Highend Quality Holocaustaufarbeitung
Der Begriff des Holocaustaufarbeitungsfilmes muss hier ausgeweitet werden über die üblichen Thematiken vom Aufzeigen des Grauens, vom Erzählen von Einzelschicksalen, von den Filmen, die Zeugen befragen auf die grundsätzlichere, gesellschaftliche Frage: wie geht ein Land mit so einer grauenhaften Geschichte um.
Das Beispiel, was Pawel Pawlikowski (Cold War – Der Breitengrad der Liebe, Ida, Welcome to Karastan (Drehbuchmitarbeit)) für seinen Film ausgewählt hat, ist die Reise Thomas Manns (Hanns Zischler – die Maske ist hervorragend!) 1949 mit seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) ins Nachkriegsdeutschland auf den Spuren Goethes. Er soll Vorträge in Frankfurt und in Weimar halten. Er erntet teils Reaktionen in Form von Briefen, die man heute als Shitstorm bezeichnen würde. Dass er ins Exil gegangen sei. Das wird ihm auch auf einer Pressekonferenz vorgeworfen. Er antwortet, wenn er das nicht getan hätte, stünde er jetzt nicht hier.
Sohn Klaus (August Diehl) hätte auch mitkommen sollen, hat sich aber nach Südfrankreich abgesetzt und dort den Freitod gesucht. Es gibt einer Begegnung mit Gustav Gründgens (Joachim Meyerhoff) mit seiner Exfrau Erika Mann in Frankfurt. Die Begegnung endet mit einer Ohrfeige für ihn, nachdem er rumlaviert, nicht er hätte die Freundschaft zu den Nazigrößen gesucht.
Die Gebrüder Wieland (Enno Trebs) und Wolfgang (Theo Trebs) Wagner sprechen den Nobelpreisträger auf dessen Wagnerbegeisterung an und möchten, dass er beim bayerischen Kulturminister ein Wort einlegt für die Wiederaufnahme der Wagneraufführungen in Bayreuth. Sie bekommen eine Abfuhr.
Im Osten Deutschlands werden der Dichter und seine Tochter, die eine Limousine mit Züricher Autonummer chauffiert, wie Staatsgäste behandelt. Erst werden sie in der Kantine stehengelassen. Hier serviert ihnen eine Kellnerin (Fritzi Haberlandt) einen Kaffee und ein Kaltgetränk. Dann taucht Johannes R. Becher (Devid Striesow) auf. Er wird das illustre Paar bei seiner Reise im Osten begleiten und bietet ihm die Präsidentschaft der Akademie der Schönen Künste an. Der Gast lehnt ab.
Der Dichter scheint Prominenz und Aufmerksamkeit zu genießen. In seinen Reden in Frankfurt und in Weimar gerät er ins Schwärmen über Goethe. Weltfremdheit sondergleichen, wenn man bedenkt, vor wie kurzer Zeit an der Stelle und als Vertreter einer arischen Rassenideologie das braune Regime geherrscht hat. Kein Wort davon.
Mann erscheint als ein Meister des Verdrängens. Es ist davon auszugehen, dass der Großteil der vielen, herrlich zeitgenössisch stilisierten Massen, die ihn jetzt ehren, damals ihre Arme gehoben und Heil gebrüllt haben.
Pawel Pawlikowski konnte eine Crême de la crême deutscher Schauspieler um sich scharen. Selbst ein Hanns Zischler wirkt prima. Er verzichtet bis auf ein paar typische Funksprecher-Gesten bei den Reden auf Privatismen. Der Rhethorik verpasst er einen leicht schlitternd-schlenkernden Drall bei den Vokalen.
Der Film ist in Schwarz-Weiß und im Schmalformat gedreht aus einer Art gothischer Optik. Die Linien nach oben dominieren, die Kamera sitzt tief, die Menschen wirken nicht allzu groß, selbst im Auto setzen die Linien nach oben die Akzente.
Es ist makellos großes Kino. Pawlikowski versteht es meisterhaft, den Chor zu führen, die Gäste in Restaurants und Hotels, die Zuhörer bei den Vorträgen, die Journalisten bei der Pressekonferenz.
Die Masse ist nach wie vor Masse, entgeistert lauscht sie den Worten des berühmten Literaten. Auch die Begrüßungszeremonien mit Personal und Gesang sind perfekt inszeniert.
Einmal stürmt ein Mann, Armin Schaufelberger (Milan Peschel), ins Hotelzimmer von Thomas Mann. Jener berichtet von politischen Gefangenen im ehemaligen KZ Buchenau. Kein Kommentar von Thomas Mann, wie der Eindringling von Sicherheitskräften abgeführt wird.