Die Regisseurin ist nicht unbegabt im Umgang mit Laien und inszeniert mit diesen Alltagssituationen einfacher Menschen in Istanbul, die einzig verbindet, dass sie was mit der Brücke zu tun haben. Die Frage ist, warum die Regisseurin gerade diesen – laienschauspielerseminarähnlichen – Film gemacht hat. Hätte sie ihn auch gemacht, wenn sie dafür keine Fördergelder bekommen hätte, wäre das wirklich ihr tiefstes Bedürfnis gewesen, dies (was genau?) mitzuteilen? Angetan von der Idee schienen immerhin das Medienboard Berlin-Brandenburg, der Deutsche Filmförderfonds, der Rotterdam Media Fund und Koproduzenten wie Kaliber Film, Bayerischer Rundfunk, ZDF/3SAT und Rush Hour Film. Im Fernsehen versendet sich das spielend.
Archiv der Kategorie: Film
Kleine Wunder in Athen
Eine ganze Spielfilmlänge nur dazu zu benutzen um aufzuzeigen, wie träge und faul und vorurteilshaft die Griechen doch seien, dürfte angesichts des griechischen Beinah-Staatsbankrottes ungefähr so sinnig sein, wie eine weitere Eule nach Athen zu tragen. Der aktuelle Versuch von Leandros Rakintzi, die Beamten Griechenlands zu zählen, nimmt sich dagegen wie ein Thriller aus.
Segway + Steadicam
Für das Martin Scorsese-Projekt The Invention of Hugo Cabret hat man mal eben eine Steadicam auf einen Segway montiert. So einfach, und doch so genial!
Der Fluch von dem Judas sein Kelch
Am gestrigen Samstag Abend zeigte RTL zur Prime Time The Librarian: The Curse of the Judas Chalice, einen augenscheinlich im Fahrwasser von Indiana Jones angesiedelten TV-Abenteuerfilm, diesmal mit einem Bibliothekar und irgendwelchen Vampirgeschichten, für mich nicht weiter von Interesse. Bis mich folgende Mail eines Freundes mit dem Betreff „Aua aua“ erreichte:
Nicht zu fassen, ich habe zuerst gedacht, es sei nur ein Fehler in der Programmzeitschrift. Aber nein: Groß angekündigt auf RTL und in allen Zeitungen und Online-Fernsehprogrammen brav abgetippt — „The Quest — Der Fluch des Judaskelch“. Des Kelch?? So wie: Das Haus des Mann? Der Name meines Vater? Des Pudel Kern? Habe ich da was nicht mitbekommen und die Deklination von Substantiven ist durch eine Zuschauerabstimmung von RTL endgültig abeschafft worden? Ich packs nicht … Dass das mal ein RTL-Redakteur nicht checkt – geschenkt. Aber das es ALLE widerspruchslos abschreiben, das kann doch echt nicht sein. Noch besser: In der IMDB steht der Film als „Der Fluch des Judas Kelch“ (Anm.: hier). Muss aber wild geflucht haben, der gute Herr Kelch, wenn man darüber gleich einen Film drehen konnte 🙂
Tatsächlich, der Mann hat Recht. Und die Angelegenheit ist nicht nur ihm aufgefallen. Der Film scheint als DVD so auf den deutschen Markt gekommen zu sein, und vom offiziellen (aber falschen) Titel wurde nicht mehr abgewichen.
Dabei handelt es sich jedoch nicht um irgendein Wortspiel wie zum Beispiel bei Titeln wie Of Moose and Men, Biss zum Morgengrauen oder Salami Aleikum. Nein, „des Kelch“ ist schlicht und einfach falsch, die korrekte Deklination lautet „des Kelches“. Grundsätzlich mündige Redakteure verstecken sich in solchen Fällen meist hinter der PAL-Regel aus dem Anhalter: Sie können nicht sehen, was sie nicht sehen wollen.
Das Problem ist symptomatisch für die gesamte deutsche Filmwirtschaft: Korrekte Rechtschreibung, Grammatik oder auch Wortwahl scheint in den Medien in zunehmendem Maße als optional zu gelten, insbesondere bei der Synchronisation von Filmen. Hierzu siehe „falsche Freunde„, diese Fettnäpfchen werden üblicherweise in großer Zahl mitgenommen, wenn Filme eingedeutscht werden.
Ein besonders gängiges Beispiel für so einen Fehler findet sich in Untertiteln. Bekommt der Zuschauer dort eine Rückblende vorgesetzt, steht meist unter dem Bild „Drei Jahre früher“, was aus „three years earlier“ korrekt übersetzt wurde, sofern man die Worte ohne Zusammenhang übersetzt. Doch das wirklich korrekte Deutsch für „three years earlier“ lautet „Drei Jahre zuvor“. Das weiß scheinbar nur jeder zehnte Untertitel-Autor, und das ist schade.
Nachdem es die massiven Fehler von Double Facepalm-Qualität nun auch schon in die Filmtitel geschafft haben, bleibt also nur noch offen, wann der Untergang des Abendlandes denn nun endlich besiegelt ist.

PS: Rechts im Bild übrigens ausgerechnet der Regisseur des Meisterwerks.
Kinatay
Coco Martin spielt in diesem Film von Brilliante Mendoza den jungen, unerfahren-naiven Polizisten Peping, der es eben geschafft hat gegen den Moloch Grossstadt seine junge Frau, mit der er bereits ein Kind hat, zu heiraten (allein diese Aktion ist ein Kurzfilm für sich!), da wird er auf der Polizeischule vom Chef aufgefordert, am Abend noch mitzugehen, er könne sich ein Extrageld verdienen. Was er auf dieser irren Nachtfahrt mit einer Polizeisquad erlebt, übersteigt nicht nur seinen Erfahrungshorizont bei weitem, es dürfte auch den Zuschauer fordern; am frühen Morgen endlich auf dem Heimweg von dieser Horrornacht, erfährt Peping in der Taxe bereits aus dem Radio, was an Torsoteilen der exekutierten Nutte wo überall gefunden worden ist.
Eclipse – Biss zum Morgenrot
Das kommt mir vor wie das Resultat einer Computertomographie durch das Gefühlsleben eines Menschen innerhalb jenes kleinen Zeitfensters in seinem Leben, in welchem über die vermeintlich eine, lebenslängliche Paarung entschieden werden muss. Wer mit wem. Und da ist es ganz patent, wenn man eine junge Frau zwischen zwei jungen Männern hat; wobei „jung“ relativ ist, die Darsteller scheinen mir für das reale Alter, in dem diese Durchlässigkeit der Poren zur definitiven Paarung natürlich gegeben ist, schon zu alt; spielt aber keine Rolle, denn es geht hier kein bisschen um Erotik, auch nicht um Sex, noch um Wahlverwandschaften, es geht um die Entscheidung für einen Partner, und das im konservativsten Sinne, nämlich darum, den Partner FÜRS LEBEN zu finden. Nur so kann diese Entscheidung die extreme Bebilderung vertragen.
Den Seelenaufschluss symbolisieren nebst Wölfen die zwei Jünglinge Edward und Jacob, die beide um Bella buhlen, wobei Edward der Vampir ist, der Bleichling, der Böse, der Zwielichtige, der Verführerische und Jacob der Wolfige, der werbeaffin Bemuskelte, der ohne zweites Gesicht.
Nur weil die Entscheidungssituation der Frau als totalitär verstanden wird, muss sie so krass gegensätzlich illustriert werden. Einerseits Wildheit und Wölfe, andererseits Romantik und Zärtlichkeit und violette Wiesen im Gegenlicht.
Kommentar: die Wolpertinger-Phase des Menschen bildhaft in Griff zu kriegen ist kein leichtes Unterfangen. Vor allem, wenn das ohne jeden Humor mit bierischem Pseudoernst versucht wird (bis auf die paar bodenständigen Pointen des Polizistenvaters aus der abgestandenen wirklichen Wirklichwelt). Es ist halt eine Wahnsinnsphase. Das jedenfalls haben die Macher dieses Filmes kapiert.
Bergfest
Der treffendere Titel dieser losen Szenensammlung zu einem Vater-Sohn-Konflikt wäre: vier Schauspieler, zwei Männer und zwei Frauen, erfinden und improvisieren workshopmässig-konzentriert mögliche Begegnungen in verschiedenen Kombinationen zum weitest gefassten Thema ’Entfremdeter Sohn mit gehbehinderter Freundin trifft in Alphütte auf seinen Vater mit dessen heimlicher Geliebten’.
Please Give
Gänzlich ironie- nicht aber humorfreies Einrichtungskino. Eine frauliche Sicht auf das Leben als ein Modus des Einrichtens. Darum betreibt die Protagonistin einen ihrer gehobenen Klasse angemessenen Gebrauchtmöbelladen in einer schönen Avenue in New York. Leben heisst, sich einrichten in einem umfassenden Sinne. Diese Einrichtung muss ständig verteidigt werden gegen allerlei störende Einflüsse. In der Jugend sind es die Pickel. Im Erwachsenenalter ist es die Mammographie, später der Tod, der dann Haushaltsauflösungen zur Folge hat. Es können verbrannte Gerüche sein, die die Oma wahrzunehmen glaubt oder die Schädlichkeit von Mikrowellenherden, das sind Gesichtsbehandlungen oder Massagen für die schöne Haut, Dampf, der Poren öffnet. Da Einrichtung immer auch asozial ist, weil sie auch Abschirmung bedeutet, geht mit ihr, so ist zu folgern, ein schlechtes Gewissen einher. Dieses lässt sich nicht bändigen und möchte andauernd Gutes tun, möchte sich ehrenamtlich engagieren (anlässlich der Beerdigung der Oma werden ihre vielfältigen ehrenamtlichen Einsätze gewürdigt, die vor nichts halt machten). Dass die Entwicklung der Hauptfigur im Film offenbar die zu sein scheint, dass die Mutter am Ende der Tochter die Jeans für 200$ schenkt, die sie ihr anfangs verweigerte, was das zu bedeuten hat, darüber muss ich noch nachdenken.
Herbstgold
Sie haben nichts gelernt. Trotz ihres fast biblischen Alters, ab 80 geht’s los, wollen sie siegen, wollen aufs Treppchen, wollen die Besten sein bei der Senioren-Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2009 in Lahti in Finnland.
Sie ärgern sich über überlegene Konkurrenten, sei es über Olga aus Russland, die sich in einem Dutzend Disziplinen angemeldet hat, sei es über den 90 jährigen Läufer aus Italien, der einfach besser ist.
Sie gehen, wenn es sein muss, noch mit der Gehhilfe an den Start.
Sie möchten mit der Kugel unbedingt mehr als 6 Meter erreichen, weil 6.01 Meter hört sich einfach besser an als 5.99 Meter, auch wenn man damit schon Seniorenweltmeisterin im Kugelstossen wird.
Sie trainieren und pusten und quälen sich im Park, in der Sportanlage, auf dem Balkon, im Treppenhaus. Denn sie möchten Weltrekorde knacken. Und sie möchten den Applaus des Publikums.
Eine Dokumentation im üblichen TV-kommensurablen Häppchen-Ineinanderschnitt mehrerer Protagonisten-Portraits, die vom Training bis zur Weltmeisterschaft sporadisch berichten und auch Persönliches erzählen, bei der man sich fragt, wer sich das im Kino wann anschauen möchte. Vielleicht was für die närrischen Tage oder für Halloween.
Copacabana Mon Amour (Filmfest München)
Kann man einer verrückten Stadt wie Rio eine verrücktere Liebeserklärung machen als mit einem Trio aus durchgeknallten Figuren, die ihren Ursprung über Afrika und Dschingis Khan bis Abraham zurückleiten, die ihre Stadt lieben und an ihr, der Sonne, der Armut, den Favelas schier verzweifeln wie DADA, der Göttin im knallroten Kleid und wassserstoffblond, puppengesichtig, ihr Bruder, der Idiot, der mit einem Leintuch überm Kopf oder mit zerrissenen Hemden oder löchrigem Schirm durch die Favelas geistert oder sich im Sandstrand wälzt und mit Kerzen die Haare seiner Unterarme abbrennt und dem Gauner mit der Baskenmütze und dem Stilett, der die Amerikaner um Geld anhaut. Zu schweigen von Dr. Cricket, den am Ende sowohl der Idiot als auch DADA vernaschen. – Das war wohl nur 1970 möglich – und die vielen Käfer von VW!