Archiv der Kategorie: Filmfest

DOK.fest München 2021

stefe hat sich einige Filme vorab angesehen. Sich für das DOK.fest zu interessieren. kann nur empfohlen werden. Es spart das Reisen in coronaschwierigen Zeiten. Zu sehen gibt es aus aller Herren Länder Dinge, die kein Tourist so normalerweise zu sehen bekommt; aber auch das touristische Auge bleibt gut beschäftigt. Man glaubt immer, man kenne die Welt, man habe sein gefestigtes Weltbild. Doch jeder Film hier zeigt, es gibt so viele Welten, so viele Schicksale, so viele Haltungen, Ansichten, Lebensweisen, Wahrheiten, Milieus, so viele Projekte, so viele Widrigkeiten, so viele Darstellungsmöglichkeiten von Wirklichkeit, viel mehr als wir uns in unserer Schulweisheit je zu träumen trauten. Und je mehr Filme ich mir anschaue, desto mehr entwickelt sich das Gefühl, im Grunde genommen in der eigenen, beschissen kleinen Welt, überhaupt keine Ahnung davon zu haben, was sich alles tut auf dieser Welt. Und selbst davon kann so ein Dokumentarfilmfestival wiederum nur einen winzigen Ausschnitt zeigen.

Hier die Links zu den Reviews in alphabetische Reihenfolge nach Titeln:

ARADA

Abgeschoben in die unbekannte Heimat

AUSLEGUNG DER WIRKLICHKEIT – GEORG STEFAN TROLLER

Aus der Wirklichkeit etwas holen und ihr etwas geben: das ist Dokumentation.

BELONGING

Deutsche Minderheit in Serbien

BETWEEN FIRE AND WATER

Anderssein in Kolumbien 

BORDERLANDS

Drähte und Zäune quer durchs Lieblichland

DER GERAUBTE WALD – WOOD

Stories über illegale Abholzungen wie Krimis, die erzählt werden müssen.

DIE ROSSELLINIS

Kaputte Familie in Italien

DOWNSTREAM KINSHASA

Leere Politikerversprechen

EIN CLOWN, EIN LEBEN

Wieder Zirkus-Clown

HINTER DEN SCHLAGZEILEN

Recherchejournalismus aus München 

IN DEN UFFIZIEN

Quicklebendiger Museums-Organismus mitten in Italien 

JE M’APPELLE HUMAIN

Dieses Leben ist Poesie. 

JUDY VS. CAPITALISM

Feminismus-Wirbelwind aus Canada 

KÍMMAPIIYIPITSSINI: THE MEANING OF EMPATHY

Ärtzin auf Augenhöhe mit den Drogenkranken ihrer Nation 

KOMUNA

Epikuräer aus der Tschechoslowakei

LA CONQUISTA DE LAS RUINAS

Argentinisches Gesamtbild von Mensch, Geschichte und Natur

LA PREMIERE MARCHE

Anderssein in der Banlieu von Paris 

LA VOCERA

Die Stimme der Indigenen in Mexiko 

LES LIBRES 

Resozialisierung oder Refunktionierung, das ist hier die Frage. 

LOST BOYS

Im Drogensumpf von Thailand und Kambodscha verlorene Finnen 

MORNING STAR

Westerners tropischer Traum 

NO HAY CAMINO

Der Weg ist da Ziel, aber es gibt keinen Weg. 

NO VISIBLE TRAUMA

Was man nicht sieht, kann man auch nicht strafrechlicht verfolgen. 

RENÉ

Autor auf der falschen Seite des Gesetzes

SHADOW GAME

Abenteuerliches Coming-of-Age-Game

SCHOOL OF HOPE

In der Wüste werden manche Dinge kostbar.

SKIES ABOVE HEBRON

In eiserner Umarmung

SOLDATEN

Deutscher Kriegspropagandafilm 

SUSPENDED WIVES

Weggelaufene Ehemänner in Marokko 

THE ARK

Und das alles in einem einzigen Spitalzimmer – mehr geht nicht.

THE ART OF SIN

Anderssein im Sudan 

THE SILENCE

Viele Opfer, mehrere Angeklagte, die meisten tot

THE WIRE

Das idyllische Grenzflüsschen Kupa …

THERE’s NO PLACE LIKE THIS PLACE, ANYPLACE 

Gentrifizierung in Toronto

THE LAST SHELTER

Steckengeblieben im Subsahara-Nirgendwo 

THE OTHER SIDE OF THE RIVER

Frauenemanzipation mit dem Gewehr in Kurdistan 

THINGS WE DARE NOT DO – COSAS QUE NO HACEMOS

Anderssein in Mexiko 

THIS RAIN WILL NEVER STOP

Flüchtingsschicksal unter der Prämisse des ewigen Kreislaufes

WANDERING – A ROHINGYA STORY

Bilder und Gedanken aus einem riesigen Flüchtlingslager

WHITE CUBE

Ausbeutung und Traumkarriere im kongolesischen Dschungel 

WRITING WITH FIRE

Unerschrockene indische Frauen gegen perfiden Nationalismus 

ZINDER

Gesetzlos in der Sahelzone 

Wandering – A Rohingya Story (DOK.fest)

Kutupalong

in Bangladesh sei das größte Flüchtlingslager der Welt, erzählt Kalam, Protagonist dieses Filmes von Olivier Higgins und Mélanie Carrier. 

Die Rohingya sind Opfer des hinduistischen Nationalismus in ihrer Heimat Myanmar, früher Burma. In gedämpfter Stimme erzählt Kalma, der den Familiennamen nicht für wichtig hält, von seinem Schicksal, von den Geistern der Vergangenheit, von der Aussichtslosigkeit in diesem Camp aus dicht gedrängten, einfachen Hütten. 

Er erzählt vom schwarzen Geist in seinen Träumen, der ihn verletzt und am Fortkommen hindert. Der schwarze Geist bedroht ihn mit dem Tode. Angstträume, die ihn nicht schlafen lassen. Kalma selber ist versehrt, angeschossen bei der Flucht, wenn ich das recht verstehe; arbeitet als Übersetzer für Journalisten und NGOs und die Filmemacher haben ihn gleich in mehrfacher Funktion engagiert. Kalma wundert sich, dass der Geist trotz der Todesdrohung ihn nicht tötet. 

Die Bilderwelt bringt ruhige Impressionen aus dem Lager, oft sitzen die Menschen nur da, sinnieren oder man sieht sie bei der Bewältigung ihres Alltages von Kochen, Wäsche waschen, Frisieren, waschen, beim Beten, Anbau eines Wassertanks auf ein Dach, dicht gedränger Schulunterricht, Kinder beim Zeichnen (Blumen, Helikopter, die Häuser anzünden und auf Menschen schießen), Handarbeiten. 

Die Gassen zwischen den Hütten sind so eng, dass man um die Kamera bangt, wenn sie sich hindurch bewegt, durch das teils geschäftige Leben. Gedrängel bei der Reisverteilung. Dann wieder Hühner, ruhige Betrachtung des Lebens. Und nicht alles ist nur trist. Kids und junge Männer spielen Fußball in und an einem braunen Bach, Buben ringen miteinander oder tanzen ausgelassen oder lassen Drachen steigen – während Kalma von Menschenhändlern spricht, die wöchentlich Kinder aus dem Camp entführen und darauf hinweist, dass die Rohingya hier staatenlos und also ohne Personalausweis oder Pass seien. 

Die Fotografie ist in der Nähe der Postkartenfotografie anzusiedeln, ansehnlich, in mildem Licht und also schön, grad auch wegen der bunten Farben der Stoffe von Frauenkleidern und Vorhängen.

Frauen schildern ihr früheres Leben in Myanmar und Monstrositäten ihrer Peiniger bei der Vertreibung. 

This Rain will never stop (DOK.fest)

Fotografiefilm

In diesem aus der Ukraine, Deutschland, Lettland und Katar multipel geförderten Film von Alina Agorlova spielt die Kamera die Hauptrolle. 

Mit jedem Bild erzählt die Kamera, dass sie dem, was sie sieht, Gewicht verleiht, dass sie ihre Objekte sehenswürdig macht. Dass der Film in Schwarz-Weiß gedreht ist, verstärkt diesen Eindruck. Hier kann besonders deutlich an Hell-Dunkel-Unterschieden gearbeitet werden, hier bekommt alles Gewicht, Wichtigkeit, ob Erdoberfläche als gefurchte Haut, ob Wasseroberfläche, ob die Montage von Schießrohren auf Panzer, ob Menschenmassen, die über eine Grenze drängen, ob eine Charity-Veranstaltung vom ukrainischen Roten Kreuz – es ist wohl die Postproduktion, die extrem an der Herausarbeitung dieser Als-solche-wichtig-Message arbeitet. 

Gewichtigkeit verleiht Alina Gorlova ihrem Film auch durch das neutrale Strukturmittel der Nummerierung, die bei Null (zero) anfängt. Null: Erdoberfläche, eins: ein Einsiedler, der einen Monolog an seine Katze hält, russischer Pass, zwei: Panzerproduktion, drei: Charity und Militär. 

Vielleicht sind solche abstrakten Nummern lediglich Ablenkungsmanöver, um vorzugaukeln, es handle sich um eine Geschichte, die herzustellen dem Kopf des Betrachters überlassen bleibt. Film ist nun mal weitgehend auch Trickserei. 

Andererseits kommen auf diese Weise eine Menge Momentaufnahmen aus der Ukraine zustande, die ein zerrissenes Land zeigen, das sich auch noch mit dem Nahostkonflikt ständig beschäftigt. So wechseln sich hier in schöner Abfolge, die die Krieg führen und Menschen töten und die, die helfen und heilen wollen und dazwischen die armen Schlucker, die auf Hilfe angewiesen sind. 

Dokumentation im Sinne einer neutralen Berichterstattung, im Sinne einer Skepsis, die sich zurückhält, die alle Schuld der Kamera zuweist. Im zurückhaltenden Sinne dessen, der nicht Partei ergreifen will, der sich raushält, der keine Schuldzuweisungen trifft, der keine Verantwortlichen ausmacht. 

Vielleicht auch im Sinne einer fatalistischen Haltung, die gar nicht erst erwartet, mit den Mitteln des Dokumentarfilmes die Welt verändern zu wollen oder sie aufzuwecken. Denn durch die Kamera – und vielleicht durch ihre Eitelkeit – wird alles gleichgemacht, Kanonenproduktion wie eine Menge junger Schafe in der Stube eines alten Ukrainers. 

Die Frage, ob so ein Kino vielleicht sogar ein amoralisches Kino ist, eines, das sich mit Beurteilung zurückhält, sich aber mit einer praktisch unangreifbaren Fotografie gegen derlei Einwürfe vorbeugend absichert. Und so, wie der Regen im Titel nie innehält, so könnte es ewig weitergehend mit den Kapiteln, den Nummern, die Rückenmassage, Situation syrischer Flüchtlinge in der Ukraine (wobei daraus eine rudimentäre Geschichte mit einem Abstecher nach Syrien ensteht), Fabrikschlot, Naturimpressionen, geknickter Wald, Panzerkolonnen, Schwarzbild, Zahl, City, Prideparade, vier, fünf, sechs, sieben, viele, viele, zero …

Shadow Game (DOK.fest)

Moderne Flüchtlinge

Minderjährige, die im Aufrag ihrer Familien sich auf den Weg nach Europa machen aus Afghanistan, Syrien, Irak, Afrika. Sie sind zielbewusst, informiert, gut ausgerüstet mit GPS, mit Handys und Smart-Phone, filmen ihre Flucht, tauschen sich mit anderen Flüchtlingen aus, sie stehen in Kontakt mit ihren Familien, berichten über den Fluchtfortschritt oder verschweigen die nicht geglückten Versuche von Grenzüberschreitungen, verschweigen, wenn es schwierig wird, gar wenn sie brutal geschlagen und ausgeraubt werden. Wobei letzteres wohl nicht zu verschweigen ist, denn auch Geld wird problemlos transferiert, so dass sich die Jungen, und es sind ausschließlich Jungs, zumindest in dieser Dokumentation von Eefje Blankevorort und Els van Driel, neu ausrüsten können. 

Der Film ist ein bunter und (überwiegend) leicht bekömmlicher Mix punktueller Impressionen aus Jahreszeiten, Orten und Protagonisten. Anwesend sind die Filmer vor allem in den Lagern, in den Stationen, an denen Flüchtlinge sich sammeln, hängen bleiben, sich erholen, sich verpflegen und medizinisch betreuen lassen können. Auch solche Strukturen entwickeln sich offenbar zwangsläufig an Flüchtlingsrouten. 

Für die Jungs selber, sie sind im abenteuerlichsten Alter, handelt es sich um ein Game, von dem es verschiedene Varianten gibt, das Train-Game, das Walking-Game oder auch das Game of Life and Death; es gibt Stellen, wo es lebensgefährlich werden kann, wilde Tier im Dschungel (dieser balkanesische Dschungel kommt auch vor in The Wire), Kälte, Minenfelder, Hunger, Durst. 

Brenzlig wird es um die EU herum. Hier rein zu gelangen scheint die größte Herausforderung und in Kroatien macht sich die Polizei ein Spiel daraus, erwischte Flüchtlinge auszurauben und zu foltern. 

Aber die Flüchtlinge zeigen Härte und Entschlossenheit. Teils sind sie jahrelang unterwegs und sie probieren die schwierigen Hürden immer und immer wieder zu nehmen. Und wenn die EU endlich erreicht ist, haben sie vorerst vom Reisen die Nase gestrichen voll. Aber ein eindrückliches Coming-of-Age, eine ungewöhnliche mythische Reise haben sie hinter sich. Und den ersten Bart noch dazu. 

Von Jungs, die das geschafft haben, kann noch einiges erwartet werden, wenn sie sich hier zielstrebig integrieren.

René (DOK.fest)

Autonomie eines Autors auf der falschen Seite des Gesetzes

Es gibt Momente, da erinnert René um die Augen herum an Fassbinder. Das Verbindende: diese Unbestechlichkeit des Blickes, vermutlich aus tief verletzter Seele, Voraussetzung für radikale Autonomie. 

Ein Blick der einerseits wach, andererseits auch von einem tiefen Misstrauen den Menschen gegenüber geprägt ist (plausibel macht das Misstrauen der kaputte familiäre Hintergrund von René). 

Der Blick muss die tschechische Filmerin Helena Trestikova, der das DOK.fest München 2021 eine Hommage widmet, 1989 noch vor dem Fall der Mauer angezogen haben. Er ist ein jugendlicher Gefängnisinsasse. Über ihn macht sie einen Dokumentarfilm. Sie baut über einen Briefwechsel ein Vertrauensverhältnis zu ihm auf. Der jungendliche Delinquent sollte sich für sie als Filmemacherin als Glücksgriff erweisen. Auch das ist Thema in dem Film von früh an, ob er nur ein Objekt sei für sie, für ihre Karriere; andererseits gibt es den Hinweis, dass auch er wiederum davon profitiert haben könnte, indem ihm die Protagonistenexistenz auch Lebenssinn gegeben haben kann. 

Die Autonomie von Renés Denken und Handeln äußert sich zuerst in wirtschaftlicher Hinsicht. Er sieht es nicht ein, einen Deppenjob zu machen, bloß um sich seinen Lebensunterhalt und kleinere Annehmlichkeiten leisten zu können. Das heißt nicht, dass er das ganz große Rad drehen muss. Aber mit Diebstählen, Wohnungs- und Autoeinbrüchen ist das Leben leichter zu bewältigen. 

So beginnt eine zukunftsträchtige Knastkarriere und für Trestikova ein Projekt über fast 20 Jahre. Diese Knastkarriere wiederum steht durchaus auch, so viel lässt René durchblicken, in Wechselwirkung zur Dokumentation. 

Im Knast liest René viel, fängt an zu schreiben, wird zum Autor; aber ein Leben als freier, selbstverantwortlicher Bürger kann er da nicht lernen, wie denn auch; er sieht sich nicht als nützliches Mitglied der Gemeinschaft; ein Gedanke, mit dem er hohe Gemeinschaftskompetenz zu verstehen gibt, wohl höher als von vielen nützlichen Idioten in der Gesellschaft. Womit der Film die Frage aufwirft, wie weit denn Gefängnisstrafen hilfreich sind, sowohl für die Straftäter als auch für das Gemeinwesen. 

Die Geschichte der Tschechoslowakei und die Aufteilung in Tschechien und die Slowakei nach der Wende wird in immer neuen Vereidigungen von Staatspräsidenten übers Fernsehen eingespielt.

Skies above Hebron (DOK.fest)

Unruheherd Naher Osten 

Explosive Region. Und mitten drin Israel und Palästina ineinander verkeilt wie zwei Ringer im Stillstand, wobei die Palästinenser im eisernen Griff der Israelis wie in einem Gefängnis fixiert sind. 

Korrupte Regierungen allerorten, in Israel, in Palästina. Innenansicht aus diesem Gefängnis, aus Hebron. Überall hochgerüstete israelische Soldaten auf der einen Seite der stacheldrahtbewehrten Grenze, Buben und junge Männer, die Steine werfen auf der anderen Seite und hier ein Kamermann, der offenbar ungeschoren davonkommt, der sogar möglicherweise aggressionsmildernd auf das israelische Militär wirkt, wie ein Bub zu verstehen gibt. 

Eingekreist von völkerrechtswidrig errichteten Siedlungen, die sich breit machen, ein Bruchteil der Einwohnerzahl von Hebron. Buben werden früh zu Kämpfern, züchten Tauben, geben den israelischen Soldaten Kontra oder filmen alles, was sie vor die Kamera bekommen, um Beweise zu sammeln. 

Ein merkwürdig intimes Verhältnis, was sich zwischen den Buben und dem Feind entwickelt. Einschüchtern lassen sie sich nicht. Den Tod lernen sie früh kennen, haben keine Angst davor. Was ist so ein ärmliches Leben schon wert. Fasching bei den Siedlern. Den filmt dann wiederum der Bub vom benachbarten Dach aus. 

Palästinenser und Israelis sind sich in so einer Siedlung so nah wie ein Ehepaar im Bett. Ehen können ganz schön tot sein. Ausbildung der Buben auf der Straße: Soldaten anmachen, Steine werfen, filmen, revolutionäre Parolen brüllen und im richtigen Momen weglaufen, allenfalls Märtyrer werden. 

Zuhause: Tauben züchten und töten oder Wasserpfeife rauchen und politisieren oder TV. Mit 14 ist der Bub längst ein Mann und kann von den Israelis eingekerkert werden. 

Der Film spannt sich von 2016 bis 2020. Da ist die Familie aus dieser Grenznähe weggezogen. 

Und der Westen? Der hält sich raus, der schießt allen Parteien Geld zu, liefert überallhin Rüstung; Wenn es ums Geld geht, ist ihm Demokratie nicht so wichtig. Der Westen scheut vor Konsequenzen bei offensichtlichem Völkerrechtsbruch zurück; Geschäft steht generell über Recht und Demokratie. 

Belonging (DOK.fest)

Aus Sümpfen hob sich eine neue Welt …

Die Wojwodina

Unter Maria-Theresia sind anfangs letzten Jahrhunderts Umsiedlungen von Deutschen an die Donau propagiert worden; Sümpfe wurden trocken gelegt; diese deutschen Siedler wurden die Donauschwaben genannt. 

Jetzt, hundert Jahre später, gibt es dort noch etwa viertausend ursprünglich Deutsche, eine Minderheit in Serbien. 

Tea Lukac lässt in ihrem von schwermütiger Musik getragenen Abreißkalenderblattfilm Nachkommen dieser Besiedler erzählen, Menschen die im zweiten Weltkrieg noch Kinder waren, die die brutale und wechselvolle Geschichte dieser heutigen Minderheit erlebt hatten oder aus Erzählungen kennen. 

Es ist wie eine feine Handarbeit. Prima gearbeitet Bilder, die immer nur Standbilder sind oder bearbeitete Fotografien füllen die breite Leinwand, oft sind es Bilder, die wie Trauerkärtchen Halme und leere Äste, Felder und Raureif zeigen oder es sind Ansichten aus der Blütezeit der Donauschwaben mit ihren grundgenormten, aber indiviuell unterschiedenen, stattlichen Bürgerhäusern oder dann melancholische Zerfallsbilder von Ruinen oder von Vorfahren, die begeisterte Flieger waren (zu riskant, um eine Familie zu gründen). 

Ein breiter Schwarzstreifen unter den Fotos ist für die exzellent lesbaren Untertitel freigehalten. Die Erzählstimmen berichten von den grauenhaften Entwicklungen im Zweiten Weltkrieg, wie die Deutschen in Serbien plötzlich die Bösen, die Verfolgten waren, enteignet, in Lager gedrängt, vergewaltigt, massakriert. Wie nach dem Krieg keiner mehr ein Deutscher sein wollte und aus Deutschen plötlzich ungarischstämmige Leute wurden. Wie plötzlich klar war, dass auch die Serben als solche nicht die besseren Menschen seien. 

Der Film wird somit in der Art eines illustrierten Hörspiels zum meditativ-engagierten Plädoyer gegen jede Art von Nationalismus.

Downstream Kinshasa – En Route pour le Milliard (DOK.fest)

Kongoflussfahrt

Ein Road-, besser: ein Rivermovie. Eine Reisegesellschaft auf einer einfachen Fähre ist stromabwärts unterwegs. Gegen Regen muss man sich mit improvisierten Planen schützen. Es kann stark schütten. 

Die Passagiere sitzen dicht an dicht, haben ihre eigenen Kochgelegenheiten, ihren eigenen Proviant dabei. Die Reise dient nicht dem Abenteuer. So abenteuerlich die Bilder anmuten mögen. Die Reisegesellschaft ist eine Theatergruppe. Eine Selbsthilfegruppe. 

Es sind Menschen mit fehlenden Beinen, fehlenden Armen. Die Folgen eines 6-Tage-Krieges in Kisangani vor 20 Jahren. Immerhin haben sie überlebt, liegen nicht in einem der Massengräber. 

Das Ziel der Reise ist Kinshasa, ist Gerechtigkeit, ist Anerkennung und Schadenersatz. Sie haben ein Theaterstück, das sich auf unseren Bühnen nicht schämen müsste, eingeübt, ein Stück, was aus tiefer Seele kommt, ein Stück über die Entwertung verstümmelter Menschen. Sie wollen auf ihr vergessenes Schicksal aufmerksam machen. Sie haben es so schon schwer. Nicht nur wegen mangelhafter Prothesen. Sie erzählen, wie sie in den eigenen Familien schikaniert und diskriminiert werden für ihr Behinderung. Auf dem Schiff üben sie chorische Szenen, Musiknummern. 

Der Film von Dieudo Hamadi legt sein Augenmerk ganz auf die Gruppe, auf die Menschen, er vergeudet keine Energie damit, sich in der kongolesischen Flusslandschaft zu ergehen. Er ist mitten drin in dem dichten Gewühl auf dem Schiff, das ja auch voll ist mit Reisegepäck und mehr als überfüllt wirkt. Er ist dabei mit dem Auge des Einheimischen und nicht des afrikasehnsüchtigen Europäers. Er sieht sich in der Position des Frontreporters. 

Heftiger Wind kann zu einem aufregenden Tanz der überall schützend aufgespannten Planen führen. Und drunter drängeln sich die Menschen, versuchen die Teile vorm Davonfliegen abzuhalten, richtiggehend dramatisch kann das werden. 

Hauptfigur und Kopf der Aktion scheint „Mama“ zu seine, eine Frau, die mit zwei Beinprothesen sich durchs Leben kämpft. Alle nennen sie nur Mama. Aber irgendwie scheint es auch, dass alle Frauen Mama genannt werden.

Die Forderung der Gruppe beruht auf Versprechen, die ihnen Politiker gegeben haben schon vor 20 Jahren und die nie erfüllt wurden. Denn In Kisangani haben damals Armeen aus Uganda und Ruanda, unterstützt von kongolesischen Politikern gekämpft. Der Zeitpunkt der Reise wurde von der Gruppe so gewählt, dass er mitten in den kongolesischen Wahlkampf fällt; denn es gibt Kandidaten, die ihre Hände nicht in Unschuld waschen. 

Der Film ist eine beachtliche Mischung aus hochdramatisch und nachdenklich-reflexiv. Und es gibt Szenen, da ist man froh, dass die Doku-Kamera sichtbar dabei ist, weil sie sonst eskaliert wären. Insofern ist der Film selbst ein Mittel, auf die Situation dieser Menschen, die mit ihren Verstümmelungen allein gelassen wurden, aufmerksam zu machen.

The Wire (DOK.fest)


Kupa-River

– necessary evil – explosive Region

Hier könnte man einmal mehr über die Sinnhaftigkeit von Grenzzäunen und Mauern nachdenken, die immer wieder neu aufgebaut werden, ob die je was gebracht haben? Die chinesische Mauer, die Berliner Mauer, der eiserne Vorhang. Alle sind sie irgendwann obsolet geworden, dauerhafte Prosperität hat keine gebracht. Aber während ihrer Existenz erschweren und belasten sie die Menschen enorm, spielen Schicksal, trennen Familien, Freunde, Nationen, Ländern, Völker. 

Hier im Film von Tiha K. Gudac geht es um einen Grenzzaun entlang dem idyllischen Flüßchen Kupa, das Slowenien von Kroatien trennt. 

Vorher haben die Menschen der beiden Seiten friedlich zusammengelebt, haben sich ausgetauscht, grenzübergreifend Kinder gezeugt, gemeinsame Veranstaltungen organisiert. Die machen sie heute noch, eine Sportveranstaltung am idyllischen Flüsschen. Aber der Tourismus leidet.

Dummerweise liegt die Kupa an einer Flüchtlingsroute, an der Balkanroute der Immigranten aus Afghanistan, Syrien, der Türkei, Afrika in Richtung gelobtes Europa, diese Grenze von Kroatien aus überwinden und man hat das Paradies erreicht. 

Die Anwohner bekommen das zu spüren. Denn die Flüchtlinge brauchen Essen, Obdach auf ihren illegalen Wegen und sie nehmen sich, was sie greifen können. Nach der Grenzüberquerung geht es duch den „Dschungel“, dicht bewaldetes Berggebiet mit Wildtieren und einer grauenhaften Geschichte am Ende des zweiten Weltkrieges. 

Tiha K. Gudac beobachtet diese Gebiet, wie die Menschen mit der Grenze umgehen, wie es für sie schwierig wird, ins andere Land zu wechseln oder an den Fluss zu gelangen. Über den schönen Landschaftsbildern lässt Gudac einen Flüchting erzählen, der hier oft schon unterwegs war und immer wieder aufgegabelt wurde. Grad Gutes erzählt er nicht über die kroatische Grenzpolizei. Andererseits entwickeln sich immer auch Hilfsmaschinerien, wie eine Aktivistin erzählt. 

Borderlands (DOK.fest)

Liebliche Gegend 

Manipur, Westbengalen, Bangladesh, Indien, Myanmar, Nepal, Punjab, Pakistan, Rajastan, das sind Namen, die auf einer weich eingefärbten, ziemlich abstrakten Landkarte, die kaum mehr als Pergamentpapier ist, am Anfang des Filmes von Samarth Mahajan auftauchen. Dazwischen gibt es dunkel-dünn eingezeichnete Grenzlinien. 

Es ist eine liebliche Gegend, eine weiche Gegend mit lauter herzlichen, glücklichen Menschen. Wenn da nicht die große Politik wäre, die weit in die Kolonialzeit zurückreicht und die aus egoistischen Interessen Konflikte schürt, so dass ein Teil sich vom anderen abgrenzen muss. 

So wird aus der lieblichen Gegend eine Grenzgegend. Aus der kommt der junge Filmemacher Samarth Mahajan her. Und es ist nicht das schlechteste, am Anfang einer Laufbahn als Filmemacher, sich zunächst mit dem zu beschäftigen, was einen umgibt. 

Mit der Bescheidung im Titel auf die Region, in der sein Film sich umsieht, werden auch keine falschen Versprechungen abgegeben, im Gegenteil, es ist Raum für charmante Überraschungen, für viel Menschliches und Menschlichkeit vor dem Hintergrund des Gegenteils. 

Unverhofft oder intuitiv kommt Mahajan sogar seiner Mutter näher und kann ihr Themen (auch politische) entlocken, an die er früher offenbar nie gedacht hat. Der Filmemacher, den er porträtiert, ist vermutlich einer seiner Lehrer gewesen, so ist auch hier ein doppelter Bezugspunkt: die Liebe zum Kino kommt zu Wort, diejenige zu einem regional engagierten Kino, und gleichzeitig die Wertschätzung für einen glaubwürdigen Kinomenschen (und dazu noch die Referenz auf den View Master). 

Mehr mit den grässlichen Grenzziehungen zu tun hat eine junge Frau, die selber verkauft worden ist, sie passt an der Grenze auf, dass keine jungen Frauen über die Grenze geschmuggelt werden; sie arbeitet für die Kampagne zur Beendigung des Menschenhandels. 

Eine andere junge Frau, die ebenso ein Opfer war, ist in einem Mädchenheim und berichtet freimütig, wenn auch etwas genant, worauf Mahajan sensibel Rücksicht nimmt. 

Oder die Frau, die zurückgeblieben ist, während ihr Mann über die Grenze ging. Hier ist ein Highlight, wie einmal im Jahr Begegnungen an der Grenze möglich sind und auch ein kleiner Bazar. Absurd, komisch und furchtbar zugleich. In jedem Moment erinnert man sich an Mauerbau durch Deutschland oder zwischen Israel und Palästina. Köstlich, wie eine junge Frau dem Filmemacher ihren neuen Beruf als Krankenschwester in einer Szene vorspielen will, wobei sie gleich den Filmemacher als Akteur mit einspannt. 

So eine filmische Erzählung aus einer schwierigen Weltgegend, die fließt runter wie exquisites Öl.