Archiv für die Kategorie: “Film”

Hier im Film von Safy Nebbou, der mit Julie Peyr auch das Drehbuch nach dem Roman von Camille Laurens geschrieben hat, ist einfach alles da, was großes Kino ausmacht: großer Kinoatem, eine packende Liebesgeschichte mit vielen Facetten, großartige Darstellerinnen und Darsteller, die Liebe im Kopf, in der Fantasie, das offene Ende von Liebe und Liebesgeschichten, Jugend und Liebe, Alter und Liebe, das Spiel mit der Liebe, moderne französische Architektur, in der man sich verlaufen kann wie in der Welt verliebter Gefühle, Chat, Fake-Identität in den Social Media, mögliche bis tödliche Folgen des Spielens mit der Liebe, das Anheizen der Liebesfantasien, Ersatzliebesglück, die reale Liebe und die gleichzeitig imaginierte Liebe im Hinterkopf, Künstlermilieu-, Literatur- und Literaturwissenschaftsmilieu, die Lügen als ein Elixier für die Liebe, die Rivalin, die nicht existiert, psychiatrische Betreuung, eine fabelhafte Juliette Binoche, die anfangs glauben macht, sie würde erst recht privatistisch die Liebesprobleme – und auch in jeder Sekunde Juliette Binoche sein – um dann doch zu einer erfahrungsfähigen und reflektierten Haltung finden, ein junger Mann Alex (Francois Civil), der par excellence den Künstler als jungen Mann spielt, perfekt den erotischen Frauentraum verkörpert, verspielt, fast etwas kindlich, naiv, der voll in die Falle der Frauenraffinesse läuft und außerdem gibt es gewagte Drohnenflüge über den Falaises, Symbol des Abgrundes an dem diese Spiele mit der Liebe verlaufen, aber es gibt auch das Spiel der Dramaturgie, das Varianten sucht und die Enden offen lassen möchte, weil der Film selbst ja auch nur die Ideen und Gedanken über die Liebe ventiliert, das muss offen bleiben und weitergehen können.

Es ist ein sanftes Kino, das sich erst wie in die Gefühle der Liebe versenkt, sich an die Intimität von Gefühlen annähert, als sei es ein Film von Frauen mit Frauen für Frauen, was er aber nicht ist, (kurzfristig direkt in die Nähe des Softpornos gerät) und sich dann auf die Gefahr und die Spielmöglichkeiten besinnt, aber auch erschreckt vor dem, was das Spiel mit der Liebe anrichten kann.

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Eine dreckige, schmierige, korrupte Welt ist es, in der solche Thriller spielen. Hier gibt es keine bunten fröhlichen Farben, kein befreiendes Lachen. Die Menschen, die sich in diesem amerikanischen Großstadtmilieu ein besseres Leben erkämpfen wollen, können dies nicht auf legalem, ordentlichem Wege tun. Sie sind zu mickrige Gestalten, vielleicht zu ungebildet, sie sind Bodensatz in legalen und weniger legalen Hierarchien.

Malik Bader lässt seinen in bestem Standard hergestellten Thriller im Milieu der Geldwäsche spielen. Mit einer Information darüber beginnt er auch den Film. Ein konkretes Beispiel schildert, wie Moe (Liam Hemsworth) und sein Freund Skunk (Emory Cohen) von Hinterzimmer zu Bank zu Geldwechsler zu Hinterzimmer unterwegs sind, wie aus dicken Geldbündeln Goldbarren und aus Goldbarren Wertpapiere oder Couverts mit Diamanten werden.

Sie sind unterwegs im Auftrag des Onkels von Skunk. Der ist der Baulöwe und Oberdealer Perico (Zlatko Buric). Sie haben erfolgreich zwei Testläufe bestanden. Jetzt sollen sie zehn Tage lang jeden Tag zwei Millionen waschen. Für die beiden bedeutete das je eine Million. Unvorstellbar viel. Es ist ihre einzige Chance, aus der Scheiße rauszukommen.

Der Onkel bläst den Deal ab. Was machen sie mit dem schon bereitgestellten Geld? Sie lassen sich auf einen vermeintlich lukrativen Zwischendeal ein: aus dem Geld schnell Drogen machen und dann die Drogen wieder zu – deutlich mehr – Geld. Aber sie landen in einer Falle, die korrupte Cops ihnen gestellt haben, die selbst die Asservatenkammer plündern.

Skunk ist der richtig mickrige Typ, der das große Ding drehen will, er scheint ein Mensch voller Minderwertigkeitskomplexe, geschunden von den anderen, auch etwas naiv und dumm. Während Moe nicht so ganz in diese armselige Welt passt. Er hat einen wachen Blick und eine gewisse Coolness, auch eine schwangere Freundin. Bei einem Crah bei der Flucht aus der Falle der korrupten Cops verliert er einen Teil seines Gedächtnisses und damit einen Teil seiner Identität, seiner Aufgabe. So wird er noch etwas rätselhafter – und anfällig für die Freundschaft zu Bobby?

Die Musik erzählt, dass sie das nicht als großes Drama sieht, sondern als erzählenswerte Ballade vom kleinen Gangster, der auf aussichtslosem Boden sich herauszustrampeln versucht.

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Port Isaac ist ein Fischerdorf im englischen Cornwall. Es gibt hier heftige Anbrandung des Meeres und einen deutlichen Unterschied zwischen Ebbe und Flut (die kann sich schon mal ein Auto schnappen) und einen Chor der Fischer, die jeden Freitag open air ein Strandkonzert geben.

Ein Musikmanager aus London hört diese Shantys, ist begeistert und will eine Platte herausbringen. Diese wird 2010 ein Hit und die Gruppe berühmt. Sie sind aber auf dem Boden ihres goldenen Handwerkes geblieben nach dem Motto: die Fischerei zuerst.

Chris Foggin hat diese Geschichte nach dem Drehbuch von Piers Ashworth, Meg Leonard und Nick Moorcroft mit Schauspielern inszeniert. Für die Fischer haben sie urige Typen gefunden. Es dominiert der britische Dialekt, der nicht immer leicht zu verstehen ist.

Der Film erzählt diese Erfolgsgeschichte ausgehend von vier Londoner Musikmanangern, die ein Junggesellenwochende in dem verschlafenen Fischerdorf verbringen, die Schnösel von der Stadt. Sie hören den Chor. Danny (Daniel Mays) wird dazu verdonnert – im Scherz – die Gruppe herauszubringen.

Danny nimmt den Gag ernst, bleibt im Dorf hängen, sucht den Kontakt zu den Fischern, die anfangs ablehnen, wozu auch berühmt werden, lassen sich dann doch umstimmen. Es folgen diverse gut gearbeitete dramaturgische Hürden, die zu nehmen sind und es entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen Danny und Alwyn (Tuppence Middleton, von der man nie weiß, ob sie nun eine berechnende und flirtende ist oder nicht), die mit ihrem Töchterchen und ohne Mann lebt.

Foggin berichtet diese anfänglich ungewollte Erfolgsgeschichte indem er nie das Stammtischniveau verlässt, es geht auch um die Rettung des Pubs im Ort, der dafür steht, wie toll die örtliche, provinzielle Gemeinschaft zusammenhält, der aber nicht immun ist gegen die Infizierbarkeit durch die Verführung „Hit in den Charts“.

Der Film erinnert in Stimmung, Haltung und Verzicht auf Tiefe an ehedem populäre Samstagabendunterhaltung im deutschen Fernsehen. Die Geschichte flutscht arg glatt.

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Autor Rainer Boller (Wilder Westen Made in Germany) platziert seinen Leser in einen wohligen Sessel in einer mexikanischen Bar. Den Whisky oder besser den Margarita oder den Tequila, die Tortillas und die Enchiladas muss er sich schon selber besorgen, ist aber auch gar nicht nötig in der dicht genre- und anekdotengeschwängerten Atmosphäre, die Boller mit seinem Buch herstellt.

Das ist eine ganz eigene Gattung: Er lässt über das Motiv der mexikanischen Bar legendäre und weniger bekannte Filme, wie Film Noir, Western, Abenteuerfilm, Revue passieren, in denen Szenen mit einer mexikanischen Bar vorkommen, auch wenn die ab und an in den USA gedreht worden sind, denn die mexikanische Zensur war streng und wollte unbedingt, dass die Filme ein gutes Bild des Landes verbreiten.

Man kann sich den Autor am Tresen sitzend vorstellen und aus seinen langen Reisen durch die Filmgeschichte und durch Mexiko munter erzählen hören. Er verfügt über einen enormen Anekdotenschatz, den er sich aus Archiven der unterschiedlichsten Art, aus Schauspielerbiographien, aus Gesprächen mit an den Filmen Beteiligten oder Verwandten von Berühmtheiten oder mit Berühmtheiten selbst, aus Drehbüchern, Korrespondenzen, Sichtungs- und Drehberichten zusammengesammelt hat, eine unerschöpfliche Kiste und dazu gibt er auch noch die Credits der Filme an und immer auch wieder Kritiken, da wird auch mal eine besonders witzige (deutsche) Synchronisation gelobt oder über verwechselte Filmrollen bei der Premiere berichtet.

Zudem stellt er einige der Protagonisten in knappen Biographiepunkten vor. Es ist eine Welt, in die sich trefflich versinken lässt, so fern und so nah zugleich oder wie man auch sagen könnte, Lektüre zum Abschalten ganz ohne Weltflucht oder Eskapismus. Denn es ist immer wieder das Menschliche, was fasziniert, sowohl im Film als auch hinter den Kulissen.

Widrige Drehbedingungen, Isolation im Dschungel. Wenn beim Dreh mit Richard Widmark plötzlich ein richtiger Kampf mit einem Dobermann oder gar einer Boa Constrictor wird – Widmark, der sich selbst als „zweite Garnitur“ bezeichnet.

Wenn Humphrey Bogart um die Teilnahme am „Transpacific Yacht Race“ mit seiner Yacht Santana bangt, weil der Dreh am „Schatz der Sierra Madre“ mit John Huston sich hinzieht und hinzieht. Oder Mitchums höchst distanzierter Blick auf Hollywood oder wie Humphrey Bogart skeptisch über Schauspielerpreise denkt (es müssten ja alle die selbe Rolle spielen, um Vergleichbarkeit herzustellen): „Akademie-Preise sind Schaumschlägerei für die Öffentlichkeit“.

Dann die Info, dass der Autor nach einer Begegnung mit Jane Russel auf die Idee mit diesem Buch kam. Aber auch cineastische Wunder, wenn Robert Rodriguez in zwei Wochen für 7′ 500 Dollar einen Film dreht, der über 2 Millionen einspielt.

Andererseits die Äußerung von John Payne, der das Drehen nur als lässigen Brotjob ansieht: „ Ich habe meine Filmarbeit nie richtig ernst genommen. Alles war eine Art Spaß. Ein einträglicher Beruf.“. Bunuels heidnischer Spaß, sein Team im Dschungel in Panik zu versetzen.

Dann die Liebesaffären oder katatrophale Drehbedingungen. Oder der ewig geheimnisvolle Autor B. Traven, ein Deutscher, der in Mexiko lebte. Und immer wieder die Zensur in Hollywood und dann auch noch in Mexiko.

Zwischendrin fügt Boller aktuelle Reisetipps zu von ihm erwähnten Drehorten bei. Das ausführlichste Kapitel ist jenes über John Hustons „The Treasure of Sierra Madre“, bei dessen Dreh „alle spürten, dass ein außergewöhnlicher Film entstehe“.

Erhältlich über den Mühlbeyer Filmbuchverlag.

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Durchwachsenes Feld. In Niederbayern kriegt Eberhofer Leberkäsfresslust. In London und L.A. müssen sich zwei Action-Solisten zusammentun. In Canada kommt ein lebensfremder Philosoph an Geld. An der US-Ostküste gibt es Familienkonfusion. In Neustadt müssen Investoren ausgebremst werden (Kinderfilm). In Hamburg ist Heirat mit einem Türken aus Einwanderungsgründen angesagt. Auf DVD gab es Kölschen Asi mit Niwoh.

Kino
LEBERKÄSJUNKIE
Von der Parallelität der Appetitlichkeit einer verkohlten Leiche und eines gebratenen Leberkäses.

FAST & FURIOUS PRESENTS: HOBBS & SHAW
Für zwei solche Superleinwandhelden scheint selbst die größte Leinwand zu klein.

DER UNVERHOFFTE CHARME DES GELDES
Müssen wirklich immer die Halbschlauen an Geld kommen?

LOVE AFTER LOVE
Aus Liebe entstehen Familien und in Familien entstehen Lieben.

BENJAMIN BLÜMCHEN
Elefantös-Getös.

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT
Türkischer Charme knallt auf deutschen Filmsubventionsbeton.

DVD
ASI MIT NIWOH
Urgestein aus Köln macht Eindruck.

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Doppelte Dröhnung.

Normalerweise reicht ein Actionheld wie Dwayne Johnson (hier als Hobbs und auch als Produzent des Filmes) oder ein Jason Statham (hier als Shaw und gleichzeitig auch als Produzent des Filmes) aus, um im Alleingang die Welt vorm Untergang zu retten.

Doch diesmal ist die Bedrohung so groß, dass die beiden gezwungenermaßen zusammenspannen müssen. Das ist eine konfliktreiche wie pointenerzeugende Grundkonstellation. Das Böse, Brixton (Idris Elba), nennt sich gleich so. Dieser ist manipuliert vom exklusiven Forschungsinstitut „Eteon“, das in einem entsprechend hocheleganten, abgeschotteten Hauptquartier skrupellos rumlaboriert und mit Hilfe von Professor Andreiko (Eddie Marsan) ein gefährliches Virus, CT17 („Schneeflocke“), entwickelt, mit welchem es die Weltherrschaft anstrebt.

Der Fall wird virulent, weil die dritte im baldigen Bunde der Top-Agenten, die attraktive Hattie (Vanessa Kriby), sich offenbar das Virus unter verrräterischen Bedingungen unter den Nagel gerissen hat und damit abgetaucht ist. Wobei ein Unterschied zwischen der offiziellen Lesart und den Fakten besteht.

Im Split-Screen-Verfahren exponiert Regisseur David Leitch nach dem Drehbuch von Chris Morgan als Parallelhandlung, wie die beiden Top-Agenten aus ihren privaten, familiären Situationen in L.A. und London herausgerissen werden, wie sie voll dagegen sind, zusammenzuarbeiten, da sie ja Einzelkämpfer und Einzelhelden sind. Das wird einiges an durchaus unterhaltsamem Spiel zwischen den beiden ermöglichen.

Familiär ist aber auch die Beziehung zu Hattie. Sie ist die Schwester von Shaw. Da „Der Böse“ ein manipulierter Mensch ist mit Roboterelementen, wird es nicht leicht sein, ihn zu besiegen.

Wie in einer erstklassigen Manufaktur spicken die Actionsprofis ihren Weg zur Rettung des Virus mit bester händischer Action, was brauchen wir das inzwischen längst abgelutschte Übermaß an Computereffekten, wenn es auch so geht mit verrückten Verfolgungsjagden und Kämpfen, mit Wortspielereien, pointenhaften Hackeleien, Jokes und mit der Message, dass letztlich der Mensch und das Menschliche dem Roboterhaften oder der KI überlegen bleiben.

Kurios-Köstliches findet seinen Platz auf Samoa, wie hier Schrottplatz gegen Toptechnik zum Countdown antreten, zu souveränem Unterhaltungskino in Bestform, bei dem das „Mike Jagger“-Spiel immer noch fast reibungslos funktioniert. Die geistigen Koordinaten beschränken sich auf kurze Zitate von Nietzsche und Bruce Lee und der Frage, welcher Satz von welchem sei.

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Pseudomodernistisches Familie-klebt-zusammen-redet-und-liebt-Quasselszenen-Konglomerat.

Die Familie ist US-ostenküsten-bildungsbürgerlich in den Bereichen Theater, Literatur und Schneiderei zugange. Sie diskutieren andauernd die Themen Liebe, Glück, Hass und Outfit. Manche haben Sex. Mit ihren Partnern. Oder auch mit anderen.

Im Laufe des Filmes stirbt der Neue der Mama Susanne (Andie MacDowell; schauspielen heißt, gezielt sich bewegen und gezielt lachen); vorher ist er zum umständlichen Pflegefall geworden.

Später stirbt die Oma unangekündigt, weil sie alt ist oder weil Regisseur Russell Harbaugh, der mit Eric Mendelsohn auch das Drehbuch geschrieben hat, Spaß an Beerdigungen hat. Er will nicht zu sehr sich in Begründungen und Handlungslogiken einbinden lassen.

Die Kamera sticht am liebsten mitten in den häufigen Familienpulk hinein, wählt sich eine Figur aus oder eine im Anschnitt oder mehrere, sprechen können gerne andere, die nicht im Bild sind, diese Art der Präsentation scheint hier Methode zu haben, die Bilderrealität, die so eine Familie abgibt, zu fragmentieren, wie denn überhaupt abrupt von Szene zu Szene gehupft wird, auch durch die Zeiten und zwischendurch gibt es eine viel zu lange, uninspirierte Kabarettszene mit Sohn Nicholas (Chris O‘ Dowd), der zweiten Hauptigur, der immer mit dem gleich entgeisterten Blick in die Welt schaut.

Weil die Sprecher oft länger im Off sind, fällt die deutsche Billigsynchro nicht ganz so negativ auf, die generell ermüdend im gleichen Rhyhtmus dahinplätschert, als ob ewig das Gleiche gespielt würde. Vielleicht ist es im Original ja so. Und vielleicht kann das Sundance-Festival uns erklären, weshalb es diesen Film gefördert hat, was an dieser B-Übung mit B-Cast, an dieser beliebig erscheinenden Familienkonfusion, so interessant sein soll. Und der deutsche Verleih kann uns vielleicht nahe bringen, was er sich davon verspricht, diesen Film bei uns ins Kino zu bringen.

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Niederbayerisches Panoptikum.

Der reifer werdende Bodensatz einer solchen Kinoreihe ist sicher die Stabiliserung der Typen, vielleicht wie in der Commedia-del-Arte. Hier habe Schauspieler immer wieder die gleichen Rollen gespielt (den Reichen, den Dünnen, den Dicken, den Gierigen, den Durchtriebenen undsofort) und dadurch bühnenwirksame Charaktere herausgearbeitet, in denen das Volk sich wiedererkennen kann.

So ist es auch in den Falkkrimis mit Kommissar Eberhofer (Sebstian Bezzel), einem Mann, der in lauter Widersprüchen gefangen ist, zwischen Mannsein und Kindsein, zwischen Dorfpolizistenallmacht und Dorfpolizistenohnmacht, zwischen Kompetenzüberschreitung und Kompetenzunlust und hier im x. Eberhoferkirmi zwischen Wurst- und Leberkäslust und den Anforderungen einer gesunden, vegetarischen bis veganen Ernährung und dem Heilfasten.

Eberhofer wohnt noch bei seinem Papa, dem wunderbaren Alt-Hippie Eisi Gulp und der Oma (Enzi Fuchs). Steckt aber immer auch im Spannungsfeld zu Susi (Lisa Maria Pothoff), seiner Ex-Geliebten und Mutter seines Söhnchens Paul.

Weitere Spannungsfelder werden abgesteckt durch seinen Bruder (Gerhard Wittmann), der in der Politik ist und seinen Freund und Kumpel und Privatdetektiv Rudi Birkenberger (Simon Schwarz).

Während mir der letzte Film der Reihe, Sauerkrautkoma, rundum gelungen vorkam, eine Kür sozusagen durch die grundlegende Sicht auf das Leben im Vergleich zum maßlos überdimensionierten Kreisel vor Niederkaltenkirchen als Symbol von ewigem Kreislauf und ewigem Gleichlauf, kommt mir dieser Fall eher wie eine Pflichtübung vor, nicht ganz aus einem Guss, eher als eine Aneinanderreihung von Sketchen mit dem bewährten Ensemble und sicheren Jokes über Essen und Rassismus, Liebe und Vaterpflichten.

Eva Mattes als Gast will zeigen, dass auch in einer Niederbayerin eine große Dramödin schlummert, das lässt sich nicht so nahtlos in eine Ensembleleistung integrieren. Wobei der Kriminalfall, um den es geht, auch eher durchwirkt erzählt wird.

Der Hof der Moosholzer-Bäuerin (Eva Mattes) brennt ab. Es findet sich eine stark verkohlte Frauenleiche. Da im Hof auch ein Zuwanderer aus Afrika lebt, wird das Immigrationsthema virulent. Er ist der Star des örtlichen Fußballclubs und es kommt nicht gut, wenn er statt auf dem Spielfeld aufzulaufen im Gefängnis sitzt unter falschem Verdacht.

Die verkohlte Frauenleiche führt ferner zum Thema Investitionen und Hotelneubau in Niederkaltenkirchen (inklusive Demo dagegen) sowie zu einem feinen Schwulenpaar, also auch noch die Genderthematik.

Dem Eberhofer wird anfangs des Filmes aufgegeben, endlich erwachsen zu werden, worum er sich aber nicht gerade bemüht. Die Story streift viele Themen lediglich randständig und auch das dürfte ein Grund sein, warum der Film eher wie eine Sketchaneinanderreihung mit bekanntem Personal auf vertrautem Witzgelände wirkt mit Ausrutschern in nicht ganz so Vertrautes: Joke mit Pathologie, Baby plus Übelkeit wegen Wurst.

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Deine Scheiße ist auch meine Scheiße“.

Die das sagt, ist Marion (Anne Ratte-Polle, eine bis in die Haarspitzen perfekt beherrschte Schauspielerin, das mag fürs Fernsehen genügen, ist aber nicht leinwandaffin). Sie sagt es zu Baran (Ogulcan Arman Uslu, dessen eitle Ambition, in einem Film möglichst drei grundverschiedene Typen zu spielen, nicht unverborgen bleibt). Er ist ihr Ehemann. Das macht die erste Szene auf einem deutschen Standesamt deutlich. Hier fallen die Titelsätze, dass das gesprochene Wort gelte, Baran kann zu dem Zeitpunkt praktisch kein Deutsch.

Nach dieser Szene beamt sich der Film nach Marmaris in der Türkei. Baran scheint auf der Flucht zu sein. Man denkt an Bootsflüchtlinge. Er sucht Arbeit in der Touristenstadt. Das wird ausführlich geschildert. In einem Lokal soll er vortanzen und bekommt einen Job in der Küche. Das ist die Vorstufe für Aktivitäten, über welche Ulrich Seidl in Paradies: Liebe einen extremen Film gemacht hat, über österreichische Urlauberinnen, die sich in Afrika von Einheimischen verwöhnen und drannehmen lassen wollten. Insofern erinnert er an Vertrautes.

Diese Phase läuft noch unterm Zwischentitel: „Kapitel 1, Präteritum, ich war“. Ein Film also über die deutsche Konjugation, die sich allerdings mit dem Präsens und als drittem Kapitel mit dem Futur 1 erschöpft. Da sind bereits um die zwei Stunden Film um.

In dieser Zeit will Ilker Catak, der Autor und Regisseur des vielfältig geförderten Filmes, etwas über Zweckheiraten zur Erlangung eines deutschen Passes berichten. Allerdings fällt er nach der ersten Türkeiphase wie aus dem Himmel im freien Fall auf den Beton des deutschen Subventionsfilmes.

Zurück in Hamburg wird bei Marion, die vorher noch in einer erfundenen Szene als Pilotin im Cockpit eines Airbuses geschildert worden ist, Brustkrebs diagnostiziert. Da kehrt der heilige, deutsche Subventionsernst in den Film ein, bei dem bestimmt alle Sätze gesetzt und überlegt und auch schön einzeln inszeniert sind; allein, das kann keine Tiefe ergeben, weil es nur der Themenillustration dient; ich komme mir als Zuschauer wie ein in der Schule begossener Pudel vor.

Nach der Krebsidagnose muss sich etwas im Verhältnis zu ihren Freund tun, einem verheirateten Mann mit Kind. Jetzt besinnt sich der Film an Marmaris, schickt die beiden in den Cluburlaub. Dann dauert es noch ein bisschen, bis Baran Marion anquatscht. Er ist inzwischen ein erfolgreicher Eintänzer mit anschließendem Sex. Er möchte aber, er ist Kurde, weg aus der Türkei und eine Europäerin heiraten, kann auch eine Engländerin oder eine Französin sein, egal. Bei der Deutschen funkt es zwar nicht. Aber rationale Überlegungen dürften sie zu dem Schritt beflügelt haben.

Und hupf, schon sind sie in Hamburg und verheiratet. Schon hat er ohne jeden Sicherheitscheck einen Job am Flughafen über einen Bekannten seiner Pilotenfrau. Jetzt noch ein paar Probleme eingebaut, die den Film in die Länge ziehen, eine Schwangerschaft erörtern, die Elbphilharmonie reinnehmen, ein Verhältnis zu einer Nachbarin suggerieren, den Brustkrebs vergessen, Baran Fahrräder reparieren lassen, ihn falschen Verdächtigungen aussetzen und schwups noch eine Überraschung einbauen und schon sind die zwei langen Stunden um und der nächste deutsche Subventionshit ist geboren.

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Wittgenstein und das Bankgeheimnis.

Augenzwinkernd liefert dieser Film des Kanadiers Denys Arcand eine Verteidigung des Bankgeheimnisses mit dem Wittgensteinsatz, dass man, worüber man nicht reden könne, schweigen müsse.

Wittgenstein und weitere Philosophen von Heidegger, Kant bis zurück in die Antike kommen ins Spiel, weil der Protagonist Pierre-Paul Daoust (Alexandre Landry) ein studierter und doktorierter Philosoph ist.

Zum Zeichen, dass Wissen, Denken und Intelligenz in unserer Gesellschaft nichts wert sind, lässt Arcand Pierre-Paul als Paketausfahrer arbeiten und mit einer Freundin darüber diskutieren, wie schwer es als intelligenter Mensch in dieser Welt sei, und wie doch die weniger Intelligenten zu Erfolg und Geld kämen.

Gleichzeitig gibt es einen Einblick in die Obdachlosenszene und den Hilfsverein „Le Parcours“, bei dem Pierre-Paul ehrenamtlich tätig ist.

Der Paketfahrerjob ist die Voraussetzung, Pierre-Paul in den Besitz von Millionen zu bringen. Er soll beim „Hollywood Shopping“ Pakete abliefern, gerät an den Rand eines blutigen Überfalls und ganz leicht in den Besitz der Beute. Er wird auch vorerst nicht verdächtigt. Allerdings verhält er sich dann doch nicht so intelligent, wie er sich selbst schildert und macht den entscheidenden Fehler, indem er sich über das Internet die Edelnutte Aspasie (Maripier Morin) nach Hause bestellt.

Im Zusammenhang mit diesem Fehler fällt allerding ein Problem mit der Figur Pierre-Pauls auf: der Darsteller spielt mir den zu sehr auf „dümmlich im Alltag“ im weltfremden Sinne. Der Gedanke seiner überragenden Intelligenz wird ab dem Geldbesitz wie beiseite gelassen. Wobei doch so ein intelligenter Mensch sich in jede Situation hineindenken und entsprechend pfiffig damit umgehen können sollte.

Er aber spielt den klischeehaft Lebensuntauglichen, wodurch er in weitere Fallen tappt und die Handlung einen vorhersehbaren Gang nimmt samt beschattender Detektive, der Verliebtheit in Aspasie, die zum Geldmilieu Beziehungen hat und schließlich zur Investition des Geldes mithilfe von Sylvain, genannt „Brain“ (Rémy Girard), einem eben aus dem Knast entlassenen Topwirtschaftskriminellen, dazu gibt es köstliche Details über den konkreten Vorgang der Geldwäsche und des Verschiebens von Geld um die Welt inklusive Tipps zur Steuervermeidung.

So wirkt der Film denn mehr sympathisch als bestechend, verpasst die Chance, diese Geldwirtschaft ätzend an ihre Grenzen zu treiben; bleibt anregend im Sinne des Idealisten, der ein Herz für Idealisten und Obdachlose hat und für solche, die sich eh nicht mit den Geldmächtigen anlegen wollen.

Eine schöne Würze gibt der Sache in der Originalfassung das Québécois, der Dialekt aus dem französischen Teil von Kanada. Hinzu kommen attraktive Bilder aus Montreal mit einem Untertext touristischen Werbeeffektes. Insofern ist Montreal so schon eine Reise wert.

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