Archiv der Kategorie: Filmfest

The Settlement (Hauptwettbewerb Fünf Seen Filmfestival 2025)

Hat Hossam eine Wahl?

Hossam ist der erwachsene, große Bruder des Jungen Maro, der noch schulpflichtig ist. Der Vater der Jungs hat in einem Stahlwerk gearbeitet. Er ist dort zu Tode gekommen; die Todesumstände erleben verschiedene Erzählungen, es heißt, er sei herzkrank gewesen, von einem Unfall ist die Rede.

Die Mutter ist mit einem kranken Bein an die bescheidene Wohnung gebunden. Nach dem Tod des Vaters kehrt Hossam aus den Bergen zurück. Er selber hat eine Schulausbildung abgebrochen, was er in den Bergen tut und mit wem, das wird besser nicht öffentlich. Er kehrt zurück, um in der Fabrik an der Stelle seines Vaters zu arbeiten und damit die Mutter und den Bruder zu ernähren.

Der kleine Bruder will unbedingt auch in der Fabrik arbeiten, als Handlanger und Bursche für alles ist er zu gebrauchen.

Mohamed Rashad schildert diesen Reintegrationsversuch ins Arbeitsleben unsentimental in dokumentierender Art und bringt uns so ein Stück ägyptischen (der Film spielt in Alexandria) Alltags ganz unsentimental und unpolemisch näher. Er baut auch den Ansatz zu einer Liebesgschichte ein, die, beinah kurios zu nennen, beginnt und diskret im Hintergrund bleibt.

Der kleine Bruder ist ein wacher Beobachter dessen, was sein älterer Bruder tut, er schreckt nicht davor zurück, in dessen Schrank zu wühlen, ja sich eines T-Shirts von ihm zu bemächtigen und es anzuziehen und den Bruder auf die Frage darnach dreist anzulügen.

Maro wird Zeuge, wie alte Welten den größeren Bruder wieder einholen und auch, wie dieser in der Fabrik nur skeptisch beäugt und aufgenommen wird. Die Gründe dafür sind nicht nur edel oder aus purer Schätzung für seinen Vater. Ein Bericht aus prekärer Welt. Ein Bericht aus Ägypten, nicht aus dem touristischen, nicht von dem von Gizeh, Abu Simbel oder vom Roten Meer.

Sugarland (Hauptwettbewerb Fünf Seen Filmfestival 2025)

Verwegene Frau

Verwegen im Sinne von ver-wegen, also dass jemand vom Weg abgekommen ist oder mit dem Weg ein Problem hat, dass der Weg ins Wanken geraten ist.

Iga (Jana McKinnon) ist so eine Frau. Viel erfahren wir nicht über sie. Sie ist Wienerin, hat sich von ihrem Freund getrennt; sie macht sich mit seinem Auto von Wien aus auf den Weg nach Schottland, wo er sich offenbar aufhält.

Verwegen im Sinne, sie macht sich auf den Weg, aber sie weiß nicht so recht, ob nun mit ihm Schluss ist, ob sie wirklich Schluss machen soll oder ob es doch noch was wird. Eine Frau in einer verwegenen Situation. Eine zaudernde Frau.

Unschlüssigkeit oder Halbschlüssigkeit, das scheint Regisseurin und Autorin Isabella Brunäcker zu faszinieren. Das ist manchmal auch viel spannender, wenn ein Mensch nicht so recht weiß, ob er nun aufhören soll oder nicht.

Immerhin ist Iga auf dem Weg. Sie fährt allein. Sie hält an Parkplätzen, sie geht zur Toilette. Sie raucht eine Zigarette. Sie zieht ihre braune Lederjacke an, wenn sie aus dem Auto steigt. Es ist kalt. Es ist winterlich.

Auf einem Parkplatz wird sie von Scotty (Joe Usher) angesprochen. Er spricht Englisch und will zurück zur Insel. Iga zögert, ihn mitzunehmen. Zuerst sagt sie, sie nehme niemanden mit. Aber Scotty spürt, dass diese Absage nicht entschieden genug ist. Er fragt nochmal. Ein Hin und ein Her setzt ein. Schließlich sagt sie doch ab.

Aber irgendwie hat sie Mitleid oder irgendwas reizt sie. Jana McKinnon spielt das schön aus. Dann fahren beide zusammen. Der Dialog holpert, bröselt, bröckelt. Sie will ja nicht. Und wenn zwei Menschen auf so engem Raum zusammen sind, dann plaudert man doch.

Er sei auf einer Party in Italien gewesen. Er hat eine vorgeschobene Begründung dafür, dass er trampt. Sie rückt raus damit, dass sie nach Schottland unterwegs sei, um mit ihrem Freund Schluss zu machen und ihm seine Sachen zurückzugeben, aber auch, um ihn nochmal zu sehen. Eine halbentschlossene Sache.

Die Regisseurin lässt sich nicht auf das simple, wie naturgegebene, übliche und häufige Männchen-Weibchen-Programm ein, kennenlernen und dann schnackelts. Auch das bleibt in der Schwebe. Es gibt Andeutungen, ja einen kleinen Abstecher ans Meer unternehmen die zwei. Die Gespräche streifen um den Sinn des Lebens, die Liebe, die Ziele, Nahtoderfahrung. Das Roadmoad nimmt eine Wendung ins Actionhafte.

Mother’s Baby – Mutterglück (Hauptwettbewerb Fünf Seen Filmfestival 2025)

Realitätsverlust

Ein gar nicht so seltenes Phänomen: die postnatale Depression, die Mütter nach einer Geburt erleiden können.

Dieses Themas hat sich Johanna Moder (Waren einmal Revoluzzer), die mit Arne Kohlweyer auch das Drehbuch geschrieben hat, angenommen.

Wiener Luxusmileu, teures Loft. Das Ehepaar Julia und Georg, die wunderbaren Schauspieler Marie Leuenberger und Hans Löw, haben einen unerfüllten Kinderwunsch. Der exklusive Lebensstandard wird mit ihrem Beruf begründet. Sie ist eine erfolgreiche Dirigentin.

In der Luxusklinik von Dr. Vilfort (Claes Bang) gelingt die Insemination. Bei der Geburt treten Schwierigkeiten auf. Der Film lässt sich Zeit dafür. Schließlich kommt das Knäblein zur Welt, wird aber sofort von den Eltern separiert. Relativ lange werden sie im Dunkeln gelassen, was mit dem Kind ist. Der Zuschauer auch.

Es folgt die Entwarnung, es sei alles in Ordnung, es habe sich nur die Nabelschnur um den Hals gelegt und zu einem Sauerstoffmangel geführt, ohne weitere Schäden.

Die Mutter fremdelt. Wie skeptisch sie ihr Kind zum ersten Mal betrachtet, wie sie kaum sich traut, es zu berühren, wie sie sich mit dem Stillen schwer tut. Überhaupt scheint das frisch gebackene Elternpaar durch den Wind. Sie können sich nicht mal für einen Namen für das Baby entschließen.

Der Film schildert den Fortgang der postnatalen Depression von Julia. Er geht auf das Problem mit dem Job ein. Er zeigt auf, wie Julia zusehends Misstrauen zu Dr. Vilfort aufbaut. Wie sie der Hebamme Gerlinde (Julia Franz Richter) gegenüber, die sich noch weiter um das Kind bemüht, auf Distanz geht. Julia versinkt zusehends in einer autonomen Welt der Irrealität, die so weit geht, dass sie bereit wäre, das Kind wegzugeben. Sie will wieder arbeiten.

Der Film macht spürbar, ein wie großer Eingriff in das Leben von Eltern das plötzliche Vorhandensein eines Kindes bedeutet. Und er schreckt nicht davor zurück, im Zusammenhang der Depressions-Schilderung auf filmische Horrorelemente zurückzugreifen.

Es wird klar, wie schwierig es ist, zu einem von einer Depression befallenen Menschen einen Zugang zu finden. Aber es gibt Medikamente. Ein gewisses Magengrummel befällt mich immer, wenn Kinder, erst recht Säuglinge, im Film eingesetzt werden; hier erhält der kleine Bub ganz schön viel Leinwandpräsenz.

Hysteria (Hauptwettbewerb Fünf Seen Filmfestival 2025)

Atmosphäre der Undurchsichtigkeit

Der Selling Point für diesen Film von Mehmet Akif Büyükatalay dürfte die Koranverbrennung sein. Die ist ein emotionsbeladenes Thema und es wird auch die Koranverbrennung in Schweden von 2023, die weltweit Aufsehen erregt hat, zitiert.

Allerdings behandelt der Filmemacher klugerweise nicht diese Aktion. Dazu gibt es eine knappe, fachliche Darstellung eines Imams über unterschiedliche Möglichkeiten der Verbrennung, solche die tolerabel seien und eben die anderen.

Um eine Koranverbrennung herum arrangiert und baut der Regisseur eine thrillerhafte Story, die in die Tiefen oder in die Untiefen der Menschen hineinleuchtet.

Es sind Menschen aus einem Filmteam. Der Filmemacher Ygit (Serkan Kaya) dreht einen Film, zu dem er durch einen Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim inspiriert wurde. Es gibt die Szene, in der das Heim in Flammen aufgeht. Als Darsteller konnte er reale Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft gewinnen. Das Problem ist, dass bei dem Brand auch ein Koran verbrannt wurde. Das entdeckt einer der Darsteller bei einer Szene, in der sie die Brandreste wegräumen müssen, und er thematisiert das.

Dreh- und Angelpunkt der Zirkels von Verdächtigungen ist Elif (Devrim Lingnau; eine deutsche Schauspielerinnen von internationalem Kinoformat). Die ist zufälligerweise in einer Hilfsfunktion, als ein Mädchen für alles, zu dem Team gestoßen.

Der Kriminalfall selbst ist der Diebstahl der Kassetten mit den Brandszenen drauf. Hinzu kommt eine gewisse Schusseligkeit von Elif. Sie verliert noch die Schlüssel zur Wohnung des Regisseurs, in der sie übernachten kann. Sie hat aber auf ihrem Computer eine Überwachungsfunktion installiert.

Vermutet wird, dass das Verschwinden der Kassetten mit dem verbrannten Koran zu tun haben könnte. Zum Kreis der Verdächtigen und der Verdächtigenden gehören weiter die nicht ganz durchsichtige Lilith (Nicolette Krebitz), der Atheist Mustafa (Aziz Capkurt) und Said (Mehdi Meskar).

Mehmet Akif Büyükatalay schafft durchgehend eine im deutschen Kinos seltene Thrilleratmosphäre. Das hat zu tun mit exzellenter Schauspielerführung (und auch: -auswahl), damit, dass er nicht zu viel Energie auf die Ausleuchtung verschwendet und auch mit der Kamera, die ihr Teil zu einem glaubwürdigen Realismus beiträgt.

Das Problem der Differenz on-screen und behind-screen, also der Unterschied zwischen Rolle spielen und privat, was oft in Film-im-Filmen zu wenig gut gelöst ist, meistert er hervorragend.

Nur bei der Auflösung, wenn am Schluss alle Tatverdächtigen in einem Raum versammelt sind, da bleibt zum Aufholen auf Agatha Christie noch Luft nach oben. Mit einer Trash-Phase am Schluss vermeidet der Film jegliches Abgleiten ins Drama oder Melodram.

K 9 (Cinema Iran 2025)

King Zwerg

Nach ellenlangen Sonneneruptionen lässt Vahid Vakilifar einen einleitenden Text über die Leinwand flimmern: „And the sun left the skies to take refuge in the underworld. So, all light left the earth and the world drenched in perpetual darkness. Thereafter, people carried on with half-open eyes, swinging between dream and reality as madness took them over.“

Es folgt die symbolträchtig aufgeladene, kunstinstallationshafte Schilderung der eingangs erwähnten Madness. Wegen der Lichtgeschichten, wegen dem dominierenden Schlaglicht tragen die Menschen, die Darsteller Sonnenbrillen, die wie 3-D-Brillen mit Kartonrand aussehen. Es ist die Schilderung eines absolutistischen Staates, aus dem es kein Entkommen gibt.

Die uniformierten Gefangenen in oliven Ganzkörperoveralls. Sie müssen exerzieren, Übungen machen, anstehen fürs Essen. Es gibt genügend Symbolik für absolute und selbstverständlich willkürliche Macht, die Hundezwinger, der Gefangene im Käfig, der Fleischerhaken, der Fleischwolf, die sterilen Schergen der Macht mit Feuerwaffen und in weißen Ganzkörperanzügen und in Stiefeln, Brainwashtexte der Gefangenen.

Die Macht selbst ist der hässliche Zwerg Kiumar mit irgendwie weisen Augen, der oft groß im Bild ist und eher wie ein Prophet aussieht, er residiert in einer hell erleuchteten Glaspyramide, deren Wände für Projektionen genutzt werden.

Eine Hauptfigur ist Mitra (Marjan Sadeghi) mit einer großflächigen Brandnarbe auf einer Gesichtshälfte. Ihr Mann ist der Gefangene im Käfig. Er ist impotent. Sie lässt sich, wohl gezwungenermaßen, vom Zwerg ein Kind machen. Aber ihr Mann zieht die Käfigexistenz einem erzwungenen Geständnis vor.

Mitra ist die Kümmerin schlechthin. Da ist auch noch ihre Mutter (Fatemeh Mortazi). Deren Röcheln wird im Film kunstvoll überhöht und in die Länge gezogen. Den anderen Kunstsound erzeugen klassische Streicher mit moderner Musik.

Einmal liest Mitra Kiumar eine Art Schöpfungsgeschichte vor aus einem alten handgeschriebenen, sorgfältig in Tücher eingepackten Buch.

Die Geschichte der Beziehung der vier Hauptfiguren untereinander steht stellvertretend für einen Resthumanismus, der sich bei aller Hoffnungslosigkeit, bei aller Härte des Systems, erhalten hat, auch wenn es aus der Gesamtsituation kein Entrinnen gibt. Da trifft sich Schicksalshaftigkeit mit Schicksalshaftigkeit, die Unumstößlichkeit von Sonne und Macht. Das zu untermalen gibt es ein Feuer- und Fakelritual. An einer Stelle bekommt das Ganze einen Namen: Iran K 9.

Fünf Seen Filmfestival 2024 vom 3. bis 12. September 2024

Wollte man dem sympathischen Fünf Seen Filmfestival schmeicheln, so könnte man es das Locarno Bayerns nennen. Stefe konnte vorab die Filme aus der Sektion Dach Panorama schauen, nämlich jene 7 Filme, die um den Perspektive Spielfilmpreis konkurrieren.

Es sind Filme aus den Alpenländern Deutschland, Österreich und der Schweiz, was aber nicht gleichbedeutend ist, dass sie auch dort spielen. Man ist weltoffen, erweitert den Horizont, die Spielorte erstrecken sich von Griechenland, Spanien, Italien, der Schweiz, Thailand bis in die Neuen Bundesländer.

Die Jury wird die Qual der Wahl haben zwischen sieben reizvoll individuellen Nachwuchsfilmen unterschiedlichster Genres aus der Alpenregion.

ANIMAL
Ein Animateur hat’s schwör, er muss das Tier in (oder auf) sich haben.

ANTIER NOCHE
Von dieser Gegend ließ sich schon Bunuel inspirieren – inzwischen sind 90 Jahre verflossen.

DIE ÄNGSTLICHE VERKEHRSTEILNEHMERIN
Der heterosexuelle Knoten ist der gordische, der hier so mediterran wie feministisch gelöst werden soll.

ELECTRIC FIELDS
Am Alpennordrand zeigen sich erstaunlich übersinnlich-zwischenmenschliche Phänomene.

GOOD NEWS
Für einen Journalisten ist ein Scoop begehrenswert, ja essentiell. Die Verführung zum Nachhelfen ist groß.

ANOTHER GERMAN TANK STORY
Wenn Hollywood in Wiesenwalde einfällt.

JENSEITS DER BLAUEN GRENZE
Eine DDR-Fluchtgeschichte, eine Literaturverfilmung

Another German Tank Story (Fünf Seen Filmfestival 2024)

Der Mond über Wiesenwalde –
eine dörfliche Posse

Für Freunde des feinen Films erzählt Jannis Alexander Kiefer, der mit Theresa Weiniger auch das exzellente Drehbuch geschrieben hat, eine Wundergeschichte aus dem Dorf Wiesenwalde.

Es sei sein Dorf, behauptet er. Er versammelt seine Zuhörer und Zuschauer um den Teleman-Brunnen, ein Prunkstück in seinem Dorf. Der wurde errichtet, weil der berühmte Komponist in diesem Dorf krank und dann aber auch wieder gesund geworden sei. Er habe ein Wunder erlebt in dem Dorf, das seit der deutschen Wiedervereinigung ein Mauerblümchenleben fristete.

Der Glaube an Wunder – als Game-Changer – aber ist geblieben. Und tatsächlich, Hollywood hat sich gemeldet. Eine amerikanische Filmproduktion will hier mit einem Weltstar Szenen für einen Weltkriegsfilm drehen. Aufregung im Dorfe.

Ein bisschen erinnert das Szenario an das Lustspiel „ Die deutschen Kleinstädter“ von August von Kotzebue. Dort taucht Besuch aus der Stadt auf. Hier im Dorf ist es gar Hollywood. Das macht das Gefälle größer.

Jannis Alexander Kiefer reiht herrliche Miniaturen um diesen Hollywood-Dreh im Dorf aneinander, alle mit hervorragend gearbeiteten Dialogen, ausgehend von der Beobachtung auch der Charaktere und mit ebenso wundervollen Darstellern.

Das Corpus Delicti in der Posse ist ein Reststück aus dem zweiten Weltkrieg. So schon grotesk genug. Aber die Amis fahren ihrerseits einen Panzer auf. Den möchten sie gut bewacht wissen. Das tut die Bürgermeisterin Susanne Pauli (Meike Droste) auch pflichtbewusst, obwohl sie besseres zu tun hätte.

Alle im Dorf profitieren von dem Dreh. Der Sohn von Susanne, Tobias (Johannes Scheidweiler), weiß noch nicht so recht, was anfangen im Leben, liebt Videogames und seinen weißen Hasen Falco. Er wird Fahrer für die Crew. Obwohl er nicht mal den Führerschein hat und mit diesen modernen Sprintern nicht zurechtkommt.

So fährt Tobias immer nur im ersten Gang. Das gibt Zeit für Gespräche mit Jojo (Philipp Karner), der das Lichtdouble des berühmten Stars spielt. Vom Heimkehrer Bert (Roland Bonjour), der behauptet, Journalist zu sein, wird er für das Original gehalten.

Jede Figur in dem Film ist liebenswert gezeichnet. Jede scheint ihre eigene Geschichte zu haben. Selbst die chronischen Fenstergucker hinterlassen einen Eindruck, besonders die Fensterfrau Silke (Friederike Frerichs), die, schönes Inszenierungsdetail, nach dem Gucken die Kissen wieder von der Fensterbank entfernt, auf die sie ihre Arme aufzustützen pflegt.

Dann ist da der Sohn Wolfs (Alexander Schuster) von der eindrücklichen Wirtin Jenny (Gisa Flaker), der als Komparse einen Nazi spielen darf und direkt vernarrt ist in seine maßgeschneiderte Uniform.

Die hier liebevoll entworfene und gezeichnete Welt ist in ihrer Präzision und Klarheit auch in die Nähe der Filme eines Roy Andersson zu rücken.

Ein Stromausfall ist ein weiterer Gamemaker. Und erinnert an den geschichtlichen Hintergrund, nicht nur die Wartezeiten, die zum Film genau so gehören wie in der Provinz offenbar. Und wenn es nur das Warten auf den Tod ist wie das von Rosi (Monika Lennartz). Ein Kino, das wegen seiner Genauigkeit auch in die Nähe der Kunst der Kupferstecherei platziert werden könnte.

Jenseits der blauen Grenze (Fünf Seen Filmfestival 2024)

Diktatur und Sport.

Scheiße,

das ist das erste Wort, das in diesem Film von Sarah Neumann fällt. Aber ansonsten ist der Film eine faszinierende Fingerübung in filmischem Erzählen.

Es ist die Verfilmung des Romans „Jenseits der blauen Grenze“ von Dorit Linke, einer Fluchtgeschichte aus der DDR.

Der Film erinnert in seiner Kargheit und Einfachheit an das schnörkellose Kino der DDR.

Er erzählt die Geschichte von den drei Jugendfreunden Hanna Klein (Lena Urzendowsky), Andreas Kuschwitz (Willi Geitmann) und Jens (Jannis Veihelmann). Sie sind um die 16. Andreas und Hanna sind schon Buddelkastenfreunde gewesen. Der Pastorensohn Jens ist ein Neuzuzug.

Hanna ist eine exzellente Schwimmerin und wird an der Schule entsprechend gefördert. Sie ist eine Medaillenhoffnung und über ihr schwebt das Damoklesschwert einer Sportschule, was den Wegzug und das Ende der Freundschaften bedeuten würde.

Andreas hat ein lockeres Mundwerk, macht sich so bei den Lehrkräften und Funktionären nicht beliebt; die Verhältnisse bei ihm zuhause sind nicht berauschend; sein Vater ist gewalttätig. Während der Vater von Hanna bettlägrig ist. Ihm liest sie ab und an vor.

Der Druck auf die Sportlerin wird stärker. Man denkt an den Film Tatami, bei dem die Beziehung zwischen Sport und Diktatur ins Extrem getrieben wird.

Auch für Hanna wird es schwierig. Freund Jens zieht in den Westen, die Eltern haben die Ausreise bewilligt bekommen. Andreas schmiedet Fluchtpläne, weiht Hanna ein. Sie will auch mit auf die Flucht.

Es wird eine lange Flucht, schwimmend über die Ostsee im Neopren-Anzug und bepackt mit Überlebensutensilien. Eine Schnur verbindet die beiden.

Die Flucht selber schneidet Sarah Neumann immer wieder zwischen die Zeit davor, in der die Idee dazu gedeiht und die Vorbereitungen getroffen werden. Pointiert zeichnen die Dialoge das Bild des peinlich-ideologisch organisierten Staates. Aber die drei Freunde habe auch ihren Freiraum. Güterwaggons an einem verlassenen Bahnhof sind ihr Treffpunkt. Auch diese Jugend hat ihre romantische Seite.

Good News (Fünf Seen Filmfestival 2024)

Ein Mann in einem Hotelzimmer in Asien,

das erinnert an die Ausgangslage von Apokalypse Now. Dort ist es ein US-Soldat in Vietnam. Im Abschlussfilm von Hannes Schilling, der mit Ghiath Al Mhitawi auch das Drehbuch geschrieben hat, ist es ein deutscher Journalist in Thailand. Beider Wege werden in den Dschungel führen.

Der von Leo (Ilja Stahl) geht in Richtung Pattani in Südthailand, einem ehemaligen Königreich das1768 von Thailand erobert worden sei, teilt der Film im Antext mit.

Weiteres zur realen Geschichte hinter diesem Film findet sich bei Wikipedia, wenn man die Stichwörter Pattani und Rebellen eingibt.

Diesen Konflikt benutzt der wunderschön in Schwarz-Weiß gedrehte Film für ein Journalisten-Porträt bei gleichzeitigem Reflektieren von journalistischer Arbeit und deren Ethos. Denn Leo ist der Überzeugung, dass Berichte und damit Öffentlichkeit für die Rebellen nützlich seien. Andererseits sind diese offenbar nicht an PR interessiert, es ist kaum an sie ranzukommen.

So behilft sich Leo mit Andeutungen und Fantasie. Das erscheint der Redaktion in Deutschland vielversprechend, so sehr, dass es für den Journalisten einen Durchbruch bedeuten könnte. Sie schickt dem halbscharigen Leo den Fotografen Julian (Dennis Scheuermann) zur Unterstützung. Leo ist nicht begeistert, da seine Kontakte mehr geflunkert als Realität sind.

Es sind zwei wunderbar konträre Schauspielertypen, beide filmaffin. Der wie von einer KI gesteuerte Leo, der mit seinem Töchterchen skypt, gleichzeitig Flirts mit Thailänderinnen nicht abgeneigt ist; ein Mix aus Karrierist und nicht so richtig konsequent. Während Fotograf Julian sein Herz auf der Zunge trägt, sehr direkt sogar.

Der Film erfindet nun den nicht so richtig eskalierenden Konflikt der beiden und baut ihn aus. Julian will unbedingt Fotos. Leo laviert herum. Er hat einen besonderen Draht zum Einheimischen Mawar (Sabree Matming), dem er das Blaue vom Himmel verspricht mit einer Zukunft in Deutschland; gleichzeitig soll er ihm zu Kontakten mit den Rebellen verhelfen. Alles nicht so ganz koscher, alles nicht so ganz einfach. Die Versuchung zu tricksen ist enorm.

Der Film überzeugt durch seine Erzählschönheit; wirkt aber in der Erzählung selbst zusehends konstruiert.

Electric Fields (Fünf Seen Filmfestival 2024)

Alpenrand-Surrealismus
und knarzende Holzbohlen

Dieser Film von Lisa Gertsch ist eine hübsche Kollektion kurzer Schwarz-Weiß-Studien menschlicher Begegnungen mit mehr oder weniger surrealem Touch, mit einem Entgleiten der menschlichen Herrschaft über die Situation, mit einem Eingreifen des Unerklärlich-Übersinnlichen, mit gelegentlichen Zweifeln an der von uns behaupteten Realität.

Die knarzende Töne, die bereits die Titeltexte untermalen, sind vielleicht als schönes Symbol dafür zu verstehen; nicht so ganz klar, woher sie kommen, wer sie verursacht, wohin sie führen.

Die Grade des Absurdismus sind unterschiedlich. Dem Titel des Filmes am nächsten kommen die ersten zwei Episoden. Grotesk, wie Michael Neuenschwander als Kurt am Todesbett seines Vaters (Hans-Rudolf Twerenbold) mit Wiederauferstehungsfantasien kämpft und mit der Unerklärlichkeit, was die mit der Musik aus dem portablen Radio zu tun haben.

Oder Manni, der Tüftler in seiner Werkstatt. Er hat es mit einer ungewöhnlichen Kundin zu tun. Sie will Erklärungen, die es nicht gibt, über eine Glühlampe, die unabhängig von Stromzufuhr und Anknipsschalter leuchtet.

Realistischer wird es bei der Vertragsunterzeichnung, die Julia Jentsch als Chefin Chloe zu bewältigen hat. Dass die neue Mitarbeiterin eine Auszeit hatte, die nicht schwangerschaftsbedingt war, irritiert sie, sehr, sehr. Da kann schon mal ein Pfeifen statt eines Textes kommen.

Besonders rätselhaft bleiben die Folgen, wie ein Mann ins Wasser geht und was mit den von ihm auf dem Bootssteg zurückgelassenen Schuhen passiert.

In Rom wiederum faszinieren Naturphänomene wie Vogelschwärme, die in einer Bewusstseinüberblendung zwischen Rom und einer Schweizer Stadt passieren; hier geht es um Literatur.

Zu dem Film fallen einem Begriffe ein wie Alpenrand-Slapstick, Alpenrand-Surrealismus; Begegnungsminiaturen mit unerwarteten/unerklärlichen Einschlüssen.