Archiv der Kategorie: Film

Kommentar zu den Reviews vom 24. September 2020

Nah am Rande. Des Lebens schlechthin in einem amerikanischen Remake. Zum Sex, jedoch mit geringer Hemmschwelle in einem Lust-Film. Dagegen geht es in einem weiteren amerikanische Film darum, offen über Sex zu sprechen – wenigstens. Kaum zu ermöglichen ist Liebe zwischen iranischen Männern in Deutschland. Hochriskanter Weltallflug für einen Hund. Ein Schleswig-Holsteiner macht sich auf die Suche nach seiner Familie. In Deutschland von rumänischem Adoptivkind an den Rand des Nervenzusammenbruchs getrieben. Überleben im KZ mit getürktem Farsi. Auch die Arche im Kinderfilm ist ein Grenzfall. Im TV ritt das öffentlich-rechtliche Fernsehen einen möglicherweise interessanten Stoff in Grund und Boden. 

Kino

BLACKBIRD – EINE FAMILIENGESCHICHTE

In Amerika stirbt sichs mondäner und coronafreundlicher. 

XCONFESSIONS NIGHT

Abwechslung zwischen Geist und Sex.

BRAVE MÄDCHEN TUN DAS NICHT – A NICE GIRL LIKE YOU

Das, was die Julliard-School fürs Leben nicht lehrt. 

FUTUR DREI

Kaum aussprechliche Gefühle zwischen zwei orientalischstämmigen Männern in Hamburg.

SPACE DOGS

An der Kippe der Erdatmosphäre. 

DIE HEIMREISE

Diesen Menschen sieht man die Defekte nicht an.

PELIKANBLUT

An der Kippe zum Aufgeben.

FREIE RÄUME – EINE GESCHICHTE DER JUGENDZENTRUMSBEWEGUNG

Nah am Rande zum Erwachsensein brodelt es und braucht Räume.

PERSISCH STUNDEN

Auf der Kippe zum Überleben mit frei erfundenem Farsi.

OOOPS! 2 – LAND IN SICHT

Eine Arche ist noch lange keine Überlebensgarantie. 

TV

OKTOBERFEST 1900 (FOLGE 5 UND 6)

Auf der Kippe zur Schundstufe. 

LEBENSLINIEN: DIE BREZN-FRAU AUF DER WIESN

Das ganze Leben lang arbeiten – für die Familie.

Freie Räume – Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung

Die durften noch demonstrieren!

Der Titel dieses Filmes von Tobias Frindt ist vielleicht etwas ambitioniert. Diese Geschichte als ein Gesamtwerk in einem Film zusammenzufassen, dürfte ziemlich viel Arbeit sein; gut, er beschränkt sich ja auch auf „Eine“ Geschichte (und dabei eine vielfältige, anregende Materialiensammlung!). Denn wie die ersten Jugendzentren im Nachschwung der 68er in den frühen Siebziegern aufkamen, da sproßen sie im ländlichen Raum wie die Pilze im Herbstregen, wie einer der Talking Heads sagt, wenn es im einen Dorf ein Jugendzentrum gab, so musste das andere auch eines haben. 

Der Ausgangspunkt ist heute schwer vorzustellen, wie auch ein Talking Head sagt: wie erstarrt und geregelt die deutsche Nachkriegsgesellschaft in den 60ern war, wie sehr sie die Nazizeit verdrängte, wie kontrolliert die Jugend war, vor allem die ländliche. Die wollte Räume für sich. Und sie nahm sie sich. Sie demonstrierte dafür. Sie wurden angefeindet, wer lange Haare trug, war automatisch ein Kommunist, damals noch ein Schimpfwort. 

Der Film erzählt viel vom JUZ in Mannheim, bestimmt stellvertretend für viele andere Jugendzentren. Es ist ein Film aus faszinierendem Archivmaterial von Fotos, Videos, Nachrichten der ARD, Zeitschriftenausschnitte vom Spiegel über Lokalblätter, Youtube-Schnipsel; dazwischen geschnitten jede Menge Talking Heads. 

Die Geschichte spannt sich von den frühen 70ern des letzten Jahrhunderts bis in die späten 10er unserers Jahrhunderts. Der Dokumentarist wagt Seitenblicke auf andere Städte. Er lässt Ehemalige, die damals pionierhaft dabei waren, heute erzählen, aber auch Leute, deren Jugendzentrumserfahrung noch nicht lange zurückliegt. 

Jede Generation hat ihre eigenen Jugendkultur und ihre eigenen Feindbilder, an denen sie sich abarbeitet – bald waren sie auch aus der eigenen Generation, Neonazis etc. Die Entwicklung geht von dem Verlangen nach Selbstverwaltung über die Häuserbesetzer-Szene, Musikszene, Antifa bis hin zur Flüchtlingsbetreuung und Demo gegen Pegida. 

Und man wundert sich, wie die demonstrieren konnten, wenn man an das heutige Problem der Anticorona-Demos denkt. Gemeinsam scheint allen Demos zu sein, dass sie einem Teil der Gesellschaft, die über die Polizeigewalt verfügt, nicht in den Kram passen – da hat sich bis in unsere Corona-Zeit wenig geändert; weshalb es immer wieder Bilder von gewaltsamen Zusammenstößen gibt. 

Nichts Neues über die Jugendkultur, sie muss sich immer wieder neu erfinden und irgendwann ist es vorbei, sind die nächsten dran. Aber wenn sie Räume dafür haben, die sie selbst verwalten könnten, so ist das nicht das schlimmste, auch wenn es recht gesittete Jugendliche sind wie in einem Jugendzentrum im Saarland heute, die sich durchaus der örtlichen und regionalen Tradition und Vereinskultur verbunden und verpflichtet fühlen. Hauptsache, man hat einen Ort außerhalb von zuhause, wo man rumhängen kann und es nicht zu teuer ist, wo man sich austauschen kann, ohne kontrolliert zu werden. 

Die Heimreise

Diese pointiert gesetzte Sprechweise,

diese spitzen norddeutschen Konsonanten, diese Vokale, die wie in der Tiefe von Ostsee oder Nordsee gründen, dieses Kamerafeeling, diese charismatische Persönlichkeit, diese Selbstreflexion in den Sätzen, das druckreife Sprechen: alles Eigenschaften, die ein Spitzenpolitiker im Berlin mitbringen sollte, dazu sieht er noch gut aus: Bernd Thiele. 

Aber Bernd Thiele hat einen Defekt; allerdings scheint das Denken intakt – das macht diesen Protagonisten so faszinierend. Er hat eine Leseschwäche, er kann nicht selbständig in einem Haushalt leben, er hat einen Schaden im Gehirn (so wie es beim Auto auch Defekte gibt, wie er sagt), bedingt durch übermäßigen Alkoholkonsum seiner Mutter während der Schwangerschaft. 

Bernd Thiele wird aus Berlin zu Pflegeeltern in Schleswig Holstein gegeben, besucht die Steiner-Schule und lebt jetzt auf Hof Sophienlust.

Bernds Kumpel Johann hat auch eine Behinderung, der kommt aber in der großen Welt wie Hamburg oder Berlin allein und dank Navi zurecht; er ist stoischer Pfeifenraucher. 

Bernd hat keinen Kontakt mehr zu seiner Familie; er weiß nichts über sie. Er will sich auftue Suche machen, ein Projekt, das über vier Jahre dauert und bei dem Dokumentarist Tim Boehme die beiden begleitet. 

Böhmes Erzählverfahren ist das mit Rückblenden, ausgehend von einer Fahrt nach Hamburg und später nach Berlin. Ein Roadmovie von Behinderten mit allen nötigen Zutaten, Überraschungen, aber auch Enttäuschungen, ja sogar Diskrimierung übler Art erleben sie von einem Privatdetektiv, der in Berlin Verwandte aufspüren sollte und wie er erfährt, dass er es mit Betreuungsbedürftigen zu tun hat, den Auftrag hinschmeißt, keine schöne Art. 

Bernd hat auch seine Meinung und sein Wissen zum Verhältnis vom Dritten Reich zu Behinderten und nicht weniger eine klare Meinung über die heutigen Politiker. Bernd ist glücklich auf dem Demeter-Hof in Schleswig-Holstein, reflektiert seine Arbeit, deren Notwendigkeit, aber auch über die leibliche Familie denkt er nach, das sei eben doch etwas anderes und der Hof nur eine Ersatzfamilie. 

Deshalb macht Bernd sich auf die Suche nach seiner Mutter und Verwandten von ihr und auch nach seiner Schwester. Wie in einer spannenden Schatzsuche wird er nach und nach fündig; insofern eine schöne Geschichte, nicht ohne Humor und Originalität, die das Leben schrieb. 

Ein Satz von Bernd über die Schweine: „Die sind wie Menschen, nur dass sie Schweine sind“. In seinem Zimmer hat er eine Reproduktion des Abendmahls von Leonardo da Vinci an der Wand hängen, seine kleine religiöse Ecke. 

Familie und Einsamkeit. Die Einsamkeit von Onkel Manfred in Berlin, das gibt zu denken, wie viele Menschen wie er wohl allein in solchen Hochhauswohnungen hocken und mit kaum menschlichen Kontakten ihre Zeit verbringen müssen. 

Der Film ist eine Produktion des NDR, Redaktion Timo Großpietsch. 

Xconfessions Night

Die Welt ist alles, was der Fall ist.

Dieses Wittgenstein-Zitat hat einer der Pornodarsteller in einem der hier zusammengestellten erotischen Kurzfilme von Erika Lust auf den Rücken tätowiert. 

Erotik und Philosophie. Das steckt den Rahmen, die Spannbreite dieser Sexfilme ab. Sie sind alle geistig fundiert. Natürgemäß wird auf der Tonspur von Sexfilmen überwiegend gestöhnt und geächzt, die Dialogschreiber haben es da leicht. Aber Erika Lust hat es sich nicht so leicht gemacht. Sie weiß, dass Spaß am Sex im Geist anfängt, mit der Träumerei, der Lektüre, der Fantasie. 

Es gibt also für jeden der Kurzfilme einen literarischen Überbau. Ausgangspunkt dafür sind Einsendungen mit erotischen Fantasien, die die Autorin vom Publikum erhalten hat. Das kann der Traum vom Après-Ski-Vergnügen mit dem Skilehrer sein, das können Fantasien sein, die beim Betrachten eines Buches mit erotischen Zeichnungen entstehen; diesen Kurzfilm hat Lust in Schwarz-Weiß gedreht und immer wieder lässt sie dem Film während des Aktes anhalten und in Zeichnungen übergehen. 

Wunschträume, die teils in literarischer Form niedergeschrieben worden sind, oder die Bilder und Vorstellungen entwickeln sich zwischen einem Studenten in einer Bibliothek beim Betrachten des Rückens einer Kommilitonin und er fängt an, sie zu zeichnen, bis sie plötzlich physisch zu Gange sind. 

Es ist ja auch schön, ab und an Sexszenen zu schauen, in jedem Menschen steckt ein kleiner Voyeur und das ist keine Erfindung der Moderne, in Museum mit griechischen Skulpturen oder Töpfen finden sich reichlich Darstellungen, gar nicht so jugendfrei aber oft offen ausgestellt, Satyr mit erigiertem Glied. 

Ausgangspunkt für solche Fantasien kann auch eine Erinnerungsbrille sein, die ein älterer Herr trägt und jugendfrische Szenen in die Gegenwart holt. Einem anderen Paar bereitet der Kleidungs- und Rollentausch besonderes Vergnügen. Um Spaß an solchen Filmen zu haben, muss man also gar nicht unbedingt erst Frau Dr. Ruth fragen. Aber man könnte sich mit dem ebenfalls heute startenden Brave Mädchen tun das nicht flankierend vergnügen.

Futur Drei

Gibt es im Iran überhaupt ein Wort dafür?

Das fragt Protagonist Parvis Joon (der leinwandgeschmeidige Benny Radjaipour) und er meint damit die Liebe und den Sex zwischen Männern, schwul. Die Mutter (Mashid) muss lange nachdenken, bis ihr ein kompliziertes und ihr nicht geläufiges Wort einfällt. Das bezeichnet den schmalem Grat, auf dem dieses Thema überhaupt existieren kann, erst recht, wenn es um die Liebe von zwei iranischen Männern in Deutschland geht. Erschwerend kommt hinzu, dass Parvis hier aufgewachsen ist, sein Coming-Out gehabt hat, sich frei in der Szene bewegt, während Amon (Edin Jalali) im Asylbewerberheim auf eine Entscheidung wartet. 

Amon ist äußerlich der volle Hetero, mehr orientalischer Macho geht nicht – umso erstaunlicher, was der Darsteller in manchen Szenen an Zartheit, Differenziertheit und Sensibilität aufscheinen lässt. Als Katalysator zwischen den beiden fungiert Amons Schwester Banaftshe (Banafshe Hourmazdi). 

Über den sozialen Hintergrund erfährt man vor allem von Parvis etwas, wie seine Eltern in Deutschland geschuftet haben, um dem Sohn ein schönes Leben zu ermöglichen, was er auf seine Art interpretiert und auskostet. Er wohnt noch unterm Dach zuhause und die Eltern tun sich schwer, seine Welt zu verstehen. 

Der Film von Faraz Shariat, der mit Paulina Lorenz auch das Buch geschrieben hat, spielt in Hildesheim und bringt die beiden Männer so zusammen, dass der offenbar kleptomanisch veranlagte Parvis 120 Sozialstunden in einem Asylbewerberheim ableisten muss. Hier lebt Amon.

Amon und seine Kumpels halten den blondierten Jüngling mit den weichen Bewegungen und dem warmherzigen Blick anfänglich für einen Neuzugang und Amon spricht ihn mehr aus Jux gleich an. Wie die Liebe zwischen den beiden sich entwickelt, ist ein sperriger Akt, denn einerseits darf Parvis seine Position als Mitarbeiter nicht ausnutzen, und für Amon, in dessen Welt Schwulität offiziell nicht existiert, ist es ein Ding der schieren Unmöglichkeit. 

Shariat erzählt das mit Leichtigkeit und genauer Beobachtung der Hemmungen und dem Widerstand gegen die Begierden, die Zeichen und die Ablehnungen, die Suche nach raren Momenten, auch mit Hilfe von Trance, Tanz und Disco, mit Ausgelassenheit und scheinbarer Unbeschwertheit einer jugendlich lässigen Ménage à trois. Und dann droht da immer noch die Abschiebung.

Brave Mädchen tun das nicht – A Nice Girl like You

Das lernt man nicht auf der Juillard School

Lucy (Lucy Hale) ist eine klassische Geigenspielerin. Mit Pricilla (Mindy Cohn), Nessa (Jackie Cruz) und Paul (Adhir Kalyan) bildet sie ein Quartett, das auf Hochzeiten tingelt. 

Privat lebt Lucy in einem schmucken Vorortshäuschen, etwas spießig und wohlarrangierte Blumen davor. In der Garage bei ihr haust der schwarzlockige Jeff. Mit ihm hat sie realtiv unterentwickelten Sex. Sie beobachtet sich und ihn dabei genau und mittendrin dreht sie sich weg, um Notizen zu machen. Das befriedigt ihn nicht, denn in der Garage schaut er Pornos auf seinem Laptop und weiß also genau, welche Sätze Frauen in Lustmomenten zu sprechen haben. Lucy kommt dahinter und schmeißt ihn raus. 

Lucy entscheidet sich, den Umgang mit Sex gründlich zu studieren. Sie fertigt eine To-Do-Liste an. Ihr stehen beim Erledigen der Punkte ihre Zähne knacken behandeln beiden Kolleginnen Pricilla und Nessa bei. 

Das fängt damit an, in einen Pronoshop zu gehen, sich bei Reizwäsche umzusehen, in einen Stripclub zu gehen, in ein Bordell. Als letzten Punkt soll sie den Begriff „ a hot throbbing cock“ laut sagen. Damit fängt der Film der Gebrüder Chris und Nick Riedell, an, der wie ein charmantes Handbuch für lockeres Parlieren über Sex anmutet. 

Patin könnte Frau Dr. Ruth (Fragen Sie Frau Dr. Ruth) gewesen sein, wenn es nur schon darum geht, gewisse Begriffe in den Mund zu nehmen. Lucy, die zwar ein wunderhübsches Puppengesicht hat, aber da sie es auch verzieht, große Augen und skeptische Blicke aufsetzen kann, womit sie Comedy-Nähe des Unterfangens zu verstehen gibt, führt humorvoll durch ihre Agenda. 

Dabei läuft ihr andauernd der „best Man“ von einer Hochzeit, bei der sie gespielt haben, über den Weg. Es ist Grant (Leonidas Gulaptis). Aufgrund dieser häufigen Begegnungen, teils dann auch als Date, ergibt sich eine Entwicklung, die dem Motto, dass Sex nur ein Geschäft sei, die Liebe entgegensetzt. 

Die Gebrüder Riedell haben den Stoff von Ain Carrillo Gailey nach dem Drehbuch von Andrea Marcellus mit Spaß, Leichtigkeit, Tempo und Temperament auf die Leinwand gebracht und mit einem Musik-Score in der Region leichten Swings angesiedelt. Den Film haben sie ihrer Mutter gewidmet.

Blackbird – Eine Familiengeschichte

Ärzte in Amerika leben besser

Der Film spielt in den USA. Das Landhaus des Ärzteehepaares Lily (Susan Sarandon) und Paul (Sam Neill) hat Ausmaße, Anbauten und eine Freitreppe zum Eingang, dass man in unseren Breiten mehr als ein Arzt drin vorstellen würde.

Dagegen ist das Protagonistenhaus im europäischen Vorbild dieser amerikanischen Verfilmung eines Drehbuches von Christian Torpe und in der Regie von Bille August (Silent Heart – Mein Leben gehört mir) fast ein Gartenhäuschen zu nennen. In der hier zu besprechende amerikanischen Variante ist Roger Michell der Regisseur. 

Die Geschichte ist die gleiche. Die Mutter hat ALS diagnostiziert, was ein über Jahre quälendes Abnehmen der Reguliermöglichkeiten des Körpers in Richtung der totalen Lähmung bedeutet. Das will Lily nicht. Sie entscheidet sich für den Freitod mit Hilfe ihres Mannes. 

Vorher aber will sie ihre Familie noch einmal sehen und Abschied feiern von ihren beiden Töchtern Jennifer (Kate Winslet) mit deren Mann Michael (Rainn Wilson) und dem gemeinsamen Sohn Jonathan (Anson Boon) und Anna (Mia Wasikowska) mit Freundin Chris (Bex Taylor-Kloaus) sowie der langährigen Hausfreundin Liz (Lindsay Duncan). 

Diese Aufzählung lässt vermuten, dass wir es mit einem ausgesprochenen Ensemblefilm zu tun bekommen, eine Familie in einem Haus, unausweichlich, dass Unausgesprochenes an den Tag kommt und die Konfrontation mit einem organisierten Tod ist auch nicht einfach. 

Substantiell hat sich damit zwischen dem europäischen Original und dem amerikanischen Remake nichts geändert. Die europäische Variante war engräumiger, gemütlicher, familiärer. Die amerikanische erinnert an den Gigantismus der amerikanischen Filmindustrie, alles muss eine Nummer größer sein (man kann sich ausmalen, was für ein riesiger Fuhrpark aus Wohntrailern und Technik-Trucks irgendwo hinter dem Landhaus in den Dünen versteckt gewesen sein muss beim Dreh mit so vielen und so hochkarätigen Stars). 

Die Amerikaner haben sich im Gegensatz zu den Dänen fürs Staatstheater entschieden und – wohl eher zufällig – für eine Art coronagerechter Inszenierung, es ist oft so viel Platz zwischen den Darstellern, die häufig fast alle zusammen in einem Raum sind, allein weil die Räume so groß und die Möbel so breit sind. 

Manchmal scheint das Ensemble in der gewaltigen Ausstattung fast unterzugehen. Die ist aufdringlich im Vergleich zum dänischen Vorbild. 

Die Amerikaner haben sich für eine Kamera entschieden, die einiges im Unscharf lässt, selbst teure Stars müssen mal als verschwommene Silhouette im Hintergrund mit dem Staubsauger auf und ab wuseln. Pastellen ist oft der Himmel und ebenso die dezente Musikuntermalung. Von der Action her stehen Stück und Darsteller im Vordergrund und bringen es unfallfrei und mit bewunderungswürdiger Professionalität auf die Leinwand. Das Stück ist im amerikanischen Remake nicht weniger präsent als in Bille Augusts Original. 

Kommentar zu den Reviews vom 17. September 2020

Drei bemerkenswerte Filme, die einen zweiten, einen Nach-Coronastart versuchen. Großartige Lebens- und Menschenbetrachtung aus Skandinavien. Eine elektrisierende Schauspielerin, die sich schon vor Jahrzehnten für Black Power eingesetzt hat. Die Spielberg-Foundation hat eine weitere, spektakuläre Nazizeit-Geschichte ausgegraben. Dann ein feiner, belgischer Kinderfilm und zwei Filme mit Tieren im Titel und schließlich ein deutscher Hochzeitsfilm sowie ein deutsches Musik-Clown-Episoden-Ding. Im Fernsehen überhob sich die Zwangsgebühreninstitution an einem Möchtegern-TV-Groß-Event; zur Entschädigung gab es dafür eine angenehme Sonttagsmatinee.

Kino

ÜBER DIE UNENDLICHKEIT

Ich sah einen Film, über den es so unendlich viel zu erzählen gäbe. 

JEAN SEBERG

Rückkehr nach Hollywood mit der Nouvelle Vague im Herzen und im Hirn. Die USA reagieren hinterhältig.

CHICHINETTE – WIE ICH ZUFÄLLIG SPIONIN WURDE

Nicht ins kalte Wasser geworfen – aber in den feindlichen Schwarzwald geschickt. 

BINTI – ES GIBT MICH!

Nicht Papiere machen einen Menschen aus – auch ein quicklebendiger Videokanal kanns richten. 

NACKTE TIERE

Nicht physisch, aber psychisch hüllenlos in die Erwachsenheit.

DIE RÜCKKEHR DER WÖLFE

Rekapitulation von Argumenten dafür und dawider. 

HELLO AGAIN – EIN TAG FÜR IMMER

Und täglich kracht die Statue zu Boden.

LORD & SCHLUMPFI

Weißer Clown und Dummer August als Band „Exkrementi Diaboli“ 

TV

MATERA. VERBORGENE HEIMAT

Bekannt aus Pasolinis Matthäusevangelium.

OKTOBERFEST 1900 (Folge 1 UND 2)

OKTOBERFEST 1900 (Folge 3 und 4)

Das Fernsehen wollte wie einsten in Dallas die Konkurrenz von Bierbrauerclans in München zum großen TV-Ereignis stilisieren – dazu fehlt es allerdings an allen Ecken und Enden, an Können und Geld. 

Nackte Tiere

Abi-Clique

Die Zeit vorm Abitur. Die Zeit vorm Absprung ins Studium. Vorm Auszug von Zuhause. Die Zeit des Petting und noch vorm harten Sex. 

Melanie Waelde beschreibt in ihrem in engem Quadratformat-Fokus gehaltenen Film eine Clique von Abiturienten, die teils in WGs eng zusammen wohnen. Die beiden Protagonisten Katja (Marie Tragousti), Jahrgang 99 und Sascha (Sammy Scheuritzel) Jahrgang 98, arbeiten auch als Ju-Jutsu-Lehrer, einer Nahkampfsportart.

Dies fibrierende Alter ist ein Sein zwischen dem generellsten und weitesten Wissen im Leben und der anstehenden Spezialisierung auf eine Studienrichtung, zwischen unglaublichen Freiheit beim Abflug von zuhause und der Enge in neuen Beziehungen. 

Es scheint als versuche Melanie Waelde in ihrem fragmentarischen Bilderbogen diese Phase des Lebens, die so voller Aufregung und Träume, voller Sehnsüchte, Unsicherheiten und gleichzeitig werdendem Bewusstseins von eigenen Stärken ist, genau zu erinnern. 

Benni (Michelangelo Rotuzzi, Jahrgang 2001), der Träumer, der Widerständler, der zur Frage stellt, was besser ist, davonlaufen (vor Prüfungen und dem AbiturI) oder gar nicht erst hingehen. Rumhängen zusammen, Musik hören, rauchen, trinken. Gewalt spielt im Hintergrund eine Rolle; bis hin zur Anzeige einer vertraulichen Info durch einen Polizisten. Aber auch zusammen in der Badewanne sitzen; gleichzeitig die Frage, ob schwul. All die Dinge, die für einen ungewöhnlichen Gefühlsaufruhr sorgen und dabei noch das Abitur machen. 

Melanie Waelde scheint in den eigenen Erinnerungen zu kramen, scheint festhalten oder erzählen zu wollen, was so schnell und so unwiderbringlich vorbei ist. Sie bleibt konsequent nah an ihren Darstellern, einer Riege vielversprechender Jungschauspieler. Sie erklärt nichts. Die Situationen wirken nicht erfunden wie in so vielen deutschen, subventionierten Themenfilmen. 

Der Titel weist darauf hin, dass diese jungen Menschen in ihrem Zwischenzustand wie hüllenlos dastehen. Dieser Hüllenlosigkeit will die Regisseurin auf den Grund gehen – und kann ihn doch nicht finden, aber ganz schön erinnern. Oder: wie die wilden Tiere, damit könnte der Instinkt, der Urinstinkt gemeint sein, der doch so oft von den bürgerlichen Bahnen sich unterscheidet. Insofern wirkt der Film wie ein authentisches Bild der Abiturjugend von anno 2020, noch vor Corona, insofern sogar ein Dokument. 

Der Zustand breitesten Wissens und noch der kleinsten Ahnung vom Leben. 

Versuch der Vergegenwärtigung dieses Zustandes, der Perspektiven impliziert, weil man alles zu wissen glaubt. 

Lord & Schlumpfi – Der lange Weg nach Wacken

For Family and Friends.

Urwüchsig bayerisch-ländliches Musik-Comedy Talent breitet sich in 12 Episoden auf der Leinwand aus. 

Es sind Talente, die vermutlich aus einer wilden Palette von „Bildungs“eindrücken aus Kino, Video, Internet, Games und Youtube versuchen, ein Weltbild herasuzukristallisieren, dabei immer alles schülerhaft auf die Schippe nehmend, was auf gesundes Selbstbewusstsein schließen lässt.

Die Grundpaarung ist die Variante eines Klassikers, des weißen Clowns und des dummen August. Tobias Öller, der Ideengeber für den Film (Regie: Sabine Schreiber), spielt Lord. Der ist ein weißgeschminkter Kapuzenmann mit schwarzen Augenrändern und dieser übertrieben tiefen Stimme, die er als Vertreter der Metal-Richtung in den Film bringt. Sein Standardsatz als Kommentar zu seinem Partner ist „Schnauze Schlumpfi“, ein Running Gag, der bei Freunden und Fans sicher zum geflügelten Wort werden kann. Sein Partner ist der lustige Clown Schlumpfi (Andi Rinn), der naiv bis dalkete bayerische Junge mit dem Herzen auf der Zunge. 

Zielsetzung der beiden Talente ist es, in Wacken als Band aufzutreten. Der Weg dorthin ist lang. Er ist die Story in diesem Film und führt über die Beschäftigung mit einem Hexenbuch über die Kirche (irrtümlicherweise für die neuen Praktikanten gehalten) inklusive Exorzismus, dann Casting, Probenraum, Studioaufnahmen und immer wieder über die Kneipe, bis es endlich in Richtung Wacken losgeht. 

Musikalisch ist die Gruppe ein Mix aus bayerischer Folklore und Heavy Metal (‚Black Bavarian Splatter Metal‘ mit dem Tod als Konzept). Die Band selbst nennt sich „Exkrementius Diaboli“. Sie kommt im Regional-TV und bei Youtube gibt es Fans, die die Musiker in der Kneipe ansprechen. Den Fan und Freund mag es ergötzen, für den, der das nicht ist, kann es allerdings schnell nervig werden.