Archiv der Kategorie: Film

Kommentar zu den Reviews vom 29. Januar 2026

Heute bieten die reviewisierten Filme ein breites Spektrum an Themen und Genres: diese Revolte im Menschen, wenn seine Verwandlung zum Erwachsenen passiert; das Harmoniebedürfnis in der Familie, das alles zudecken und zukitten soll; die Jugend, die gleich den Planeten retten will; die Erkundung der Bestie im Mensch; ein Haustier, das bei Aliens eine merkwürdige Wandlung durchmacht; ein experimentelles Get-Together von Menschen mit fragmentierten Familien; Schauderfantasien, die sich über ein Superreichen-Anwesen legen; muslimische Frauen, die die Freiheit der Forschung genießen. Auf DVD macht sich das Horrorgenre über echte Bösewichte her und nimmt sich zwei biedere Bienenzüchter vor, die in größere, ausseriridische Angelegenheiten verwickelt werden. Das Home-Entertainment hat sich das Glitzersteinbusiness unter den Nagel gerissen.

Kino

LITTLE TROUBLE GIRLS
Diese unsägliche Pubertät, kaum zu bewältigen

ACH DIESE LÜCKE, DIESE ENTSETZLICHE LÜCKE
Harmoniebedarf über allem – so ist alles zu meistern.

WOODWALKERS 2
Einmal mehr rettet die Jugend die Natur, damit die Zukunft und die Welt.

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Am besten aber hilfst Du Dir selbst.

CHARLIE – DER SUPERHUND
Hier haben Aliens die Finger im Spiel.

DIE SOLISTEN – EIN FILM ÜBER ALLEINERZIEHENDE
Film? Eher Doku über einen Workshop

PRIMATE
Blutiges aus einer Luxustraumvilla am Pazifik

DIE SCHULE DES MUTS
Afghanistans Robotik-Frauen

DVD
1978
Wenn das Horrorgenre Folterknechte malträtiert.

BUGONIA
Die Aliens sind an allem schuld.

Home Entertainment
REFLECTION IN A DEAD DIAMOND
Kann nur brillieren.

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Der Mensch ist eine Bestie –
Evaluation von zwei Möglichkeiten von Bestientum des Menschen.

Im Kapitalismus ist der starke Hecht an der Chefposition die Bestie. Das ist Bradley (Dylan O’Brian), der als Sohn an die CEO-Position nachrückt. Donovan (Xavier Samuel) dagegen wird die Karrierleiter hochgeworfen, weil er die Pläne und Projekte von Linda Lindell (Rachel McAdams) bei der Geschäftsleitung als die seinen ausgibt.

Bei einem Rundgang durch die Büros im Glashochhaus stellt sich Linda Bradley, dem neuen Boss, vor. Sie ist übergangen worden bei den Beförderungen, obwohl sie viel länger als Donovan in der Firma gute und geschätzte Arbeit geleistet hat. Sie hat noch Thunfischreste am Mundwinkel kleben.

Linda ist karikaturhaft mit Wollstrümpfen und dumpfen Schuhen ausgestattet, überhaupt mit ihrer Biederkleidung und auch wie sie schaut, nicht in die Direktiven passend. Aber sie hat Köpfchen. Rachel McAdams spielt diese Phase ihrer Rolle als die verhuschte, quasi ständig stolpernde und unpassende Komikerin großartig.

Bradleys Verlobte Polly (Kristy Best) dagegen ist eine schlanke, elegante Beauty mit einem teuren Diamantring, wie aus dem People-Magazin gestochen. Trotzdem braucht die Geschäftsleitung Linda für einen Trip im Firmenjet nach Asien. Dieser Flug wird kurz und schmerzhaft komisch abgehandelt, die Turbulenzen, Flashback an die „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“, der Absturz kommt schnell.

Linda, bieder-angschnallt, überlebt. Sie landet auf der einsamen Insel an. Das Thema Survival ist bis hierher schon verschiedentlich angesprochen worden. Sie zeigt Überlebenstalent. Das erinnert an den Film Triangle of Sadness. Und wie dort, drehen sich auch hier die sozialen und hierarchischen Ebenen um.

Linda findet den angeschwemmten Bradley. Sie wiederbelebt ihn, bettet ihn, versorgt ihn mit all ihren Survival-Künsten. Es folgt die Robinson-Phase, wie die beiden sich einrichten.

Bradley ist bislang als reines Arschloch mit dreckiger Lache gezeichnet. Das findet wohl der Film von Sami Raimi nach dem Drehbuch von Damian Shannon und Mark Swift etwas dünn; er baut eine Szene der beiden ein mit einem zutraulichen Gespräch, in dem sie über ihre beschissenen Elternhäuser berichten; also die Erzeugergeneration ist schuld, dass sie so sind, wie sie sind. Daran wird sich auch nichts ändern.

Das zu illustrieren lässt sich der Film noch einiges einfallen bis an die Grenze des Zombietums, hier gibt es eine kurze Schnittmenge zu Primate, der auch diese Woche in die Kinos kommt. Wenn Bradley vorher das Biest im Kapitalismusanzug war, so kehrt Linda jetzt ihre Überlebens- und sowie Revengestrategien im Dschungelhemd heraus.

Der Film wirkt wie am Computer entworfen zur Illustrierung der Möglichkeiten, dem Biestelement des Menschen auf die Spur zu kommen.

Die Schule des Mutes

Tempi passati

Waren das glückliche Zeiten für Frauen in Afghanistan unter Nato-Besatzung; sie durften sich bilden, sich mit Computern und dem Internet, mit KI beschäftigen. Manche Frauen leisteten in diesem Bereich Hervorragendes.

Von einer wahren Begebenheit aus diesem Bereich berichtet dieser Film von Bill Guttentag, der mit Jason Brown und Elaha Mahlboob auch das Drehbuch geschrieben hat. Es ist einer dieser Film, die die Welt verbessern wollen und die den Stempel der Engel-Gilde aufgedrückt bekommen haben; ein Messagefilm.

Es ist die Geschichte um die IT-Spezialistin Roya Mahboob. Sie spielt um 2017, in der Zeit, noch bevor die barfüßigen und bärtigen Taliban die größte und bestgerüstete Militärmacht der Welt, die Nato, mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt haben.

Roya ist computeraffin und möchte unbedingt, dass auch Frauen an den Schulen am Computerunterricht teilnehmen können. Es fehlt an Anerkennung und Geld. Sie sieht die Chance, an internationalen Frauen-Robotik-Wettbewerben teilzunehmen.

Ein Weg, nicht ohne Hindernisse, aber, das ist eine der Botschaften des Filmes, wenn man will und dranbleibt, kann ein Resultat nicht ausbleiben. Die Story ist das Quod-Erat-Demonstrandum dieser These.

Roya sucht sich die vier talentiertesten jungen Frauen aus, die sie in Herath finden kann. Es folgt eine Geschichte von Rückschlägen, Hindernissen, Schwierigkeiten und immer wieder Wettbewerbsteilnahmen auf aller Welt mit selbst gebauten Robotern.

Der Film erzählt das alles glatt, also ob auch das Kino in einer vergangenen Zeit stehen geblieben sei. Die Schauspielerinnen sind makellos geschminkt und ausgeleuchtet. Sie können wenig Persönlichkeit entwickeln. Sie sind alle dem Zweck der Sache untergeordnet.

Prinzipiell ist diese Art der Erzählstruktur und des Spannungsbogens bewährtes Hollywoodkino, das auf einen rührenden Höhepunkt hinsteuert. Das ist ein Roboter-Wettbewerb für weibliche Nachwuchsteams aus aller Welt, bei dem das Afghanistan-Team, das selbstverständlich erst in letzter Sekunde sein Gerät zusammenbasteln kann, einen Minenräumroboter präsentiert, der so leicht ist, dass er Minen aufspüren und markieren kann, ohne selbst in die Luft gejagt zu werden. Einwandfreier Entwicklungszweck.

Primate

Traumvilla auf Hawaii

Das ist das Neckische an solchen Horrorfilmen, wie Johannes Roberts, der mit Ernest Riera auch das Drehbuch geschrieben hat, ihn hier vorstellt: es wird ein von vielen erträumtes Luxusmilieu vorgestellt und dann wird daran kräftig gekratzt.

Roberts kommt unumständlich zur Sache: dem Film vorangestellt ist eine kurze Info über Hydrophobie oder auch Rabie oder zu Deutsch: Tollwut; es wird auf die wasserfeindliche Eigenschaft der Krankheit hingewiesen.

Es gibt eine Vorszene in dschungelhafter Gegend. Ein junger Mann begibt sich zum Affen Ben (Miguel Torres Umba) in seinem Käfig. Der hat einen blutigen Kratzer am Arm. Er verlässt den Käfig, zieht sich in einen dunklen Raum daneben zurück.

Im Käfig liegt eine totes Tier. Der Mann sucht den Affen im dunklen Raum und zack, ist dem Betreuer schon das halbe Gesicht weggerissen, Schnitt.

Der Film springt 36 Stunden zurück. Junge Leute, alle sexy, modisch salopp gekleidet, gut gelaunt und überhaupt gut ausschauend wie aus der Modezeitschrift, sind auf einer Fahrt. Es geht zur Villa vom Vater (Troy Kotsur) von Lucy (Johnny Sequoyah), Besuch zu Hause. Dort ist neben dem Vater noch Schwester Erin (Gia Hunter). Mit von der Wochenendepartie sind auch Hannah (Jess Alexander), Kate (Victoria Wyant) und Nick (Benjamin Cheng).

Vater verabschiedet sich von den Kids. Er ist ein berühmter Autor und muss auswärts eine Lesung halten. Er selbst ist taubstumm, dadurch findet die Gebärdensprach Eingang in den Film. Sie wird mit gelben Lettern transskribiert. Der Film nutzt das ab und an für besondere Toneffekte; was reizvoll ist, wenn im Haus laut geschrieen wird und ein möglicher Retter nichts hört.

Das Jungvolk erkundet und bestaunt die Villa. Großzügig ausgestattet, mit breiten Glasfronten, hoch über der Gischt des Meeres. In einer Art Grotte da, wo andere Häuser den Keller haben, befindet sich der Swimming-Pool mit direkter Aussicht auf das Meer.

Ein Traum von Location, der sich bald schon in einen Alptraum verwandelt. Denn plötzlich taucht Ben auf. Die Töchter des Hauses kennen ihn. Die Mutter hatte ihn als Wissenschaftlerin studiert. Er reagiert nicht wie sonst. Er ist infiziert. Die Mädels und der Junge wissen das nicht.

Auch hier fackelt der Film nicht lange bis zur Zerstörung der Idylle, bis zum ersten Opfer. Die Mädels retten sich in den Swimming Pool, der ist ein sicherer Ort, weil der infizierte Affe das Wasser nicht verträgt.

Hier verharrt der Film lange mit angehaltenem Atem. Er springt mit der Kamera zwischendrin auf Distanz. Da erscheint das Anwesen verdammt einsam, Hilferufe hört keiner. Sein Horrorpulver hat der Film relativ schnell verschossen; bis doch noch Hilfe kommt, da zieht es sich ein wenig, da läuft die Story mit Wiederholungen geradeaus. Derweil überlegt man sich, ob man seinen nächsten Traumurlaub wirklich in so einer einsamen Luxusvilla buchen möchte.

Charlie – Der Superhund

Projektionen

Im Animationsfilm von Shea Wagemanm, die mit Steve Ball und Raul Inglis auch das Drehbuch geschrieben hat, werden menschliche Supermanträume vermischt mit bekannten Versatzstücken aus Diamantenthrillern auf Haustiere projiziert.

Schuld ist der Absturz eines Alien-Gefährtes im Jahre 1999. Vorerst bleibt hier ein niedliches Hündchen, das ein Mädchen zu sich nimmt.

Der Film macht einen Sprung über 15 Jahre. Der Hund ist gebrechlich geworden. Der Schulbub Danny kümmert sich um ihn. Und das Drehbuch schlägt Kapriolen, die ihm eine KI eingeimpft haben könnte.

Ein Raumschiff nähert sich der Erde. Es saugt Tiere auf, denn die Chefin der Aliens, eine merkwürdig künstlich kreierte, schlanke Medusa will für ihr verwöhntes Kind ein Haustier. Im Raumschiff machen die Tiere seltsame Verwandlungen durch. Darnach, weil das verwöhnte Kind sie nicht will, werden sie auf die Erde zurückgeschickt.

Charlie hat jetzt Superheldenkräfte. Er macht den Superhelden aus Hollywood was vor, was er alles leistet. Aber die neidische Nachbarskatze ist auch groß geworden und raffiniert ist sie sowiso. Sie will dem Superhelden ins Handwerk pfuschen.

Die Drehbuchautoren haben sich reichlich bedient beim Diamantenraubgenre, SciFi- , Showstar- und auch noch Polit-Elemente hinzugefügt, das Weiße Haus spielt mit und eine Präsidentin, die gerne Deals macht, hier mit Hundefutter, später Katzenfutter und fertig ist der Mix, aus dem der Superheld nach erneutem Eingreifen der Aliens unversehrt und strahlend hervorgeht.
Den Film Super Charlie gibt es bereits.

Die Solisten – Ein Film über Alleinerziehende

Experimentierfreudige Doku

Diese vergnügliche Dokumentation – der Titelzusatz müsste präziser lauten „Ein Film MIT Alleinerziehenden“- von Anna Hepp, die mit Stefan Lampadius auch das Konzept entwickelt hat, wirkt wie ein zusammenfassender Abschlussfilm über einen Workshop für Alleinerziehende.

Ort ist eine aufgelassene Fabrikhalle, es liegt noch – symbolisch- (Beziehungs)schutt rum, es gibt Nebenräume. Die Protagonisten tragen legere Klamotten wie sie für Bewegungs- und Tanzworkshops empfohlen werden.

Es sind acht Frauen (Marguerite, Anke, Birgit, Inga, Nahla, Meike, Doinbika, Bianca) und zwei Männer (Helmut, Sven).

Es gibt verschiedene Gründe für das Alleinerziehendsein. Es sind vor allem bewusste Trennungen, passiv wie aktiv, es gibt aber auch den Tod des Partners.

Die Dokumentaristin verwendet eine übliche Art von Shots für Talking-Heads, direkt in die Kamera wird erzählt. Hier sind die Darsteller salonfähig angezogen.

Der Workshop in der Halle stellt Verschiedenes an. Er lässt die Menschen allein, wie verloren, in dem riesigen Raum stehen oder gehen, Kletterversuche. Sie treffen sich auch. Es gibt dialogischen Gesprächsaustausch.

Die Kamera entwickelt mitfühlendes Eigenleben, es kann ihr auch schwindlig werden oder sie rast wie irritiert in der Halle umher.

Es gibt Gruppenübungen zur Entspannung und Teamübungen. Die Dokumentation wirkt wie ein Experimentalfilm, ein Stück weit essayistisch.

Zum Eindruck einer künstlerischen Installation trägt der Einsatz eines erst gegen Ende ins Bild gerückten Sängers bei (Thilo Dahlmann als Volksmund) bei, der Zitate, die wie ironisch-kommentierende Ondits zum Thema wirken, gesanglich performt. In den Diskussionen dominieren die positiven Seiten des Alleinerziehens. Zum Abschluss gibt’s eine optimistische Tanzperformance.

Woodwalkers 2

Das Tier in mir,

das ist das anthropologische Faszinosum an der Geschichte von Katja Brandis, die David Sandreuter zum Drehbuch umgeschrieben und Sven Unterwaldt Jr. gut konsumierbar verfilmt hat mit einem kinoaffinen Cast, wie ihn in Deutschland wohl nur ein Emrah Erthem vorschlagen kann.

Dazu gesellt sich eine Botschaft, wie sie einem Jugend- und Kinderfilm gut ansteht: die Jugend rettet den Wald, sie rettet die Tiere, sie legt korrupten Politikern und Invstoren das Handwerk und rettet so die eigenen Zukunft, worin wir nonchalant noch die Rettung des Planeten inkludieren. Und das Tier in sich retten sie sowieso.

Das funktioniert. Dazu die Moral, dass man zusammenhalten muss, die gut verständlich rüberkommt, und dass man Differenzen beseitigen muss.

Das tiefere Thema ist das des Außenseitertums, das der Identität, wo gehöre ich dazu, wer bin ich wirklich und sich daraus abzeichnende Konflikte, bin ich ein Wandler zwischen Tier und Mensch?

Der Hauptkonflikt dreht sich um Carag (Emile Chérif). Man erinnert sich, der ambitionierte Politiker Andrew Miling (Oliver Masucci), der auch ein Woodwalker ist, hat ihn unter seine Fittiche genommen und im Woodwalker-Internat untergebracht.

In diesem zweiten Woodwalkerfilm will Milling Gouverneur von Wyoming werden. Da gibt es noch ein paar Geschichten zu verräumen. Am Tag der Verhandlung des Woodwalker-Rates soll Carag falsches Zeugnis zugunsten von Andrew ablegen. Der hat ihn in der Hand, weil er ihm dafür ein Treffen mit seiner Puma-Familie in Aussicht stellt. Es ist ein Gewissenskonflikt, den Carag egoistisch löst. Damit ist für Milling der Weg zu einer Kandidatur frei und Carag kann seine Waldfamilie kennenlernen.

Die Kids kommen dahinter, dass Milling den Wald entgegen seiner Versprechen an einen Investor (Moritz Bleibtreu) verscherbeln will. Der beabsichtigt großflächige Rodungen, um Siedlungen hochzuziehen.

Dazwischen gilt es, den Pumavater von Carag, Brighteye (Eugen Bauder), medizinisch zu versorgen; eine Wunde an seinem Bein eitert und will nicht heilen.

Parallel dazu gibt es Besuche von Carags Pflegefamilie im Hotel „Wild Pine“. Wie Milling die Wahl gewinnt und anderntags die Bagger anrollen, hat der Film den Punkt des dramatischen Endspurtes erreicht. Da weiß dann sogar die Schulleiterin Lissa Clearwater (Martina Gedeck), deren Tier die weise Eule ist, auf welche Seite sie gehört. Das Trio infernale von Carag, dem Bison Marlon (Johannes Degen) und Eichhörnchen Holly (Lilli Falk), die halten eh zusammen.

Litte Trouble Girls

Tagträumerin
oder
wie die Pubertät einem eins reinwürgen kann oder von der Unmöglichkeit der Pubertät

Lucia (Jara Sofija Ostan) ist 16. Sie hat noch keine Periode gehabt, niemanden geküsst, geschweige denn erotische Erlebnisse oder Sex gehabt. Der Hunger danach, die Sehnsucht, die Neugier werden mit jedem Tag stärker, lenken sie von allem anderen ab, lassen sie in Tagträumereien versinken.

Momentweise wirkt Lucia wie ein Alien. Sie kommt neu in einen Chor aus lauter Mädels in ihrem Alter. Der verreist für ein paar Tage in ein Frauenkloster, um konzentriert für ein Konzert zu üben. Über ein Lippenstiftgeschenk, das sie von einer Verwandten aus Paris bekommen hat, entsteht die enge Freundschaft zu Ana-Maria (Mina Svajger). Die ist reifer, nicht ganz so unschuldig, schminkt die Lippen.

Die Mädels vom Chor haben eine doppelte Sicht auf die Welt. Einerseits singen sie wunderschön, sind voll bei der Sache. Andererseits können sie es nicht lassen, ihre Augen immer wieder zu den Shorts des energievollen Chorleiters (Sasa Tabakovic) gleiten zu lassen.

Im Kloster sind Arbeiter zugange. Sie würden nicht Slowenisch sprechen, wird erklärt. Die sind für die Mädchen eine besondere Attraktion, erst recht, wenn sie zum Schwimmen gehen.

Lucia nimmt diese Ablenkungen weniger cool als die anderen Mädchen. Sie haben sie voll im Griff. Auch die vielen Marienstatuen sind für sie unwiderstehlich.

Urska Djukic, die mit Marina Gumzi und Maria Bohr auch das Drehbuch geschrieben hat, versetzt sich in ihrem Film ganz in die Situation von Lucia. Sie lässt die Kamera selbst wie eine Tagträumerin mal an einem Detail, einem Stück Frauenhaar, einem Gesichtszug hängen. Sie lässt ihre Protagonistin den Verführungen keusch sich nähern, eine intime Annäherung zwischen ihr und Ana-Maria, ein schüchterner Versuch mit dem Chorleiter, wie er am Klavier übt oder wie einer der Arbeiter allein badet, nackt, mein Gott.

Es sind keine gelungenen, vollendeten Versuche. Im Gegenteil, beim Chorleiter schlägt es ins Gegenteil um. Es gibt auch ein Gespräch mit Schwester Kati (Tomazin Irena), die die andere Liebe, für die die Nonnen sich entscheiden, lobt. Lucia wird aus allem dem ihre Schlüsse ziehen müssen.

Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Familiärer Harmoniebedarf

Familiär ist dieser Film von Simon Verhoeven gleich doppelt, einerseits weil er im Schauspielermilieu spielt und zweitens, so mein Eindruck, dass seine Filme generell einen familiären Eindruck erwecken, aus Gründen der Atmosphäre, verstärkt noch durch die Besetzung.

Hier spielt seine Mutter, Senta Berger, eine der Hauptrollen, diejenige der Oma des Protagonisten Joachim Meyerhoff, nach dessen Roman das Drehbuch verfasst wurde, im Abspann taucht aber auch als Verwandte Stella Maria Adorf auf, eine Nicht von Senta Berger, das sind bei Leuten, die ihr Leben lang so in der Öffentlichkeit standen, keine Geheimnisse.

Zu vermuten ist, und das ist ja kein Nachteil für die Atmosphäre, dass auch der eine und die andere des Castes mit der Familie auf die eine oder andere Art vertraut ist. Das hebt sich deutlich ab von Produktionen mit eine 0815 Cast. Auch der Gastauftritt eines Nikolaus Paryla lässt weit zurückliegende Wiener Connections vermuten.

Im Roman schildert Joachim Meyerhoff seine Zeit als Schauspielschüler an der renommierten Otto Falckenberg Schule in München. In der Zeit hat er bei seiner exzentrischen Oma im Stadtteil Nymphenburg gewohnt. Von allem, was ich vorher über das Buch gehört hatte, war meine Vorstellung von der Oma doch exaltierter als jene der Darstellung von Senta Berger. Bei der Oma zuhause wurde mit Schnaps gegurgelt, und das war nur eine von wenigen Momenten im Tagesverlauf, in denen in jener Villa Alkohol verinnerlicht wurde.

Den junge Joachim spielt das Nachwuchstalent Bruno Alexander, eine Traumrolle für einen begabten Schauspieler, umso mehr, als Joachims Schauspielschulzeit alles andere als glatt verlief, er mit Widerständen zu kämpfen hatte.

Der Film scheint sich brav an den Roman zu halten, diese typische Art von Drehbucharbeit, man liest die Vorlage und kristallisiert Szenen heraus oder wo das zu schwierig erscheint, wird zum Mittel des Icherzählers gegriffen. So wird der Film eine nette Aneinanderreihung von anekdotischen Szenen, die vor allem Theaterbegeisterte mit einem Blick hinter die Kulissen, mit diesem Blick in so eine Ausbildung, entzücken dürften, sei es mit Sprech- oder Körperübungen.

Es gab schon Dokumentarfilme über solche Institute; nach meiner Erinnerung besteht dann doch eine merkliche Differenz zu dem, was dort zu sehen war und dem, was hier vorgespielt wird; oder man könnte sagen: die Darstellung hier entspricht nicht unbedingt gründlichem Studium der Realität.

Durch das Familiäre bleibt allerdings auch eine klare Differenz zu dem, was großes Kino sein könnte; vielleicht passt die Schublade: gehobeneres Gebrauchskino. Es wird in Deutschlad sein Publikum finden; es ist gut konditioniert auf solches Kino.