Archiv für die Kategorie: “Film”

Klein aber oho!

Am Mittwoch eröffnet zum 10. Mal das Filmfestival Pantallalatina in St. Gallen, dem einladenden Universitätsort in der Schweiz. Eines der charmantesten Filmfestivals.

Die Filme
MI OBRA MAESTRA
Argentinien.
Kunsthändler und Maler im kreativen Clinch.

CONDUCTA
Kuba.
Elfjähriger muss ganze Familie versorgen.

LA JAULA DE ORO
Mexiko.
Der Traum von Amerika und die Realität für drei Teens.

LIQUID TRUTH
Brasilien.
Wie flüchtig die Wahrheit in Zeiten moderner Kommunikationsmittel ist – am Beispiel erfundenen Missbrauchs.

EL SILENCIO DEL VIENTO
Puerto Rico / Dominikanische Republik.
Schlepperdrama.

RELATOS SALVAJES
Argentinien.
Episodenfilm zum Thema Revenge.

IXCANUL
Guatemala.
Fluchtträume einer 17-Jährigen.

TEATRO DE GUERRA
Argentinien.
Falklandkriegsaufarbeitungs-Doku.

UNA MUJER FANTASTICA
Chile.
Großartiges Frauenporträt,
siehe Review von stefe

ANINA
Uruguay/Kolumbien.
Nomen-Omen-Palindrom-Animation.

EL LUGAR MAS PEQUENO
Mexiko.
Erinnerungsdoku.

EL ABRAZO DE LA SERPIENTE
Kolumbien.
Einzigartige Ethnoreise den Amazonas hinauf,
siehe Review von stefe

LAS HEREDERAS
Paraguay/Uruguay/Brasilien.
Schicksalskampf. Preisgekrönt auf der Berlinale.
Siehe auch die Review von stefe.

COMPRAME UN REVOLVER
Mexiko/Kolumbien.
Mädchen muss sich in korruptem Drogenmilieu durchsetzen.

NO
Chile.
Spannendes Historiendrama. Über die Kampagne gegen die Pinochet-Wahl.
Siehe Review von stefe

KURZFILMBLOCK I
Kurzfilme aus Peru, Argentinien, der Dominikanischen Republik, Mexiko, Kolumbien, Panama
zu den Themen: Transgender und Selbstverteidigung, das Geheimnis einer 60-jährigen Ehe, ein Doppelleben, Road-Trip gegen Beziehungskrise, ein Vater im Gefängnis, Präsidentschaftswahlrhethorik in Panama, Miniatur von einem Mann vor dem Nachtessen.

KURZFILMBLOCK II
Kurzfilme aus Argentinien, Brasilien, Chile, Guatemala, Mexiko, Kolumbien
zu den Themen: Beziehungsende, Dichterwunsch, Lynchmob, Zwang zu frühem Erwachsenwerden, Evolutionsfantasie, auf sich selbst gestellter Bub.

KURZFILMBLOCK III
Kuba, Argentinien, Guatemala, Brasilien, Chile, Mexiko
zu den Themen: Tattoo und Revolution, Ruhmgier, Kinderkampf unter Indigenen, Essay zu einer Sportübetragung, Belästigung am Arbeitsplatz, unerwünschte Schwangerschaft.

Die Kurzfilme setzen sich einem Publikumswettbewerb aus mit einem Preis für den Gewinnerfilm und einem ausgelosten Preis für das Publikum.
Außerdem bietet das Festival ein ansprechendes Rahmenprogramm.
Mehr und Details unter Pantallalatina.

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Taxi-Driver,

aber Frau statt Mann, Paraguay statt New York und 2018 statt 1976.

Der Titel dieses Filmes von Marcelo Martinessi, die Erbinnen, soll die Betrachtungsoptik bestimmen, das Element des Erbens. Ein Film voller Erbinnen. In den hochherrschaftlichen Kreisen, in denen der Film spielt, wimmelt es nur so von Erbinnen. Sie sind Personal gewohnt, Fahrer, Haushaltshilfen, Köchinnen. Sie leben edel eingerichtet. Einige treffen sich regelmäßig zum Kartenspielen. Es handelt sich überwiegend um gehobenere, ältere Damen.

Aber Martinessi transportiert mit seinem eher düsteren Film in manchen Momenten so etwas wie eine Existenz-Groteske über das Leben dieser Damen. Oder was über manche erzählt wird bei der Rückfahrt von der Spielrunde. Eine sei 52 Jahre verheiratet gewesen. Und es sei eine gute Ehe gewesen, behauptet sie. Kaum hat sie das Auto verlassen, bricht es aus einer anderen heraus, die seien ja nie zusammen gewesen, sie habe die Ehe nur durchgehalten wegen dem Erbe.

Männer kommen kaum vor, mal als Klavierträger oder als untauglicher Geliebter, der nach zwei Jahren den Laufpass erhält.

Die Hauptstory ist die von Chela (Ana Brun). Auch sie ist eine Erbin, in einem herrschaftlichen Haus aufgewachsen, Louis XIV oder Louis XV-Möbel. Sie war nie verheiratet, hat keine Kinder. Sie ist mit Chiquita (Margarita Irun) zusammen. Sie können nicht umgehen mit Geld, mit dem Erbe. Die Schulden häufen sich; Betrugsvorwürfe.

Chiquita kommt ins Gefängnis. Chela hat Mühe, den aufwändigen Haushalt weiterzufinanzieren. Sie lässt anschreiben, wo immer sie kann. Die Wohnung leert sich zusehends, weil sie Hausrat verkaufen muss. Sie fährt einen uralten Mercedes – sie hat keinen Führerschein, ist noch nie Autobahn gefahren.

Über einen kleinen Gefallen, den sie einer Bekannten tut, entwickelt sich für sie ein Job als Fahrerin. Verlust des Privilegs der reichen Klasse. Jetzt wartet sie im Vorraum bei den alten Damen, die Karten spielen, bis ihre Kundin nach Hause gefahren werden will. Sie gilt als vertrauenswürdig, wird weiterempfohlen und behandelt wie einer Dienerin.

Über den Job lernt sie Angy (Ana Ivanova) kennen, eine schwarzhaarige, markante, jüngere Frau. Angy bemerkt die Isolation und auch Hilflosigkeit im Leben von Chela. Sie holt sie aus der Reserve heraus.

Der Film ist allein schon eindrücklich durch die Riege von bemerkenswerten Frauen, die den Cast bilden. Mit dem Erbinnenthema liebäugelt er vielleicht mit einem möglichen Niedergang jenes lange herrschenden Zweiklassensystems in Lateinamerika, das die weißen Eroberer eingeführt haben. Im Unscharf betrachtet, wirken die Figuren wie Fossilien, die sich in einer Urwelt bewegen, einer Welt, die so keine Zukunft hat.

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Ein Italiener bietet Berlusconi mit großer Malergeste Paroli, ein kleiner Franzose entdeckt die doppelte Welt der Erwachsenen, ein Amerikaner sucht in Britannien nach künstlerischen Nichtigkeiten, ein Amerikaner entdeckt in der Provinz den Finster-Thriller-Trash, ein amerikanischer Komiker will zur Abendschule, Tierwelten gehen in Serie, eine Deutsche sucht in Miniaturen nach Gesetzen und Disproportionen des Alltags und eine andere Deutsche assistiert dem Jobcenter. Und es ist ein enzyklopädisches Filmbuch über Filme mit „tiny creatures“ erschienen. Im TV: Absturz in Biopic-Geflickschusterei.

Kino
LORO
Gigantisch – italienisch – politisch.

DER KLEINE SPIROU
Was die Erwachsenen können, können wir an der Schwelle zum Erwachsensein schon lange.

JULIET, NAKED
„Süßliche, blutleere Nichtigkeiten“ als Gehalt von Künstler- und von Fantum.

NIGHT SCHOOL
Ein ernstes Thema von Sictom-Profis in die Mangel genommen, die Abendschule.

PHANTASTISCHE TIERWELTEN: GRINDELWALDS VERBRECHEN
Neue Serienmelkkuh in der Nachfolge des Harry-Potter-Erfolges.

ASSASSINATION NATION
Was Ludwig Thomas Moral vor 100 Jahren in Bayern beobachtete, passiert heute eklatant drastischer im Provinznest Salem in den USA.

WAS UNS NICHT UMBRINGT
Alltags-Miniaturzeichnungen sträuben sich gegen den großen Kontext, wollen für sich wirken.

REISE NACH JERUSALEM
Mit dem Titel ist der Witz bereits aus dem Film raus, weil er meint, was er sagt.

Filmbuch
DAS GROSSE BUCH DES KLEINEN HORRORS
181 Genrefilme durchgelitten, -geschüttelt, -gegruselt.

TV
VOGELWILD – GEORG RINGSWANDL
BR-Musikkommerz-Onanie-Sauce.

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Ein Beitrag zu einem ernsten Problem in unseren sich immer mehr spaltenden Gesellschaften, die zunehmend, sowohl in den USA als auch bei uns, in Arm und Reich auseinanderdriften und wo sich die Bildungschancen für die unteren Schichten verkleinern.

Ein Mittel dagegen können Abendkurse sein, kann die Abendschule sein. Dieses Problems nimmt sich in seinem neuen Film Kevin Hart an, der mit mehreren anderen das Drehbuch geschrieben hat und in der Regie von Malcolm D. Lee auch die Hauptrolle des Teddy Walker spielt.

Teddy ist ein Looser-Typ, der über die Abendschule aus seiner Welt aus Vorgemache und Lügengespinsten und auch aus der Abhängigkeit von seiner erfolgreichen Freundin Lisa (Megalyn Echikunwoke) sich zu befreien sucht (allein, ihm sind die Lernbegabungen nicht haufenweise mitgegeben).

Die Methode der Erzählung ist sitcomhaft. Diese beherrschen das Team und das Ensemble aus dem Effeff. Das fällt einem extrem auf, wenn man aus dem Kinosaal kommt und dann laufen im Kinofoyer Ausschnitte aus dem deutschen Film „Der Vorname“. Wie viel steifer doch bei uns Kino gemacht wird. Und mit welchem Temperament und auch welcher Herzlichkeit (die entsprechendes Zuschlagen nicht ausschließt) die Amis das machen. Wie sie gezielt mit Übertreibungen arbeiten, mal lustiger, mal weniger lustig, mal anspruchsvoller, mal weniger.

Wie sie aber auch ein viel pointierteres Auge für das Zusammenstellen eines Castes haben, hier besonders die Klasse, mit der Teddy seinen Schulabschluss nachholen möchte.

Zur Comedy gehört spezielle Würze. Die liefert ein Nebenschauplatz, das ist „Christian Chicken“, ein christlicher Schnellimbiss. Wird selbstverständlich alles verarscht.

Nach all den Irrungen und Wirrungen seines Weiterbildungsversuches wird Teddy eine Rede halten, die nicht zu weit entfernt ist von einem christlichen Bekenntnis, er outet öffentlich seine Lügereien, mit denen er sich bislang wichtig machen wollte. Insofern auch ein Katharsisfilm.

Als Gegenpol zu solcher Reinheit bedarf es wiederum des Schamhaar-Gags in einem Restaurant. Teddy fummelt einige von den seinigen auf ein Stück Nachtisch, um sich zu beschweren. Woraufhin der Restaurantchef den Kellner feuert und für die Rechnung, die Teddy für den ganzen Tisch nie hätte bezahlen können, aufkommt.

Die Sitcomlogik fordert zwingend, dass Teddy dem Kellner wieder begegnet. Der will sich nach seinem Rausschmiß nämlich auch auf der Abendschule weiterbilden lassen.

Sitcom heißt nicht, Charaktere entwickeln, Probleme step by step und nachvollziehbar lösen, Sitcom heißt, sich auf Extremsituationen im Zusammenhang mit so einer Weiterbildung drauf setzen und weißgottnichtwas alles noch drauf zu tun. Für einen Lacher gehen wir auch über eine Leiche.

Heißt aber auch, dass nie Bösartigkeit aufkommt, dass die Gemeinsamkeit des Sichlustigmachens wichtiger ist, auch wichtiger als alle Handlungslogik (augenzwinkernd sind wir doch alle Lebensdilettanten). Was aber wiederum die Grenzen des Erfolges schnell eingrenzen kann, je sorgloser damit umgegangen wird. Wobei gerade diese Sorglosigkeit an plotmäßiger Dreistigkeit, je mehr sie auf die Spitze getrieben wird, zusätzliche Attraktivität verleihen kann. Hier sind wir irgendwo im besseren Mittelfeld.

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Wie eine heftige Windhose zischt es einem diesen magiegetränkten Bildersturm um die Ohren, um die Augen, um den Kopf, ums Hirn. Das vermittelt einem das Gefühl, zwei Stunden unter einer Föhnhaube beim Haarschneider verbracht zu haben. Dann tauchst du drunter hervor und fragst dich, was war das jetzt, ist etwas bis zu deinem Geist vorgedrungen? Oder war das lediglich eine Übung in Eskapismus mit allerminimalster Storyfundierung, so dünn, dass wir auf den Versuch der Rekapitulation gleich ganz verzichten.

Auf diesem verdünnisierten Storygrund werden in sich immer wiederholender Gleichförmigkeit magische Effekte produziert, vom Zauberstab über das Zauberköfferchen bis zum begehbaren Denkmalsockel. Und dies mit den ewig gleichen, jetzt noch einigermaßen (computer)modernen Verwandlungen und Transformationen. Diese lassen einen die Leinwandakteure eventuell beneiden um diese Fähigkeit, die man selber gerne ab und an an manchen Zeitgenossen ausprobieren möchte.

Dieser Magic-Zirkus spielt abwechselnd in Paris und London. Wenn ihnen am einen Ort nichts mehr einfällt, wechseln sie über den Kanal, wenn ihnen bei einer Szene nichts mehr einfällt, wird eine Figur verwandelt, weg- oder herbeigezaubert.

Nebst den Menschendarstellern gibt es noch animierte Figuren, vom kleinen, grünen Grashüpferzweiglein, bis zum Pelikanbiber oder was auch immer bis zum riesigen Animationsungeheuer.

Die Darsteller spielen diszipliniert und recht gefplegt, wenn nicht gerade weggenuschelt. Sie haben ordentliche Kostüme wie vom Maßschneider, sie haben Umfangsformen und stehen für die Dialoge gerne gut stramm vor einem Green Screen.

Die Settings sind hochklassisch, Burgen und Jugendstil-Eisenkonstruktionshallen oder auch grüne, hügelig-wellige Landschaft.

Der Film spielt im frühen 20. Jahrhundert. Der Wechsel von Bildern und Motiven ist rege, so dass der Zuschauer nicht dazukommt, auszubüchsen, gar an seinen eigenen Alltag zu denken. Wobei er just hier ein übers andere Mal Parallelwelten serviert bekommt, wie sie ihm womöglich von seiner entfremdeten Arbeit bestens vertraut sind. So besehen, das Kino vielleicht doch mit Spiegelfunktion?

Grindelwald (Johnny Depp) ist eindeutig als Bösewicht angezogen und hergerichtet, so dass er weiter nicht viel dazubeitragen muss.

Die Produzenten vertrauen ihrem Rezept, dem Regisseur David Yates (Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind, Legend of Tarzan) und der Autorin J.K. Rowling offenbar blind, so dass bei IMDb bereits die Folgen 3, 4 und 5 als in der Mache angekündigt werden. In zweijährigem Rhythmus sollen sie ins Kino kommen. Offenbar haben wir es mit einer mächtigen Geldmaschine (mit Zauberkräften?) zu tun.

Einmal wird das eh schon düster gezeichnete Paris noch mit schwarzen Planen in der Nachfolge von Christo verpackt, ein schöner Effekt.

In den Dialogen sind ab und an Sätze zu den existentiellen Themen von Liebe, Glück und der Frage nach der Identität eingestreut. Auf der Leinwand bewegt sich viel, bei mir im Kopf bewegte sich wenig.

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Was uns nicht umbringt, macht uns stärker, lässt uns nicht am Leben verzweifeln. Was uns nicht umbringt, das sind in diesem Film von Sandra Nettelbeck die Kleinigkeiten des Alltags genau so wie die existenziellen menschlichen Beziehungen elementarer Liebe innerhalb der Familie, zwischen den Geschlechtern oder zwischen Menschen gleichen Geschlechts.

Es sind die kleinen Dinge, die sich im Alltag zu monumentaler Größe auswachsen: ein Wasserhahn, der sich immer nach links dreht – und nicht etwa nach rechts, sobald man ihn anstellt (auch das Knarzen einer Tür); das erinnert an A Happening of monumental Proportions; die Amerikaner haben diese Alltagswidrigkeiten satirisch überspitzt und fetzig auf die Leinwand gebracht.

Bei Sandra Nettelbeck herrscht das Prinzip der präzisen Miniaturmalerei vor, wird es ein Fleckerletppich voll wunderbarer Alltagsminiaturen im Sinne einer essayistisch-literarischen Kunst, auch Interieur-Kunst.

Die Szenen spielen überwiegend in Innenräumen, teils so schön und perfekt ausgeleuchtet wie die Leserin von Vermeer. Generell vom Bildnerischen her orientiert an der holländischen Genre- und Interieur-Malerei, könnte auch rembrandtisch inspiriert sein mit diesem Fokus auf den Gesichtern.

Die Themen und Lokalitäten sind die urmenschlichen von Trennung, Patchworkfamilie, Schwangerschaft oder Wechseljahre, Wohnungsbesichtigung, Umzug, Psychiater, Bestattungsinstitut, die Krankheit Krebs, Krankenhaus, die Uni, Kaffehaus, Wohnzimmer, Küche, Besprechungszimmer, Kündigung, Pilot mit Flugangst, klassischer Musikbetrieb, Schauspielerei, Anschaffung eines Hundes nach jahrelanger Sehnsucht, über einen, der nicht gerade Stiefvatermaterial sei (auch hier wird diese sprachliche gewollte herausgehobene Verkündigung einer Alltagsbanalität sichtbar), der Glaube an tödliche Krankheiten, dramatisches Zertrümmern einer Melone, Hörsaal, auch der Zoo mit seinen Pinguinen erfährt eine Würdigung.

Eine philosophische Anmerkung von Voltaire zur Medizin kommt vor, deren Geheimnis bestehe darin, den Patienten abzulenken, während die Natur ihre Selbstheilungsfunktion efüllt.

Kinematographisch moderierter Alltag.
Kinematographische Alltagsdistillerie. Geschmackvoll, gediegen.
Hochkulturelle Alltagsfledderei und -aufbereitung zu feinen Interieur-Miniaturen eines literarisch bedeutungsvoll sich gebenden deutschen Kinos.

Diese Miniaturszenen sind mit strenger Regie, theatralisch, aber auf diese Art erstklassig mit einem exzellenten Ensemble inszeniert; es spielen mit: August Zirner, Johanna Ter Steege, Barbara Auer, Oliver Broumis, Jenni Schily, Bjarne Mädel, Christian Berkel, Victoria Mayer, Deborah Kaufmann, Mark Waschke, Peter Lohmeyer uva.

Während die Musik gerne die Wellenförmigkeit der Wiederholung (der Lebensvorgänge) betont.

Scherzhafter Insider-Satz: „Ich glaub, ich geh jetzt nach Hause“. Antwort: „Ich glaub, das ist eine gute Idee“ – dem ist nicht zu widersprechen.

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Unsere Gesellschaft bricht auseinander in diejenigen, die nicht wissen, wohin mit dem Geld und in diejenigen, die nicht wissen, wo einen Euro herkriegen oder die mit Benzingutscheinen, wie die Protagonistin Alice (Eva Löbau) sie für die Teilnahme an der Marktforschung erhält, auch nirgendwo bezahlen können und schon gar kein Auto haben. Die Leute halten die Gutscheine für Monopoly-Spielgeld.

Der Film von Lucia Chiarla illustriert die Schattenseite des großen Monopoloys. Diese werden in der Bildgestaltung von Ralf Noack konsequent aus der Underdogperspektive gezeigt, was nebenbei ein unerfreuliches Berlin-Bild generiert.

Alice ist studierte Publizistin. Sie ist ihren Job losgeworden und gerät, da sie als Freelancer nicht genügend verdient, in die Mühlen des Jobcenters und damit der Maßnahmen- und Umschulungsindustrie.

Damit der krasse Lebensstandardgegensatz zu früher drastisch sichtbar wird, lässt Chiara sie sich mit Ex-Kollegen treffen. Sie kann nicht mithalten mit deren Ausgabenfreude für Kino, Essen, Trinken, Party, Stripper.

Der Film reiht eine Fülle an prekären Situationen von Alice aneinander. Das geht vom Zahnersatzproblem über den Zahlversuch mit Benzingutscheinen, Besprechungen in der Maßnahmenindustrie wie Bewerbungstraining oder Umschulungsvorschläge bis hin zum defekten Fahrrad, dem defekten Computer bis zur Mietpreisstundung, lauter unüberwindliche Hindernisse.

Das Problem dabei scheint mir, dass es bei der Aneinanderreihung bleibt, aus der sich keinerlei Handlungsdramatik ergibt, keine Spannung erzeugt wird.

Fachleute werden anerkennen, dass die verschiedenen Filmgewerke hervorragende Arbeit geleistet haben. Die Schauspieler sind gut besetzt. In diesem Zusammenhang ist just die Hauptfigur, abhängig vom Drehbuch, das nur die Situation illustrieren will, eine Hypothek. Vielleicht gerade, weil sie versucht, ihre Rolle realistisch zu spielen, alltagsrealistisch. Vielleicht überrealistisch. Ein theatraler Realismus, der das Prekäre an ihrer Lage sogar betont, die Hiflosigkeit. Das dürfte mit der kapitale Fehler des Buches sein im Hinblick auf die Publikumsresonanz. Wer will schon realistisch eine prekäre Situation geschildert sehen, so wie im Lehrfilm des Arbeitsamtes? Die Menschen, denen es so geht, können sich das Kino nicht leisten oder müssen sich wie unsere Protagonistin hineinschleichen.

Spannender wäre es, wenn vom Drehbuch her der Charakter von Alice genauer studiert worden wäre, der eine individuelle Reaktion auf die prekäre Situation ermöglichte, der Dynamik ins Spiel bringen, der Konflikte erzeugen würde. Aber das ist wiederum die typisch deutsche Drehbuchkrankheit, vor Charakteranalysen und Personenstudien zurückzuschrecken, lieber erfindet man wie hier Fallbeispiele, so dass die Regisseurin sich bestens für Schulungs- oder Industriefilme empfiehlt.

Frage an den Kinobesucher: Wollen Sie sehen, wie ein Mensch in eine prekäre Situation gerät und darin schwimmt oder wollen Sie lieber sehen, wie er individuell, gar widerständig und kreativ damit umgeht, Konflikte hervorrufend?

Der Film selbst wirkt selbst wie ein flankierende Maßnahme des Jobcenters für Arbeitslose. Spannend dagegen wäre eine gründlich recherchierte Dokumentation zur florierenden Sekundärindustrie von Fortbildungs-, Trainings- und Umschulungsmaßnahmen, die sich vom Arbeitsamt gut finanzieren lässt.

Der Sesseltanz am Schluss, also die Illustrierung des Titels als „Reise nach Jerusalem“ ist zu dick, ja erklärt den Film als so oberflächlich wie dieses Spiel. Hoffnungslos.

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Mit „Il Divo“ hat Paolo Sorrentino (Ewige Jugend, La Grande Bellezza, Cheyenne – This must be the Place) schon einmal einen Politiker, Giulio Andreotti, leinwandtechnisch beleuchtet und überhöht.

Jetzt ist Silvio Berlusconi dran. Im Vorspann warnt Sorrentino die Zuschauer, er hätte Material aus der Realität genommen, dieses aber auch willkürlich gemischt, verändert und dokumentiert.

Die Rolle hat er mit Toni Servillo besetzt, der in Ansätzen ein Clowngesicht hat. Die Maske hat daraus einen grandiosen Berlusconi geformt mit spezieller Berücksichtigung der kleinen, pingelig genau gepflegten, geölten und gelegten Haarplantage auf dem Kopf.

Sein Anwesen auf Sardinien sucht seinesgleichen. So viel Luxus passt kaum in einen Film. Seine Frau Veronica (Elena Sofia Ricci) lümmelt in den feinen Fauteuils rum oder meditiert. Sie nimmt die Eskapaden ihres Mannes mit Minderjährigen in Kauf. Erst spät im Film liest sie ihm die Leviten in einer emotionalen Auseinandersetzung und verlangt die Scheidung.

Der Film fängt nicht mit der Schilderung der Person Berlusconis an. Dieser bleibt lange unnahbar. Sie fängt in der Welt an, mit der er sein Geschäft macht, mit Fernsehunterhaltung, mit Show. Der Film wirkt anfänglich wie eine Dauerwerbesendung, nur viel besser, unterhaltsamer, fast wie eine würdige Fortsetzung von Fellinis Hommage an die ewige Stadt und die Frauen „Roma, offene Stadt“. Eine Explosion der oberflächlichen Italianitá.

In dem Gewimmel wuselt ein Dompteur und Geschäftswitterer, Sergio Morra. Der stammt aus einer „ehrlichen“ Industriellenfamilie; zumindest ist das die Geschäftsphilosophie seines Vaters. Sergio möchte unbedingt an Silvio rankommen, um Aufträge zu angeln.

An Berlusconi ranzukommen ist ein komplizierter Vorgang, hochkomplex und voller überraschender Showeffekte und kostspielig dazu. Sergio möchte die Aufmerksamkeit von Berlusconi erregen. Und er weiß, wie dieser zu Frauen steht. Also organisiert er Riesenpartys in einer Villa, die von Berlusconis Villa aus zu sehen ist; die Party füllt Szenen noch und nöcher, bis der Zuschauer endlich überrascht feststellt, dass eine Figur im leeren Garten der Berlusconi-Villa im goldenen Tschador sitzt.

Der Film pflückt diverse Skandale aus der jüngeren italienischen Geschichte heraus, vermischt und sortiert sie neu. Berlusconi stürzt die Regierung, indem er sechs Abgeordnete kauft. Im Moment, da Berlusconi den Eid zum Ministerpräsidenten ablegt, geht das Erdbeben von Aquila los.

Sorrentino kriegt sich schier nicht mehr ein, schildert zügellos und ausschweifend und mit enormer Fabulierlust die Korrumpiertheit dieser italienischen Elite, deren Leben wie in Ekstase. Aber bevor sich das als Prinzip verselbständigt, bringt er ernstere Töne in die Angelegenheit und hat auch ein Auge für die Opfer der leeren Versprechungen der Politiker.

Die junge hübsche Stella (Alice Pagani) ist ein Knackpunkt für Silvio: er begehrt sie. Sie will nicht. Sie beschreibt ihn als einen Mann, der sie an ihren Opa erinnert, an dessen Atem, weder gut noch schlecht, aber den eines alten Mannes. Berlusconi wird treuherzig zu seiner Verteidigung anführen, er wolle doch nur ein Kaufmann sein (wozu die Betrügerei existentiell dazugehört).

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Aus dem Nähkästchen.

Wenn Künstler Filme über das Künstlertum machen. Agnes Jaoui in Frankreich kann das fabelhaft, das hat sie jüngst mit Champagner & Macarons bewiesen.

Hier verfilmt der gut im Fernsehen beschäftigte Jesse Peretz ein Drehbuch von Evgenia Peretz (Our Idiot Brother) und von Jim Taylor (Downsizing); die wiederum hatten einen Roman des Erfolgsautors Nick Hornby zur Vorlage. Von Nick Hornby wiederum wird ein Buch nach dem anderen verfilmt (About a Boy, Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten, A Long Way Down, High Fidelity).

Hier interessiert die Filmemacher am Künstlertum einerseits das Fantum, andererseits Privatleben und Schaffenskrise eines Rockstars. Und führt die beiden Seiten zusammen.

Duncan (Chris O‘ Dowd) ist Fan von Tucker Crowe (Ethan Hawke). Duncan betreibt einen Internetkanal, in welchem ein kleiner Kreis männlicher Fans sich über ihren Star austauscht und vor allem Mutmaßungen darüber anstellt, was mit ihm geschehen sei, denn von ihm wurde jahrelang nichts mehr gehört, sind keine neuen Songs erschienen. Der letzte Song von Tucker war über eine Juliet.

Duncan lebt im britischen Küstenstädchen Sandcliff. Er ist liiert mit Annie (Rose Byrne). Diese arbeitet im Rathaus und kuratiert gerade eine Ausstellung über Sandcliff im Jahre 1984. Auch das ein Hinweis auf die diesem Film innewohnende Nostalgie. Diese gilt auch im Hinblick auf Musik, auf Sehnsucht nach früheren Zeiten der Rockmusik, so wie Tucker einer der Vertreter war.

Eines Tages meldet Tucker sich bei Duncan. Die Nachricht gerät an Annie, die für gewöhnlich Duncans Post öffnet. Das sind Informationen für den Zuschauer, die alltagsnah geschildert werden, so wie auch das Einkaufen, Kochen, Szenen zuhause oder bei der Arbeit im Rathaus oder auch, wie Annie ein per Post zugeschicktes neues Kleid probiert (selbstverständlich geschmacklos), das Problem leerer Batterien oder ein in eine konservierende Flüssigkeit eingelegtes Haifischauge.

Der Film schmiegt sich kuschelig an den Provinzalltag an, will für den Zuschauer augenzwinkernd eine vertraute Wohligkeit herstellen. Auch Künstler sind gar nicht so anders.

Wobei die Familienverhältnisse von Tucker unübersichtlich sind, so viele Frauen, so viele Kinder. Ein Töchterchen wohnt in London. Die besucht er, weil sie schwanger ist. Er überquert den Atlanktik und erleidet in London einen Herzinfarkt, was Spitalszenen zur Folge hat.

So treffen die Welten zusammen, Fanwelt und Künstlerwelt und verwickeln sich in London und Sandcliff ineinander. Und sind doch gar nicht so verschieden.

Die Schauspieler spielen engagiert enthusiastisch auf, allen voran Rose Byrne, die viel über ihre rege Gesichtsmimik mitteilt und damit auch die anderen Darsteller ansteckt. Was auch wiederum zu einem heimeligen Gruppengefühl beiträgt. Ganz so weit, wie die Drehbuchautoren mit der Bewertung der neuen Platte von Tucker gehen, würde ich meine Bewertung des Filmes nicht treiben: „süßliche, blutleere Nichtigkeit“.

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Kinder sind nicht die besseren Erwachsenen. Aber sie können auch schon ganz schön abgefeimt sein. Was sie vielleicht besser können in dem Alter, in dem hier die Protagonisten sind, allen voran Spirou (Sacha Pinault) und seine Mitschüler und Mitschülerinnen, das ist in dem Zustand reiner platonischer Liebe die Erwachsenenwelt in ihrer Doppelzüngigkeit haarscharf durchschauen.

Spirou ist verliebt in Susette (Lila Poulet). Diese Liebe setzt eminente Kräfte frei. Die Mitschüler werden engagiert, Spirou und seine Freunde arbeiten mit allen Tricks, damit Spirou mit seiner Susette ausreißen kann. Das wird eine richtig fantasievolle Abenteuerreise, die lokal zwar auf der Stelle tritt, bei der kreative Installationen der Schulfreunde die halbe Welt imitieren.

Allein die Herstellung des Rades mit Beiwagen, wie die Kids hier mit Bestechung und Aufgabenhilfe und Versklavung eines Freundes arbeiten – wie mit allen Wassern gewaschen. Wie sie sich gegen die Petze, die alles dem Pfarrer beichtet, wehren müssen, gegen missgünstige Mitschüler. Aber auch dagegen gibt es Schülerstreiche, Tricks.

Ein wichtiger Motor für die Abenteuerreise ist Spirous Erkenntnis, dass er nächstes Jahr als Page die Hotellaufbahn wie schon seine Mutter, sein Großvater und alle Ahnen, einschlagen soll.

Der Opa (Pierre Richard) hat auf dem Dachboden eine perfekt eingerichtete Pagenschule eingerichtet mit Fahrstuhl und Windanlagen, um das Öffnen von Türen bei Gegenwind zu üben.

Die für die Kinder recht durchschaubare Erwachsenenwelt besteht noch aus der Lehrerin Mademoiselle Chiffre, auf die der Sportlehrer Mégot (Francois Damien) steht. Auch beim Lehrer kommt Spirou dahinter, dass Lehrer nicht sein Lebenstraum war.

Spirou ist abergläubisch und nimmt gerne die Dienste der Wahrsagerin (Armelle) in Anspruch, bis er dahinter kommt, dass der Opa sie besticht, damit sie ihm die Pagenzukunft voraussagt. Doch auch dagegen fällt Spirou etwas ein.

Spirous Mutter (Natacha Régnier) ist eh nur besorgt um die Zukunft des Sohnes.

Nicolas Bary inszeniert die Geschichten nach Buch und Vorlagen von Tome, Janry, Laurent Turner, Nicolas Bary, Laure Hennequart deutlich plakativ im Sinne von Comics, wie sie Süßigkeiten für Kinder gerne beiglelegt werden und fügt so verschiedene Episoden zu jener Art von Kunstgenuss zusammen, der immer heiter amüsiert auf Distanz bleiben kann.

Bereits die erste Szene in der Schule zeigt unterhaltsam die Diskrepanz zwischen offizieller Naturwissenschaftswelt und dem Wunder der Natur (eine Frau) in der Parallelwelt der Kinder.

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