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Das Haus auf Korsika

Eine aus der Synopsis des Pressematerials destillierte Kurzzusammenfassung des Filmes könnte lauten: 30jährige Frau, die in einer lustlosen Lebensroutine lebt, erbt ein Haus auf Korsika. Dass dieses Haus ihr Leben verändern wird, das wird die empirische wie die logische Konsequenz sein.

Es gibt jede Menge Filme, die so oder ähnlich anfangen. So überlege ich mir vor dem Screening, was es bräuchte, um so eine an sich nicht gerade umwerfende Story spannend und frisch und aufregend zu machen; es bräuchte wohl exquisite Darsteller, exquisite Ideen, exquisites Studium der Charaktere. Ein Mensch in einer Routine, in einer festgefahrenen Beziehung, ein Ereignis tritt ein und verändert alles. So werden solche Filme in der Kurzangabe gerne auch zusammengefasst und das wäre zumindest solides Drehbuchrezept.

Hier stirbt die Oma von Christine, der Protagonistin. Christine arbeitet in der Pizzeria ihres Schwiegervaters. Irgendwo in Italien. Was tun mit der Urne, das ist die eine Frage. Die andere wirft die Testamentseröffnung auf. Christine erbt nämlich ein Haus auf Korsika, von dem niemand in der Familie etwas wusste. Da die Stimmung zwischen ihr, ihrem Mann und ihrem Schwiegervater nicht sonderlich gut ist, findet sich bald ein Anlass für Christine, mit kleinem Gepäck und Hals über Kopf sich auf den Weg nach Korsika zu machen, nach dem Ort, der lustigseinsollenderweise Mausoleo heisst.

Bis hierher geht Pierre Duculot, der Autor und Regisseur dieses Filmes, direkt auf sein Ziel zu, kurze knappe Szenen skizzieren die Ausgangssituation, den Hals-über-Kopf-Aufbruch aus der Routine, die Ankunft auf Korsika, die ersten Begegnungen, die zusehends auf die Problematik des Erbes aufmerksam machen, die Hindernisse auf dem Weg nach Mausoleo. Die Zeichnung der eher abweisenden oder scherzenden korsischen Männer am Rande der Wildheit. Die ersten Begegnungen in Mausoleo, die Erstbesichtigung des Erbstückes, einer halben Ruine. So weit so gut, so weit so pragmatisch. Bis jetzt dominiert der Eindruck eines Kinos, das den Geist des Zuschauers beschäftigt, oft sind Entscheidungen fällig, eines kommt zum anderen.

Dann aber fängt es sich an zu rächen, dass der Autor, dessen Familienname ein Künstlername sein könnte, Duculot, Culot heißt laut Leos: Bodenkappe, Dreistigkeit, Frechheit, Gehäuse, Gerissenheit, Glühlampensockel, das „du“ meint „vom“, der sich also möglicherweise seiner besonderen Dreistigkeit loben möchte, wird dann allerdings sehr, sehr brav, also wie gesagt, rächt sich jetzt, dass er vielleicht nur dreist sein wollte, wird dann ganz brav, fängt jetzt auf der Alm, fast auf der Alm, oder erst mal in Mausoleo eine Liebesgeschichte mit dem Ziegenhirten an. Weil ihm nichts anderes eingefallen ist?

Denn der Mann von Christine zuhause ist nun nicht gerade ein Temperament- und Intelligenzbolzen. Somit fängt die Geschichte an soapig zu werden. Ich würde das darauf zurückführen, dass der Autor die Konfliktstruktur der Hauptfigur nicht genügend analysiert hat, dass er darauf verzichtet hat, ihr eine brisante Eigenschaft zuzueignen, die die an sich gut und solide geplanten weiteren Szenen in einen zwingenderen Zusammenhang brächten als wie nur hier, wo es einem vorkommt, als wolle er einfach verschiedene Aspekte dieses Abenteuers von Christine noch herausarbeiten; das wirkt erfunden, führt dazu dass die Verhältnisse und Situationen zusehends klischeehaft werden, und damit nicht gerade aufweckend für einen Zuschauer; es fehlt die Resonanz zum Leben, wie es der Zuschauer außerhalb des Kinos kennt.

Die Liebesszenen sind nicht eben aussagekräftig. Was diesem durch und durch ordentlich und solide gebauten Film fehlt, ist schlicht das Besondere. 30 Jahre war die Frau „raisonnable“ gewesen, vernünftig, jetzt behauptet sie, nicht mehr vernünftig zu sein? Eigentlich handelt sie doch ganz vernünftig, zu überlegen, das sind eigens ausgearbeitete Szenen, ob das Haus für 40’000 Euro verkauft werden soll oder ob man den kühnen Reparaturentwurf des Architekten für 90’000 zustimmen soll. Solche Szenen verleihen dem Film momentweise den Touch eines Schulungsfilmes, eines Lehrfilmes für Hausrestauration vor lauter Sachlichkeit, was auch Christine eher als mittelmässig sachlich definiert, also gerade kein besonderes Interesse an ihr weckt.

Ferner muss noch eine Art Leidens- und Versöhnungs-Story mit der Familie ihres Mannes her, das scheint mir reichlich erfunden, als Füllmaterial für die dünne Geschichte auf Korsika zurechtgebogen; aber das passiert exakt dann, wenn ein Charakter nicht gründlich genug studiert wurde und also nicht ergiebig genug ist für eine dynamische sich entwickelnde Geschichte.

Schließlich noch, auch das ein Symptom des Ersatzes für mangelnde Figurbearbeitung, die nervige Streichermusik, wenn Christine auf der Alp den Hirten sucht und durch den Steingarten irrt. Auch die Besetzung mit Christine als einer eher schwerblütigen Frau ist nicht dazu angetan, Interesse mittels Brisanz zu wecken. Weiterer witzig sein wollender Name: Roman Nervoso ein Musiker, der Hard Core Musik macht. Diesem Film fehlt die Kinoradikalität, er bleibt zu brav, zu anständig, zu grundsolide und will mit Namensgebungen originell sein.

Pommes Essen

Wie Thekla Carola Wied als die zupackende Spitzenmechanikerin Besjana Simicics, die noch dazu so herrlich ausländisch-deutsch radebrecht, kurz vor Ende die neue Curry-Sauce probiert und welches Strahlen sich daraufhin auf ihrem Gesicht ausbreitet, so täten die Kinos gut daran, gleich nach der Vorstellung diese auch anzubieten, denn Appetit macht das auf alle Fälle. Tina von Traben ist die Regisseurin und zusammen mit Rüdiger Bertram auch die Autorin dieses Kino-Schmankerls.

So setzt Thekla Carola Wied die schauspielerische Würze in diesem rundum gelungen besetzten deutschen Kinderfilm, der eine universelle Erzählweise versucht und sie auch schafft.

Dabei wäre es einfacher, mit einem klaren Protagonisten zu arbeiten, denn mit einer ganzen Familie. Die Familie im Zentrum, das sind die Freys, reduziert auf Mutter Frey und ihre drei Töchter. Der Opa, der für seine Curry-Sauce berühmt ist, ist schon über zwei Jahre tot. Mutter Frey versucht ihre drei Töchter mit dem Imbisswagen, der schon bessere Zeiten und größere Kundenströme gesehen hat, über Wasser zu halten.

Der andere Sohn des Opas, der Bruder der Mutter, arbeitet als Saucen-Desinger in einer sterilen Burger-Welt; er sucht verzweifelt nach dem Rezept des Großvaters. Das aber hat seine Schwester gepachtet. Darum macht er ihr auch einen unfreundlichen Besuch, der damit endet, dass sie in ihrem Imbisswagen zusammenbricht. Sie muss zur Kur fahren. Damit fangen die Ereignisse prompt an, sich zu überschlagen.

Es geht darum, dass die Töchter Mutters Imbissbetrieb aufrecht erhalten. Gleichzeitig möchte die Älteste, Patty, beim Spitzenkoch des Sternelokals „3 Gänse“ in die Lehre gehen. Gleichzeitig schreibt auch der Fussballverein die Imbisspacht für das Stadion in Duisburg neu aus. Ein Wettbewerb, den die Fans entscheiden, soll den Ausschlag geben. So werden die Töchter Frey ihrem Onkel Walter in einem finalen Countdown gegenüberstehen, dem schon viele dramatische Höhepunkte vorausgegangen sind.

Zuallererst die sorglos genossene Freiheit der drei Mädels mit einem nächtlichen Ausflug ins Schwimmbad, dann das Abfackeln der Imbissbude. Der rettende Engel Simicics. Die Versuche von Walter, dem Bruder der Mutter, an das Rezept zu kommen und um die Imbiss-Pacht im Stadion zu kungeln. Schließlich auch die Entwicklungen in der Sterne-Küche in Düsseldorf. Und die Schule ist hinter den nicht auftauchenden Mädchen her. Die Polizei braucht eine Unterschrift der Mutter wegen dem Brandschaden. Zu allem Unglück und aus Wut verrät Patty, die plötzlich ein Praktikum in Düsseldorf machen kann, das Rezept des Großvaters an den Onkel Walter.

Es wird also am Tag des Wettbewerbes hoch zu und her gehen vor dem Duisburger Stadion. Viele Fans haben sich als Komparsen für den Filmdreh zur Verfügung gestellt und bevölkern die angespannte Lage. Bis sich zeigen wird, dass sich Mut und Durchhalten und auch Träumerei und Eigensinn doch lohnen werden.

So wie sich der Besuch dieses gut durchdachten und gut gespielten und gut in Szene gesetzten Filmes auch lohnen wird. Er unterscheidet sich angenehm von so vielen oft großkotzig und lieblos nur auf Zuschauerzahlen hin kalkulierten Bestseller-Kinderbuch-Verfilmungen aus deutschen Landen.

Kleine Mäkelei zum Schluss, wenn wir schon Sterne-Ansprüche stellen: ein bisschen mehr vom Duisburger Dialekt hätte man schon gerne gehört. Aber das ist nun wirklich das einzige Haar in dieser Suppe, für die als Produzentin Dagmar Niehage verantwortlich ist und die unbedingt auch erwähnt werden muss. Schöner Spruch von Simicics zum Schluss: Menschen müssen machen Fehler, Frage ist, repariert man oder nicht.

Abrir Puertas y Ventanas (Filmfest München)

Türen und Fenster aufmachen, das könnte der Titel dieses Filmes auf Deutsch sein, lasst Luft herein, man könnte aber den Film auch „Hinter Gittern“ taufen, nicht zu verwechseln mit irgend einer Fernsehserie, „hinter dem vergitterten Tor“, das während des ganze Vorspannes, und da werden viele Menschen erwähnt, unbeweglich und verschlossen vor uns zu sehen ist, dass man ganz skeptisch werden möchte, wenn das so weiter geht, da tut sich ja gar nichts auf dem Bild.

Was sich hinter diesen Gittern in den nächsten 98 Minuten abspielen wird, das ist dann doch einiges, denn gleich mit dem ersten Menschen, der hier reingeht, wird auch der Zuschauer reingelassen in eine Anlage, die aus mehr als einem Haus besteht, die sich offenbar gut gegen die Außenwelt abschirmt, und deren eines Haus die Bühne für diesen Film von Milagros Mumenthaler wird.

Hier sind drei wunderschöne junge Frauen, die nichts weiter tun, als in der Villa, wie man das Haus wohl nennen kann, altmodisch eingerichtet, die Neuzeit hat wenig Einzug gehalten, also die drei jungen Frauen tun nichts anderes, als junge Frauen zu sein, schön zu sein, rumzuhängen, meist sind sie leicht und sehr erotisch gekleidet. Sie in ihrem So-Frau-Sein zu betrachten ist ist ein legitimes Kinovergnügen. Es vibriert die Luft.

Aber es sind hier keine Männer. Und es schneien hier auch nicht leicht welche rein. Somit dürfte es kaum jemanden geben zur Erfüllung des offensichtlich einzigen Daseinszweckes diese erwartungsvollen Wesen. Es gibt zwar einen, aber den bezeichnen sie als einen vertrockneten Bücherwurm.

Die Frauen heißen Marina, Sofia und Violet. Ein paar Dinge sind über sie nach und nach in Erfahrung zu bringen, allerdings nicht ganz, was sie in diesem Haus zusammenhält. Offenbar sind die Eltern gestorben und die dominante Oma, die scheint über allem zu regieren, obwohl sie schon zwei Jahre tot ist. Aber sie war sehr bekannt. Noch immer gibt es Anrufe zum Beispiel von Promovierenden, ob sie sie darin unterstützen würde.

Vielleicht ist es die unsichtbare Oma, die einen Auftritt allerdings haben wird, die die jungen Frauen ein Stück weit lähmt. Aber vielleicht ist es etwas anderes. Es ist ja nicht so, dass sie ihren Compound nicht verlassen würden. Sie gehen ins College. Sie gehen einkaufen. Aber irgendwie wird die Erwartung, die sie in ihrem solidarischen So- und Dasein, wie Mumenthaler das wunderbar erotisch präsentiert, nicht erfüllt. Sie werden lediglich älter.

Daraus entsteht die erstaunliche Wendung in diesem Film, die diesen Jugend-Erwartungshauch verwehen wird und auch die Solidarität der Enkelinnen untereinander in Frage stellt. Das fängt mit der misstrauischen Frage an, ob Marina überhaupt eine leibliche Schwester sei, denn man finde nichts in den Akten, die die Eltern in der Garage zurückgelassen haben, und die sie wie ein Geheimnis hütet, wie andere Dinge auch.

Sofia bricht aus der teils verspielten 3-er-Gruppe aus, indem sie sich mit dem Nachbarn Francisco einlässt. Und Violeta verreist sogar, flieht aus dem Gefängnis, das wohl eher ein psychisches Gefängnis durch die Vorfahren ist, ein möbliertes psychisches Gefängnis. Da erst fangen die beiden andren an mit ausräumen, schwere Sofas vors Haus oder in eine anderes Zimmer bugsieren. Sich selbst einzurichten.

Das liest sich hier vielleicht etwas banal. Kommt aber durch die Inszenierung überhaupt nicht banal rüber. Oder die Frage, kann eine – selbst eine verstorbene – Elterngeneration mit ihrer Hinterlassenschaft auf den Nachwuchs dermaßen als Gefängnis wirken? So dass er allenfalls gelähmt in diesem Haus rumhängt, sich nichts zu verändern traut, sei es, dass die Mädchen nachdenklich nebeneinander auf einem Sofa sitzen oder die eine versonnen das altmodische Korsett der Oma anprobiert, eine in der Hängematte schaukelt und träumt oder die eine der anderen liebevoll eine Gesichtsmaske aufsetzt.

Strutter (Filmfest München)

Brett Pierce geht es nicht besonders. Er ist Sänger in einer Rockband in Los Angeles. Und er erfährt, dass ihn die Frau, die ihn inspiriert, verlassen hat, weil sie jetzt mit seinem Rivalen Damon zusammen ist.

Über 8 höchst geschmackvolle Filmkapitel findet Brett mit Hilfe seiner Freundin Reggie und über Ausflüge in wunderbar aride Wüstenlandschaften und Besuch bei seinen Eltern wieder sein Gleichgewicht.

Die Filmemacher Allison Anders und Kurt Voss, die machen das souverän verspielt, sozusagen gerne mal den Focus auf einer kleinen Nebensache richtend, Popcorn, wie es springt und dargereicht wird, während eine Bandprobe läuft. Oder mit dem Vater, da kommen die nicht hin, wies vielleicht beim Deutschen Kino wäre, um das Problem zu besprechen, nein, der Vater, selber Rock-Musiker und mit langem Haar findet, er müsse mal wieder zu seinem Frisiersalon. Aber die Friseuse weigert sich.

Ausklingen lassen kann man die Sache auf einem Rummelplatz am Meer beim Santa Monika Pier im Kapitel „Show-Time“. Oder es gibt einfach ein schönes Bild her, wenn vier Musiker in malerischen, in texanischen Kostümen sich in einer Wüstenei unter einen hoch aufgebockten Wassertank stellen.

Der Film ist in verführerische schönem Schwarz-Weiß gedreht. Und Film im Film gibt es selbstverständlich auch, denn die Freundin von Brett ist Filmemacherin. Und selbstverständlich kommen immer wieder Songs vor, die wirklich gut anzuhören sind. Aber dann auch wieder Gespräche, über Sinn und Zweck einer Muse. Oder Brett geht in den Plattenladen, in dem Damon arbeitet, sucht eher verzagt eine Art Annäherung an den Rivalen.

Verbinden kann auch eine Art arachaischer Ur-Gesang, der „fucking awsome“ werden kann: einer stimmt einen Ton an, einen hohen, hält diesen und die anderen stimmen in versetzten Tonlagen ein, eine intensive nonverbale Kommunikation. Genau so mystisch ist das Glockenspiel beim Vater im Garten, das sich vom Wind anklingen lässt.

Als filmische Instanz oder Verehrungsgrösse oder Markierungsgrösse wird „Cassevetes“ angegeben, der läuft grade im Familienkino. Und vier der Darsteller schauen sich Stummfilmausschnitte mit Jack Pickford an und Brett setzt sich dabei an eine Elektroorgel und improvisiert dazu.

Der Film kommt mir vor wie eine erfahrungsvoll gekonnte und gepflegte Hommage an die Musik, den Film und vor allem: an die Menschen dahinter.

2 Tage in New York

Die kurze, hemdsärmelige Wäsche fürs Grobe alltäglicher Lebensbewältigungsmodelle mit allerlei Themen, die nicht allzu lebensfern sind. July Delpy hat diesen Film geschrieben, hat die Regie geführt und auch noch die Hauptrolle der Marion gespielt, die einer Fotografin, die einen Beziehungsclinch mit Trennung hinter sich und einen Mann, Mingus und ihren eigenen Sohn neben sich hat.

Ganz früh im Film dürfen wir, das wiederum wird den Co-Produktionsverhältnissen geschuldet sein, Daniel Brühl als Protestler auf einem Baum in Central Park von New York erleben, der Mann der nicht wieder runtersteigen wollte, der als Eichenfee bezeichnet wurde und von dem später in den Nachrichten zu hören ist, dass er runtergestiegen sei, dass er aber nicht fliegen könne. Ein Drehtag für einen Deutschen in einer internationalen Koproduktion, als Koproduktions-Quotendeutscher, damit das deutsche Geld nicht ganz so stupid bleibt.

Die Fotografin erhält nun Besuch aus Frankreich, ihr Vater, ihre Schwester und ihr Ex-Freund reisen an und wenn amerikanische und französische Kulturen aufeinander treffen, so kann es sehr lustig zu und her gehen, vor allem wenn die Regisseurin von ihren Schauspielern eine Art Improtheater zu erwarten scheinet. Das erweckt, weil die Laune zum Spiel sehr deutlich wird, zuweilen den Eindruck eines sehr privatistischen Filmes, der auch dank der Kamera, die sich dokumentarisch gibt, die also tut, als kenne sie das Drehbuch nicht, vielleicht kennen es ja die Schauspieler auch nicht genau und werden einfach in die Szenen geworfen, was der Lebendigkeit keinesfalls Abbruch tut.

An Humor und guter Laune wird nicht gespart. Papa, der Franzose, bleibt schon an der Zollkontrolle stecken, denn er wollte kiloweise französische Wurstwaren in die USA einschmuggeln, bis in die Unterhosen hinein hat er sie verstaut, was beim späteren Verzehr ein leichtes Problem mit der Appetitlichkeit zeitigen könnte.

Ein Film, wie die kleine Wäsche zwischendurch, sich mit dem Gröbsten beschäftigen. Dann ist der störende Ex-Freund mitgekommen, der sich unmöglich benimmt, oder das Töchterchen von Mingus, sieben, das mitten in New York Gras verkaufen will, während der Vater das als Kunstaktion verstanden wissen will, wie hier sowieso vieles als Theater, als Kunst verkauft wird.

Oder man spielt selbiges vor. Ein Film aus heutiger Lebens- Liebes- Erziehungs- und Umweltpraxis. Marion zum Beispiel lügt einer Nachbarin im Lift vor, sie habe einen Tumor, ja, Themen, wie sie das Leben hjer anspült; ein französisiertes Amerikanisch zu hören ist, veri fönni.

Marion erfindet nun spontan, Aufgabenstellung wie im Improtheater, wie kann sie eine sich aufregende Nachbarin los werden, eine, die sich über Gestank und vor allem über Rauch von Shit im Lift aufregt. Der Akteurin fällt im Moment nur besagter Gehirntumor ein, nichtsahnend, dass der Gatte der Dame, die sich beschwert, Arzt ist und kurz darauf in unserer Protagonistenwohnung auftaucht, sich dann aber zum Glück doch mehr für das was unter dem ungemein kurzen Rock der Schwester von Marion zu sehen ist, interessiert als für Röntgen-Bilder und Tumoriges. Abgesehen davon, dass auf den Bildern nicht die Spur eines Gehirntumores zu erkennen ist.

Die äußere Handlung hat eine Foto-Ausstellung von Marion zum Ziel. Bis dahin ist ihr Exgatte wieder nach Frankreich zurückgeschickt worden. Gespräche über die Mikropisse des kleinen Buben, dessen eines Teil, wie die Damen finden, sehr, sehr klein geraten sei. Lustig, lustig. Papa, wenn Du beim Yoga mitmachst, darfst Du nicht furzen. Könnte auch beim Improtheater entstanden sein. Aber hier gibt ja auch keiner vor, große Kunst machen zu wollen, hier soll es lebendig zu und her gehen, hier soll frisch und fröhlich von einem kleinen französisch-amerikanischen Culture-Clash (und nebenbei auch von einem Generationen-Clash) berichtet werden. Und es darf über Kunst philosophiert werden. Das wäre die Message des Filmes von Marion oder von July Delpy, sich die Zeit bis zum Tod wenigstens in Momenten mit beautiful People angenehm zu gestalten. Oder als Kunstaktion, sicher auch als PR-Aktion, will Marion auf der Vernissage ihre Seele verkaufen. Es findet sich auch ein anonymer Käufer

Opa zerkratzt protzige Autos und war wie die Eltern von Mingus, man trifft sich auf der Vernissage, in den 60ern politisch aktiv, die Eltern von Mingus in der Bürgerrechtsbewegung. Gesinnungsgenossen, das verbindet und macht Sinn. Mingus ist übrigens ein Radiomoderator und Redakteur, führt fingierte Interviews mit einem Papp-Obama. Da Marion auf der Vernissage aber gefrustet ist, dass nur ihre Seele und sonst kein Bild verkauft wurde, fetzt sie sich noch mit einem Kritiker, der süffisant anmerkt, das Thema ihrer Bilder gefalle ihm, aber die Umsetzung nicht.

Vincent Gallo heißt der Künstler, der ihre Seele gekauft hat und sie nun nicht mehr zurückgeben will. Aber auch dieses Thema kann man bei der Wäsche zwischendurch nicht weiter vertiefen. Genau so wenig wie das des Verhältnisses von Kunst und Ökonomie. Die Fotos von Marion sind wirklich nichts Besonderes, sie haben was Spontanes, zeigen gerne Menschen oder zwei Menschen Und zu guter Letzt muss auch noch der Reimwitz von Mingus auf Cunnilingus gemacht werden.

Ein frisch-frech-fröhlich-freies Kino, was uns July Delpy hier appetitanregend serviert.

Holidays by the Sea

Eine dezidierte Hommage und eine Reflektion des Zeichners Pascal Rabaté zu Jacques Tatis „Les vacances de Monsieur Hulot“.

Wenn man sich vor dem Screening versucht, den Tati in Erinnerung zu rufen, so fällt auf den ersten Blick auf, dass Rabaté tatsächlich statischer inszeniert, nicht ganz so filmgeschmeidig wie Tati, aber bald schon versteht Rabaté es, einen für dieses kleine zeichnerisch-filmische Werk zu vereinnahmen.

Die Behauptung, dass alle finster schauen müssen, damit es komisch sei, dieser Eindruck trügt. Dieser scheinbar oberflächliche Billig-Effekt ist nicht das, was Rabaté interessiert, das wird man bald feststellen.

Die Grundstruktur des Tati-Filmes ist hier in eine groteske Rahmenhandlung eingebettet, der Auftritt einer Märchen-Pop-Gruppe in einem Schulauditorium vor lauter Kleinkindern, die nicht eine Miene verziehen. Und am Schluss sind lauter Alte im Saal, die verstehen, die tanzen sogar zu der Musik, die Frage suggerierend, wer will und kann Tati heute noch verstehen? Tatis Filme werden auf jeden Fall immer wieder gezeigt.

Aber die Zeiten ändern sich. Heute gibt es keinen Tati mehr, keinen leibhaftigen, der selber im Film auftreten könnte, mit seiner grandiosen Haltung aus zu langen Beinen und einer offensiven Freundlichkeit gegen jedermann. Heute muss eine Hommage an Tati ohne Tati auskommen. Wir sind in einer tatilosen Zeit. Dass das auch geht, das beweist Rabaté.

In der Haupthandlung behält er die Grundstruktur der „Ferien des Monsieur Hulot“ bei, die Leute kommen an, die Ortschaft ist verblüffend ähnlich, wenn nicht die exakt gleiche, allerdings mit großem Teerparkplatz modernisiert, die Leute erleben ihre Urlaubsverwicklungen und reisen nach weniger als 77 angenehm kurzen Kinominuten wieder ab. Das ist klug gemacht, den Tati nicht toppen zu wollen, ihm lediglich die Referenz erweisen zu wollen, aus einer sich bescheidenden, distanzierten aber nichtsdestoweniger verehrenden Sicht und Haltung heraus. Dann aber reicht es dem Filmemacher, alle reisen ab, die Läden werden verriegelt, an den Hauswänden prangen Schilder „à vendre“ zu verkaufen oder die Restbuchstaben einer abblätternden Inschrift ergeben gerade noch den Schriftzug „Ca M suffit“, das genügt mir, es reicht. Mehr geht nicht. Näher ist an Tati nicht ran zu kommen. Auch das ein Hinweis auf gesundes Urteilsvermögen dem eigenen Werk gegenüber und wohltuend für den Film.

Es ist die Suche eines jedem nach seinem kleinen Glück, die der Suche der anderen nach ihrem kleinen Glück ständig in die Quere kommt und so unendlich viele Komplikationen verursacht, bis ein böser Sturm die kleinen Idyllen auf den Kopf stellt.

Kleines Glück ist für das Tramperpaar mit den zwei Hunden, am Strand zu liegen und Liebeserklärungen in den Sand zu schreiben, die die nächste Flut wieder wegfegen wird oder für das ältere Paar, das ein Häuschen gemietet hat, gerade so groß, dass zwei Menschen drin liegen können, beim Scrabble Liebeserklärungen zu schreiben und wenn der Sturm alles durcheinander gefegt hat, findet der Gatte ein Jugendbild seiner Frau und verliebt sich erneut. Ein Todesfall ist eine weitere Storyline, die Asche aus der Kremationshalle weht es zu den Campern und directemeng in den Kaffe eines älteren Herren, der nicht recht weiß, wieso der Kaffee jetzt, hm, so eigenartig schmeckt.

Ein Masochist in Lederkluft bestellt eine Domina ins Hotel, die fesselt ihn unfein ans eiserne Bettgestell, nimmt seine Klamotten mit, legt sie auf den öffentlichen Mülleimer und haut ab. Oder ein Papierflugdrachen, der davonfliegt, kann ein Liebe übers Kreuz bei zwei Paaren auf wunderbar verrückte Weise in Gang setzen. Glück für die Jungen, die sind das Tramperpaar und die beiden Jungs aus dem ärmlichen Supermarkt mit zwei Campermädels, ist das ganz konservative Lagerfeuer mit einem Stück Fleisch am Spieß. Im Supermarkt gibt es übrigens ein, ein einziges, Bavaria Bier.

Ferner kommen vor: ein Nudistencamp, ein Golfplatz (wehe dem Kaninchen, das im falschen Moment aus einem Golfloch schlüpft!), eine stramme Familie, mit einem Familienzelt, was den Grundriss einer romanischen Kirche hat mit Apsis und allem Drumunddran.

Zentrale Location ist wie bei Tati, das Hotel vor Ort, es ist das „Grand Hotel de l’Océan“; einmal essen auch viele der Protatonisten hier, die einzigen, die wirklich dick Meeresfrüchte und dergleichen auftragen lassen, das sind die beiden Diebe, die in ihrem Golfgefährt die Gegend unsicher machen.

Ich würde mir nach diesem Film nicht anmassen zu sagen, ich hätte den Tati besser verstanden als der Zeichner Rabaté. Vielleicht ist der Film geeignet, sich erneut mit Tati auseinanderzusetzen, zu fragen, ob das, was Rabaté sieht, wirklich das zentrale Interesse auch von Tati war, diese kleinen privaten Glücke, die wie ein Drache im Wind fliegen, die von Umständen abhängen oder getroffen werden, von einem Tennisball und verheerende Wirkungen haben, oder der Trauergast mit dem Schluckauf, der so ein kleiner, unpassend heller Ton war.

Der Film kommt praktisch ohne gesprochenen Text aus, selbst wenn mal Fernsehen oder Radio zu hören ist, so scheint es ein Fantasiefranzösisch zu sein mit nur einzeln verständlichen Worten und sonst einfach musikalisch französisierendem Wortsalat.

Die Deutschen kommen auch vor, in Form des Blockhauses, das jedem Sturm standhält, Hort der Stabilität, hoffen wir, das Bild gilt auch für den Euro, bevor seine Krise die Millionen europäischer Familienidyllen durcheinanderwirbelt!

Sleep Tight – Mentras duermes

Was willst du in die Ferne schweifen, denn das Böse liegt so nah, könnte man in Abwandlung eines geflügelten Wortes über das übersehene Glück hier über das Perfide, was unbekannterweise unterm eigenen Bett liegt, sagen.

Es ist César, gespielt von Luis Tosar, der intellektuellenköpfigen Pförtner eines vornehmen spanischen Wohn- und Geschäftshauses. Im Bett liegt Clara, gespielt von Marta Etura. Sie lebt allein, ist aber immer strahlend und ihr ist die gute Laune nie zu nehmen.

César ist auch allein, hat eine pflegebedürftige Mutter, die kein Wort mehr sagen kann, sie ist sein Beichtobjekt, und er ist todunglücklich, weil es in seinem Leben nicht klappt, weil das Glück in seinem Leben nicht klappt. Er ist sozusagen unglücklich verliebt in Clara. Sie sieht in ihm aber nur den Pförtner, der er ja auch ist.

So startet denn die Perfidie in ihm durch, die insofern perfide ist, als eben keiner davon weiss. So textet er sie mit sms zu, schreibt ihr seitenlange Briefe, anonym und fragt dann scheinheilig nach den Briefen. Nachts schleicht er sich, soviel darf hier sicher verraten werden, unter ihr Bett, denn als Pförtner hat er die Schlüssel zu den Wohnungen, und wenn er sicher ist, dass sie schläft, dann betäubt er sie. Sie weiß von all dem nichts, das ist wie gesagt die Perfidie. So perfide, wie der Neonazi-Terror, der im letzten Jahr in Deutschland aufgeflogen ist, und den keiner vermutet hat.

So viel zum Thema, was durchaus ein Thema ist, oft liegt die Perfidie nahe und man vermutet sie nicht einmal, siehe Mobbing, siehe Denunziationen der heimtückischsten Art. Aber Jaume Balaguéro, der Regisseur, von dem mir der Horro-Streifen „Rec“ noch in bester Erinnerung ist und Alberto Marini, der Drehbuchautor, tendieren in eine andere Richtung. Als Referenz dafür darf eine Szene erwähnt werden, in der zufälligerweise ein Buch mit „Ingmar Bergman Oeuvres“ gut erkennbar da liegt, also vom Meister des Psycho-Clinches von Paaren. Aber davon distanzieren sich Marini/Balaguér durch die Machart dieses Filmes, der im Original übrigens heißt „Mentras duermes“, was wenn mein Spanisch mich nicht im Stich lässt, heißt, während Du schläfst; der Psychoclinch läuft höchstens innerhalb von César ab, wie er immer noch perfidere Aktionen ersinnt, um endlich das Lachen aus dem Gesicht der ewig fröhlichen Klara zum Erlöschen zu bringen.

Eine reine Mechanik des Bösen, die sich verselbständigt und der wir hier zuschauen dürfen, denn eine Paarauseinandersetzung findet nicht statt, da die eine Hälfte der Beziehung gar nichts weiß davon, insofern ist der Hinweis auf Bergman leicht daneben, falls er denn programmatisch sein soll und nicht nur zur Charakterisierung von Clara dient, was aber auch nicht recht plausibel wäre, sie hat ja keine Probleme, gibt sie mindestens vor, denn sie scheint immer zufrieden und glücklich. Und wie sie eines Tages sogar einen Freund hat, einen geradlinigen männlichen Mann, da wird es allerdings eng für César.

Die Entwicklung im Film geht ab da schnurstracks auf Crime und Horror zu, fern jeglicher Psychologie. Die Vorstellung der Figur, die ist noch psychologisch passiert oder kann so gesehen werden, über einen Schreckenstraum wird uns erklärt, was für ein unglücklicher Mensch César doch ist.

Erzählweise und Konstruktion der Story sind kühl gerechnet und mit Spaß inszeniert, auch das wenige Personal um die beiden Protagonisten herum, der misstrauische Hausbesitzer, der César loswerden will, nicht wegen Perfidie, das ist die Ironie der Sache, sondern wegen Unzuverlässigkeit, die alleinstehende Frau mit den zwei Hunden, der er später ihre ganze Einsamkeit brutal auf den Kopf zu sagen wird (das könnte ein Hau Bergman sein; seelische Vivisektion), das halbwüchsige Mädchen, was sehr vieles beobachtet, die ausländische Putzfrau mit ihrem helfenden Sohn, welche César denunziert, seine Mutter, die am Sauerstoffgerät hängt, die unaufdringlichen Kriminaler.

Zum Abschluss legt Balaguéro den Song „Keep me in mind“ drüber was zweischneidig das Ende offen lässt.

Sons of Norway

Nikolaj Frobenius hat das Drehbuch zu diesem Popkulturfilm nach seinem eigenen autobiographischen Roman „Theory and Practice“ geschrieben; die Regie hat Jens Lien geführt. Dieser hat gemäss dem Stoff, der die Erinnerung an eine Jugend aus den 70ern in Norwegen ist, Hippie-Vater Magnus gegen den frühpubertären Sohn Nikolaj, Hippie-Kultur gegen Punk-Kultur, popkulturmässig massiv mit Musik aufgedonnert und die Kamerakeule geschwungen als ginge es darum ein einziges großes Poster, popkulturpostulativ wohl eher als popkulturkritsch, zu malen.

Nicht die Geschichte ist interessant, die Situationen sind es. Die werden einigermaßen chronologisch aneinandergereiht, aber das Gemälde ist wichtiger als die Geschichte.

Die norwegische Nationalhymne wird bei einer Schulveranstaltung genauso knallig eingespielt wie Mahler zum ersten Kuss in einer Garage (während draußen die Spießer die unordentlichen Punks mit Paradefähnchen verhauen) oder die Sex Pistols werden schonungslos aufgedreht.

Vater ist ein echt durchgeknallter Hippie und Architekt zugleich, den Weihnachtbaum schmückt er mit Bananen, denn wir sind doch alle Affen und entwerfen tut er Kästchensiedlungen. Er ist protohippietypisch vollbärtig, bebrillt, beschnauzt, und wenn er seine Frau ordentlich rannimmt im Schlafzimmer und die Kinder kommen rein, so setzt er sich nackt auf und reflektiert, ob die Kinder zuschauen sollen oder nicht.

Er will den zwölfjährigen Sohn Nikolaj ins Nudistencamp einführen. Dort läuft der als einziger mit Badehose rum. Er schenkt dem Buben eine Gitarre zu Weihnachten. Darum wird er bei einer Punkband mitspielen und dort lernt auch den Koksgenuss und steckt sich eine Sicherheitsnadel in die Wange. Wie der Drummer der Band vor lauter Drogen umkippt, übernimmt kurzerhand der Hippie-Vater die Position in der Punk-Band.

Der Vater hat die Protestideologie beibehalten und meint, wenn die Jugend nicht mehr protestiert, dann steht die Welt still (sich selbst dabei wohl mit der Jugend verwechselnd).

Bei der Schulfeier zum Nationalfeiertag wirft einer aus seiner Familie dem Rektor eine Flasche an den Kopf. Darauf folgt die Verfolgungsjagd und der Kuss hinter der Garagentür. Die Mutter verunfallt mit dem Fahrrad. Es sieht schlecht aus für sie. Der Arzt hat keine Hoffnung mehr. In einer längeren Szene im Beisein der Familie wird der Sauerstoff abgestellt.

Gegen Ende des Filmes trifft bei Magnus ein Schreiben der Behörden ein, dass die Ermittlungen zum Tod seiner Frau eingestellt worden sind. Deshalb hat Magnus für sich und Nikolaj einen Kuchen besorgt, den Lieblingskuchen seiner verstorbenen Frau und die beiden mampfen ihn und die Geräuschemacher haben dazu in die Horrorkiste gegriffen, wie Schlick und Schlabber für den Mutterkuchen.

Zwischendrin hat Magnus das Konzept der modernen Trabantenstadt erklärt mit dem Trichter für die Konsumenten. Punk wird definiert als der Mut, Scheiße zu sein. Es wird über die Bestie in der Hauskatze reflektiert. Und auch Nikolaj probt den Unfall indem er ungebremst mit dem Dreiradmofa des Vaters in die Eingangstür der Schule rast und somit im Spital landet. Punk behauptet, anything is possible. Das versuchen wohl auch die Filmemacher mit diesem Film umzusetzen. Subtilität ist bei so einem aufrührerischen Gemälde eher nicht gefragt.

Heftig Popfdeftiges aus Norwegen.

Töte mich

Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ob man vielleicht am besten einen Psychologen oder Psychiater oder gar einen Forensiker beiziehen sollte, um diesen Film, ein Hirn- , Wunsch-, Traum- oder Fantasieprodukt von Emily Atef, ihr hat beim Schreiben Esther Bernstorff geholfen, zu entschlüsseln.

Ob sie sich an einem Traumbild von Mann, der schier ein Tier ist (bärtig und fett und immer keuchend und schnaufend: Roland Wiesnekker als Timo), abarbeiten oder an einem bemitleidenswerten Bild von junger, leicht lispelnder Frau, blond, die als Kuhhirtin arbeitet und vom Felsen springen möchte, aufgeilen und ergötzen möchte. Ob es ein Aufschrei gegen menschliche Kälte und Abstraktheit sein soll, die hier geradezu militaristisch exerziert werden: ganz knappe, kürzest gesprochene Sätze (vor allem von der Kuhhirtin).

Zu fragen, was Frau Atef daran so fasziniert, eine Kuhhirtin, die makelloses Hochdeutsch spricht, wie ihre ganze Sennerfamilie, und die noch dazu ständig Selbstmord begehen möchte, vielleicht wegen des tödlichen Unfalles ihres Bruders, das wird später angedeutet, um diese Frau mit einem entlaufenen Vatermörder zusammenzubringen, und als Regisseurin darauf zu dringen, dass wenn die beiden 50 Centimeter oder näher beieinander sind, dass sie dann ganz furchtbar ins Schnaufen kommen.

Dann die beiden auf ein Roadmovie von einer nicht näher definierten Alpe in Deutschland nach Marseille zu schicken, immer unter der Prämisse, dass er sie töten soll, sobald die Flucht vor seinen Häschern erfolgreich verlaufen sei, das sei aber erst im Marseille möglich, wo er einen Bruder habe, der keine richtiger Bruder sei und der ihm Geld für eine Schiffspassage geben könne.

Logisch, dass die Tötung von Adele nicht zustande kommen kann, dass die beiden verlorenen, beziehungslosen Seelen einander finden werden, nach etwa einer Dreiviertelstunde nennt sie ihn aus heiterem Himmel beim Vornamen und nochmal zehn Minuten später er sie auch – oder umgekehrt. Sie harren eine Weile in einer herrlichen Felsen-Steppenlandschaft in der Nähe von Marseille mit Blick aufs Mittelmeer aus, haben ein Höhlenerlebnis vor erlesener Abendstimmung; sie soll beim „Bruder“, der von Zivilpolizisten bewacht wird, das Geld holen und wenn sie, das wird fast wie in einem Kinderkrimi exakt und deutlich inszeniert, wenn sie bis dreizehn Uhr nicht zurück sei… sie kommt zu spät, findet Simon nicht, hat einen kathartischen Weinanfall vor Meereshintergrund – er kommt dann doch zurück für das schöne Schlussbild am Hafen, denn auch ein Depro-Film muss ein hoffnungsvolles Ende haben. Was ist hoffnungsvoller, als zu zweit eine Schifffahrt vor sich zu haben?

Sie schaut anfangs immer sehr bedröppelt und schuldbewusst.
Über das Töten: Du musst es jetzt machen.
Wir machen es hier.
Was machst Du?
So will ich es nicht.
Wir müssen einen Abhang finden. Willst Dus oder willst dus nicht
(viel Hyperventilieren dabei).

Wenn wir in Frankreich sind, dann finden sie mich nicht so leicht, wenn wir da sind, mach ich es (Anschein von Beckettscher Knappheit und Abstraktion, aber eben nicht auf der Bühne, sondern in Rousseau-idyllischem Wald oder Fels oder Wiese; und die Figuren stellen doch, das macht es so sonderbar, so merkwürdig, die Behauptung einer individuellen Geschichte auf).

Warum willst Du das?
Es wird besser sein.
Besser als was?
Besser als hier.
Da ist nichts.
Woher willst Du das wissen?

Was ist mehr depro: „Tannöd“ oder „Töte Mich“?

Kopfiges Konstrukt, die Figuren werden nicht als Figuren eingeführt mit Konflikten; gut, sie will sich ständig um- und er sich vor der Polizei in Sicherheit bringen; das sind vielleicht Needs, aber keine Konflikte. Die Figuren werden nur über diese Needs definiert, nicht über brisante Eigenschaften, außer dem Hyperventilieren, nicht über Charaktere, nicht über einen Grundkonflikt, nicht über die Liebessehnsucht
(Er hat dann zwar einen Fick mit einer Frau, die die beiden aufnimmt, in Frankreich).

Begegnung mit den Wanderern:
Wo wollen Sie denn hin?
Sie haben sich verlaufen?
Wer sind denn die Zwei?
Sie haben sich verlaufen.
Wo müssen sie denn hin?
Der eine hat mich erkannt.

Es folgt Polizeisuche im Wald, Helikopter, Scheinwerfer, Umzingelung, vorgespielte Geiselnahme und weitere Flucht.

Ein Spiel ohne Konditionen, ohne Rahmen.
Nach ¾ Stunden nennt sie ihn Simon, nachher Timon.
Und dann wird sie plötzlich besorgt um ihn, Willst Du was trinken?

Irgendwie müssen sie jetzt durch einen Time-Channel gehupft sein, finden sich unvermittelt in einer Wiesenlandschaft.
Immer in der Natur draußen. Naturfilm mit Vögelein und Männlein und Weiblein und haben sich so lieb und können es sich nicht sagen und wissen es vielleicht gar nicht.

Und schwupp sind sie in Marseille.

Timon, ich möchte mitkommen aufs Boot, ich möchte mit.
(er brüllt) Lass mich in Ruhe. Verstehst Du das geht nicht. Ich mach das nicht, ich bin doch nicht verrückt. Wahrscheinlich komm ich hier sowieso nie weg. Und ich kann dich auch nicht hier runterstossen. Das schaff ich nicht.
(weicher Kern ist angestochen).

Die Sprache ist schon beinahe Poesie, aber dann sollte sie als reine Sprache bleiben, oder bewusst kunstvoll-künstlich inszeniert werden, dann käme der bukolische Traum von Emily Atef als solcher intendiert zur Geltung – vielleicht treibt der sprachrealistisch-emotionale Inszenierungsstil die gute Absicht oder den fast dichterischen Gedanken hier an den Rand der Lächerlichkeit.

Wie abstrakt zum Beispiel die Begegnung mit der Frau in einem einsamen Haus ist, vor dem Adele steht, wie sie sie begrüsst wie eine alte Bekannte und gleich an den Schultern nimmt, ins Haus führt, sie solle mit ihrer Mutter telefonieren; eine solche Realismus-Verweigerung sollte immerhin plausibel machen, was sie denn erzählen will; dass Leute unlogisch reagieren? Oder dass die halt das Drehbuch kennen?

Woody Allen

Dass diese Dokumentation über Woody Allen vollkommen überraschungsfrei bleibt, ist vielleicht weniger auf die seriös-chronologische Fotoalbum-Filmausschnitt-Interview-Machart des Filmes durch Robert B. Weide zurückzuführen, das dürfte vielmehr am Objekt seines Interesses liegen, dass nämlich Woody Allen ein durch und durch integrer Mensch, Filmmemacher, Musiker ist, dem jegliches Karrieredenken fremd scheint, der andererseits aber auch den ganzen PR- und Interview- und Rote-Teppich-Zirkus widerstandslos-gutmütig mitmacht und über sich ergehen lässt und der durch sein kontinuierliches Arbeiten mit 70 seinen größten Erfolg, ein rundum gelungenes Meisterwerk ablieferte, nämlich „Midnight in Paris“.

Er hat zwar immer davon geträumt, einen solchen oder womöglich größeren Erfolg zu haben, aber er hat seine Kunst nie dahin kalkuliert. Das macht seine Filme so persönlich, so liebenswert, so bedenkenswert. Dass er diesen persönlichen Stil entwickeln konnte, hat auch mit Glück zu tun. Dass er sehr jung schon als Gag-Autor in die schreibende Zunft hineingeraten ist und als er noch keine zwanzig Jahre alt war, damit bereits mehr als seine Eltern verdient hat. Dass er dann von Produzenten fast auf die Bühne, in die Show gezwungen werden musste.

Er hat seine Kunst nie gegen harte Widerstände durchsetzen müssen. Er erweckt nicht den Eindruck eines Kämpfers. Insofern ein Karriere, die keine drehbuchspannenden Konflikte abgeben kann. Weil sein Geist die Dinge betrachtete und das beschrieb, was juckte, kamen Produzenten auf die Idee, ihn um ein Drehbuch zu bitten. Wie er allerdings gesehen hat, dass die das alles nach schlechtem Gusto und vermutlich Markterwartungen verändern, so war für ihn klar, entweder hat er den Zugriff auf alles oder er lässt es bleiben. Da es Produzenten gab, die das erkannt hatten, so konnte er sich zu dem Autorenfilmer entwickeln, als den wir ihn kennen.

Merkwürdig ist allerdings, dass er zwar sieht, dass er alles erreicht hat, wovon er je zu träumen wagte, Filme und Musik machen, schreiben, dass er aber andererseits der Meinung ist, er habe alles vermasselt, auch dass er sich als Clown, als unter dem Fluch des Clowns stehend sieht, verwundert doch etwas – oder eigentlich gar nicht so. Das mit dem Vermasseln erinnert an eine Äusserung von Hannes Wader in der Dokumentation „Wader/Wecker/Vaterland“, der auch meinte, ihm sei nichts so richtig gelungen.

Der Anfang des Filmes lässt ganz kurz eine Weichenstellung erscheinen, die möglicherweise den Film auf eine hochspannende Schiene hätte hieven können. Man sieht Woody Allen in einem Hotelzimmer. Es ist früh morgens. Er schreibt. Er gibt einen kurzen Einblick in seine geistige Werkstatt. Das wäre vielleicht ein Einstieg ins Thema, dem Schreibprozess einen solchen Allround-Künstlers auf die Spur zu kommen. Aber dazu hätte es vermutlich hartnäckigerer Nachfrage bedurft und ganz anderer Fragestellungen als der Autor dieses Filmes im Sinne hatte.

In diesem Film kommen zu Wort: Woody Allen, Letty Aronson, Marshall Brickman, Josh Brolin, Dick Cavett, Penélope ruz, John Cusack, Larry David, Mariel Hemingway, Chalres H. Joffe, ‚Scarlett Johansson, Julie Kavner, Diane Keaton, Nettie Konigsberg, Martin Landau, Louise Lasser, Robert E. Lauder, Eric Lax, Leonard Maltin, Doug McGrath, Sean Penn, Tony Robert, Chris Rock, Jack Rollings, Richard Schickel, Martin Scorsese, Mira Sorvino, Stephen Tenenbaum, Naomi Watts, Fred Weintraub, Dianne Wiest, Gordon Wilis, Owen Wilson.

Es gibt Ausschnitte aus vielen Woody-Allen-Filmen.

Schade, dass Robert B. Weide es bei dieser Doku-Methode belassen hat. Vielleicht hätte man auch dezidierter der Frage nachgehen können, was macht einen Filmintellektuellen aus. Oder vielleicht wäre es spannend gewesen, Leute zu hören, die Einwände gegen Woody Allen haben; Kritiker. Ob er in einem Spannungsfeld im Filmmarkt steht. Oder ein eindringlicherer Blick auf die Entwicklung in seinen Filmen, von den stadtneurotischen Figuren, als er von sich selber ausgegangen ist über die Filme, die er von Frauenpositionen aus geschrieben hat, bis zum Nachholen bildungsbürgerlicher Positionen und bildungsbürgerlichen Wissens in „Midnight in Paris“ oder die Beschäftigung mit dem italienischen Kino in seinem neuesten Film „To Rome with Love“, denn er hat ja Filmschulen, Universitäten kaum von innen gesehen. Schule war ein Horror für ihn. Das kommt in krass überzeichneten Lehrer- und Lehrerinnenfiguren in einigen Filmausschnitten deutlich zum Ausdruck.

Fragen gäbe es sicher noch einige an Woody Allen. Woher diese fast beamtenmässige Arbeitsauffassung kommt, dass er eine Szene womöglich mit einem Take im Kasten haben will, damit er am Abend bald nach Hause gehen kann und dort lieber Sport schaut, als zu drehen. Sind da keine Widersprüche? Wofür macht er überhaupt noch Filme? Sicher werden einem da einige entgegenhalten, „Midnight in Paris“ sei doch Begründung genug. Mag sein. Aber noch ist nicht klar, was seine hervorragendste Eigenschaft im Filmbusiness ist.

Im Moment und auch nach diesem Film scheint er einer der grandiosesten Schauspielerführer zu sein, gerade weil er die Leute machen lässt und nicht unter Perfektionszwang setzt. Das wäre auch ein Kapitel, was man zum Beispiel thematisch gründlicher hätte untersuchen können, vielleicht in Kontext zu anderen Regisseuren setzen. Diese Reportage oder Doku ist scheint mir geeigneter dafür zu sein, am Abend zuhause am Fernsehen gesehen zu werden als im Kino.