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Dad – Oca (Filmfest München)

Eine Fotoelegie, wie es anfänglich scheint über eine zarte Vater-Sohn-Beziehung, von einem Vater, der seiner Familie den Rücken zugekehrt hat und dem der Sohn oft auch lästig war, der ihn aber jetzt, da der Sohn bei der Mutter lebt, offenbar regelmässig besucht und der Vater fängt an den Sohn zu lieben und zu mögen. Ein vereinnahmender Film von Vlado Skafar.

Die Bande entwickelt sich über viele Gesprächspausen, über ruhiges nur Nebeneinandersitzen beim Fischen, aber wenn der Cigaretten-Rauch des Vaters stört, dann steht der Bub, eine früher Teen, auf.

Ganz behutsam und langsam nur nähert sich die Kamera, die eine schöne Wald-See-Gegend fast pointillistisch oder wie die impressionistischen Maler aufnimmt, beobacht ihren Gegenstand erst aus gebührender Distanz, um ihr Objekt, die kostbare zu entwickelnde Vater-Sohn-Beziehung, wie ein respektvoller Dokumentarist, ja nicht aufzuschrecken oder zu verstören oder negativ zu beeinflussen.

Geräusche gibt es anfangs so gut wie keine. Man glaubt sich erst in einem Stummfilm. Bis dann ganz leise mal ein Vogel zu hören ist. Vater und Sohn sind an einem See am Fischen. Dann sitzen sie erst wortlos nebeneinander. Der Sohn ist ein wunderbarer Wuschelkopf, blond, könnte genauso gut ein Mädchen sein. Es ist Sonntag. Der Tag, wo Gott zu ruhen pflegte, der Tag für das Nachdenken, für die Besinnung auf die menschlichen Beziehungen, auf die Condition Humaine, was sie wertvoll macht, das wird dann im Abspann in dem englischen Song deutlich you never learn just to love an be loved in return.

Bis dahin vergehen wunderbare 70 Minuten. Das erste Thema über das Vater und Sohn sprechen ist das Holz. Der Vater fragt den Sohn, woran er denke, er meint, an Holz. Vater verlangt Präzisierung. Dann stört der Cigarettenrauch. Mit Themensprüngen entwickelt sich das Gespräch vom Horoskop über das Auge und das Gehirn, die bags, Beutel seien, in denen Dinge gesammelt werden und die dann weitergegeben werden, Geschichte also, ein Bild für Geschichte, dieser Faden wird später fortgeführt mit der Frage, was der Bub werden möchte, er meint Lehrer, und zwar weil die nicht gekündigt werden können und weil Geschichte ihn interessiere, worauf der Vater entgegnet, er sei wohl eher vom Geschichtslehrer angetan und das sei der Grund.

Das Vorbild. Das Ideal, wonach zu streben ist. Vorher aber haben sie sich über das Alphabet unterhalten, der Bub hat ein eigenes Alphabet erfunden, Papa meint, der eine Buchstabe sehe aus wie Titten, Bub meint, Brüste, Vater, aber nur eine.Dann sitzen sie am Feuer. Bub malt die Wangen des Vaters mit verkohltem Holz an. Wolken. Papa fängt an zu träumen.

Vater und Sohn spannen einen dünnen Faden über den Beziehungspunkt Fantasie und Träume.
Dann ist Papa zuhause am Kochen und Aufdecken. Der Sohn zeigt ihm ein Video, wie er am Elektroklavier pour Elise spielt. Papa fragt, ob das sein Zimmer sei. Man spricht kurz über die Mama. Mama hat das gefilmt.

Der Bub ist bei einem Pferd.

Das Gespräch zwischen Vater und Sohn geht in freier Natur weiter. Der Bub erzählt, wie er nach den Ferien sich gefreut habe, die Schulkameraden wieder zu sehen. Dass er auch mit solchen gesprochen habe, mit denen er sich sonst nicht unterhält. Und über Veränderungen wird geredet. Darauf erzählt der Vater von einem Kameraden, der sich sehr verändert habe.

Auf dem Feld überholt sie ein Mann in weissem Hemd. Sie unterhalten sich kurz über ihn. Der Bub geht zu ihm hin, fragt, was los sei. Der sei von seiner Freundin nicht erhört worden. Der Bub meint, der würde besser zu einem Fussballmatch gehen, weder hier zu verzweifeln.

Der Vater erzählt von einem Kameraden, der ertrunken sei; sie sind jetzt im Gras, wo ehemals ein Kanal war,. Sie liegen im Gras. Schneiden Grimassen. Nah beieinander. Innerer Monolog. Vater macht sich bewusst, dass er seinen Sohn liebt. Sie sprechen hier über den Beruf. Und auch über Angst. Der Bub hatte Angst wegen seinem Herz. Wegen einer Diagnose. Und wie die Mutter ins Spital musste. Es geht dann auch darum, seine Gefühle zu zeigen. Über Tränen, die nicht zu kontrollieren sind. Sie spielen Fake-Fussball, bis Vater erschöpft ins Gras fällt. Sie liegen nebeneinander. Atmen. Beim gegenseitigen Betrachten findet der innere Monolog statt. Der Bub erinnert sich an die Familie, wie sie nocht intakt war. An einen Vulkanstein, den der Vater von den Azoren mitgebracht hat und den der Bub aufbewahrt und darin seinen Vater sieht.

Der Film ist kommt ohne jedes künstliche Geräusche aus,nur Natur und Text. Bis eben am Schluss der englische Song von der Liebe und dann noch etwas slowenisches auf der Gitarre begleitet zum Abspann.

Es ist Montag. Aufstand von Arbeitern, denen die Entlassung droht. Eine Frau am Lautsprecher, man sieht sie nicht, sie müsse ihr Kind ernähren und könne das alles nicht finanzieren, die Schule, die Bildung. Ein kurzer Monolog eines schier zahnlosen älteren Mannes, der auch zwei Kinder ernähren muss und nicht kann,. Die Frau spricht von 750 Euro, die ihr reichen müssen und schimpft über die Spiitzenverdiener, die Millionen einstecken.

Der Vater sitzt in einem einfachen Strasssencfé mit anderen Männern, erzählt von der Arbeitslosigkeit, der drohenden, und dass er noch einen Nachtwächterjob habe. Dann erzählt er davon, wie er sich dort die Zeit vertreibt, wie er den Bäumen auf dem Areal die Namen von Päpsten gibt oder von Literaten wie Tolstoj. Und dass er in jedem Menschen, der vorbeigehe, einen potentiellen Dieb sehe.

Kasimir und Karoline (Filmfest München)

Wenn ich Stücke von Ödön von Horvath auf der Bühne gesehen habe, war ich immer beeindruckt von der Menschlichkeit der Figuren. Die waren nie nur krass bös oder krass gut. Sie strahlten dieses Typische von Ödön von Horvaths Figuren aus. Kleine Menchen mit grossen Problemen.

Wer mit dieser Erwartung in den Film von Ben von Gafenstein geht, der wird enttäuscht werden. Hier hat ein Filmteam versucht, während des laufenden Betriebes des Oktoberfestes ein auf einem Horvath-Stück beruhendes Drehbuch umzusetzen. Die Geschichte ist, kurz umrissen dir, Kasimir und Karoline lieben sich. Das zeigt die erste Szene, die eine undefinierte Bettszene ist, ein Mann und eine Frau küssen und streicheln sich und regen sich im Bett. Man weiss gleich von Anfang nicht, worum es jetzt präzise gehen wird. Als nächstes erfahren wir, dass sie in einem Wohnblock wohnen. Horvathsch kleines Milieu, denken. Das was aber die Ausgangsposition für den auf dem Oktoberfest eskalierenden Konflikt ist, dass Kasimir nämlich seinen Job und auch sein Auto verloren hat, das lässt die Dramaturgie erst später und tröpfchenweise als Info in kleinen Gespräche einfliessen. Dass Karoline auf die Wiesen will, das ist schnell klar, dass Kasimir nicht, das auch. Aber dann läuft er ihr doch nach.

In der nächsten Phase des Filmes gibt es dann durchaus Momente, wo mir ein Horvathsches Handlungsskelett erkennbar wird, so verkürzt und verbogen etwa wie die Glasknochen von Michel Petrucchiani im gleichnamigen Film, der auch auf dem Münchner Filmfest gezeigt wird, nämlich wenn die beiden sich getrennt haben, sich aber verabredet haben und in der Zwischenzeit an andere Leute geraten sind und wie sie dann doch immer wieder aneinander denken und versuchen sich zu erreichen, wie Kasimir ihr noch zehn Minuten gibt. Da taucht für mich kurz Horvathscher Geist und Spannung auf.

Dann gibt es aber das Gegenprogramm, das sind Figuren, die nun nichts gemein haben mit den Horvath-Figuren, wie ich sie gesehen habe in sorgfältigen Bühneninszenierungen. Da ist zum einen der Freund Merkel von Kasimir, der nur negativ, nur hart ist. Dann der Musikmanger, den Max Tidof spielt, auch ihm fehlt die menschliche Differenzierung, oder man könnte sagen, die Differenz zu einer Horvath-Figur. Diese Figuren tendieren dann in Richtung Knallcharge, oder wie bei Merkel der dann samt Buch auf das Niveau eines simplen Fernsehkrimis abrutscht, wie es zur Schlägerei anlässlich des Diebstahles von Navis kommt. Das ist nur noch plump und dürfte nicht mit dem Etikett Horvath hausieren.

Vielleicht haben sich die Macher dieses Filmes selbst ein Ei gelegt, indem sie unter echten Oktoberfestbedingungen drehen wollten; dadurch merkt man ihnen zwar ab und an den Spass an, der sie ansteckt, da aber auch noch die ganzen Stimmungsmitschnitte dazu kommen, die Macher ausserdem ein grosses Rhythmusproblem mit dem Bogen der Handlung haben, verschwindet, vielleicht auch wegen unsorgfältiger Figurvorbereitung, das Horvathsche Element fast gänzlich, geht im Trubel unter. Da wären Studiobedingungen vielleicht ratsamer gewesen.

Atmen (Filmfest München)

Das traumatische Erlebnis für Roman Kogler dürfte das gewesen sein, dass seine alleinerziehende und überforderte Mutter ihn eines nachts, weil er weinte, mit einem Kopfkissen zu ersticken versuchte, und wie er sich nicht mehr bewegte und sie erst glaubt er sei tot, hat sie mit Wiederbelebungsversuchen begonnen und ihn umgehend in eine Heim gegeben. Seither hat er nie mehr Kontakt zu ihr gehabt.

Mit 14 wurde er des Totschlages an Martin Stappeck zu acht Jahren Jugendknast verurteilt. Er ist verhaltensgstört und introvertiert, mithin schwer zugänglich und unberechenbar, dass es ihn an keiner Lehrstelle lange hält, weil seine plötzlichen Wutausbrüche für seine Umgebung unerträglich sind.

Es wird schnell klar, wir haben es mit einem hoffnungslosen Fall zu tun. Aber da die Hoffnung zuletzt stirbt und wir sind ausserdem in Wien mit diesem gewissen Hang zum Schmäh und Schabernack, zu Morbidität und Todj. Der Tod dürfte auf einen Todschläger eine besondere Anziehung ausüben. So bewirbt er sich beim städtischen Bestattungsdienst und wird dort tatsächlich auch auf Probe genommen.

Vor Leichen zeigt er keine Abscheu, sondern eher Faszination. Es gibt anfangs ein, zwei brenzlige Situationen, in denen zu befürchten ist, dass er die Kontrolle über sich verliert, aber sie werden gemeistert. Und wie der Bestatteralltags anfänglich geschildert wird, wenn man noch die leicht jazzige Musik dazu berücksichtigt, so entsteht schon der Eindruck, ein Wiener macht sich einen Schmäh aus der Bestatterei und dem ganzen Drum und Dran,.

Das bekommt dem Film durchaus, nimmt ihm aber auch einen gewissen Ernst, bewahrt ihn andererseits vor dem Abgleiten in den Sozialkitsch. Die Entwicklung, die Roman macht, wie aus ihm plötzlich ein braver, junger Mann durchschimmtert, das geschieht allerdings eher theroretisch, als systematisch cinematographisch durchdacht.

Der Hauptmangel für eine überzeugende Kinoqualität des Filmes scheint mir darin zu liegen, dass zuwenig auf den inneren Konflikt von Roman als treibender Kraft für die Dramaturgie geschaut worden ist.

Der Film ist sehr langsam und bedächtig. Nur alle paar Minuten streut er wieder eine neue Info rein. Bis wir überhaupt wissen, was mit dem Jugen los ist. Knast, das sehen wir schon bald. Dass er in einem Lehrbetrieb wieder nicht funktioniert, hat auch. Auch lernen wir die minutiöse Ganzkkörperkontrolle bei der Rückkehr in die Jugendstrafanstalt kennen. Über die Gespräche mit seinem Betreuer kommen ein paar Informationen rein, obwohl der doch eher gestresst scheint.

Dann die ersten Touren mit den Bestattern. Auch das wird langsam angegangen. Wie er erst nur dabei ist. Wie er dann erst mal einen Rolltisch an seinen Platz zurückstellen soll. Wie er dann das erste Mal bei einem Sarg mit anfasst. Die ersten Leichen. Aus dem Kühlfach, in der Pathologie, tote Frau im Wohnzimmer, da hilft er bereits beim Waschen und Ankleiden, das tut er sehr sensibel, dann die Leiche Christine Kogler. Das berührt ihn innerlich. Es könnte seine Mutter sein. Aber ein Anruf bei ihr, er hat die Adresse vom Helfer, bestätigt, dass es sie nicht ist. Dann der Tote beim Verkehrsunfall, eine Beinahauseinandersetzung mit einem Polizisten.

Es ist ein extensives Movie. Es gibt eine Szene früh im Film, wie er die Leichenwannen desinfiziert, da ist ein Vogel im Raum, den lässt er ins Freie fliegen, ein poetischer Moment, schöne Symboli, die sicher auch die Hoffnung der Filmemacher ausdrückt.

Dann sucht er seine Mutter auf. Er geht mit ihr Matratzen kaufen. Sie treffen bei IKEA den Bewährungshelfer mit seinem Töchterchen, er scheint auch von der Mutter des Kindes getrennt zu leben, das ist alles wunderbar durchdacht als Beispiel, ein Exemplum, ein Vorzeigefall, der hier mit filmischen Mitteln demonstriert wird.

Dann trifft er im Zug ein englischsprechendes Girlie. Die verleitet ihn zum Biertrinken. Da entsteht kurz der Eindruck, der sei doch sonst nie in einem Zug gefahren mit Getränkeservice und Abteilwagen. Dann der Alkoholtest in der Anstalt, das Wohlwollen des Wärter, der ihn nicht verpfeift am Vorabend zum Urlaub.

Ich glaube, ich weiss jetzt was mich stört an diesem Film: er will zeigen, dass auch für solche Menschen Hoffnung besteht, das entfremdet ihn aber dem Kino, dem Kinodenken, der Kinoweltsicht. Mir scheint das natürlich positiv zu bewertende Engagement für die Outcasts in dieser Gesellschaft auf Kosten der genauen Beobachtung der Menschen zu gehen. Mit der Szene, dasss er später das Grab seines Opfers aufsucht, dass er extra auf dem Amt die Grabstelle sich geben lässt, ob das nicht ein bisschen zu sozialromantisch gedacht ist?

Zwischendrin gibt es wieder immer Szenen vom Schwimmbassin der Strafanstalt. Wozu die gut sind, ist nicht klar. Eine ist sehr ymbolbeladen, wenn nicht gar gutmenschenkitschig gedacht: wie Roman auf den Boden des Bassins schwimmt und bleibt und bleibt und bleibt; die Unterwasserkamera sieht die Beine von einem halben Dutzend anderer junger Männer, irgendwann sind die wohl beunruhigt und sie lassen sich ganz ins Wasser fallen. Aber da taucht Roman schon wieder auf. Schöne Szene, aber irgendwie überhaupt nicht schlüssig. Das Haupthandicap des Filmes dürfte sein, dass er „gut gemeint“ ist. Das ist leider immer das Aus des Kinos am Film und verdonnert ihn dann ins Fernsehen.

Oder man müsste dem Buch vorwerfen, es sei zu oberflächlich und zu leichtsinnig geschrieben worden, ja, ja, das kriegen wir schon hin, wir zeigen ein paar signifikante Stationen und erst muss der Junge ein bisschen verschlossen sein, dann brauchen wir zwei drei bedrohliche Situationen, dann natürlich eine Palette von Bestattungsinstitutssituationen, das ist auch schnell gemacht, hat aber leider mit den inneren Konflikten von Roman wenig zu tun. Das Buch hat es auch unterlassen, Roman so einzuführen, dass man Empathie für ihn empfinden kann; es ist eine äusserliche Verschlossenheit, die er spielt und die alles andere als konsequent durchgehalten wird; denn so schnell wie hier, so schnell wandelt sich ein abgrundtief verletzter Mensch nie, nie, nie.

Auch ist die soziale Situation im Knast recht oberflächlich dargstellt. Im Grunde ist sie hier so, gerade auch wegen der Schwimmbassinszenen, die nicht wenige sind, als handle es sich um eine Art Hochsicherheitshotel, ohne dass die Gäste Hierarchien und Machtsysteme untereinander oder mit den Wärtern hätten. Das wirkt im Kino leider sofort lasch. Insofern ist auch die Figur, die hier entworfen wird, entsprechend unpräzise vom Buch her geschrieben, verschlossen für einen geschädigten Menschen ist eben nur der Ausdruck der tiefen inneren Verletzung, und wie die wurmt und wuselt und tut, das wäre die Voraussetzung, um einen spannenden Film zu machen.

Hier geht ein netter Schauspieler und sehr bemüht durch die verschiedenen Situationen der Rolle hindurch, lässt sich dabei ablichten und schaut in einigen Szenen sehr überzeugend aus, dann aber bald wieder nicht so; das liegt aber wie gesagt am Buch, das sich nicht um die Konflikte des Protagonisten kümmert, das glaubt es hat bereits alles kapiert, wenn es den Jungen als verschlossen beschreibt. Er wird dann zwar genügend Höflichkeitskomplimente ernten, wie gut er das mache, weil man die Bemühung und eben auch ungute Stellen sieht, aber keiner wird sagen, hej, da musst du hingehen, das ist unglaublich, ich glaube, ich habe da was übe solche gestrauchelten Menschen kapiert.

Der moralisch korrekte Bürger wird diesen Film, weil er ebenmoralisch korrekt ist, Grundaussage: die Jugendstrafanstalten taugen was, gut finden. Aber ob sie den Film freiwillig im Kino anschauen, das steht auf einem anderen Blatt.

Sennentuntschi (Filmfest München)

Was feiert hier Urständ? Ist es der Schweizer Freigeist, der unbeugsame Wille zu Eigenheit und Sich-Nichts-Sagen-Lassen, so wie Roger Corman es in Amerika praktizierte? Oder ist es gerade das sich Aufgeilen am grossen Hollywood-Blockbusterkino und der Versuch ihm mit schweizerischen Maßstäben nachzueifern? Ist es pure Lust am Kino und auch eine unglaubliche Sorglosigkeit, was die Geschichte betrifft? Hat sich dieser unbändige Kinowille, der aus diesem Film spricht, möglicherweise gelegentlich auf die falschen Dinge konzentriert oder steckt eher eine etwas unausgegorene Idee dahinter, was grosses Kino in der Schweiz leisten könne?

Eines kann mit Bestimmtheit gesagt werden: der Film ist auffällig. Aufällig vielleicht auch in der Diskrepanz, was er formal will und inhaltlich letztlich bietet: eine gewisses Kuddelmuddel an Genres und an Geschichte traut er sich dann doch zuwenig.

Die Vorlage ist eine Alpensage von zwei Sennen, die den Sommer ohne Frau auf der Alp verbringen und sich aus diesem Grund eine Puppe aus Stroh basteln zum Zwecke der sexuellen Befriedigung. Die Puppe entwickelt jedoch Eigenleben und rächt sich grauenhaft an den sie missbrauchenden Sennen. Das wäre der Stoff für eine grosse Kinogeschichte. Man denke an Brokeback Mountain, wie grandios sich Ang Lee für die Einsamkeit der beiden Cowboys interessiert hat und welchen Welterfolg er daraus gemacht hat. Das war grosses Kino.

Offenbar wollte Michael Steiner, so heisst der Regisseur, dann doch nicht eine so grosse Geschichte oder er traute ihr nicht. Mit zwei Ko-Autoren schrieb er die Sage um, nahm ihr den grössten Reiz, den der Lebendigwerdung des Tuntschi, und platzierte sie in den Niederungen katholischen Aberglaubens. Die Tuntschi ist jetzt eine Abkömmlingin eines katholischen Priesters und geistert ausserhalb der Gesellschaft als verwildertes Wesen, das von vielen als Dämon betrachtet wird, durch die Talschaft. Die Kirche setzt daraufhin ihre Teufelsaustreibmechanismen in Gang. Das ist eine ziemlich verbrauchte Geschichte. Schade. Und wird noch klamaukiger durch die Besetzungen, zum Beispiel den Senn Erwin, der ist mehr ein Grobian, ein Säufer, ein Witzereisser, ein Stammtischbruder, dem müssen schon am ersten Tag auf der Alp alle Kühe abhanden gekommen, denn es ist nie eine Kuh zu sehen. Aber Realismus wurde auch nicht angestrebt.

Steiner scheint unter grossem Kino zu verstehen: viele Darsteller, viele Komparsen, grosser Aufwand am Set, bombastische Musik (allein die Vertonung des Abspanns könnte als eigenes Konzert durchgehen, aber wir wollten doch einen Film sehen), viele Locations, viele verwickelte Handlungsstränge, drei verschiedene Zeitebenen und ein fröhlicher, sorgloser Genremix.

Auffällig im positiven Sinne ist allerdings die Kamera. Hinter ihr steht Pascal Walder und in den Momenten der schönsten Bilder, nämlich der Alpenpanoramen (da braucht das Wort grosses Kino nicht in Gänsefüsschen gesetzt werden), verdient er durchaus den Titel eines Ferdinand Hodler des Schweizer Kinos.

Kommentar: Simsalabim auf der Klamottenalm mit Einsprengseln von hektischem Trash.

Porfirio (Filmfest MÜnchen)

Für diesen Film von Alejandro Landes sollte man Festivallaune, Schaulust und viel Zeit mitbringen. Dann wird man reich belohnt.

Alejandro Landes hatte in der Zeitung von einem merkwürdigen Flugzeugentführungsversuch in Kolumbien gelesen. Ein beingelähmter Mann und inkontinent hatte auf einem Inlandflug aus einem entlegenen Teil Kolumbiens in die Hauptstadt Bogota versucht, das Flugzeug in seine Gewalt zu bringen. Er hatte zwei Handgranaten in seinen Windeln in die Kabine schmuggeln können. Damit wollte er auf seine verzweifetle Lage aufmerksam machen, denn der Staat liess ihm nicht die Unterstützung zukommen, die ihm nach Schuss-Verletzungen aus einer Polizeiwaffe zustand und die zu seiner Lähmung und Inkontinenz geführt hatten.

Was hat Alejandro Landes nun gemacht? Er hat einige Monate nach der Tat Kontakt zu Porfirio aufgenommen. Porfirio ist der Hauptakteur dieses Entführungsfalles und auch des Filmes. Wie es dem Regisseur nun gelungen ist, diesen Film zu machen, mit dem anfänglich sehr verschlossenen Porfirio, das dürfte sein Geheimnis sein. Jedenfalls hat er mit Porfirio, das ist der Hauptteil des Filmes, die Vorbereitungen zur Entführung minutiös nachgezeichnet.

Kein Geheimnis ist auch, dass er ein reines Kunst- und Schauwerk geschaffen hat. Wieder einer jener Filme, die heute offenbar am hartnäckigsten die Nahtstelle von Leben und Kunst, von Fiktion und Dokumentation suchen. Hier ist ein Mensch mit äusserster Bewegungsbehinderung in seinem vollen Leben zu sehen. Ohne Scham wird der Zuschauer Zeuge intimster Momente, die jedoch nie privatistisch-peinlich werden, selbst wenn Porfirio nackt in seinem Rollstuhl sitzt und sein Sohn ihn wäscht und ein Stück Kacke auf den Boden fällt, es ist reine Kunst, reine Erzählung. Das ist schon Kunst.

Der ganze Film kommt mir auch vor, wie eine Ballettstunde: ein langes, langes Warmup, das geht mit solcher Behinderung ganz langsam, und dann ganz am Schluss gibt’s als Höhepunkt ein paar Sprünge, oder wie hier: eine Flugzeugentführung. Vorher aber müssen geduldig alle Muskeln aufgewärmt werden. Sein Sohn Lissing ist ihm dabei behilflich. Und nicht zu vergessen, die exakte Planung und Vorbereitung der Entführung.

I Am Slave (Filmfest München)

Ein eindrücklich, rührend-anrührender Appellativfilm, der auf die moderne Form von Sklaverei mit afrikanischen Dienstmädchen speziell in London aufmerksam machen will. Allein in der britischen Hauptstadt sollen 5000 junge Afrikanerinnen ein modernes Sklavinnendasein fristen, so wie Malia, die Hauptperson dieses Filmes von Jeremy Brock (Buch), Gabriel Range (Regie), Robbie Ryan (grandiose Kamera).

Bei Unruhen in ihrem Heimatland ist Malia verschleppt und auf einer Art Sklaven-Markt in Khartoum an feine Londoner Pinkels verschachert worden. Mit denen verliess sie offenbar vollkomen legal das Land, wurde nach London gebracht. Dort nahm ihr die Lady gleich den Pass ab, mit dem Hausherrn durfte sie nicht sprechen, sowieso zu niemandem in London oder ausserhalb Kontakt aufnehmen. Sie hatte den Haushalt zu machen, dabei kam sie aus dem selbstbewussten Stamm der Nubier aus adligem Geschlecht, war dort eine Prinzessin, die auch prima Englisch gelernt hatte; aber der Schock dieses Schicksals hatte ihr erst mal die Sprache verschlagen.

Der Film berichtet eindrücklich von ihren Alpträumen und wie sie langsam Fluchtfantsien entwickelt, die sie schliesslich mit Hilfe von mitfühlenden Menschen auch umsetzen kann.

Was die Intensität dieses Dramas erhöht, ist die Bildgestaltung, die in den aufregendsten Momenten an Goya erinnert, zum Beispiel, wie sie mit ihrer Herrin in Khartoum sich in einem Geschäft befindet und durch das Fenster ihren Vater bei der Müllabfuhr arbeiten sieht, sich ihm aber nicht bemerkbar machen kann, und wie sie ruft und schreit und dabei von Sicherheitsleuten überwältigt wird.

Ein aufregendes Filmgemälde, was einen nicht kalt lassen kann.

Crowdfunding: Cicada Princess

Ein weiteres vielversprechendes Crowdfunding-Projekt ist Cicada Princess von Mauricio Baiocchi, einem ehemaligen ILM-Mitarbeiter. Bei diesem Beispiel sehr schön: Der Teaser, der Investoren aller Größe anlocken soll:

Cicada Princess from Mauricio Baiocchi on Vimeo.

Schlafkrankheit

Afrika ist für die Westler, genauer: für die Europäer, nach wie vor ein harter Brocken. Das belegt auch der Film von Ulrich Köhler. Und nicht nur muss der Weiße aufpassen, dass er sich am Schwarzen Kontinent nicht übernimmt, auch vor Nilfpferden sollte er sich tunlichst in Acht nehmen.

Mit diesen einleitenden Sätzen habe ich nicht nur versucht, die Quintessenz aus dem Film zu formulieren, sondern auch die mich faszinierende Haltung, die Ulrich Köhler mit seinem Afrika-Film an den Tag legt, zu treffen. Das ist mir jedoch erst im letzten Bild schlagartig bewusst geworden und hat den Film in ein für einen Afrika-Film ziemlich ungewöhnliches Licht getaucht.

Es geht darin um zwei Phasen im Leben von Ebbo Velten, einem europäischen Arzt, der gleichermaßen gut deutsch und französisch spricht, und der sich seit 20 Jahren in verschiedenen afrikanischen Ländern einem Schlafkrankheitsprojekt widmet. Seine Frau lebt zu Anfang des Filmes noch bei ihm.

Die erste dieser Phasen im Film schildert einen Besuch der Tochter, die in Deutschland studiert. Dann fliegen Mutter und Tochter zurück nach Europa. Für seine Frau gab das Leben in Afrika wenig mehr Inhalt her. Ab hier ist Ebbo Velten allein.

Die zweite Phas des Filmes setzt drei Jahre später ein. Sie handelt davon, dass eine schwarze Bettgenossin von Velten hochschwanger ist und vor einer schweren Geburt steht. Zweitens bekommt Velten Besuch eines von der WHO abgeordneten schwarzen Arztes, der Franzose ist, Dr. Nzila. Der soll einen Bericht über die Verwendung der Gelder, die seit Jahren in Dr. Veltens Schlafkrankheitsprojekt gesteckt werden, anfertigen. Damit wird dem Film ein dramaturgtisches Spannungselement beigefügt.

In der ersten Phase werden ausgiebig die Verhältnisse in Afrika geschildert, so rückständig, wie wir sie in Europa gerne sehen; das ist nicht in jedem Moment spannungserzeugend, aber es erweckt einen realistischen Eindruck, resp. bestätigt unser voreingenommenes Bild der Rückständigkeit des Kontinents.

Der Film fängt an mit einem Blick aus dem Fond eines Autos auf einer nächtliche Straße mit nach hinten sausenden Mittelstreifen und Lastern auf der Gegenfahrbahn. Eine umständliche Straßen-Sperre der Polizei unterbricht die Fahrt. Dabei ist zu erfahren, dass es die Veltens sind, die dieses Auto fahren und dass sie eben ihre Tochter vom Flughafen abgeholt haben. Dummerweise hat sie keinen Pass dabei (allerdings fragte ich mich im ersten Moment, das müssten doch die afrikaerprobten Eltern gleich bemerkt haben) es gibt also in nächtlichem Schummerlicht von Autoscheinwerfen und Polizeitaschenlampen ein längeres Hin und Her und Beratungen, was zu machen sei und wie das Problem zu lösen sei. Bestechung kommt nicht in Frage, in dieser Hinsicht ist Velten prinzipientreu. Ob er den einen Polizisten ein Stück mitnehmen könne. Kommt auch nicht in Frage. Der Arzt besteht auf seiner Neutralität: keine Uniformen, keine Waffen im Wagen. Wenn der Polizist sich aber auszöge. Kurzer Scherz, ob er nackt mitfahren möchte. Der war zu erwarten. Nein, in Zivil. In der Tasche hat er dann doch die Pistole. Auch die muss raus. Sie sei nicht geladen, behauptet er. So stellen wir uns Afrika vor. Und auch so, wie der Wächter im Haus von Dr. Velten reagiert, wie das Auto sich nähert. Nämlich gar nicht. Erst nach heftigem Pochen ans Tor kommt er schlaftrunken daher. Velten moniert in einem Ton wie Hundehalter ihn ihrem Tier gegenüber anzuwenden pflegen, wenn es nicht gleich pariert, er habe ihn zum Wachen angestellt, kein Wachen, kein Geld. Der Wächter lügt, er sei im Garten gewesen. Genau so stellen wir uns afrikanisches Personal vor. Schläfrig und verlogen. Aber Dr. Velten ist eben schon 20 Jahre in Afrika und hat seinen Modus Vivendi gefunden.

Es gibt weitere Schilderungen dieses Arztlebens, Budgetbesprechungen in der Klinik, Probleme beim Parkplatz, eine zwielichtige Gestalt möchte ihm seinen Wagen abkaufen und die taucht später unangemeldet und bei ihm zuhause auf und behauptet dem Wächter gegenüber, er habe den Wagen gekauft. Dr. Velten hört sich das aus dem Hintergrund an, wo er auch feige bleibt. Irgendwie haben wir uns Menschenfreunde – und Ärzte, die in Afrika helfen, die gehören in diese Kategorie – anders vorgestellt.

Sein Freund Gaspard möchte ihn zum Plantagenkauf überreden, das sei doch viel interessanter. Gaspard glaubt an die afrikanische Frau und umgibt sich mit jugendlichen, schwarzen Schönheiten, die garantiert keine Nutten seien. Gaspard lebt das süße Leben des Weißen in Afrika wie wir es uns in Kolonialzeiten vorgestellt haben. Das vermittelt der Darsteller Hippolyte Girardot als Gaspard überzeugend mit seinen wenigen Auftritten. Gut gecastet und gespielt. Das Kompliment kann auf die anderen Darsteller ausgedehnt werden. Die eine der jungen Damen möchte in Deutschland studieren. Inzwischen sind übrigens Mutter und Tochter von Velten bereits nach Deutschland zurückgeflogen. Seine Frau befindet sich jetzt in Wetzlar

Bis hierher würde ich von additivem Kino sprechen, was die Szenen ohne großen Handlungsfaden aneinander reiht und zwischenzeitlich den Eindruck bestärkt, aha, hier hat einer ein Thema gesucht und das will er jetzt illustrieren; ein Fehlschluss, wie sich herausstellen wird.

Drei Jahre später.
Eine Konferenz über Entwicklungshilfe. Hier spricht ein Schwarzer darüber, dass 500 Milliarden Entwicklungshilfe in den letzten Jahrzehnten Afrika gar nichts gebracht hätten, dass sich nichts geändert habe; im Gegenteil, diese Hilfe habe sich als obstacle majeur pour le developpement herausgestellt, als ein schweres Entwicklungshindernis; Handelsmöglichkeiten, die nämlich würden die Impulse geben.

Es gibt ein Medizinergespräch über ein Mittel gegen die Malaria, das Depression als Nebenwirkung habe. Hier entsteht kurz der Eindruck eines Aufklärungsfilmes.

Jetzt kommt Dr. Alex Nzila an, ein Abgeordneter der Weltgesundheitsorganisation, der prüfen soll, was mit den ganzen Geldern für das Schlafkranhkeitsprojekt von Dr. Velten geschieht. Die Recherche von Dr. Nzila gestaltet sich von Anfang an nicht leicht. Schon mit dem Fahrer, den ihm die Krankenstation geschickt hat, ist er nicht zufrieden, ja er weigert sich mit dieser Kiste 500 Kilometer über afrikanische Piste zu fahren und fordert seinen Koffer wieder raus. So kommt er vom Regen in die Traufe. Transport und Übernachtung gestalten sich abenteuerlich, zum Beispiel die Szene mit dem Nachtquartier, wo der „Portier“ ihn mit einer Taschenlampe in den stockfinsteren Wald hinausführt, sich von ihm verabschiedet mit den Worten, jetzt müsse er nur noch wenige Meter gehen in der Dunkelheit und dann sei er da. Was Dr. Nzila dann findet spottet jeder Beschreibung. Es gibt immerhin Sicherheitsschlösser vor den Holzverschlägen.

Die weitere Handlung besteht nun in der Recherche von Dr. Nzila, der an einer Stelle bemerkt, er sei schwul. Und an anderer, er sei Franzose (er wird gefragt, warum ein Schwarzer diese Inspektion durchführen soll) auch sein Vater sei schon in Frankreich geboren, aber die Vorfahren stammten aus dem Kongo. Auf seine Art eine einsame Figur in Afrika.

Zwischendrin muss Dr. Nzila, der längst kein praktizierender Arzt mehr ist, der von Dr. Velten Geschwängerten mittels Kaiserschnitt, wozu er die Anleitung übers Handy erhält, zur Geburt des Kindes verhelfen. Nachdem Dr. Velten endlich auftaucht, verabredet man sich zu einem nächtlichen Jagdausflug. Das ist der Moment, an den Humor eines Curt Goetz zu denken, bei dem Jagdausflüge eine reizvolle Funktion im zwischenmenschlichen Gemenge einnehmen und gelegentlich tödlich enden.

Ein Afrika-Film der ungewöhnlicheren Sorte.

Die Frau die singt – Incendies

Vielleicht ist das der Grund für ein paar Jahreszahlen- und Altersprobleme, dass dem Film ein Theaterstück zugrunde liegt, bei dem sowas womöglich weniger ins Gewicht fällt. Wann hat die Hauptfigur ihr erstes Kind gekriegt und dergleichen. Da aber Denis Villeneuve, Autor und Regisseur des Filmes, wie ein Spürhund an seinem Thema dranbleibt, spielt das keine große Rolle, lenkt den kalkulierenden und gerne mit Zahlen und zahlenmässigen Wahrscheinlichkeiten jonglierenden Mitteleuropäer nur in kurzen Moment ab. Der Film ist die Spurensuche einer Vergangenheit im Nahen Osten.

Jeanne und Simon Marwan, zwei junge Menschen und Zwillinge zugleich, die im französischsprachigen Kanada leben, erhalten von einem befreundeten Anwalt die letzten Verfügungen ihrer Mutter erklärt und zum Teil ausgehändigt. Er übergibt ihnen Umschläge. In denen steht aber nur, was sie zu tun hätten, es ist also wie bei einem Brettspiel, damit sie am Ende auch noch die restlichen Umschläge erhalten. Rücke in den Libanon vor. Die Mutter hat posthum eine Spur zu ihrer Geschichte, die sie zu Lebzeiten niemandem anzuvertrauen wagte, gelegt.

Damit fängt eine aufregende Geschichte an, die auch einen Teil des Libanonkrieges erhellt, von grausamen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen, von Ermordungen von wichtigen Persönlichkeiten, Folter und Vergewaltigung, nie anprangernd oder moralisierend, sondern immer als Teil eines Puzzles, das die Zwillinge schließlich auch auf die Spur ihres Vaters führt.

Für uns orientierungssüchtige Europäer wären hin und wieder Wegmarken, Jahresangaben, ob jetzt 1970, 71 oder 95 oder 2006 hilfreich, um der Geschichte noch konzentrierter folgen zu können oder auch gelegentlich Ortsangaben, die über den Namen von einem Gefängnis oder einer kleinen Ortschaft hinausgehen.

Nichtsdestotrotz erlebte ich schier atemberaubende zwei Stunden im Kino, die so viel erzählen, wie eigentlich kaum reingeht, was auch an Menschlichkeit alles möglich ist, aber eben auch an Unmenschlichkeit.

Immer wird orginal gesprochen, Französisch, Englisch oder Arabisch und auch  nicht alles untertitelt, wenn es nicht unbedingt nötig ist,  oder wenn die vielen Frauen in einem Raum sind, muss eine übersetzen von Arabisch auf Englisch.

Eine außerordentliche Geschichte, die hier den Weg auf die Leinwand gefunden hat.

Der Mandant

NTGUILTY ist der Text auf dem Nummernschild des Lincoln, in dem Mick Haller, gespielt von Matthew McConaughey, sich statt eines Büros eingerichtet hat und von Gerichtstermin zu Gerichtstermin kutschieren lässt. Er ist smart und schafft für jeden seiner Klienten ein „not guilty“, er ist ein Meister des Deals und hat rund ums Gericht jede Menge von Netzwerken und Zuarbeitern. Sein System funktioniert wunderbar. Es ist ein System zum Austricksen des Rechtssystems. Er ist ein strahlender Routinier seines geschäftig geschickten Erfolges. Er kennt alle Tricks und Finessen des Gerichtsbetriebes und setzt sie zu seinen Gunsten ein. Er hat die Lage immer im Griff, reagiert schnell, präzise, ohne sich bei unnötigen Details aufzuhalten. Er mag keine Warteschlangen. Es muss flutschen; das tut es auch. Er ist ein Ausbeuter gerichtlicher Formalismen, ein meisterlicher Surfer auf den Regeln gerichtlich-menschlicher Laschheiten; nicht Gerechtigkeit interssiert ihn, Recht zu bekommen ist sein Ziel und das erreicht er stets. Erfolgreiche Pervertierung des Rechtssystems.

Über sein Privatleben erfährt man nicht viel. Außer dass er mit seiner geschiedenen Frau ein Töchterchen hat.

Er ist raffiniert darin, seinen Preis festzusetzen, wenn er merkt, der Kunde braucht ihn auf jeden Fall, ein Beispiel dafür liefert die Verhandlung über ein Engagement, in dem er flugs einen Experten in New York erfindet, der kurz nach L.A. oder San Francisco fliegen müsse, natürlich erster Klasse und mit einem standesgemässen Hotel. Und wie sein Verhandlungspartner weg ist, bemerkt er zu seinem Bekannten, dass er den Experten in New York nur erfunden habe, dass das auch ein hiesiger machen könne. Aber das Geld für den teuren Flug hat er bereits eingesteckt.

Wir haben hier eine erstklassige Produktion in einer langen Tradition von amerikanischen Gerichtsfilmen vorliegen, Buch, Besetzung, Regie. Aber das Tüpfelchen auf dem i ist meiner Meinung nach die Besetzung der Hauptfigur mit McConaughey. Er passt absolut glaubwürdig in diese Anwaltsrolle, 100 Prozent. Oder die Rolle passt wie angegossen zu ihm. Ein Typ, der ohne Gewissen seinen Job tut, einer der mehr ein Spieler ist und sich die Regeln des Games erfolgreich zu Nutzen macht; er ist für jede seiner Handlungen abgesichert, dank seiner Kenntnis und seiner Cleverness, er vermeidet jedes Anecken. Er kennt keine Rückschläge, keinen Tiefpunkt. Das ist durchaus ein Teil seiner schillernden Oberfläche.

Der Film begleitet ihn und seinen Lincoln mit Chauffeur schnell in seinem unruhig rasenden Leben durch die Gerichte oder auch mal an eine etwas entlegenere Ecke, wenn er dem bestellten TV-Fotografen sein Geld wieder abknöpft, das er einem neuen Klienten zuvor aus der Tasche gezogen hat, um den unwillkommenen Pressemenschen wieder loszuwerden (was erwartest Du für Deine Aufnahmen, wie teuer glaubst Du sie verkaufen zu können? Der meint so 700, 750. Haller gibt ihm aus der Tasche des Klienten 800 und bekommt den Film. Nachmittags dann in der abgelegenen Ecke macht der Lincoln mitten auf der Strasse eine Spitzkehre, hält bei besagtem Fotografen, gibt den Film zurück und erhält von den 800 Dollar 600 zurück, 200 bleiben dem Fotografen für den Auftritt; gut organisiert kann man nur sagen.).

Haller ist ein Gschaftler und Wusler, einer von den Typen, die das ganze Gerichtswesen in Verruf bringen, die den Deal lieben, der auch bei uns ein nicht unumstrittenes Verfahren ist; der Film erhellt ganz nebenbei und unterhaltsam ein aktuelles Problem, was auch uns angeht; wieviel Strafe bleibt übrig nach einem Schuldanerkenntnis, wie manipulierbar ist das Gericht durch seine eigenen Regularien und menschlichen Schwächen – denn Wahrheitssuche, Gerechtigkeitsfindung kann ein anstrengender Prozess für alle Beteiligten sein.

Hier dürfte das grösste Kompliment dem Caster gebühren, denn der Schauspieler scheint von sich aus jene gewisse Schauspielerroutine mitzubringen, die für diese Rolle unabdingbar ist, die ihr die nötige Schmiere verleiht.

Damit sichs lohnt die Geschichte über diesen Anwalt zu erzählen, muss selbstverständlich ein besonders krasser Fall her. Es geht um Verstümmelung von Frauen. Speziell einer Nutte, die überlebt hat. Es gibt Videoaufnahmen aus einer Anbandeldisco, wie die Nutte dem erhofften Freier auf einer Serviette ihren Namen, Nummer und den Preis nennt. Angeklagt ist in diesem Fall ein Muttersöhnchen aus feinstem Hause.

Haller muss gleich klar stellen, dass die Mutter bei den Gesprächen nicht dabei sein kann, weil sie sonst als Mitwisserin Probleme kriegen könnte. Sie schluckt diese Anweisung höchst ungern. Das Problem bei diesem Fall wird sein, auf Details kann verzichtet werden, dass Haller im Laufe der Ermittlungen (er hat in Frank Levin eine originelle Figur von Ermittler) in Konflikt zu einem von ihm früher erfolgreich vertretenen Fall gerät.

Wobei der Begriff „erfolgreich“ der Präzisierung bedarf: der Klient, der wie sich jetzt herausstellt, vollkommen unschuldig war, entging dank Haller dem Strang oder der Giftspritze, bekam dank Hallers Deal nur lebenslänglich auf St. Quentin. Deshalb gerät Haller nun in einen Gewissenkonflikt. Er hat erfolgreich einen Unschuldigen zu lebenslanger Haft verdonnern lassen. Ab diesem Erkenntnismoment bekomme ich mit der bis dahin so brilliant angelegten Hauptfigur allerdings Probleme. Der Gewissenkonflikt bedeutet einen Bruch in dem glatten Duktus. Vor allem: nachher spielt er seine Rolle weiter, als ob nichts gewesen wäre. Dieser kleine Schönheitsfehler scheint mir schon im Drehbuch angelegt. Dass der gewissenlose Haller plötzlich einen, und dazu noch höchst emotional dargestellten Gewissenkonflikt durchlebt, das nimmt man ihm schwer ab. Das ist ein Bruch in der Figur.

So wie die Figur angelegt ist, wäre doch Ärger angebracht gewesen, er müsste sich massiv ärgern, dass ihm das passiert ist, weil das sein reibungsloses Geschäft stört oder gar ruinieren kann. Und überhaupt mag er keine Probleme, schon gar nicht in der Region des gut verschlossenen Gewissens. Ärger, Aufregung wäre meines Erachtens die figurkonsequente Reaktion gewesen. Denn er wird nicht zum Gutmenschen durch den Konflikt. Er macht genau so weiter wie bisher. Er versucht dann lediglich mit seinen Mitteln den ihm anvertrauten Fall erfolgreich zu beenden.

Erstklassig gemachter Gerichtsfilm mit einem heftigen Wackler in der Figur des Protagonisten, doch mehr als ein Schönheitsfehler, leider.