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Kinds of Kindness

Kein Zuckerschlecken

Yorgos Lanthimos, zuletzt hat er mit Poor Things schwer beeindruckt, bleibt seinem Thema treu, der Grundfrage nach dem Humanismus, ob es so einen überhaupt gebe, oder ob man sich ihm auf dem Weg der Negation annähern könne. Vielleicht ist das eine Gefahr in seinem Werk, dass es in der Tiefenströmung predigthaft ist und eigentlich immer das Gleiche verkündet.

Humanismus heißt, dass sich alle Menschen gleich sind. Das doziert Lanthimos diesmal mit heiligem Ernst und auf die Spitze getrieben als Negation, als Austauschbarkeit, Austauschbarkeit auch der Charaktere und der Rollen.

Austauschbarkeit der Settings, der Szenen, so austauschbar, dass die Plots verschwimmen. Er erzählt vorgeblich drei Geschichten, jedes Mal geht es um die Hauptfigur R.M.F. (Yorgos Stefanakos), einmal isst er beispielsweise einen Sandwich, heißt es im Zwischentitel oder gleich zu Beginn soll sein Tod inszeniert werden.

Hatte Lanthimos noch in seinen Vorgängerfilmen auf eine unverwechselbare Ästhetik, Ausstattung und Kameraperspektive geachtet, so gilt hier geradezu das Gegenteil. Jede Szene könnte aus einem x-beliebigen internationalen Thriller stammen, der Niveau hat er, aus Blockbustern oder Fernsehkrimis, egal. Die Gleichmacherei herrscht.

Die motorisierten Protzmaschinen der Darsteller, die variieren zwar, mal ist es ein schwarzer SUV oder dann ein schnittiger Sportwagen, der immer wie wahnsinnig und übertrieben Gas gibt und keine 50 Meter kurvenlos geradeaus fahren kann oder es spielt eine Yacht mit, so anonym und gesichtslos ausgestattet wie irgendwas, Hauptsache protzig.

Auch seine Darsteller stiften vor allem Verwirrung. Lange hält das Echo aus Poor Things an mit Schnittmengen an Darstellern, denn deren Hauptpfund, Emma Stone und Willem Dafoe, sind wieder mit von der Party, in verschiedenen Rollen in jedem der drei Einakter, hier ebenfalls in verschiedenen Rollen ergänzt von Margaret Qualley, Hong Chau, Mamoudu Athie und Jesse Plemons.

Es ist ein Film, der dem Humanismus-Nerv reichlich Schmerzen bereitet. Die Figuren sind ruchlos. Im ersten Stück sollte Robert (Jesse Plemons) seinem Chef Willem Defoe einen mörderischen Gefallen tun. Hier verweist der Regisseur sogar auf die literarische Caligula-Figur von Camus.

Die Brutalitäten ziehen sich weiter bis hin zu Versuchen, Tote wiederzubeleben. Ausbeutung der Urständ des Sektiererischen und auch des Zwillingsthemas.

Es ist ein Film, den man sich vielleicht nicht so leicht merken kann, wie Poor Things, aber er wühlt ungeniert in den Eingeweiden des Humanismuszentrums, er versucht zu desillusionieren oder er predigt Desillusion und der einzige, der überlebt, wozu? Damit er Burger in sich reinstopft und dabei seine weiße Weste mit Ketchup bekleckert; ein vielleicht eher zynisch-augenzwinkerndes Fazit.

Nein, garantiert kein Genussfilm, so verkommen die Menschheit hier dargestellt wird – und hoffnungslos. Wie katastrophal Lanthimos die Menschheit für verrottet hält, gibt er auch mit nervigem Geklimper auf der Tonspur zu erkennen; hier wird gar nicht erst versucht, eine heile oder hoffnungvolle Welt zu simulieren. Fehlgeburten spielen genau so eine Rolle wie Verletzungen, Missbrauch, Gewalt in der Beziehung, KO-Tropfen, Voodoo.

Wozu auch mehr wollen, besteht doch der Mensch zu Dreivierteln aus Wasser – da können sie gelassen in den leeren Pool springen. Dass das mit dem Wasser-Thema des misslungenen Plakates des Münchner Filmfestes zu tun hat, dürfte eher zu bezweifeln sein.

Exzesse der Humanismusfrage. Schauderspiegel einer enthumanisierten Menschheit.

Kein Wort

Mutter-Sohn-Konflikt – unlösbar,

nein, im Kino, das ja auch eine Trauwelt sein kann und darf, wird der Konflikt zwischen Nina (Maren Eggert) und ihrem halbwüchsigen Sohn Lars (Jona Levin Nicolai) versöhnlich enden, nachdem sie sich doch dies und das kaputt gemacht haben, nachdem sie ihren Stadtmantel effektvoll über die Falaises geworfen hat, nachdem er einen Teller voller Spaghetti mit Handkantenschlag zertrümmert hat, nachdem dann doch – vernünftelnd wohl – die Mutter ihr Schweigen gebrochen hat und herausgerückt ist damit, was sie wusste, aber von dem sie vorgab, es nicht zu wissen in unausgesprochener Komplizenschaft mit dem Sohn.

Der wurde Zeuge des Todes von Clara. Das machte ihn wortkarg und suizidgefährdet. Daran erinnert die Kamera immer wieder mit Bildern von Fenstern oder Klippen, von denen zu springen in so einem Fall verlockend ist.

Fett symbolisch wird das Feuer eingeführt und dass man nicht spielen solle mit ihm.

Mutter ist Dirigentin und was hat Dirigieren mit dem Spielen mit dem Feuer zu tun? Und wie kann es zur Läuterung zwischen Mutter und Sohn kommen, die sich gezielt deshalb – es ist Winter – auf die Kanalinsel zurückziehen, die ihr Sommerferienort ist.

Fett symbolisch also auch die Kälte. Und die karge Landschaft, die die Kamera überzeugend einsetzt, erzählt das ihre dazu. Es ist wie ein psychologisches Dozierkino. Es wird unzweideutig behauptet, es kommen unzweideutig diese Drehbuchzwecksätze vor, die Realismus vorgaukeln sollen: „Hast Du was gesehen?“, „Komm, wir müssen zum Laden“, „ Die Fähre geht heute Abend“ oder, wie lange man brauche, um das Boot zu reparieren. Alles ist fett symbolisch. Symbolhafter als ein Boot, erst ein kaputtes, dann ein repariertes, geht nicht. Und über allem schwer lastende klassische Musik und, um dem Geschehen noch mehr Bedeutung zu verleihen, wird auch das gängige Theatermittel von Regen, Blitz und Donner eingesetzt.

Ein Film voller einsamer Figuren, alle in ihre kleinen Problemwolken verkapselt. Zentral ist der Mutter-Sohn-Konflikt. Mutter ist ständig im Stress. Sohn Lars steckt in Pubertätsproblemen und hat pyromanische Anlagen. Ein Mädchen an seiner Schule verschwindet. Wird nach 5 Tagen verbrannt aufgefunden. Lars ist ständig am Rande suizidaler Versuche und Mutter ahnt seine Verwicklung und geht gleich energisch gegen diese Möglichkeit von Wahrheit vor.

Die Regisseurin ist Hanna Slak, die auch für das Drehbuch zeichnet unter der Dramaturgie von Lena Reinhold und Francoise von Roy und redaktionell betreut von Nina John (BR), Carlos Gerstenhauer (BR), Barbara Häbe (Arte). Die Regisseurin schickt ihre beiden Protagonisten Mutter Nina und Sohn auf die Insel, damit die unausgesprochenen Konflikte eskalieren und explodieren können.

Vielleicht ist es des malerischen Effektes willen, dass die Dirigentin Nina mit ihrem Stadtmantel auf die Insel geht, hier über Ödland marschiert, um ihn dann mit großer Geste über einen Felsabhang in die Bucht zu werfen, vermutlich samt dem störenden Handy drin. Befreiungssymbolik, die aufwändig vorbereitet wird. Oder so einer der Darlings, die Drehbuchschreiber lieber killen sollten. Diese Mantelaktion ist umso verwunderlicher, als später zu sehen ist, dass die ganz gut eingerichtet sind mit genügend Wärmejacken in einem Schuppen in ihrem Ferienhaus.

Ein weiterer Liebling der Autorin scheint die Telefonstation auf der einsamen Kaimauer zu sein; ein weiterer schöner Effekt um seiner selbst willen. Dort klingelt es auch einmal, nachdem mehrere Handies nicht mehr funktionieren oder ins Wasser geworfen worden sind.

Auf der Insel lässt die Filmemacherin ihre zwei Protagonisten auch auf sich gestellt sein und die Mutter, jetzt im Parka, einen Abhang runterrutschen, während Sohnemann wieder auf einem Felsen mit dem Sprung in die Tiefe liebäugeln darf, wenn ihm da nicht Gwen (Juliane Siebecke) dazwischen käme. Gwen ist die behinderte Tochter einer Inselbewohnerin. Sie ist vor allem zu Illustrationszwecken der Pyromantik von Lars in den Film eingefügt. Zur Erhöhung der Dramatik ist einerseits düstere Klassikmusik und andererseits Gewitter, Blitz und Regen gut sowie der Ausfall der Fähre.

Möglicherweise ist der Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis von Mutter und Sohn das Blut, was Nina vom Abrutschen am Abhang auf der Wange hat. Das ist das Wunder; das ist der Weg zur Läuterung der Mutter. Jetzt kann der Sohn freundlich der Mutter Spaghetti schöpfen oder sie reparieren gemeinsam das Segelboot oder er verbindet ihr die Hand. Dabei wird es ein trautes Gespräch zwischen Mutter und Sohn über den Carla-Vorfall geben – in Grenzen „Manchmal ist es besser, wenn man Sachen nicht ausspricht“ (ein Satz, der aus einem Drehbuchseminar stammen könnte).

Und vor allem ist Mutter scharf drauf, den Suizidversuch von Lars, bei dem er in der Schule aus dem Fenster gesprungen ist, als Unfall abzutun; er wollte den Fenstergriff reparieren, versucht sie ihm einzutrichtern. Zur Verbrennungsthese von Carla bietet der Film von Hanna Antonia Wojcik Slak immer wieder Hinweise mit Feuerzeugen („Lass Deinen Sohn lieber nicht mit dem Feuerzeug spielen“; „Hier spielst Du nicht mit dem Feuer, verstanden!“, „Lars, ich hab gesagt, Du sollst nicht mit Feuer spielen!“).

Die Filmemacherin zeigt in ihrem Film deutlich, wie wenig Souveränität die doch offenbar erfolgreiche Dirigentin im Privaten und indirekt auch mit dem Geschäftlichen hat. Genau so eindringlich zeigt sie den Stress eines solchen Berufes auf. Ständig klingelt das Handy und ständig hat sie grad keine Zeit. Insofern ist verständlich, dass Lars zum Vater möchte, der aber als Erzeuger bislang wenig im Fokus der Filmemacherin steht und insofern mit einem Beinah-Komparsenauftritt abgespeist wird.

Vor kurzem war im Kino ein weiterer Film über eine Dirigentin zu sehen, ein Film fürs Weltkino: Tar. Und dokumentarisch gibt es Joana Mallwitz.

Evile Never Ends

ABSCHIEBUNG SOFORT!

Alle Politiker jeglicher Couleur, die gerade wieder hochaktuell diese populistische Forderung in jedes sich bietende Mikro tröten, sollten, bevor sie sich in blindem Aktionismus noch weiter verrennen, vorher diesen meditativ-besinnlichen Film von Bahar Bektas, die mit Arash Asadi und Tobias Carlsberg auch das Drehbuch geschrieben hat, anschauen, 98 Minuten, die sich lohnen.

Es ist zwar eine Selbstbespiegelung der Regisseurin und ihrer Familie. Aber dank verschiedener Beratungen verhaspelt sie sich nicht in den Fallen, die das eigene Unglück und das Leiden darunter so gerne stellen.

Zentraler Spielort ist Starnberg am Starnberger See bei München, einer der begehrtesten Wohnorte des Landes und wohl einer der reichsten. Hier wohnt die Familie der Filmemacherin, ihr Vater, ihre Mutter. Bruder Onur ist ausgezogen und der andere Bruder Taner sitzt im Gefängnis.

Der Film wurde zur Covid-Zeit aufgenommen, ab und an spielen Masken mit.

Weswegen Taner einsitzt, wird nicht erwähnt. Er hat eine Straftat begangen und büßt dafür. Aber nicht nur er. Wie die Mutter behandelt wird, wenn sie ihn, 600 Kilometer von Starnberg entfernt für eine Stunde besuchen will, ist es wert, sich mit einem Schreiben an die Gefängnisleitung zu beschweren.

Bahar Bektas deckt nach und nach wie beim Memory-Spiel Karten des Schicksals ihrer Familie auf. Sie umschifft aber die Klippen des deutschen Belehrfernsehens genauso wie denjenigen des deutschen Befindlichkeitskinos.

Sie setzt sich mit einem Familienmitglied oft vor die Kamera, auf ein Sofa zu Hause oder auf eine Bank in den Hügeln hinter Starnberg, oder auf der Terrasse in Kleinasien, ungezwungen, nachdenklich, ohne Dialogzwang. Interessant ist dabei, dass so ein Film substantieller rüberkommt als einer, der Angst vor dem Atmen, vor dem Nachdenken hat, und meint, pausenlos Text liefern zu müssen.

Es gibt Abstecher in die Türkei, dem Herkunftsland der Familie. Dort gibt es ein Haus.

Ein weiterer Trick, um nicht in einfache Parteilichkeit zu verfallen, ist derjenige, dass man oft im ersten Moment nach einem Schnitt gar nicht weiß, ja sind wir jetzt noch in Izmir oder sind wir schon wieder in Starnberg. Es gibt mehr Schnittmengen zwischen der Türkei und Starnberg als sich unsere Schulweisheit träumen lässt.

Der zentrale Storyplot ist das Ansinnen von Taner, dass er seine Abschiebung beantragt hat. So hätte er hier seine Schuldigkeit getan, würde dem deutschen Staat nicht weiter zur Last fallen als Gefängnisinsasse (wenn ich richtig orientiert bin, dürften die Kosten dafür im Bereich der Übernachtungskosten mindestens eines Mittelklassehotels liegen) und er könnte versuchen, in der Türkei ein neues Leben anzufangen.

Wie kompliziert das ist, lässt sich nur erahnen; das Haupthindernis scheint dabei vom deutschen Staat auszugehen; die Herren Politiker, die jetzt so lauthals ABSCHIEBUNG SOFORT schreien, müssten sich womöglich an der eigenen Nase nehmen.

Der Film gibt wie beiläufig einen differenzierten Blick in das Leben dieser Migrantenfamilie, deren Tochter offenbar dabei ist, sich als Filmemacherin zu etablieren.

Maxxxine

Ein Leckerbissen für Kinoliebhaber

Ein Film von verblichener Kinoschönheit, wie das Münchner Werkstattkino sie mit Passion sammelt und zeigt.

Ein Film, der das Startum gleichzeitig lobt und faszinierend findet und es andererseits ausbeutet und zerfleischt, wie es trashiger nicht geht.

Dem voran setzt der Film von Til West ein Zitat von Bette Davis, nur wenn der Star das Monster in sich entdecke, das ist nicht wörtlich, so könne er wirklich ein Star werden, ein Hollywoodstar, versteht sich.

Die das will ist Maxine (Mia Goth), die all die Monstrositäten auf dem Weg nach Hollywood kennenlernt und übersteht. Es fängt bei ihr 1959 an mit einem kleinen Schwarz-Weiß-Super-8-Film in dem sie für die Kirche posiert (oh, in der Kirche hatte so viel Kunst und hatten so viele Künstler ihren Anfang!).

Der Film macht dann einen Sprung nach 1985, da ist Maxine 33 Jahre alt. Sie hat bereits beachtlichen Erfolg in Sexfilmen, sie macht sich da nichts draus, fährt einen großartigen, amerikanisch wirkenden Mercedes und will mehr. Sie will eine ernsthafte Schauspielerin werden.

So etwas ist ja auch in Deutschland nicht unbekannt. Wie viele heute namhafte Schauspieler haben in den „Unterm Dirndl wird gejodelt“-Filmen angefangen, bevor sie ins öffentlich-rechtliche Fernsehgeschäft einstiegen.

Der Film macht Halt bei einem Casting für eine ernsthafte Rolle in „The Puritan 2“. Regisseurin (Elzabeth Bender, so richtig taff) und Caster haben ihre Vorbehalte wegen ihrer anrüchigen Bekanntheit.

Parallel dazu wird die Geschichte von einem Serienkiller (auch die Verbrecherfressen sind hier ein Fressen für die Maske wie fürs Publikum) erzählt, der seine Opfer furchtbar zurichtet und sie mit einem Brandmal als seine Opfer abstempelt. Auch aus dem engsten Bekannten- und Kolleginnenkreis von Maxine im Rotlichtmilieu sind Frauen darunter.

Maxine selbst erhält plötzlich Einladungen von unbekannter Seite. Für die Polizei von L. A. zeigt sie sich nicht speziell kooperativ. Dass sie mit dem Mörder in Kontakt treten wird, oder er mit ihr, ist absehbar. Mehr soll nicht verraten werden aus diesem schummrig-stimmungsvollen Kinoliebehaberstück mit einer wunderbar sinnlich-verschlossenen Protagonistin. Was Monstrosität bedeuten kann, wird anschaulich bei einer Szene auf dem Autoschrottplatz.

Ein Leben für die Menschlichkeit – Abbé Pierre

Ob er die Welt verändert hat?

Hm. Das wollte Abbé Pierre (bürgerlich Henri Antoine Grouès) ursprünglich, am Anfang seines Erwachsenenweges, nachdem er die bürgerlichen Güter und die bürgerliche Welt hinter sich gelassen und sich dem Priestertum zugewandt hat.

Immerhin hat Abbé Pierre (Benjamin Lavernhe ist eine durchgehend traumhafte Besetzung vom junge Mann bis zum Greis mit dieser gewissen Reinheit des Idealisten, aber auch mit Ähnlichkeit mit dem ungebrochenen Kampfgeist eines Wolodymyr Selensky) ein Werk hinterlassen: Emmaus eine Organisation gegen die Obdachlosigkeit mit Filialen in vielen Ländern.

Abbé Pierre selbst ist durch seine Aktivitäten zum Medienstar geworden. Das wird auch kritisch angemerkt in einer Diskussion mit seiner langjährigen Mitarbeiterin Lucie Coutaz (Emmanuelle Bercot), der er dank seiner Partisanentätigkeit im Zweiten Weltkrieg noch unter seinem bürgerlichen Namen begegnet ist. Sie hat ihm, nachdem er aufgeflogen ist, zur neuen Identität als Abbé Pierre verholfen.

Frédéric Tellier, der mit Olivier Gorce und Alain-Michel Blanc auch das Drehbuch geschrieben hat, erzählt das Leben dieses modernen Menschenfreundes flüssig mit ausgezeichneten Darstellern und souveränen Kinomitteln, eines Menschen, der die Welt zu einem besseren Ort machen will, mit einer humanen Gesellschaft nach dem Motto „lieben und teilen“.

Tellier umgeht die Falle des rein Kultischen, der bedingungslosen Verehrung. Er lässt seinen Protagonisten im hohen Alter selbst fragen, ob das denn alles so sinnvoll gewesen sei.

Der Filmemacher beschränkt sich in seinem Kommentar darauf, Bilder von Obdachlosen im Paris von heute zu zeigen.

Nach dem Krieg will Abbé Pierre zuerst einen Treffpunkt für aussteigewillige Bürgersöhnchen installieren. Aber Lucie macht da nicht mit. So finden sie, der Film benutzt ihn als Beispiel, im Wald den Obdachlosen Georges (Michel Vuillermoz), kein einfacher Genosse. Das Trio ist kreativ.

Erst hat Abbé Pierre seine Idee mit seinem Abgeordnetengehalt finanziert. Wie er nicht mehr im Parlament ist, wo er sich vehement für die sozialen Belange einsetzt, droht sein Projekt am fehlenden Geld zu scheitern. So entwickelt sich die Idee mit dem Sammeln und Weiterverkaufen von Schrott.

Tellier erzählt diese Stationen kinogeschmeidig und süffig. Die Schrottidee ist erfolgreich. Die Frage, was anfangen mit dem vielen Geld, führt zur Maxime, nicht auf den Finanzmarkt damit, sondern es investieren in neue Einrichtungen oder in die Verbesserung des Bestandes.

Das ist der Anfang dieser Einrichtung, die zwar Geld erwirtschaftet, es aber nicht nach den Prinzipien des Kapitalismus einsetzt. Das dürfte die Grundlage für das breite Erblühen der Institution sein.

Der schön episch erzählte Film verzichtet nicht auf pathetische und Rührmomente eines Gewissensdramas; er geht spendable mit dicker Feelgood-Orchestermusik auf der Tonspur um. Sein Freund Francois (Antoinbe Laurent) nannte Abbé Pierre den meditativen Biber, der immer sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen sei.

Born to Be Wild – Eine Band namens Steppenwolf

Ingredients von Migration und Weltkrieg

Das ist einer der spannenden Storyfäden im Film von Oliver Schwehm, die Biographie von John, wie er sich in Amerika dann nennt, von der Band Steppenwolf. Die geht zurück auf das dritte Reich. Sein Vater war ein hoher Offizier in der Marine des Nazireiches. Es gibt ein Bild, da steht er bei einem Flottenbesuch direkt neben dem Führer.

Der Bub, der später Musiker und John wurde, muss da noch ganz klein gewesen sein. Nach dem Krieg wandert die Familie nach Kanada aus. Es gibt ein paar skizzierte Hinweise auf Songs, die auf dieses Schicksal referieren, dann aber verläuft sich dieser Faden im enormen Dokuwust.

Ähnlich ist es mit dem Schicksal von Nick. Sein Vater starb als Kämpfer für das Dritte Reich, während seine Mutter mit ihm schwanger war. Die erste Flucht nach dem Krieg geht aus der Sowjetzone in den Westen der Bundesrepublik. Später geht’s weiter nach Toronto. Auch bei ihm verliert sich dieses historische Element in der Erzählung.

Die beiden Deutschstämmigen lernen sich in Toronto kennen. Sie gründen die erste Band Sparrows. Es geht nach New York. Dann nach Kalifornien. In großen Zügen ist die Entstehung der Band Steppenwolf nachzuvollziehen in einem Kuddelmuddel aus Statements zugewandter Orte, von Ehefrauen und der Tochter vom einen, von Archivmaterial und von heute nachgedrehten Interviews.

Es dauert nicht lang bis zum Film Easy Rider und dem unsterblichen Hit „Born to be wild“. Die haben zwar andere Hits auch produziert. Der Film hinterlässt jedenfalls den Eindruck, dass an diesen Hit nichts mehr herangekommen ist, dass er auch die Agonie der Band eingeläutet habe, dass sich daraus mehrere rivalisierende Bands entwickelt haben und Bilder aus dem Abspann geben zu verstehen, dass dieser eine Hit auch heute noch unzählige Male nachgespielt wird.

Der Film mag für Fans und Kenner von Interesse sein, in seiner Machart aber ist es kein guter Musikfilm, er kann sich für keinen klaren Fokus entscheiden, es ist ein Wühltischkino, keinesfalls vergleichbar mit den Dokumentationen über die Beatles: The Beatles: Eight Days a Week – The Touring Years oder über Amy Winehouse Amy.

Der Film hier findet keine Orientierung in dem zugegebenermaßen bestimmt unendlich vielen Material, was es heutzutage über Musikgruppen gibt, und greift zudem noch auf Privataufnahmen von teils miserabler Qualität zurück.

Eine spannendere Geschichte wäre vielleicht diejenige, wie diese Doku zustande gekommen ist, den enormen Anzahl von Koproduzenten – und damit wohl auch Finanzierer – nach zu schließen, die sich möglicherweise alle von dem Namen Steppenwolf und dem damit assoziierten Welthit haben einräuchern lassen.

A Killer Romance

Im Unterholz des Widerspruchs zwischen Ich und Es

Auf diesen Widerspruch hat Freud hingewiesen. Dies lehrt Gary Johnson (Glen Powell) am College in oder bei New Orleans, daher vielleicht ab und an der jazzige Sound. Bei einer solchen Stunde lernt das Publikum ihn kennen. Er ist der 100prozentige Lehrer, ein Symphat, ein Single, der allein lebt mit Haustier und der im Beruf aufzugehen scheint.

Das wäre allerdings zu wenig für Richard Linklater (Boyhood, Before Trilogie Sunset, Sunrise Midnight) , der mit Glen Powell nach einem Zeitungsartikel von Skip Hollandsworth auch das Drehbuch geschrieben hat.

Das Vorbild Gary Johnson hat andere Seiten. Er muss ein ziemlich buntes Leben gehabt haben, so gibt der Abspann zu verstehen, aber das ging zu schnell, um sich alle seine Aktivitäten, die dort noch angeführt werden, zu merken.

Eine aber muss Linklater vor allem elektrisiert haben. Im Nebenjob arbeitet der biedere Lehrer bei der Kriminalpolizei, weil er sich mit Datenverarbeitung auskennt. Da fällt Kollege Craig (Mike Markoff) aus. Der arbeitet undcover, gibt sich als Auftragskiller aus, als Killerlockvogel, er ist stets verdrahtet bei den Verabredungen und Geldübergaben und die Möchtegernauftraggeber landen im Kittchen.

Wie die Jungfrau zum Kind kommt Gary zu diesem Job. Und siehe da: er erledigt ihn glänzend, ja er hat richtig Spaß am Spiel mit falschen Identitäten. Jedesmal beobachten und steuern ihn die in einem lottrigen Spenglerwagen versteckten Kollegen von der Kriminalpolizei.

Da das allerdings nicht abendfüllend ist, hakt Linklater ein paar Fälle mit den verschiedensten Verwandlungen im Schnelldurchlauf ab. Ihn interessiert die Differenz zwischen Ich und Es.

Es kommt der Fall der jungen Frau (Adria Arjona), die ihren Gatten oder Exgatten, so eindeutig ist das nicht, umbringen lassen will. Ab hier wird es spannend, ab hier kommt dieser Ex Jasper (Austin Amelio) und durch Zufall auch Craig, der seinen Job wieder haben will, ins Spiel.

Um den Reiz zu erhöhen, wird bald auch eine Versicherungssumme von mehreren Millionen beim Tod von Craig, auszahlbar an seine Ex, erwartet. Ab hier sieht man Richard Linklater liebevoll sein Figurenspiel, alle bestens ausgewählt und geführt, mit einem Grinsen und voll menschlicher Empathie führen und er betört den Zuschauer mit einer raffinierten Unterhaltung, mit Dingen, die keinem fremd sein dürften.

Kommentar zu den Reviews vom 27. Juni 2024

In München drängelt sich ab morgen das Filmfest (das Datum mit extra erratischem Schriftzug auf dem Wettervorhersage-Plakat) nebst das reguläre Kinoprogramm. Das muss sich dünn machen. Das kann sich aber als Exklusivität verkaufen: Uns gibt’s am Filmfest nicht! Eine Katastrophe in New York, die zwei Menschen einander näher bringt. Eine Abenteuerreise der Extraklasse in den Tunnelblickkopf einer Wissenschaftlerin in Frankreich. Im Spukschloss hat’s die Norm nicht leicht. In Marokko in der Wüste versuchen zwei Herren in Anzügen, Geld einzutreiben. In New York gibt eine Taxifahrt Intimes bis Schlüpfriges über einen besonders hübschen, weiblichen Fahrgast preis. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gerät ein israelischer Spitzensportler im Trainingscamp in warme Gefühle und kennen junge, ungestüme Skandinavierinnen keine Grenzen.

Kino
A QUIET PLACE: TAG EINS
Der Tag, an dem die lärmempfindlichen Ungeheuer in New York landeten.

DIE GLEICHUNG IHRES LEBENS
Tour de Elfenbeinturm

ELLI – UNGEHEUER GEHEIM
Voll fröhlich gegen die Norm

DESERTS
Geldeintreiber in der Wüste

DADDO – EINE NACHT IN NEW YORK
Intimbefragung im Taxi

TV
DER SCHWIMMER
Der Konflikt zwischen Karriere und Liebe kann ziemlich hart werden, erst recht, wenn es um Liebe zum gleichen Geschlecht geht.

GIRLS GIRLS GIRLS
Keck und unbesonnen sich in die Liebe stürzen

A Quiet Place: Tag Eins

So entzückend kann Horror sein

A Quiet Place 2 spielt zwischen dem ersten und dem 474.en Tag nach dem Erscheinen der lärmempfindlichen Aliens auf der Welt, A Quiet Place, der Vorgängerfilm, um den 472. Tag nach dem nicht näher geschilderten Unglück.

Dieser dritte Teil, bei dem John Krasinski nur noch als Mitarbeiter am Buch, nebst Bryan Woods und dem Regisseur Michael Sarnoski, aufgeführt ist, hat sich ganz offensichtlich den ersten Tag, also das Unglück selbst vorgenommen und zwar in New York City.

Die Ziffer, die zum Moloch hinzugefügt wird, ist nicht ein Datum, sondern die durchschnittliche Zahl von 90 Dezibel, die dem Grundlärmpegel der City entspreche.

Da sich der Film selbst faktisch als ein Zweipersonenstück entpuppen wird, liegt die Vermutung nahe, es könnten die Covid-Umstände dafür verantwortlich gewesen sein. Aber die beiden Protagonisten haben es in sich. Wie oft kann man von einem Horrorfilm behaupten, er sei wahrscheinlich mehr ein Liebesfilm. Dazu trägt auch bei, dass das Ungeuer als recht zutraulich vorgestellt wird. Man muss sich nur ruhig verhalten, dann tut es einem nichts.

Samira (Lupita Nyong’o) und Eric (Joseph Quinn) sind im „Little Firs Hospice Center“ zugange, Samira als Patientin mit Katze und Eric als Betreuer. Während eines Ausflugs einer Patientengruppe nach New York passiert mit Donner und Katastrophenlärm das Unglück, die Invasion der lärmempfindlichen Alienwesen, eine Katastrophe enormen Ausmaßes.

Der Film erzählt kurzweilig, wie Samira und Eric sich durchschlagen in der dystopischen City. Es ist eine Aneinandereihung von gefährlichen Situationen in den Straßen, in Ruinen von Glaspalästen, in einer nicht mehr intakten Kirche, in der Kanalisation.

Es gibt das absurde Motiv, dass Samira unbedingt eine Pizza möchte. Das war ihr letzter Wunsch vor dem Unglück. An dem hält sie eisern fest.

Es ist eine nicht erklärte Liebe, die auch gar nicht in dem Sinne knistert. Es ist vielleicht mehr eine menschliche Zuneigung, eine Sympathie aus einer gemeinsamen Notlage heraus.

Der Film ist vielleicht auch deshalb so sympathisch, weil er gar nicht erst billig versucht, mit den fremden Wesen Schockmomente zu erzeugen, die gibt es zwar auch, das kommt einem aber eher protokollarisch vor, muss ja sein. Und ruhig müssen sich die Darsteller selbstverständlich verhalten. Eine Katze ist da eine Zusatzgefahr.

Es ist die Arbeit mit den Lautstärken, die dem Film eine eindringliche Qualität verleiht. Er verzichtet nicht einmal auf Filmmusik, setzt das zarte Orchester aber nur wenig und höchst sensibel ein. Und spielt meisterhaft mit der Stille, auch mit der Kinostille, wie man sie allenfalls vom Stummfilm kennt, wenn er ohne Musikbegleitung gezeigt wird.

Auch wird, wenn überhaupt, sehr leiste bis flüsternd gesprochen. Oder geschrieen wird nur bei einem Gewitter, in den Sekunden des Donners, die auf den Blitz folgen. Das Paar strahlt einen ungewöhnlichen Charme aus und schafft es tatsächlich durch seine Präsenz und sein Spiel aus dem Horrorfilm einen eindrücklichen, einen schönen Liebesfilm zu machen.