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Rubbeldiekatz

Vor mir liegen sehe ich eine schrill aufgebretzelte, stylish-großmäulige Mumie von Charleys Tante. Nicht dass mich jetzt einer falsch versteht. Die Schauspieler hängen sich rein in ihre Rollen, sie verbrauchen Energie und sprechen Texte, oft auch ganz gezielt auf Pointe. Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle gibt, was er kann, um die Travestie-Rolle zu bedienen (es handelt sich um eine Travestie-Geschichte, die nicht näher erläutert werden braucht, es wird aber ausdrücklich auf Charleys Tante referiert, indem Schweighöfer in eben jenem Stück die Tante spielt und also die Utensilien zur äußerlichen Geschlechtstransformierung greifbar hat und sich so bei einem Casting für einen Film im Loop der Hitlerfilmklamotten als Darstellerin melden kann und auch die Rolle noch kriegt, was dann zu Komplikationen mit seiner Partnerin führt, die er nachts zuvor noch als Mann gevögelt hat, so weit so simpel und das wars dann sowieso schon).

Schweighöfer lässt sich also zu einer wundervollen Frau schminken und herrichten, die seiner männlichen Liebheit in Nichts nachsteht und er stöckelt durch den Film und versucht ein angeregtes Gesicht, obwohl die Story so gar nicht anregend ist, dass sie schnell ermüdet; ich vermute, das hängt damit zusammen, dass gar nicht erst versucht worden ist, den Rollen Tiefe und damit Futter zu geben, sondern dass der billige Plot dazu herhalten sollte, um jede Menge Travestie-Jokes aneinander zu reihen, einer abgegriffener als der andere.

Das hätte vielleicht funktioniert, wenn Schweighöfer wirklich den Transvestiten in sich gesucht und zugelassen hätte, die Frau in sich, dieses Flirrende, Schwirrende, Vibrierende, was den ganzen Mann, der so gerne eine Frau sein möchte, aufregt, aufregend macht und ständig auf Draht hält; dem könnte man dann stundenlang zu schauen, wenn diese existenzielle Seite aufgespürt worden wäre.

Davon ist bei Schweighöfer so gar nichts zu spüren, er spielt es als eine Rolle, offenbar ohne jedes Bewusstsein für die Transvestiten-Problematik und einzig darum bemüht, die vom kruden Plot vorgegebenen Komplikationen darzustellen.

Der Film kommt mir heillos stehen geblieben vor, vielleicht irgendwo in den 70er Jahren, von der Art des Kinos her, das vorgibt, großes Unterhaltungskino sein zu wollen, schrill-plakatives Unterhaltungskino.
Für mich ist der am deutlichsten dechiffrierbare Untertext der, hey, wir machen hier was Lustiges, wir machen hier so richtig einen drauf.

Wir wollen Möpse sehen. Make me feel like you. Alex, ich brauch einen Mann, der einen Plan hat. Sag jetzt nicht, dass Du Dich verknallt hast. Dank an unser Konto. Projekte für 50 Millionen und ihr schafft es nicht, echte Titten von falschen zu unterscheiden.

Zäh zusammenfließender Schluss.

Buch: Detlev Buck, Anika Decker.
Regie: Detlev Buck.

Gasland [DVD-Start und Verlosung]

Ein ziemlicher Horror, dieser Dokumentarfilm. Nicht wegen Special Effects und Gespenstern. Resp. im Grunde genommen genau wegen Special Effects und Gespenstern. Nur sind wir hier nicht auf dem Rummelplatz, damit uns schauderlich wird, noch sind wir in irgend einem Hinterhofkino, das „schmutzige“ Genrefilme zeigt, noch sind wir hier im Möchte-Gerne-Genre-Kino von „Hell“, nein, wir sind hier höchstoffiziell in der Dokumentarabteilung gelandet und im Amerika von heute, in der Abteilung „real life“.

Für die Special Effects sorgt die Firma Halliburton und Co., und die Gespenster, das sind Figuren wie Dick Cheney (auf dem Segway) und Konsorten. Es sind jene skrupellosen Geschäftsmänner, die wegen der Gasexploration ganze Landstriche in Amerika verwüsten lassen. Der Film leistet unter Verzicht von Special Effects mit einer Betrachtung dessen, was in manchen Gebieten der USA von der Industrie betreiben wird, den Horror, den „Hell“ beabsichtigte.

Die Geschichte ist eine abenteuerliche. Josh Fox wohnt in einem schönen Holzhaus in den Wäldern von Pennsylvania in der Nähe vom Delaware River (dieser dient übrigens auch als eine Quelle fürs Trinkwasser in New York). Josh Fox wohnt in reiner, sauberer Natur. Sein Haus wurde von ihm und seiner Familie gebaut. Man erinnert sich an die Nixon-Zeit, die von der heutigen politischen Situation aus besehen, was die Umwelt betrifft, eine paradiesische Zeit gewesen sein muss.

Nun ist anzumerken, dass die Vereinigten Staaten, wie es hieß, förmlich auf einem Ozean von natürlichem Gas liegen. In Zeiten von Energiehunger und Abhängigkeit von Importöl schreit so eine Ressource geradezu darnach, ausgebeutet zu werden. Aber es gibt eben keine sauberen Gasgewinnungsverfahren, jedenfalls bis heute nicht. Die Entsorgung des giftigen Outputs der Gasgewinnung, die könnte man ja gesetzlich regeln. Allerdings, da ist Josh dann darauf gekommen, hat sich die Lobby der Gasexplorationsindustrie mit Millionen von Dollars die Gesetzgeber in Washington praktisch gekauft, eine Carte Blanche zur Umweltvergiftung geben lassen, durch Eliminierung jeglicher Schutzbestimmung für Umwelt, Natur und Mensch. So dass trotz Naturschutzbemühungen in vielerlei Hinsicht, die Gasgewinnung ohne jede Umweltgesetzgebung stattfinden kann. Der Nicht-Gesetzgebungs-Horror hinter dem Horror.

Josh Fox ist folgendermaßen auf die Geschichte gestoßen. Eines Tages wurde ihm angeboten, Land für die Gasgewinnung zu verpachten. Für eine seiner Meinung nach sehr hohe Summe. Das machte ihn stutzig. Er fing an, sich in seiner Umgebung umzusehen, flussaufwärts stieß er bald schon auf die ersten Anlagen und die ersten Beschwerden, schnell auch auf Zahlen, die schwindlig werden lassen. 1 – 7 Millionen Gallons of Water, die gebraucht würden, um ein Loch zur Gasgewinnung zu drillen, und so ein Loch kann bis zu 18 Mal gespült werden. Für diesen Vorgang wird Wasser eingepresst. Dieses Wasser ist allerdings mit einem tödlichen Mix von Chemikalien versetzt und die Ölindustrie weigert sich, die Kombination der Gifte bekannt zu geben. Das vergiftete Wasser wird ungereinigt in die Umwelt entsorgt in die Flüsse oder mittels Evaporation direkt in die Luft.

Opfer von solchen Verunreinigungen müssen, so will es das Gesetz, selber den Nachweis für die Ursache erbringen. Wie sollen sie das, wenn der Giftmix von den Verursachern noch dazu geheim gehalten wird. Je tiefer Fox in die Materie eindringt, je weiter er sich umsieht, desto mehr Horror entdeckte er. Zur Erträglichmachung dieses Trips, der ihn immer weiter in immer mehr Staaten führt, untermalt er die Reise gerne mit Country-Musik.

Er stößt auf Tiere, denen die Haare ausfallen, tote Tiere, verfärbte Kühe, Wasser ab Wasserhahn, das so mit Gas durchsetzt ist, dass man es anzünden kann und vor der Stichflamme sich in Acht nehmen muss, Leute mit Kopfschmerzen und Gehirntumoren in Gegenden, in denen vor der Gasgewinnung sowas nicht vorgekommen ist. Vollkommen verödete Landstriche. Bilder, wo man sieht, wie ein mit giftigen Chemikalien durchsetzter Spray in die Luft gesprüht wird. Und überall Beweise des Verlustes der Trinkqualität des Wassers. Leute mit bisher einwandfrei sprudelnden Quellen müssen das Wasser jetzt in Tanks einkaufen. Aber sie selbst haben das Land verpachtet. Das Geld lockte. Auf den Punkt geht Fox aber nicht zu tief ein. Überall Warnschilder wegen Explosionsgefahr und Gas in der Luft. Denn ganz dicht geht so eine Gewinnung nicht vor sich. Auch nicht an den Kompressionsstationen. Gas ist ein flüchtiger Stoff.

Fast dadaistische Ausmaße nimmt eine Aufzählung all der Gifte an, die dem Wasser zur Gasexploration beigemischt werden. Und bei einer Anhörung zum Thema wird ein Vertreter der Gasindustrie aufgefordert, die Liste der Gifte vorzulesen und er fragt irritiert zurück, ob er alle vorlesen soll, denn die Liste ist seitenlang. Er ergibt sich in sein Schicksal, aber der Dokumentarfilmer erspart uns die ganze Länge.

Trinkwasser, was gerade noch für bizarre wissenschaftliche Experimente zu taugen scheint. Umweltzerstörung unglaublichen Ausmaßes in der Nähe des Yellowstone-Nationalparkes auf einem Gebiet von der Größe von Connecticut. Und, nicht zu unterschätzen, das Problem der Trinkwasserversorgung für New York.

Schockierend ist nebst verödeter Landschaften, der hemmungslosen Verschmutzerei ohne jede Sicherheitsvorschriften vor allem auch das offizielle politische Amerika, Washington, das nichts unternimmt, das den Öllobbies und der Cheney-Fraktion offenbar nichts entgegenzusetzen hat. Das ist so unglaublich hinterwäldlerisch, dass man es gar nicht glauben möchte. Auch unter Obama tut sich offenbar nichts zum Schutze der Natur vor den Gasgiften.

An einer Stelle zählt Fox auf, wieviele LKWs es braucht, um so ein Bohrloch aufzubauen, in Gang zu setzen und in Betrieb zu halten. LKW-Ladungen voller Chemikalien, Rohre und Gerätschaften. Die Zahl geht in die Hunderte von Fahrten.

Interessant übrigens im Abspann, welche Firmen und welche Ministerien der Administration Josh Fox ein Interview verweigerten, welche Departements der staatlichen Verwaltung, von den Firmen sind es unter anderem Halliburton, Shell, Exxon, BP, Chevron, um nur einige zu nennen. Hinterwäldlerisch, oh, oh.

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Das Thema Fracking (Hydraulic Fracturing) ist weltweit ein brennendes, denn nicht nur in den USA wird der Fels-Untergrund eines ganzen Landes zerbröselt, um an eingeschlossenes Gas zu kommen. Auch in Europa ist Fracking aktuell, so zum Beispiel in Irland, aber auch in Deutschland. In Frankreich wird Fracking dahingegen höchstwahrscheinlich komplett verboten. Es gibt zahlreiche Initiativen gegen das Fracking, und ebensoviele Reportagen und Dokumentationen zum Thema. Hier zum Beispiel der Weltspiegel von vor einem Jahr:

Wir verlosen 3 DVDs des Films Gasland. Um an der Verlosung teilzunehmen, einfach einen Kommentar abgeben. (Beleidigende Kommentare und doppelte oder mehrfache Einträge werden gelöscht bzw. nicht berücksichtigt. – Eine Chance pro Teilnehmer.) Per Zufallszahlengenerator von random.org werden die Gewinner ermittelt, wobei 1 für den 1. Kommentar steht usw. Die Verlosung läuft bis Sonntag, den 18.12. (4. Advent) um 15 Uhr. Im Laufe des Abends werden die Gewinnerkommentare ausgelost und die Zufallszahlen als Kommentar veröffentlicht. Die Gewinner werden außerdem per Mail über ihren Gewinn in Kenntnis gesetzt. Sie erhalten die DVD, indem sie mir ihre RL-Adresse per Antwortmail schicken, diese wird dann an die PR-Agentur des Films weitergegeben, die dann die DVDs verschickt. Diese sollte noch deutlich vor Weihnachten ankommen, so dass sie ggf. weiterverschenkt werden kann.

HINWEIS: Der Veröffentlichungstermin von Gasland hat sich verschoben, die DVD kommt am 21.12.2011 auf den Markt. Das heißt, die DVDs können auch erst ab dem 21.12. verschickt werden. Die Verlosung endet wie gehabt am 18.12., wie oben geschrieben.

Perfect Sense

Evan McGregor und Eva Green sind die Protagonisten in diesem umwerfenden Film über die Kraft der Liebe, geschrieben von Kim Fupz Aakeson und inszeniert von David Mackenzie. Evan Mac Gregor spielt Michael, der eine Catering-Küche betreibt. Eva Green ist seine Geliebte, die aber durchaus auch sie selbst sein will.

Die Kraft der Liebe ist das durchgehende Thema durch den Bilderbogen, der teils recht stürmisch wird und einiges an Kulisse und auch menschlicher Moral und menschlichen Sinnen durcheinanderwirbelt oder gar außer Funktion setzt und dann immer wieder Pausen für die Aufräumarbeiten lässt, nur damit nachher ein noch heftigerer Sturm, nun ja, die Kraft der Liebe testet. Wobei oft auch ein entscheidendes Merkmal für gute Regie das ist, dass die Schauspieler sehr leise sprechen.

Schlimm gerade fürs Küchengewerbe, wenn der Geruchssinn außer Kraft gesetzt wird durch eine merkwürdige Epidemie, die kommt und dann aber genauso plötzlich wieder verschwindet und die Menschen jegliche Form hinsichtlich Essenkonsums verlieren lässt. Man darf auch spekulieren: die Liebe und der Geschmackssinn (die Epidemie lässt die Menschen verkrampfen, sie verkommen zu Allesfressern, selbst vorm Lippenstift machen sie nicht halt: das sind futuristische, surreale oder absurde – aber schöne – Kinobilder, die sich von Bildern der Liebe ziemlich abgrenzen). Sense of taste disappears. Dann wieder zärtliches Beieinanderliegen und ganz leise Gespräche, philosophisch, aber nie bierernst, ernst schon aber nicht verbissen auf Wahrheitsgehalte aus. Das Leben geht weiter, auch nach so einer Epidemie.

Details.
Things turn to normal.
People do what they can. As best they can.
Zärtliche Szene: das Paar sitzt in der Badewanne, gegenseitige Rasur. Verrücktes Bild. Sophsticated. Devastated. Badewannenlust.
I cannot have children. Einmal brüllt er sie bei der nächsten Epidemie an, „infertile“.
Severe Hearing Loss Syndrom. Die neue Epidemie lässt das Gehör versagen. Das gibt Gelegenheit für stumme Phasen.
Gewaltausbruch.
He is a collector
What does he collect
Polaroid-Cameras.
Mundschutz, Kirchenglocken, ein entfernter Muezzin.
Its just fading
Profane Conversation
Ah, jetzt kommt der Ausbruch, wo er sie zusammenschreit.
Und der Gehörverlust.
Besondere Atmo.
I your are deaf stay at home, hang a sheet in the window.
Kino, Gewalt und Sinnlichkeit.
We will keep you informed.
Dann wieder Aufräumaktion.
Die Epidemien kommen wie Schübe. Gegen die Liebe? Taubstummenerklärtafel.
Taubstumme bei exquisiten Menüs. Der Koch bereitet Hummer vor, einzelne Teller.
Die Gäste gebärden, verständigen sich in Gebärdensprache. Die Vibration eines Basses, eines Orchesters hören oder die anderen Instrumente.
Concentrate on things beyond Fat and Flavour.
Was ist der Mensch ohne die Stimme.
Ice Age. Lawine, die heranbraust.
Die Dunkelheit, die kommt.
Dann kriechen sie alle wie aus Höhlen ins Licht, Umarmungen.
It means to be a little Familienglück
Understanding, acceptance, forgivness, love.

Eines langen Tages Reise in die Liebe oder aus der Nacht in die Liebe?
Symbolismus oder nur einfache Message, ob einfacher oder komplizierter Film?
Bei den Epidemien Footage aus News und aus aller Welt. Nachher wieder das Kammerspiel zuhause, im Bett oder beim Catering.
Sie lieben sich, kiss, great, …

The Help

Ein Film, der alles bietet, was eine gute Filmerzählung haben soll. Ein klares Thema, einen historisch-geographischen Background, eine Rahmenhandlung, in die die einzelnen Teile der Geschichte eingepackt werden und außerdem exzellente Schauspieler, sowieso eine sehr schauspielerfreundliche Geschichte, denn der Regisseur Tate Taylor ist öfter als Schauspieler tätig denn als Autor und Regisseur. Hier hat er das Drehbuch nach einem Roman von Kathryn Stockett geschrieben.

Das Thema, es kommt explizit erst ganz am Schluss zur Sprache, ist die Freiheit, ein uramerikanisches Thema und zwar die Freiheit, die sich durch die Freiheit des Wortes, des Sich-Ausdrückens definiert.

Die Geschichte, die hier einfach und episch erzählt wird, am Anfang werden auch ganz klare Gut-Böse-Unterschiede aufgezeigt, spielt Anfang der 60er Jahre um die Zeit des Kennedy-Mordes herum in Jackson, Mississippi. Es herrschen noch strenge Rassengesetze, hier Weiße, da Schwarze.

Als Beispiel dafür wird immer wieder die Diskussion erwähnt, dass die weiße Herrschaft für das schwarze Dienstpersonal gesonderte Toiletten wünscht, wegen Infektionsgefahr, eine ganz lächerliche Diskussion. Die dann aber auch zu einem böskomischen Moment führt, wenn unsere Protagonistin, Eugenia „Skeeter“-Phelan gespielt von Emma Stone, endlich die Sammlung der Pelzmäntel für die feinen weißen Damen in der Zeitung ankündigen soll und statt „Pelzmäntel“ „alte Closchüsseln“ schreibt und die ganzen weißen Gutmenschen ihre alten Clo-Schüsseln im Garten vor dem Häuschen der weißen Madame deponieren. Daran sieht man, dass diese Erzählung durchaus auch komische Seiten hat.

Sie hat aber auch Tragische, zum Zeitpunkt der Kennedy-Ermordung wurde massiv gegen die Schwarzen vorgegangen; man erlebt eine Szene im hübschen Bus, den sie für den Film in Grün und Gelb frisch angestrichen haben, in dem das schwarze Hauspersonal – das ist sozusagen die zweite Hauptperson im Film, The Help, die Hilfen – nach Hause fahren und es dann plötzlich heißt, die Schwarzen müssen aussteigen, und wie sie dann alle nach Hause rennen, da kommt Beklemmung auf.

Die weiße Skeeter will also Journalistin werden. Sie bewirbt sich in New York. Man hält sie für hoffnungsvoll, sie soll aber noch Erfahrungen sammeln. Sie bewirbt sich bei der Lokalzeitung. Der Chefredakteur, der später mal eine grandiose Tanznummer hinlegen wird, ein kleiner gedrungener Mann mit lustigem Akzent, will sie erst nicht, wie er aber das Schreiben liest, lässt er sie die Putzkolumme in der Zeitung bearbeiten, also die Leserfragen und die Tipps. Sie selbst hat keine Ahnung vom Haushalten. Aber sie hatte selbst eine gute Nanny, das wird ein anderer Handlungsstrang, die ist nämlich von Skeeters Eltern rausgeschmissen worden wegen einer Lappalie, aber Skeeter weiß das alles nicht und will das recherchieren; sie stellt ein Vertrauensverhältnis zu Aibileen her, die hilft ihr beim Beantworten den Kolumnen-Fragen; es verbindet die beiden, dass es ungesetzlich ist, dass eine Weiße eine Schwarze besucht.

So kommt man ins Gespräch. Und sie hat die Idee, Geschichten von Schwarzen „Helps“ zu schreiben nach Interviews. Davon ist die New Yorker Redakteurin begeistert, denn sowas hat es noch nie gegeben. Die Suche nach Interview-Partnern und die Befragung, die Ängste der Frauen, überhaupt zu erzählen, das Misstrauen, schließlich aber auch die erfolgreiche anonyme Veröffentlichung, die sind sozusagen der Hauptstrang. Umd den herum rankt sich das gesellschaftliche Leben der weißen Ladies oder der schwarzen Helps. Von den Vorbereitungen für die Wohltätigkeitsveranstaltung über eine andere wunderbar tragikomische Geschichte, die auch nach der Buchveröffentlichung noch wirken wird, dass eine Nanny, die mit den umwerfend traurig-komischen Augen, Minny ihrer Herrin zur Rache die eigene Scheiße in den Kuchen gebacken hat und sie zum Essen drängte, dummerweise die Geschichte aber nicht für sich behalten konnte.

Oder die exzentrische unter den weißen Ladies, Celia Foot, die noch zu blöd war, eine Hausangestellte zu halten, der haben immer alle abgesagt, und die dann Minny aufgenommen hat, aber ihr Mann durfte das nicht wissen. Später dann die Geschichte mit den Fehlgeburten, die sie im Garten in Schuhkartons vergräbt. Es wird nicht nur schwarz-weiß gemalt.

Die Bilder sind in schönster 60er Jahre Optik gehalten, oft malerisch, immer stimmungsvoll, die Interieurs museumshaft schön, die voluminösen Ami-Schlitten, die Auffahrten zu den Patios, immer am Rande zur Puppenstube, am Rande zur Idylle, die hin und wieder unterbrochen wird durch das Gegackere der Damen, die sich aus New York wieder neue Haarwickler bestellt haben, damit „Skeeter“ chic zu einem Rendevouz-gehen kann.

Denn, das war ihr Problem, dass sie noch keinen Freund hatte und deswegen auch saublöd von zuhause angemacht worden war und da war ihre Nanny der einzige Trost. Also auch ein problematisches Verhältnis zur Mutter, die ihr unbedingt einen Mann verschaffen will. Wie Skeeter trotzig mit dem Truck und Anhänger zum Rendezvous mit dem Typen von der Bohrinsel fährt, ein Treffen, das sehr direkt und voller Ablehnung abläuft. Das sind so kleine Geschichte dazwischen. Dann natürlich jene vom kleinen Mädchen, um die sich Aibileen kümmert, bis zu ihrem Rausschmiss, weil die Herrin sie ja nicht wegen dem Buch, aber wegen vorgeblich gestohlenen Besteckes ins Gefängnis bringen will. Ganz trotzig geht dann Aibilieen und sagt, sie sei jetzt Autorin. Denn viel von der Substanz des Buches stammte von ihr. Sie hatte selbst täglich ein bis zwei Stunden nebest den Gebeten ihre eigenen Geschichten aufgeschrieben.

Vielleicht ein bisschen naiv gemacht, eine klare Gut-Böse Welt, aber die Menschen sind entwicklungsfähig, sonst könnte man auch zu keinem guten Schluss kommen.

Entzückende Bilder auch von einem Tornado. Oder von Wiesen und Häusern und Bäumen. Und die ganzen 60er Jahre Kleider der Damen. Der Tornado hat sowohl unter Weißen als auch unter Schwarzen Opfer gefordert, ein Tornado kennt keine Rassenunterschiede. Es gibt also doch eine Gerechtigkeit.

Ein Thema, was aktuell diskutiert wird im Zusammenhang mit dem Netz, jetzt bei Google, der keine anonymen Konten mehr möchte, das Recht auf Anonymität einer solchen Veröffentlichung.
Oder der Satz von der Mutter von Skeeter nach dem Erfolg mit dem Buch: „Mut überspringt manchmal eine Generation“.

Ein vielleicht melancholisch zu nennendes Melodram mit vielen tragikomischen Einsprengseln und einem klaren moralischen Aufruf: es braucht einen ersten Schritt, die Wahrheit zu sagen: feel free, schreib die Dinge auf.

Atmen

Das traumatische Kindheitserlebnis für Roman Kogler dürfte das gewesen sein, dass seine alleinerziehende und überforderte Mutter ihn eines nachts, weil er weinte, mit einem Kopfkissen zu ersticken versuchte, und wie er sich nicht mehr bewegte und sie glaubte, er sei tot, hat sie mit Wiederbelebungsversuchen begonnen und ihn umgehend in ein Heim gegeben. Seither hat er nie mehr Kontakt zu ihr gehabt. Mit 14 wurde er des Totschlages an Martin Stappeck zu acht Jahren Jugendknast verurteilt. Wenig verwunderlich, dass er verhaltensgestört und introvertiert, mithin schwer zugänglich und unberechenbar ist, dass es ihn an keiner Lehrstelle lange hält, weil seine plötzlichen Wutausbrüche für seine Umgebung unerträglich sind. Soweit das Soziogramm der Hauptfigur, das sich weitgehend mit den Erkenntnissen moderner Menschen- und Verhaltenswissenschaft decken dürfte.

So weit so nachvollziehbar. Es wird schnell klar, wir haben es mit einem hoffnungslosen Fall zu tun. Aber da die Hoffnung zuletzt stirbt und wir außerdem in Wien sind, dem ein gewisser Hang zu Schabernack und Morbidität nachgesagt wird, und wie eh der Tod auf einen Totschläger vermutlich ein besondere Anziehungskraft ausüben dürfte, so bewirbt Roman Kogler sich als Lehrling beim städtischen Bestattungsdienst und wird dort tatsächlich auf Probe genommen.

Vor Leichen zeigt er keinen Abscheu, eher Faszination. Es gibt anfangs brenzlige Situationen, in denen zu befürchten ist, dass er die Kontrolle über sich verliert, aber sie werden gemeistert. Und wie der Bestatteralltag anfänglich geschildert wird, wenn man noch die leicht jazzige Musik dazu berücksichtigt, so entsteht der Eindruck, ein Wiener Filmer macht sich hier auch einen Schmäh aus der ganzen Bestatterei, nimmt sie nicht so tragisch. Das bekommt dem Film durchaus, nimmt ihm aber auch einen gewissen Ernst, bewahrt ihn andererseits vor dem Abgleiten in den Sozialkitsch.

Die Entwicklung, die Roman Kogler macht, wie aus ihm plötzlich ein braver, junger Mann durchschimmert, das geschieht dann allerdings mehr theroretisch als systematisch cinematographisch durchdacht. Das dürfte der Grund sein, warum ich diesen Film eher in die Kategorie sehr sorgfältig gearbeitetes Fernsehspiel mit einem sozialen Problem im Mittelpunkt einordnen würde. Auch weil Romans Konflikt nicht als treibendes Element zur Erzeugung der Spannung genutzt wurde.

Der Film ist langsam und bedächtig. Nur alle paar Minuten streut er wieder eine neue Info rein, bis wir überhaupt wissen, was mit Roman los ist; Knast, das sehen wir schnell. Dass wieder eine Stelle nicht funktioniert hat auch. Auch lernen wir die Ganzkkörperkontrolle bei der Rückkehr in die Jugendstrafanstalt kennen, wie minutiös inklusive Körperöffnungen alles durchsucht wird.

Über die Gespräche mit dem Betreuer erreichen uns ein paar weitere Informationen. Dann die ersten Touren mit den Bestattern. Auch das wird langsam angegangen. Wie er erst nur dabei ist. Wie er einen Rolltisch an seinen Platz zurückstellen soll. Wie er dann das erste Mal bei einem Sarg mit anfasst. Die ersten Leichen, aus dem Kühlfach, in der Pathologie, tote Frau im Wohnzimmer, da hilft er bereits beim Waschen und Ankleiden, das tut er sehr sensibel, dann die Leiche von Christine Kogler. Das berührt ihn innerlich. Es könnte seine Mutter sein. Aber ein Anruf bei ihr, er hat die Adresse vom Helfer, bestätigt, dass sie es nicht sein kann, denn sie lebt. Dann der Tote beim Verkehrsunfall, eine Beinahauseinandersetzung mit einem Polizisten.

Es ist ein extensives Movie. Es gibt eine Szene früh im Film, wie Roman die Leichenwannen desinfiziert, da ist ein Vogel im Raum, den lässt er ins Freie fliegen, ein poetischer Moment. Filmbeliebte Symbolik.

Dann sucht er seine Mutter auf. Er geht mit ihr Matratzen kaufen. Dort treffen sie den Bewährungshelfer mit seinem Töchterchen, der scheint auch von der Mutter des Kindes getrennt zu leben, das ist alles wunderbar durchdacht als Beispiel, als ein Vorzeigefall, der hier mit filmischen Mitteln demonstriert wird.

Dann trifft Kogler im Zug ein englischsprechendes Girlie. Die verleitet ihn zum Biertrinken. Kurz entsteht der Eindruck, der sei noch nie in einem Zug mit Getränkeservice und Abteilwagen gefahren. Dann der Alkoholtest in der Anstalt, das Wohlwollen des Wärters, der ihn nicht verpfeift am Vorabend zum Urlaub. Das stösst mir an diesem Film auf: er will zeigen, dass auch für solche Menschen Hoffnung besteht, das entfremdet ihn aber dem Kino, dem Kinodenken, der Kinoweltsicht. Irgendwie ist die Haltung im Film zu engagiert für die Unterdrückten, die Outsider, die vom Schicksal Gebeutelten, will quasi schützend seine Hand über den unglücklichen Buben legen. Eine für eine Kinoleinwand ungeeignete Eigenschaft. Verständnisheischendes Kino widerspricht der Idee vom Kino als Klarsichtfolie. Später besucht Roman das Grab seines Opfers, die Stelle hat er sich im Bestattungsamt, wo er arbeitet, geben lassen. Zu seiner eigenen Rechtfertigung meint Roman übrigens, das Opfer sei erst im Spital gestorben.

Zwischendrin sind immer wieder Szenen vom Schwimmbassin der Strafanstalt, wiie die Jungs schwimmen. Wozu diese Szenen gut sind, kann ich nur raten. Vielleicht Aufzeigen von Symbolik: wie Roman auf den Boden des Bassins taucht und bleibt und bleibt und bleibt; die Unterwasserkamera weidet sich an den Beinen von einem halben Dutzend anderer junger Männer, irgendwann sind die beunruhigt, lassen sich ganz ins Wasser fallen. Doch da taucht Roman schon wieder auf. Schöne Szene, aber was will sie uns erzählen? Das Haupthandicap des Filmes dürfte sein, dass er „gut gemeint“ ist. Das ist leider immer der Tod des Kinos und verdonnert es zwangsläufig ins Fernsehen.

Oder man müsste dem Buch vorwerfen (es stammt von Karl Markovics, der auch die Regie besorgt hat), es sei zu oberflächlich und zu leichtsinnig geschrieben worden, ja, ja, das kriegen wir schon hin, wir zeigen ein paar signifikante Stationen und erst muss der Junge ein bisschen verschlossen sein, dann brauchen wir zwei bis drei bedrohliche Situationen, dann eine Palette von Bestattungssituationen, das ist auch schnell gemacht; hat aber leider mit den inneren Konflikten von Roman wenig zu tun, insofern kam mir die Assoziation vom Schmäh, vom Leichenschabernack, den hier einer treibt.

Das Buch hat es auch unterlassen, Roman so einzuführen, dass man Empathie für ihn empfinden kann; es ist eine äußerliche Verschlossenheit, die er spielt und die alles andere als konsequent durchgehalten wird; denn so schnell wie hier, so schnell wandelt sich ein abgrundtief verletzter Mensch nie, nie, nie. Auch ist die soziale Situation im Knast nur oberflächlich dargestellt und vermutlich entsprechend flüchtig recherchiert worden. Dadurch wird der Eindruck erweckt, es handle sich bei diesem Jugendknast, gerade auch wegen der Schwimmbassinszenen, die nicht wenige sind, um eine Art Hochsicherheitshotel, ohne dass die Gäste Hierarchien und Machtsysteme untereinander hätten (zum Vergleich ziehe man „Un Prophète“ heran, wie minutiös das dort dargestellt wird). Das wirkt im Kino sofort lasch. Insofern ist auch die „Roman“Figur, die hier entworfen wird, entsprechend unpräzise vom Buch her geschrieben, verschlossen für einen geschädigten Menschen ist eben nur der Ausdruck der tiefen inneren Verletzung, und wie die wurmt und wuselt und tut, das wäre die Voraussetzung, um einen spannenden Film zu machen, um das Medium Film angemessen einzusetzen.

Hier geht ein netter Schauspieler und sehr bemüht durch die verschiedenen Situationen der Rolle hindurch, lässt sich dabei ablichten und sieht in einigen Szenen sehr überzeugend aus, dann aber wieder nicht; das liegt aber wie gesagt am Buch, das sich nicht um die Konflikte des Protagonisten kümmert, das ist eigentlich das Schlimmste, was man einem jungen Schauspieler antun kann, ihn mit einer schlecht analysierten Rolle zu betrauen. Er wird gewiss genügend Höflichkeitskomplimente ernten, wie gut er das mache, weil man die Bemühung und eben auch ungute Stellen sieht, aber keiner wird sagen, hey, den Film musst du sehen, dieser junge Darsteller, das ist unglaublich, ich glaube, ich habe da was über solche gestrauchelten, kaputten Menschen kapiert.

Der moralisch korrekte Bürger wird diesen Film, weil er moralisch korrekt ist, Grundaussage: die Jugendstrafanstalten taugen was, gut finden. Aber ob sie den Film freiwillig im Kino anschauen, das steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Bessere Zeiten

Hier versucht sich wieder einmal eine Schauspielerin, Pernilla August, an Drehbucharbeit und Regie. Pernilla August ist sehr erfolgreich als Schauspielerin, hat schon mit Ingmar Bergman gearbeitet. Der Roman, den sie hier verfilmt, stammt von Susanna Alakoski, war deren Erstling und wurde ein Verkaufshit in Schweden. Dass der Film es bis Deutschland geschafft hat, dürfte dem Umstand zu verdanken sein, dass die Hauptrolle von Noomi Rapace gespielt wird, die hierzulande in der „Millenium-Trilogie“ bekannt geworden ist.

Die Geschichte ist die einer Frau, Leena, die in richtig verkommenen familiären Verhältnissen aufgewachsen ist, der Vater ein Trunkenbold und Grobian und die Mutter auch total überfordert mit diesem Mann und den beiden hübschen Mädchen. Was Leena am Leben erhalten hat, war das Schwimmen, der Sport, die Leistung. Sie hat dann mit ihrer Mutter gebrochen und ein eigenes Familienleben, das hier als glücklich geschildert wird, begonnen, sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Der Anruf, dass die Mutter im Sterben liege, bringt die Geschichte in Gang und so fahren Leena und ihre Familie los. Die Vergangenheit holt Leena ein. Schon auf der Fahrt zur Mutter und dann auch während des Besuches werden heftig Rückblenden an ihre eigene Kindheit eingearbeitet. Wie der Vater den Weihnachtsbaum umwirft, wie die Küche verwahrlost ist, wie ihr Bruder nur noch Haut und Knochen ist und kaum was essen mag. Erstaunlich, dass das Töchterchen trotzdem immer aussah wie aus gutem Hause und sehr ruhig und beherrscht war und versucht hat, sich um das Brüderchen zu kümmern. Das ist dann aber gestorben. Der Vater auch irgendwann. Leena macht sich heute noch Gewissensbisse wegen dem toten Brüderchen. Und sie kompensiert die familiäre Katastrophe mit sportlichen Anstrengungen beim Schwimmen.

Der Besuch bei der alten Frau ist, wie zu erwarten, nicht sehr erfreulich. Sie liegt mit Schläuchen im Spital und äußert den Wunsch, sie möchte mit der Urne ihres Schlägers und Alkoholikers von Mann begraben werden. Es kommt zu Diskussionen. Das wird sehr gefühlig geschildert. Es scheint, als wolle die Regisseurin unser Mitgefühl für diese furchtbaren sozialen Verhältnisse gewinnen. Es wird viel geweint und geschluchzt und geschrieen und auch gestritten.

Es ist eine schwer zu spielende Situation, so wie der Film anfängt, Leena und ihr Mann liegen im Bett, lieben sich, da aber die Kinder reinkommen, soll er sich schlafend stellen und dann kommt der Anruf. Erst das Glück und dann die Erstarrung. Hier zu zeigen, wie eine vollkommen verdrängte Vergangenheit in ein vorgespieltes oder gar vorgelogenes Glück hineinbricht. Später wird es auch darum gehen, was die Mutter sich alles vorgemacht habe. Aber es ist schwierig, scheint mir für die Hauptdarstellerin, die eine sehr hübsche Person ist, und wenn sie mit dem Anorak im Krankenzimmer ihrer Mutter auftaucht fast eher an eine Tatort-Kommissarin erinnert, sie ist kein kaputter Typ und außerdem müssen Frauen im Kino schön sein, es fehlt dann doch die Kaputtheit bei dieser Besetzung, die versucht diesen Mangel auszugleichen, indem sie oft bedrückt oder bedröppelt schaut. Das ist bei solchen Figuren sowieso immer schwierig, nicht alles schon vorweg zu nehmen; aber auch die anfängliche Phase der Verdrängung zu spielen, die muss eine Art Verschlossenheit sein; aber das ist, so wie das Drehbuch bearbeitet worden ist, schier unmöglich. Man hätte vielleicht besser eine andere Szene zur Einführung der Figur gewählt.

Auf intellektuelle Durchdringung des Stoffes wurde weitgehend verzichtet, es wird auf Gefühl und Mitleid gesetzt. Zuhause findet Leena dann ihr Wörterbuch, was sie als Mädchen geschrieben hat und ab und an liest sie daraus Passagen vor. Sie ist überzeugt, dass es auch schöne Dinge gegeben hat in ihrer Jugend; wenn die Familie zusammen war, wobei gerade vorher die widerliche Weihnachtsszene gezeigt worden ist mit dem arg chargiert spielenden Vater, der nur den Holzklotz-Suffkopp gibt, der nicht einen Moment der Zuneigung und der Liebe zeigen kann.

Der Film kommt mir vor, als ob eine bessere Dame der Welt zeigen will, wie dreckig diese doch sein kann, resp. wie dreckig die dreckige Welt in der Fantasie einer besseren Dame erscheinen kann. Es gibt eine ganze Menge recht ordinärer Flüche, die auch aufgetischt werden, Flüche auf dem Silbertablett, igitt.
Es gibt allerdings auch ein Spannungsmoment, das zwischen Finnland und Schweden, vielleicht ein Koproduktionsding, aber mir sind keine Vorurteile dieser beiden skandinavischen Völker gegeneindander bekannt. Der finnische Ekel möchte aufwühlen, die Regisseruin möchte den Zuschauer aufwühlen, das ist mein Eindruck, dabei lullt sie ihn eher ein, da er geistig nicht gefordert wird. Sie möchte tabulos das Grauen zeigen.
Ein Kino mit bewegen sollendem Moll, das dem Stoff Schwere und Bedeutsamkeit verleihen sollen.

In diesem Film kommen Fragen vor wie: „Wisst Ihr, wie man Gläser spült?“.

Der gestiefelte Kater

Wie sprüht dieser Film doch vor Leben, vor kindgerechter Freiheit und Frechheit, sich bei den Gebrüdern Grimm, beim Western, beim Hiberischen zu bedienen, wie sprüht dieser Film doch vor Spaß, diese animierten Figuren waghalsige Wettrennen mit Kutschen und Pferden liefern zu lassen, Western Saloon Atmosphäre zu zaubern, spanischen Tanz und Rhyhtmus in die Knochen fahren zu lassen. Wie sprüht dieser Film vor Freude, die Geschichte des gestiefelten Katers zu erzählen mit wohlgesetzten Pointen und Gags, so kann auch mal mit einer Degenspitze eine Hose ihres Sitzes beraubt werden. Wie sprüht dieser Film vor Tempo und Action und Witz und dosiert doch alles so, dass man es mitkriegt und nicht von einem Übermaß an Griff in die Computeranimationskiste überrollt wird.

Die Geschichte immer im Vordergrund. Der Kater mit den Stiefeln, die ihm alleweil wieder abhanden kommen, begibt sich auf Rachefeldzug, denn eine Freundschaft aus dem Waisenhaus, die mit dem eikugeligen Humapty Dumpty, die ist, so meint er, zerbrochen und das muss mit den Mitteln der Männlichkeit, des Mutes, des Western und auch der Mantel- und Degenkomödie furchtlos angegangen werden. Und dann ist da noch Kitty Samtpfote in der Zorro-Maske. Die drei finden zusammen und versuchen die Gans zu steheln, die goldene Eier legt.

Die gute Kinostimmung, die sehr an den Spaß früherer Disney-Animationen erinnert, wird zusätzlich angeheizt mit Rhythem aus Western und Tango und weiterer spanischer Tanzmusik. Das Ganze ist in nicht weiter gewöhnungsbedürftigem 3D – die Animierer lernen. Auch wenn die Brille nach wie vor lästig ist und es wirklich interessant wäre, den Film in 2D zu sehen, ob da auch nur ein Deut des Vergnügens weniger wäre, oder ob es sogar noch größer würde.

Jedenfalls fährt einen dieser Film mit einer Rasanz durch den Kopf, dass man sich gar nicht allzu sehr bei der deutschen Synchronisation aufhalten sollte, wobei die vielleicht auch Geschmackssache ist. Bei der Katerstimme von Benno Fürmann, da ist schon viel Schönes dran, auch dieser Akzent, aber ob das die optimale Lösung ist, er ist mir zu eindimensional, die Schlauheit der Figur, der Schalk, das Schelmische wird der Künstlichkeit eines ausländischen Akzentes geopfert.

Und die Eierstimme für Humpty Dumpty von Elton, die hört sich sehr ungeschält an, auch wenn das Ei mal kurz mit Wolkenbart und Schnauz auftaucht. Vielleicht wäre da eine Stimme, die eher einen Kontrast bietet zu einem gepellten Ei witziger gewesen.

Die haben sich bestimmt Mühe gegeben bei der Vertonung, aber meiner Meinung nach ist, was die Charakterisierung der Figuren und die Beherrschung des Spiels mit der Sprache anlangt, deutlich Spielraum übrig, sowohl im Aufwand, was die Suche nach den  Stimmen betrifft als auch im Aufwand, den Charakteren das Optimum an Stimme zu verleihen. Man darf nicht vergessen, dass Kinder den Film, sobald er auf DVD erhältlich ist, bestimmt wieder und wieder anschauen werden; er mithin auf die Sprachbildung Einfluss nimmt.

Aber Bild und Buch sind in diesem Film so stark, so voller Tempo und Abenteuer, dass ohngeachtet der Sprache bestimmt viel gelacht und aufgejuchzt werden wird in den Kinos, die das Glück haben, diesen Film zeigen zu können.

Habemus Papam – Ein Papst büxt aus

Nanni Moretti schafft es nicht, den Papst zu therapieren, das ist eine filmendogene Erkenntnis, denn sie betrifft Nanni Moretti als Schauspieler, der in seinem eigenen Film einen Psychoanalytiker spielt und den Papst, den neugewählten, der nicht auf den Balkon treten will, in der dadurch bedingten Verlängerung des Konklaves therapieren soll.

Der Satz trifft aber in gewisser Weise auch filmexogen zu, denn Nanni Moretti führt ebenfalls die Regie und hat mit Francesco Piccolo und Federica Pontremoli zudem das Buch geschrieben, aber auch damit gelingt es ihm nicht, die katholische Kirche qua Vatikan vom pompösen Auftritt als geistlicher Macht zu kurieren, falls er solches überhaupt intendiert hat.

Es gibt durchaus Hinweise, dass er das möglicherweise versucht hat, denn den Übergang am Anfang des Filmes vom realen Vatikan mit den prächtigen Aufzügen der Geistlichkeit und den gläubigen Massen zum fiktionalen Konklave inklusive Einzug der Kardinäle in dasselbe; die Kardinalsgesichter sind nur ein Tick zu grob geraten, ihr Gang ist nur ein Tick zu schwankend und zu wenig feierlich und ihre Stimmen sind nur ein Tick zu laut. Sonst ist die Kontinuität vom Realen ins Fiktionale Moretti wunderbar gelungen, wie ihm sowieso alle Szenen wunderbar gelingen.

Er zeigt überzeugend, was für einen Sog solch Aufwand an Kostümen, Choreographie, Rhyhtmus, Menschen, Massen und Gewändern entwickelt, welche Unwiderstehlichkeit; die lässt er den Zuschauer spüren, gibt ihm sogar das Privileg, im Innersten des Konklaves Mäuschen spielen zu dürfen. Indem er dem Zuschauer dieses exklusive Geheimnis eröffnet, macht er ihn zum verschworenen Genossen.

Es sind alte Tricks, aber immer wieder bewährt, wie man Szenen, die man nie im Leben gesehen haben kann, fiktional glaubwürdig erfindet, und Moretti beherrscht sie aus dem Effeff; wie die Kardinäle bei jedem Wahlgang mit einem eigens bereit gelegten Füller einen Namen auf ein Kärtchen schreiben, wie einer zu erhaschen versucht, was der andere schreibt, wie die Zettel abgegeben werden; dann die Auszählung der Stimmen, wie es dem Buchführer mit der Verlesung der einzelnen Stimmen zu schnell geht und er beinah die Übersicht verliert; draußen die Reporter, der eine, der vom Bildschirm her gar nicht dechiffrieren kann, ob der Rauch jetzt weiß (habemus) oder schwarz ist (vom Verbrennen der Zettel, was auch absurd ist, denn auch für den weißen Rauch müssen die Zettel verbrannt werden, denke ich). Wie sich dann beim dritten Wahlgang der Überraschungskandidat Melville, gespielt vom alten grandiosen Schauspieler Michel Piccoli, herauskristallisiert (eine filmgeschichtliche Anspielung oder Setzen einer filmhistorischen Latte mit dieser Namensgebung oder bloß ein kleines Witzchen?). Wie Piccoli alsbald die Krise kriegt. Wie er kurz bevor er mit seiner Entourage den berühmten Balkon hoch über dem Petersplatz betreten soll, sich auf einem Stuhl niederlässt, dann ganz kurz und mit Links einen Ausbruch mimt, den er mit seiner jahrzehntelangen Schauspielererfahrung nullkommanichts aus dem Ärmel schüttelt, die langen Gesichter auf dem Balkon, die Erwartungshaltung der Menge, die Triumphrufe, dann das Abebben, wie Piccoli sich entfernt, durch lange Gänge irrt, in einem Zimmer landet.

Bis dahin ist es spannend, immer die Frage, was nun. Dann verspielt sich leider das Thema; Piccoli mimt großartig einen alten Mann, der halb vielleicht Alzheimer haben könnte, der verunsichert ist, der sich das Papstamt nicht zutraut, der also mit seinem ganzen Verhalten das pompöse Protzenspiel der Kirche ins Wanken bringt, der in der Stadt vor seinen Bewachern abhaut. Ein Schweizer Gardist darf inzwischen in den Papstgemächern den Papst mimen mit gelegentlichem Zupfen an den Vorhängen oder Vorbeigehen als schnelle Silhouette, um ein Geraune bei den Beobachtern auszulösen. Piccoli sucht derweil seine Psychiatrin auf, landet in einer Pension, stößt auf eine Theatertruppe, die Tschechows Möve spielt, in ihm kommt die alte Schauspielerleidenschaft hoch (der Vorgängerpapast zum jetzigen, der hatte in seiner Jugend ein Theaterstück geschrieben) und der päpstliche Sprecher ist ein Pole, dargestellt vom polnischen Star Jerzy Stur. Die Kardinäle, die im Konklave verharren müssen, vertreiben sich die Zeit, bis der Name des neuen Papstes verkündet werden soll, mit Karten- und mit Ballspielen im Hof, da wird’s dann arg zügig.

Die Qualität des Papstes, „der ausbüxt“, wie es im deutschen Titel erklärend heißt, ist sicher die immer noch exzellente Schauspielerei von Michel Piccoli, der fasziniert, egal was er spielt und es bereitet eine Weile lang durchaus ein Vergnügen, zu wissen, hier im Bus, hier im Cafe, hier im Hotel, dieser leicht verwirrt scheinende Alte, das ist der eben gewählte Papst und keiner weiß das, aber dieser Gag erschöpft sich schnell; Michel Piccoli trägt eine Weile; aber mit reiner Schauspielerei kann so eine dünne sich wiederholende Situation nicht aufgewogen werden, was mir das Hauptproblem am Buch von Moretti scheint, als Koautoren werden in der IMDb noch Francesco Piccolo und Federica Pontremoli angeführt, nämlich dass er uns den exakten Konflikt, der den Papast dazu veranlasst, das Amt nicht anzunehmen, vorenthält.

Es gibt zwar thearpeutische Sitzungen, sowohl mit dem amtlich bestallten Moretti als auch mit Piccolis bisheriger Psychiatrin und da gibt es Fragen nach der Jugend. Da uns aber der Hauptkonflikt, warum er das Amt nicht annehmen kann, nicht eröffnet wird, was natürlich, wenn man das schon vor dem Konklave wüsste, die Spannung potenzieren könnte, so entsteht der doch recht flache Eindruck, dass Moretti mit uns ein wenig Floss fahren will auf dem Kitzel des Reizes kirchlich-pompöser Macht und eines Spieles mit dieser.

Michel Petrucciani – Leben Gegen die Zeit

Dafür, dass es sich um eine der üblichen Dokumentationen über einen unüblichen Menschen handelt, ist sie recht al Dente geraten, gut genißbar und man kann was haben davon. Michel Petrucciani war ein legendärer Jazzpianist, ein Zwerg kaum größer als ein Meter und mit der Glasknochenkrankheit geboren worden.

Michael Radford fängt seine Dokumentation mit Röntgenbildern von den verbogenen Knochen an und auch mit der Uhr, die unweigerlich tickt, die wird auch immer wieder eingeblendet, denn Petruccianis Lebenserwartung war zum vornherein weit unter dem Durchschnitt. Das war vielleicht der Grund für ein außerordentlich exzessives Leben. Letzteres wurde mehr durch die in solchen Dokumentationen üblichen Interviews vermittelt als durch Live-Berichterstattung, denn Petrucchiani hat unser Jahrtausend nicht mehr erlebt. Eine Doku post mortem.

Er wurde in den Sechzigern in Frankreich geboren. Sein Vater hatte ein Musikgeschäft. Er und seine Brüder sind mit Instrumenten aufgewachsen und Michel wusste schon ganz früh, dass ihn nur das Piano und nur das Piano interessiert. Am Piano verbrachte er seine Jugend und auch den größten Teil seines erwachsenen Lebens. Was ihn faszinierend machte und was auch der Film wunderbar rüberbringt, das ist seine Lebensenergie, sein Willen, auch sein Humor, sein Umgang mit seiner für uns doch furchtbaren Krankheit; man durfte ihm kaum auf die Schultern klopfen, denn es bestand immer die Gefahr von Knochenbrüchen.

Selbst wenn er seine Hände kaum mehr bewegen konnte, spielte er Konzerte, als ob nichts wäre. Der künstlerische Raum, der Wunder vollbringt. Er wurde zu einem populären Weltstar mit riesigen Plattenauflagen. Er gab bis zu 220 Konzerte im Jahr; andere Jazzer sind zufrieden, wenn sie es auf 40 bringen. Und da Italien als Koproduzentenland firmiert, muss selbstverständlich auch ein Konzert mit dem Papst rein. Der wollte ihn in die Arme nehmen auf seinem Thron, aber Petrucciani verbeugte sich artig unten an den Stufen und drehte ab.

Ein eigenes Kapitel sind die Frauen. Er sei stets „horny“ gewesen erzählt er. Und er hatte einen großen Verschleiß an Frauen. Von einem Tag auf den anderen ließ er die eine fallen, weil ihm die nächste, die ihm besser passte über den Weg gelaufen ist. Solche Exen kommen genügend zu Wort. Wobei Radford auf eine Vertiefung der Problematik einer solchen Beziehung verzichtet, die durch das Startum des Kleinwuchspartners bestimmt noch schwieriger wird.

Die Tonspur hält viel feinste Jazzmusik bereit, viele Mitschnitte von Auftritten Petruccianis. Er hat auch einen Sohn gezeugt und es war früh klar, dass der auch die Krankheit hat, der kommt auch ein paar Mal zu Wort, ist aber nicht sonderlich ergiebig. Köstliche und besonders leicht genießbare Kost sind Anekdoten, wie die, die Roger Willemsen berichtet, der ihn näher kannte, dass er einmal nachts aus Paris bei ihm in Hamburg angerufen habe, ob er nicht was unternehmen könne, seine Frau habe ihn in der Wohnung eingeschlossen, weil sie es nicht gerne sehe, wenn er mit anderen Frauen unterwegs sei und er solle doch was unternehmen, um die Wohnung aufzukriegen und Willemsen hätte das dann tatsächlich geschafft.

Die Klammer im Film ist konsequent, kurz vor Schluss ertönt das Martinshorn und eine Röntgenaufnahme von den verbogenen Knochen ist zu sehen. Ein bisschen grausam wollte der Filmemacher schon sein.

Romeos

Der Film erweckt durch die Besetzung des Hauptakteurs mit einem Schauspieler ganz offensichtlich im Übergang von Frau zu Mann (oder die Maske müsste unwahrscheinlich gut Brüste und Barthaare simuliert haben) – und da er das auch thematisiert – einen semidokumentarischen Eindruck. Der Faszination einer Figur zwischen den Geschlechtern ist schwer sich zu entziehen. Andererseits kommt einem der Film, gerade weil er die Transsexualität thematisiert, eher vor wie ein Ausflug in eine verschworene Familie, die uns ihre intimsten Geheimnisse preisgeben will und wenig wie ein Ausflug ins Kino, das uns freier entlassen sollte, als wir reingegangen sind. So wie das Thema hier angegangen wird, scheint der Film auch viel eher aus der Szene für die Szene gemacht. Unglaublich emotional, wie wir uns ein solches Minderheitenmilieu generell auch vorstellen.

Der Film geht auch nicht gleich in medias res. Er lässt Lukas, den Protagonisten, zuerst für sein soziales Jahr in ein Mädchenheim einziehen. Der Zuschauer muss sich vorerst mit der Info begnügen, bei den Jungen sei gerade kein Platz. Der Zuschauer hat als allererstes immerhin mitgekriegt, dass sich Lukas was spritzt, aber wer sich da nicht auskennt, konnte jedenfalls nicht erkennen, dass es sich um Präparate zum Aufbau von Männlichkeit und Muskeln handelt.

Lukas spricht oft in die Kamera und nimmt das selber auf oder chattet übers Internet, oft schaut er auch in den Spiegel und in dieser ersten Sequenz hat er sich gerade die 25fache Tagesration in den Oberschenkel gespritz. Wie er die Spritze füllt und sie sich reinhaut, das sieht hundertprozentig so aus, als hätte er dies nicht speziell für den Film gelernt, als beherrsche er das aus langer Erfahrung. Das macht zum Beispiel das kleine Fingerschnippen an die Spritze, wenn die Flüssigkeit drin ist, deutlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Schauspieler, der sich mit sowas nicht auskennt, auf so eine Idee käme und falls der Regisseur sie hat, sie so überzeugend ausführen würde.

Der Einstieg wäre leichter gewesen, wenn der Zuschauer gleich die volle Info über Lukas erhalten hätte. Dann hätte der Film nicht erst eine Weile rumdrucksen müssen, hätte sich so selbst besser auf die Story konzentrieren können. Wie es ist in so einem „Erklär“-Film, müssen jetzt lauter Situationen gezeigt werden, die für Lukas brenzlig sind, denn wie gesagt, er hat noch einen Busen, er trägt einen Gummipimmel in der Hose, zwengs der Wölbung und ausgerechnet den schnappt sich einer, während er bei einer Party auf der Toilette sitzt, einer, der sich in der Badewanne hinterm Vorhang versteckt hat, schnappt sich das Teil und es wird zum Gaudium der Fete.

Eine Freundin von Lukas, Ine, hat ihm den Zivi-Job verschafft. Sehr deutlich werden auch die ganzen behördlichen Schwierigkeiten gezeigt, die eine sexuelle Transformation mit sich bringt. Vor allem zum Zeitpunkt, wo der Mann zwar schon Barthaar und Muckis und tiefe Stimme hat (darauf macht uns Ine aufmerksam beim ersten Treffen).

Dann die ständige Angst vor Entdeckung. Denn Lukas ist auf dem Weg von der Frau zum schwulen Mann und verliebt sich weiter in Männer. Sein Traum ist Fabio, ein recht smarter junger Darsteller, schwarzhaarig und mit allen Insignien einer klaren männlichen Jugendlichkeit ausgestattet. Diese Liebe ist so der lose geschlagene Handlungsfaden, immer wieder unterbrochen von Szenen, die auf die Schwierigkeiten der Lebenssituation von Lukas aufmerksam machen. Man sieht ihn auch nur einmal bei der Arbeit, wie er einige Plastikeimer in die Küche wuchtet. Es ist mehr eine Anhäufung von Verständnisweckszenen. Und erst am Schluss nach vielem Auf und Ab, denn auch Fabio kommt dahinter, wer Lukas ist, behilft sich der Film mit einem rührenden und zu Herzen gehenden Romantic-Comedy-Ende.

Identitätsproblemfilm.
Anziehproblemfilm.
Das Problem mit den weggeschnürten Brüsten.
Die Hände immer vor der Brust verschränkt.
Das Problem beim Baden.

Das ist vielleicht das Problem dieser Art von Problemfilmen. Kein Mensch interessiert sich doch für die Probleme anderer, schon gar nicht im Kino, behaupte ich gerne. Im Kino möchte der Zuschauer Spannung, Abenteuer, Unterhaltung; wenn die dann geschickt das Thema Transgender einbaut, tant mieux! Wenn aber ein Film um ein Problem herum gebaut wird, wird er immer, wie hier, ein reiner Insiderfilm bleiben, mag er noch so sorgfältig und gefühlvoll gemacht sein. Gut gemeint. Aber vielleicht wäre es spannender, wenn Lukas ein Tatort-Kommissar wäre, und ab und an damit konfrontiert, seine Geschlechtssituation nicht auffliegen zu lassen.

Die Freude über den ersten Männerschweiß, wen interessiert das sonst.
Frau Lennart (Lukas). Er ist FTM, female to male. Eigentlich müsste es heißen, FTG, female to Gay. Erste Geschichte mit Fabio: die Lederjacke.
Diese Liebesgeschichte leider nur randständig behandelt. Es wäre für die breitere Wirkung des Filmes sicher sinnvoller gewesen, sich voll und ganz dieser Liebesgeschichte mit all ihren Komplikationen zu widmen. Vorbild: Brokeback Mountain. Romeos ist aber weit davon entfernt, so universell erzählt zu werden. Er hängt eher leicht triefend im zähen Saft des Semidokumentarischen.

Drum muss doppelt unterstrichen und gesperrt gedruckt werden, das Recht, Spass zu haben. Insofern sogar Agit-Prop-Film, aber eben das auch nicht dezidiert. Ein Aufschrei-Film, das wäre sowas. Die Haltung der Macherin Sabine Bernardi ist vielleicht die aus Faszination, Mitleid, Wohlgesonnenheit, eine Melange aus diffusen Gefühlshaltungen und schon gar keine klare Haltung zum Geschichtenerzählen außer der, dass es gefühlvoll bis zum Rande der Schwülstigkeit sein müsse.

Teils sogar Hygienproblemfilm.
Dann Lehrfilm: die OP-Infos, die sich Lukas vom Netz runterlädt.
Antrag abgelehnt, Frau Seidel.
Auch sehr inensiv gefilmt: Anbandel- und Schmachtblicke in der Disco genau so wie beim Billiard.
Der Witz mit der Nudel, wie er zu den Männern zieht.
Sicher ist Transgender ein großes Problem für den Betroffenen, macht ihn vermutlich überdimensional narzisstisch nur mit sich selber beschäftigt. Umso mehr hätte der Film die Distanz schaffen sollen. Und nicht sich hergeben als Medium, diese Selbstbeschäftigung noch zu überhöhen.