Schnee drüber!
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La Yuma
Ein publikumsfreundlicher Film, der von Yuma, der jungen Frau erzählt, der Unbezähmbaren, die sich mit Boxen aus dem Elendsviertel von Managua in ein gutes Leben kämpfen will. Ein kraftvoller Film, der im Untertext auch zu verstehen gibt, dass mit Lateinamerika und dessen Kino zu rechnen sein wird.
In einer besseren Welt
Welche Geschichte will uns Susanne Bier hier erzählen?
Die von Christian, dessen Mutter stirbt und der vom Vater, der oft in London ist, zur Oma gebracht wird, was einem problematischen Orts- und Schulwechsel mit bereits genügend Konfliktstoff gleichkommt?
Die des Jungen, mit dem sich Christian in der neuen Schule anfreundet und der gerade die Scheidung seiner Eltern erleidet, auch eine allein schon problematische Sache?
Die des Vaters des Jungen, eines Arztes, der regelmässig einige Monate im Jahr in Afrika als Nothelfer bei Flüchtlingen tätig ist? (Hier gibt es eigene Geschichten zu erzählen, zum Beispiel über die Gewissensbisse bei der Versorgung eines verletzten, kriegsverbrecherischen Warlordes).
Als ob das nicht schon fette Geschichten genug wären, haben die beiden Jungs eine eigene Geschichte auf der Straße vor ihrem Lieblingsrückzugsort, einem leerstehenden Siloturm am Hafen, mit einem Proleten von Gewalttypen. Da spielt später der Vater als quasi-professioneller Konfliktschlichter eine Rolle. Auch das wäre wieder eine eigene Geschichte: wie umgehen mit roher Gewalt? Gut, dieses Thema flacktert auch im erwähnten Fall in Afrika auf.
Dann gibt es noch die Geschichte mit der Schuld durch die Verursachung eines Unglückes durch die beiden Jungs mit einer selbstgebastelten Rakete und dem Racheversuch am Proleten und einer unglücklich dazwischenjoggenden Mutter mit Tochter.
Das führt später zu einer privatfernsehmässigen Wiedersehensszene vom Vater mit der geschiedenen Mutter am Krankenbett des verletzten Jungen.
Susanne Bier führt ihre Figuren recht gut und recht glaubwürdig, schneidet auch geschmeidig, kann sich aber offenbar nicht für ein Problem, einen Grundkonflikt entscheiden, den sie verfolgen und ergründen und dem Zuschauer nahe bringen möchte, sie packt ihren Film schlicht zu voll mit anerzählten Geschichten; um dieses Defizit auszugleichen versucht sie jede einzelne Szene auf einen sich steigernden Konflikt hin zuzuspitzen, das wirkt dann schnell schematisch und gekünstelt.
Aus dieser Methode und aus den vielen Geschichten raus kommt sie nur, scheint sie zu glauben, mit einem Abspann, der aus Insekten und Gräsern und Wolken und einer aus dem Dunst erscheinenden Gnuherde besteht.
Betty Anne Waters
Neue Variante des amerikanischen Justizfilms: die Geschichte einer schier unglaublichen Hartnäckigkeit und Geduld, die nach Jahren zur Gerechtigkeit führt, ganz unprätentiös erzählt, intellektuell nicht überfordernd und mit genügend Platz fürs Gefühl. (Kenny Waters wird von einer lausigen Justiz, der eine lausige Polizei zugearbeitet hat, wegen Mordes zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Damit will sich seine Schwester, Betty Anne Waters, eine Rolle wie massgeschneidert für Hilary Swank, nicht abfinden: sie studiert Jura, um den Fall selbst wieder aufrollen zu können; nach Jahren des Nicht-Aufgebens kommt ihr schließlich nicht nur der Zufall, sondern die noch ganz junge Methode des Unschuldsbeweises mittels DNS zuhilfe.)
Almanya – Willkommen in Deutschland
Türken sind anders als Deutsche.
Das dürfte der Zugewinn an Erkenntnis sein, mit dem der Besucher dieses Filmes das Kino verlässt – für den, der es noch nicht wusste. Dass ein Zuschauer beim Verlassen des Kinos murmelt, da sieht man mal wie dumm die Türken sind, dürfte allerdings weder in der Absicht noch im Interesse der bemühten Filmemacherin gelegen haben, möglicherweise ist da etwas nicht ganz gelungen.
Es gibt sowas wie eine Hauptfigur in diesem Film, um die sich lose eine Einwanderer-Familien-Geschichte rankt, an deren sprunghaft wechselnden Stationen zwischen Türkei und Deutschland, zwischen den Sechzigern und dem Heute immer wieder die Unterschiede zwischen Türken und Deutschen ausgiebig dargestellt werden.
Die zentrale Figur ist eine junge Frau, Tochter des Millionsten (genau: des Eine-Million-und-Ersten) Gastarbeiters in Deutschland, die heute erwachsen und schwanger ist, die als Kind samt Mutter und zwei Brüdern vom Vater nach Deutschland nachgeholt worden ist. Der Vater des Kindes in ihrem Bauch ist noch dazu ein Engländer.
Die Ankunft des millionsten Gastarbeiters in Deutschland war ein kleines historisches Ereignis und wohldokumentiert. Das Ereignis kommt im Film vor.
Deutschland hat Arbeitskräfte geholt, aber Menschen waren gekommen; das dürfte ein Hintergrundsatz für diesen Film gewesen sein. Diese Menschen waren anders als die hiesigen Menschen. Das führt der Film in immer neuen Details vor.
Türken sind anders als Deutsche.
Allein wie die die Koffer packen. Da gibt es Inserts die genau zeigen, was die alles so reinstopfen, wenn die nach Almanya ausreisen. Der Inhalt sei jedoch nicht verraten, eine Restspannung muss erhalten bleiben.
Türken sind anders als Deutsche.
Sie sprechen alle perfekt dieses Synchron-Deutsch, während die Deutschen kehlige, unverständliche Urlaute von sich geben. Auch eine Methode, auf Unterschiede hinzuweisen, eine Methode, die sich vermutlich für besonders raffiniert und pädagogisch wertvoll hält.
Türken sind anders als Deutsche.
Sie leeren ihren Darm und die Blase stehend über Abflüssen, die mitten in der Scheiße zwei Keramik-Sockel in Schuhsohlenform für die Füsse haben. Während die Deutschen diese Sitzklos benutzen, die die Türkenfrau nach der Ankunft in Deutschland von der Scheiße der Deutschen reinigen muss. (Der Zuschauer darf gerne Popcorn naschen dazu oder Eis schlecken).
Türken sind anders als Deutsche.
Wenn die Lehrerin in der Schule in Deutschland fragt, woher die Kinder kommen, dann sagt der kleine Cem „aus Anatolien“ und das ist gar nicht mehr drauf auf der Landkarte (Türken sind also wie Außerirdische).
Wenn die Türkenfamilie mit dem inzwischen in Deutschland eingebürgerten, millionsten Gastarbeiter, in die Türkei fährt, wo dieser ein Haus gekauft hat, und das Haus besteht aus nichts als einer einzigen Hauswand mit Tür (in der Türkei ist eben alles anders als in Almanya) so picknicken sie einfach, als ob nichts wäre, hinter dieser Wand. Türken sind deutlich anders als Deutsche. Deutsche würden in dieser Situation sofort zum Anwalt rennen, vermutlich.
Verschärfend kommt in dieser Situation hinzu, dasss der Familienvater auf dieser Türkeireise inzwischen gestorben ist, da er aber kein Türke mehr ist, kann er nicht in der Türkei begraben werden. In der Türkei ist eben alles anders.
Türken sind anders als Deutsche.
Wenn die einwandernde Türkenfamilie auf dem deutschen Flughafen ankommt, kann der Türkenjunge bereits in makellosem Hochdeutsch feststellen, dass die deutschen Zöllner keinen Schnauzer haben. Deutsche sind eben auch anders als Türken.
Türken sind anders als Deutsche.
Wenn der Türke seine Familie nachholt nach Deutschland, dann nur, das folgt aus der Logik dieses Filmes, um uns zu zeigen, dass Türken eben anders sind als Deutsche. Und wenn die türkische Familie in die Türkei reist, dann muss es dort Stromausälle geben, um zu zeigen, dass die Türkei anders ist als Deutschland (ätsch, stimmt nicht – zwei Tage bevor dieser Film ins Kino kommt, hat ein Stromausfall den halben deutschen Bundestag lahmgelegt!).
Türken sind anders als Deutsche.
Dass es in diesem Film um das Anderssein von Türken und Deutschen geht, wird schon in einer sehr frühen Szene manifest. Das alte Ehepaar, dessen männliche Hälfte dieser million-und-erste Gastarbeiter war, will die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen. Zu diesem Behufe legt Herr Axel Milberg, ein deutlich deutscher Schauspieler, wie ein Kindskopf, der nicht weiss, was er tut, ein Stempelnummer hin (spielt er einen deutschen Beamten-Schauspieler, der einen deutschen Beamten spielt oder der einen deutschen Beamten zu karikieren versucht oder spielt er einen Schauspieler, der einen deutschen Beamtenschauspieler zu spielen versucht, der einen deutschen Beamten zu spielen hat, der aber nie einen deutschen Beamten beobachtet hat?), um dann Nasenbohr-Fragen zur Leitkultur zu stellen, also: einmal die Woche Schweinebraten essen, Schützenverein, alle zwei Jahre Urlaub auf Mallorca, alle Clichées über die Piefkes erfüllen und dann nimmt er aus dem Aktenschrank dreimal fett Schweinebraten mit Gabel drin – kann mir jemand erklären, was daran lustig sein soll? Und der alte Mann will nicht, aber seine Frau will und das wird ein Problem, siehe oben, die Türkeireise und der Tod. Türken und Deutsche sind eben anders.
Türken sind anders als Deutsche.
Es scheint, dass dieser Sachverhalt hier komödiantisch aufgezeigt werden soll.
Mag sein, dass die absichtsvolle Filmemacherin einfach nicht daran gedacht hat oder dass es ihr nicht aufgefallen ist, dass eigentlich nie jemand nach Deutschland gekommen ist, nur um offenbar werden zu lassen, dass er anders ist als die Deutschen. Den Eindruck erweckt jedoch dieser Film, ich habs schon erwähnt. Irgendwie hat die Filmemacherin den Zusammenhang ausgeblendet, der wirklich der Grund für die Emigration war, nämlich der, Geld zu verdienen, die eigene wirtschaftliche Situation zu verbessern. Aus der misslichen Lage im Heimatland rauszukommen. Dass das ein verbindendes Element zwischen Deutschen und Türken ist, das Ziel, ein gutes Leben zu führen, und dass sowas Verbindendes möglicherweise für eine intelligente Komödie, die die Filmemacherin gewiss beabsichtigte, sehr nützlich sein könnte, ja sogar unentbehrlich ist, um die Unterschiede umso krasser und komischer und nicht so krampfig wirksam werden zu lassen, soweit scheint die Fimemacherin aber nicht gedacht zu haben. Durch das gemeinsame Nachrennen nach Geld, also aus gleichen Handlungszielen vor verschiedenem Background, da könnten die Differenzen komödienwirksam werden. So wie es hier gemacht ist, wirkt es nur tölpelhaft belehrend. Vergleiche im Gegensatz dazu die dramaturgische Struktur des parallel anlaufenden Biutiful, auf die ich dort eingehe.
Deutschland hat Arbeitskräfte geholt, aber Menschen waren gekommen. Daran möchte dieser Film bestimmt erinnern, das dürfte die löbliche Absicht gewesen sein. Löbliche Absichten sind jedoch nicht zwingend identisch mit Komödienhandwerk, was man knallhart studieren und lernen muss, wenn man es nicht von Natur aus intus hat und wenn man/frau offenbar dazu neigt, möglichst niemandem weh zu tun. Vielleicht möchte der Film die Zuschauer politisch korrekt amüsieren, nur leider will kein Mensch sich im Kino politisch korrekt unterhalten lassen, das nimmt der Unterhaltung doch gerade jede Würze.
(Der Film bietet sogar eine Geschichte an, unter der er vielleicht richtig spannend hätte erzählt werden können, aber auch die wird leider verschenkt: der Vater dieser Familie, der dann in der Türkei stirbt, soll anlässlich eines Jahrestages zur Feier des millionsten Gastarbeiters bei einer Veranstaltung in Berlin in Anwesenheit der Bundeskanzlerin eine kleine Rede halten; eine für ihn sicher keine leichte Aufgabe, The King’s Speech hat so eine vergleichsweise kleine Aufgabe, nämlich eine Rede zu halten, zum Anlass für einen grossen Film genommen. In Almanya wollen die Autorinnen anhand einer einzigen Familie den ganzen Culture-Clash Türk-Deutsch und noch die Geschichte der Gastarbeiterbewegung dazu in einem einzigen Aufwasch erledigen – da kommen die Kleidungsstücke vollkomen verschrumpelt, geschrumpft und verfilzt raus!).
Biutiful
Alejandro Gonzáles Inárritu schwelgt cinematographisch grandios in einem jener Bodensätze (konkret in demjenigen von Barcelona), auf welchem Europas Wohlstand nicht schlecht gedeiht. Er durchpflügt dieses Substrat an Kollaboration mit der Polizei, der Beschäftigung Illegaler, der Prostitution und des Drogenhandels dicht an seinem Helden Uxbal, Javier Bardem, der bereits an einer der Zivilisationskrankheiten leidet und zwar schon recht fortgeschritten, an Prostatakrebs.
Wer noch frustriert ist vom deutschen Prostratakrebs-Film, den Bruno Ganz vor kurzem zelebrierte, der kann jetzt cineastisch Luft holen. Auch Bardem ist ein gebrochener Held. Der zwar noch ein Familienleben versucht und zärtlich an diesem hängt mit seinem kleinen Buben Mateo, dem grösseren Mädchen Ana und einer Nutte als Mutter, Marambra, die er zurück haben will.
Zur engeren Familie gehört auch sein Bruder Tito. Ein eher makabres Geschäft zur Geldbeschaffung ist das Auflassen der Sargnische ihres Vaters, welcher in einem Zinksarg von Mexiko nach Spanien transportiert worden ist. Dieser Vater ist auch der Anlass für die ganz kleine, fast poetische Rahmenhandlung, zwei Männer im Wald, der eine dürfte der Großvater sein und Bardem, also surrealistisch sowieso, und die Erzählung von der Eule, die, kurz bevor sie stirbt, noch ein Gewölle fallen lässt und der andere soll doch seinen Pferdeschwanz aufmachen. Ein bisschen rätselhaft bis symbolistisch darf die Geschichte um einen schönen Film sein.
Was den Film vielleicht so eindrücklich und spannend macht ist nebst der Cinematographie sicher auch der simple dramaturgische Trick, dass Inárritu sich auf die Hauptfigur Uxbal konzentriert (fast so erpicht auf sein Objekt und nah dran wie die Brüder Dardennes es mit ihren Protagonisten halten). Uxbal, geht aus der Not heraus allen möglichen Arten der Geldbeschaffung nach, um seine kleine non-intakte Familie am Leben zu erhalten (aus Uxbals pädagogischer Aktivität, seinen Kindern bei den Schulaufgaben zu helfen, entstammt der Titel, BIUTIFUL, so versteht und schreibt Ana das englische Wort für „schön“); denn der Weg des Geldes kann einen Menschen und den ihn verfolgenden Filmer ganz easy durch einen riesigen barcelonischen Mikrokosmos führen und Dinge aufdecken, die sonst bessser im Dunkeln blieben, zum Beispiel die beiden verliebten Asiaten, die in einem Keller etwa 30 Illegale unterbringen und die daraus sich entwickelnde Horrorgeschichte; oder die Szene mit den drei Särgen mit den toten Kindern, aber der Sarg mit dem Opa muss wieder aufgemacht werden, der ist jedoch mumifiziert wegen dem Transport, da dauert die Verbrennung länger.
Und immer wieder ist Uxbal in den engen Strassen und Gassen von Barcelona unterwegs, er will auch die Mutter seiner Kinder zurück: kurze Ausblicke auf die Gaudí-Kirche oder die Torre Agbar dann Vogelflug zur kurzen Entspannung zwischen den vielen vollgestellten Innenräumen, in denen wir ihn immer wieder finden. In der Unterkunft der Illegalen krabbeln Myriaden von Insekten. Da ist wenig Platz für Freiheit. Wenig Platz zum Atmen. Selbst wenn mal Platz auf einem öffentlichen Platz wäre, dann findet sicher eine Polizeirazzia statt gegen schwarze Straßenhändler. Oder Uxbal prallt selbst auf die Polizei.
Die Krankheit.
Eine der ersten Szenen zeigt ihm beim Arzt. Eine Schwester will ihm Blut abnehmen. Seine Adern sind schwer zu treffen. Da sticht er selber. Woher er das könne. Später sieht man ihn einmal mit Windeln. Dann pisst er Blut. Früh im Film sieht man nur, wie er einige Blutstropfen von der Klobrille wegwischt, später sieht man dann den Blutstrahl. Gegen Ende kann er sich kaum mehr bewegen.
Mit diesem Film legt Inárritu mit einem Kino, das einen nicht kühl lassen kann, den Finger auf eine schwärende Wunde an der Wurzel des Wohlstandes von Europa und liefert zugleich einen hochaktuellen Film in Hinblick auf die zu erwartenden Flüchtlingsströme aus den nordafrikanischen Umbruchs-Ländern.
BIUTIFUL ist ein beispielhaft europäischer Film, der durch den mexikanischen Ursprung seines Autors/Regisseurs nichts an seiner Europizität einbüsst, im Gegenteil: ir a mirar!
Wer wenn nicht wir
Der Filmemacher als Ausstellungsmacher.
Andres Veiel führt die Kinogänger über zwei Stunden lang durch eine aufwändig recherchierte und sorgfältig gehängte Ausstellung, halt im Kino als Kino, zum Thema „Kinder der Nazigeneration, die was tun wollten für eine bessere Welt“ am Beispiel von Bernward Vesper, Gudrun Ensslin und Andreas Baader.
Das ist sehr anstrengend, über zwei Stunden eine so konzentrierte Ausstellung zu schauen ohne ausruhen zu können, noch dazu als Bebilderung eines schwierigen Kapitels der jüngeren Geschichte, was hier sehr dicht dargestellt wird.
Die Bilder dieser Ausstellung sind selbstverständlich bewegte Bilder, Movies, inszenierte Bilder und auch immer wieder Archivmaterial von wichtigen historischen Ereignissen dazwischen, Atomversuche, Kuba-Krise, Kennedy und Adenauer, Kennedy ist ein Berliner, Eichmann-Prozess, Vietnambomberpilot, dem es Spaß macht, Vietcong zu jagen, Schah-Besuch in Berlin, Benno Ohnesorg, Dutschke niedergeschossen, Vereidigung von Bundeskanzler Georg Kiesinger, Anschläge auf Warenhaus in Frankfurt.
Über diese historischen Wegmarkierungen durch seine Ausstellung legt Veiel gerne leichtere Trendmusik der Zeit, zum Beispiel Rockn Roll.
Als Rahmen hat er sich für eine symbolische Geschichte entschieden, eine Tiergeschichte, Vogelnest und eine Katze, fressen oder gefressen werden, nun ja, als Thema doch etwas sehr allgemein und dick symbolisch aufgetragen.
Zwischen die historischen Bilder entwickelt er skizzenhaft die Wege
a) von Bernward Vesper, der erst die Bücher seines angebräunten Poeten-Vaters herausbringen will, dann einen modernen Verlag gründet, Gudrun Ensslin begegnet, mit ihr nach Berlin geht, den Verlag aufbaut, ein Kind zeugt und der schliesslich psychisch krank wird, verzweifelt, weil Gudrun mit Andreas Baader untertaucht,
b) von Gudrun Ensslin, ihre Geschichte fängt erst später an, ihr Background, den Pfarrhaushalt lernt man erst kennen, wenn sie Vesper getroffen hat und sie sich lieben, es gibt dann auch eine feierliche Verlobung,
c) von Andreas Baader, der erst sehr spät und eher als periphere Figur ins Spiel kommt.
Die Schauspieler sind sorgfältig ausgewählt. Sie spielen durchs Band ausgezeichnet und glaubwürdig, das liegt zum einen gewiss an der Regie von Andres Veiel, der als Dokumentarist das Beobachten gelernt hat, zum anderen sicherlich auch daran, dass sie so gut wie keine bescheuerten Texte wie „was ist denn hier los“, keine TV-Erklär-Dialoge sprechen und spielen müssen, sondern dass viele brennende Themen besprochen, diskutiert werden, über Literatur wird disputiert, die Verarbeitung und Verdrängung der Nazizeit, die modernen Entwicklungen, die Veränderung Amerikas mit Vietnam, die Atombombe, was tun gegen den latenten Faschismus, die Black Panther in Amerika und hin und wieder über die Liebe, die gerne mal eine Liebe zu dritt sein mag, Gudrun mit einer anderen Frau im Bett oder Vesper, der so seine Seitensprungverhältnisse hat oder eben Gudrun, die dann auf Andreas Baader trifft. Wobei vermutlich vornehmlich begabtere Zuschauer diese Fülle an Thesen und Themen auf einmal aufnehmen und verdauen und rekapitulieren können.
Fazit: sorgfältig, ansprechend und didaktisch plausibel arrangiert, aber es fehlt der Katalog zum Film.
In der Welt habt ihr Angst
Kecke Behauptung: Hans W. Geissendörfer, der durchaus ein Name ist als Filmemacher, hat 30 Jahre im Koma gelegen (also ich meine, hat sich dreißig Jahre in der Lindenstraße vom Kino verabsentiert), ist wieder aufgewacht, zu sich gekommen, ah, ich bin Filmemacher, ich möchte wieder Kino machen. Und knüpfte nahtlos dort an, wo er vor Jahrzehnten aufgehört hat, da wo der sogenannte Neue Deutsche Film schon in den letzten Zügen lag.
Beim Neuen Deutschen Film galt, wie grob erinnerlich: nicht die Zuschauerzahlen zählen, nur kein Opakino, nur keine Unterhaltung, keine konventionelle Erzählweise und keine konventionelle Kinospannung, all das, was auf Erfolg deutete, war verräterisch. Aber sozial-gesellschaftliches Engagement muss von der Leinwand herabsprechen. Geissendörfer hat das bis heute verinnerlicht, wie dieser neue Film von ihm zeigt.
Man ist sozial interessiert und engagiert. Ein junges Pärchen aus bürgerlichem Milieu, Eva und Jo, Anna-Maria Mühe und Max von Thun, ist im Drogenmilieu gelandet und will im fernen Neuseeland ein neues Leben und clean anfangen. Es fehlt jedoch das Geld dazu. Das soll mit einem Überfall auf ein Antiquariat beschafft werden. Der Überfall geht schief. Der Antiquar stirbt. Max landet im Knast und Anna muss untertauchen. Dabei nimmt sie einen Altphilologen als Geisel, Axel Prahl. Eva ist außerdem schwanger.
Ein bürgerliches Trauerspiel und Romantik. Gediegen-kulturelles Kleinstadtmilieu und die Abgründe.
Die Drogenmenschen sind musisch. Der Titel des Filmes ist nicht etwa einer Sonntagspredigt entnommen, sondern ist der Titel einer Bachkantate. Kirchlich-feierliches Kino. Wenn Eva ihren Altphilologen gefesselt hat und der auf dem Boden hockt, so spielt sie Klavier, Schubert. Insomnia Drei wird dann später zum Passwort. Plattenauflegen für die Geisel. Gespräch mit der Geisel über Liebe und das Verhältnis zu Vater und Mutter.
Die Geiselnehmerin zelebriert mitten in der Geiselnahme ein Geburtstagsfest mit Kerzen.
Dann isst sie mit der Geisel Pizza wie sonst nur Verliebte es tun, von zwei Enden her abbeissen, bis die Köpfe sich berühren – Schlaraffenland-Pizza (und die Geisel fragt: Lieben Sie Ihren Vater?).
Wenn Jo im Knast sitzt, spielt er ganz musisch Gitarre, klimpert, zeigt Begabung und Musikalität. Dazwischen Krämpfe und Embryonalhaltung.
Bilder, die aus der deutschen Romantik stammen könnten, wie von David Caspar Friedrich, verbinden die verschiedenen musischen Szenen in diesem Drogenkrimi miteinander. Baum über Bamberg.
Der Vater von Eva ist Pfarrer und Domkapellmeister, Hanns Zischler.
Zur Geldbeschaffung sucht man sich ein Antiquariat aus und nicht etwa eine Bank – und erschlägt dann, weils schief läuft, den Antiquar. In einem solchen Film erschlägt man einen Antiquar nicht mit einer Buchstütze, nein, das muss die Büste eines Musikers sein, sonst würde jede Symbolik fehlen. Man tötet im vertrauten Milieu, da wo man sich auskennt, im Kulturbereich. Wie symbolhaft.
Eva ist in einer schwierig zu spielenden Situation: Entzug, Mord, Schuldgefühle, Stöhnen, Flucht, Untertauchen und das Elend rausheulen und noch Schwangerschaft dazu. Zwischendrin spaziert sie aber, als ob all das nicht da wäre, in Klamotten der Gattin des gefangenen Altphilologen durch die fränkische Kleinstadt, als ob sie für eine Modezeitung catwalke.
Jo dagegen muss die Krämpfe des Entzuges mit mordsschauspielerischer Anstrengung spielen. Überhaupt scheint Geissendörfer viel Regiezeit darauf verwendet zu haben, seine Schauspieler beim Spielen von Emotionen anzustacheln. Man ist ja im Kino: Kino ist Emotion: Wut, Traurigkeit, Schmerz, Entzug, Krämpfe. Denn sie sollen Mitleid, Mitgefühl beim Zuschauer erregen. Man könnte sich vorstellen, dass am Set ein richtiger Wettbewerb unter den Schauspielern geherrscht hat, wer den schönsten Gefühlsausbruch hinkriege. Hier sollen die Darsteller und nicht die Zuschauer die Gefühle kriegen.
Genauso: Schauspielerworkshopszene: Jo in der Zelle umarmt den Papierkorb, steht an der Wand, lamentiert, spielt, overacted den ganzen deutschen Weltschmerz eines deutschen Filmintellektuellen – Selbstzweckkino?
Dialoge.
Dialog unterm David-Caspar-Friedrich-Baum über Bamberg: „Du liebst mich nicht, Du missbrauchst meine Seele“ „ In 12 Stunden geht der Flieger und wir haben immer noch kein Geld.“
Bedröppelt nach dem Überfall. „Ich weiß seit gestern, dass zwei Herzen in mir pochen, ich bin schwanger.“ Geheule und Emotion. „Dass Du mir vertraust; ich bin so ein kaputter Mensch“.
Die am Boden gefesselte Geisel ist ein bekümmerter Mitmensch und fragt die Geiselnehmerin „wieso sind Sie süchtig geworden?“.
Der Gefängniswärter ist ein bekümmerter Mitmensch, bittet den nächtlichen Klimperer Jo aufzuhören mit der Begründung „die anderen wollen auch was von der Nachtruhe“.
Wenn Eva, modisch aufgebrezelt und ihre übrige Spielsituation vergessend, auf dem Rummel ihren Bruder trifft, reagiert dieser mit einem dieser typischen TV-Erklärsätze, resp. Erklär-Fragen „Wie siehst Du denn aus“ – das ist nicht nur an Witz und Humor, das ist auch an Geist und geistiger Durchdringung der Situation gespart.
Weiterer Fernsehrealismus-Dialog, wenn die Gattin des Altphilologen nach Hause kommt und ihr Mann Paul schon gefesselt am Boden liegt „Paul, bist Du da? Paul, was ist denn passiert, sind hier Einbrecher?“ (für die Zuschauer, die vor lauter kulturellem Austausch zwischen Geisel und Geiselnehmerin die Geiselnahme noch nicht kapiert haben?).
Sprache
Der Film spielt identifizierbar in Bamberg, denn Eva informiert sich am Computer zwecks Befreiung ihres Freundes aus dem Gefängnis, in welches er nach dem missglückten Überfall gesteckt wurde: es ist die Jugendvollzugsanstalt Bamberg. Aber alle sprechen sie dieses nicht verwurzelte TV-deutsch (das Wort „hoch“ lassen wir vorsichtshalber weg). Nicht verwurzelte Kulturmenschen, auch sonderbar. Und trotzdem Kleinstädter. Vielleicht liegt da einer der vielen Hunde begraben.
Der Vater von Eva ist sprachlich der Entwurzeltste. Emotion spielen (beim Dirigieren des Jugendblasorchesters in der prächtigen Barockkirche – auf dieses Sujet wollen wir nicht verzichten in einem kulturell-intellektuell anspruchsvollen Film – oder ist das gar ironisch gemeint?) jedoch eine merkwürdig emotions- und heimatlose Sprache sprechen – oder ist das TV die Heimat?
Der Altphilologe stottert so ein merkwürdiges Stotter-Hochdeutsch, das wohl durch das Gestottere eher Spontaneität signalisieren soll als einen Altphilologen charakterisieren und dann noch TV-Banalsätze dazu, wenn er am Boden liegt und stöhnt „Vorsicht, mein Gelenk“ – fürs Gichtpublikum.
Dann noch die Spieluhr.
Dick aufgetragenes und sich immer wiederholendes Symbol: die Spieluhr. Irgendwie typisch alter neuer deutscher Film: sie spielt Oh, Du Fröhliche und der Tannenbaum dreht sich dazu, der Filmemacher ist schließlich ein kritischer Zeitgenosse und hat ein scharfes Auge für Kitsch.
Wie schwerblütig bedeutsam kommt das alles daher, wenn man an Godard denkt, wie spielerisch und geistreich der mit den kulturellen Versatzstücken umgeht, wie leicht er damit jongliert!
Anlass also, mehr über die Verschnarchtheit des deutschen Intellektualismus nachzudenken als über provinzielles Kleinbürgertum, auf welches hier mit dickem Finger verwiesen wird. Wobei die erzprovinzielle Posse um den Plagiator von Verteidigungsminister und wie anerkannte Politiker den Betrüger noch schützen, immerhin einen Teil des akademischen Intellektualismus im Lande aufgeweckt zu haben scheint (die Filmmenschen wohl eher nicht).
Mein Kampf
„Kukuruz im Zwielicht“ heißt eines der Werke des jungen Hitlers, der sich in Wien an der Kunstakademie fürs Studium bewirbt und zweimal nicht genommen wird. Er wird unterstützt vom Schlomo Herzl, dem Juden und Bibelhändler. Von dem hat er auch die Idee zum Titel für sein Buch Mein Kampf. Und der ist es, der dem jungen hochfahrenden, ausgemergelten Künstler mit der verletzten Seele empfiehlt, in die Politik zu gehen.
Der Film ist nach einem Theaterstück von George Tabori und umfasst die Zeit von der Ankunft Hitlers in Wien bis zu den ersten politischen Agitationen.
Tom Schilling spielt den jungen Hitler. Solche jungen Künstler gibt es auch heute, die an die Kunstakademie oder an die Filmakademie gehen und gleich berühmt werden wollen. Die hochempfindlich sind, sicher auch leidlich begabt, aber die auffallen wollen um jeden Preis, die groß werden wollen. Künstler, deren Sehnsucht nach Größe ihr Talent übersteigt. Tom Schilling stellt einen solchen jungen Künstler dar, der heißt Adolf Hitler. Wobei ich allerdings, wenn es um Heutigkeit geht, und ich zum Beispiel an moderne Amokläufer denke, sicher auch seelisch sehr verletzte Figuren, die Beachtung suchen und darum an ihren Schulen Blutbäder anrichten, mehr an introvertierte und unauffällige Typen denke, bei denen sich dann der Kessel mittels katastrophaler Aktionen entlädt. Denn nur was ohne Ventil kocht, das kann eines Tages explodieren, der Extrovertierte verschießt sein Pulver dauernd.
Warum Tom Schilling schon für die ersten politischen Reden, die er hält, die Gestik des abgebrühten Hitlers, der sich rhethorisch-gestisch hat schulen lassen, benutzt, diese fast mechanischen Abläufe von ausgestreckter Hand und dann wieder Faust auf die Brust, eröffnet sich mir nicht; ist ja doch eine ziemlich andere Charakterisierung der Figur, als wie es vom Hitler heißt, dass er in seinen Anfängen nur wild gestikuliert habe.
Götz George spielt Schlomo Herzl, den Juden, den Außenseiter.
Er verzichtet ganz auf Anklänge des Jiddischen in seiner Rolle. Er spricht seinen Schlomo in diesem merkwürdigen TV-Hochdeutsch, das sich konsequent einer regionalen Ortung widersetzt. Dadurch wird er zum Außenseiter, denn die meisten im Film sprechen wienerisch. Merkwürdig. Das Stück spielt in Wien. George ist also Außenseiter wegen seiner Sprache und nicht wegen des Jüdischen oder des Jiddischen. Merkwürdig. Und noch auf eine andere Art ist er Außenseiter: im Verhältnis seiner realen Physis (die vom vielen Schwimmen vor Korsika noch recht fit ist) und der Physis, der viel greisiger behaupteten Figur Schlomo. Eher versucht er, einen komödiantischen Alten wie aus dem Lehrbuch – oder aus der Klamotte – zu spielen. Leicht buckelig, tüddelig, fahrig, den täppelnden, unsicheren Gang, das Innehalten mitten im Satz und die großen aufgerissenen Augen voll trauriger Zweifel (aber die scheinen mehr das George-Markenzeichen denn Figur-Charakteristik zu sein). Eine Figurinterpretation, die sich mir nicht erschließt.
Der junge Hitler behandelt den alten Schlomo wie einen Dreckskerl. Aber der lässt sich dadurch nicht aus der Fassung bringen. Wobei nicht ganz klar ist, wieso nicht, wieso er sich das bieten lässt, ob das Weisheit ist, scheint doch Schlomo irgendwie auch sehr nur mit sich und Darstellung der seiner eigenen Person beschäftigt.
Ein bisschen darf sich der junge Hitler von Schlomo auch verarscht vorkommen, denn die pseudofreundliche Hilfe von Schlomo ist nicht unververgiftet. Er gibt das Bild einem Kunsthändler. Dieser hängt „Kukuruz im Zwielicht“ gegen Geld ins Schaufenster. Damit macht der den jungen Hitler glauben, seine Kunst tauge was und sei gefragt. Er gaukelt dem jungen Hitler Hoffnung vor. Diese verkehrt sich in eine große Blamage für Hitler. Der Tochter seiner Vermieterin will er diesen Erfolg vorführen. Aber die Frau des Kunsthändlers lässt den Schwindel auffliegen. Eine ziemliche Kränkung, und das vor den Augen der Angebeteten. So gerät der Kukuruz doppelt ins Zwielicht. (und insofern tuts auch nicht besonder weh, wie Hitler den Schlomo dann ins Gefängnis werfen lässt).
Überhaupt ergibt sich aus Inszenierung und Besetzung nicht, wieso das Stück von George Tabori jetzt verfilmt werden musste.
Zwei mögliche Begründungen für die Herstellung dieses Filmes kann ich mir ausdenken.
1. Odermatt hat das Stück auf der Bühne gesehen, war beeindruckt von einer darin vermuteten Message, wollte diese weiterverbreiten: epigonal.
2. Odermatt hat das Stück auf der Bühne gesehen war beeindruckt von der Atmosphäre und der Geisteshaltung, die Tabori auf der Bühne zu schaffen fähig war, und der Film sollte diesem Eindruck Gestalt verleihen: Hommage an den eigenen Eindruck.
Beide Varianten scheinen mir privatistisch und von der Realisierung her kann ich keinen weiterführenden Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus, des Aufstieges von Hitler, der Judenvernichtung erkennen.
Der Adler der neunten Legion
Das ist immer schön, zwei römische Reiter im fotografisch ergiebigen, herbstlichen Schottland unterwegs. Sie sind lange unterwegs. Die Fotostrecke ist exzellent. Sie könnte ausreichen für mehrere Jahrgänge großformatiger Wandkalender.
Bis der römischer Krieger und sein Sklave allerdings in Schottland reiten dürfen (sie reiten natürlich nicht, wie es scheint, zu höheren Ehren einer auffällig schönen Fotografie), bedarf es einer Vorgeschichte, die dem Ritt auch ein Ziel gibt.
Zuerst ist nur ein römischer Reiter unterwegs in melancholisch-sanfter schottischer Nebellandschaft und wie zum Zwecke gediegener Werbefotografie, ob für Rasierwasser, Mens-wear oder Hautpflegemittel – egal. (Wer reitet so spät durch Nacht und Wind). Die männlich fotogene Schönheit zählt.
Man sollte jedoch vor lauter Besessenheit für die Fotografie das Geschichtenerzählen nicht vergessen. Das scheint hier ein bisschen passiert zu sein. Nur allmählich erfährt der geneigte Zuschauer, dass der erste Reiter unterwegs ist zu einem römischen Fort in Schottland, Teil des Hadrianswalls, der das römische Reich gegen die Barbaren im Norden abschirmte, und dass er der neue Kommandierende ist.
Er heisst Marcus und hat noch einen natürlichen Gefahreninstinkt. Er kommt an und übernimmt das Kommando. Schon in der ersten Nacht wacht er ahnungsvoll auf, spürt das Herannahen der Barbaren, weckt das Lager – und tatsächlich, die Barbaren sind schon dabei, anzugreifen. Für die Filmer ist das sehr dankbar und gibt schöne Schlachtensujets ab: das Anzünden des mit Holzzacken bestückten und mit Pech beschmierten Schutzwalls rund um das Fort löst einen grellen Feuerball aus, während die Gegener versuchen, hochzukraxeln.
Die erste Abwehr ist gelungen. Aber der Gegener formiert sich neu. Am nächsten Tag befiehlt Marcus einen Ausfall. Es gibt wieder dankbare Kampfsujets für die Fotografie. Wie die Römer sich für den Ausfall zu einem schildbewehrten Haufen wie ein Igel formieren (Testudo-Taktik, Anm. d. Red.). Sie haben aber nicht mit der List der Barbaren gerechnet, die daraufhin Kampfwagen losschicken mit messergespickten Rädern, die alles um sich herum niedermähen. Es kommt zu blutigen Mann-zu-Mann-Kämpfen. Und wenn wir uns bisher gefragt haben, wozu das alles, dann kommt auch die Erkenntnisdämmerung, denn der Filmmemacher schneidet jetzt zwischen die Kampfhandlungen subjektive Erinnerungsbilder von Marcus an seinen Vater, der auch in einen Kampf verwickelt gewesen sein muss.
Schnitt. Marcus wacht bei Donald Sutherland, Onkel Aquila, und weit hinter dem Hadrianswall in Sicherheit auf. Er hat ein Metallstück im Bein. Das gibt dem Fotografen die Gelegenheit, minutiös zu zeigen, wie dieses Stück rausoperiert wird.
Worum geht’s denn jetzt, frage ich mich. Denn als nächstes werden wir Zeuge eines Gladiatorenkampfes, in welchem es nur einen Sieger gibt, nämlich jener, der den Gegner tötet. Und die Gegnerschaft ist fies. Der eine ist ein Gladiator, ausgestattet mit Panzer und Schwert. Gegen ihn muss ein Sklave antreten, lediglich mit einem Beinkleid ausgestattet und unbewaffnet.
Es ist absehbar, wie so ein Kampf ausgehen wird. Wie der Sklave unterm Gladiator liegt, feuert die entfesselte Menge den Gladiator im Blutrausch an, zuzustoßen, hält die Daumen nach unten. Der Sklave heisst Esca. Ja, der wird noch wichtig werden. Und weil er wichtig werden wird, das ist jetzt eher ironische Voraussage von mir, hält Marcus den Daumen nach oben, er solle dem Sklaven das Leben retten. Donald Sutherland schenkt Marcus den Sklaven.
Jetzt erst, es ist schon viel Filmzeit verstrichen, sind wir da angelangt, wo die Geschichte anfangen kann.
Die geht folgendermaßen. Der Römer Marcus macht sich mit dem Sklaven Esca auf den Weg ins wilde Schottland um den Verbleib der verschollenen Neunten Legion zu erforschen. Sein Vater hatte sie angeführt, es gilt also, die Familienehre wiederherzustellen. Dort stoßen sie mit den Robbenmännern, die aussehen wie böse Geister von der schwäbischen Fastnacht, zusammen. Marcus und Esca geraten in Gefahr, machen grausame Entdeckungen und werden, als sie fliehen wollen, erst zur definitiven Schicksalsgemeinschaft.
Warum ich das so ausführlich nachzuvollziehen suche? Weil ich selten einen Film gesehen habe, der so lange braucht, bis er die Schicksalsgemeinschaft, über die er offenbar berichten möchte, zusammengedröselt hat, die eigentlich die Story spannend machen und vorantreiben soll. Denn mit dem Sklaven hat es durchaus eine besondere Bewandtnis. Bis es in diesem Film allerdings so weit ist, ist mehr als eine Stunde vergangen. Eine Stunde allerdings voll wunderschöner Kalenderfotografie.