Archiv für die Kategorie: “Filmfest”

Klein aber oho!

Am Mittwoch eröffnet zum 10. Mal das Filmfestival Pantallalatina in St. Gallen, dem einladenden Universitätsort in der Schweiz. Eines der charmantesten Filmfestivals.

Die Filme
MI OBRA MAESTRA
Argentinien.
Kunsthändler und Maler im kreativen Clinch.

CONDUCTA
Kuba.
Elfjähriger muss ganze Familie versorgen.

LA JAULA DE ORO
Mexiko.
Der Traum von Amerika und die Realität für drei Teens.

LIQUID TRUTH
Brasilien.
Wie flüchtig die Wahrheit in Zeiten moderner Kommunikationsmittel ist – am Beispiel erfundenen Missbrauchs.

EL SILENCIO DEL VIENTO
Puerto Rico / Dominikanische Republik.
Schlepperdrama.

RELATOS SALVAJES
Argentinien.
Episodenfilm zum Thema Revenge.

IXCANUL
Guatemala.
Fluchtträume einer 17-Jährigen.

TEATRO DE GUERRA
Argentinien.
Falklandkriegsaufarbeitungs-Doku.

UNA MUJER FANTASTICA
Chile.
Großartiges Frauenporträt,
siehe Review von stefe

ANINA
Uruguay/Kolumbien.
Nomen-Omen-Palindrom-Animation.

EL LUGAR MAS PEQUENO
Mexiko.
Erinnerungsdoku.

EL ABRAZO DE LA SERPIENTE
Kolumbien.
Einzigartige Ethnoreise den Amazonas hinauf,
siehe Review von stefe

LAS HEREDERAS
Paraguay/Uruguay/Brasilien.
Schicksalskampf. Preisgekrönt auf der Berlinale.
Siehe auch die Review von stefe.

COMPRAME UN REVOLVER
Mexiko/Kolumbien.
Mädchen muss sich in korruptem Drogenmilieu durchsetzen.

NO
Chile.
Spannendes Historiendrama. Über die Kampagne gegen die Pinochet-Wahl.
Siehe Review von stefe

KURZFILMBLOCK I
Kurzfilme aus Peru, Argentinien, der Dominikanischen Republik, Mexiko, Kolumbien, Panama
zu den Themen: Transgender und Selbstverteidigung, das Geheimnis einer 60-jährigen Ehe, ein Doppelleben, Road-Trip gegen Beziehungskrise, ein Vater im Gefängnis, Präsidentschaftswahlrhethorik in Panama, Miniatur von einem Mann vor dem Nachtessen.

KURZFILMBLOCK II
Kurzfilme aus Argentinien, Brasilien, Chile, Guatemala, Mexiko, Kolumbien
zu den Themen: Beziehungsende, Dichterwunsch, Lynchmob, Zwang zu frühem Erwachsenwerden, Evolutionsfantasie, auf sich selbst gestellter Bub.

KURZFILMBLOCK III
Kuba, Argentinien, Guatemala, Brasilien, Chile, Mexiko
zu den Themen: Tattoo und Revolution, Ruhmgier, Kinderkampf unter Indigenen, Essay zu einer Sportübetragung, Belästigung am Arbeitsplatz, unerwünschte Schwangerschaft.

Die Kurzfilme setzen sich einem Publikumswettbewerb aus mit einem Preis für den Gewinnerfilm und einem ausgelosten Preis für das Publikum.
Außerdem bietet das Festival ein ansprechendes Rahmenprogramm.
Mehr und Details unter Pantallalatina.

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Taxi-Driver,

aber Frau statt Mann, Paraguay statt New York und 2018 statt 1976.

Der Titel dieses Filmes von Marcelo Martinessi, die Erbinnen, soll die Betrachtungsoptik bestimmen, das Element des Erbens. Ein Film voller Erbinnen. In den hochherrschaftlichen Kreisen, in denen der Film spielt, wimmelt es nur so von Erbinnen. Sie sind Personal gewohnt, Fahrer, Haushaltshilfen, Köchinnen. Sie leben edel eingerichtet. Einige treffen sich regelmäßig zum Kartenspielen. Es handelt sich überwiegend um gehobenere, ältere Damen.

Aber Martinessi transportiert mit seinem eher düsteren Film in manchen Momenten so etwas wie eine Existenz-Groteske über das Leben dieser Damen. Oder was über manche erzählt wird bei der Rückfahrt von der Spielrunde. Eine sei 52 Jahre verheiratet gewesen. Und es sei eine gute Ehe gewesen, behauptet sie. Kaum hat sie das Auto verlassen, bricht es aus einer anderen heraus, die seien ja nie zusammen gewesen, sie habe die Ehe nur durchgehalten wegen dem Erbe.

Männer kommen kaum vor, mal als Klavierträger oder als untauglicher Geliebter, der nach zwei Jahren den Laufpass erhält.

Die Hauptstory ist die von Chela (Ana Brun). Auch sie ist eine Erbin, in einem herrschaftlichen Haus aufgewachsen, Louis XIV oder Louis XV-Möbel. Sie war nie verheiratet, hat keine Kinder. Sie ist mit Chiquita (Margarita Irun) zusammen. Sie können nicht umgehen mit Geld, mit dem Erbe. Die Schulden häufen sich; Betrugsvorwürfe.

Chiquita kommt ins Gefängnis. Chela hat Mühe, den aufwändigen Haushalt weiterzufinanzieren. Sie lässt anschreiben, wo immer sie kann. Die Wohnung leert sich zusehends, weil sie Hausrat verkaufen muss. Sie fährt einen uralten Mercedes – sie hat keinen Führerschein, ist noch nie Autobahn gefahren.

Über einen kleinen Gefallen, den sie einer Bekannten tut, entwickelt sich für sie ein Job als Fahrerin. Verlust des Privilegs der reichen Klasse. Jetzt wartet sie im Vorraum bei den alten Damen, die Karten spielen, bis ihre Kundin nach Hause gefahren werden will. Sie gilt als vertrauenswürdig, wird weiterempfohlen und behandelt wie einer Dienerin.

Über den Job lernt sie Angy (Ana Ivanova) kennen, eine schwarzhaarige, markante, jüngere Frau. Angy bemerkt die Isolation und auch Hilflosigkeit im Leben von Chela. Sie holt sie aus der Reserve heraus.

Der Film ist allein schon eindrücklich durch die Riege von bemerkenswerten Frauen, die den Cast bilden. Mit dem Erbinnenthema liebäugelt er vielleicht mit einem möglichen Niedergang jenes lange herrschenden Zweiklassensystems in Lateinamerika, das die weißen Eroberer eingeführt haben. Im Unscharf betrachtet, wirken die Figuren wie Fossilien, die sich in einer Urwelt bewegen, einer Welt, die so keine Zukunft hat.

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Gesichter.

Gut gecastete Gesichter können einen Film ohne Umstände schnell auf Touren bringen.

Der Protagonist Sean Falco (Robert Sheehan) ist ein junger Künstlertyp, große, unverdorbene Augen, die die Welt vorurteilsfrei und auf ihren fotografischen Wert hin betrachten, die eher bleiche Haut, die schwarzen, erotischen Kraushaare, prototypisch.

Sein bald schon Antagonist ist Cale Erendreich (David Tennant) mit hagerem Gesicht, spitzer dünner Nase, großen, kalt musternden Augen, sein schwarzes, glattes Haar trägt er als hitlerhaften Scheitel über die Stirn, und ab und an setzt er bewusst die Sonnenbrille auf. Bei diesem Gesicht wird nicht eine der Taten überraschen, die er hinter der großkotzig reichen Fassade begeht.

Sean gerät ins Visier von Cale über seinen Job als „Valet“, Einparker vor „Ninos Grill“, einem Schicki-Micki-Lokal in Oregon. Den Job teilt er sich mit Derek (Carlito Olivero). Der ist glatzköpfig, mehr Boxergesicht. Der macht glaubwürdig, dass er und Sean die Einparknummer zu Besuchen in den Häusern der Gäste nutzen, um sich umzusehen und begehrenswerte Dinge mitlaufen zu lassen, denn die Bewohner sind ja nicht zu Hause und der Valet-Kollege vor dem Edellokal hat die Gäste im Auge.

Der Maserati von Cale ist eine Verführung der besonderen Art. Da muss einiges zu holen sein. Sean übernimmt diesmal die Fahrt. Er gerät in Dinge hinein, die einige Nummern zu groß sind für ihn und Derek.

Aber es gibt ja noch Olivia Fuller (Tracey Heggins) vom FBI. Dieses Gesicht ist gepflegt, angenehm kurze Frisur. Sie schaut ernsthaft, weil sie ihren Job ernst nimmt, insofern auch unter Verzicht auf Anteilnahme und lässt somit den Hilfesuchenden zappeln.

Das Casting ist nur eines von mehreren Mitteln, die Dean Devlin fast liebhaberhaft einsetzt, um dem Film vom ersten Momentan, nebst der Geschichten, die die Gesichter erzählen, einen ungewöhnlich unterhaltsamen Kitzel zu verpassen. Devlin hat die Regie nach dem Drehbuch von Brandon Boyce geführt.

Und da es unklug wäre, dem Publikum zuzumuten, dass nach Ende des Filmes womöglich ein Massenmörder frei herumläuft, so gibt es gewisse Rezept, wie die Geschichte zu Ende gebracht wird. Das kann schnell schablonenhaft werden, wenn sich ein Filmemacher gerade zum Ende hin nicht nochmal besonders am Riemen reißt. Um der Schablone zu entkommen, inszeniert Devlin den Count-Down mit schalkhaftem Humor, der im Untertext erzählt, he, wir wissen ja alle, wie so etwas abläuft und drum bau ich Extra-Twists ein, um Euch mit einem lässigen Kommentar zu erheitern.

Applaus des Publikums nach der Vorführung am Fantasy-Filmfest in München. Kein Wunder, aus jeder Szene, aus jeder Wendung der Handlung ist abzulesen, welch irren Spaß es den Machern gemacht hat, diese Geschichte als eine ganz besondere zu erzählen.

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Latinamerika ist in Bewegung und so ist das dortige Filmschaffen. Seit 9 Jahren gibt das Filmfestival Pantalla Latina in St. Gallen in der Schweiz jeweils im November einen Einblick. In den ersten drei Tagen gabe es dieses Jahr zwei Filme zum Themenbereich Diktaturaufarbeitung, zwei zum Themenbereich Arm/Reich und einen zu den Folgen von Globalisierung und Migration und dann noch das reichhaltige Kurzfilmprogramm mit dem Publikumswettbewerb.

Es spricht sicher für ein Filmfest, wenn es Spaß macht, die Filme anschließend Revue passieren zu lassen, weil man eine gute Zeit mit ihnen verbracht hat und sie einem schnellen vertraut vorkommen.

Langfilme

EL PACTO DE ADRIANA
Diktaturaufarbeitung schockierend anders als erwartet.

LOS PERROS
Diktaturaufarbeitung mit den Waffen einer Frau.

NINAS ARANA
Die Spidermädels aus dem Elendsviertel an den Fassaden der Wohntürme.

JEFFREY
Das Kino ist der perfekte Ort, vom und mit dem Buben Jeffrey zu träumen, der auf einem großen Baum bei den Favelas davon träumt, Reggaeton-Sänger zu werden.

EL FUTURO PERFECTO
Was wäre, wenn ich in einem fremden Lande die Sprache gelernt haben würde. Hört sich spanisch an.

KURZFILME

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In diesem Film von Yanillys Pérez aus der Dominikanischen Republik geht es um den Traum von Jeffrey (Luis Manuel Aguilo).

Jeffrey wohnt mit seiner Mutter und vielen Geschwistern in einer armen Siedlung am Rande von San Domingo. Diese Stadt wird immer wieder durch sanften Drohnenflug in ihrer Gesamtheit zu sehen sein. Dann senkt sich der Fokus wieder auf die Einfalls- und Ausfallsstraßen.

Wenn der Verkehr stockt oder steht, werden die Fensterputzer aktiv. Jeffrey ist einer von ihnen, der den Autofahrern die Windschutzscheiben reinigt. Er macht das mit Eifer und großer Konzentration, so sorgfältig, wie er alles in seinem Leben angeht.

Mit dieser selbstständigen Arbeit trägt er zur Miete für die schäbige Hütte bei, in der das Leben der Familie stattfindet. Jeffrey ist 9. Sein älterer Bruder Jeyson (Jeyson de la Cruz) ist Reggaeton-Sänger, das ist so etwas wie Hip-Hop oder Merengue.

In seiner freien Zeit übt, singt und tanzt er. Sein Traum ist es, in einer Talentshow am Fernsehen aufzutreten.

Vermutlich nicht ganz ohne Hilfe des Filmteams um Yanillys Pérez, leichter Eingriff des Dokumentaristen, schafft er es gegen Bedenken in die eine oder andere Show. Das sind Höhepunkte.

Ein kleiner Handlungsstrang ist die Entführug des Zwillingsbruders Mello von Jeffreys kleiner Schwester Mellam, denn Vater Pedro ist eines Tages einfach abgehauen mit dem Jungen.

Mello guckt verdutzt, wie sie ihn holen; er ist überrascht, auch über das Filmteam, wirkt verschüchtert, fängt aber bald selber an zu singen und zu tanzen, angeleitet von Bruder Jeffrey.

Mit Jeffrey ist der Regisseurin ein Glücksgriff von Casting gelungen. Er ist ein optimistischer Juge, scheint schon über unendlich viel Weisheit zu verfügen, er trägt Verantwortung; witzig ist er dazu und es ist ihm gut zuzuhören, wenn er seine Songs vorträgt und dazu tanzt.

Jeffrey ist auch ein Träumer, kann sich auf die Erde legen und in den Himmel hinaufträumen oder, das ergibt romantisch poetisch Bilder, er steigt auf einen Baum mit dickem Stamm und ebensolchen Ästen, der selbst wie ein Denkmal aussieht und träumt.

Yanillys Pérez vermeidet es, aus der Story einen Kitsch zu machen, was nach dem Fernsehauftritt naheliegend wäre. Aber da ist auch der Charakter von Jeffrey davor. Nach der Show findet Jeffrey sich wieder in der Shanty-Town-Realität.

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Variation zum in Lateinamerika häufig verhandelten Thema des Gegensatzes von Arm und Reich.

Drei Gören aus einer Favela, gerade mal 13 Jahre alt, eine bereits schwanger, Avi, Cindy und Estefany, haben die Nase voll von ihrer Zukunfts- und Hoffnungslosigkeit unter ihren armseligen Lebensbedingungen.

Sie entwickeln einen Sport daraus, in bessere Wohnquartiere einzudringen, schicke Hochhauswohntürme zu betreten oder über Balkone einzusteigen und sich in den Wohnungen der Wohlhabenden gütlich zu tun.

Sie probieren Kleider und Parfüms, fläzen sich in elegante Sitzgruppen, genießen den Ausblick, sind fassungslos und begeistert und werden schier süchtig, dies immer und immer wieder zu tun.

Sie haben keine Hemmungen, denn sie wissen, dass sie noch nicht strafmündig sind, haben allerdigs etwas Schiss vor den Heimen, in die sie allenfalls gesteckt würden.

Eines Tages werden sie erwischt werden und machen als „Ninas Arana“ Furore in den Medien. Sie gelten ab jetzt, weil sie wie die Spinnen über die Balkone in die Wohnungen eindringen, als die Spinnen-Mädels, in etwa die Übersetzung des spanischen Titels dieses Filmes von Guillermo Helo.

Auch müssen sie sich jetzt mit ihrer Bekanntheit auseinandersetzen, die nicht überall in der Favela auf Begeisterung stößt.

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Mit den Waffen einer Frau.

Diktaturaufarbeitung auf Chilenisch, fiktional und mit den Mitteln einer neugierigen, faszinierend direkten und anmacherischen Frau, bei der man nie weiß, wie bewusst sie ihre Mittel einsetzt oder ob sie intuitiv von ihnen geleitet wird. Insofern bleibt beim diesem Film von Marcela Said einiges offen.

Mariana (Antonia Zegers) ist diese charmant und doch listig guckende, verführerische Hauptfigur, die mit ihrer Zielbewusstheit die Menschen in ihrer Umgebung irritiert, erst recht, wenn es um Liebesdinge geht. Sie ist noch jung, aber nicht mehr blutjung. Sie ist die Tochter eines Forstbesitzers und verheiratet. Das mit dem Nachwuchs funktioniert nicht. Sie ist in ärztlicher Behandlung. Sie nimmt Reitstunden.

Bei einem Empfang zuhause ist auch ihr Reitlehrer Juan (Alfredo Castro) eingeladen. Ihr Vater spricht ihn als Oberst an. Die Diktaturvergangenheit meldet sich.

Mariana wird neugierig. Sie verliebt sich in den Reitlehrer und fragt ihn direkt, was es mit diesem Titel und mit der Zeit in der Diktatur auf sich habe. Sie fühlt ihm ohne Betäubung auf den Zahn.

Es ist ein faszinierendes Spiel, das sie mit ihm treibt, vielleicht gar ein verschlagenes. Sie rührt bei ihm an tief vegrabene, wunde Punkte, verdrängte Geschichten selbst beim idyllischsten Picknick.

Die Reitstunden in der hochbedachten, halboffenen Reithalle geben schöne Kinobilder ab.

Mariana liebt und verehrt ihren Papa. Bei ihm wird es schwierig für sie, kritisch zu sein. Denn auch der Vater wir in einen Zusammenhang mit dem Verschwinden von Menschen gebracht, wenn auch der Reitlehrer offenbar stärker daran beteiligt war. Der Vater hat LKWs an den Oberst verliehen. Er will nicht gewusst haben, was damit getan wurde.

Den Vater als Mittäter zu sehen, das will Mariana in ihrer kühnsten Fantasie nicht wahrhaben. Ihre Mischung aus Naschkatze, wie sie einmal genannt wird, und aus einem Schuss verschlagener Direktheit im Blick, vielleicht sogar Kalkül eines zuschlagenden Raubvogels, macht sie zu einer selten zu sehenden Kinofigur, erst recht im Zusammenhang mit der Diktaturaufarbeitung.

Die titelgebende (Los Perros = Die Hunde) Hundesymbolik spielt durchgehend eine Rolle, ist vielleicht etwas dick, aber im Ölgemälde vom Mädchen, das dicht umringt von einem Rudel Hunde ist, kulminiert sie zu sinistrer Virtuosität.

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Adriana ist die Tante der chilenischen Filmemacherin Lissette Orozco.

Tante Adriana ist die Mondäne in der Familie, Idol und Vorbild für Lissette immer gewesen. Adriana war nach Australien ausgewandet; wenn sie nach Chile zu Besuch kam, wurde sie von der ganzen Familie am Flughafen abgeholt und begrüßt wie ein Staatsgast.

Sie ist eine Mittelpunktsperson, unterhaltsam, wortgewandt, weltläufig, aufregend. Es gibt Gerüchte, dass sie mit der berüchtigen DINA, einer geheimen Foltertruppe der Pinochet-Diktatur in Beziehung gestanden habe; aber das konnte ja nicht sein.

So fängt Lissette Orozco an Material zu sammeln, um einen Film über diese großartige Tante und zu deren Verteidigung zu machen.

Vielfältige Recherchen, auch Befragungen früherer Arbeitskolleginnen von Adriana erschüttern allerdings nach und nach diese Verteidigungshaltung der Filmemacherin. Die Sichtung des Materials führt dazu, dass sie die Position der Verteidigerin der Tante gegen die Rolle einer neutralen Filmemacherin eintauscht, um die Dokumentaristen-Ehre nicht zu gefährden.

Das erzählte Lissette Orozco anlässlich der Präsentation ihres Filmes bei der Pantalla Latina im Kino Rex in St. Gallen. Denn was sie bei den Recherchen zu Tage förderte, das stellt das humanistische Menschenbild in Frage, lässt Abgründe erahnen, die niemand wahr haben möchte.

Von den lateinamerikansichen Diktatur-Aufarbeitungsfilmen ist das sicher einer der härteren, weil er so persönlich ist, aber nicht von einer vorsätzlichen Anklagehaltung ausgeht.

Erst wird plausibel nachvollziehbar geschildert, was der Reiz für die junge Adriana in den 1970er-Jahren war, sich in die Geschichte hineinziehen zu lassen. Und es gibt plausible Schilderungen, wie der Apparat vorgegangen ist, dass ein Aussteigen praktisch unmöglich wurde genauso wie ein Ausplaudern der Dinge. Ein Verschweigmechanismus, der offenbar Jahrzehnte über die Untaten hinaus funktioniert.

Ein schmerzhafter Film gegen die Amnesie. Da Adriana die australische Staatsbürgerschaft hat, dürfte es alledings schwierig werden für Chile, die beantragte Auslieferung durchzusetzen.

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Das Kino ist eine Falle und die Globalisierung ebenso. Das bekommt Xiaobin (Xiaobin Zhang) alias Beatriz zu spüren. Das Schicksal (oder die Dramaturgie) spült sie unvorbereitet und unvermittelt von China nach Buenos Aires in Argentinien.

Dort lebt ihre Familie und betreibt eine Wäscherei. Xiaobin spricht kein Wort Spanisch. Sie erleidet trocken-lakonisch die Engpässe, die Nichtbeherrschen einer Sprache und Nichtkenntnis einer fremden Welt bereithalten, lauter Fallen beim Job, beim unvermittelten Heiratsantrag des Inders Vijay (Saroj Kumar Malik) und bei der eigenen Familie, die glaubt zu wissen, was das Beste für ihr Glück ist.

Die oft erheiternden Dialog stammen aus einer Anfänger-Spanisch-Lektion.

Zum Glück gibt es auch die Behandlung des titelgebenden Futuro Perfecto, die vollendete Zukunftsform, die weitet die Möglichkeiten von Spielszenen für den Film lustig aus, nach dem Motto, was wäre, wenn ich den Inder heiratete oder wenn nicht, wenn ich getan haben werde, was meine Familie wollte.

Nele Wohlatz, die Autorin und Regisseurin, spielt das so trocken wie eine Schullektion durch und tut so, als wären da überhaupt keine Fallstricke und unterhält den Zuschauer, als sei keine Hinterlist im Spiel.

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Hier sind die Links zu den Reviews der Filme aus dem Kurzfilmwettbewerb an der Pantalla Latina in St. Gallen.
Das Publikum hat Corp zum Sieger gekürt.

A
Wer oft A sagt, kommt nicht immer dazu, B zu sagen.

AL SILENCIO
Ein Mann geht seinen Weg. Er trägt eine Last.

CON SANA ALEGRIA
Pflege der Oma muss in Kuba die Lebensfreude nicht dämpfen.

CORP
Eigenes Fenster schützt nicht vor der Maschinerei des Geldverdienens.

ENCARNACION
Postmassacker-Ttraumatisierung eines Täters.

GENARO
Genaro liefert die Leichen von Opfern der Paramilitärs den Hinterbliebenen aus.

LUPUS
Die Haut der Erde, die Haut des Menschen und der Wolf im Hund.

LOS AERONAUTAS
Überleben und sich verteidigen in arider Animationsgegend.

ONION
Die Zwiebel ist das neue Om.

PARTIR
Ein langer Weg zu einem kurzen Blick.

PEQUENO MANIFIESTO CONTRA EL CINE SOLEMNE
In die Quatschmaschine mit den eheren Regeln des Filmemachens.

REO
Schweirig, sich nach dem Knast in einer fremden Welt sich zurechtzufinden.

TODOS BAILABAN
Mobbing kann einen wahren Tänzer nicht umwerfen.

VERDE
Die Blase, in der Security-Personal von Realitätsschwund heimgesucht wird.

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