Archiv der Kategorie: Film

On the Wilde Side – Gegen die weltweite Jagd (Stream)

Bis Löwen schreiben können, werden Jäger immer verherrlicht werden“

Ein Film, der Position bezieht, also ein Agit-Prop-Film, der einer Sache dienen will und der sich besonders an junge Menschen wenden dürfte, die Energien in sich spüren und etwas Gutes tun wollen im Interesse der Menschen und des Planeten und der damit bestimmt beim einen oder anderen auf fruchtbaren Boden fallen dürfte, dann sogar ein Erweckungsfilm. 

Giacomo Giorgi gibt mit seiner weltumspannenden und flüssig montierten Dokumentation einen Einblick in die vielfältigsten Initiativen von Aktivisten, die sich dem Thema Jagd als Sport, Jagd als Thrill, Jagd als Trophäenjägertum, Jagd als Statussymbol, Jagd als Wilderei und aus Geldgier, Jagd als Luxus widmen und dagegen die klare Haltung setzen, dass ein Jäger sein Opfer nie liebe, oder zumindest, dass das eine merkwürdige Art von Liebe sei. 

Ein Film, der im Abspann nicht schreiben kann „no animal was harmed or shot“, dafür ist zu viel Archivfootage von realen Jagden drin, schmerzhaft. 

Gegen den Schmerz gibt es genügend Material von Tieren in freier Wildbahn, von ihrer Schönheit, ihrer Würde. 

Es sind die Aktivisten zu beobachten, sie geben Statements ab, begründen ihre Position und warum die Jagd abzulehnen ist. Auch von ihren Aktionen ist viel zu sehen, wie sie sich britischen Treibjagden in den Weg stellen, wie sie die Spuren der Füchse verwischen, wie sie die Hunde irritieren oder wie sie australischen Entenjägern in ihrem Hobby in die Quere kommen, wie sie Vogelfängern ihre Fallen zerstören, wie die Black Mambas in Südafrika Nashörner schützen, wie die Aktivisten die Öffentlichkeit mit Demonstrationen und der Vermittlung von Info aufrütteln wollen, dass Jagd als Unterhaltung ein No-Go sei. 

Aus den Statements geht hervor, dass sie ihre Aktionen vor allem gewaltlos planen, dass die Aktivitäten vor Ort nur ein erster Schritt sein können, um das Medieninteresse zu wecken, dass die mühsamere und jahrelange Arbeit die mit den Gesetzgebern ist, die Aufklärung, der Kampf gegen mächtige Lobbies (dass in den Schaltzentralen der Macht allzu viele Jäger sitzen). Warum soll Jagd ein Sport sein, wenn der Verlierer zum vornherein schon fest steht?.

Was die Aufklärung über die politische Seite des Prozesses betrifft durchaus auch eine Lektion in Demokratie. 

Kommentar zu den Reviews vom 25. Februar 2021

Unverdrossen geht’s weiter in den Subregionen des Kinos, das nicht weiß, wann es aus seinem Schwarze-Loch-Zustand wieder befreit wird. Jetzt, wo die Impfungen im Gange sind, könnten die echt mit Lockerungen anfangen, speziell auch beim Kino, denn die Gefahr einer Überforderung der Krankenhauskapazitäten nimmt mit jedem Tag ab, selbst wenn durch die Lockerungen die Anzahl der Infektionen nochmal nach oben schnellen sollte.

Film

SHANE CROCK OF GOLD – A FEW ROUNDS WITH SHANE MACGOWAN

Heute im Rollstuhl – aber im Geist so fit und pro-irisch wie eh und je und mit Verve. Musik, die um die Welt ging, auch wenn das Gebiss nie idealtypisch war.

DIE LETZTE STADT – THE LAST CITY

Dialog-Dauerplätscher-Reigen rund um die Welt im Sinne eines essayistischen Peripatos.

DVD

THE BEACH HOUSE

In Dünen und Ferienhaus in die tieferen Geheimnisse von Liebe und Beziehung eindringen.

VoD

KLANG DER VERFÜHRUNG

Der Erotomane im Regisseur ist größer als sein Geschäftssinn.

DAWN OF THE FELINES – SÜNDIGES TOKIO

Menschliche Geschichten aus dem Tokioter Nuttenmilieu.

DIE WACHE

Zum Wachen der Wache gehört das Halbwache, gar die Abwesenheit, worauf Dinge sich verselbständigen, wie obrigkeitsseitlich nie vorgesehen.

EINE FRAU MIT BERAUSCHENDEN TALENTEN

Die Huppert ist an sich schon eine berauschende Frau, doch wehe, wenn sie an eine Lieferung Drogen gelangt.

DREIVIERTELBLUT – WELTRAUMTOURISTEN

Bayern und der Weltraum, das ist eine ganz eigene, ganz innige Beziehung.

BODY OF TRUTH

Allenfalls für Kultursklerotiker.

GIRAFFE

Die erhöhte Warte ermöglicht einen sensiblen Einblick in das menschliche Drumherum um ein Brückenprojekt.

STREAM

OOPS!2 – LAND IN SICHT

So unterhaltsam und dual wie im ersten Teil geht’s weiter und Zusammenhalten ist besser als gegeneinander zu sein; so wird die Arche wieder flott.

TV

LEBENSLINIEN – SUSHILA UND IHRE DREI MÜTTER

Immer sonderbar und verwirrend, wenn jemand das, was er eigentlich erzählen will, in der Geschichte so gut wie möglich versteckt; Unoffenheit. Insofern antidemokratisch und nicht geeignet für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Die letzte Stadt – The last City

Dialog-Reigen.

Wie ein Dauerregen plätschern die Dialoge in diesem essayistischen Film von Heinz Emigholz und wie beim Reigen von Schnitzler als dramaturgischem Prinzip spielt ein Darsteller aus einer Szene eine neue Rolle in der nächsten Szene. 

Die Szenen selbst machen eine Reise um die Welt von Israel über Athen, Berlin, Hong Kong und Sao Paolo. Sie fächern inhaltlich vieles aus einem klassischen Bildungskatalog auf. Essayistisches Dialog-Kino, vielleicht auch Vieille Vague zu nennen, alt geworden in Ehren und vom Prinzip des Dialogkinos nicht abgekehrt, einem Kino, das die Welt erklären, erforschen, durchleuchten und begreifen oder gar nach dem Marxschen Satz verändern will, dass nämlich die Philosophen die Welt nur verschieden interpretiert aber nicht verändert hätten. 

Den Marx-Satz haben sogar zwei der Protagonisten auf den Arm tätowiert, was nur eine von mehreren erotisch-philosophischen Gemeinsamkeiten ist. Sowieso Athen, Polis, der Titel des Filmes heißt ja Die letzte Stadt, was wohl der letzten Erkenntnis gleichgesetzt werden sollte, in der Stadt fing das Denken an, Aristoteles – und in der Stadt hört es wieder auf? 

Peripathos: im antiken Säulengang ergingen sich die Philosophen mit ihren Jünglingen. Dazu ist unser Filmemacher, sind unsere Darsteller zu alt. Da sind sich liebende Männer schon gestandenere Semester oder sie behaupten in Berlin sogar, sie seien Brüder und Liebhaber zugleich, die Mutter freut sich drüber, der eine ist Polizist, der andere Pfarrer. Der nimmt seiner Familie die Beichte ab und entlastet sie von allfälligen Gewissensbissen mit dem Satz, dass einvernehmlicher Sex unter Erwachsenen ein Menschenrecht sei. 

Vorher in Athen ging es um philosophischen und Erkenntnisdiskurs, aber auch um Psychiatrie, Depression, künstlerische Aktivität, Schaffung der Stadt, aber auch Krieg, Rassismus, Waffenproduktion, Ideengewinnung aus den Slums und von Schulmädchenzeichnungen oder der Blick in Gruben und Zisternen. 

Der Ausflug nach Hong Kong bringt eine Aufzählung schauderhafter Kriegsgräuel, -verbrechen, -massacker. 

In Lateinamerika beschäftigt Emigholz seine beiden Protagonisten mit astronomischen Fragen, Weltall, Galaxie, Künstliche Intelligenz, den Bedingungen für das Leben, Aliens, lauter Dinge, die vornehmlich den erwachenden jugendlichen Geist umtreiben – wenn dieser in sternhellen Sommernächten den Himmel betrachtet – oder dann die Fachwissenschaftler und -forscher. Auch das Thema Zeitreise wird angetupft oder die Gschichte mit dem letzten und deshalb unsterblichen Pfannkuchen. 

Vielleicht ist Heinz Emigholz ja ein unverbesserlicher Alt-68er, der einfach noch keinen Frieden gefunden hat und der in einem ideologisch-historisch-philosophisch-politisch-literarischen Gemischtwarenladen immer wieder auf Fundstücke stößt, die er für reflektierens- und zitierenswert hält. Darin ist eine gewisse Verwandtschaft zu Roland Reber und seinem Werk zu sehen (zuletzt in Roland Rebers Todesrevue). 

Shane Crock of Gold – A few Rounds with Shane MacGowan

Mit 60 schon halbgelähmt im Rollstuhl, aber hellwach; die Folge eines exzessiven Lebens, das Stoff für eine über zweistündige, explosive Footage- und Interviewdoku hergibt, die einen wahren Leinwandrausch erzeugt, angereichert mit eigens hergestellten, brillanten Animationen und dazu noch einem Abriss der irischen Befreiungsgeschichte. 

Die Erzählbasis sind neuere Interviews oder auch eine Kneipenbegegnung mit Johnny Depp, einem Freund des berühmten irischen Songwriters und Sängers, und der den Film auch produziert hat. 

Das Narrativ, das mit diesem Footage-Feuerwerk entsteht, ist chronologisch, doppelt chronologisch, zum einen die irische Befreigunsgeschichte beginnend vor über 100 Jahren, dann individualchronologisch, beginnend mit den Eltern des Sängers Shane McGowan. Der Vater ein begnadeter Mathematiker, das ist möglicherweise grinsend gemeint, der sich auf Wetten spezialisiert hat, Mutter in den 50er Jahren in Irland ein Topmodel. Aber Irland war arm, wenig Verdienstmöglichkeiten, wie der Bub etwa Jahre alt ist, zieht die Familie nach London, ein herber Bruch für den Buben. 

Die Familie will in London zum Mittelstand aufsteigen. Bier zu trinken beginnt Shane im zarten Alter von 6 Jahren in Irland. 

In London lernt er mehrere Schulen kennen, nie lange. Dann stößt er auf die Literatur. Seine Begabung wird bemerkt. Doch die feine englische Schule ist nicht sein Ding. Iren wurden in London gemobbt. Auf die harte Tour, keine Angst vor körperliche Auseinandersetzung. Heranwachsen mit Alkohol, Drogen bis zum psychiatrischen Klinik (auch seine Schwester ist eine Interviewpartnerin, die davon erzählt). Paranoia mit 16 in London, keine Schule fertig, Jobs, Drogen, Paddys klatschen und zurück zur irischen Musik, aber den Traditionalisten in den Arsch treten. Sein Genie: der Äther ist voller Melodien, man muss sie sich nur greifen. 

In der Klinik in einem Einzelzimmer findet er eine Gitarre vor. Er schreibt und spielt. Der Weg von da zur ersten Band ist kurz. Ein treibendes Motiv ist Irland, das Irische, die irische Befreiungsbewegung. 

In wenigen Jahren vom Erfolg überrollt. Welttournee, fast jeden Abend Auftritt, Zerstörung der sozialen Netze, das Ziel der Musik aus den Augen verloren, nur noch Geld und Drogen. Es scheint so eine typische Punk-Karriere zu sein und er entschuldigt sich dafür, sich verloren zu haben, beim Rock gelandet zu sein. 

Julien Temple macht diesen schier endlosen Lebenshunger, der sich in der Drogensucht zeigt und der oft in der Nähe des Todeshungers angesiedelt scheint, durch eine dichte Footag-Montage nacherlebbar. Das Verstörende an dem Film ist die tiefe Zwiespältigkeit sowohl des Irland- als auch des Shane-Bildes: einerseits der kompromisslose Kampf für Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Abhängigkeit von Drogen, was den Menschen schließlich als Ruine zurücklässt. 

Immerhin, am Schluss wird der Film zum Hochzeitsfilm – das kann manche Gegensätze kitten. Vielleicht erklärt dieser Zwiespalt, resp. die Verzweiflung an der Aussichtslosigket zur Versöhnung der Gegensätze, warum das häufigste Wort, das Shane als Kind gehört hat, „Fuck“ war und überhaupt das Fluchen, was im Rückblick auf die blutige Befreiungsgeschichte der Iren wiederum nicht von der Hand zu weisen ist. 

The Beach House (DVD)

Mystery-Horror in feinen Dünen vor Massachusettes. Abgeschiedenheit und unerwartete Seelenforschungshilfe. Was, wenn man als junges Paar seine Probleme diskutieren möchte und es stößt plötzlich ein älteres Paar dazu? Siehe die Review von stefe. 

Oops!2 – Land in Sicht (Stream)

Eine deutsch-luxemburgisch-irische Koproduktion, ein jahrmarktquietschbuntes Kindermovie in Plüschtierästhetik mit standard-eklektischem Storyfaden nach dem dualistischen Grundprinzip zweier Gattungen, die sich eigentlich nicht vertragen, die Nestrier, die Nester bauen, und die Grymps, die Fleisch fressen. Wegen der Unterschiedlichkeit der Wesen bietet sich die Toleranz-Moral an, dass man in der Not zusammenhalten soll und sowieso, dass das Zusammengehen mit anderen eine Bereicherung darstellt, wie die Schlusssequenz auf der aufgemöbelten Luxusarche zeigt.

Siehe die Review von stefe.