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Film Socialisme (Filmfest München)

Manuel de Oliveria hat vor einigen Jahren eine philosophische Kreuzfahrt unternommen mit Gedanken zu Europa. Diesmal sticht Godard in See. Er radart auf einem älteren Luxusliner den panmittelmeerisch-europäischen Kultur- und Geschichts-Raum im Zeitfächer vor allem der jüngeren Geschichte ab. Dazu montiert er jede Menge Footage aus der Filmgeschichte, aus Philosophie, Dichtung und Musik. Wie immer liebt Godard Texttafeln dazwischend, diesmal geht es meist um Dinge, Dinge, des Choses, Solche Dinge, Ebensolche Dinge. „No Comment“ ist die letzte Tafel, da schliesst sich schon der Kinovorhang.

Auf einem Kreuzfahrtschiff haben alle einen Grund, ein Motiv für die Fahrt. Alle sind in einen Zusammenhang eingebunden. Der Zusammenhang ist der Weltkrieg, ist Gold aus Spanien, ist Palästina. Eine Kreuzfahrt ist eine zu bewältigende Sache. Darum sind die Leute alle irgendwie angespannt. Das Meer rauscht vorbei. Godard liebt es auch, die Geräusche von Motoren oder Fahrtwind zu montieren, und zwar alles andere als naturalistisch, vielmehr mit Brüchen in der Sound-Continuity und auch mit Bearbeitung, Verstärkung, Verfremdung des Soundmaterials in Richtung weniger angenehmer Effekte als des dumpfen Gleichklangs einer Schiffsmaschine. Es hört sich dann an wie ein Mikor im Wind ohne Schutz.

Die Passagiere haben viel Zeit, sich gemäss Godards Radarsystem über alles zu unterhalten, was vielleicht ein, ja man muss es von ihm geradezu erwarten: ein heutiges Gesamtbewusstsein über dem Mittelmeer- und Europaraum mit seiner Geschichte der letzten Jahrzehnte, ja der letzten Jahrtausende, auch die Kreuzzüge werden erwähnt, herausgebildet hat, heraugebildet haben könnte.

Überraschend, wie stark ihn immer noch der zweite Weltkrieg beschäftigt, für wie virulent er ihn noch hält. Bevor wir alles vergessen. Oder: überraschend vielleicht eher, wie stark wir Zeitgenossen den schon vergessen haben. Er montiert das Material aber alles andere denn als eine Mahnung. Er sichtet und sieht und montiert.

Es gibt geographische Zwischentitel; eine Kreuzfahrt, die braucht Anlaufstellen: Aegypten, Palästina, Odessa, Hell As, war da was mit Griechenland? Napoli. Hat Griechenland nicht gerade gestern Europa vor dem Untergang bewahrt? Baute Europa viel mehr nicht immer schon auf Hellas? Demokratie und Tragödie wird Godard im dritten Teil dieses Filmes in Verbindung bringen.

Und immer wieder die Frage, wieviel vom spanischen Gold auf seiner Reise bis Odessa schon verschwunden sei. Godard beschäftigt aber auch, dass Hollywood von lauter Juden gegründet worden sei. Er zählt ihre Namen auf. QUO VADIS EUROPA fragt sich Godard. Er reflektiert über das mütterliche Blut und den Hass.

Vielleicht ist er dann seekrank geworden Oder sehkrank vor lauter leicht fibrierender Kamera? und ihm ist eine andere Variante seiner Art des Filmemachens in den Sinn gekommen. Er ist immer gerne in Industriebetriebe gegangen. Das Kino sollte ja die Welt verändern, sollte eingreifen in die Ungerechtigkeiten an den Arbeitsplätzen. Sollte diese auf die Leinwand bringen und damit ins Bewusstsein.

Hier ist es eine Garage J. J. Martin. Ein Filmteam ist mit Kamera zugange. Der kleine Sprössling der Garage, der Blondschopf ist ein kommendes europäisches Kulturtalent, er tut zu klassischer europäischer Musik schattendirigieren. Er ist umgeben von einem Lama und einem Esel. Aber zeichnen kann er bereits wie Renoir. Will heißen, er kopiert ihn. Das benutzt Godard in der Postproduktion wiederum für fantastische kulturverzerrende Farbeffekte

Die junge Frau von der Tankstelle steht zwischen den Zapfsäulen und liest Balzac. Sie lässt isch nicht gerne stören. Sie hat ein Programm: sie will 20 Jahre alt sein und sie will immer recht haben. Eine andere Frau, eine Intellektuelle oder Sekretärin?, Autorin vielleicht oder nur Verwalterin und Sammlerin von Texten?, steht an einer Mauer, macht Notizen, hört Anleitungen oder einfach Worte oder Sätze aus dem Off. Auf der Wand hinter ihr dreht sich der Schatten eines Windrades, Schattenwirbel um einen europäischen Kopf, einen Kulturkopf, einen Kulturverwalterkopf.

Wie immer bei Godard geht es auch ums Wirtschaften im Betrieb, dass er allen, die da arbeiten, gehören müsse. Armes Europa, liest Balzac und dann das.

Das Mittelmeer, das Mittelmeer; Godard lässt ab von der Tankstelle; die Seereise ist noch nicht erledigt. Hellas, die Demokratie und die Tragödie stösst ihm auf. Ob sich da je was machen lässt. Eine Uhr kommt ins Spiel, die goldene Uhr, die ein Junge im ersten Teil geklaut hatte und wie er über die Decks hochjagte und der Verfolger dann hinfiel; sie zeigt keine Zeit an,. sie stammt aus den Pharaonen-Gräbern, sie zeigt die graue Vorzeit, die Nacht der Zeiten an.

Auch wenn Godard an der Zeit leiden mag, an den Verhältnissen, mir scheint, er habe sich darin auch ein bisschen eingerichtet. Denn ob seine Message deutlich genug ist, ob sie sich nicht gewaltig versteckt hinter dem Wust an Footage, den er mit unendlichem Fleiss und Geschmack sichtet, auswählt und montiert, ob seine Message nicht immer nur undeutlicher wird und er vielleicht gar nicht versteht, warum das keiner mehr verstehen will oder kann. Würde mich echt mal interessieren, was er glaubt, mit solchen Filmen noch zu verändern. Oder geht er mehr auf einer akademischen Ebene um die Frage des Umganges mit Filmmaterial, der Grob- und Feinsortierung im Kopf? Je ne sais pas.

Die Einsamkeit der Primzahlen (Filmfest München)

Wie ein Improvisation zu den Bewusstseinszuständen früh verletzter Menschen, die zu kompliziert Liebenden werden, kommt mir dieser Film von Saverio Costanzo vor. Vielleicht ist es auch ein filmischer Versuch, wie das Gedächtnis, die Erinnerung in solchen Fällen arbeiten mögen. So kann ich mir jedenfalls die Bildbearbeitung erklären, die oft einen sehr impressionistischen Eindruck macht, die sehr mit Licht und dessen Auflösung in Partikel spielt oder mit der Auflösung fast alles Erkennbaren im Licht, im Dunst.

Es geht um die Liebe, das Verhältnis zwischen Alice, der Hinkenden mit der Narbe am linken Oberschenkel, wundervoll gespielt von Alba Rohrwacher und Mattia, der im zarten Alter von acht Jahren sein Zwillingsschwesterchen aus Wurstigkeit heraus am Rummel allein gelassen hat und die dann verschwunden ist. Die Erinnerung wird an dieser Stelle wie im Regen ertränkt. Auch akustisch wird der Regen mit spontan improvisiert wirkender Musik verstärkt, wie der achtjährige Mattia von der Geburtstagsparty zurückkommt, zu der er ein in einem grossem Paket verpacktes Puzzle mitgebracht hat und zu der er das Schwesterchen nicht mitnehmen wollte.

Auf dem Kindergeburtstag gibts eine Szene mit einem Clown. Erzählt wird die Rotkäppchen-Geschichte. Nach dieser Szene steht der Junge im Regen in der Helligkeit vor einer langen Tunnelröhre.

Alice hat übrigens mitten in einer Schulaufführung, bei der die Kinder zauberhafte Figuren spielen, einen Schreianfall, ein Phänomen, was bei ihr öfter auftritt.

Die Verletzung von Alice ist beim Skifahren passiert. Der familiäre Aufenthalt in den Bergen im feinen Appartement wird ausgiebig geschildert, fantastische Aufnahmen der verschneiten Gegend und des Bergpanoramas betten ihn in einen grandiosen Rahmen. Der wird kontrastiert durch einen immer wieder zu sehenden verloren wirkenden Hotelflur. Die Erinnerung an die Abfahrt, an die Gondelfahrt geht zusehends im Nebel verloren. Dazwischen sitzt das Mädchen wie eine Prinzessin in einem Riesenbett und schaut ein grausames Comic-Kindermärchen am TV. Zuerst wird am Hof ein Dieb gefangen. Der soll hart bestraft werden. Eine Frau erbarmt sich und bittet den König, den Jungen zu verschonen, er habe nur Hunger gehabt. Also lässt der König den Jungen laufen und wie er sich entfernt, erschiesst er ihn von hinten; darauf möchte die kleine Alice nicht mehr raus in den Schnee.

Die Erlebniss der beiden Kinder, das war 1985.

Schnitt zu 1991. Jetzt gehen sie in die höhere Schule, sind in dem Alter erster Paarungen, der aufgeregten Erwartung der ersten Küsse, der ersten Dates; aber Alica hinkt und wird von ihren Mitschülerinnen verlacht. Dann begegnen sie sich, sie mit ihren Freundinnen kommt dem Mattia mit einem Kumpel entgegen; sie fasziniert ihn sofort wegen ihres Defektes – er selbst entwickelt in der Zeit immer stärker den Hang zu Selbstverstümmelungen, Glasscherben in der Hand zerdrücken – später, wenn man ihn dann fettgefressen sieht mit seinem wissenschaftlichen Job in Jena und ersten Auszeichnungen ist sein Körper voller Narben.

Die Mädchen wollen also die Jungs zur Party einladen. Mattia will erst nicht, aber er frägt Alice schon bald, warum sie hinke. Zuerst sagt er ab. Dann sagt er doch zu. Weil sie ihn zuhause blöd anmachen, er habe ja keine Freunde. So reagiert er trotzig, doch er habe welche und er werde zur Party gehen. Auch dieser Discoabend wird im Discolärm, resp. in der Erinnerung an den Discolärm ertränkt; die Lichtgestaltung versucht auf die Effekte mit der Lichtkugel noch einen drauf zu setzen. So dass Alice und Mattia auf ihre Bitte hin sich in ein Zimmer weiter oben begeben und sie frägt relativ direkt, ob sie küssen sollen. Er weicht aus.

Das war 1991.

Es kommt 2001. Mattia geht zum Studieren nach Jena. Komisch, die Phase fällt mir im Moment schlecht ein. Jedenfalls ist der Mattia dieses Alters sehr dünn, während Alice gut füllig ist. Alice ist inzwischen Fotografin geworden. Man sieht sie oft in ihrem Clo, was auch ihr Fotolabor ist. Alles in Rot. Sie wird zur Hochzeit einer Freundin eingeladen und will unbedingt, dass Mattia ihr Begleiter sein wird. Er wird ihr sagen, dass er nach Jena zum Studieren geht. Es kommt zu vielen Erinnerungen und Gesprächen.

Gegen Ende des Filmes haben Alice und Mattia den Kontakt zu einander verloren. Es ist sechs Jahre später. Mattia ist jetzt richtig fett geworden, man sieht ihn Toilette machen. Er nimmt einen wissenschaftlichen Preis entgegen.

Alice ruft seine Eltern an, lässt sich die Adresse geben, schreibt ihm, er solle sofort kommen. Sie ist total abgemagert, martert sich, bricht leicht zusammen, ist geschieden, sie war mit einem Fabio verheiratet, sie will Mattia sehen; schon sitzt er im Flieger, denn auch er ist allein geblieben.. Er klingelt bei ihr. Sie liegt gekrümmt und nackt auf dem Bett. Sie geht zur Tür. Ah, er ists. Moment. Jetzt legt sie ein Kabinettstück in schnellem Anziehen hin, trotz Entkräftung und Cigarette im Mund hin, bis sie ihn in einem ganz knappen Rock empfängt. Ob sie ihm was zu essen machen soll. Derweil sitzt er gedankenverloren im Salon. Nachher geht er. Setzt sich auf eine Bank in der Nähe. Sie kommt dann dazu. Sie beugt ihren Kopf hinter ihm stehend über die Schulter auf die Brust. Damit endet das Bild im Film. Der Ton geht noch weiter. Man hört Schritte sich entfernen.

Ein komplexer Film, auch durch die ständigen Ineinanderschnitte der verschiedenen Zeitebenen, der sehr bewusst macht, wie die gefährliche Erinnerung nicht abzuwehren ist. Ja fast sieht es so aus, als könnten sich diese Menschen gar nicht gegen ihre Erinnerung wehren, selbst wenn die Musik sogar versucht, ihnen dabei behilflich zu sein, diese zu verdrängen, gelingt aber auch nicht, selbst diese massive Musik kommt gegen die Macht der Erinnerung der Verletzten nicht an.

Es handelt sich um eine Koproduktion, die sinnvoll erschien, bei der wirtschaftliche Überlegungen nicht die künstlerische Freiheit bandagieren, sondern sie beflügeln. Kompliment an die Bavaria. Deutschland hat sich als Koproduktionsland, was zusätzlich Gelder brachte, vom Roman von Paolo Giordano, der dem Drehbuch zugrunde liegt, angeboten. Im Roman studiert Mattia irgendwo im Norden. Jena und die schönen DDR-Mosaike passen prima.

Der Primat des Künstlerischen, ja des Experimentellen scheint sich vor den Zwängen der Koproduktion durchgesetzt zu haben, durchaus zum Vorteil des Filmes.

Einzig die deutsche Synchronisation scheint von diesem künstlerischen Furor vollkommen unbeleckt, gerade die Männer schreien sowas von platt und unsensibel, wenn sie aufgeregt sind. Glück für die Filmfestbesucher: hier ist die Originalfassung mit deutschen Untertiteln angekündigt.

Confessions – Geständnisse (Filmfest München)

Da ist es wieder einmal, das gelegentliche Rezeptionsproblem mit asiatischen Filmen. Zum einen sprechen die Leute oft sehr schnell und deutsche Übersetzungen, sprich Untertitelungen können sehr lange sein und nur kurz zu sehen. Dieses Problem ist hier prima gelöst, sowohl was die Sichtbarkeit als auch Verständlichkeit der Untertitel anlangt.

Das andere Problem ist das der Physiognomie. Für mich jedenfalls ist es immer schwierig, die einzelnen Figuren zu unterscheiden, und auch noch die Namen, die sich für uns doch alle sehr ähnlich anhören: Moriguchi, Watanabe, Naoki Shimomura – also bei genauem Hinschauen sind die schon sehr verschieden, aber mir fehlen dann vielleicht die Eselsbrücken, sie zu merken.

Mit den Gesichtern habe ich das Problem, besonders wenn es sich um junge Darsteller handelt und erst recht, wenn sie alle noch ähnliche Frisuren haben, lange oder kürzere grade schwarze Haare und wenn die Kids dann noch wie hier meist Schulunfiormen tragen. Nur das Opfer, das Mädchen das kleine ist durch ein kitschiges Requisit, ein Handtäschchen, charakterisiert.

Aber das Mädchen sehen wir vor allem tot im Teich. Um diesen Tod geht es im Film. Genauer gesagt, um die Rachefantasien, in die sich die Beteiligten hineinsteigern.

Das erste Opfer ist die Lehrerin, die Mutter des Kindes, das zwei ihrer Schüler umgebracht haben.

Zur Erzähl-Methode von Tetsuya Nakashima muss noch erwähnt werden, dass sie sich streng nach dem Titel richtet. Der Film ist in Kapitel eingeteilt. Ein jedes ist das Geständnis der Rachefantasie eines der Beteiligten. Die Geständisse sind sehr innerlich, sehr reflexiv gesprochene Monolge, sei es der Lehrerin, oder der mörderischen Schüler, die auf die perfide Rachefantasie der Lehrerin mit noch perfideren Rachefantasien reagieren. Jedes Kapitel hat eine angenehm unaufgeregte, besonnene Voic-Over der jeweiligen Hauptperson.

Anfangen tut es mit dem Geständnis der Rachefantasie der Lehrerin. Wie allerdings bereits die Schulklasse geschildert wird, dieser Lärm, dieses explosive, schier nicht zu bändigende Leben, dieser ständige Aufruhr und Pegel, allein das ist schon geniales Regiewerk. Und wie anfangs die Milchtüten überall da sind, durch die Luft fliegen, wie sie auskippen – und immer wenn eine Bewegung oder ein Unfall spannend wird, dann geht die Kamera nah ran, verlangsamt die Aufnahme und bewirkt so die irrsinnigsten Effekt, die noch dazu immer grandios ineinander geschnitten sind, die Effekte, der Tumult in der Schule, die Rückblenden auf das Vebrechen und der Lehrerin sanfte Voice-Over.

So geht es in allen Kapiteln. Jedenfalls gibt die Lehrerin Ende der Stunde bekannt, dass sie den beiden Tätern, die sie kenne, Schulmilch zugesteckt habe, die mit dem Aids-Virus infiziert seien und sie sagt es ganz drastisch und direkt, wie lange die Inkubationszeit laufe und wie die Krankheit dann verlaufe und ende.

Im Gegenzug zu dieser Rache entwickelt der eine der Mörder, ein wie es heisst hochbegabter Schüler, was später auch wieder in Zweifel gezogen wird, eine böse Bombe, die er bei seiner Dankesrede für einen Preis, den er erhält, unterm Rednerpult versteckt hat und mit dem Handy zur Explosion bringen lassen will. Je intelligenter einer ist, desto raffiniertere Tötfantasien kann er entwicklen. (Kim Ki-duk wird sich in seinem Film ARIRANG, der auch am Filmfest läuft, wunderbar aufregen darüber, wie leicht es sei, das Böse im Film darzustellen).

Jedenfalls wird der Auftritt gezeigt. Der Schüler steht am Rednerpult, sehr diszipliniert bejubelt vom grossen Auditorium. Er steht vorn, streckt einen Arm in die Höhe, mit der anderen Hand versucht er mit dem Handy die Bombe, die eine ungeheure Zestörungskraft hätte, zur Explosion zu bringen. Aber nichts rührt sich. Er schaut nach. Die Bombe ist entfernt worden. Nun bringt ihm die Lehrerin, die alles vorhergesehen hat, die Auflösung, und sie selbst hat die Bombe, die wohl dieletanttischst gebastelt worden sei (also nix da mit superintelligent) und leicht zu entschärfen, mit einem Knipser mit der Drahtschere unschädlich hat.

Es geht dann um Relief, um Erleichterung
Dabei hatte der böse Schüler noch Raskolnikov zitiert mit dem Satz vom Recht auf das Töten. Spätestens mit dem Anruf der Lehrerin nach der nicht statt gefundenen Bombenexplosion wird klar, dass es sich hier nicht um einen Revenge-Streifen der üblichen Art handelt, sondern viel mehr um ein Spiel mit Rachefantasien; es kommt auch kurz die Psychologie ins Spiel: die Lehrerin hat beim bösen Schüler wunderbar seine Einsamkeit als Schwachstelle analysiert. Darüber wir ein Lied eingespielt, dessen Text fragt, erinnerst Du Dich an den Pfad, auf dem wir uns trafen, lang, lang, lang ists her.

Rachefantasien sind menschlich, aber für die Realisierung ungeeignet. Das ist die hier in cineastisch brilliant bebilderter Atemlosigkeit vorgetragene These. Drum kann am Ende auch das Wort vorkommen, es sei ja alles nur ein Witz gewesen.

Als kurze Gedankenpausen in den Monologen, die diese GESTÄNDNISSE aussprechen, gibt’s immer wieder den Blick auf einen malerischen Wolkenhimmel, Wolken, die in gewittrigen-giftigen Farben drohend leuchten und schnell herbeiziehen.

Dass es sch vielleicht doch um einen augenzwinkernden Witz über Rachefantasien gehandelt haben könnte, zeigt erst das allerletzte dieser Wolkenbilder, welches schon weit zwischen den Titeln im Abspann platziert ist: da lugt zum ersten Mal die Sonne kurz hervor! Das Augenzwinkern des Himmels.

The Journals of Musan (Filmfest München)

Hier die koreanische Variante für die Dardenne-Strömung im Weltkino. Dabei dürfte auch erstaunen, mit welche Leichtigkeit in Korea ein solcher Film, der offenbar sehr genau beobachtet, produziert wird. Im Gegensatz zum auch heute auf dem Programm stehenden MAJORITY aus der Türkei, würde ich hier allerdings nicht von einem explizit abstrakten Thema, wie Unterdrückung der Minderheit durch die Majority sprechen. Hier geht es um den Überlebenskampf eine Outsidergruppe in Südkorea, wenn ich das richtig verstanden habe, Menschen, die aus Nordkorea abgehauen sind, die illegal in Südkorea leben, resp. mit gefälschten IDs und die sich am Rande der Gesellschaft in anonymen Megavorstädten von Seoul vermutlich durchschlagen. Insofern ist dieser Film vielleicht näher beim Dardenne-Modell dran. In der englischen

Der Regisseur selbst spielt die Hauptrolle, den defector, wie die aus Nordkorea abgehauenen in der englischen Untertitelung heissen, JEON Seung-chul.

Die defectors sind eine Aussenseitergruppe, halten aber offenbar auch wichtige illegale Geschäftsadern nach China aufrecht. Das wird deutlich bei einem Bewerbungsgespräch unseres Protagonisten für einen Job als Kurier nach China, der immerhin pro Reise 200 Dollar bringen würde, viel im Vergleich zum bescheidenen Stundenlohn von drei oder vier Dollar als Plakatkleber. Den Kurierjob erhält er aber nicht, obwohl er wegen der Sprachkenntnisse geeignet wäre, aber seiner ID ist wegen der Nummerkombination die Fälschung sofort abzulesen. Das würde an der Grenze sofort auffallen.

Jeon verdient etwas Geld als Plakatkleber, er ist bei einem Bekannten untergekommen in einer Wohnung in einem riesigen Wohnblock. Der Hauptbewohner ist ein älterer Nordkoreaner, den sie alle den Detective nennen und der sich auch ein bisschen um die neu angekommen Flüchtlinge kümmert, ihnen Obdach bietet oder Jeon auch das weiße Hemd für den Sonntagsgottesdienst leiht.

Jeon scheisst sein Job als Plakatkleber ziemlich an, er macht ihn nicht besonders gut, die Plakate halten nicht lange; er läuft sowieso etwas verstört und verschlossen rum. Wir lernen ihn kennen, wie er an einer endlos langen Plakatwand am Rande einer vielspurigen Stadtautobahn Plakate klebt. Dann watschelt er mit seiner Umhängetasche für die Plakate und einigen Kleberollen am Arm über ein Ruinenfeld eines abgebrochenen Dorfes auf die mächtige Kulisse an Wohnblocks zu. Dort wäscht auf dem Boden im Clo ein blutiges Kleidungsstück; eine Frau kommt rein, setzt sich auf die Closschüssel, raucht. Es ist die Geliebte eines Mitbewohners. Denn da ist ein weiterer Nordkoreaner, den er schon von früher kannte. Der war immer etwas halbseiden, und wie wir bald sehen, ist es noch. Er ist aber erst nett zu Jeon, kauft ihm eine wärmende Daunenjacke. Gleichzeitig will er aber noch Hosen klauen im Laden. Der Alte geblieben.

Jeon hat aber noch ein Ausfluchtsumfeld und das betritt er sehr ernsthaft. Es ist die Kirche. Dort verliebt er sich in eine Sängerin vom Chor. Er geht ihr nach, sieht dass sie in einer Karaoke-Bar arbeitet. Er bewirbt sich auch dort und kann als Bedienung anfangen. Eine Karaoke-Bar ist ein Etablissement mit vielen Separees, kleinen Tonstudios, in denen ein bis zwei Personen Karaokesingen üben können. Jeon darf Getränke servieren. Da er aber ein sehr verschlossener Mensch ist und Gefühle nicht zeigen kann, da sich einiges in ihm aufgestaut haben dürfte, zettelt er eine Schlägerei an. Ihm passt es nicht, dass ein Mann eine Frau begrapscht, obwohl die das mit Vergnügen mit sich machen lässt.

Nicht genug des Ärgers. Solchen bekommt er auch mit einer anderen Gruppe von Plakatklebern, die finden er dürfe nicht in ihrem Revier Plakate kleben. Die lauern ihm im Ruinenödland vor den Hochhäusern auf.

Einmal steht er auf dem Balkon der kleinen Wohnung. Im Zimmer bumst der Detectiv gerade eine Frau. Ganz neugierig schaut Jeon durchs Fenster. Er hat sowas nicht. Er ist sehr einsam. So wie der Hund, den er kauft, eine weisse Mischung, ein niedliches kleines Tier, für das er eine Hütte aus Pappkarton baut.

Das Mädchen vom Kirchenchor, das er jetzt kennengelernt hat, möchte übrigens nicht, dass die Gemeindemitglieder erfahren, dass sie sich kennen und dass sie in dem Etablissement arbeitet.

Beim ersten Mal, da die Plakatkonkurrenten ihn verfolgen, rennt er davon, überquert unter Lebensgefahr die Autostrasse – direkt einem Polizisten in die Arme. Busse: 20 Dollar.

Rührende Szene: zuhause angekommen schlafen die Kumpels schon, einer auf dem Bett, einer auf dem Boden, angezogen, er deckt sie mit Decken zu.

Der Halbseidene aus der WG möchte, da ihm hier der Boden zu heiß wird, in die USA abhauen. Sie haben ein Hustler-Magazin vor sich. Und Jack Daniels. Sie unterhalten sich über den Unterchied zwischen amerikanischen und koreanischen Titten. Und in den USA würde man 8 Dollar die Stunde verdienen. Der Halbseidene verdient sich ein bisschen Geld mit Reden bei Veranstaltungen zur antikommunistischen Erziehung für Nordkoreaner.

Der Halbseiden versucht jetzt, da ihm die Kohle ausgeht, den Hund von Jeon zu verkaufen. Aber eine Mischung will niemand. Er zerrt ihn dann brutal hinter sich her. Schließlich lässt er ihn einfach auf der Strasse stehen. Jeon muss ihn dann suchen. Vielleicht ist diese südkoreanische Geschichte doch etwas sentimentaler als die erwähnte türkische. Zum Beispiel ganz am Anfang schenkt die Bettgefährtin vom Detectiv dem armen Schlucker Jeon ein wunderschönes Kopfkissen in Herzform, das er rührend anschaut, wie ein Nackenrolle zwischen seinen Hals und die Wand klemmt und so an die Wand gelehnt ein Buch liest. Was für eines, wissen wir nicht.

Es gibt dann mit dem Halbseidenen grössere Problem um 25`000 Dollar, die verschwunden sind. ER wird von seinen Geläubigern gesucht, sie zerstörunge die Wohnung. Und nur Jeon kann dorthin zurück, um das Geld aus dem Hundhäuschen zu retten. Weil er ein gutmütiger Kerl ist, will er ihm das auch bringen. Schon sitzt er im Bus, den Hund auf seinem Schoss. Die Haltestelle nähert sich, wo der Halbseidene auf ihn wartet. Er sieht ihn. Er duckt sich. Er wird nicht gesehen. Jetzt ist das Geld sein. Frisch eingekleidet und frisiert taucht er nun im Karaoke-Etablissement auf. Und die Kirchenchorsänerin führt ihn offiziell in der Gemeinde ein und er wird Mitglied im Kirchenchor.

Nun ja, das wird dann doch etwas süsslich, so wie es bei den Gebrüdern Dardenne wohl nicht enden würde.

Andererseits gibt’s eine bittere Szene: vor den Gemeindemitgliedern gesteht Jeon, dass er in Nordkorea aus purem Hunger einen Menschen umgebracht habe. Weiter wird dieses Thema aber nicht vertieft.

Mein Fazit: ein interessanter Einblick in eine Ecke der südkoreanischen Gesellschaft und auch des Filmeschaffens, das sich heimischer Probleme annimmt. Genau richtig für ein Filmfestival.

Majority (Filmfest München)

Ganz in der Art der Gebrüder Dardenne, und das ist sicher eine der spannenderen Strömungen im aktuellen Kino, verfolgt Seren Yüce ganz nah Mertkan, den Sohn von Kemal, der wie schon der Name sagt ein durchaus stolztürkischer Familenvater und Geschäftsmann ist, durch sein Leben: Das ergibt auch einen spannenden Bericht über die Lebensverhältnisse in der modernen Türkei und wie nebenbei wird das zentrale Thema „Missachtung oder Unterdrückung von Minderheiten“ behandelt. .

Das wird in den ersten Szenen angekündigt. Sowohl das Verhältnis zum Vater. Der Vater läuft durch einen Wald mit dichten Stämmen und der dickliche, sprich verwöhnte Bub, 50 Meter hinter ihm her. Der Vater treibt ihn an.

Dann sind sie zuhause in einer gut bürgerlichen Wohnung in Istanbul angekommen. Die kurdische Putzfrau ist gerade im Flur mit Putzen beschäftigt. Sie begrüsst Mertkan mit einem Kosenamen und wird aus dem Off rigide korrigiert, wie man den Namend des Sohnes anzusprechen haben.

Dann kommt aus dem Zimmer, wo der Junge verschwunden ist, ein kindliches Bein, versetzt der Putzfrau einen Fusstritt in die Seite, dass sie gegen die Wand klascht. Ende Einleitung.

Ein Sprung über einige Jahre. Kemal ist jetzt erwachsen, wohnt aber noch zuhause. Er sollte im Geschäft des Vaters mitarbeiten, hängt aber lieber mit den Kumpels rum und onaniert zuhause, denn eine Frau oder Freundin hat er auch nicht.

Der Film begleitet jetzt Kemal in immer sehr kurzen signifikanten Szenen durch sein Leben, erfasst dabei seine verschiedenen sozialen Umfelder und berichtet etwas darüber und auch über die Spannungen, die innerhalb und zwischen den verschiedener Umfelder entstehen können.

Das eine Gebiet ist das Zuhause mit der fürsorglichen Mutter, die sich später im Film fragen wird, ob sie mit der Erziehung alles richtig gemacht habe. Das andere, das für ihn unanenehmste, ist das geschäftliche Feld von seinem Vater, der ein Bauunternehmer ist. Der schickt ihn einmal mit einer Ladung Holz an eine entfernte Baustelle, nur damit er weg von Zuhause und von dummen Gedanken ist. An der Baustelle können die gar nichts mit dem Holz anfangeb. Es gehört ein Büro dazu, wo er statt zu arbeiten am Computer Kartenspiele spielt, das wird in einer Szene ersichtlich, wie er Spielkarten auf dem Bildschirm hat und wie sein Bruder, der wohl nach dem Vater geraten ist, reinkommt und sich an den Computer setzen soll. Er muss erst zu den Seiten mit Zahlen und Tabellen wechseln. Es gehören die Baustellen dazu, zu einer solchen wird er, wie die Familie mit seiner Liebesgeschichte nicht mehr zurechtkommt als Wochenaufenthalter zwangsversetzt. Es gehört der Sauna-Besuch mit dem Vater und seinen Freunden dazu. Er darf einen Freund vom Vater, einen Teppichhändler und allenfalls auch mal Polizeirapportfälscher an den Schultern massieren. Hier wird von ihm verlangt, er müsse selbstverständlich zu Armee gehen, in den Betireb einsteigen und dann heiraten.

Zum familiären Umfeld gehört selbstverständlich seine Mutter, die sich nach seinem ersten Wochenaufenthalt in Gebze am dringlichsten nach seiner Wäsche erkundigt, die sie machen möchte. Die ihn aber auch früher geschimpft hat, dass selbst zwei Einkaufstüten zu tragen für ihn zu viel sei.

Sein Ausfluchtsumfeld sind seine Buddies, mit denen er rumhängt in Bars und Discos, mit denen er Hasch und Alkohol konsumiert über Frauen redet und die meist auch vergeblich anmacht.

Sein intimes Umfeld wird plötzlich erweitert durch Gül, eine Kurdin wie wir später erfahren, die in einem Imbiss jobbt. Erste Anbandelversuch lässt er aus Blödheit platzen, er hätte sie sehr gut auf ihrem Heimweg mitnehmen können mit seinem arroganten schwarzen Cherokee-Jeep, also mit dem vom Vater. Die Liebesgeschichte nimmt einen türkischen Verlauf. Einmal sitzen sie nur nebeneinander im Zimmer und dann muss er plötzlich los. Also, er hat Schiss gekriegt. Inzwischen haben Ganoven sein Auto aufgebrochen und den Musikplayer rausgeklaut. Das heißt Anzeige bei der Polizei, Ärger mit dem Vater und das Auto in die entfernte Garage bringen. Und von dort mit dem öffentlichen Bus, wie armselig eingeklemmt steht er dadrin, wie fremd, nach Hause fahren. Das nächste Mal bei Gül, sie hat ihn übrigens damit gekriegt, dass sie ihn handsome, so die englische Untertitelung, findet. Das hat ihm noch nie jemand gesagt. Und sie bringt ihm beim nächsten Treffen ein Geschenk mit, einen Bildband über Architektur. Er sagt, sein Vater baue andere Häuser und ein Buch habe er noch nie in Händen gehabt. Wenn das mal nicht tief blicken lässt.

Das zweite Mal sitzen sie erst lange nebeneinander. Eigentlich liegt in der Luft, was folgen soll. Das folgt dann erst mit einem urplötzlichen Kuss auf die Wange und sofortigem Rückzug. Dann stürzt er sich aber fast auf sie. Endlich der lang ersehnte Fick. Fuck and dump wird ihm später der buddy sagen. Mit den Buddies kann man sich ungeniert über die Frauen unterhalten.

Also die Beziehung kommt in Gan. Gül wohnt übrigens in einer Art Frauen-WG, da ist noch ein kleines Mädchen aus verwahrlosten Verhältnissen, das hier besser die Hausaufgaben machen kann und eine Freundin von Gül. Diese wird also bei den Eltern von Mertkan eingeführt. Für ein Bauernmädchen ohne Geschichte aus dem Osten des Landes hat nun Papa kein Verständnis. Das kann nur eine Kurdin sein. Die heiratest Du nicht.

Nun wird also Mertkan hin und hergerissen zwischen seinen verschiedenen Beziehungsfeldern und bringt nichts zustande.

Zwischendrin stirbt noch Mirschan, die kurdische Putzfrau. Da ist Mertkan einen Moment sehr melancholisch.

Dadurch, dass er Gül nicht mehr sehen soll, wendet er sich wieder mehr den Buddies zu, das heißt also auch dem Hasch und dem Alkohol. Es gibt noch einen beschssenen Anbandelversuch in der Disco. Und dann: eine Alkoholfahrt mit Sachschaden bei einem Taxifahrer. Das will eben der Vater mit einer Abänderung des Polizeibefundes aus der Welt schaffen. Er lässt auch den Taxifahrer, wie der mit der Restforderung bei ihm auftaucht, brutal abfahren und stürzt sich auf ihn. Der Teppichhändler ist der Retter in der Not und sorgt für die richtigen Protokolle.

In der heißeren Phase des Filmes trägt der alte Kemal, der mit dem Glatzkopf, also der Vater, einen grünen Pullover mit der Aufschrift RAPTURE (Begeisterung, Entzückung, Freudentaumel sagt mir Leos Internet-Dictionnary dazu). Während der Sohn einen Pullover trägt, auf dem zu lesen ist: erst das durchgestrichene Wort „Amuse“, dann „Desing MOOZ, was immer das heissen mag.

Die Geschichte mit Gül nimmt dann die Wendung, dass Verwandte aus dem Osten sie aufgespürt und sie zurück in die Heimat geholt haben. Zwangsheirt dürfte die richtige Assoziation dazu sein.

Als Resultat all der Krisen wird Mertkan für während der Woche vom Vater auf den Bauplatz von Gebze beordert und führt sich dort auf wie ein brutaler Diktator. Hat dann einen Reinigungstraum. Und dürfte ab da sein kemalitsiches Türkentum nach den Vorstellungen des Vater praktizieren können.

Ein spannender Soziorealismus, der viel über die heutige Türkei erzählt und sehr glaubwürdig inszeniert und gespielt wird, allen voran der untaugliche Sohn Mertkan von Bartu Kücükcaglayan. Türkisches Kino mit Weltformat.

Wedding in Bessarabia (Filmfest München)

Das ist eine fröhliche Werbeveranstaltung für das bei uns wenig bekannte Land Bessarabien oder Moldawien, was im Vorurteilswiderspruch zwischen Russland und Rumänien steht. Mit viel Folklore und auch Humor wird uns anhand einer gemischten Hochzeit einer bessarabischen Pianistin, Vica, mit Vlad, einem rumänischen Dirigenten dieser kleine Flecken Erde und seine Bewohner mit ihrem Temperament näher gebracht.

Die beiden sind noch ganz jung. Sie ist schwanger. Die Einnahmen sind mager und für geeigneten Wohnraum fehlt das Geld. Sie wohnen und leben in Rumänien. Da die Braut jedoch aus Bessarabien ist und eine Hochzeit dort ein einträgliches Geschäft, so ist die Idee naheliegend, dorthin zu fahren und nochmal Hochzeit zu feiern. Also machen sich die beiden auf den Weg. Wir begegnen ihnen zum ersten Mal in der Eisenbahn in einem altmodischen Zugsabteil kurz vor der Grenze von Moldawien.

An der Grenze bleibt der Zug stehen. Umständliche Grenzkontrollen. Da loben wir uns doch unser Schengen-Europa. Aber nicht nur das. Auch die Schienenbreite ist in Bessarabien anders als in Rumänien. Mit einem aufwändigen Verfahren müssen neue Räder unter den alten Zug geschoben werden.

Am Bahnhof in Moldawien wird das Paar schon erwartet. Die erste Begegnung mit dem Schwiegervater ist von einer Todesnachricht überschattet, sein Hund Ott ist nämlich verstorben. Ein dunkler Klang vor sehr vielen fröhlichen Akkorden, die uns noch erwarten werden. Als kleines Häppchen vorab gibt es eine Stadtrundfahrt, keine Attraktion, die diese Stadt, wie heisst sie noch, zu bieten hat, wird ausgelassen: Kirchen, Denkmäler, Repräsentationsbauten, Werbung für Moldawien in Reinkultur.

Die Hochzeitsvorbereitungen laufen auf Hochtouren. Als langes Hauptkapitel des Filmes folgt die Hochzeit selbst mit vielen Details in moldawisch unbeschwerter und lockerer Machart gefeiert und gefilmt. Der Begriff Mankurts spielt eine Roll, hat nach Google was mit dem Wolfsmann zu tun. In den Dialogen geht es immer wieder um die Vorurteile der Moldawier gegen die Russen, der Russen gegen die Moldawier, der Rumänen gegen die Moldawier und der Moldawier gegen die Rumänen. Ein fröhliches Spiel der Vorurteile und nur die Moldawier sprechen sowohl russisch als auch rumänisch, sind also in dieser Beziehung ihren grossen Nachbarn haushoch überlegen.

Die Hochzeit, das ist eine Abfolge der verschiedenesten Darbietungen, Auftritte, Musik, des Geldspendensammelns oder Eintreibens, kleinere Konflikte, der Tanz mit der Citrone, die die Partner mit der Stirn aneinanderdrücken, die ersten, die sie fallen lassen, müssen die Citrone essen, kriegen sie in feine Scheiben geschnitten serviert. Sprüche und Reden und Gesang und ein Verwandter verspielt gleich einen Teil des Geldes für das Hochzeitspaar und viele Couverts werden in das Haus aus Karton reingesteckt, es kommt einiges zusammen.

Ganz am Schluss gibt es im schon fast verwaisten Hochzeitssaal ein Casting, wofür habe ich nicht ganz verstanden, da treten vor allem junge Frauen, eine einzige begleitet von einem Gitarristen auf und trällern ein Liedlein vor. Aber das ist ein Problem bei dieser Kopie: da der Film sehr viel in hellem Licht spielt und die englischen Untertitel sehr porös sind, und dann noch äusserst kurz nur stehen bleiben, sind sie über grosse Strecken kaum zu lesen. Aber wer einer Reise nach Moldawien den Kinosessel vorzieht, kann nicht unbedingt jeden Komfort für sich reklamieren.

Und um die Liebe geht es selbstverständlich auch!

A Year without Summer (Filmfest München)

Diesen Film habe ich eher skeptsich zur Kenntnis genommen.

Ich habe mich gefragt, ob Tan Chui Mui auch das Bedürfnis gehabt hätte, diesen Film zu machen und irgendwie zu finanzieren, wenn es die europäischen Fördertöpfe, die im Abspann erwähnt sind, nicht gegeben hätte. Für mich ist dieser Film  ein Beispiel für Gewächse, die Subventionsmodelle hervorbringen, Gewächse, die künstlich bleiben, für die auch niemand ausserhalb des Förder- und des damit verbandelten Festivalbetriebes eine Verwendung hat. Vielleicht tue ich der Regisseurin Unrecht. Man müsste dann auch die anderen Filme von ihr sehen, wenn die denn so wesentlich wären.

Apichatpong Weerasethakul ist im Moment sehr In auch in vielen europäischen Kulturzirkeln. Für diese Art Kino sind sie offen und zeigen sich spendabel. Das entgeht potentiellen asiatischen Filmemachern nicht. Geh mit einem Buch, das indigenes asiatisches Leben ganz lose beschreibt nach Europa und die Geldtöpfe stehen Dir offen. Blöd, wer das nicht nutzte.

Das Rezept scheint einfach: asiatisches Landleben möglichst in Originalzeit ablaufen lassen, Dschungel, eine Familie, Essen, Fischen, den Dschungel roden, Meer, all das mögen die Europäer. Dann noch eine ganz einfache Geschichte, vielleicht auf zwei Zeitebenen erzählt. Hier sind es die Jugendfreunde Ali und Azam. Azam hält es nicht aus zuhause und haut ab nach KL. Siam ist zu eng. Das in ganz wenigen Szenen skizziert. Der Film fängt mit Azam an, der zurückkehrt.

Das Meer, ein Mann kommt aus dem Meer auf den Strand zu gelaufen. Es ist Jahre später nach der Jugendphase der beiden Freunde. Azam kehrt zurück. Ali ist mit Minah verheiratet. Die drei veranstalten eine Bootsfahrt auf ein „creepy island“. Verbringen dort die Nacht. Es gibt einige wenige Gespräche. Es wird der Vater von Azim zitiert, der gerne Geschichten von Meerjungfrauen erzählt habe und der mit seinem Vater auch nicht klar gekommen sei.

Azam trägt anfangs immer ein rotes Piratenkopftuch. Und natürlich sind es leinwandschöne Bilder, wenn drei Menschen bewehrt mit einer Batterietaschenlampe, einer Oellampe durch den Dschungel einer nächtlichen Insel gehen. Oder wenn sie nachts im Boot sind alle drei. Am Tag drauf veranstalten sie einen Tauchwettbwerb, weil Ali vorher auf der Insel erzählt hat, dass Minah drei Minuten tauchen könne. Sie will es aber nicht in der Brandung vor der Insel zeigen, das ist zu gefährlich, das macht sie dann lieber vom Boot aus im ruhigen Wasser. Und sie bleibt wohl ganze drei Minuten unten. Dann will Azam das auch nachahmen. Was dieser Tauchwettbewerb mit einer allfälligen Geschichte zu tun hat, das mögen die Dschungel- oder Wassergötter wissen; er bleibt jedenfalls sehr lange unten.

Während Azam noch taucht, verlangt die patschnasse Minah – die gehen dort alle immer in den Klamotten ins Wasser, weils so warm ist, – Minah aber friert auf dem nächtlichen Boot, so verlangt sie eine Cigarette und dann soll ihr Mann Ali sie mit einem Tuch wärmen. Derweil vergessen sie Azim, der immer noch taucht. Ali wird etwas aufgeregt, wie er wieder an Azam denkt und ihm auffällt, dass die drei Minuten längst vorbei sein müssen. Bis er schliesslich selber ins Wasser springt. Mit parallel einsetzenden Unterwasseraufnahmen, die aber keinen Azam finden. Derweil wartet eine Frau der noch älteren Generation an einem gedeckten Tisch in einem Haus. Also ich frage mich, was bittschön soll das alles. Die Tauchszene ist damit auch vergessen. So was könnte in jedem beliebigen Urlaubsfilm vorkommen. Hat hier auch absolut keine Bedeutung.

Ferner war beim Lagerfeuer auf der Insel zu erfahren, dass der Opa von Azam sich als Tiger bezeichnete und über „crazy obscure knowledge“ verfügte, Gespensterwissen, aber das ist nicht weiterführend, also heisst es den gefangenen Fisch braten.

Ali erzählt, er habe, weil er die Tochter des Lehrers liebte, bei diesem 3 Jahre Silat gelernt. Er solle das mal vormachen, verlangen die anderen. Die beiden Männer stehen kurz auf zu einem Ansatz von Kampf, und Ali rühmt sich, dass er ihn mit zehn Prozent der Kraft abgewehrt habe. Auch das ist sicher interessantes Wissen. Aber reiner Dekor. Geht es hier einfach darum, ein bisschen Asiatica den europäischen Förderern schmackhaft zu machen?

Manchmal ergeht es mir beim Versuch, einen Film zu rekapitulieren so, dass ich sagen muss, hey, das Buch war ja gar nicht so schlecht; auch wenn mir die Realisierung nicht gefallen hat. Hier aber hilft alles rekapitulieren nichts: dieser Film scheint mir eine beliebige Ansammlung mehr oder weniger zufälliger Szenen, „Asiatica“, die nur eines gemeinsam haben, die drei Hauptakteure und ihre jugendlichen Pendants und den Ort. Fast klassisch, nur leider fehlt das dritte Teil dazu vollkommen: die Handlung.

Jetzt zurück in die Jugend. Vater von Azam bei der Fruchternte. Azam sitzt passiv dabei. Jetzt muss er aber für den Vater „clear the Bushes“, also schnell nachwachsendes Grünzeug wegsicheln. Er sagt dem Vater, dass er weg wolle nach KL. Vater entgegnet, das koste 100 Ringit. Das ist viel. Job in KL? Das sei auch nicht leicht.

Die beiden Jungs im Dschungel. Sie finden ein Tier, das in eine Falle geraten ist, braten es. Azam fragt Ali, ob er ihm 20 Ringits leihen könne. Der Freund meint, er könne nur 5 geben.

Da bis jetzt alles dahingeplätschert ist, das hat wohl der Macher vielleicht doch gespürt, oder um zeigen, dass es natürlich mehr als nur Dschungel und Meer und Einheimische geben, fügt er jetzt plötzlich eine Ortschaft und ein Holzsägewerk in den Film ein.

Dann die Info, jemand sei gestorben. Das gibt Gelegenheit für Gräberfelderbilder: die Jungs kauern vor einem Grab. Im Hintergrund geht eine Reihe männlicher Trauergäste in den weißen, langen Hemden vorbei. Europäer mögen Friedhofsbilder.

Dann sind die Jungen am Meer. Sie finden eine Höhle. Aber ein Budget für ein Licht hat auch die Förderung nicht hergegeben. Also hört man das Gespräch der Jungs nur, während die Kamera sich Objekte in der besser zu sehenden Umgebung der Höhle sucht. Die beiden schicken eine Krabbe auf einem schwimmenden Untergrund in die Strömung. Die steigt dann runter. Ach, solche Dinge könnte man jetzt noch beliebig viele filmen! Einer ist von einer Krabbe gebissen worden. Dann kauern sie auf der Schattenseite vor einem massiven, ins Meer ragenden Felsen.

Die europäischen Förderer sollten wach und kritisch bleiben mit dem Einsatz ihrer Gelder kommt, gerade hinsichtlich vielleicht doch etwas überkommener noch vom Kolonialismus geprägter Bilder von anderen Kontinenten, Ethnien und Kulturen und sich nicht an diesen vielleicht unbewusst aber tief sitzenden Vorurteilen gängeln lassen.

Gekidnappt (Filmfest München)

Afrika mit seinen Widersprüchen und menschlicher, landschaftlicher und tierischer Schönheit und dem Elend, liegt den Weißen, die für das Elend mitverantwortlich sind, immer noch schwer auf dem Magen. Davon zeugt auch die nicht enden wollende Reihe von filmischen Versuche, mit dem Thema klar zu kommen.

Dies tut auch die dänische Regisseurin Vibeke Muasya. Sie schickt eine dänische Ärztin mit ihrem Sohn Simon auf Luxusurlaub nach Kenia. Die Ärztin ist mit einem Dänen verheiratet, sie haben Simon mit zwei Jahren aus einem Waisenhaus bei Nairoba adoptiert und zu Hause haben sie inzwischen noch ein eigenes kleineres Kind.

Die Regisseurin will nun Simon mit seinen Altersgenossen in einem Slum konfrontieren. Das geht so: er hat aus Dänemark einen schönen Fussball vom Vater bekommen mit der Unterschrift eines Fussballstars. Er kickt nun in der Hotelanlage, die merkwürdigerweise direkt an einen Slum angrenzt. Der Ball geht über den Hotelzhaun hinaus, wird von Slumkids gegriffen und die hauen ab damit. Simon hinterher.

So wird er nun mit der Armutsperspektive sehr detailliert und sehr grauenhaft konfrontiert werden. Aber die Kids verstehen sich schnell, er zeigt sich auch nicht sehr irritiert. Spät erst bemerkt die Mutter das Fehlen von Simon. Versucht ihn zu suchen. Das geht bis in eine Fernsehsendung, wo sie Geld auslobt, wenn man ihn wiederbeschaffe. Das sehen Ganoven und verschleppen Simon, der null Widerstand gegen seinen Ausflug zeigt. Sie fordern Lösegeld. Der Junge wird über einer Disco gefangen gehalten.

Die korrupte Polizei kommt ins Spiel. Inzwischen aber hat Amos, mit dem er sich sofort und unkompliziert anfreundete, sich mit einem Messer auf den Weg gemacht, schleicht sich über das Gebälk der Disco, befreit ihn. Es folgt eine unendlich lange, traumhafte, trancehafte Fluchtszene über das Gebälk, während direkt unter den Jungs der Discobetrieb auf Hochtouren läuft. Amos wird dabei angeschossen, bemerkt das erst viel später. Dann können sie die Eltern informieren.

Das Happy End; Amos kommt ins Spital und überlebt und auch seine Mutter bekommt die Spitalbehandlung, die sie nötig hat. Simon ist längst zurück in Dänemark. Er chattet live übers Internet mit den Jungs vom Slum und dann endlich haben wir unser altes Afrikabild wieder, lauter nette, strahlende schwarze Buben, die mit ihrem weissen Zähnen lächeln was das Zeugs hält; Afrikabild gerettet.

Der Film macht es einem nicht leicht. Er wird in einer unglaublichen Atemlosigkeit präsentiert, als ob die Macherin Angst hätte, sich Zeit zu lassen, kaum eine Eintellung dauert länger als ein paar Sekunden; das macht die Rezeption nicht leicht; noch erschwerender kommt hinzu, dass sie kaum über die dramaturgische Skizze hinauskommt und kein Bewusstsein für den Erzählpunkt hat, sodass sich die Empathie für die Figuren in Grenzen hält. Man kann ihnen ja auch nie länger zuschauen. Ausser bei ein paar Dialogen der Mutter mit der Polizei oder Hotelpersonal oder mit ihrem Mann und das ist dann gar nichts Besonderes. Irgendwie zu hart für einen Film, zu undifferenziert. Die Methode funktioniert einzig bei den Tanzeinlagen im Film. Kein Wunder, die Regisseurin kommt vom Tanz. Hat also auch die entsprechende Härt.

Pequenas Voces (Filmfest München)

Ein Aufarbeitungsfilm.

Es geht um traumatisiserte Kinder, traumatisiert von Vertreibung durch Guerillas, durch die Ausbildung zum Guerilla oder durch Gliedamputationen nach Raketeneinschuss.

Zuerst erklären die Macher ihr Vogehen. Es gab eine Menge Originalinterviews mit traumatisierten Kindern. Ausschnitte daraus sind auf der Tonspur zu hören. Es kristallisieren sich vor allem zwei Jungen und ein Mädchen heraus. Dann haben die Illustratoren kinderbuchähnliche Zeichnungen gemacht und diese animiert. Über den animierten Zeichnungen läuft die dokumentarische Tonspur.

Im Vornewegspann, in dem die Macher direkt in die Kamera ihr Vorgehen erklären, ist das Problem bei der Kopie hier auf dem Festival, dass das Weiß der Untertiteln vorm genaus weißen Hintergrund der Zeichnungen kaum lesbar sind. Der nicht spanisch sprechende oder verstehende Zuschauer wird also davon nicht viel haben.

Die Kindergeschichten. Der Grossteil beschreibt die glückliche Phase der Kindheit. Es sind Kinder von Bauernhöfen, die lange Zeit ein glückliche Kindheit hatten mit Kühen und Hunden und Familienglück, das wird so schön geschildert, dass es eine Welt für sich ist und sehr vergnüglich. Und obwohl man weiß, dass diese Welt gefährdet werden oder gar zusammenbrechen wird, kommt es einem nicht vor, als müsse es notgedrungen geschildert werden. Das ist garantiert eine Qualität dieses Filmes.

Dann kommen die Guerilleros. Mal sind sie nett. Mal nehmen sie den Vater mit. Mal muss der Junge mit. Mal wird die Familie vertrieben. Ein Junge muss zu den Guerilleors und wird dort trainiert. Einmal wollen sie zu mehreren abhauen, 5 werden erschossen. Oder vorher schon beim Training, das ist eine harte Szene, die Kinder müssen über einen Baumstamm, der über eine Einbuchtung im Gelände gelegt ist, balancieren, ohne runterzufallen, wer runterfällt und sich verletzt, der wird erschossen, brutal genug.

Aber unser Junge, der ist auf den Zeichnungen als der Schwarzschopf identifizierbar. Der konnte dann legal abhauen, weil er einen Verwandten unter den Guerillas hatte. Einmal gibt es einen Kampf und er hat sich versteckt. Ein Guerillero entdeckt ihn und und droht, ihn zu erschießen, wenn er nicht schieße. Er schießt dann in die Luft.

Sie bleiben relativ unindividuell die Geschichten, weil gewiss vieles, was sie erzählten, und was vielleicht nicht unbedingt jugendfrei war, nicht im Film erscheint. Das wäre natürlich interessant zu erfahren, was da drin geblieben ist überhaupt. Der kleine Junge, der zuhause auf dem Bauernhofe gerne mit dem Cowboyhut rumgelaufen ist, den erwsicht eine Explosion, ihm müssen dann ein Arm und ein Bein amputiert werden. Seine Heilung, die Prothesen, dass er wieder laufen lernt und sogar Fussball spielen kann und dabei lieber im Tor ist, weil er sonst die anderen Spieler verletzt, der bringt dann auch die gute Message, dass man weiter machen müsse und sich nicht durch solche Schicksalsschläge verbittern lassen dürfe, so mal locker übersetzt.

Prinzipiell sind die Geschichten aber nicht so leicht zu unterscheiden, da wir ja nur die Stimmen hören, und die auch noch spanisch sind und auch nicht immer klar ist, ob es eine Mädchenstimme oder eine Jungenstimme ist und die Dramaturgie der Zeichenfiguren ist keine subjektive, so dass sie ein bisschen entindividualisiert sind.

Das Guerilla-Camp. Eine Strafe: Essen beim Joggen. Dann das brennende Dorf. Die Helikopter, die auf dem zu erntenden Feld landen. Aber eben, die waren zu diskret, um das Ausmass der einzelnen Schicksale richtig klar zu machen. Vielleicht wollten die Macher nicht allzu viel der Grausamkeit. Prinzipiell ist es aber eine schöne Idee zur Verarbeitung von solchen Traumageschichten.

Aardvark (Filmfest München)

Aufschneiden und Wichtigtun gehören zum Film wie der Wirbel zur Trommel. Es ist ein Anfang, Begabung zu zeigen und sie gross zu präsentieren. Die Begabung besteht hier vielleicht in der Personenführung, im Inszenieren von Emotion, in Bildgestaltung, in einem sehr speziellen Sound; der Wagemut ist schon deutlich beschränkter, vielleicht gerade mal eine kurze Sequenz als Hörspiel zu zeigen, wenn der Blinde an der Tür von Candy Eintritt verlangt.

ABER: Begabung allein kann auch sehr langweilig sein, mit reiner Begabung können sich 80 Minuten sehr ziehen; ein begabter Bilderbogen kann dauern. Denn wenn einer nichts zu erzahlen hat, außer der Message, er sei begabt, er könne „Film“ im Sinne der amerikanischen Independent, was immer das sein möge, so ist das noch nicht unbedingt viel.

Zur geschäftlichen Begabung dürfte auch der Titel gehören, der mit zwei As beginnt und dadurch garantiert in den Festivalverzeichnissen (im normalen Kino würde ich dem Film kaum Chancen geben) immer an erster Stelle auftaucht.

Klug ist die Beschränkung der vorgeblichen Geschichte auf wenige Personen. Es gibt den blinden, alkoholabhängigen Larry; der freundet sich ein bisschen mit dem Brasilianer Darren an, der ihm Jiu-Jitsu-Unterricht erteilt, der wiederum hängt gelegentlich mit dem Kumpel Darius (gespielt vom Regisseur selber) rum; auch Darren ist Alkoholiker; man geht aus, säuft, macht blinde Autofahrten – alles sehr ergiebig für die Leinwand, aber nicht neu – da schließt sich ihnen Candy, eine blondes kurzhaariges Flittchen, auch sie filmschön – an und Larry verbringt sogar eine Nacht mit ihr. Dann wird aus unbekannten Gründen Darren umgebracht, Larry entdeckt die Leiche und weiß offenbar, dass Candy ihn zum Täter führen kann. Das könnte ein Filmhochschülerkonstrukt sein, dem zu einem Pflichtfilm nichts einfällt.

Die Geschichte, die anfing, als solle sie ein PR-Film über die Nützlichkeit des Jiu-Jitsu auch bei der Blinden- und Alkoholheilung werden (was krass ist, das geht mir erst jetzt auf, dass Darren zu harten Sachen greift); aber es zieht sich, diese ersten Lektionen, nur Männerkörper, die eng aneinandergeschmiegt sich auf dem Boden rollen oder verharren, dazwischen auch schön filmreif, was sage ich: werbefilmreif Darren oder Larry unter der Dusche; einmal Darren wie er sehr lange nur mit einer engen Shorts bekleidet schattenboxt; dann gibt es die Klique und den Mord; also muss noch ein Kommissar her, eine unförmige Eieerkopf-Figur, die wunderbar in einem kaum verständlichen Dialekt brabbelt, aber leider hat uns Kitao nichts zu erzählen, nichts was ihn scheinbar bewegt, außer dass er bewegte Bilder machen und aneinanderschneiden und musikalisch von Szene zu Szene individuell untermalen möchte.

Wie geistig simpel, wie anfängerhaft das alles von der Geschichte her ist, erhellt der Schluss, wirklich sehr anfängerhaft und man kann die Figuren dann überhaupt nicht mehr ernst nehmen, wenn Larry sich von Candy zum Täter führen lässt und er in dieser Villa ankommt, dann über den Garten zum Pool gerufen wird von einer Südamerikanerin, die noch ein Kind bei sich hat, dann tappselt der Täter mit Sonnenbrille hervor, setzt sich in Lehnstuhl, dann gibt’s noch eine kleine Haue von der Frau, die das Kind wegnimmt und dann ballert der Blinde auf den Sitzenden los, und nach ein paar Schreien ist Ruhe und der Blinde läuft weg.