Der Mikado-Spieler soll aus dem Stäbchenhaufen, der willkürlich hingeworfen wird, ein Stäbchen entnehmen ohne den Rest des Gebildes zu gefährden. Einer allerdings, die Hauptfigur Christi (Serban Pavlu) ist charakterlich schwierig, schnell ungehalten und ruppig, nicht allzu feinfühlig, offenbar geschäftlicher Erfolgsmann.

Die Konstellation um Christi herum ist diffizil. Seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben, jetzt lebt er mit der jüngeren Maria zusammen; Problem für Tochter Magda, die gerade erwachsen geworden ist. Sie hat einen Freund, der ist Klinik-Clown, Julien.

Die dramatische Handlung wird in Gang gesetzt durch ein teures Weißgold-Kettchen, das Christi seinem Töchterchen zum Geburtstag schenkt. Allerdings ist das bereits tags darauf verschwunden. Das treibt Papa auf die Palme. Er muss das Mikado-Stäbchen aus den verschlungenen, nahen menschlichen Beziehungen herausfischen. Jedenfalls fühlt er sich bemüßigt dazu, wobei es ihn gar nichts angeht, denn das Kettchen hat er ja verschenkt.

Das Kettchen muss nach Christis Ansicht nicht nur im Zimmer des Töchterchens gesucht werden – logisch, dass ihr das nicht gefällt – sondern auch im Umfeld der Klinik, bei den Kindern, die den Geburtstag vom Töchterchen mit dem eines Patienten gefeiert haben, beim Pflegepersonal, wobei eine Pflegerin die Mutter des Freundes von Töchterchen ist, des Klinikclowns.

Das sind eng verwobene Verhältnisse und Abhängigkeiten. Christi spielt eine Spende für das Spital aus für Einflussnahme auf eine Personalentscheidung.durch die Chefärztin. Es betrifft die Mutter der Freundin seines Sohnes. Sie kommt damit nicht zurecht. Der Stäbchenhaufen wird mehr als nur erschüttert

Emanuel Parvu erzählt die Geschichte und den sich abzeichnenden Kriminalfall schlank, schnell und gekonnt in dieser quasi-dokumentarischen Art, die gerade auch das rumänische Kino exzellent beherrscht, wenn es wie hier packend auf soziale Probleme eingeht.

Klondike (Fünf Seen Filmfestival)

Krim-Aufarbeitung

Kaum ist dieser Film von Maryna Er Gorbach, eine ukrainisch-türkische Koproduktion, fertig, ein Stück Aufarbeitung des Überfalls Russlands auf die Krim und Teile der Ukraine, da gewinnt der Film eine brutale Aktualität durch den Ukraine-Krieg, schmerzhafte Aktualität.

Mit meisterlicher Kinoschrift schildert die Regisseurin das Leben auf einem kleinen Weiler in der Ostukraine in der Nähe der Abschussstelle von Malaysia-Airlines-Flug 17 am 17. Juli 2014.

Hier leben die hochschwangere Irka (Oksana Cherkashyna) und ihr Mann Tolik (Sergey Shadrin); außerdem ist gerade der sonst in Kiew lebende Bruder von Irka anwesend, Yaryk (Oleg Shcherbina).

Das Haus von Irka und Tolik ist auch betroffen, Teile einer Wand und des Daches sind eingestürzt.

Krieg ist eine grauenhafte Angelegenheit, aber sie hat viele Schattierungen; genau diese schildert Maryna Er Gorbach. Steigendes Misstrauen unter den Menschen, Verdächtigungen der Kollaboration; erhöhter Alkoholkonsum; Haustiere müssen geschlachtet werden; die Frage, fliehen oder bleiben, Soldaten durchstreifen die Gegend; es gibt Bergungsarbeiten; Tote müssen weggebracht werden; die Menschen verwandeln sich; teils agieren sie wie in Trance; immer mehr Regeln eines zivilisierten Zusammenlebens werden außer Kraft gesetzt; Soldaten machen willkürliche Kontrollen, dringen in Häuser ein, verlangen Essen; die Gewehre immer griff- und schießbereit.

Nein, Krieg ist kein Zuckerschlecken, auch wenn er Momente der schieren Unendlichkeit hat, die hier bildlich besonders zur Geltung kommen durch die Weite um den Weiler herum, den dünnen Grasbewuchs, die sanfte Senke.

Maryna Er Gobrach schildert diesen Zustand, diese Zustände in bannender Kinoschrift und in gedämpften Farben, gleichzeitig mit dem dringlichen Bedürnis, diese Geschichte erzählen zu müssen; sie schildert die Vorgänge des Krieges auf diesem Weiler auf eine Art, die dokumentarisch wirkt – mit ausgezeichneten Darstellern und dieser erschreckenden Gemengelage aus Ruhe, Stille, Weite, dörrem Sonnenblumenfeld und dann wieder Explosionen und andere grauenhafte Dinge, den Zerfall des Humanen durch den Krieg.

Drii Winter (Fünf Seen Filmfestival)

Love-Story

Extensiv wie die Bewirtschaftung der Alpen erzählt Michael Koch diese etwas andere Liebesgeschichte, diejenige zwischen Anna (Michèle Brand) und Marco (Simon Wisler), das ist die Liebesgeschichte im engeren Sinne, die durch eine Hochzeit besiegelt wird. Diese findet gleich im ersten von drei Wintern, wie der Titel des Films sagt, statt.

Anna lebt in einem Dorf in den Schweizer Alpen, Sie hat Töchterchen Julia, aber der Ex ist verschwunden. Sie arbeitet in der Wirtschaft und fungiert als Briefträger.

Marco kommt nicht aus dem Dorf, er kommt aus dem Tiefland, ist ein wuchtig gebauter Mann, wenn er Pfähle für die Viehumzäunung reinhat, so braucht er wenig Schläge. Oft hat er Kopfweh. Er ist ein Mann ohne Geschichte, ein Mann mit Geheimnis, er wirkt wie autark, so wie einer der großen Felsbrocken, die anfangs im Film zu sehen sind in einer langen Einstellung.

Marco ist kein Charmeur, kein Alphamann, er ist nicht leicht zugänglich, nicht gesprächig, er sinniert oft vor sich hin. Es stellt sich heraus, dass er einen Gehirntumor hat; der wird erfolgreich operiert.

Michael Koch besetzt Originalfiguren mit den Rollen, erzeugt so eine Art Doku-Fiction in Richtung Ulrich Seidel. Es sind eindrückliche Gesichter aus der Bergwelt. Die Liebesdinge aber werden vielleicht karger beschrieben, obwohl sie auch nicht anders laufen als anderswo.

Die Liebe von Marco geht über die zu Anna hinaus. Er mag auch die Kühe. Er wird sentimental, wenn eine geschlachtet wird. Die Love-Story wird süß konterkariert durch die Liebes-Szene, die ein indisches Filmteam im Schnee dreht; auch da bezieht sich der Film auf eine Schweizer Realität, denn indische Teams drehen tatsächlich in den Schweizer Alpen.

Auch die Gesangs-Einlagen des gemischten Chores sind ein Stück Realität. Diese wird aber stilisiert in den Film eingebracht.. Der Chor wird für jedes Lied an einem schönen Ort in der Natur aufgestellt, auf einer Brücke, auf einer Wiese, vor einem Bergsee.

Die Love-Story ist eingebettet in ausgewählte Berichte aus der agrarwirtschaftlichen Realität in den Alpen, Heuernte, Begattung einer Kuh, Motorradfahren, Ausnehmen eines geschlachteten Tieres, Gespräche, die sich auf engen Kurven zwischen zwei autofahrenden Freundinnen ergeben, Tierarzt, Schlachter, das Räumen von Felsbrocken auf einer steilen Bergwiese. Aber auch die Suche eines Partners für die Freundin von Anna auf einem Dating-Portal.

Es gibt da einen Vorfall, der im Umfeld von Kindsmissbrauch anzusiedeln ist; obwohl die Handlung nicht eindeutig geklärt ist; das Mädchen erzählt ganz offen und nicht weiter beeindruckt, dass Papa warm gehabt hätte und dass sein Schniegel rausgeschaut habe und immer größer geworden sei; aber kein Zeichen von Verstörung beim Mädchen; es fühlt sich lediglich genervt, dass die Erwachsenen dieser Geschichte eine solche Bedeutung beimessen und sie sie immer wieder erzählen soll. Die Macht der Gerüchte und der furchtbare Einfluss auf das Leben. Das verändert die Liebesgeschichte.

Alle reden übers Wetter (Fünf Seen Filmfestival)

Das deutsche Akademikertum,

das redet natürlich nicht über das Wetter, das verändert die Welt, das schlägt sich rum mit dem Hegelschen Freiheitsbegriff, das analysiert in einem Glücksseminar anhand eines Bildes von Roy Lichtenstein den Emanuzipationsstatus der Frau; die das tut ist Doktorandin Clara (Anne Schäfer). Selber hat sie ein Verhältnis mit ihrem Assistenten Max (Marcel Kohler). Aber man trifft sich diskret nur im Hotel. Hier hat der Mann mehr Mühe mit diesem Glücksmodell. Die Doktorandin scheinbar nicht. Sie ist immer sehr beschäftigt, soll noch einen Artikel für einen Sammelband für ihre Professorin Margot (Judith Hofmann) schreiben; deren sympathische Fassade bleibt genau so lange aufrecht erhalten, bis es zur Begegnung mit Hanna (Sandra Hüller) kommt, einer ehemaligen Studentin von ihr, der sie wohl das Leben zur Hölle gemacht hat, an die sie sich aber nicht erinnern kann.

Solche Auftritte, ganz kurz nur, wie der von Sandra Hüller, das sind die Rosinen in diesem Film, der kein typisch deutscher, subventionierter Themenfilm ist, sondern der die Menschen, ihr Umfeld, ihre Reaktionen beobachtet; der den Menschen vor allem Zeit für inneren Monolog lässt und sie allein dadurch schon interessant macht.

Überhaupt ist das Glücksmodell der Glücksdozentin mehr als diffus. Sie hat eine praktisch erwachsene Tochter, Emma (Emma Frieda Brüggler), die lebt bei ihrem Vater. Sie war wohl das Resultat einer kurzen Begegnung anlässlich einer USA-Reise.

Der Film verfolgt die akademischen Ränke-, Winkel- und Gefühlszüge nicht weiter. Er macht einen Schwenk, der zeigt, dass der Hintergrund solchen Akademikertums nicht zwingend genealogisch bestimmt ist.

Clara behauptet zwar, Diplomatentochter zu sein, um auch so in ihrem Milieu mithalten zu können. Der Film zeigt einen anderen Hintergrund auf. Er schickt Clara mit ihrer Tochter Emma auf eine Reise zu Emmas Mutter, die im Osten Deutschlands auf dem Land wohnt. Auch hier hält der Film seine herausragende Qualität der genauen Beobachtung der Menschen und des Milieus aufrecht.

Es ergibt sich eine Dorfschilderung wie im schönsten Heimatfilm. Im Dorf zurückgeblieben ist auch Marcel (Max Riemelt), der mit 39 sich einen Ansatz von Midlife-Crisis erlaubt; die Frage, ob es hier jetzt immer so weitergeht. Und da taucht die abtrünnige Akademikerin auf, die nicht nur zum Thema Glück forscht – sozialontologische Studien -, sondern es auch gerne ausprobiert.

Freibad (Fünf Seen Filmfestival)

Doris Dörrie: die Regisseurin der großen Kackwurst im Pool.

Viel kreative wie drehbuchprofessorale Energie dürfte Doris Dörrie in Erfindung, Entwicklung, Herstellung und Inszenierung der großen Kackwurst, die plötzlich im Schwimmbecken des Frauenbades schaukelt, investiert haben. Nicht viel anders dürfte es sich bei Erfindung, Entwicklung, Herstellung und Inszenierung eines Verfahrens zur Ermittlung von Schwimmbecken-Pinklerinnen handeln. Themen, die die Zeit bewegen, Frau Dörrie am Puls der Zeit.

Und dann doch nicht ganz sich selber

„Sei Du selber“ ist die Moral, die Doris Dörrie ihrem amüsanten Frauenwimmelbild im Freibad als Deckel drüber stülpt und damit wirkt, als sei sie nicht mehr sich selbst, sie, die Caféhausliteratin, die sich gerne auch mal im Rom im Café ablichten lässt, die unvoreingenommen und genau die Menschen beobachten kann (was zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für ein spannendes Drehbuch ist). Denn genau das passt nicht zu ihrem Typ, den sie auch öffentlich darstellt, beobachtend und nicht moralinisch zu sein; während sie hier wie ein alte Tante wirkt, die noch alles erklären und beschönigen muss; damit dürfte sie nicht mehr sich selbst sein, damit hat sie vielleicht einen Kotau gemacht in vorauseilendem Glauben, die filmfördernden Anstalten würden so etwas wollen mögen.

Bei den Frauen menschelts.

Bei den Frauen im Freibad nur für Frauen, da menschelt es gewaltig. Und es ist nicht mal schmeichelhaft zu nennen, was Frau Dörrie für ein Frauenbild zeichnet, weit entfernt von Schönmalerei.

Sie zanken sich, sie beobachten sich missgünstig, sie leiden unter den frauentypischen Dingen, am Altwerden, an der Menopause.

Aber im Schwimmbad verkehren auch unterschiedlichste Musliminnen mit den unterschiedlichsten Auffassungen von Schwimmkultur und die schon gar keine Schweinswürste essen mögen. Worauf der junge hübsche Mann, der etwas Transenhaftes hat, Lammwürste anbietet.

Die Frauen, sie klauen, sie erhaschen sich einen Geldvorteil, wenn eine Gruppe schweizflüchtiger Muslima (weil dort Schleierverbot herrscht) aufmarschiert und erhöhen den Eintrittspreis gleich um das Zehnfache.

Zudem das Thema „Tempel geschlossen“, das Alter der Unfruchtbarkeit. Zum großen Thema wird am Schluss das Pipimachen ins Schwimmbad und dessen Nachweis.

Vielleicht orientiert an den Muppets sind die zwei alten Damen Gabi und die Uschi Obermeir von Giesing, die ihre Kommentare über die anderen Frauen ungebremst ablästern.

Nur darin sind sich alle Frauen gleich, dass sie hin und weg sind, wie plötzlich ein Adonis von Muskelmann Bademeister wird.

Doris Dörrie hat einen bunten Schwarm unterschiedlicher Frauentypen gecastet, gibt ihnen teils Dialektcouleur, lässt Gegensätze aufeinander prallen, die Dicke und die im Ganzukörperbadeanzug, lässt eine Kackwurst im Wasser schwimmen, einen Buben in den Busch pinkeln; Dörrie schreckt nicht vor den einfachen, ordinären Dingen im Frauenleben zurück. Es ist keine Etepete-Gesellschaft, die sich in diesem Freibad, dem letzten seiner Art in Deutschland, wenn man dem Vorspann glauben darf, aufhält.

Schade, dass sich Dörrie bemüßigt fühlt, nach diesem größeren, amüsanten Wimmelbildteil des Filmes, noch erklären zu müssen, noch private Einblicke in das Leben ihrer Protagonisten zuhause zu werfen und dann mit einem Geworge, die Geschichte, die gar keine richtigen Geschichten sind, noch zu einem moralisch einwandfreien und glücklichen Ende zurechtzubiegen. Da ist Dörrie nicht mehr sich selbst. Schade um diesen ansonsten ironisch klaren Blick auf diese Weiberwelten, die alles andere als solidarisch sind, aber immerhin als Gute-Laune-Film verbraten werden können.

Märzengrund (Fünf Seen Filmfestival)

Gallig-bittere Quintessenz eines Künstlerlebens

im Rückblick eines Erfolgsautors, diese Interpretation des Filmes von Adrian Goiginger, der mit Felix Mitterer auch das Drehbuch nach dessen Theaterstück geschrieben hat, die muss erlaubt sein. Wobei Felix Mitterer schlau genug ist, sein Alter Ego gänzlich anders zu beschreiben. Aber es ist der Bub, der junge Mann, der in einem bäuerlich-ländlichen Milieu aufwächst, Elias (jung: Jakob Mader, alt: Johannes Krisch), mit einen Faible für Literatur (zB Ulysses) und das Zeichnen, ein ausgezeichneter Schüler, der zuhause im Stall mitehlfen muss wie die Knechte und Vater (Harald Windisch) darf schon gar nichts von den Ausflügen in eine andere Welt mitbekommen, der Sohn soll schließlich den Hof übernehmen.

Aus Hoffnung, dass dem so sei, schenkt Papa dem jungen Mann ein Auto, einen NSU Prinz. Die Landjugend feiert in der Disco. Elias lernt Moid (Verena Altenberger) kennen; sie ist nicht so wie die anderen Mädels, sie wirkt reifer, tiefer, fasziniert Elias. Aber Moid hat einen gewissen Ruf, ist geschieden, kommt nicht in Frage für die Eltern von Elias; richtig bös reagieren sie, wie die beiden jungen Menschen in einem See nackt baden.

Immer wieder zeichnet Elias das Portrait von Moid, recht abstrakt. Es wird sein Lebenswerk werden. Es wird das sein, was der alte Mitterer in seiner Rückschau wohl für sein Werk hält, das Werk eines Egomanen, zynisch-ironisch. Den lässt er den jungen Elias spielen, der zu ersticken droht im Dorf und wie Robinson Crusoe sich für den Rest des Lebens hoch oben auf einer Alp, ja: egoistisch, egomanisch, einrichtet. Könnte vielleicht als selbstironisches Symbol von Künstlers Elfenbeinturms gelesen werden,

Da sieht Mitterer sich schon selbstkritisch, auch wenn sein Werk deutlich mehr ist als nur die Zeichnung einer Frau – aber wer weiß das schon? Diese Zeit des Hauptwerkes ist im Film ein Loch von 40 Jahren.

Der alte Elias muss wegen eines Prostata-Tumors mit dem Helikopter ins Spital im Tal geflogen werden. Die Prostata-Schmerzen werden von Johannes Krisch so gespielt, dass es weh tut – vielleicht hat der Autor seine einschlägige Erfahrung.

Im Spital blickt Elias zurück, denn auf die Alp wird er nie wieder hinaufkönnen, allein schon wegen des Katheters. Es kommt zur Aussöhnung mit seiner Mutter (Gerti Drassl). Hier wird ihm klar, dass er nur seinem Egoismus gelebt hat.

Hier zieht er – resp. der selbstkritische (oder gar altersbittere oder doch eher: altersselbstironische? – obwohl, am Schluss hat er sich vom Gefühl des Fremden in der Welt befreit) Mitterer, Bilanz; die fällt ernüchternd aus.

Adrian Goiginger inszeniert diese Geschichte mit den wunderbaren Mitteln der Tiroler Volkskunst; die Sprache ist das alpenländisch musikalische Tirolerisch, dankenswerter Weise mit Untertiteln versehen; und mit den entsprechend wunderbaren Schauspielern. Die Kamera von Klemens Hufnagl schafft es, die Alpen gefährlicher und atmeberaubender und provozierender aussehen zu lassen, als in so manch modischem Extrem-Bergsportlerfilm.