Archiv der Kategorie: Filmfest

Kommentar zu den Reviews vom 9. November 2023

Extremes Hell, extremes Dunkel mit Grau- und Übergangszonen dazwischen dominieren das Kino heute, aber es gibt natürlich auch weniger ernst zu nehmendes daneben. Ein Dunkelthema kommt aus den USA, ein Lichtthema aus den Niederlanden, ein Grautonthema aus Südtirol, eine sich eindunkelnde Geschichte aus Hamburg, eine weiche Übergangsgeschichte aus Pakisten, eine hammerharte schwarz/weiße-Tastengeschichte aus der deutschen Musikwelt, eine klare Gut-Böse-Geschichte aus Südafrika, eine familiäre Grauzonengeschichte aus Mexiko und ein Hotel-Halloween-Jux aus deutschen Förderlanden und eine Kleinbürgerschizophrenie-Kompensation aus Hollywood. Auf DVD gibt’s zwei sehr konträre Übergangswelten von Klein zu Gross. Ein Filmfest in Bayern ließ die Leinwände vielfältigst funkeln.

Kino
SOUND OF FREEDOM
Schauderthema Kinderhandel in den USA

VERMEER – REISE INS LICHT
So nah kommt man Vermeer so bald nicht wieder.

EIN GANZES LEBEN
Ein Bankert- und Berglerschicksal

FÜR IMMER
Die Liebe, die sich jedes Paar wünscht?

JOYLAND
Weicher Umgang mit dem Konfliktpotential, das das Thema trans in einer pakistanischen Großfamilie auslöst.

TASTENARBEITER – ALEXANDER VON SCHIPPENBACH
Klarer Geist, klarer Anschlag

THABO – DAS NASHORN-ABENTEUER
Pädagogisch wertvolle Aufklärung über das Wildern in Afrika

TÓTEM
Was da so kreucht und fleucht in einer wunderbaren, mexikanischen Frauen-Haushaltswelt

FRANKY FIVE STARS
Hotelwelt mit Rissen

THE MARVELS
Magische Manschette als rettendes Link zwischen der Schizophrenie des Kleinbürgertums und ihres Überkochens.

DVD
GRAN TURISMO
Der Sprung von der Gamer- in die echte Motorsportwelt

TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES: MUTANT MAYHEM
Die Sehnsucht, in der Erwachsenen-Welt akzeptiert zu werden.

Filmfest
internationale hofer filmtage 2023 – Nachlese
Die waren ertragreich, die jüngsten internationalen hofer filmtage 2023, vielfältig und niveauvoll.

internationale hofer filmtage 2023 – Eine Nachlese

stefe empfindet es als ein Privileg, zuhause am Rechner Filme der 57. internationalen hofer filmtage 2023 anschauen und besprechen zu dürfen. Denn selbst mit dem 49-Euro-Ticket fährt man nicht eben mal schnell von München nach Hof – und in München gibt es ja auch Dinge zu tun.

Dann aber die Qual der Wahl, welche Filme anschauen bei einem Angebot von 130 Spiel, Kurz- und Dokumentarfilmen? stefe hat sich entschieden, als erstes zwar keinen Kurzfilm, aber einen nicht allzulangen Spielfilm anzuschauen, auch um herauszufinden, wie das mit dem Zugang ist, wie das mit der Sichtungstechnik funktioniert.

Gleich der erste Griff war ein Glückstreffer Amiga en un Camino de Campo – Freundinnen auf einem Spaziergang, ein argentinischen Spielfilm voller Poesie, Weite und verhaltener Menschlichkeit. Daraus ergab sich die Idee, sich erst mal anzuschauen, was aus Lateinamerika den Weg nach Hof gefunden hat, da stefe das lateinamerikanische Kino liebt. Allerdings haben sich von dort nicht allzu viele Filme nach Hof verirrt.

Also muss ein neues Kriterium her. Letztlich wird es ein blinder Griff in die Filmkiste, ab und an mit Schielen auf die Länge, resp. Kürze, der Filme! Schnell entwickelt sich das Schielen auf die Kürze der Filme zum Prinzip, sind es doch Filme, die man im regulären Kinoprogramm und also in den entsprechenden Pressevorführungen normalerweise gar nicht zu sehen bekommt. Es sind Griffe zu lohnens- und sehenswerten Filmen von etwa 17 bis 30 Minuten Länge geworden, nebst einigen wenigen Langfilmen. Das spricht für die Qualität der internationalen hofer filmtage.

Langfilme, 56 Minuten und mehr:
AMIGAS EN UN CAMINO – FREUNDINNEN AUF EINEM SPAZIERGANG
Ein Loblied auf den Spaziergang unter Berücksichtigung des Trennungsschmerzes

A COOLER CLIMATE
James Ivorys persönlicher, filmkünstlerischer Rückblick um uraltes Afghanistanmaterial herum kristallisiert

FEUERBLUME – DIE ZWEI LEBEN DER MARISA MELL
Eher ein Filmstar-Leben mit unwahrscheinlichen Höhen, aus denen es hinauskatapultiert wurde.

EXIT PANGEA
Verquirlt Forscherehrgeiz mit Forschers Individualgeschichte

FLIEGENDE BAUTEN
Die Roadies vom Fahrgeschäft „Fighter“

Filme zwischen etwa 17 bis 30 Minuten Länge (in alphabetischer Reihenfolge):

ALS ER EIN STEIN WAR
Kinderstartum gleich Kindsmissbrauch?

AND EVERY MOTHER’S CHILD IS GOING TO SPY
Die wissen kaum wohin mit ihrer künstlerischen Tatkraft.

AUSWILDERN
Modern Youth-Life-Style und wilde Pferde

CORNETTO IM GRAS
Schrägblick auf Schrägösterreich

DER TOD DER STILLE
Wenn aus Schwarzhumorigem Todeshumoriges wird in strahlendstem Schwarz-Weiß.

IM TRAUM SIND ALLE QUALLEN FEUCHT
Das Kino als Traumanstößer

JE VEUX DÉGUSTER – TASTE LIFE
Ständig die Grenzen des Benimms ausreizen und überschreiten

KUGELRUND
Dicker Bauch muss nicht abendfüllend sein

LES QUATRE TOURS
Beziehungsrisse, die das Leben schreibt.

LOS CHICOS DEL MAR
High-Homo-Life und böses Erwachen

MY ORANGE GARDEN
Großes Künstlerporträt

PLEASE HOLD THE LINE
Halunkereien aus Malaysia vor ernstem Hintergrund

POOL
Österreichische Jugend in der Nacht – Studie

TRINKHALLE
Zum Aussterben bestimmt

UN BON GARCON
Darüber ist schwer zu reden und deshalb auch schwer, sich zu solidarisieren.

UNGEHEUERHOF – CHRONIKEN UND GEMÜTSZUSTÄNDE AUF DEM LAND
Keine Bauernidylle in Baden-Württemberg

VERRÜCKTES BLUT
Islamische Beschneidung auf die Schippe genommen

Verrücktes Blut (internationale hofer filmtage 2023)

Einblick in die islamische Männergesellschaft in Deutschland

Tradition und Moderne ist der ewige Kampf, besonders wenn diejenige einer Immigrantengemeinschaft auf die moderne deutsche trifft.

Can Tanyol, der mit Bahar Bektas auch das Drehbuch geschrieben hat, geht das Thema der Beschneidung keineswegs in pseudotoleranter Verständnismanier an. In seinem 20-minütigen Spielfilm soll die Beschneidung von Kenan (9) gefeiert werden.

Die Neugier des Zuschauers wird gesteigert, endlich so einen Akt zu sehen zu bekommen. Die feierliche Einkleidung des Buben, dem das alles nicht ganz geheuer ist. Auch zwischen Papa und Opa herrscht keine Harmonie. Opa will traditionell noch in die Luft schießen und der jetzt zum Mann erkorene 9-Jährige soll das ebenfalls machen. Dann allerdings geraten die Dinge außer Kontrolle. So leicht solls dann doch nicht werden mit der Beschneidung, diesem überkommenen, archaischen Ritual, auf deutschem Boden.

Ungeheuerhof – Chroniken und Gemütszustände auf dem Land (internationale hofer filmtage 2023)

Schade, dass diese Dokumentation über die fragmentierte Familie Benignus vom Ungeheuerhof in Baden-Württemberg nach einer halben Stunde schon vorbei ist.

Die Filmemacher Gretel Ribka und Jonas Riedinger schaffen es dank intimem Zugang zu ihrer Protagonistenfamilie einen faszinierenden Einblick zu geben in ein Stück moderner, industrieller Landwirtschaft und das gerade mal in drei Wochen Drehzeit, die sie auf dem Hof verbrachten.

Im Zentrum steht der aktive Bauer Jürgen. Er hat an der Landwirtschafts-Uni Hohenems studiert. Hier wird Landwirtschaft ohne Tiere gelehrt. Das führte zuhause zu einem Vater-Sohn-Konflikt.

Ungeheuerhof könnte auch ein Omen sein. Es gibt in der Doku nicht nur Bilder, die gewagt und gefährlich aussehen, auch in den Erzählungen des Jungbauern kommen solche Geschichten vor. Seine Familie ist nicht mehr intakt. Die Frau ist weg, krank wohl, der Bub Max hat enorme psychische Probleme.

Dann ist da noch die Oma Hanna. Sie ist das Herz der Familie in der Stube. Sie sieht man immer beim Zeitungslesen. Sie verfolgt aus Distanz und mit einer gewissen Skepsis die Entwicklungen, die über so einen Hof rollen.

Der Film ist ein Mosaikstein in der brisanten Diskussion über eine zukunftsfähige Landwirtschaft, gibt Einblick in die Seite der industriellen Landwirtschaft, die mit hohen Investitionen arbeitet und entsprechende Einnahmen erzeugen muss; was dem Bauern bei eh schon langen Arbeitstagen schlaflose Nächte bereitet.

Es ist kein idyllisches Bild von der Landwirtschaft, was der Film entwirft, denn auch der Klimawandel meldet sich in längeren Phasen ohne Regen. Ganz zu schweigen von der Erkenntnis, dass diese industrielle Landwirtschaft die Böden dermaßen auslaugt, dass sie in absehbarer Zeit nicht mehr zu gebrauchen sein werden.

Immerhin hat Jonas es noch nicht aufgegeben, zu träumen, von mehr Freizeit und vielleicht doch mal wieder eine Frau kennenzulernen; denn auf so einem Hof ist der Bauer verdammt einsam – Jonas hat immerhin noch seinen LKW, mit dem er eine gewagte Ladung Stroh nach Südtirol ausliefert.

Un bon garcon (internationale hofer filmtage 2023)

Um den heißen Brei

Der knapp 20-minütige Film von Paul Vincent de Lestrade – der eindeutig als fiktional rüberkommt mit einer Kamera, die immer alles schon weiß – kreist um einen heißen Gegenstand: Missbrauch von Jungs durch den Trainer, Missbrauch von Minderjährigen im Sportverein durch Erwachsene.

Max und Flo sind in der gleichen Schwimmmannschaft, Kids um die 17 vielleicht. Flo behauptet, vom Trainer missbraucht worden zu sein. Es gibt andere Stimmen, die Ähnliches erlebt haben wollen.

Der Missbrauch selbst ist nicht Thema des Filmes, sondern wie die Menschen in der Umgebung damit umgehen. Als ob es sich um eine infektiöse Krankheit handelt. Hinzu kommt die Angst vor Ansehensverlust bei Anzeige.

Flo möchte, dass Max mit ihm mit zur Polizei geht, um Anzeige zu erstatten. Das stürzt Max in einen Konflikt. Der wird noch verschärft dadurch, dass der nicht mehr zuhause lebende Vater sich einmischt und Max raushalten möchte. Ein dramatisches Ereignis verhändert die Haltungen.

Paul Vincent de Lestrade bereitet die Geschichte als spannende Story um einen weißen Elefanten, der unangesprochen im Raum steht.

Trinkhalle

Ein Abgesang auf das Ruhrgebietskulturgut „Trinkhalle“:

„In den vergangenen Jahren mussten über 2000 Trinkhallen auf Grund von Inflation und Konkurrenz schließen. Mit jeder Trinkhalle, die verschwindet, stirbt ein weiteres Stück Zuhause, Geborgenheit und Kultur im Ruhrgebiet.“, so der Abspanntext.

Der 23-minütige Film von Alexa Ramthun und Lars Köppl porträtiert die Trinkhallenbetreiberinnen Silvia und Birgit in der quasi objektiven Dokuart, in welcher der Dokumentarist unsichtbar bleibt, was in beengten Verhältnissen, wie solchen Getränkekioske sind, gar nicht immer leicht ist.

Man sieht die Betreiberinnen Zigaretten rauchen oder Mundschutz tragen, den Laden aufmachen, Kunden bedienen, Zeitschriften in die Regale einsortieren. Man sieht Männer, die mitarbeiten. Diese Trinkhallen verströmen von außen besehen eher Trostlosigkeit denn Hoffnung; aber für Stammkunden scheinen sie wichtiger familiärer Treffpunkt trotz – oder vielleicht gerade wegen – des Alkoholproblems.

Pool

Künstlers Skizze

Maler fertigen oft Skizzen an, um Details oder Kompositionen für ihre späteren und Meisterwerke anzufertigen. Diese Funktion kann beim Kino gerne der Kurzfilm übernehmen.

Der 19-Minüter von Sophie Hochedlinger, die mit Levin Hofmann auch das Drehbuch geschrieben hat, beweist, dass die Regisseurin ein bestimmtes Bild der heutigen Jugend zeichnen kann; dass sie mit einer Gruppe von prima Darstellern und Darstellerinnen exzellent umgehen kann; dass sie auf der Leinwand fiktional eine glaubwürdige Stimmung erzeugen kann.

Das Ganze gepaart mit österreichischer Chuzpe und Nonchalence oder mit dem gewissen Schmäh im Hinterkopf dank dem Dialekt, entführt die Zuschauer in einen Nachtausflug einer bunten Gruppe junger Menschen, bunt von der Kleidung und der Diversität bis zum Transentum.

Diese Clique marschiert ein in eine eher abgestandene Billard- und Dartkneipe. Die Queues schießen Kugeln, Dartpfeile werden auf die Zielscheibe geschleudert, das Bier fließt und ebenso kleinere Animositäten; die von den Betroffenen als extrem empfunden werden.

Es gibt Momente der Weinerlichkeit, der Liebessehnsucht und ein wundervolle Katerstimmung am Ende der Nacht hoch über der Stadt auf dem Pickup, der anfangs noch imposant vorgeführt wurde wie in einer Autowerbung. Glanz und Elend einer solchen Nacht können nahe beieinander liegen.

Please hold the Line (internationale hofer filmtage 2023)

Drama aus Malaysia
Frau unter der Knute

Die Protagonistin (Kendra Sow) arbeitet in einem gaunerischen Call-Center. Sie wohnt noch bei ihrem Vater (Chen Puie Heng), einem besorgten Taxifahrer. Sie ist schwanger und will abtreiben. Sie will das diskret erledigen, auch will sie ihren Vater damit nicht behelligen.

Eine ältere Kollegin (Ruby Faye) kann der jungen Schwangeren eine Abtreibung in Kuala Lumpur gegen gutes Geld vermitteln; eine in Malaysia illegalge Angelegenheit. Auch ihr Boss (Billy Ng) setzt sie unter Druck, will ihr den nötigen Vorschuss nicht geben, im Gegenteil, er bricht ihr gleich mal das Handgelenk, weil sie nicht zu spuren scheint.

Ce Ding Tan erzählt in seinem 18-minütigen Kurzfilm das soziale Thema mit Anleihen beim asiatischen Gangsterkino flott, temporeich und anrührend zugleich.

My Orange Garden (internationale hofer filmtage 2023)

Monolog einer Exilsängerin

Faravaz Farvardin ist aus dem Iran nach Berlin geflohen, weil sie zuhause öffentlich aufgetreten ist; was sie dort ins Gefängnis bringen kann.

Anna-Sophia Richard porträtiert diese bemerkenswerte Persönlichkeit und exzellente Sängerin in einem 20-minütigen, hochkünstlerischen Feature, stilvoll stylish. Sie lässt die Frau mit dem voluminösen Resonanzkörper öffentlich singen, beispielsweise vor einem Fischgeschäft. Oder sie lässt sie in Unterwäsche lange vorm Spiegel stehen und über sich und ihren Körper reflektieren.

Wo ist Faravaz Farvardin zuhause? Da, wo sie sicher ist. Wo ist sie sicher? Im Iran nicht, da drohen berüchtigte Gefängnisse. In Deutschland? Auch nicht. Am ehesten in ihrem Körper. Da, wo es keine Zensur gibt. Dafür baut die Filmemacherin eine Tanzeinlage mit einer Gruppe von Frauen in ihr faszinierend respektvolles Porträt ein.

Los Chicos del Mar (internationale hofer filmtage 2023)

3 Männer, ein Boot

3 junge Männer fahren im Boot aufs Meer. Sie lieben sich promisk. Das ist prinzipiell bekannt im Hafenstädtchen, gefällt aber nicht allen.

José Antonio Valera lässt in seinem 20-minütigen Film die Freunde über die Zukunft reden. Der eine will für ein Jahr weg. Was ist nächstes Jahr? Kann es ewig so weitergehen?

Aber der Regisseur hat Hinterlistigeres mit den Dreien im Sinne, einen kafkaesken Einfall, um schwarzhumorig das Homophobie-Thema ad absurdum zu führen.