Archiv der Kategorie: Filmfest

DOK.fest 2022

Hier sind die Links zu Reviews zu Filmen, die das DOK.fest besonders empfiehlt. Es dominieren Dokus über einzelne Persönlichkeiten, über einen Moskauer Vorortsjungen, über eine berühmte deutsche Intellektuelle, über ein Kind aus dem Irak mit perverser Lebensreise schon mit vier Jahren, über einen deutschen Dichter, von einer berühmten Tochter über ihre berühmte Mutter, über die Tochter eines bekannten Musikers, die in die Stapfen ihres Vaters tritt, eine ganze deutsche Familie als Internetselbstdarsteller und ein solches deutsches Paar. Es steht das Opus Magnum eines Jahrhundertmusikers im Zentrum einer Doku, das Reenactment zweier berühmter Choreographien und Schnipsel aus der Welt des Chorgesanges.

HOW TO SAVE A DEAR FRIEND
Vom Niedergang Russlands unter seinem Potentaten

LICHT. STOCKHAUSEN’S LEGACY
Mitten in den Geniepool einer berühmten Künstlerfamilie hinein

ALICE SCHWARZER
Die weiß, was sie sagt und eckt deswegen an.

IMADS CHILDHOOD
Unfassbar, was der IS mit diesem Buben gemacht hat.

VERABREDUNGEN MIT EINEM DICHTER – MICHAEL KRÜGER
Hier zählt das Wort.

JANE BY CHARLOTTE
Last und Freiheit von Berühmtheit

DANCING PINA
Repertoire-Kunst auf kultiviertestem Niveau

A SOUND OF MY OWN
Im Schatten des Vaters und aus ihm hinaus

GIRL GANG
Eine Familie positioniert sich im Internetmarkt.

PORNFLUENCER
Produktanpreiser, die ihr eigenes Liebesleben zeigen, können sich einen angenehmen Lebensstil auf Zypern leisten.

UNSERE HERZEN EIN KLANG
Viele Stimmen ergeben einen Chor – viele Bilder ergeben einen Film.

Verabredungen mit einem Dichter – Michael Krüger (DOK.fest 2022)

Michael Krüger

ist ein Mann des Wortes. Insofern ist die ergiebigste Ausbeute für einen Dokumentaristen, Frank Wierke, seinen Protagonisten reden zu lassen. Das hat zur Folge, dass vor allem er im Bild zu sehen ist aus der Nähe und dass er erzählt.

Für die Bildervielfalt eines Kinofilmes ist das nicht unbedingt dankbar, für den Zuschauer, der den Bilderrausch braucht. Wer sich aber für die Figur interessiert, erhält ungewohnte Einblicke in das Leben eines Münchners, eines Zeitgenossen, eines geschäftlich erfolgreichen Intellektuellen, eines Buchmenschen, eines Verlagsmenschen, eines Dichters.

Der Film dürfte sich auch als Podcast eignen. Die Bilderwelt beschränkt sich auf einige der Umgebungen des Michael Krüger: im Verlagshaus Hanser, wo er als Lektor tätig war, vermutlich in seinem Wohn- und Arbeitshaus mit den Tausenden von Büchern, deren Ordnung nur er kennt, einer Arbeitsbibliothek, in den Innenräumen der Akademie der Schönen Künste, deren Präsident er war, mit Blick auf Opernplatz und die Frauenkirche, eine im Kino eher rare Innenansicht und ein Holzhaus mit Wiesenumschwung am Ammersee, später kommt noch ein Spaziergang am Isarkanal hinzu.

Krüger ist erfolgreicher Intellektueller nicht nur, als er beruflich als Lektor gearbeitet hat, sondern dass Texte von ihm verlegt werden, Gedichte, und dass er zu Lesungen reist. Er ist vielleicht ein Stück auch typisch deutscher Intellektueller, als er leidend jammert über sein Schicksal, das war in der ersten Drehphase als er noch bei Hanser war, und den 14-Stunden-Tag beklagt und die vielen anderen Aktivitäten.

Krüger ist auch ein erstaunlicher Münchner, der nach wie vor ein vorbildliches Norddeutsch spricht. Er stammt aus Sachsen-Anhalt. Seine Großvater war Bauer und hat ihm den Bezug zur Tier- und Pflanzenwelt beibegebracht. Er ist insofern kein weltfremder Intellektueller, als er seine Nahumgebung genau und immer wieder beobachtet, den Baum, der ihn bei seiner Lektoratstätigkeit begleitet oder die Nussbäume nebenan, um deren Produkte sich im Herbst Raben, Taxifahrer und alte Münchnerinnen streiten, weil ihnen Heilkräfte innewohnen sollen.

Krüger ist ein vielbeschäftiger Intellektueller, wie ein Blick in seinen Terminkalender zeigt, hier eine Laudatio, dort eine Lesung, da ein Projekt vorstellen und dann auch noch zur Nobelpreisverleihung nach Stockholm reisen, der umstrittene Handke, doch darüber kein Wort bitte.

Es ist aber auch ein Film, der auf den Übergang zielt. Peilpunkt ist November 2019. Da will Krüger alle seine Tätigkeiten abgeben. Will sich dem Spazieren und Dichten widmen, wobei er schöne Beschreibungen für letztere Tätigkeit hat: er sammelt ständig Gedanken- und Ideenfetzen, die treiben sich irgendwo im Kopf rum und irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo sie sich zu einem Gedicht fügen, verkürzt gesagt, aber nicht so mühsam wie Prosa, die einen stundenlang am Schreibtisch bindet – besonders wenn man, wie er, mit dem Zweifingersystem tippt. Tja, es wurde 2019, dann kam 2020 und damit die Pandemie. Und nicht nur sie.

Unsere Herzen ein Klang (DOK.fest 2022)

Körnchenpickdoku

Dieser Dokumentarfilm von Torsten Striegnitz & Simone Dobmeier pickt Körnchen aus dem breiten Themenfeld von Chordirigent, Ausbildung zum Chordirigenten, praktischer Chordirigent, Dirigent von besonders großen Chören, Dirigenten-Masterclass, um drei Protagonisten: einen weltweit agierenden Dirigenten von Großchören und Masterclassveranstalter aus England, eine Koreanerin, die seit Jahren in Deutschland Musik studiert und einen Studienplatz für Dirigentin sucht und eine Chorleiterin aus Deutschland, die nicht so genannt werden möchte.

Die Körnchen geben aneinandergereiht einen Film von 108 Minuten. Die Körnchenpicker haben gepickt in Deutschland, in Korea, in den USA, in England, in Italien. Allerdings kamen ihrem Projekt Corona dazwischen. Da wird einer Dirigier-Studentin plötzlich klar, dass sie ja einen Chor braucht für ihre Tätigkeit.

Es ist ein Insiderfilm für Klassik-Insider. Es werden Lieder und Choräle angesungen von verschiedenen Gesangsgruppierungen bei unterschiedlichen Anlässen. Die Titel der Lieder und Choräle werden eingeblendet mit Angabe der Komponisten.

Es ist eine devote Art zu dokumentieren, eine Doku im Verehrungsmodus. Die Kunst und ihr Nähkästchen werden auf einen Sockel gestellt, werden anteilnehmend begleitet.

Der Titel der Doku gibt zu verstehen, dass sie einen Anspruch über das Gebiet ihrer körnerpickenden Feldforschung hinaus beansprucht – ein Anspruch, der weitgehend unerfüllt bleibt, so eindrücklich Chorgesang im Einzelnen ist, aber er kommt ja immer nur in Teilchen vor.

Der Film hält den Fokus auf die Klassik beschränkt; etikettiert das aber nicht so. Er verzichtet auf jeglichen kritischen Blick, den das klassische Musikwesen und -geschäft durchaus verdiente.

Einmal blitzt kurz die Frage auf, ob Dirigenten überhaupt nötig seien, das ist ein Routine-Experiment des Masterclass-Menschen, der vom Chor einmal verlangt, ganz ohne Dirigenten zu singen: das Resultat ist verblüffend – und lässt die Frage offen, ob Dirigenten nötig sind.

Licht. Stockhausen’s Legacy (DOK.fest 2022)

Monomanie und Multiversum

Wer den Film Mary Bauermeister – Eis und Eins ist Drei gesehen hat, der hat schon mal einen Einblick in eines der Multiversen von Karlheinz-Stockhausen, dem vielleicht innovativsten und kreativsten Musiker des letzten Jahrhunderts, bekommen.

Anhand des Projektes der Aufführung der Oper ‚Licht“ von Stockkhausen durch die Dutch National Opera in Holland versucht Oeke Hoogendij, der mit Fabie Huilsebos auch für Recherche und Drehbuch verantwortlich zeichnet, einen Eindruck des schier grenzenlosen Multiversums des Komponisten auf die Leinwand zu bringen.

26 Jahre hat Stockkhausen an dem Werk gearbeitet. Es ist eine Oper in sieben Opern die an sieben aufeinanderfolgenden Tagen augeführt werden mit einer Aufführungszeit von insgesamt 26 Stunden, ein Ding der schieren Unmöglichkeit. Es ist ein Werk, das keiner in eine Schublade stecken kann, einer der beteiligten Künstler schweigt lange auf die Frage, worum es gehe, von anderen kommt der Kommentar, es sei kindisch, andere wiederum sehen darin den Versuch Stockhausens, sein ganzes Leben, das Leben als Ganzes zu erfassen.

Es sei keine Oper im üblichen Sinne wie eine Wagner- oder Verdi-Oper. Es gibt ein anderes Verständnis für die Beziehung zwischen Sängern und Instrumenten. Einmal gibt es im Vorfeld eine heftige Diskussion darüber, was der Stellenwert der Intreperten sei und dass die Instrumente selbst zu Agierenden werden sollen.

Es gibt die verrückte Phase des Helikopter-Quartetts. Hier sitzen vier Streicher je in einem Helikopter, diese heben ab und der Gesamtsound wird orchestriert und ins Opernhaus übertragen.

Hogendijk macht nicht einen systematischen Tatsachenbericht wie Wiseman beispielsweise über die Pariser Oper. Vielmehr nutzt er das Projekt um das vielfältige Multiversums Stockhausens schillernd aufzufächern.

Es tritt der Widerspruch zwischen monomanischer Künstlerpersönlichkeit mit der Sehnsucht nach Vielfalt, Vielfältigkeit – auch in den Beziehungen – hervor, nach ständiger Innovation.

Aber Stockhausen ist auch eine „consuming person‘. Es tritt der absolut auktoriale Künstler ins Licht, der mit dem Tod des Vaters, der ein Nazi im Krieg war und wohl freiwillig sich ins gegnerischer Feuer begeben hat, der Junge, dessen Mutter nach einer Schwangerschaftsdepression in der Klinik gelandet ist, und wenn ich das richtig verstanden habe, von den Nazis als unwertes Leben vergast wurde.

Diesem Jungen konnte keiner mehr dreinreden. Er ist der absolute Schöpfer seiner Musik. Und auch seiner Familie, einer multiversen Familie aus vielen Kindern und einer Ménage à Trois. Wobei Stockhausen selbst hier nicht die Grenze gesehen hat. Das war eine seiner Frauen. Die Kinder sind musikalisch begabt. Er zieht sie heran. Er musiziert mit ihnen, hält sie teils sogar für begabter. Er will die Familie zusammenhalten.

Aber die Kinder lösen sich von ihm. Er kann das nicht verdauen. Es kommt zu jahrelanger Kommunikationsstille zwischen ihm und einem Sohn und einer Tochter. Das ist seine Monomanie, die nichts neben sich duldet; besonders wie ein Sohn sich selbständig macht als Musiker und Komponist.

Und es ist ein merkwürdiger Gegensatz, wie jetzt die halbe Verwandtschaft an der Aufführung dieses Megawerkes mitwirkt. Wie hier der Versuch unternommen wird, einer ganz genauen Intepretation des Werkes, also gerade nicht auktorial, sondern quasi streng nach Vorschrift. Repertoire-Kunst im schönsten Sinne. Der Film macht direkt Lust, das Werk einmal life zu erleben. Sollte es je wieder zur Aufführung kommen. Es scheint, als ginge es in dem Werk um die pure Gegenwart, die pure Präsenz des Seins.

Pornfluencer (DOK.fest 2022)

Leben am Bildschirm

Der Film über das Paar Nico und Jenny von Joscha Bongard, der mit Wolfgang Purkhauser auch das Drehbuch geschrieben hat, dokumentiert auch das Leben am Bilschirm als einer möglichen Variante modernden Dokumentierens.

Das beginnt mit der Internetrecherche nach den Protagonisten wie auch nach Wissenschaftlern, zeigt das Vor und Zurück beim Betrachten von Material; es übernimmt die Chatmasken für die Titel; der Pfeil der Maus jagt auf dem Bildschirm hin und her; es ist ein Eintauchen in die Internetwelt und findet Internetstars, die damit ihr Geschäft machen, dass sie ihr privates Sexleben gegen Entgelt ins Internet stellen.

So unbefangen

Jenny ist die Perle des Paares. Nico hat sie aufgetan. Er ist ihre erste Liebe. Er ist groß, männlich, sie viel kleiner, süß – irgendwie ein irre prototypisches Paar. Er hat sie zu den Filmen überredet. Es sind die klassischen Rollenbilder. Und da sie privat ein Paar sind, scheint dessen Sex für viele Käufer, überwiegend ältere Herren, wie sie sagen, von besonderem Interesse zu sein.

Die Unbefangenheit von Jenny ist wohl der Reiz, diese Unschuld, die Direktheit, die Natürlichkeit. Andererseits gibt das Paar zu verstehen, dass es zielbewusst handelt. Es hat sich von Motivationstrainern – aus dem Internet selbstverständlich, auch davon gibt es eine Auswahl im Film – animieren lassen; das ist wie ihre Religion; täglich vor dem Spiegel nach dem Aufstehen sich toll reden, sich groß reden, sich erfolgreich reden.

Und Erfolg haben sie, da sind sie selbst ganz erstaunt: sie leben auf Zypern, haben sich da ein großes Haus gemietet, es Hight-Tech, was Filmerei und Internet betifft, eingerichtet; und die vielen Kätzchen im Haus werden selbstverständlich für Tik-Tok-Clips herangezogen – aber auf Befehl mit dem Po wackeln, das mag Jenny dann doch nicht.

Nico ist auch völlig klar, dass sie ihr Geschäft im Grunde der immer noch in der Gesellschaft vorherrschenden sexuellen Verklemmtheit zu verdanken haben, dass Sex nach wie vor eine tabuisierte Sache sei. Da könnte man nachfragen, wie weit das auch gewollt sei aus Gründen von Herrschaftsdenken.

Jedenfalls macht das Dokuteam einen Betriebsausflug weg vom Bildschirm in das wahre Leben, reist nach Zypern, verbringt hier schöne Tage mit einer ergiebigen Fotostrecke vom Paar, die wieder in die Arbeit vor dem Bildschirm einfließt.

Bemerkenswert ist die Feststellung von Jenny, in all ihrer Offenheit, dass Nico einen viel größeren Sex-Bedarf habe als sie und dass sie nichts dagegen hat, wenn er auch mit anderen Frauen und auch mit zweien gleichzeitig Sex habe; sollte das verallgemeinerbar sein, was wäre, die Meinung von Alice Schwarzer dazu? Sie kommt hier am DOK.fest mit einer eigenen Hommage zu Wort.

Jane by Charlotte (DOK.fest 2022)

Privatissime

Jane Birkin ist als berühmte Sängerin und Schauspielerin eine Person öffentlichen Interesses genauso wie ihre Tochter Charlotte Gainsbourg genauso wie ihr Vater Serge Gainsbourg, Gainsbourg, der Mann, der die Frauen liebte.

Insofern ist ein Film, den Charlotte über ihre Mutter dreht, zum vornherein von einem gewissen öffentlichen Interesse. Der Film verrät auch in jeder Einstellung, in der Art, wie Bilder bearbeitet und montiert werden, auch schnelle Städteimpressionen, wie Gespräche Voice-Over über die Bilder gelegt werden, Geschmack und noble Herkunft der Super-8-Filmerin inklusive ebensolchem Material aus ihrer eigenen Jugend.

Sicher ist es von Vorteil, wenn man etwas Bescheid weiß über die Künstler, auch Biographisches, denn Jane Birkin hatte noch andere Kinder mit anderen Männern. Und wer sich für Nähkästcheneinblicke in solche berühmten Familienverhältnisse interessiert, kommt hier gut auf seine Rechnung.

Lange verweilt der Film im Anwesen von Jane Birkin in der Bretagne, direkt am Meer. Der Film ist bei einem Auftritt von Jane Birkin in Tokio dabei, schöne Hinterdenkulissen-Impressionen oder in New York, einmal treten Mutter und Tochter sogar gemeinsam auf. Die kleine Tochter der Filmemacherin ist auch dabei.

Es ist ein zartes Herantasten an die Mutter, meist in gedecktem Ton, es geht um künstlerische Probleme oder darum, wie sie einschlafen, ob mit oder ohne Tabletten oder gar Alkohol. Jane ist aber auch auf der Suche nach einem neuen Hund. Es ist zu erfahren, dass wenn sie keine Aufträge hat, sie durchaus allein in ihrem Haus lebt und dann Mühe hat, aufzustehen.

Mutter und Tochter unterhalten sich über Ängste von Müttern und darüber, was für Mütter sie gewesen sind. Jane hat eine Tochter verloren, Kate. Die Erinnerung daran fällt schwer. Vieles scheint verdrängt in diesem Leben. Und wie die Suche in einer Schatzkiste mutet die Phase an, in der Mutter und Tochter die ganz offensichtlich seit Jahren sich selbst überlassene Wohnung von Serge Gainsbourg in Paris aufsuchen.

Imad’s Childhood (DOK.fest 2022)

Gruselige Kindheit
Kinder sind formbar,

zum Guten wie zum Bösen. Nicht umsonst heißt es von den Jesuiten, man solle ihnen die Kinder bis sechs Jahre geben und sie würden ihnen gehören.

Imad, der Protagonist dieses Filmes vom Zahavi Sanjavi, ist vier Jahre alt. Er hat bereits zwei extrem widersprüchliche Formungen hinter sich.

Die ersten zwei Jahre in einer intakten, glücklichen, jessidischen Familie. Dann kam 2014 die ISIS, verschleppte und trennte die Familie. Imad, er war gerade zwei Jahre alt und sein zwei Jahre jüngerer Bruder bleiben bei der Mutter. Diese wird zehn Mal verkauft, Imad tagsüber von den Männern mitgenommen und für das brutale Kriegshandwerk vorbereitet. Er darf nur arabisch sprechen. Die Kinder haben neue Namen bekommen.

Der Film setzt ein, nachdem die Mutter mit den zwei Buben vom ISIS freigekauft worden ist. Sie kommt in das Khanke Camp für Jessiden. Das ist 2016.

Der stämmige 4-Jährige erweckt den Eindruck eines vollkommen gestörten Kindes, das nur spucken, schlagen, schreien kann. Er sprich kein Wort kurdisch. Er kommt mit seinem kleineren Bruder und der Mutter in einer einfachen, gemauerten Behausung bei der Oma unter.

Der Film beobachtet nun, wie sich die Mutter, die Oma, eine Psychologin, ein Arzt, eine Kindergärtnerin bemühen, den wilden, kräftigen Buben zu integrieren. Da er erst vier ist, müsste noch was zu machen sein.

Tatsächlich fängt er an, die kurdischen Zahlen zu lernen. Aber es bedarf vieler Mühe, vieler Einzelstunden. Es braucht Zeit und Geduld, bis er mit der Oma Brotteig knetet. Dabei hat er seinen Handkantenschlag noch nicht verlernt, mit dem er immer wieder einer Puppe den Kopf vom Körper trennt.

Ein paar Dinge erfährt man, was dem Jungen beigebracht worden ist. Es sind Scheusslichkeiten. Zu schweigen von dem, was die Mutter erlebt hat. Sie tut sich schwerer im Umgang mit ihren Traumata. Für sie nimmt man sich, zumindest erweckt der Film den Eindruck, nicht so viel Zeit wie für den Buben. Sie braucht Tabletten. Gleichzeitig gibt der Film einen Einblick in das Leben im Flüchtlingslager. Kein Mensch wird voraussagen können, wie sich diese ISIS-Zeit für Imad in seinem späteren Leben auswirken wird.

„In August 2014 Yazidi population in the region of Sinjar was atteked by ISIS.
1800 Yazidis were killed and 6400 were taken hostage, mostly womand and children, used as sex slaves.
ISIS later startet a market, where Yazidi women and children could be bought back for large sums of money.“

How to Save a Dear Friend (DOK.fest 2022)

Niedergang eines Menschen
Depression Federation

Fast kann der Film von Marusya Syroechkovskaya gelesen werden als ein Bild vom Niedergang Russlands unter Putin.

Wie Marusya Kimi kennenlernt, ihren Protagonisten, Geliebten, Mann, Freund, kommt in Russland gerade Putin an die Macht. In seiner ersten Neujahrsansprache, die eingeblendet wird, hält er die Werte von Freiheit und Demokratie hoch.

Die Welt von Marusya und Kimi ist nebst dem anfänglichen Liebesmärchen voll von den Ideen eines Alexander des Großen, von Curt Cobain, es ist eine hoffnungsvolle, erotische Welt, wild; Aufbruchszeit, Showtime, sorglos in den Tag hinein; filmischer Wirbelrausch der Jugend; immer aber auch in der Nähe des Todes; es gibt so viele Möglichkeiten, dem Leben ein Ende zu setzen, es gibt lange Listen von Bekannten, die es getan haben.

Alles was über dreißig ist, wird von den 16-Jährigen als Arschlöcher angesehen. Entsprechend wild montiert die Filmemacherin ihr Footage aus fahrig-spontaner Kamera und Technomusik. Jugend, die rumhängt, träumt, andererseits perspektivlos ist im üblen Moskauer Viertel Butovo, einer seelenlosen Satellitenstadt aus endlosen Wohnhochhäusern; im Film wird sie Depression-Center genannt. Wo die Menschlichkeit in engen Räumen, in intimen Räumen stattfindet, wo die Jugend rumhängt oder wild in Discos tanzt.

Maria, wie Kimi Marusya nennt, filmt immer und überall. Sie schneidet auch Kindheitsfootage von sich und ihrem Freund hinein. Sie heiraten. Drogen kommen ins Spiel. Maria entdeckt, dass Kimi sich nicht einfach in ihr Leben einbauen lässt – sie formuliert es zwar nicht so, aber sie bemerkt, dass er andere Prioritäten hat. Sie trennen sich.

Maria bringt Bilder von einem Amerika-Aufenthalt. Die Info darüber bleibt fragmentarisch, improvisiert, es geht bei so einem Film nicht um das Zubereiten justiziabler, amtlicher Information.

Zum Footage gehören häufige Bilder von Demos, von Polizeigewalt. Einmal von einem todesmutigen Sprung von einer Brücke von Kimi, den aufzunehmen Maria sich geweigert hat. Aber es gibt noch andere Freunde. Die Verletzungen waren unerfreulich.

Der Prozess des Niederganges dieses jungen Menschen, der so geistig wach, so sensibel war als junger Mann, als Student, ist schleichend, schmerzhaft. Maria dokumentiert weiter. Kimi entdeckt den Wohlfahrtsstaat, der ihm regelmäßig Aufenthalte in Psychiatrien bezahlt. Kimi wird immer mehr zur Ruine. Gleichzeitig steht es um die Freiheiten in Russland immer weniger gut.

Girl Gang (DOK.fest 2022)

Andy, Sani, Leonie

sind eine Familie, Papa, Mama und Teenie-Tochter.

Papa ist noch hinter der Mauer aufgewachsen und träumte vom Paradies im Westen. Andy und Sani sind Leute, die nicht unbedingt den Rest des Lebens einen geregelten, abhängigen Job machen wollen. Vielleicht haben sie das mal getan. Das bleibt offen in der Dokumentation von Susanne Regina Meures, die, fast wie ein Mäuschen möchte man sagen, die Familie über 4 Jahre begleitet. Sie gehört so selbstverständlich dazu, dass die Familie ihre häufiger werdenden gereizten Stimmungen gar nicht mehr erst zu verstecken versucht. Wobei man nicht weiß, was noch alles gefilmt wurde und dann doch nicht in den Film passte.

Es geht um die Phase von Tochter Leonie, die mit etwa 13 oder 14 beginnt. Leonie wird in den Social Media aktiv und gewinnt schnell viele Follower, vor allem Followerinnen. Teenies in den Jahren der Verwandlung, die Idole brauchen, Teenies im Kreischalter.

Die Eltern haben prompt das Geld gerochen, das sich im Internet verdienen lässt. Erst versuchen sie einen Manager für die Tochter zu finden. Aber auch da haben sie untrüglichen Spürsinn, dass sie es selber machen können.

Zu sehen ist, dass es nicht unbedingt leicht ist, die erste Million von Followern zu gewinnen. Zu sehen ist, wie die Eltern anfangen, sich nur noch dem Management des Töchterchens zu widmen. Zu sehen ist aber auch, wie die Familie in dem hysterischen Geschäft sich zusehends wie in ein Gefängnis einauert. Ständig muss gepostet werden, müssen Events veranstaltet werden, muss Ware sortiert werden (mit dem Eröffnen eines eigenen Shopping Kanals).

Zu sehen ist, wie der Erfolg die Familie stresst, wie sich momentweise Erschöpfung breit macht. Zu sehen ist aber auch, wie die Eltern zusehends selber zu Influencern werden und daran Spaß finden.

Aber es ist auch zu sehen, wie abhängig solche Influencer von den Social Media sind. Plötzlich verschwindet eine Million Konten bei Instagram.

Und zu erleben ist auch ein Fan von Leonie, Melanie aus Bad Tölz, ein Mädchen im selben Alter, das bei Leonie wie in einen Spiegel schaut (so lautet auch die den Film einführende Voice-Over-Märchen-Erzählung), und die eine eigene Fan-Page eröffnet, für die es das höchste ist, Leonie, ihrem heiß verehrten Idol, zu begegnen.

Zu hören ist auch, dass es die Protagonisten dieses Filmes in die Offline-Welt drängt, zum Beispiel ein Interview in einem Frühstücksfernsehen steht hoch im Kurs.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Familie scheint gut zu verdienen. Aber auch die Angst ist da, alles wieder zu verlieren. Im Grunde machen sie ja nichts anderes, als was früher die Marktschreier gemacht haben, sie preisen Produkte an auf dem Jahrmarkt, der Internet heißt. Die Familie dürfte den Film über sich als wichtigen Schritt in die Offline-Welt sehen, als Schritt aus der Enge des Internets heraus. Siehe auch den Film Pornfluencer, ebenfalls auf dem DOK.fest.

A Sound of My Own (DOK.fest 2022)

Portrait of a Young Artist
als Hommage an einen Vater und an die Musik

Die Verknüpfung dieser drei Elemente präsentiert Rebecca Zehr in der faszinierenden Art eines Filmes nicht unähnlich den inspirierenden Filmen der Beat-Generation: vornehmlich in Schwarz-Weiß mit der Attitüde einer experimentell-essayistischen Collage aus Animationen zum Thema Gehör und Weg des Tones zum Trommelfell, mit Splitscreen-Spielen und einer Mischung aus Archivaufnahmen und aktueller Dokustrecke insgesamt mit besonderer Sorgfalt bei der Herstellung der Tonspur, die zwischendrin überraschend mit Soundverzicht arbeitet.

Die Protagonistnin, die hier sensibel porträtiert wird, ist Marja Burchard, die Tochter von Christian Burchhard. Der war Musiker bei der berühmten Band Embryo.

Christian stirb 2018. Seine Tochter übernimmt dessen Position in der Band. Der Film zeigt sie an verschiedenen Instrumenten, dem Ton nachhorchend, den sie erzeugen, Zither, Gitarre, Akkordeon. Trompete, Xylophon, Schlagzeug.

Mit dem Tod des Vaters wird die Tochter aber auch mit einer enormen Hinterlassenschaft konfrontiert. Kartons über Kartons, Regale über Regale voll mit Tonträgern, bespielten und unbespielten, Noten, Konzertmitschnitten. Freunde helfen ihr beim Räumen. Aber sie können nicht wissen, was wertvoll ist und was nicht, wertvoll für Marja. Am liebsten würde sie allein sein und in Ruhe entscheiden. Eine junge Kreative und die Last der Erbschaft.

Zwischen ihren vielen Talenten will sie ihren eigenen Ton finden. Ein Ansatz ist die musikalische Verantwortung bei den Aufführungen eines asiatischen Performers.

Der Film von Rebecca Zehr zeichnet sich aus durch eine bedingungslose Faszination durch seine Protagonistin, immer auch spontan bereit, Dinge zu sehen, die nicht im Drehplan stehen, ohne dadurch den Eindruck von Beliebigkeit zu erwecken; weil der Film sich hineinfühlend die Welt seiner Protagonistin abbilden will, die erblich erheblich belastet und auch begabt ist und trotzdem den eigenen kreativen Kosmos abstecken und erkunden will. Der Film macht neugierig auf den weiteren Weg der jungen Künstlerin, die er porträtiert.