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Heiter bis Wolkig

Die pastorale Grundaussage dieses Filmes scheint mir die zu sein, das Leben ist schön und da es nicht immer heiter sein kann, gibt’s auch Wolken, aber alle Menschen sind im Grunde genommen nett und wenn man sie makellos braun schön schminkt, sind sie auch bis zum Tode sehr ansehnlich, und überhaupt sind die Menschen zum Anbandeln geschaffen und darum brauchen wir diesen Film und brauchen ihn ohne ein wirkliches Handlungsgerüst und Schwierigkeiten beim Anbandeln sind mit kleinen Lügen leicht zu lösen, der Kumpel erzählt der anzubaggernden Frau, sein Kumpel sei krebskrank und möchte noch einmal mit einer Frau schlafen.

Bei Tim und Can jedenfalls funktioniert die Masche prächtig. Es sind Köche in einem Lokal mit einer platten Klischeenummer von blödem Chef und die Vorgänge in der Küche entbehren jeglicher Plausibilität. Die Regie hat sich halt was „einfallen“ lassen. Gemüse und Fleisch. Die Regie, die hat Marco Petry besorgt, der mit seinem ersten Film „Schule“ dank Verarbeitung persönlicher Erlebnisse eine gewisse Resonanz hatte. Aber das ist schon einige Jahre her. Jetzt hat er ein Buch von Axel Staeck mit Jan Ehlert bearbeitet, das bringt mehr Geld, und dann verfilmt.

Ein Buch was oft zu der unsäglichen Fernsehdialogstupidie der Frage „Was ist denn hier los?“ greift. Aber die Macher glauben, wenn sie das Ganze in einer zudröhnenden Sauce von Discomusik ertränken, es würde dann weniger auffallen.

Trotzdem ist ein farbenprächtiger Feel-Good-Tumor-Film draus geworden, das Sterben wird ausführlich und minutenlang zelebriert, so lange, bis bestimmt ein paar Tränen fließen werden im Publikum. Ist es doch Edda, die von Jessica Schwarz als einzige Figur gespielt wird, die einen gewissen Widerstand gegen ihr Schicksal hat, die sich den Tod nicht bieten lassen will und zu einigen Aktionen sich hinreißen lässt, die sich ein angepasster Bürger, der an das ewige Leben glaubt, nicht erlauben würde, wie das Einschlagen der Fensterscheibe an der Tür des ehemaligen Arbeitgebers, eines Blumenladens, der sie wegen ihrer Krankheit geschasst hat oder einfach auf eine dumme Tusse eindreschen, mal so richtig – dabei kriegt jener Buddy ein blaues Auge, der ihrer Schwester die Story vom Krebs aufgetischt hat und der sich nun um die wirklich Kranke kümmern soll.

Edda wird durch ihr trotziges Verhalten gegen die Krankheit viel Sympathie beim Publikum ernten. Und die Buddies, nun, der eine ist Elyas M’Barek, der die sichere Sunny-Celentano-Nummer drauf hat, immer ein Grinsen im Gesicht und immer temperamentvoll, das ist schon was in einem deutschen Film, während sich Max Riemelt, auch er meist sonnenstudiobraun geschminkt, mit der Lügennummer schwerer tut. Eigentlich ist er ein ziemlicher Dreckskerl, die Krankheitslüge aufrechtzuerhalten, bis sie auffliegt – und so sonnig wie die beiden Buddies gezeichnet werden, ist es sowieso nicht ganz schlüssig, wieso sie glauben, die Masche mit dem Tumor einsetzen zu müssen.

Man denkt unwillkürlich an „2 Tage in New York“ von July Delpy, wie da als ein kleiner Handlungsstrang eine solche Krankheitslüge souverän und knapp und witzig eingeführt wird, wie aus der Notlüge heraus die Komplikationen sich entwickeln. Nichts dergleichen hier. Hier kommt einem die Substanz des Filmes recht dünne vor – und schlecht geschnitten ist er auch noch, oft werden die Schauspieler ungeschickt stehen gelassen am Ende einer Szene – dass sie als ein Studentenscherz in Kurzfilmform vielleicht erträglich zu komprimieren gewesen wäre, dann aber mit Witz und Schnittrasanz und nicht melodramatisch und auf bleiernen Füssen.

Sicher krankt das Buch auch daran, dass es – einmal mehr in einem deutschen Film – eine Gesamtsituation, hier eher eine Art Witz – erzählen möchte, dass es sich nicht für die Einzelfigur interessiert, dass sie keine Einzelfigur und ihren Grundkonflikt ins Zentrum stellt, die Figuren dienen lediglich dazu, den Witz, die beabsichtigt tragikomische Geschichte zu performen, wobei exakt die Grundlage zur Tragikomik fehlt, nämlich eine Charaktereigenschaft der handelnden Figuren, die durch die Diskrepanz zwischen Ziel der Handlung und eben der Eigenschaft, tragikomisch wirkt. Dem Film ist lediglich abzulesen, dass er dem Vorsatz der Tragikomik dienen möchte, es aber nicht kann.

Auch durch das Fehlen eines Handlungsgerüstes ist die Voraussetzung für Tragikomik nicht gegeben. Es scheint, dass mit diesem Film lediglich gemischte Gefühle hervorgerufen werden sollen. Film zur Evokation von Gefühlen. Als kleines Handlungsziel kann höchstens angegeben werden, dass Tim ein eigenes Restaurant eröffnen möchte; aber die Hindernisse dazu werden ausgespart. Wenn es nämlich auf das Ende des Filmes zugeht, ist das Restaurant praktisch über Nacht Wirklichkeit geworden und heißt, wie rührend und sentimental, „Edda’s“.

Ganz unlogische Vorgänge, die beiden sind in der Küche, Marie, die Angebaggerte ruft Tim an und er meint zu Can, „kannst du mal weiter machen?“ , zumindest eine Situation, die vermutlich eher nicht dem Leben abgeguckt ist. Oder später meint Marie, „ich muss zur Arbeit, bleibst Du noch ein bisschen bei Edda.“.

Die ganze Inszenierung und auch das Drehbuch scheinen einen weiteren Untertext zu haben: wir wollen Euch mit diesem Film einen Gefallen machen, wir wollen Euch mit diesem Film gefallen. Ein Gefälligkeitsfilm. Darum ist bei uns auch kein Mensch so richtig böse und darum werden die richtigen Konflikte auch ausgespart.

Das Positivste am ganzen Film, nebst der schönen Farbgebung und den prächtig geschminkten Darstellern, scheint mir die kurze, knappe, informative Erwähnung der fördernden Anstalten, ganz kurz anfangs weiß auf einer Schwarztafel (also ob sie ihren Einsatz am liebsten ungeschehen machen wollten?).

Bei einer Essenszene mit merkwürdig unnatürlich arrangierten Weingläsern kam mir plötzlich ein Flash-Back zum Film „Jasmin“, wo mich die Gläser der beiden diskutierenden Damen auch sehr beschäftigt hatten und siehe da, der Kameramann ist Jan Fehse, genau derjenige, der die Regie beim Diskutierfilm „Jasmin“ geführt hatte. Bei dem Essen hier kann der Rotwein nicht geschmeckt haben, denn es war immer gleich viel in den Gläsern.

Dramaturgisch ganz schwach eingeführt wurde die Szene mit dem Sprengstoffgürtel und der Erpressung des Bankers, des Ex-Freundes von Edda, der diese verlassen hat, wie die Krankheit bekannt wurde. Wie kann man so was vor lauter lieblich sein wollen, so verschenken.
Ach ja, auch diese Szene kommt bleifüßig daher: der Streich mit den Ziegen im Blumenladen.

Edda: Sag mal, geht’s noch.
Marie: Was ist denn hier passiert?
Edda: Tim musste mal aufs Clo.
Dann kommt kurz ein Satz zu Tod und Sterben.
Und dann: ich mach mal n’Tee.
—- und ich schreib mal schnell ein Drehbuch auf Clo.
Ein Molluskenfilm, weich und ohne Handlungsskelett.
So darf bei diesem heiter-wolkigen Wohlfühltumorfilm der Witz von den zwei Nachrichten an den Kranken nicht fehlen: die schlechte, er habe Krebs, die gute, er habe Alzheimer.

Abgewandelt: die schlechte Nachricht: ich habe den Film gesehen, die gute: ich habe ihn schon wieder vergessen.

Late Bloomers

Das Altern muss etwas Furchtbares und Groteskes sein. Aber es gibt Mittel dagegen. Einige davon werden hier vorgeführt anhand einer Geschichte, die gar keine Geschichte ist, aber mit einem Hauch belgischer Morbidität erzählt wird.

Es könnte ein Vorfilm sein für eine Kaffeefahrt, in der den Alten lauter „ageproof“, altersgerechte Produkte verkauft werden sollen, so da sind, Telefone mit extra-großen Tasten, Betten, die automatisch rauf und runter bewegt werden können, altersgerechte Sitzbadewannen, Anzüge, die die Altersbeschwerden simulieren, Bücher wie „Time to help your Parents“ oder „you and your aging Parents“, kurz alles, was in der „Seniorsphere blüht und kreucht“; und auch Viagra und Red Bull fehlen nicht, letzteres am prominentesten und als einziges als Marke deutlich erkennbar, was so ohne Sponsoring nicht denkbar ist.

Was auch bedeutet, dass Red Bull offensichtlich keine Drehbücher lesen kann, sonst hätten sie die Finger von diesem Product-Placement gelassen. Obwohl Weltstars wie Isabella Rosselini, in jeder Sekunde ganz Dame oder William Hurt sich für diesen Lehr- oder Themenfilm hergegeben haben, was vielleicht wiederum erzählt, dass das Altern auch für Schauspieler scheiße sein muss, dass sie selbst solche Rollenangebote anzunehmen sich gezwungen sehen.

Rosselini und Hurt sind die Oma und Opa in einer weit ausladenden Familie mit einer militanten Panettone-Bäckerin als Uroma, italienischen Ursprungs und in England sozialisiert, mit Kindern, Enkeln und Urenkeln.

Das Gerüst der Nicht-Geschichte ist in etwa das, dass William Hurt als Adam und Gatte von Isabella Rossellini als Mary, eben die Royal Gold Medal für seine Verdienste für die Architektur erhalten hat. Er hatte vor Jahrzehnten den bemerkenswerten Kopenhagener Flughafen entworfen und gebaut und ist auch mit anderen Gebrauchsbauten berühmt geworden. Jetzt geht es darum, Architektur-Nachwuchs darin zu unterstützen, eine moderne Alterssiedlung zu entwerfen, wobei aber, wie ein Freund Adams meint, zu unterscheiden sei, zwischen Alterssiedlung und Swinger-Club.

Mary wiederum braucht mehr Bewegung, sie nimmt ungeschickt an einem Wassergymnastik-Kurs teil, probt den Seitensprung mit einem Schwimmlehrer, während Adam bei den jungen Architekten eine Bewunderin findet, und da er nachts auch noch einen Museumsbau entwirft, zieht er halb ins Studio und lernt von der jungen Frau altersgerechte Sextechnik, die er in der Schlussszene mit seiner Mary und unter der Bettdecke ausprobieren darf.

Es gibt also bei all dem Horror des Alterns ein wenig Hoffnung, sogar ganz ohne Viagra. Es gibt zwischendrin mal den Aufmarsch einer gackernden Schar grauer Panther aus schlecht ausgewählten Komparsen, die Musik die genau dazu passt, die wird zu allen anderen Szenen auch beigemischt, Untertext, Leute, wir erzählen Euch hier eine sehr lustige Story, was einfach leider hinten und vorne nicht stimmt, oder die Uroma verzockt mit einer Runde Alter Geld bei Gerichtswetten, wo es darum geht, die Urteile bei Schnellverfahren vorauszusagen.

Wer so wichtige Dinge erzählt, dem kann keine Zeit für eine interessante Geschichte übrig bleiben.

Zu guter Letzt hat James Mary und Adam im Lift eingesperrt, damit beide nicht an der Beerdigung der Panettone-Urgroßmutter teilnehmen können.

Julie Gavras hat nicht nur mit Olivier Dazat das Buch geschrieben, sondern das Ganze vielleicht eher wie einen Ratgeber, denn wie einen smarten Spielfilm inszeniert: eines nach dem anderen, in Pose gehen, dann den Text laut und deutlich sprechen, es könnten ja Schwerhörige im Zielpublikum sein. Solche Regie geht auf Kosten der Kinogeschmeidigkeit..

The Watch – Nachbarn der 3. Art

Ben Stillers professioneller Schmerzdämpfer für schwanztraumatisierte Männer und Frauen.

Die Absicht der Drehbuchautoren Jareth Stern, Seth Rogen, Evan Goldberg war bestimmt die: Pointe, Lacher, Pointe, Lacher. Und das über die alltäglichsten Probleme vermutlich Lohnabhängiger, sexuell nicht Befreiter, als Ventilkino gedacht, ablachen über das, was Mann oder Frau nicht in Griff kriegen und immer leicht unter der Gürtellinie, es wird vom Fingern und vom Loch gesprochen vom Wegreißen der Eier. Das ist natürlich so ein Schmerzpunkt des Mannes, vielleicht auch Wunschpunkt der Frau (Neidkomplex oder so), berührt also immer akutes Gelände.

Wenn dann noch fremde Figuren auftauchen, Aliens, und sind eigentlich ein schönes Symbol für den typischen Spießer aus Glenview, wo unser Filmchen spielt, und wenn es dann noch heißt, dass ihr Hirn ihr Schwanz sei, was auch nur eine Umschreibung für hormongesteuerte Indviduen ist, so ist das Konstrukt doch ganz nett und neckisch.

Aber das weiß Ben Stiller als Evan Trautwick und Filialleiter des örtlichen Wholesales Costco anfangs selbstverständlich noch nicht. Er wird zu Beginn erschüttert vom Tod eines Wachmannes in seinem Leib-, Magen- und Lebensgeschäft, denn innert 25 Jahren hat er sich dort an die Spitze hochgearbeitet. Dieser Tod war wirklich merkwürdig und schwer erklärbar. Auch Glibber spielt dabei eine Rolle. Was unsere Autoren dazu veranlasst, im Laufe des Filmes ausgiebige Parellelen zwischen Glibber und Wichse zu ziehen.

Selbst ist der Mann, sagt sich Evan und gründet eine Nachbarschaftswache. Der rätselhaften Todesursache muss auf den Grund gegangen werden. Wer aber jetzt von der dadurch suggerierten Themenvorgabe eine ernste oder karikierende Beschäftigung mit dem Themenkomplex: Beobachten, Neugieren, Überwachen bis zum Denunzieren erwartet, der wird gründlich enttäuscht.

Denn diese Nachbarschaftswache wird von den meisten Mitmachern vor allem als ein geselliger Anlass gesehen, als Ort über Dinge zu reden, die in einem Wuseln, die im eigenen Körper ein gewisses Eigenleben beanspruche, den Sex und all die Verwicklungen; dazu erfährt man vom einen und anderen auch noch was über sein Privatleben.

Aber es ist diese ganze Nachbarschaftswache auch nur Vorwand wie der ganze Film, ausgiebig und endlos Witzchen und Pointen vor allem um das ewig beunruhigende und durch das bürgerliche Leben auch nicht zu bändigende Sexleben und spießige Sexsehnsüchte zu machen – bis hin zum Eierabreißen.

Die deutsche Synchronisation versucht zu Recht gar nicht erst, tiefere Nuancen aus den Dialogen herauszuholen. Die bleiben grobmaschig wie der Cast auch. Mehr ist nicht beabsichtig, als die Zuschauer mit Aug und Ohr auf die Leinwand gebannt zu halten mit einem 90-minütigen Regenschauer an seichten, ein- bis doppeldeutigen Pointen, auch mal über die Polizei, aber doch lieber über große Kondome oder Unfruchtbarkeit, Eierlutschträume, Schwanz in Vagina, wie kriegt der Arzt das Sperma für die Untersuchung, oder einen Alien mit einem Gartenzwerg erschlagen, wie der Sex eines Mannes mit einem Mann ablaufen würde und bis wohin gehen, fass meinen Glibber an… Pointen, die auf dem Dauerwiderspruch zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ihren Nährboden haben, privater Trieb und öffentliche Ordnung und Meinung. Akiva Schaffer hält gutes Tempo bei recht steifer Inszenierung.

Es gibt einen kurzen tragischen Moment, vielleicht gedacht als Salz in der seichten Suppe, wie Ben Stiller seine Mannen davon laufen und er im Bewusstsein eines Ein-Mann-Clubs zurückgelassen wird – Ben Stillers Ein-Mann-Club.

Was bleibt

Was bleibt mir von diesem Film? Dass er innerhalb des gremienbestimmten, mutlosen, schläfrigen deutschen Subventionskinos sicher eines der feineren Stücke ist. Dass die guten Momente mehr Hans-Christian Schmid und seinem Ensemble aus erstklassigen Subventionsstars zu verdanken sind als dem Buch von Bernd Lange. Dieses will zu deutlich, allerdings nicht ganz so plump wie in „Die Besucher“, einer anderen deutschen, subventionierten Neuproduktion dieses Sommers, eine Familienaufstellung vor uns ausbreiten und uns darlegen, dass diese Verlegersfamilie innerlich kaputt sei.

Einmal mehr glaubt ein deutsches Drehbuch ohne ein spannungserzeugendes Handlungsskelett auskommen zu können, einmal mehr greift es in mehreren Situationen auf die typisch deutschen Drehbuchsätze zurück wie „Was ist denn hier los?“ „Was machst Du hier?“, damit dann erklärt statt gespielt werden kann – gegen diese Sätze bin ich inzwischen allergisch.

Einmal mehr besteht die Handlung aus beliebigem Kochen, mal Kirschkuchen oder Cannelloni, mal aus dem Pressen von frischem Karottensaft, aus Zähneputzen (oder war das gerade in einem anderen deutschen Subventionsprodukt?), aus Kofferpacken und Frühstücksbrötchen holen, aus dem Zubereiten von Crêpes oder dem Verhökern eines Röntgenapparates einer schlecht laufenden Zahnarztpraxis.

Das Drehbuch möchte uns in gesichtslosen Settings eine gesichtslose Upper-Middleclass-Familie filettieren, mit austauschbar-gesichtslosen Texten als Teig zu ein paar Substanzsätzen aufzeigen, wie kaputt die Familie ist, die Mutter mit Depressionen und Medikamentenpflicht – das ist das Ereignis was die Familie erschüttern soll, dass die Mutter die Medikamente absetzt, dass sie eine heiltherapeutische Behandlung sich angedeihen lässt. Der Vater verkauft gerade seinen Verlag – er will mit seiner Freundin, der Frau mit dem bösen Blick aus der „Räuberin“, nach Jordanien verreisen, der jüngere Sohn, Jakob, ist nicht besonders erfolgreich mit seiner Zahnarztpraxis, der ältere, Marco, ist zwar erfolgreich als Autor, aber in der privaten Beziehung schon getrennt von der Partnerin, kommt mit seinem Sohn, einem Buben, nach Hause.

Aus den Dialogen: Iss doch was Richtiges. Was für Kuchen. Ich will lieber ne Brezel. Das ist nett, dass Sie absagen.
Motive und Erzählstränge bei den Sumerern und Assyrern.
Ohne Tabletten (muss ausdiskutiert werden).
Was machst du nun, hast alles organisiert?
Sterilisierst Du Dich gleich mit.
Brauch ich Kalendersprüche, lese ich einfach ein tolles Buch.
Ja, Besteck fehlt draußen noch (dabei wirft Corinna Harfouch einen vollkommen überflüssigen Blick auf den Tisch, oder weiß sie echt nicht mehr, dass sie das Besteck noch nicht aufgelegt hat?).
Ihr lassts ja richtig krachen.
Womit sind die Cannelloni gefüllt?
Du lässt Dich gehen.
Wo ist Gitte?
Soll ich fahren?

(Lauter Sätze, die einen bescheuerten Realismus andeuten sollen).
Lauter bescheuerte Sätze, themenfremd, als Teig zu den paar analysierend und fassadekratzend gemeint Texten.

Wir schreiben jetzt n Zettel, dass sie einfach mal nach Hause kommt.
Wir sollten versuchen, ein bisschen zu schlafen.
Die Pause ist zu Ende, wir versuchens nochmal in die Richtung, die Kette etwas auseinander und los geht’s (die Suchstaffel der Polizei).

Texte, die nicht dazu angetan sind, irgend eine Spannung zu erzeugen oder den Zuschauer mitzunehmen, die dazu geeignet sind, dass der Film den Zuschauer vollkommen kalt lässt (und die Gremien wichsen sich einen ab).

Wo ist jetzt die Taschenlampe (tja, die hat die Requisite wohl nicht ordnungsgemäss bereit gelegt).
Was machst du denn hier?

Was ist das Thema des Filmes?

Was innerhalb des deutschen, gremiengeförderten Filmes immerhin eine Seltenheit ist, und das ist wohl doch mehr der Regie von Hans-Christian Schmid und der guten Qualität der Darsteller zu verdanken: die Familie kommt wirklich als eine Familie rüber, da sind auch die Typen gut ausgewählt. Wobei der Vater doch einen Tic zu laut und zu undifferenziert spricht. Aber das ist interpretierbar, wenns denn Absicht ist, ja nichts aufkommen lassen, was die Fassade zerstören könnte.

Was soll die Szene, wo der Älteste sich mit der Mutter in der Natur unterhält und dann muss er, resp. sie das Auto anschieben, wozu soll das gut sein, so schön der weiße R4 ist, Autonummer SU HX 176. Edeka-Tüte.
Der Mercedes von Verlegers hat die Nummer SU ME 167.
(Immerhin eine Information, die nach Recherche herausfinden lässt, in welcher Himmelsgegend der Film überhaupt spielt, im Rhein-Sieg-Kreis also).

Ab Verschwinden der Mutter wird’s allerdings problematisch. Am problematischsten scheint mir der Traum von der Begegnung mit der Mutter zu sein, den der Älteste bei seiner einsamen Suche hat: so träumt kein Mensch, vielleicht gerade mal einer, dessen ganze Bildung ausschließlich aus deutschen TV-Drehbüchern besteht; was hier geboten wird, ist schlicht schlechtes Theater. Wie denn sowieso die beiden Brüder zusehends mit hängenden Unterkiefern und bedröppelt schuldbewussten Blicken rumlaufen.

Vielleicht ist das Grundübel bei solchen Kinobemühungen, dass sie versuchen aufzuzeigen statt zu ergründen, sie wollen belehren statt einen auf eine Reise, abenteuerlich oder schauerlich, in menschliche Abgründe mitzunehmen. Das mag von den Gremien und wohlwollenden Onkeln und Tanten ein guter Film genannt werden, kinogeil aber ist er nicht. Ein solches Kino doziert die Kaputtheit der Familie, statt dass es sie erforscht, ist mithin ganz schön arrogant. So kann jedoch aus dem Kino keine Abenteuerreise und auch kein Kinoereignis werden. Es hat nichts zu erzählen.

The Cabin in the Woods

Massiv und laut, mechanistisch und systematisch, sozusagen auf der Idealkurve steigt dieser Horrorfilm ohne lange Umstände in die Story ein. Die fünf Freunde Dana, Kurt, Jules, Marty und Holden werden minimal kurz vorgestellt, gängige, junge Menschen von heute, nichts Besonderes, und schon geht’s los mit dem Wohnmobil ins lustige Wochenende in eine Hütte, die über einen Verwandten ins Spiel gekommen ist, ab von der Welt, außerhalb jeglicher Netzverbindung zur Restwelt. Der kurze letzte Tankstop, die Warnung des Horrortankwartes, und dass die jungen Leute diese selbstverständlich in den Wind schlagen. Tankstelle und Tankwart direkt aus dem Fundus des reinen Horrorfilms requiriert.

Gleichzeitig haben wir auch die Administration und das Engineering für den Horror um die Hütte kennengelernt. Das Personal schließt Wetten, wie das Game, das zum Tode aller 5 Freunde führen soll, ausgeht. Diese Abteilungen befinden sich tief im Erdinneren. Hier fängt die Differenz zum üblichen Horrorfilm an, der zwar die gängigen Zombies mit gängigen Instrumenten auffährt, um die ersten Leichen zu beschaffen, um die Gruppe auseinanderzudividieren, aber wir kennen auch die Horror-Macher, wir bekommen Einblicke in die bösen Steuerungsmechanismen des gnadenlosen Horror-Games.

Das Game funktioniert dieses Mal allerdings nicht perfekt. Drei der jungen Leute kapieren, dass sie in einer Falle, in der Horrorfalle, stecken und sie versuchen die Flucht. Dass sich die Story bis zu dieser Wendung vielleicht etwas in die Länge zieht, da nur bekannteste Versatzstücke verwendet werden, wird kompensiert durch rasantes Dreh- und Schnitttempo, durch sehr lauten Sound.

Im übrigen wurde von Drew Goddard, dem Regisseur, der mit Joss Whedon auch das Drehbuch geschrieben hat, von Anfang an darauf geachtet, dass die Chose sich nicht zu einer Mitleidsangelegenheit entwickelt, durch Auswahl und Führung der Schauspieler, die nicht einen Moment auf Identifikation oder besondere Sympathie aus ist, die deutsche Routinesynchro trägt das ihre dazu bei, denn auf längere Sicht soll bei diesem Film durchaus ein gewisses Vergnügen im Schauen (von Schaden) bestehen, Horror garantiert nicht gedacht zur Kompensation unterdrückter Triebe und von Gefühlen, eher als ein Ort, über die Mächte des Schicksals archaisch nachzudenken, denn tief unter den Etagen von Administration und Engineering gibt es noch ganz andere Mächte. Die deuten an, Dinge, die man vielleicht in der Review nur anreißen sollte, dass die Macher des Filmes augenzwinkernd den Nexus zur faustischen Weisheit suchen, zu den Geistern, die er rief. Oder ein Augenzwinkern zurück in die Antike, war da nicht mal was mit Jungfrauen, die in einem Vulkan geopfert werden mussten?

Was hier vorgeführt wird, dieses Horrorkabinett, das wird, je weiter der Film fortschreitet, zur zusehends künstlerisch attraktiven, kunstperformance-mäßigen Präsentation, (entfernte Erinnerung an Wiener Aktionisten).

Ist der Mensch noch der Herr des Horrors (und soll er es wirklich bleiben?), diese Frage stellt sich alsbald und hat mich recht amüsiert und angeregt aus dem Kino gehen lassen.

To Rome with Love

Schon verwunderlich, dass einen so erfolgreichen und weltberühmten Mann wie Woody Allen offenbar nichts weiter umtreibt außer den Problemen von Berühmtheit, Prostitution und am Rande jenes der Liebe nebst der zur Zeit serienmässigen Liebeserklärungen an europäische Städte, Barcelona, Paris (letztere war aus einem Guss, die Hommage und sehr nützlich für Bildungslückenbüßer, die am Gymnasium nicht aufgepasst haben); aber in Rom scheint sich die Gefahr serieller Hommages an europäische Städte zur Klippe ausgewachsen zu haben, sei es, dass es am Cast liegt, der hier so gar keinen harmonischen Eindruck erweckt, dagegen wirklich schmerzhaft die Erinnerung an „Midnight in Paris“, ein Cast, der hier so gar nicht dieses meist bei Woody Allen so wunderbar rüberkommende Family-Feeling ausstrahlt, oder hat Rom in seiner Monumentalität den New Yorker nicht so richtig inspiriert?

Es kommen all die berühmten Dinge vor, die Fontani die Treve, Travestere, der Vatikan, die Hügel, Ferrari, Fiumincino, das Colosseum, eine katholische Prozession, Roma Termini, Alitalia, die Spanische Treppe, das Postkarten-Rom – abgelutschter geht’s nicht.

Es gibt zwar eine junge, ambitionierte Schauspielerin, die wohl die Ambition karikieren soll, da wird von Camus und Kierkegaard und Rilke geredet, aber nicht mal Dante kommt vor; immerhin wird in einem Kino, aus dem ein paar Besucher raus kommen gerade „Die Einsamkeit der Primzahlen gespielt“, aber ist Sisyphus auch ein Italiener, den die Künstlerin Monica anführt, ja der Name Monica, der spielt eine Rolle und italienische Musik, das Bekannteste vom Bekannten, „Cantare“ und „Bajazzo“.

Ach ja, vielleicht will Woody Allen, der verlauten lässt, auch in Deutschland einen Hommage-Film drehen zu wollen, vielleicht will er sich mit einem innovativen Opern-Gag für Bayreuth empfehlen? Denn er selbst spielt einen Opernregisseur, der einen Sänger entdeckt hat und groß rausbringen will, der kann aber nur unter der Dusche singen, also muss im Bajazzo in jeder Szene eine Dusche eingebaut werden und dann singt die unangepasste Weltstimme wunderbar – vielleicht könnte so etwas dem kriselnden Bayreuth wieder auf die Sprünge helfen?

Nicht frischer als „Moral“ von Ludwig Thoma ist die Story mit der Nutte Anna, die durch einen abgegriffenen Komödiengag plötzlich zur Ehefrau eines italienischen Spießers wird und bei einer Promi-Party sämtliche Herren aus ihrem Adressbuch vorfindet.

Die Medienparodie mit dem armen Roberto Begnini, der von den Medien für einen Tag zum Star auserkoren wird, hechelt eher hinter dem Privatfernsehen und Dschungelshows ohne besonders scharfen Witz hinterher, garantiert kein filmisches Frischobst.

Die Dialoge sprechen die Leute sehr laut und sehr undifferenziert direkt. Vielleicht stört in Rom selbst beim Drehen ein ständiger Lärmpegel von Autohupen, gegen die die Inszenierung anschreien muss?

Alec Baldwin erscheint wie ein mythologische Figur, als ein berühmter Architekt, der einen jungen Bewunderer durch die Absehbarkeit der Entwicklung einer Anbandelei begleitet. Das ist nett, diese Vaterhaftigkeit.

Seitensprunggeschichte ist noch ein Thema. Das in einer Familie, die karikaturhaft gezeichnet wird. Die Schauspielerin, die Miss Julie spielen will, ja so sind sie immer, sie fühlen sich groß. Was ist die Ozymandias-Melancholie, vielleicht ein Insiderwitz der Produktion – oder selbstreflektiver Hinweis auf die Vergänglichkeit auch dieses Kino-Werkes? Hat die Welt keine dringenderen Probleme als die des Berühmtseins? Das verteidigt Woody Allen, reich und berühmt sei doch schöner als arm und unbekannt: aber offenbar nicht immer inspirativ. dem Film fehlen Witz und Würze.

Schatzritter und das Geheimnis von Melusina

In dieser luxembourgisch-deutschen Koproduktion arbeitet sich die Regisseurin Laura Schoeder mit viel Fleiß und ohne je die Übersicht über den Stoff zu erlangen am Drehbuch (laut IMDb) von Stefan Schaller, Martin Doljes, Oliver Kahl, Eileen Byrne nach einer Stoffentwicklung von Christoph Englert und Elodie Malanda in der Art einer Und-dann-und-dann-und-dann-Erzählung schrittweise ab.

Vielleicht haben zu viele Drehbuchköche hier den Brei verdorben. Aber mit Kindern kann man ja alles machen. Die können mit allem was anfangen. Ob sie allerdings nach diesem Film sagen, sie wollen ihn unbedingt noch einmal sehen, das wage ich eher zu bezweifeln.

Zu sehr kommt einem dieses Kinoprodukt vor wie eine Art, wenn auch aufwändig, inszenierten Readings mit einem durchgängig womöglich bewusst drittklassig ausgewählten Cast; die Figuren sprechen alle ein sehr neutrales Hochdeutsch, immer sehr distanziert, Gefühle wie Tränen werden lieber mit ein paar Tropfen Glyzerin unter den Augen markiert, wenn Julia jammert, dass ihr Freund Schluss gemacht hat.

Der Film ist eine reine Aneinanderreihung einer Fülle von typischen Kinderfilmszenen und -konstellationen. Der Faden einer losen Geschichte ist vorhanden: der Bub Jeff wohnt bei seinem ständig um ihn sich ängstigenden Vater, Betreiber eines Campingplatzes am Fuße einer Burgruine, die dem Vater gehöre. Die Mutter ist gestorben. Seither fährt der Vater den Sohn mit dem Tandem zur Schule, wo Jeff ein gehänselter Außenseiter ist.

Den Tod der Mutter hat Jeff durchs Schlüsselloch mitgekriegt, ist seither traumatisiert von der Fantasie eines Schwarzen Bruders mit einem künstlichen Arm, aus dem Blitze kommen können.

In den Sommerferien kommen Leo und Julia mit ihren Eltern auf den Campingplatz. Zusammen mit dem weiteren Außenseiter „Killer“, der am liebsten in den verschiedensten Kostümen rumläuft, können jetzt die Abenteuer los gehen.

Allen ist offenbar klar, dass es um Melusine geht und dass die einige Tage hier sein wird und dass sie, wenn der Schatz gefunden wird, auch erlöst werden kann.

Die Gegenspieler sind die Schwarzen Brüder, auch die eher Übelkeit erzeugende Klischeefiguren. Es folgen viele Szenen, in denen die bekämpft werden müssen. Es ist echt schwierig einen Faden für die Nacherzählung zu finden. Es kommen als Requisiten vor: Goldene Steine, ein Schwert mit einer geheimnisvollen Inschrift, ein Tränenfläschchen, die traurige Eiche, ein Eichenkostüm, ein Kreuzritterkostüm, Tinte, ein Stempel zum Abrollen, ein Aal, der Stromstöße austeilt, eine Putzfrauennumer in der Kathedrale.

Alles wird aneinandergereiht in dieser Verfilmung und die Cadrage, die die Kamera wählt, lässt alles sehr eng erscheinen, dass man sich den Film sofort auf den Fernsehschirm verwünscht, sie lässt keinen Denkfreiraum dem Zuschauer, sie fordert von ihm eher mühsames Entziffern der Geschichte, worauf das alles hinaus laufen soll. Es gibt kurze Pubertätswortwechsel zwischen den Jungs und der Schwester von Leo. Die Kinder behaupten, sie würden sich vorkommen wie im „Indiana Jones“. Die Besetzung strahlt den laienhaften Charme des Durchschnitttypischen aus.

Kino luxembourigescher Hausmacherart dem jeglicher Spannungsbogen fehlt, da es sich nicht für die Konflikte der Figuren interessiert. Man hat ständig den Eindruck, die Darsteller seien in jeder Sekunde über den Ablauf der Geschichte informiert und sie berge keinerlei Geheimnis für sie, sicher eine Folge von beidem, dem Buch und der Regie. Dem Kino fehlt hier schlicht das Kino. Und dann auch hier wieder die fürs Kino meist tödliche Frage „Was ist passiert?“.

Das Sympathischste an diesem Film ist, dass er angenehm kurz (80 Minuten) und aus Luxembourg ist.

Andererseits: vielleicht ist es gerade dieses Fragmentarische, das Unausgearbeitete, dieses Aneinanderreihen, das die Aktivität im Kopf des kleinen Zuschauers in Gang setzt. Wer sich aktiv einen Film zusammenbastelt, der muss kein schlechtes Gefühl dabei haben. Kino zum Selber-Basteln?

Holy Motors

Die weiße Stretchlimousine mit der Nummer 202 DXM 95 ist die Titelfigur in diesem Film, zumindest einer der Leihwagen, von denen die Firma „Holy Motors“ Dutzende im Angebot hat. Da müsste schon die Interpretiererei anfangen, warum heißt diese Leihwagen-, Leihlimousinenfirma „Holy Motors“ und gleich noch die Frage, sind das wirklich Leihwagen. Was ist in unserer Gesellschaft überhaupt heilig. Und was ist nur geliehen? Aber auch das ist nicht die Frage, die sich zwingend stellt nach der knapp zweistündigen Paris-Rundfahrt, auf die uns Leos Carax, der Autor und Regisseur, mit seinem Hauptdarsteller Denis Lavant, chauffiert von Céline, Edith Scob, mitnimmt, um unser Weltbild auf den Prüfstand zu stellen.

Die Tour nachzuerzählen, die Carax nach dem klassischen Muster der Einheit von Ort, Zeit und Handlung präsentiert (Ort ist einerseits die Limousine, andererseits Paris, Zeit ist ein Tag im Leben von Oscar und die Handlung, das sind die Aufgaben, die Oscar erfüllen muss), wäre viel zu schade.

Es gibt einen kurzen Moment, etwa nach Job zwei oder drei, wo ich gedacht habe, wird dieses Muster jetzt stur abgearbeitet? Aber die Tour ist so voll unerwarteter Wendungen, dass sich der Gedanke sofort verflüchtigt hat. Um also keinem die Überraschungen, die Verblüffungen zu nehmen, versuche ich mehr zu formulieren, was mir nach diesem Film durch den Kopf gegangen ist.

So viel will ich noch erwähnen, möglicherweise hat Carax sich durch das „Second Life“, was vor einigen Jahren im Internet grassierte, inspirieren lassen. Aber was er daraus macht, das geht sicher weit darüber hinaus. Im Grunde genommen befragt Carax den Menschen über die Figur Oscar auf seine Handlungsfähigkeit hin, auf seine Entscheidungsfreiheit, auf sein Glück, ob Armut und Reichtum gottgegebene Deskriptionen von menschlicher Existenz sind, ob es genügend Sicherheit für den Reichtum und die Schönheit gibt, ob das nicht alles nur Ausprägungen ein und desselben Seins seien. Oder die Frage, was sind Menschen bereit, mit sich alles machen zu lassen, bloss um zu überleben.

Details: zum Thema Sicherheit: wie Oscar in einer seiner Figuren einen strengen Sicherheitsbereich betreten muss, wird vorher eine Speichelprobe zur Identifizierung verlangt; die wird über einen kleinen Schlauch abgegeben, der an dem Wandgerät, das wie ein Wasserkocher aussieht, wie ein Telefonhörer befestigt ist; nach Abgabe der Speichelprobe fängt es in diesem Gefäß an zu brodeln und die Sesam öffnet sich. Oder die Lunchbox aus Plastik, die er in der Limousine hat, scheint vom Feinsten zu sein, wie sie die 5-Sterne-Hotellerie durchaus zu einem für ihr Verhältnis improvisierten Anlass, wo Porzellan zu riskant wäre, bereitstellt mit auserlesenem De-Luxe-Essen darin, was hier aber mehr wie grünes Graszeugs aussieht. Auf einem Grabstein steht lediglich eine Webadresse: www.vugan.fr ; wer die anklickt, bekommt eine Rückkoppelung zum Film, inklusive bereits einer Kritik (hat aktuell allerdings nicht mehr funktioniert).

Und ganz zum Schluss gibt’s noch ein augenzwinkerndes Echo auf die amerikanische Trickfilmproduktion „Cars“, diese aber gleich in einen weit größeren Zusammenhang gestellt.

Oder die Frage: who were we when we were who we were. Schalk, Spielerei, Wortspielerei, Tiefsinn oder höherer Blödsinn, Existenz- und Identitätsfragen, die aufgeheitert werden zum Beispiel mit einer satirischen Inszenierung eines Fotoshootings, das zu einem bösen Spiel von „la Belle et la Bête“ ausartet und wie aus einem Schal eine Burka zu machen sei.

Vielleicht das noch: der Affe ist das Symbol für die Schauspielerei. Sind wir nicht alle Schauspieler, das ist allerdings nur eine der Fragen und wahrscheinlich lange nicht die zentrale, wollen wir unsere Rollen immer wieder üben, wollen wir das alles noch einmal erleben? Oder gibt es einen Point of no Return? Gibt es irgendwo eine definitive Definition darüber, wer wir seien, und ob wir das definitiv seien? Gibt es eine definitive Existenz?

Sightseers (Fantasy Filmfest)

Steve Oram und Alice Lowe, die beiden Protagonisten (und Autoren) dieses Filmes, nehmen uns als Chris und Tina mit auf eine britische Inland-Sightseeing-Tour. Sie praktizieren ein für unsere Verhältnisse zumindest bemerkenswertes Verständnis von interaktivem Tourismus.

Tina lebt in eher spießigem Milieu mit ihrer zur Zeit des Filmes am rechten Arm bandagierten Mutter, die immer noch ihrem Hund, einem Spitzterrier nachtrauert – der ist schon vor einem Jahr zu Tode gekommen, nicht ganz natürlich, wie die Rückblende uns glaubwürdig aufzeigt, und die in ihm einen wahren Freund gesehen hat, während die Tochter, eine studierte Tierpsychologin, lediglich und abschätzig als eine „Verwandte“ apostrophiert wird. Diese Erniedrigung mag vielleicht einiges von dem, was uns in den nächsten 90 Minuten erwartet in der prächtig und Lust auf Britannien verschaffend fotografierten Landschaft halbwegs erklären.

Ihr Freund Chris, den sie seit drei Monaten kennt, macht gerade ein Sabbatical und will in dieser Zeit ein Buch schreiben. Das hört sich sehr ambitioniert an. Dass Chris möglicherweise ein klein bisschen widersprüchlich ist, lässt sich nicht unbedingt auf Anhieb ersehen. Er ist ein strategischer Reiseplaner. Gleich zu Beginn werden auf einer Landkarte die Sight-Points mit Pin-Nadeln fixiert (Blue John Cavern und da ein Pub und dort ein Pencil Museum) und mit einem roten Faden, der die Reiseroute vorgibt, verbunden. Auch beim Beladen des Wohnanhängers, wie gemütlich und familiär, kontrolliert er anhand einer Checkliste, ob Tina alles reinträgt.

Chris muss einen hochentwickelten Ordnungssinn haben und kann schnell ausrasten oder es treibt ihn zur Weißglut, wenn ein Mensch sich nicht an die vorgegebene Ordnung hält (logisch, dass so eine Figur nur so vor Selbstgerechtigkeit strotzt); das zeigt sich in einer kleinen Szene bei einem der ersten Punkte der Reise, einer London-Tour in der doppelstöckigen Uralt-Tram, von der es nur noch zwei Exemplare gibt. Ein junger Schnösel von Tourist lässt das Papier, in das sein Eis gewickelt war, einfach auf den Boden fallen. Es folgt eine harsche Ermahnung von Chris, er kassiert dafür einen Stinkefinger – nicht gut für den emotionalen Haushalt einer solchen Figur.

Chris hat nämlich einen klein wenig den Hang zur Selbstjustiz, darin können sich bestimmt viele Zuschauer wiedererkennen, mit dem Unterschied, dass er solch spontane Impulse nicht zurückhält, sondern ihnen nachgibt. Wie auf dem Parkplatz, wo er sieht, wie ein Mann Müll fallen lässt – nun, ein kleiner Rangierunfall mit einem unhandlichen Wohnanhänger kann mal vorkommen, das versteht auch die Polizei auf der ganz süßen Polizeistation; das gibt keine große Verzögerung in der strikt geplanten Reise, beim nächsten Halt noch das Blut wegwaschen, sich über eine leicht eingedellte Stelle wundern, das wars schon. Warum auch Aufhebens machen, so ein Unfall kann passieren.

Dass Schamanen besser nicht in die fixe Tourismusroute eines solchen Chris interferieren und ein Nachttrommeln am Rande des Campingplatzes veranstalten sollten, das konnten sie nicht wissen, wir konnten sie auch nicht warnen, genau so wenig wie den Camper, der einfach zu langsam mit seinem Gefährt auf den Campingplatz einfährt noch die Platz-Nachbarn, die unglücklicherweise einen weißen Spitzterrier haben, von dem Tina sofort überzeugt ist, ihr Poppey müsse dessen Vater sein.

In den ersten Szenen werden die beiden Figuren überzeugend als realistische, selbstgerechte Spießer eingeführt, nach denen die Welt zu laufen hat, so wie sie glauben, dass sie zu laufen habe, mit dem Unterschied zum erfolgreich sozialisierten Teil der Bevölkerung, dass sie allenfalls auch eingreifen.

Chris spielt seine Rolle mit soviel Freundlichkeit, dass immer klar ist, dass er ein Schauspieler ist, der mit großem Spaß diese Rolle spielt, was verhindert, dass wir uns in ein todernstes Sozio-Melodram, gesellschaftskritisch womöglich, verirrt glauben könnten. Urlaub in Yorkshire. Aber sie wollen, unter der ausgezeichneten und selbstverständlichen Regie von Ben Wheatly auch diese Spießerzeichnungen nicht allzu ernsthaft durch den ganzen Film durchziehen, wie sollte es sonst weiter gehen.

Der Selbstjustizmechanismus verselbständigt sich zusehends. Dummerweise fährt auch noch Martin, ein Fahrradcamper mit einem sargähnlichen Schlafanhänger, einem „aliens coffin“ wie bemerkt wird, in das Leben der beiden. Chris stürzt sich auf ihn, kumpaneit mit ihm, als hänge ihm Tina zum Halse heraus, als suche er zu fliehen. Denn mit Tina ist es so eine Sache. Sie stellt sich manchmal sehr ausgestellt etwas beschränkt dar, zum Beispiel bei der Sache mit dem Stecker, dem Stromstecker des Wohnwagens, den sie in die Andockstation am Campingplatz reinstecken soll, da wird ne Nummer draus, die möglicherweise situationscomedy-proof ist, hier aber zu viel Witz-für-Sich mutiert, man kann lachen drüber, es ist immer lustig, wenn ein Mensch mit einer simplen Sache nicht zurecht kommt.

Nun, und der Gag mit dem Campingwagen, der vor wildem Sex im Inneren wackelt, ist nicht besonders originell, aber da mich die beiden Sightseers prinzipiell für sich vereinnahmt haben, so sehe ich ihnen das nach. Warum soll man nicht mal lachen, worüber man auch schon gelacht hat. Sehr grotesk ist die Behauptung von Chris, Tina sei jetzt seine Muse für die Schreiberei, das verleiht der Comedy (der zusehends blutiger werdenden) einen Hauch von absurdem Theater.

Da die beiden Figuren mit ganz kleinen, beinah selbstverständlichen Ungesetzlichkeiten anfangen, so verstehen sie es, einen zu gewinnen. Wo war man selbst nicht schon in Versuchung. Sie träufeln die kleinen Ungesetzlichkeiten zu Beginn wohldosiert in das Filmgeschehen ein.

Vielleicht mehr Sitcom als Beitrag zur Geschichte, wie Tina die Bilder im Fotoapparat von Chris anschaut und Bilder von einer anderen Frau sieht und meint, „this is not my vagina“, sie findet das ein bisschen „saucy“ oder in Richtung profesioneller Lakonie gedacht.

Nicht zu vergessen die Mutter, die zuhause immer wieder Ohnmachtsanfälle und Treppenstürze faket, um dann mit dem Notknopf die Tochter, die im Urlaub ist, zu alarmieren; funktioniert nicht unbedingt, wenn diese gerade als Großpoetens Muse zugange ist, der den Alarm abstellt. Die Mutter wird später einfach ausgeblendet, denn es gibt härtere Dinge in schöner Landschaft, die noch vor uns liegen.

Je mehr unsere Protagonisten sich als Monster entpuppen, desto genüsslicher haut die Postproduktion einen Love-Song drüber.

Sicher ein auffrischender Film im Kinoprogramm, falls der nebst seinem herausgehobenen Auftritt am Fantasy Filmfest ins reguläre Kinos kommen sollte.

Vorfreude auf Gangster Squad

Im Januar des nächsten Jahres ist es so weit: geballte Männerpower wird auf den großen Screens der ganzen Welt zu bestaunen sein. Und das auch ein bisschen anders als genreähnlichen Persiflagen wie The Expendables. Denn Ruben Fleischers “Gangster Squad” wartet mit einer packenden Story auf.

Wie so oft in Hollywood ist vor allem der Cast in erster Linie für den Buzz vor dem tatsächlichen Erscheinen des Filmes zuständig. Hier darf man gerne kommentarlos auflisten: Josh Brolin. Nick Nolte. Ryan Gosling. Emma Stone. Sean Penn. Im Grunde genommen haben die Macher es damit geschafft, einen Männerfilm zu machen, dem sich auch Frauen nicht verwehren können.

Der erste Trailer umschreibt die grobe Story. Das Setting: die USA in den 40er und 50er Jahren. Die Polizei versucht vergeblich, die Mafia der Ostküste (den „Mob“) von ihrer Westküste, namentlich Los Angeles, fern zu halten. Doch geschmierte Cops und Richter sowie skrupellose Gangster scheinen dieses Unterfangen geradezu unmöglich zu machen. Ein Elite-Polizeiteam spaltet sich ab, um sich unabhängig an die Aufgabe zu machen.

Der New Yorker Mickey Cohen, gespielt von Sean Penn, macht sein Geld in Prostitution, Waffen, Drogen und illegallen Wetten. Er verfügt nicht nur über ein gewieftes Team von Handlangern, sondern steht auch noch unter dem Schutz der geschmierten Politiker und Polizisten. Aber Sgt. John O’Mara (Josh Brolin) und Jerry Wooters (Ryan Gosling) lassen sich nicht einschüchtern: Sie wollen den Gangsterboss drankriegen.

Emma Stone wird natürlich den obligatorische Love Interest darstellen, wahrscheinlich eine, die eine persönliche Fehde zwischen den Cops oder zwischen einem der Cops und Cohen entzündet. Das alles klingt nach einem typischen Hollywood-Bluckbuster, der an The Departed erinnert. Ruben Fleischer, der zuvor Zombieland produzierte, ist eine gewagte Wahl für einen solchen Film, könnte aber auch etwas frischen Wind in das seit L.A. Confidential etwas eingestaubte Retro-Genre bringen.

Der Film wurde erst vor Kurzem von September auf Januar verschoben. Im hier noch ungekürzten Kino-Trailer gibt es eine Szene, in der in einem Kinosaal ins Publikum geschossen wird. Nach dem Amoklauf in Aurora bei The Dark Knight Rises hielt man diese Szene für pietätlos und hat dazu angeraten, Teile des Filmes neu zu drehen. Ob deshalb der Release-Termin erneut verschoben wird, ist noch nicht bekannt.

Mehr zum Film hier, hier der entschärfte Trailer: