Archiv der Kategorie: Film

Mein Kampf

„Kukuruz im Zwielicht“ heißt eines der Werke des jungen Hitlers, der sich in Wien an der Kunstakademie fürs Studium bewirbt und zweimal nicht genommen wird. Er wird unterstützt vom Schlomo Herzl, dem Juden und Bibelhändler. Von dem hat er auch die Idee zum Titel für sein Buch Mein Kampf. Und der ist es, der dem jungen hochfahrenden, ausgemergelten Künstler mit der verletzten Seele empfiehlt, in die Politik zu gehen.

Der Film ist nach einem Theaterstück von George Tabori und umfasst die Zeit von der Ankunft Hitlers in Wien bis zu den ersten politischen Agitationen.

Tom Schilling spielt den jungen Hitler. Solche jungen Künstler gibt es auch heute, die an die Kunstakademie oder an die Filmakademie gehen und gleich berühmt werden wollen. Die hochempfindlich sind, sicher auch leidlich begabt, aber die auffallen wollen um jeden Preis, die groß werden wollen. Künstler, deren Sehnsucht nach Größe ihr Talent übersteigt. Tom Schilling stellt einen solchen jungen Künstler dar, der heißt Adolf Hitler. Wobei ich allerdings, wenn es um Heutigkeit geht, und ich zum Beispiel an moderne Amokläufer denke, sicher auch seelisch sehr verletzte Figuren, die Beachtung suchen und darum an ihren Schulen Blutbäder anrichten, mehr an introvertierte und unauffällige Typen denke, bei denen sich dann der Kessel mittels katastrophaler Aktionen entlädt. Denn nur was ohne Ventil kocht, das kann eines Tages explodieren, der Extrovertierte verschießt sein Pulver dauernd.

Warum Tom Schilling schon für die ersten politischen Reden, die er hält, die Gestik des abgebrühten Hitlers, der sich rhethorisch-gestisch hat schulen lassen, benutzt, diese fast mechanischen Abläufe von ausgestreckter Hand und dann wieder Faust auf die Brust, eröffnet sich mir nicht; ist ja doch eine ziemlich andere Charakterisierung der Figur, als wie es vom Hitler heißt, dass er in seinen Anfängen nur wild gestikuliert habe.

Götz George spielt Schlomo Herzl, den Juden, den Außenseiter.
Er verzichtet ganz auf Anklänge des Jiddischen in seiner Rolle. Er spricht seinen Schlomo in diesem merkwürdigen TV-Hochdeutsch, das sich konsequent einer regionalen Ortung widersetzt. Dadurch wird er zum Außenseiter, denn die meisten im Film sprechen wienerisch. Merkwürdig. Das Stück spielt in Wien. George ist also Außenseiter wegen seiner Sprache und nicht wegen des Jüdischen oder des Jiddischen. Merkwürdig. Und noch auf eine andere Art ist er Außenseiter: im Verhältnis seiner realen Physis (die vom vielen Schwimmen vor Korsika noch recht fit ist) und der Physis, der viel greisiger behaupteten Figur Schlomo. Eher versucht er, einen komödiantischen Alten wie aus dem Lehrbuch – oder aus der Klamotte – zu spielen. Leicht buckelig, tüddelig, fahrig, den täppelnden, unsicheren Gang, das Innehalten mitten im Satz und die großen aufgerissenen Augen voll trauriger Zweifel (aber die scheinen mehr das George-Markenzeichen denn Figur-Charakteristik zu sein). Eine Figurinterpretation, die sich mir nicht erschließt.

Der junge Hitler behandelt den alten Schlomo wie einen Dreckskerl. Aber der lässt sich dadurch nicht aus der Fassung bringen. Wobei nicht ganz klar ist, wieso nicht, wieso er sich das bieten lässt, ob das Weisheit ist, scheint doch Schlomo irgendwie auch sehr nur mit sich und Darstellung der seiner eigenen Person beschäftigt.

Ein bisschen darf sich der junge Hitler von Schlomo auch verarscht vorkommen, denn die pseudofreundliche Hilfe von Schlomo ist nicht unververgiftet. Er gibt das Bild einem Kunsthändler. Dieser hängt „Kukuruz im Zwielicht“ gegen Geld ins Schaufenster. Damit macht der den jungen Hitler glauben, seine Kunst tauge was und sei gefragt. Er gaukelt dem jungen Hitler Hoffnung vor. Diese verkehrt sich in eine große Blamage für Hitler. Der Tochter seiner Vermieterin will er diesen Erfolg vorführen. Aber die Frau des Kunsthändlers lässt den Schwindel auffliegen. Eine ziemliche Kränkung, und das vor den Augen der Angebeteten. So gerät der Kukuruz doppelt ins Zwielicht. (und insofern tuts auch nicht besonder weh, wie Hitler den Schlomo dann ins Gefängnis werfen lässt).

Überhaupt ergibt sich aus Inszenierung und Besetzung nicht, wieso das Stück von George Tabori jetzt verfilmt werden musste.

Zwei mögliche Begründungen für die Herstellung dieses Filmes kann ich mir ausdenken.
1. Odermatt hat das Stück auf der Bühne gesehen, war beeindruckt von einer darin vermuteten Message, wollte diese weiterverbreiten: epigonal.
2. Odermatt hat das Stück auf der Bühne gesehen war beeindruckt von der Atmosphäre und der Geisteshaltung, die Tabori auf der Bühne zu schaffen fähig war, und der Film sollte diesem Eindruck Gestalt verleihen: Hommage an den eigenen Eindruck.
Beide Varianten scheinen mir privatistisch und von der Realisierung her kann ich keinen weiterführenden Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus, des Aufstieges von Hitler, der Judenvernichtung erkennen.

Der Adler der neunten Legion

Das ist immer schön, zwei römische Reiter im fotografisch ergiebigen, herbstlichen Schottland unterwegs. Sie sind lange unterwegs. Die Fotostrecke ist exzellent. Sie könnte ausreichen für mehrere Jahrgänge großformatiger Wandkalender.

Bis der römischer Krieger und sein Sklave allerdings in Schottland reiten dürfen (sie reiten natürlich nicht, wie es scheint, zu höheren Ehren einer auffällig schönen Fotografie), bedarf es einer Vorgeschichte, die dem Ritt auch ein Ziel gibt.

Zuerst ist nur ein römischer Reiter unterwegs in melancholisch-sanfter schottischer Nebellandschaft und wie zum Zwecke gediegener Werbefotografie, ob für Rasierwasser, Mens-wear oder Hautpflegemittel – egal. (Wer reitet so spät durch Nacht und Wind). Die männlich fotogene Schönheit zählt.

Man sollte jedoch vor lauter Besessenheit für die Fotografie das Geschichtenerzählen nicht vergessen. Das scheint hier ein bisschen passiert zu sein. Nur allmählich erfährt der geneigte Zuschauer, dass der erste Reiter unterwegs ist zu einem römischen Fort in Schottland, Teil des Hadrianswalls, der das römische Reich gegen die Barbaren im Norden abschirmte, und dass er der neue Kommandierende ist.

Er heisst Marcus und hat noch einen natürlichen Gefahreninstinkt. Er kommt an und übernimmt das Kommando. Schon in der ersten Nacht wacht er ahnungsvoll auf, spürt das Herannahen der Barbaren, weckt das Lager – und tatsächlich, die Barbaren sind schon dabei, anzugreifen. Für die Filmer ist das sehr dankbar und gibt schöne Schlachtensujets ab: das Anzünden des mit Holzzacken bestückten und mit Pech beschmierten Schutzwalls rund um das Fort löst einen grellen Feuerball aus, während die Gegener versuchen, hochzukraxeln.

Die erste Abwehr ist gelungen. Aber der Gegener formiert sich neu. Am nächsten Tag befiehlt Marcus einen Ausfall. Es gibt wieder dankbare Kampfsujets für die Fotografie. Wie die Römer sich für den Ausfall zu einem schildbewehrten Haufen wie ein Igel formieren (Testudo-Taktik, Anm. d. Red.). Sie haben aber nicht mit der List der Barbaren gerechnet, die daraufhin Kampfwagen losschicken mit messergespickten Rädern, die alles um sich herum niedermähen. Es kommt zu blutigen Mann-zu-Mann-Kämpfen. Und wenn wir uns bisher gefragt haben, wozu das alles, dann kommt auch die Erkenntnisdämmerung, denn der Filmmemacher schneidet jetzt zwischen die Kampfhandlungen subjektive Erinnerungsbilder von Marcus an seinen Vater, der auch in einen Kampf verwickelt gewesen sein muss.

Schnitt. Marcus wacht bei Donald Sutherland, Onkel Aquila, und weit hinter dem Hadrianswall in Sicherheit auf. Er hat ein Metallstück im Bein. Das gibt dem Fotografen die Gelegenheit, minutiös zu zeigen, wie dieses Stück rausoperiert wird.

Worum geht’s denn jetzt, frage ich mich. Denn als nächstes werden wir Zeuge eines Gladiatorenkampfes, in welchem es nur einen Sieger gibt, nämlich jener, der den Gegner tötet. Und die Gegnerschaft ist fies. Der eine ist ein Gladiator, ausgestattet mit Panzer und Schwert. Gegen ihn muss ein Sklave antreten, lediglich mit einem Beinkleid ausgestattet und unbewaffnet.

Es ist absehbar, wie so ein Kampf ausgehen wird. Wie der Sklave unterm Gladiator liegt, feuert die entfesselte Menge den Gladiator im Blutrausch an, zuzustoßen, hält die Daumen nach unten. Der Sklave heisst Esca. Ja, der wird noch wichtig werden. Und weil er wichtig werden wird, das ist jetzt eher ironische Voraussage von mir, hält Marcus den Daumen nach oben, er solle dem Sklaven das Leben retten. Donald Sutherland schenkt Marcus den Sklaven.

Jetzt erst, es ist schon viel Filmzeit verstrichen, sind wir da angelangt, wo die Geschichte anfangen kann.

Die geht folgendermaßen. Der Römer Marcus macht sich mit dem Sklaven Esca auf den Weg ins wilde Schottland um den Verbleib der verschollenen Neunten Legion zu erforschen. Sein Vater hatte sie angeführt, es gilt also, die Familienehre wiederherzustellen. Dort stoßen sie mit den Robbenmännern, die aussehen wie böse Geister von der schwäbischen Fastnacht, zusammen. Marcus und Esca geraten in Gefahr, machen grausame Entdeckungen und werden, als sie fliehen wollen, erst zur definitiven Schicksalsgemeinschaft.

Warum ich das so ausführlich nachzuvollziehen suche? Weil ich selten einen Film gesehen habe, der so lange braucht, bis er die Schicksalsgemeinschaft, über die er offenbar berichten möchte, zusammengedröselt hat, die eigentlich die Story spannend machen und vorantreiben soll. Denn mit dem Sklaven hat es durchaus eine besondere Bewandtnis. Bis es in diesem Film allerdings so weit ist, ist mehr als eine Stunde vergangen. Eine Stunde allerdings voll wunderschöner Kalenderfotografie.

Sonntag Oscarnacht!

Es ist mal wieder so weit, die Oscars werden vergeben. Wie jedes Jahr finden Montag regulär Pressevorführungen statt, die, wie jedes Jahr, sehr schlecht besucht sein werden. Denn wer was auf sich hält, guckt die Oscars live, von ein Uhr früh bis kurz vor sechs.

Ich habe, ebenfalls wie jedes Jahr, nicht alle Filme gesehen, die zur Auswahl stehen, daher kann ich keine wirklich gute Einschätzung der Chancen vornehmen. In früheren, privaten, Oscar-Tippspielen lag ich meistens sehr falsch, weil zu oft Wunsch Vater des Gedanken war. Ergo versuche ich es dieses Jahr gar nicht mit einer Prognose.

Für die vielen Grüppchen von Cineasten, die sich landauf, landab tief in der Nacht erwartungsfreudig um die Flimmerkisten sammeln werden, gibt es jedoch eine Menge Möglichkeiten, sich die Nacht zu versüßen. Hier einige davon:

  • Der Westen aus Essen hat die Oscar-Kandidaten auf einen schönen, 2-seitiges Sofa-Stimmzettel eingedampft, mit dem man das klassische Oscar-Lotto veranstalten kann. (an besten beidseitig ausdrucken, so hat jeder nur ein Blatt)
  • Die Academy höchstselbst bietet ein Oscar Party Kit mit Koch- und Cocktailrezepten. Die Amerikaner haben’s natürlich leichter, bei denen kommt die Verleihung ja zur Prime Time. Natürlich gibt es auch hier einen Stimmzettel, und außerdem ein Oscar-Bingo für 9 Teilnehmer. (Bingo-Spielregeln hier! Ich nehme an, beim Oscar-Bingo gewinnt, wer als erster eine Reihe oder Spalte markieren kann. Jeder Mitspieler bekommt eine Karte.)
  • Diese Designerin hat ein eigenes Oscar-Bingo für 12 Teilnehmer kreiert. Da es nicht „offiziell“ ist, ist es sicher wesentlich lustiger.
  • Auch im iTunes Store gibt es eine Menge Apps zum Thema Oscar, manche ermöglichen auch ein Oscar-Lotto. Ich hab das nicht näher getestet.
  • Bei Kritikerpapst Roger Ebert gibt es satte 100.000 Dollar zu gewinnen, und zwar für den- oder diejenigen, der sämtliche 24 Oscars richtig tippt. Outguess Ebert heißt dieses Tippspiel.Hier geht’s zur Teilnahme, beim Überfliegen der Regelnhabe ich nichts gefunden, was darauf hindeutet, dass man aus Deutschland nicht teilnehmen dürfe. Nimmt jemand teil, weil er es hier gelesen hat und gewinnt, wäre ich für eine kleine Spende sehr dankbar!
  • Weitere Tippspiele gibt es natürlich massenhaft, hier zum Beispiel Prinz, Moviereporter und Filmstarts.de. Bei MovieMaze.de organisieren sogar die Fans ihr eigenes Tippspiel! Auf englisch sucht man übrigens am besten nach „Oscar Pool“ oder „Oscar Bet“. Und man schreibt es immer noch „Oscar“, nicht „Oskar“…

Und nun: Viel Spaß, eine gute Nacht und möge der beste Film gewinnen!

Der ganz große Traum des Konrad Koch

Wie der Fußball nach Deutschland gekommen ist, soll nacherzählt werden, „frei nach wahren Begebenheiten“ und mitproduziert von Degeto.

Die schlimmsten Befürchtungen, die die zwei erwähnten Rahmenbedinungen erwecken, werden erst mal besänftigt, indem in griffigen Szenen und Dialogen die Ankunft des Lehrers Daniel Brühl alias Konrad Koch im Braunschweig des Jahres 1874 geschildert wird. Koch hatte in Oxford studiert und dort den Fußball kennegelernt. Zu sehen ist, wie Schule im wilhelminischen Deutschland preußisch gehandhabt worden ist mit Tatzen und Strammstehen, mit Sprechen nur nach Aufruf mit anschließendem Aufstehen. Wie in dieser Schule die Weltsicht zelebriert wurde, dass England ein Feind sei, eine Kolonialmacht, alles Englische suspekt. Trotzdem soll versuchsweise an dieser Schule Englisch unterrichtet werden.

Auch die Darsteller vermögen erst mal zu überzeugen. Daniel Brühl als Lehrer in kariert englischer Kleidung mit einem in Papier eingeschlagenen Fußball im Gepäck, Burghart Klaussner als Schuldirektor. Es gibt auch da und dort was zum Lachen, allerdings nicht so fundamental, dass es berichtenswert wäre, und das englische th zu sprechen ist eh schwierig.

Doch das Glück, über einen möglicherweise gelungenen deutschen Kinofilm sich freuen zu können, dauert nicht lange. Je weiter die Exposition fortschreitet, desto deutlicher wird die Moral, die doch recht betuliche, behagliche Sofamoral, die unterscheidet zwischen den Guten, dem Lehrer mit den neuen Ideen, dem Direktor der das fördert, dem guten, begabten Proletarierjungen und den Bösen, dem Verhinderer, dem Fabrikanten, Geldgeber und Vorsitzenden des Fördervereins der Schule und seinem nicht top-intelligenten, verwöhnten Sohn, der dem Proletarierjungen eine Säge in den Schulranzen packt, damit der Verdacht, den Rohrstock entzwei gesägt zu haben, auf diesen fällt.

Ein kleiner Witz ist der, dass der Lehrer in der ehemaligen Hausmeisterwohnung Logis bezieht und dort alles so lottrig und verkommen ist, dass schon beim Koffer auf den Tisch Wuchten das Kaiserportrait von der Wand herunter fällt. Später dann, Koch ist gerade nackt, sucht die Mutter des Proletarier-Kindes, die wegen der Säge zum Direktor zitiert worden ist und die, das ist schon an den Haaren herbeigezogen, wie sie die Schule verlässt, eine Haarsprange verliert, die in den Gulli vor der Hausmeisterwohnung fällt und die sie nicht rausfingern kann und darum den Hausmeister sucht und da klingelt wo Hausmeister steht, aber ein nackter Lehrer drin ist, der die Tür öffnet, sie sieht den nackten Daniel Brühl, stösst einen Schrei aus, er hält das Wilhelmportrait vor seine Blöße und sie sagt, sie möchte den Kaiser sprechen, na ja, so witzig ist das auch wieder nicht (dieser kleine Gag, der auch mit dem vorgeblichen Thema des Filmes nicht das geringste zu tun hat, wird so aufwändig eingeführt, dass man das am ehesten noch hinnehmen könnte als Ulk zum Selbstzweck in einem ersten Übungsfilm eines Studenten. Besser hätte man eine Szene eingefügt, die uns den Lehrer etwas näher gebracht hätte, wie Koch in England gelebt hat, wie ihn Fußball getroffen und fasziniert hat, warum ihm das so wichtig wurde, Fußball nach Deutschland zu bringen).

Bald darauf sind wir in der Fabrik, wo die alleinerziehende Proletariermutter arbeitet, der gerüffelte Sohn ist bei ihr und da hebt zum ersten Mal so richtig deplaziert und störend diese bauchig-leer-voluminöse Degetomusik an, die uns je dürftiger die Geschichte fortgesponnen wird und je weniger die Autoren ihr trauen, desto pompöser um die Ohren geschüttet wird.

Um die Story abzukürzen, eine Moral der Geschichte scheint im Satz von Koch aufzuleuchten „Ich habe meine Fähigkeiten überschätzt und den deutschen Starrsinn unterschätzt“. Es wird also nicht leicht, den Fußball in Deutschland einzuführen. Das war ja wohl zu erwarten.

Erwägung.
Vielleicht war das Problem der Drehbuchautoren, diese Geschichte „frei nach wahren Begebenheiten“ zu erzählen. Sie sahen sich also zum „Erfinden“ genötigt. Intuitiv haben sie mit Daniel Brühl als dem Lehrer Konrad Koch angefangen und so hatten sie eine Hauptfigur anhand der sie die Geschichte hätten fortspinnen können, was anfangs ja auch geschieht und funktioniert; dann haben sie sich wohl in Erinnerung gerufen, dass sie nicht die Geschichte von Konrad Koch erzählen wollten, sondern wie der Fußball nach Deutschland kam. Und so haben sie zusehends Koch aus den Augen verloren; und der Zuschauer damit die Figur, mit der er er sich in die Geschichte mitnehmen liess – das hat ja opakinomässig auch ganz gut gepasst. (Oder sie sind in die Bredouille gekommen, weil sie den Traum von Koch nicht ernst genug genommen haben, ihn nicht auf seine Begründung und Wichtigkeit hin untersucht haben). Inzwischen scheint den Produzenten oder den Verleihern des Filmes auch gedämmert zu haben, dass da was nicht stimmt, denn der Titel des Filmes wurde revidiert von „Der ganze große Traum“ zu „Der ganz große Traum des Konrad Koch“, was natürlich den brüchig gesponnenen Erzählfaden in keiner Weise verstärkt, was diese Brüchigkeit eher noch deutlicher rausstellt.

Statt dem Traum zu folgen, zeigen die Autoren nun, wie bös die Bösen, wie gut die Guten sind; wie das Fußballspielen, das Brühl erst mit den Schülern treibt, verboten wird, weil nämlich der Lehrkörper bei einem unangemeldeten Besuch die Klasse nicht im Klassenzimmer, sondern in der Turnhalle beim Fußballspielen findet (damit, das war früh im Film eine der schönen Szenen, hat er den Kids auch spielend Englisch beigebracht) und wie die Herren in der Turnhalle auftauchen und ausgerechnet der Proletarierjunge einen gezielten Schuss in das Gemächt einer Knallcharge von Pastor schießt (was später zu der sinnigen Bemerkung führt, der würde wohl eh keine Kinder mehr zeugen) und darum muss dann, wie Kids und Lehrer nach dem Verbot wie zufällig im Park Fußball spielen (natürlich verabredet!), noch eine Szene in einem Kirchenraum reingeschrieben werden mit dem Knabenchor und dem verzückten Pastor, nur um zu zeigen, dass einer der Schüler mitten aus der Chorprobe abhauen muss zum Fußballspielen; das bringt doch die Geschichte nicht weiter; aber solche Dinge passieren eben, wenn man sich sein Thema nicht ganz genau klar gemacht hat. Wenn man diesen Traum  gar nicht erst als Traum vorstellt und auch  keine Begründung dafür hat. Ferner muss, wegen exakt dieser defizitären Bearbeitung des Themas und weil folglich genügend Erzähl-Platz frei bleibt, noch ein Verhältnis vom Industriellen-Söhnchen zum Hausmädchen her. Könnte abgekupfert sein aus einem Ratgeberheft „wie schreibe ich einen Groschenroman“. Was hat das mit dem „ganz großen Traum“ von Koch zu tun? Wo wollen diese Autoren das Drehbuchschreiben gelernt haben, nach welch merkwürdigen Rezepten? Was basteln die uns für Geschichtenkonstrukte vor?

Bemerkungen.
Ein moralisch, behagliches Lehrstück für den TV-Furz-Sessel.
In grässlichem TV-Hochdeutsch weggesprochen (gut, Braunschweig ist nicht die Welt und nicht weit von Hannover).
Burghart Klaussner als hellwacher Schuldirektor.
Die alte Pädagogik ist so einseitig negativ dargestellt, dass der Zuschauer kein Problem hat, auf welcher Seite er zu stehen hat (wenn die moderne Pädagogik soviel besser ist, warum klagen dann die Lehrer über frühes Burn-Out-Syndrom?).
Die Geschichte verkommt mit jeder Filmminute mehr zur Schmonzette, wogegen immer dumpfere Degeto-Weichspülermusik auf die Tonspur geknallt wird.
Es ist eines, einzelne Szenen sauber zu arbeiten, ein anderes aus den Szenen erstens einen Bogen zu schaffen, beim Thema zu bleiben und dann noch ein heutiges, waches Kino zustande zu bringen, was hier garantiert nicht gelungen ist.
Dann das naive Weltbild, Fußball als idealistische Weltrettung und Förderer des Fair-Play; was ist heute für ein Millionengeschäft daraus geworden.
Dieses Jahr ist in Deutschland die Frauen-WM. Die Frauen in diesem Film kommen schlecht weg, haben kaum Eigenleben, werden von Drehbuch und Regie vernachlässigt, aber in keiner Weise ist das als kritisch erkennbar.
Weltbild von grosser Schlichtigkeit, fernseheinfältig dargeboten als eine Geschichte, die mit unserer Erfahrungswelt nichts zu tun hat – Filme werden jedoch für die Menschen von heute gemacht und nicht für die Untertanen von Kaiser Wilhelm; dass unter anderem mit öffentlichen Rundfunk-Geldern ein so simplizistisches Menschenbild dargeboten wird, halt ich zumindest für bedenklich, ja geradezu für peinlich. Gebührengelder für die Einfalt – ob das im Sinne der Gebührenerfinder ist?
Klischeesätze: Lehrer Koch „ich wollte immer alles besser machen als mein Vater; nun sehen Sie, was draus geworden ist“ – hängt im luftleeren Raum, das Verhältnis von Koch zu seinem Vater wurde an keiner Stelle thematisiert, vorbereitet; hätte ja eventuell der Knackpunkt für den Film werden können; wenn denn die Autoren ihr Thema ernst genommen hätten und versucht hätten dran zu bleiben, so hätten sie auf die lächerliche Erfindung von Szenen wie oben erwähnt, die nichts mit der Story zu tun haben, verzichten können und statt dessen die Geschichte spannend machen: Fußball als der ganz große Traum eines Mannes, der vielleicht unter einem ungelösten Vater-Sohn-Konflikt leidet oder was auch immer; das hätte die entscheidende Motivation werden können, den Fußball nach Deutschland mitzubringen; das hätte ein Scheitern oder eine Gefährdung des Projektes auf eine existenzielle Ebene gehoben; nichts davon in dieser Seicht-Story! So klein und nebensächlich und in Packpapier eingehüllt wie dieser ganz große Traum in den Film eingeführt wird, so prosaisch wird er auch ausgepackt; um die Spannung für einen Kinofilm zu stemmen muss allerdings ein weit stärkeres Need her, als ein in Packpapier eingewickelter Fußball und ein Lehrer, der aus England kommt und von Fußball und der Idee des Fairplay angetan ist.

The Green Wave

Mit The Green Wave ist jene grüne Welle gemeint, die um die Wahlen 2009 in Iran eine gewaltlose Revolution anzetteln wollte und deren gewalttätigen Folgen sekundenschnell dank moderner Kommunikationstechnik weltweit auf Youtube zu sehen waren. Ahadi, der Regisseur, hat auch viele der bekannten Youtube-Szenen in seinem Film drin. Das schafft Erinnerungs-Erlebnisse. Darum herum arrangiert er Interviews mit der elegant in Gelb gekleideten Friedensnobelpreisträgerin und Juristin Dr. Shirin Ebadi, mit Professor Dr. Payam Akhavan, dem ehemaligen UN-Ankläger, mit dem schiitischen Geistlichen und Philosophen Dr. Mohsen Kadivar, der nicht versteht, dass Khomeini der Gewalt nicht Einhalt gebietet, mit dem Blogger Mehdi Mohseni und mit der Journalistin Mitra Khalatabar.

Grün ist ungefähr die Farbe, die in diesem Film am wenigsten bis gar nicht vorkommt. Dunkle Farben dominieren, vor allem in jenen Teilen, die in Comic-Manier nachbearbeitet worden sind.

Eine Nachbearbeitung, die bestimmte Dinge an Szenen, besonders hervorstellen kann. Zum Beispiel die Düsternis einer Gefängniszelle, menschliche Überbleibsel einer Schlägerei, die Vorbereitung zur Vergewaltigung Gefangener, wie ein Mensch erschossen wird, wie Männer sich in einem Gefängnishof an die Wand stellen müssen und wie dann die Stimme des Bloggers sagt, dass jeder zweite rausgenommen worden ist und er seither von seinem Freund nichts mehr weiss, wie einer, praktisch nur noch Körper, nach Folter und Vergewaltigung irgendwo in gelber Wüste vom offenen Deck eines Komibs runtergeschmissen und liegen gelassen wird.

All diese Szenen, wo Menschen Opfer illegitimer und sinnloser Gewalt werden, die erhalten durch die Foto-Zeichentrick-Nachbearbeitung eine unglaubliche Intensität, lösen Beklemmung aus, was sie ja auch sollen.

Am bedrückendsten sind die Sequenzen, wo Texte eines Bloggers im oben erwähnten Verfahren bebildert werden; er schildert, wie er gefangen genommen worden ist, völlig unschuldig, wie er in einen total überfüllten Gefängnisraum kam, wo fast nur verletzte Menschen eng zusammengepfercht waren, so dass man nicht mal sitzen konnte, und wie da auch gestorben worden ist, wie sie dann mit gebrochenen Gliedmassen endlich wieder ans Tageslicht kamen und das Licht in den Augen brannte.

Ahadi lässt auch einen Schläger der Polizei zu Wort kommen, der selber erzählt, wie er Menschen mit einem Messer übel zugerichtet habe, so dass sie den Rest des Lebens die Folgen noch spüren werden.

Ein Film, der von Neuem dazu anregt, nachzudenken oder zu versuchen herauszufinden, wie es zu solchen Gewaltexzessen kommen kann.
Ein Film aber auch, der einem die Zusammenhänge nicht verdeutlichen kann, wie so etwas überhaupt zustande kommen kann.
Der Versuch einer ersten Zusammenschau etwa ein Jahr nach den Ereignissen. Also noch sehr nahe dran an den Vorgängen und kaum mit narrativem Weichspüler verdünnt. Harte Kost, hochaktuell.

Pina tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren

Ein geschmackvolles Pina-Bausch-Gedenkalbum auf Kinoleinwand und in 3D.

Das Album enthält Tanzausschnitte aus verschiedenen Choreographien von Pina Bausch: wilde, erdige Tänze aus „Le Sacre du printemps“, fröhliche, fast kindliche Wasserspiele aus „Vollmond“, die merkwürdige Fremdheit von Nähe Suchenden im „Kontakthof“ und radikal abstrahiertes und seziertes Paarungsverhalten aus dem „Café Müller“. In diesen Ausschnitten kommt Pina Bausch durch ihr Werk zu Wort.

Es gibt mehrfach dazwischengeschnittene Filmbetrachtungsszenen, ein stilisiertes Publikum, in Tanzahltung sitzend, schaut auf einer Leinwand Szenen, in denen Pina Bausch selbst zu sehen ist in Interviews, bei der Arbeit.

Jedes Ensemble-Mitglied bekommt in diesem Album eine eigene Doppelseite. Auf der einen werden die Tänzer und Tänzerinnen einzeln vor diesem Windhauch von Voile-Vorhang stumm fotografiert, stummes Sein vor der Kamera. Darüber ist ihre Stimme zu hören mit einem sehr persönlichen Satz zu Pina. Auf der anderen Seite widmet jedes Ensemblemitglied Pina ein kleines getanztes Solo an den verschiedensten Locations in Wuppertal, selbstverständlich in der Schwebebahn, in aufgelassenem Industriegelände, Industriebrache, Fabrikhallen, in wildwestähnlicher Abraumhalde, auf einem Grünstreifen zwischen Fahrbahnen, in elegantem Loft, im Park, in moderner Architektur, mitten in der Stadt.

Und immer wieder bildet für kurze Sequenzen das Ensemble eine Art Tatzelwurm, der unaufhörlich mit vor der Brust rhythmisch-zitternd geballten Fäusten sich durch nichts und gar nichts und vor gar keinem Weg aufhalten lässt und strahlend lacht, hier berührt der Tanz die Grenze zur Urgewalt des Archaischen.

Man mag nun Kino als eine Art Fotoalbum mögen oder nicht, man mag 3D mögen oder nicht, man mag Wim Wenders mögen oder nicht, Fakt ist, dass mir nach Durchblätternlassen dieses Albums im Kino der Tanz in den Knochen juckte. Während des Screenings habe ich mich mehrfach gefragt, ob ich diesen Film als Anlass zu einer Reflektion über 3D nehmen soll. Jetzt frage ich mich, ob mir dieser Tanzimpuls auch so in die Glieder gefahren wäre, wenn der Film nicht in 3D gewesen wäre, wenn nicht Wim Wenders ihn so geschmackvoll und stilsicher gestaltet und gleichzeitig sich voll auf das Wesentliche von Pina Bausch, ihrem Ensemble und ihrem Werk konzentriert hätte. Fakt ist aber auch, dass ich die Frage im Moment nicht beantworten kann.

Jack in Love

Ein Mann mit 40, der noch nie eine Frau penetriert hat, dennoch davon träumt, es endlich zu tun, der dürfte gesegnet sein mit einem gerüttelt Maß an Zukurzgekommensein und Ängsten und psychischen Dellen, an Kompliziertheit und Depro und Psycho. So einer ist Jack. Er ist Limousinenfahrer und ein befreundetes Ehepaar fühlt sich berufen, in dieser aussichtslosen und erstarrten Situation Katalysator zu spielen und Jack mit Conny zusammenzubringen. Boot fahren (der Originaltitel „Jack goes boating“ scheint mir aussagekräftiger als „Jack in Love“) ist ab da sein poetischer Begriff für die angepeilte Penetration.

Im Hinblick darauf wird Jack versuchen, was aus sich zu machen. Er lernt schwimmen und kochen. Und vor allem vergeht viel Zeit mit Diskutieren darüber, wie es Clyde (dem kuppelnden Freund) ergehe, über einen körperlichen Angriff oder das Betatschen von Frauen, über einen Vater, der im Koma liegt, aufwacht und nach Hause geht und dann einen tödlichen Unfall hat, über eine blinde Mutter, über das Bootfahren und Schwimmen; alles muss be- und zerredet werden, so wollen es die Psychotischen, Seitensprünge, das Räuspern als Ausdruck von Unsicherheit, intime Kontakte und Penetration, der ideale Mann und dass Jack jetzt den Finger rausnehmen soll.

Bierernst, Wasserpfeife, Hasch und Koks sind wichtige Zutaten zu diesen Diskussionen. Und über diese entwickelt sich der Film, der in der IMDb als „comedy“ und „romance“ geführt wird, zusehends in Richtung Psycho und Depro, zu etwas das aussieht wie das Produkt eines Psycho-Workshops, der sich 40jährige jungfräuliche Junggesellen zum Thema gemacht hat.

Dschungelkind

Speiübel könnte einem werden, wenn man diese geistlose Mampfe ernsthaft  reflektieren sollte. Über 2 Stunden Bilder aus dem Dschungel mit geleckten Schauspielern, die ein chronisches Degeto-Lächeln aufgesetzt haben und drum herum die Eingeborenen, die nicht viel mehr Individualität zugestanden bekommen als Tiere; oder nicht mal soviel, wie bei uns eine Hauskatze. Diese müssen mit fürchterlichen immer schön degetokeuschen Kostümen furchterregende Kriegstänze aufführen. Oder dann stehen sie als stumme Statisten in der Gegend rum. Man sollte vor oder nach diesem Film die Dokumentation über Bruno Manser von Christoph Kühn zum Vergleich herbeiziehen, seine Dschungelbilder, und wer dann diesen Dschungelkind-Film nicht auf den Müll werfen will, dem ist wirklich nicht zu helfen.

Ein weiteres vertanes Biopic, das auf Erfolg dank literarischer Vorlage spekuliert und mit abgedroschenen Fernsehtexten arbeitet, wo hast Du die Flip-Flops? Ein Film, den man sicher im Unterschichtenfernsehen verstrahlen kann, aber im Kino dürfte bei der billigen Bearbeitung des Stoffes, bei dem überaus schwachen Drehbuch wenig Erfolgschance bestehen.

In den Voice-Over-Texten der Rahmenhandlung ist eine junge Frau als Subjekt erkennbar, man sieht sie in einer Winterlandschaft, einer deutschen, und sie kündigt an, sie habe eine besondere Geschichte zu erzählen. Mit  einer Feld- Wald- und Wiesenweisheit derselben Voice-Over-Stimme endet der Film.

In der zähen Sauce dazwischen ist der Erzählstandpunkt ausgeblendet. Da herrscht die hierzulande sattsam bekannte  Roman-Illustriererei. Es wird versucht, das Leben dieser deutschen Familie zu bebildern:  der Vater ist Sprachforscher mit Forschungsauftrag, irgendwann hat er plötzlich ein Tonband, irgendwann einen Funkverkehr, irgendwann kommt Post, irgendwann haben sie ein Boot mit Motor, irgendwann hört man einen Hund im Hintergrund bellen, irgendwann ist plötzlich ein Zeitsprung über einige Jahre und der kleine Bub ist ein junger Mann geworden; nichts wird eingeführt in diesem wirren Bilderbogen.

Es gibt zwar jede Menge Zwischentitel, à la Fotoalbum: Erste Begegnung (große Oper!!). Der Stamm der Fayus. Meine Freundin Faisa. Der erste Krieg. Eine Andere Welt. Urlaub in der „Heimat“. Allein. Heimweg. Vergeben Lernen. Die Zeit vergeht. Der große Regen. Der entscheidende Krieg. Der Fluch.

Keine Szene ist richtig intensiv, keine Szene hat einen Konflikt, das ist alles wie Höhlenmalerei und Herr Thomas Kretschmann, der den Vater gibt, schnauzt seine Texte perfekt einstudiert in hohem Dozierton in geruchsneutral deodoriertem Hannoveraner-Deutsch weg. Das gilt dann wohl als Schauspielkunst.

Erotik ist vorbeugend schon mal nirgendwo.

Es ist ein Clash of Cultures. Die dummen Eingeborenen und die gelegentlich etwas überfordert wirkenden Film-Europäer. Ein Film, der zeitlich immer im Irgendwo ist, die Menschen sind in keine kontinuierlichen, sich fortspinnenden Handlungsabläufe eingebunden. Sie sagen, sie fahren in die Heimat. Und schon sind sie in der Eisdiele und der Kleine darf kotzen. Es gibt keine Jahreszahlen und keine Jahreszeiten. In Deutschland ist immer Winter. Im Dschungel immer Sommer, was nicht weiter verwundert. Nach dem Regen werden Käfer bekämpft. Die Frau ist Ärztin, will den Eingeborenen beibringen, dass Krankheiten kein Fluch sind.

Der Film kalkuliert mit dem Dschungeleffekt und dem Kolonialisations- und Missionars-Gen der Europäer. Er nutzt schamlos den Folklore-Effekt aus. In der Heimat stehen die Kinder im Schnee, sind glücklich und strahlen. Und dann sind sie schon wieder im Dschungel.

Dann noch Kinderlieder, wie die Kinder Flöte spielen oder der Bub im Wald, der singen soll, ein Männlein steht im Walde und heult dabei, so ein Kitsch, denn dort liegt der verletzte (verfluchte) Auri, den dann die Mutter pflegt, vom Fluch befreit, bis er, sprunghaft, fast am Ende des Filmes plötzlich ein gutaussehender junger Mann mit einem kleinen Känguruh in der Hand ist, und dann doch stirbt und Kretschmann bedeutungsvoll die Hütte anzündet. Es wird Szene an Szene gereiht ohne Konzept, vielleicht sind es die Buchkapitel, die irgendwie und mit diesen typischen Fernsehdialogen illustriert werden sollen.

Hier kann man im Kino die Qualen eines Fernsehzuschauers erleben.

Ich bin ein Kinofan– holt mich hier raus!

3-faltig

Nein, zünden tut dieser Film nicht. Und provozieren auch nicht. Wie denn auch, bei dem einfältigen Plot. Hage, der Heilige Geist, will das Musical “Holy Spirit Megastar“ zur Aufführung bringen und just auf den Premierentermin hat Gott die Apokalypse vorgesehen. Das hört sich an nach dem Käseglocken-Humor kriegstraumatisierter Vorväter, doch wenn heutige, erwachsene Berufs-Menschen das aufführen und das noch in einem keinesfalls homogenen Cast-Mix, so kann man sich nur fragen, was die sich gedacht haben mögen dabei, und wer heutzutage so was noch lustig finden wird und dafür einen Kinoeintritt hinzublättern bereit ist. Allfällige Förderer und Finanziers dieses Filmes müssen wohl in großer geistiger Einöde leben, dass sie diesem Produkt Erfolgschancen einräumen.

Hexe Lilli – Die Reise nach Mandolan

Die hilfsbereite Lilli soll mit Hilfe des kleinen Drachens Hector im fernen Königreich Mandolan dem Großwesir Guliman auf den Thron verhelfen, denn der schleudert den falschen Aspiranten immer wieder runter. Lili kommt bald dahinter, dass Guliman kein Recht auf den Thron hat und den richtigen König gefangen hält. Natürlich bringt sie das alles nach Bestehen vieler Gefahren und Mutproben wieder ins Lot. Dabei helfen ihr ihre Zauberkünste, der Beduinenjunge Musa und die Hexenmutter mit der Glaskugel.

Eine spannende Kinder-Abenteuer-Geschichte, etwas zu fernsehordentlich erzählt, aber was solls, das spielt keine große Rolle, weil die Geschichte gut dem abenteuerlichen und oft gefährlichen Faden folgt und die Fantasie der Kinder nicht außen vor lässt und Lili sowieso eine patente Identifikationsfigur für jedes ganz normale kleine Mädchen abgibt.

Zwei Punkte, die für mich als Hinweise auf das Prädikat „fernsehordentlich“ relevant sind.
Wenn der König nach seiner Befreiung vom Balkon des Palastes zu seinem Volk spricht, so hört sich das an wie ein Hofmarschall, der einen königlichen Erlass verliest. Ohne jede persönliche Beteiligung. Was will uns Michael Mendl, der diesen König als Schauspieler gestaltet, damit sagen? Dass der König kein Herz habe? Dass er, wenn er amtlich spricht, sich überhaupt nicht anmerken lässt, dass er gerade eine sehr bittere, erniedrigende Erfahrung gemacht hat, nämlich dass er zu Unrecht im Gefängnis einsaß? Oder hat Mendl sich eventuell, aus Gründen der schnellen Routine, gar keine Gedanken gemacht, also das wollen wir ihm nicht unterstellen. Aber welche er sich für diese Rede gemacht, hat, das wird jedenfalls aus dem Rest der Rolle nicht schlüssig ersichtlich. Man vergleiche dazu, zwar vor vollkommen anderem Hintergrund und auch direkt thematisiert, die Rede von George VI an die Nation am Ende des hochgelobten Filmes The King’s Speech, der gleichzeitig ins Kino kommt.
Eine weitere, auch sprecherische Sache, betrifft die Stimme des Drachen Hector. Michael Mittermeier verleiht diesem einen Touch von begeisterungsloser Schwerfälligkeit, die in eigenartigem Kontrast zur animierten Figur steht, hier driften Bild und Ton für mich unangenehm und vom Inhalt ablenkend auseinander = geminderter Genuss.
Solche Punkte sind Holprigkeiten in der filmischen Realisierung, die meiner Ansicht nach zu einer deutlichen Verkürzung der Halbwertszeit dieses Produktes beitragen.