Archiv der Kategorie: Film

Crossing: Auf der Suche nach Thekla

Transflair

Der Film von Levan Akin (Als wir tanzten) ist voller Transflair, warmherzig und rau.

Grenzen überschreitend, crossing, die Grenze von Georgien in die Türkei, vor allem die Grenzen der Geschlechter, die Transmenschen.

Verbindend ist in diesem Fall, dass sowohl das Georgische als auch das Türkische geschlechtsneutrale Sprachen seien, wie im Anspann des Filmes zu lesen ist.

Der Film fängt in Butumi in Georgien an. Er schaut bei der Familie von Protagonist Achi (Lucas Kankava) vorbei. Der ist eine ganz ungewöhnliche Jungmännerfigur mit relativ langem, blonden Haar, hängt zuhause rum, lebt von diesem und jenem, bringt Leute an die Grenze, entleiht sich Vaters Auto ohne zu fragen. Das macht ihn so spannend, dass nicht recht klar ist, wie schlau und gebildet er wirklich ist.

In der Familie herrscht ein recht unzimperlicher Ton. Lia (Mzia Arabuli) kommt zu Besuch. Sie ist eine ältere Frau mit einem charaktervollen Gesicht. Sie ist auf der Suche nach ihrer Nicht Thekla. Achi will wissen, dass sie in Istanbul sei. Es ist auch bekannt, dass sie ein Transmensch ist.

Achi verlässt Hals über Kopf seine Familie und schließt sich Lia an, behauptet zu wissen, wo Thekla in Istanbul wohne, er hat auf seinem Mobilphon eine Adresse.

Das Roadmovie ist somit in Gang gesetzt. Impressionen von unterwegs, von der Grenze, von einer Fähre und von der Megamillionenstadt Istanbul. Hier einen Menschen zu finden, dürfte nicht leicht sein. Aber Transmenschen, die oft als Prostituierte arbeiten, sind gut zu lokalisieren, eine übersichtliche Gruppe in einem Stadtteil.

Hier mieten sich die beiden Transreisenden in einer schäbigen Pension ein. Istanbul spielt fortan eine Rolle als eine Stadt, in der diese Leute ihre Leben leben. Es gesellt sich noch Anwalt Evrim (Deniz Dumanli) von der NGO Pink Life dazu, der sich besonders der Anliegen der Transmenschen annimmt.

Istanbul präsentiert sich hier als eine tolerante Stadt, so wie sie es schon im Film Kedi – Von Katzen und Menschen getan hat. Und sogar eine Straßenkatze zeigt sich einmal vor der Kamera. Diese wiederum lässt sich wie betören von allem, was sie entdeckt, als ob die Dinge sie ansprängen.

Mein erster Sommer (BR, Fernsehen, Donnerstag, 18. Juli 2024, 23.15 Uhr)

Wunderwelt des Coming of Age

Dieser Film der Australierin Katie Found ist mehr eine zauberhafte Atmosphärenschilderung des Momentes, in welchem die kindliche Reinheit der emotionalen Erwachsenenwelt weicht.

Diesen kindlich-paradiesischen Zustand schildert der Film mit einem traumhaften Bühnenbild, meist ist Wald oder auch See.

Die eine Protagonistin, Claudia (Markella Kavenagh), lebt allein in einem Holzhäuschen im Wald. Sie hat die engste Umgebung nie verlassen. Ihr empirischer Horizont endet beim nahen Stausee. In diesen ist ihre Mutter gegangen. Die war eine Schriftstellerin, die die Monster der Welt draußen und der Erwachsenenwelt in ihren Büchern geschildert hat. Die Tochter hat sie davon ferngehalten.

Die Behörden wissen offenbar nicht Bescheid über Claudias Existenz. Deswegen versteckt sie sich nach dem Tod der Mutter. Sie wird entdeckt von Grace (Maiah Stewardson), einem ebenfalls 16-jährigen Mädchen aus der näheren Umgebung.

Das Entzücken, ja direkt das Jubilieren, des Filmes über dieses Mädchen mit dem rosa Tüllröckchen und dem Fahrrad und dem sättigenden Gründ des Waldes kennt keine Grenzen. Ein Bild ist hier bezaubernder und lichtdurchfluteter als das andere. Diese Bilder erzählen von einer Wunderwelt der Reinheit.

Grace allerdings kommt aus proletarischen Verhältnissen. Sie wird von der Polizei vernommen, weil sie offenbar den Selbstmord von Claudias Mutter beobachtet hat. Grace stößt auf die versteckte Claudia. Gemeinsam fangen sie an, sich selbst und ihre Liebesbedürfnisse zu entdecken.

Dieses Filmbijoux verstecken die Öffentlich-Rechtlichen schamhaft tief in der Nacht, weil das wohl dem Fußvolk der Abhängigen des Landes nicht zuzumuten ist; ob die Öffentlich-Rechtlichen dabei Erröten, ist nicht bekannt. Oder halten die verantwortlichen Redakteure die Zuschauer für dumm oder wollen sie gar dumm halten? Halten sie den Film tatsächlich für das 20-Uhr-Publikum für unzumutbar? Was für ein Menschenbild geistert in solchen Redaktionsköpfen?

Im Rosengarten ( Nachtrag zum Filmfest München 2024)

Winter auf dem Lande
oder: Deutschland im Winter

Die Eifel. Der Schwarzwald. Weihnachtszeit.

Kostja Ullmann spielt Yak, einen erfolgreichen Rock-Pop-Sänger. Seine Mutter ist Deutsche aus dem Schwarzwald. Die hat sich vor 20 Jahren das Leben genommen. Sein Vater (Husam Chadat) ist Syrer. Zu dem hat er seit Jahren keinen Kontakt. Jetzt ist Yak in die Krise als Sänger, bricht einen Auftritt ab. Er erfährt, dass es seinem Vater nicht gut geht. Der liegt in einer Klinik in Berlin.

Dort findet Yak sich plötzlich in Gesellschaft von Latifa (Safinaz Sattar), einer 16-jährigen Tochter seines Vaters, also einer Schwester, von der Yak nichts wusste. Sie spricht kein Wort Deutsch, scheint kriegstraumatisiert. Ganz genau wird ihr Weg nicht klar, nur dass sie eine andere Mutter hat.

Yak und Latifa bilden nun das Tramp-Paar, das entwurzelt durch den deutschen Winter sich durchschlägt – Yaks Kreditkarte ist gesperrt von seinem Manager.

Erst besuchen sie in der Eifel einen früheren Kumpel von Yak, der einst Schriftsteller werden wollte. Jetzt lebt er eremitsch in einem Häuschen im Wald, zieht Gemüse heran und hat eine Ziege, die er nicht schert und nicht melkt. Das ist so ein Symbol, das zeigt, dass der Autor und Regisseur dieses Filmes, Leis Bagdach (Drehbuchmitarbeit bei Die Besucher), nicht ohne Humor arbeitet.

Dann landen die beiden Existenzreisenden im Schwarzwald bei Yaks deutschen Großeltern. Hier kommt es zu einer fremdenfeindlichen Auseinandersetzung in der Dorfkneipe, die das Klischee des üblichen deutschen Subventionsfilm bravourös unterläuft.

Die große Liebe von Yak war Fee (Verena Altenberger). Auch hier findet eine konfliktgeladene Wiederbegegnung statt in einem Luxushotel im Schwarzwald bei Fees Hochzeit mit einem anderen.

Die Geschichte im Film von Leis Bagdach ist ein recht geschicktes Konstrukt zum Thema von Migration, Heimat, Identität, Deutschsein, Menschsein, Familie, Beziehung, Verwurzelung, Treue und sie wird so richtig deutsch vorgetragen im Sinne der vielfältigen Filmförderer und Fernsehredakteure, die in Deutschland weitgehend bestimmen, welche Filme gemacht werden und welche nicht. Aber sie wirkt emotionaler und wärmer. Man hat den Eindruck, der Filmemacher wollte seinen Finanziers keinen Grund zu Einwänden liefern.

Allerdings ist die Exposition der Geschichte zu kompliziert, es bleibt von Anfang zu vieles unklar (stefe behauptet gerne, der Zuschauer müsse vom ersten Moment an wissen, worum es geht, wenn er denn dabei bleiben soll. Hier geht es weder darum, dass Yak ein Rockstar sei noch darum, dass ihm übel wird; just das aber sind in etwa die ersten Infos, mit denen der Film den Zuschauer versorgt). Mehr Klarheit und Einfachheit täte der Schönheit, Anmut und dem Sog der Geschichte keinen Abbruch und dürfte einem Erfolg im regulären Kinobetrieb nicht im Wege stehen; förderlich für einen solchen wäre auch mehr Kühnheit im Einfangen und Montieren der an sich schönen Bilder.

Detail: üblicherweise beten in deutschen Themen-Filmen zur Migration immer nur die Muslime, hier beten auch Christen. Und poetische Einsprengsel in den Dialogen haben eh ihren unbestreitbaren Reiz.

Kommentar zu den Reviews vom 11. Juli 2024

Das Kino präsentiert diese Woche eine bunte, reichhaltige Sommerplatte, weltumspannend und drüber hinaus und anderes mehr. Im Iran erzählt es von einer unerwarteten Liebe, aber wie gemacht dafür. Die Österreicher nehmen mit knarziger Lache ihre schräge Politik auf die Schippe. Ein Niederländer schickt ein schicksalshaftes ungleiches Paar auf eine Reise nach Russland. Europäische Fernsehredakteure geben sinnlos Geld aus für eine aus dem Ärmel geschüttelte Liebesträumerei in Japan. Einem Ami-Animationsindustrieprodukt ist das Diktat zum Geldverdienen anzusehen. Ferner beleuchten die Amis die PR-Maschinerie hinter der ersten bemannten Mondlandung. Die Deutschen stellen erschrocken fest, wie PR schon im Dritten Reich perfektioniert worden ist mit Wirkung bis heute: die Bilder werden heute noch gerne gezeigt. Eine Münchner Kinoreihe widmet sich dem neueren iranischen Kino. Das Fernsehen hat in Polen einen wunderschönen Coming-of-Age-Film entdeckt und das Zweite zeigt eine Eigenproduktion, die sich an bekannten Paarstücken- und filmen orientiert.

Kino

FÜR EIN STÜCK VOM KUCHEN
Von der Kostbarkeit der Liebe

PULLED PORK
Aufgekratzte Polit-Satiren-Komödie – österreichisch

NATASCHAS TANZ
Zwei Außenseiter auf dem Weg in die russische Einöde

MADAME SIDONIE IN JAPAN
In diesem Film isabellhuppert es heftig und ab und an darf sich August Diehl neben sie setzen.

ICH – EINFACH UNVERBESSERLICH 4
Jetzt wird’s aber aggressiv und schrill.

TO THE MOON
Betrügereien hinter der ersten bemannten Mondlandung

FÜHRER UND VERFÜHRTE
Nix Neues zum Thema Propaganda

Reihe
CINEMA IRAN 2024
Eine Münchner Kinoreihe

TV
ELEFANT
Die Liebesgeschichte von Bartek und Dawid in einem polnischen Dorf

PÄRCHENABEND
Mit Seitensprüngen leben lernen

To the Moon

Vorsicht vor den Bildern!

Nach diesem Film könnten einem Zweifel kommen, ob die Bilder der ersten Mondlandung von Apollo 11 echt gewesen sind oder ob es sich womöglich um Fake-Aufnahmen aus einem Studiobau gehandelt hat.

Keine Bange, der Film selbst beruhigt einen so stark, dass die Zweifel eher noch wachsen, wenn es schon möglich ist, so ein Ereignis im Studio zu simulieren, wenn nicht gerade eine schwarze Katze durchs Bild laufen würde. Das sind die Slapstickmoment in diesem Film von Greg Berlanti nach dem Drehbuch von Keenan Flynn, Rose Gilroy und Bill Kirstein.

Das ist der Geschichte weit vorgegriffen. Sie fängt etwa ein halbes Jahr vor der Mission Apollo 11 an. Diese ist belastet mit dem Unglück von Apollo 1, bei der 3 Astronauten zu Tode kamen. Die Politik steht auch nicht mehr 100 % hinter der neuerlichen Mission, denn sie ist schon strapaziert genug mit dem Vietnamkrieg.

Andererseits hinken die USA in punkto Weltraumeroberung deutlich hinter den Russen zurück. Das ist ein Nebeneffekt dieses Filmes, dass einem bewusst wird, wie sehr doch das Image von Russland durch den zehrenden Ukrainekrieg und die teils erbärmliche Kriegsführung gelitten und das Land von seinem Schreckensimage eingebüßt hat.

Der Film aber will anderes erzählen. Nämlich davon, dass die neue Mission PR-Unterstützung gebraucht hat. Hier setzt er auf Kelly Jones, dargestellt von der mitproduzierenden Scarlett Johansson, die von Geburt auf das Betrügen gelernt hat. Mit diesen Eigenschaften ist sie eine erfolgreiche PR-Frau geworden.

So besehen könnte der Film eine beschwingte Gaunerkomödie werden. Dazu kann er sich aber nicht entschließen. Das Moralische wiegt ihm schwerer, das gibt er auch mit steter Volumenmusik zu verstehen und auch mit den Bekenntnissen zu eigenen Fehlern sowohl von Kelly als auch vom Chef vor Ort der neuen Mission, Cole Davis (Channing Tatum).

Cole fühlt sich verantwortlich für die misslungene Apollo 1 Mission. Kelly wird mit der Forderung nach einer parallelen Fake-Inszenierung (alternativ) zur echten Mondlandung moralisch an ihre Grenzen gebracht.

Der Film legt also viel Wert auf moralische Reinigung seiner Protagonisten. Diesen wird unmissverständlich von der ersten Begegnung an eine gefühlsmäßige Beziehung zugeschrieben, die ihren Reiz aus einer gewissen beruflichen Antipoden-Position gewinnt; denn Cole ist überhaupt nicht auf PR aus, während Kelly just dafür vom politischen Vertreter des Projektes, Moe (Woody Harrelson), engagiert worden ist. Diese Beziehung ist professionell in Szene gesetzt; von Wahlverwandtschaft ist allerdings wenig zu spüren; die Schauspieler absolvieren die Beziehungsgeschichte wie es sich gehört.

Dadurch, dass sich der Film nicht entscheiden kann zwischen beschwingter Gaunerkomödie, was die Kelly-Rolle doch hergeben würde, und eher an der Realität orientierter Geschichtsaufarbeitung, bleibt er seltsam bieder, denn stärker ist doch die Intention zu spüren, ordentlich eine schön gebürstete Geschichte mit historischem Hintergrund zu erzählen.

Um sich zu profilieren, hätte der Film mutigere Entscheidungen treffen müssen. Es ist ja nicht der erste Film, der sich mit dem Thema Apollo 11 beschäftigt. Erst 2019 kam Apollo 11, ins Kino oder auch Im Schatten der Mondlandung, einer Footage-Montage, im Fernsehen und 2017 hat sich Hidden Figures Unerkannte Heldinnen aufregend mit dem Thema befasst und unbekannte Einblicke hinter die Kulissen gewährt.

Pulled Pork

Aufgekratzt gegen die Realität

Wir korrupt Politik realiter in Österreich sein kann, zeigt die Dokumentation Projekt Ballhausplatz. Aufstieg und Fall des Sebastian Kurz. Da braucht es viel Aufgekratztheit und österreichischen Schmäh, um fiktional dagegen anzukommen.

Das indiziert bereits das Intro dieser Polit-Satire-Klamotten-Komödie von Andreas Schmied. Aufgesetzt ausgelassen feiert Samira (Gizem Emre) mit ihren Kommilitonen und Freunden ihre Feier zur Anwältin. Krass dazu erzählt sie mit Märchentantenstimme, das sei alles kein Märchen. Wie um dem zu widersprechen, taucht Licht- und Kameradepartment die Szenerie in märchenhaftes Licht. So ist das Leben, so ist die Politik, so ist die Korruption: voller Widersprüche.

Es sei die Geschichte von drei Waisenkindern, von Samira, von Flo Kienzle (Paul Pizzera) und von Eddie Kovacs (Otto Jaus). Flo hat die Polizeischule als Jahrgangsbester absolviert. Jetzt ist er gerade von der Polizei entlassen worden. Eddie kommt eben aus dem Knast, ist auf Bewährung draußen, möchte nichts Böses nochmal anrichten, verliebt sich in seine schwangere Bewährungshelferin Eleni (Elisabeth Kanettis), die aus einer griechischen Restaurant-Familie kommt.

Der Film arbeitet gerne mit dem erzählerischen Mittel der Nachholrückblende, er spult zurück und erzählt Unterlassenes nach. So wird der Plot nach und nach offen gelegt. Er tut gleichzeitig sehr ordentlich, indem er Kapitel zur Charakterisierung der einzelnen Figuren verwendet. Eine Art Puzzle-Erzählweise, die noch erschwert wird für deutsche Ohren durch den wunderbaren österreichischen Dialekt.

Egal, es macht Spaß allein Flo und Eddie zuzuschauen, die vom Habitus her an Männertypen erinnern, die Burt Reynolds in den 70ern gespielt hat und die sich lustvoll darin ergehen.

Es ist Wahlkampf in Graz. Jagschitz (Gregor Seberg) soll Bürgermeister werden. Er ist der korrupte Politiker schlechthin. Flo wird Zeuge, wie eine Mitarbeiterin von ihm ermordert wird. Es gibt kein Halten mehr für ihn. Zugleich ist Samira verschwunden. So sind denn Flo und anfangs contre coeur auch Eddie wieder auf der Spur, nehmen die Ermittlungen auf.

Halb immer auf ihrer Seite ist die mehr Sinnlichkeit als Amt ausstrahlende Polizistin Meli (Valerie Huber), ab und an, ja ständig hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Neigung.

Es gibt Größeres zu entdecken: Jagschitz wird von Russland gesponsert. Darum herum hat er ein Spinnennetz von Vertuschungen installiert. In dieses hinein geraten Flo und Eddie und stolpern und fallen und werden niederschlagen und schlagen zurück und befreien sich, wie das eben so ist in dieser Art Politikthrillerkomödie, von der es in der Filmgeschichte so viele gibt, wie Sand am Meer.

Aber sie entwickeln ihren eigenen, frischen Charme. Also gibt es eine schöne Villa, eine Garage mit einer Luxukarrosse sondergleichen, russische Serverfarmen, rote Sneakers, ein Flugplatz mit dem titelgebenden Imbiss, Privatmaschinen, einen Edelpuff, einen Wohnwagen als Residenz von Flo und ganz, ganz viele Polizeiautos und einen Dolch als Mordwaffe. Und wie es ausgeht, das sei hier nicht verraten.

Nataschas Tanz

Als Photoplay

wird dieser Film des Niederländers Jos Stelling bezeichnet. Das scheint eine Mischung aus Photobuch und Kino zu meinen.

Die Kamera in diesem gut ausgeleuchteten Schwarz-Weiß-Film ist immer sehr ruhig, aber nicht unbeweglich oder gar starr. Dadurch wird das Photographische betont, auch durch genau so ruhige Szenenenauflösungen und Schnitt. Man könnte dieses Ansinnen Cinéphilie nennen; das Bedürfnis, eine photographische Kostbarkeit herzustellen, zu deren Charakteristikum eine gewisse Stilisierung und Artifizialität gehört.

Dieses Formale dürfte den inhaltlichen Absichten des Filmemachers zupaß kommen. Sein Interesse gilt Außenseiterfiguren, gilt Menschen, die sich nicht an Regeln halten können, die nicht ins System passen, die schwer integrierbar sind, Sorgenkindern.

Da ist Natascha, Russin. Eingeführt wird sie zu Beginn des Filmes mit einer Szene in der Ballettschule, ein Mädchen, das aus der Reihe tanzt, das immer andere Bewegungen macht als die anderen Elevinnen.

Schnitt nach Holland. Klein Daantje spricht nicht, freundet sich mit niemandem in der Schule an, muss von der Schule genommen werden, landet im klösterlichen Internat.

Die Familienverhältnisse bei beiden Kids sind desaströs.

Schnitt ins Erwachsenenalter. Daantje (Willem Voogd) ist obdachlos. Er lernt Natascha (Anastasia Weinmar) kennen. Sie arbeitet als Bedienung. Sie hat soviel Verständnis für ihn, dass sie ihm eine Zigarette überlässt, wenn sie vor dem Lokal raucht.

Die Schilderung der Kindheit von Daantje hat mehr Raum eingenommen, der Laden, den der Vater betrieben hat, sein Traum von der Opernsängerei (während Nataschas Mutter davon träumte, eine berühmte Ballerina zu werden; so sollte das Töchterchen diesen Wunsch realisieren). Der Vater von Daantje ist nicht sein physischer Vater. Rumrammelei unter Nachbarn.

Jetzt folgt Daantje Natascha. Sie kann ihn nicht abwehren, obwohl sie die Nase voll hat von Männern. Die beiden traurigen Existenzen reißen sich los aus Holland. Es gibt Tote, die nicht beklagt werden.

Die Reise geht nach Russland. Natascha möchte ihre Oma wiedersehen. In Russland treffen die beiden Weltverlorenen auf Igor (Jan Bijvoet); der symbolisiert clownesk die Kaputtheit und Hoffnungslosigkeit der zwei Protagonisten, deren Leben nie richtig erblühen konnten.

Madame Sidonie in Japan

Der Spatz in der Hand,

das werden sich viele der an der Produktion dieses Filmes Beteiligten gesagt haben, ist besser als ….

Gut, Isabelle Huppert ist zwar kein Spatz, eine Taube ist sie ebensowenig, aber sie ist ein Weltstar, bankable sozusagen für jedweden Film. Sie selbst aber könnte sich durchaus das Motto vom Spatzen zu eigen gemacht haben, besser so eine Rolle als gar keine. Schöne Drehtage in Japan, tiefere Beschäftigung nicht nötig, es reicht die übliche Huppert-Performance, die großen Augen, die Gänge, die Schlankheit, die durch die Kleidung betont wird, um aus ihr die Hauptrolle der bekannten Autorin Sidonie zu machen.

Der Spatz in der Hand, das werden sich die Kohorten von kopdroduzierenden TV-Redakteuren aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich gesag haben: Japanbilder mit Mandelbäumen, Shinkansen und als Extra eine Schifffahrt zu einer Insel, das kommt immer gut, keine tiefere Beschäftigung nötig und die Huppert ist die Huppert.

Da das allein nicht reicht, wird der Ex der Autorin, Antoine (August Diehl), ins Jenseits geschickt und darf ab und an neben Sidonie im Taxi oder im Hotelzimmer Platz nehmen als Erscheinung und auch den einen oder anderen Satz sagen.

Jetzt braucht es aus Japan noch einen dort vermutlich bekannten Schauspieler (Kenz Mizoguchi) mit einem Namen, der an einen berühmten Filmemacher erinnert. Den kleben wir wie die Klimaaktivisten sich auf die Straße als ihren Verleger an ihre Seite, damit das Männchen-Weibchen-Spiel in Gang kommen kann. Wir lassen die beiden oft nebeneinander sitzen, damit ihre zierlichen Patschhändchen sich schier berühren können. Darüber legen wir diskrete Barpianomusik.

Ach ja, in Deutschland sollten wir auch was drehen (German money is still stupid). Dafür kommen diese anonymen, überall gleichen, internationalen Hotelketten in Frage, Berlin oder Tokio ist wurscht.

Dann machen wir uns noch einen Cultur-Clash-Jux aus den unterschiedlichen Begrüßungsritualen zwischen Verbeugen und Hand geben.

Zum Beleg, dass Sidonie Autorin ist, lassen wir sie ein paar Zeilen von Hand schreiben, ein, zwei Merksätze zum Thema der Liebe und des Loslassens, darf wie beliebig aus dem Handgelenk geschüttelt sein und braucht keine weitere Vertiefung, denn wie gesagt, uns allen reicht der Spatz in der Hand dicke. Wobei der Spatz auch mit dem Abgegriffenen gleichgesetzt werden könnte.

Ich – Einfach unverbesserlich 4

Das Baby gibt es noch

und es ist nach allen Regeln von Hollywoods professioneller Animationskunst auf Gag gestriegelt.

Aber die Reihe selber ist in die Jahre gekommen, der ursprüngliche Charme der Minions, dieser kleinen gelben Knopfwesen in blauer Arbeitshose, muss der Nervosität von Action und Aufdringlichkeit und Gagsucht weichen.

Es ist jetzt mehr ein Haudraufkino, was Chris Renaud und Patrick Delage nach dem Drehbuch von Ken Daurio und Mike White aus insgesamt bekannten und erfolgreichen Actiongagelementen zusammengezimmert haben.

Laut ist es und schier penetrant. Gru ist längst auf der guten Seite der Verbrecherjäger angekommen. Der Böse ist jetzt Maximilian, der so prunkvoll gekleidet ist, wie wir uns den Kini in Bayern vorstellen, hollywoodübertrieben selbstverständlich. Er ist nichts anderes als eine verkleidete Kakerlake. Solche Dinge zu zeichnen sind für die Animateure ein Fest, gerade die Verwandlungen.

Gru macht Max dingfest. Der aber ist ein Entfesselungskünstler. Das AVL, was immer das sein mag, konnte ihn nicht im Knast halten. Eilig muss Gru samt Familie im idyllischen Ort Mayflower in einem Safe-House und unter neuer Idenität untergebracht werden, um ihn vor den Nachstellungen durch den rachsüchtigen Max zu schützen.

Dass der geltungssüchtige Gru sich unauffällig benehmen soll, um keine Aufmerksamkeit zu erzeugen, ist ein frommer Wunsch wie derjenige, das Wasser möge aufwärts fließen. Die durchtriebene Göre der tennisspielenden Nacharn kommt schnell hinter die Deckidentität und erpresst Gru. Er soll auf der Verbrecherschule das Maskottchen stehlen.

Diese Idee sorgt für einen kleinen, eigenen Abenteuer- und Actionfilm. Dieser führt aber auch den Schulleiter Übelschlecht auf seine Spur und Herrn Kakerlak sowieso. Es werden also komprimiert und dicht die Elemente verschiedener Actionfilme ineinander verflochten, das Auge kommt nicht zur Ruhe und die Ohren leiden. Diese können es inzwischen kaum mehr ertragen, wenn in Animationsfilmen die deutsche Synchro zur Unterscheidung der Figuren Radebrechfärbungen des Deutschen castet, statt sich die Mühe zu machen, die Figuren mittels exquisitem Deutsch zu charakterisieren. Das wäre wohl für die Kinder ein unbezahlbarer, sprachbildender Mehrwert, aber halt auch teurer. Unverständlich, warum der dem Nachwuchs vorenthalten wird.

Führer und Verführer

Alles Propaganda

Joachim Lang hat sich mit seinem Film ehrenwerterweise vorgenommen, sichtbar zu machen, wie die Macht sich am Beispiel der Nazis selbst darstellt, wie sie mit ihrer Propaganda das Volk und die Bürger zu beeinflussen versucht und so Bilder schafft, „die bleiben werden“, wie an einer Stelle zitiert wird.

Dazu hat der Filmemacher Recherchen angestellt, vor allem Material von hinter den Kulissen durchforstet, Reden, die im kleinsten Machtzirkel gehalten wurden.

In den Mittelpunkt gestellt ist der Propagandaminister Joseph Goebbels, fabelhaft dargestellt von Robert Stadlober. Auch Hitler in der Performance von Fritz Karl hat hohe Plausibilität, weil er hier ganz ohne den eingeübten Redegestus gezeigt wird; man könnte sich vorstellen, dass auch ein Machtmensch wie Markus Söder – mit Gültigkeit für viele andere, wenn man nur an die Budgets für Frisöre, Visagisten und Fotografen hoher Politiker denkt – sich hinter den Kulissen nicht viel anders verhält, auch er möchte möglichst viel Einfluss auf die Bilder, die von ihm gezeigt werden.

Nah bleiben die Darsteller am Allzumenschlichen. Insofern könnte durchaus von einem Nähkästschenblick hinter die Kulissen der Macht gesprochen werden, der etwas sehr dekorsteif ausfällt.

Auf jene Bilder, die der Propagandapparat gezielt hervorgebracht hat, will der Film nicht verzichten, auf jene Bilder „die bleiben werden“ wie von den Propagandisten beabsichtigt, auf Aufmärsche und Jubel der Massen und mittendrin der verehrte Führer, tatsächlich Bilder, die weiter gerne verwendet werden, und somit die von den Propagandisten angepeilte Wirksamkeit des Bleibenwerdens erneut unter Beweis stellen.

Gut Raum nimmt die Geschichte der Familie Goebbels ein; wie Hitler die Scheidung nicht erlaubt, aus Propagandagründen. Damit zeigt der Film auch, dass Hitler sich sehr wohl des Stellenwertes von Goebbels für seine Macht bewusst war bis hin zur berühmten Rede vom totalen Krieg.

Manchmal verschwimmen die Konturen zwischen fikitional nachgespielten Szenen und hineingeschnittenen Originalausschnitten aus den Reden. Aber der Film will mehr als nur die Propagandamaschinerie demaskieren, er will auch – aus moralischen Gründen? – der Opferseite Genüge tun.

Es kommen Holocaust-Überlebende zu Wort, in mahnenden Großaufnahmen und es gibt beklemmende Bilder aus der Vernichtungsmaschinerie. Da kann man nur immer aufs Neue den Kopf schütteln und sich fragen, wie so etwas menschenmöglich geworden ist. Erklären kann der Film es auch nicht.

Auch das Kino kommt vor, die Aktion mit den Propagandafilmen. Da der Film nicht nur Gewicht der Opferseite, sondern auch der historischen Entwicklung ab 1938 bis zum Untergang 1945 verleiht, fällt sein von ihm behauptetes Interesse zwischen die Stühle.