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Kommentar zu den Reviews vom 8. Oktober 2026

Das Kino hat kein Dürreproblem wie wir in unseren Breiten; es sprudelt frisch und munter wie am ersten Tag, druckvoll, aufregend, aufwühlend, vielfältig in einem bunten Sprachen- und Genremix. Heute wirft es seinen bohrenden Blick auf unsaubere Machenschaften in der Zentrale eine weltumspannenden sozialen Netzwerkes. Es bedient sich in asiatischen Gefilden bewährter Horrorelement. Es entführt die Kinder auf eine aufregend-fantasievolle Insel. Es amüsiert sich selbstironisch über eine sich gerne selbst zelebrierende Genderszene. Es kann auch nostalgisch schön Verflossenem hinterherweinen. Oder es nimmt sensibel und zurückhaltend teil an einem skandinavischen Cominf-of-Age. Oder es hockt sich matronenhaft als Literaturverfilmung auf einen Roman. Es stellt sich aber auch bedingungslos in den Dienst der Werbung für ein weltanschauliches Unternehmen. Es kann auch, wenn mehrere Unglücksfälle zusammentreffen, enorm ins Straucheln geraten. Auf DVD gönnt es sich pikant Italienisches und beeindruckt mit der Geschichte einer Rockband über Jahrzehnte.

Kino
THE SOCIAL RECKONING
Brillanter Whistle-Blower-Thriller

HOPE
Koreanischer Action-Horror mit Schnittmenge zu den Körperwelten

DIE VERGESSENE INSEL – FORGOTTEN ISLAND
Sie ist aufregend, aber wie aus ihr herausfinden, denn dort werden Erinnerungen gesammelt.

JIM QUEEN
Krasse Schwulenkult-Parodie

STERNBRÜCKE FOREVER
Das Alter erreicht und für die Nachwelt bewahrt

MIRA
Sensibles, skandinavisches Coming-of-Age

EINE KRANKHEIT WIE EIN GEDICHT
Dokumentation als Mittel einer Annäherung

LÜGEN ÜBER MEINE MUTTER
aus der Sicht der Mutter erzählt

MEETING THE BUDDHA
Werbe- und Verehrungsveranstaltung

ALTE LIEBE
kann ganz schön rostig werden.

DVD
GIOIA
Wenn der Schüler in Liebesdingen der erfahrenere ist als die Französischlehrerin.

IRON MAIDEN BURNING AMBITION
50 Jahre Bandgeschichte – auch für Außenstehende spannend

Alte Liebe

Ein Film nach einem Text von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder

Die beiden sind ein berühmtes Autorenpaar. Sie haben einen Text über eine altes Paar geschrieben; Lebensroutinen, das Aneinandervorbeileben, sie arbeitet noch in der Stadtbibliothek, er ist bereits in Rente und widmet sich seinem Garten, seinen Pflanzen und Blumen.

Lose geht es um die zweite Hochzeit der Tochter. Die Mutter will hingehen, der Vater nicht, da muss es wohl eine Entfremdung geben.

Durch den Job der Frau und Mutter fließen literarische Referenzen in den Text ein. Sie organisiert Lesungen mit Autoren.

Innerhalb des Paares herrscht ein deutliches intellektuelles Gefälle, er interessiert sich überhaupt nicht für Bücher.

Ein weiteres Thema ist, ob sie nicht auch in Rente gehen wolle, damit das Paar noch ein paar Reisen unternehmen könne.

Die zwei Protagonisten haben keine Geschichte, sie haben auch keine prägnanten Charakterisierungen und damit Konfliktpotential; immerhin gibt es Erinnerungen an früher, an Zeit der Verliebtheit und der Albernheit.

Es scheint sich um typische Erzählliteratur zu handeln, die erklärt und berichtet, weil sie kein Kino ist, weil es kein Bilderbuch und kein Animationsheft ist, kein Bildmedium. Literatur, die auf das Wort vertraut, von zwei souveränen Autoren geschrieben.

Irgendwer, ein Anonymus vielleicht, muss die gloriose Idee gehabt haben, diesen Text zu verfilmen und zwar gleich als Kinofilm. Mit der Drehbuchfassung und der Regie, auch das wären interesssante Vorgänge, zu erfahren, wie es dazu kam, ob es einen Wettbwerb gegeben hat oder ob der Zuschlag per Gunst erfolgt ist, wurde der renommierte Subventionsstar Andreas Dresen als Regisseur und Drehbuchautor damit betraut. Vielleicht hatte er nicht allzu viel Zeit für die Drehbucharbeit. Er scheint nach dem Küchenprinzip gehandelt zu haben, neben sich die Prosa, vor sich den Computer, oder die Prosa bereits darauf, so dass er – noch easier – nach der Copy-and-Paste-Methode gleich ganze Prosapassagen in die Drehbuchfassung rüberkopieren konnte, da noch eine kleine Änderung, dort noch eine und die Verteilung der Texte auf die zwei Hauptrollen.

Auch das bleibt im Dunkeln, wie Dagmar Manzel an die Rolle der Frau und Joachim Król an die Rolle des Ehegatten gekommen sind, ob es da eine Ausschreibung, einen Wettbewerb, ein Casting gegeben hat oder ob das auf dem Gunstwege passiert ist.

Es müssen mehrere Unglücke zusammengekommen sein bei diesem Projekt. Dank dem Drehbuch wird aus dem Paar ein geschwätziges Paar, was kaum Momente textloser Routine oder inneren Monologes zulässt; darunter leidet die Glaubwürdigkeit schon mal gewaltig.

Auch die Idee, ausgerechnet diese beiden Stars zu besetzen, scheint nicht glücklich gewesen zu sein. Man sieht zwar, wie sie sich bemühen, Alter und Beziehung zu spielen. Aber das wäre ja genau das Geheimnis solcher in Jahrzehnten gereiften oder auch erstarrten Beziehungen, dass sie nicht herausgestellt werden müssen. Und auch das ist unglaubwürdig, ein altes Paar, das fast pausenlos über seine Beziehung redet.

Das Problem ist, dass der Film kaum dramatische Handlung hat, keine Konflikte, außer Meinungsverschiedenheiten, dazu wird gelegentlich theatralisch gebrüllt. Auch die Regie scheint mit dem – selbstverschuldeten – Drehbuchproblem überfordert gewesen zu sein, dass das Paar immer in die Szene kommt, um etwas zu besprechen, um den Zuschauer informed zu halten über den Zustand dessen, was die Autoren als eine alte Liebe sehen. So wird zusehens nebulöser, was denn Andreas Dresen, Dagmar Manzel und Joachim Król mit diesem gestelzten Film zu erzählen beabsichtigen.

The Social Reckoning

„Wir sind eine Pinnwand“,

mit dem Argument versucht Mark Zuckerberg (Jeremy Strong) bei einem aufwändigen Training für die Anhörung im Kongress-Ausschuss jede Verantwortung von Facebook für die Inhalte, die dort gepostet werden, von sich zu weisen.

Den Casus Knacksus dafür liefert eine Recherche des Wall-Street-Journal durch den Investigativ-Journalisten Jeff Horwitz (Jeremy Allen White). Der möchte Beweise für die Gerüchte, dass und wie Facebook mit Algorithmen Hass-Posts bevorzugt, der lieben Klicks und des lieben Geldes wegen. Jeff muss jemanden finden, der den Laden von innen kennt und ihm Beweise beschaffen kann.

Der Film von Aaron Sorkin fängt mit einem Prolog an. Ein Frau steht am Straßenrand, raucht, ihr Auto daneben, sie ist mit ihrem Handy beschäftigt. Ein Polizist und eine Polizistin kommen dazu. Sie möchten einen Ausweis sehen. „In Kalifornien nicht“ antwortet die Frau mit Bezug auf die Gesetzeslage. Der Polizist vermutet, dass sie getrunken hat, bittet sie einen Test zu machen. Auch hier reagiert die Frau heftig ablehnend und argumentativ bestens gerüstet. Sie sieht sich als weiße Frau von dem dunklen Polizistenpaar rassistisch beleidigt. Die Lage eskaliert. Der Clip geht viral.

Frances Haugen (Mikey Madison) schaut den Clip immer wieder an. Es ist eine Freundin von ihr. Sie wundert sich, wie es kommen konnte, dass sie sich so radikalisiert hat. Der Schlüssel liegt bei ihrem Arbeitgeber, bei Facebook. Frances arbeitet in der Abteilung MSI, die schädliche Inhalte ausfindig machen und löschen soll. Soll, aber die Firmenpolitik ist nicht so. Sie hat zwar diese Abteilung, aber Zuckerberg möchte nichts davon wissen. Frances macht eine ganze Anzahl von Fällen schädlicher Posts ausfindig, möchte das in der Abteilung zur Kenntnis bringen, stößt auf eine Mauer der Ablehnung und des Desinteresses.

Der Film erzählt in der Art der besten Whistle-Blower-Filme und eines Thrillers, wie Jeff Frances ausfindig macht, wie er sie wenigstens zu einem Treffen überreden kann. Dabei sieht Frances sich überhaupt nicht als eine Gegnerin von Facebook, im Gegenteil, sie ist von den positiven Wirkungen des sozialen Netzwerkes überzeugt; sie kann nur die Firmenpolitik nicht mehr nachvollziehen, die längst gegen den ursprünglichen Idealismus der Gründer sich wendet und nur noch auf Gewinnmaximierung aus ist, egal zu welchen Kosten und zu welchen menschlichen und demokratischen Schäden sie führt. Insofern ist sie für Jeff keine leicht abzuschöpfende Quelle.

Es spielen die Covid-Zeit mit ihren Verschwörungstheorien hinein und der Sturm aufs Kapitol, der vom damaligen und inzwischen erneuten amerikanischen Präsidenten über das Internet befeuert wird – und Zuckerberg schaut zu, lange, lange. Inzwischen hat sich der Konzern umbenannt; ein neuer Name macht unbefleckt.

Sternbrücke Forever

Nostalgikum

Der Film von Christian Hornung versucht, ein romantisches Stück Hamburger Urbanismus‘ für die Nachwelt filmisch festzuhalten, dessen Ablauftermin seit Jahren feststeht, der aber über Jahre immer wieder verschoben worden ist: die Sternbrücke, die noch aus dem Industriezeitalter stammt.

Sie ist ein Wunderwerk der Ingenieurskunst jener Zeit und stand lange unter Denkmalschutz. Vermutlich genügte sie dem Anspruch des modernen Verkehrs nicht mehr, das wird im Film nicht thematisiert, es wird lediglich darauf hingewiesen, dass auch die Durchfahrtshöhe unter der Brücke gesteigert werden soll.

Vor Jahrzehnten schon muss es die ersten Pläne der Bahn gegeben haben, eine neue Brücke zu bauen. So genau weiß das keiner mehr von den hier porträtierten Hamburgern und Hamburgerinnen, die sich unter und neben der Brücke eingerichtet haben, jedenfalls in diesem Jahrtausend scheint es der Bahn ernster geworden zu sein mit dem Projekt.

Der Denkmalschutz wurde aufgehoben. Die Mietverträge von Bewohnern und Kleingewerblern, KFZ-Werkstätte, Disco, Falafel-Laden, Kiosk sind seit Jahren nur noch befristet, wurden aber immer wieder verlängert. Da will keiner mehr was investieren. Das führt zu einem schmuddeligen Charme von Stillstand und Patina.

Der Film ist eine liebevolle Annäherung an dieses originelle Nischenmilieu. Türsteher erzählen sonderbare Geschichten. Der Film beobachtet eine Bürgerinitiative, die noch versucht, mit Demonstrationen, Flugblättern und weiteren Aktivitäten das Unabwendbare zu verhindern: den Neubau, der würde einen monumentalen, architektonischen Keil in die gewachsene Nachbarschaft treiben, Dutzende von Bäumen müssten gefällt werden, Häuser abgerissen, damit das Ungetüm von neuer Brücke zusammengebaut und dann millimtergenau auf seine Position geschoben werden kann.

Die Bürger versuchen, das Vorhaben juristisch anzufechten. Dazu sammeln sie Spenden. Aus den Bildern vom Abspann wird endgültig klar, dass der Film eine Hommage an eine vergangene Zeit ist, die so nicht wiederkommen kann, eine liebenswürdige Erinnerung.

Einmal mehr scheinen die Behörden ihr Planungen vorangetrieben zu haben, ohne sich mit den Betroffenen in Verbindung zu setzen und eine Lösung zu finden, die auch für sie nicht unbedingt einen radikalen Schnitt bedeuten würde.

Der Film bietet einen wundersamen Einblick in einen Hamburger Mikrokosmos, wie er sich wie von selbst entwickelt zu haben scheint und er nutzt die kinematographische Ergiebigkeit des Objektes weidlich aus. „Mehr los als auf dem Fischmarkt“ lautete eine Inschrift. Den Titelzusatz „forever“, das leistet dieser Film.

Meeting Buddha

Dänische Buddhismus-Aktivisten

Das Paar Olé und Hannah stehen im Mittelpunkt dieser für die Karma-Kagyü Linie des Buddhismus werbenden Dokumentation von Márta Gyorgy Kessler (Hannah), der mit Tobias Dörr und Adam Penny auch das Drehbuch geschrieben hat.

Olé und Hannah waren in den 68er Jahren ein wildes Paar, das Trips nach Afghanistan unternommen hat in den berühmten VW-Bussen. Auf dem Rückweg wurden Drogen geschmuggelt. Einmal saßen die beiden im Gefängnis deswegen. Da fühlten sie durch die Mauern ihre mentale Verbundenheit. Es war die Zeit der Suche nach Wahrheit, nach Erleuchtung, nach Bewusstseinserweiterung, auch mittels LSD.

Der Film, der aus Talking Heads, Archivaufnahmen und Animationen besteht, zeichnet von Olé das Bild eines extrem wilden Kerls, eines Wikingers wie er sich sieht, der immer Grenzen ausloten muss. So einer passt nicht auf Schulen. So einer überlebt später, teils im Buddha-Sitz, einen Fallschirmabsprung aus drei Kilometern Höhe mit Aufprall auf Beton, einer der wenig Schlaf braucht, ein unermüdlicher.

Olé und Hannah kommen im Laufe ihrer asiatischen Abenteuerreisen mit dem Buddhismus in Berührung, nicht mit jenem des hier bekannten Dalai Lama, der für China ein besonders rotes Tuch ist, sondern mit der 16. Reinkarnation des Karmapa. Sie erwecken dessen Aufmerksamkeit und Neugier als europäisches Paar. Sie werden zu Verehrern, Anhängern und zu Verbreitern seiner Lehre in Europa.

Der Film selbst ist in der Art seines Protagonisten eine rasende Reise durch dessen Leben. In diesem hat er um die 600 buddhistische Zentren überall auf der Welt gegründet. Ständig waren er und Hannah unterwegs. Auch nach dem Tod des Karmapa bleiben sie in Kontakt mit Karma-Kagyü Linie. Sie lernen den Nachfolger, den 17. Karmapa noch als Kind kennen und scheinen ständige Begleiter, teils fast Lehrmeister für diesen. Hannah stirbt im Laufe des Filmes.

Ein Spoiler: am Ende des Filmes ist der Protagonist Olé um die 80 Jahre alt, gebrechlich, hat eine junge Frau an seiner Seite und ganz offenbar haben sie ein gemeinsames Kind, ein Mädchen.

Der Nachteil von solchen Verehrungs- und Werbemovies ist der, dass sie in keiner Weise organisatorische Strukturen oder die Finanzierung, auch die finanziellen Quellen der Protagonisten beleuchten; das pausenlose Unterwegssein dürfte sein Geld kosten.

Der Anfang des Filmes erinnert mit knappen historischen Clips an die Vertreibung der Buddhisten aus Tibet, die Flucht des 16. Karmapa über Bhutan nach Indien, an die politische Verfolgung durch die Kommunisten Chinas.

Lügen über meine Mutter

Im Hunsrück der 1980er,

so steht es als Ortsangabe im Klappentext des Romans von Daniel Dröscher. Diesen Roman hat die Schauspielerin Rosalie Thomass zu einem Drehbuch mit der Hauptrolle für sich umgeschrieben und ihr Ehemann Aron Lehmann hat die Regie geführt.

Groß steht am Anfang, dass es eine Produktion des ZDF sei. Das Fernsehen hat also bestimmt auch mitgeredet bei Drehbuch und Besetzung.

Vom Buchtitel her ist es eine Geschichte aus Sicht der Tochter Ela (Elise Lindner). Die spricht, wie andere Figuren auch, ab und an direkt in die Kamera (zB über die Wurzeln des Begriffes „famiglia“), das ist ein Effekt, den kann man auch damit in Verbindung bringen, dass zuweilen Super-8-Footage der Protagonistenfamilie eingesetzt wird, die Familie, da ist noch der Vater, Werner (Golo Euler) und im selben Haus wohnt die harte Oma (Juliane Köhler).

Die Schwiegermutter ist eines der drei Probleme, mit denen die Mutter nicht gerechnet hat bei der Entscheidung für die Hochzeit mit Werner: mit deren Neid. Das erste Problem sind die Bedürfnisse ihre Mannes, die sie nicht auf dem Schirm hatte und als drittes führt sie die Bedürfnisse des Dorfes, das wohl ein Kaff ist, an.

Die Erwartung, dass diese drei Punkte im Film Schritt für Schritt abgearbeitet und ihr Umgang damit und die Folgen dargelegt werden, wird insofern enttäuscht, als das Dorf praktisch keine Rolle spielt. Es gibt zwar eine Kirmes, aber sonst geht die Zuschauererwartung zu diesem Punkt ins Leere.

Die Bedürfnisse ihres Mannes hingegen und der Neid der Oma, die werden fast klischeehaft eindeutig abgehandelt, was zu Lasten der Figuren geht, die einseitig und negativ gezeichnet sind.

Dagegen kommt bei Rosalie Thomass in der Grundhaltung eine gewisse Larmoyanz, ein Selbstmitleid mit dem Frauenschicksal, für das sie sich entschieden hat, auf. Sie kann ihre Emanzipationsversuche, nämlich nebst dem Kind den Bürojob weiterzuführen, nicht durchsetzen.

Als Kontrastprogramm geht sie auseinander. Rosalie Thomass ist sich nicht zu schön, eine matronenhafte Dörflerin zu spielen, die ständig mit ihrem Gewicht kämpft, kämpfen soll, denn das stellt der Film doch überdeutlich in den Mittelpunkt, dass ihr Mann mit ihrem Gewicht nicht zufrieden ist und dass er sie so für geschäftliche Anlässe nicht für repräsentabel hält.

Auch das dürfte ein Rezeptionsproblem bei diesem Film sein, dass die Schauspielerin das Drehbuch vor allem aus der Sicht ihrer Rolle geschrieben, das Buch aber, zumindest, was der Titel verheißt, aus der Sicht der Tochter geschrieben zu sein scheint.

Trotzdem gibt es lebensnahe, lebenspraktische Momente im Film, von denen man vermuten könnte, dass sie anekdotisch begründet sind. Die Attitüde der Selbstsicht einer Frau auf die Frau ganz allgemein ist in der Nähe derjenigen einer Caroline Herfurth in ihren Filmen zu sehen, wobei letztere mehr Wert auf Gediegenheit ganz allgemein und speziell in der Maske legt. Da ist der Hunsrück wiederum nicht der richtige Ort dafür.

Einen Literaturhinweis erlaubt sich der Film: die Mutter liest anfangs von Ingeborg Bachmann „Die gestundete Zeit“.

Eine Krankheit wie ein Gedicht

Ein Vater-Tochter-Verhältnis

Aotudokumentarische Filme, die ein Vater-Tochter-Verhältnis ins Zentrum stellen, gibt es wohl nicht so viele, die KI führt „Stories We Tell“ von Sarah Palley, „Prinzessinenbad“ von 2007 von Bettina Blümner an erster Stelle an.

Jelen Ilic versucht mit dem Mittel des Dokumentarfilmes über Jahre hinweg, erst überhaupt ein Verhältnis zu ihrem Vater herzustellen und dann dieses zu vertiefen.

Der Film ist das Dokument über diesen Prozess, der Vater und auch die Mutter, die peripher vorkommt, waren damit einverstanden. Was die beiden verbindet, ist die künstlerische Begabung, die Tochter stellt sie mit diesem ansprechend gemacht Film unter Beweis, der Vater mit seinen Bildern und Comics.

Dass sich Vater und Tochter ähneln, ergibt der Vergleich mit dem Tragen einer Maske, die der Vater einst von seinem Gesicht als Abguss hergestellt hat. Heute passt die Tochter fast besser hinein als er. Sie kommentiert das damit, dass er aus seiner Krankheit herausgewachsen sei, man sollte besser nicht weiterfragen, was denn mit der Tochter sei, die noch hineinpasst. Auch ein Nahvergleich der Augen ist verblüffend. Trotzdem sind die beiden weit entfernt von Harmonie.

Durch den Film verliert die Tochter nie den Blick der Beobachterin, denn es gibt schier unüberwindliche Abgründe in der Beziehung. Kaum erwachsen, meldet sich beim Vater eine psychische Erkrankung. Hinzu kommen Alkoholkonsum, Tabletten. Das Monster in ihm meldet sich in solchen Momenten. So ist es kein Wunder, dass Monster seine Bilder dominieren. Als Monster hat er seiner Frau und der Tochter Angst, Schrecken und Wut eingejagt, die Tür eingetreten.

Am Anfang des Filmes ist die Tochter damit beschäftigt, die verwahrloste Wohnung ihres Vaters aufzuräumen. Das erinnert an den Film „Sieben Mulden und eine Leiche“, dort hat ein Sohn die Messiwohnung seiner Mutter geräumt. Hier ist die Tochter damit beschäftigt, Bilder von sich, Archivmaterial sicherzustellen, das teils Eingang in den Film findet und selbstverständlich die Kunstwerke.

Zu der Zeit sitzt der Vater im Knast für fünf Jahre. Der Begriff wird später relativiert, er spricht von Krankheit und nicht von krimineller Energie, von Sicherheitsverwahrung und dass das eigentlich ganz schön sei, dass man betreut werden, dass er malen könne. Hier nimmt die Tochter den Kontakt zum Vater auf. Die ersten Besuche sind nur möglich durch das Passieren von Sicherheitsschleusen und in Anwesenheit von einem Betreuer.

Der Film wird zu einem Stück Heilsgeschichte. Der Patient bleibt clean, seine Bedingungen werden gelockert. Vielleicht trägt dazu das Dokumentarfilmprojekt bei. Nach einiger Zeit wird er in die Selbständigkeit entlassen, in ein betreutes Wohnprojekt. Dass er clean sei, nimmt die Mutter eher skeptisch zur Kenntnis, das sei er schon mal gewesen. Der Vater bringt die Idee in den Film ein, doch auch im Freien zu filmen und zu einem schönen Schluss zu kommen. Der Begriff für seine Krankheit ist ellenlang, er kann ihn aber, so hört es sich an, fehlerfrei rekapitulieren.

Die vergessene Insel – Forgotten Island

Vergissmeinnicht

Die Kinderfreundschaft von Jo und Raissa soll ewig halten. Das versprechen sie sich. Aber wie das Leben so spielt. Es kommt die Zeit der Heranwachsens, des Herauswachsens aus der Familie, aus der angestammten Umgebung.

Die eine soll in Amerika studieren. Die andere bleibt zuhaus. Der Abschied soll gefeiert werden. Durch ein Portal gelangen die beiden in die Welt der Insel Nakali. Das ist eine grell-bunte, quicklebendige Animationswelt. Hier sitzt Batiba, die ihre Höhle vollgehängt hat mit Erinnerungszeichen, Erinnerungsbändchen, Vergissmeinnichtnippes. Sie ist scharf drauf, von anderen die Erinnerung zu nehmen.

Den ersten, den Jo und Raissa treffen, ist der Hund Raw, der hat unappetitlich einen Text auf seinen Bauch tätowiert. Der wird einer der Reisebegleiter durch die Abenteuer.

Der Film von Joel Crawford und Januel P. Mercado wildert bei der philippinischen Sagenwelt. Ein dreiäugiger, babyhafter Glatzkopf kommt vor. Ein Riesenvogel wie ein Strauß, der eher wie ein Huhn aussieht. Auf ihm kann die Reisetruppe fliegen. Statt einer Mermaid gibt es einen Merman, sein Neptun-Dreizack wird auch mal von anderen geworfen.

Dann gibt es Dämonen. Die sind, fanden die begleitenden Kinder, toll gestaltet, aber nicht furchteinflößend. Es gibt in verschiedenen Metamorphosen dieser Dämonen Momente, die an surrealistische Maler erinnern, wenn sich Einzelteile von ihnen loslösen.

Das Problem ist, dass die Mädchen wieder rauskommen wollen aus der Insel, denn schließlich geht für die eine der Flug nach Amerika, den sie erreichen möchte. Dafür aber müssen sie eine Plakette finden.

Das ist gut gebaute Abenteuerstory, um die herum jede Menge fantasievoller Figuren gestaltet sind und für wilde und explosive Action satt sorgen. Es ist ein buntes Figuren- und Effektenspektakel vollumfänglich mit massivem Sound abgedeckt.

Die zwei Mädchen, die stefe in der Pressevorstellung begleiteten, wollen den Film unbedingt noch einmal sehen. Sie fanden ihn lustig und unterhaltsam, der einen ist sogar eine merkwürdige Umkehrung der offiziellen Intelligenzsitutation der beiden Freundinnen am Ende des Filmes aufgefallen; könnte als ein Hinweis auf breite Bildungschancen gelesen werden. Die deutsche Synchro scheint ihren Spaß an dieser unbändig-kreativen Comicwelt zu haben.

Mira

An der Schwelle zu Liebe

Kinder bekommen früh viele Dinge mit, die sie zwar noch nicht verstehen, aber sie kapieren, dass die für die Erwachsenen reizvoll sind und so unterhalten sie sich auch darüber. Erst recht, wenn sie ein Jahr vor der Pubertät stehen wie Mira (Ellen Edith Pultz-Hansen). Sie fühlt sich aber noch nicht bereit dazu. Sie will lieber spielen mit ihren Buddelkastenfreunden, mit Naja (Filippa Marcella Olesen Olsson) und mit dem Blondschopf Luis (Hugo Arty) mit dem Engelsgesicht. Er hat Ideen für Kunstobjekte und für eine Aussstellung.

Wie fast immer in den Teeniefilmen braucht es eine böse, arrogante Figur, eine Zicke, um Bewegung in die Entwicklungen zu bringen. Hier taucht Beate (Solvej Marie Schunk Jensen) neu in der Schule auf. Naja kennt sie als Influencerin aus dem Internet. Beate gründet einen Club. Naja ist mit von der Partie. Mira wird abgelehnt, weil sie in Liebesdingen unerfahren sei.

Liebe als ein Statussymbol, als eine äußerliche Sache, um zu demonstrieren, dass man dazu gehört. Mira versucht das zu erfüllen, indem sie Louis als ihren Freund anwirbt. Der macht ahnungslos mit. Der Club hat ein Argusauge drauf. Liebe als eine Äußerlichkeit. Mira hat auch ein paar Dinge über die Liebe gelernt, das mit den Schmetterlingen im Bauch, dass man ständig an den Geliebten denke, dass man in anderen Dingen unkonzentriert sei. Sie vertraut diese Dinge ihrem Tagebuch an.

Auf einer Party soll Mira auf Geheiß des Clubs ihren Freund zum ersten Mal küssen. Das geht schief, steigert die Konflikte, löst in Mira einen Erkenntnisprozess aus, dass Liebe wohl etwas anderes sei. Sie wird unterstützt von ihrer Großmutter (Jytte Kvinesdal). Die Mutter ist eine weniger große Hilfe, denn die hat ständig wechselnde Freunde und den biologischen Vater kennt Mira nicht.

Marie Limkilde, die Autorin und Regisseurin dieses wunderbar sensiblen und einfühlsamen dänischen Filmes, findet Mittel und Wege, um ihre Protagonisten durch die Krisen, die ihnen das Heranwachsen bereitet, sanft hindurchzugeleiten.

Hope

Bär? Tiger? Körperwelten!

Somit ist der Film von Na Hong-jin bereits zentral gespoilert. Er selbst hält nicht lange zurück mit seinem Thema. Das bringt er spannend, wie Menschen, eine Gruppe Jäger (teils mit Karabinern) und ein Polizist (Beom Seok), mit etwas Unbekanntem konfrontiert werden. Das schafft Thrill.

Der Polizist entdeckt auf einer Landstraße auf einer Ebene einen übel zugerichteten Kadaver. Die Gruppe der Jäger kommt dazu. Was jetzt? Sie stehen da und rätseln. Sie werweißen, sie greifen auf Gerüchte zurück. Ein Bär könnte es gewesen sein. Nein, dazu sind die Fußabdrücke nicht passend. Ein Tiger? Die parallelen Risse im Fell könnten von Tigerklauen stammen.

Die Politik spielt hintergründig mit. Man ist in Südkorea. Von Minenfeldern ist die Rede. Von der Möglichkeit einer Lücke in einem Stacheldrahtzaun.

Man macht sich auf Spurensuche. Auf einem Bauernhof zeigen sich die ersten von einer wahren Masse an dystopischen Bildern aus der Gemeinde Hope, ein schöner Euphemismus für eine dystopische Ausstattungsorgie, mit der Na Hong-jin die Leinwand zweieinhalb Stunden lang fluten wird und dazu apokalyptische Dröhnklangwolken auf die Tonspur legt.

Die erste Apokalypse ist wenig appetitlich, auf einem Baum der Arm des Bauern, verendete Tiere, der Bauernhof sieht aus, als ob ein Orkan gewütet hat.

Dann verschießt der Film das bis dahin zurückgehaltene Spannungspulver. Der Bösewicht ist ein Wesen, überdimensioniert, wie wir sie aus den Körperwelten-Ausstellungen kennen. Muskeln ohne Haut.

In einer Scheune wird eines der Monster tot aufgefunden. Hier kommt nochmal Spannung auf, wie die Menschen wieder mit etwas Neuem, Unfassbaren konfrontiert sind. Was ist das? Wie können wir mehr herausfinden? Sie versuchen, Körperteile abzusägen; erst die Kettensäge hilft.

Zu lange hält sich der Film dabei nicht auf; er hat einen Drang nach Action, kann diesem nicht nachgeben, Verfolgungsjagden, Schießereien, endlos. Nach einem Intermezzo mit einem angeschlagenen Alten, der sich ausführlich über seine Diarrhoe auslässt, spitzt sich der Film zu auf einen Parforce-Ritt an Verfolgungsjagd, das Polizeiauto mit dem Polizisten und der schicken junge Polizistin Sung Ae (Hoyeon) rasen auf einer leeren Autobahn neben einem waghalsigen Reiter her und hinter ihnen das Monster.

Der Film wird den Monstern gegenüber gnädig, gibt sich die Ehre, ihnen Eigenleben zu gönnen. Zwei Monsterwesen treffen sich auf der Autobahn, sehen ein Raumschiff auf die Erde stürzen und erzählen sich in Aliensprache Dinge, die einen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr unbedingt interessieren mögen; die Stimmen im Original dürften die angekündigten Michael Fassbender und Alicia Vikander sein und so ganz erschließt sich nicht, warum sie das gemacht haben. Aber sie müssen ja auch ein Geld verdienen.