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Kommentar zu den Reviews vom 14. Mai 2026

In welche Regionen, Sphären, Niederungen, Paradiese, Höllen, Skurrilfelder, Bewusstseins- und Sehnsuchtslagen, Randgebiete, Peripherien und Zentren das Kino uns heute wieder mitnimmt, verführt, entführt, hin- und weglockt, hineinschubst und hineinplumpsen lässt, was es uns alles wieder im Subtext unterjubelt, mitgibt, schenkt, welch raren Einblicke! Eine Amerikanerin entdeckt beim genauen Hinschauen Überraschendes im Wilden Westen. Wie im Reich des Massenmörders vom Kreml Menschen seelisch am Telefon beraten werden, ist beklemmend. Ein mexikanisches Kind verblüfft mit seiner Offenheit im Umgang mit seinen Gefühlen, die nicht zum Körper passen. Auch ein Deutscher hat im Wilden Westen genau hingeschaut und erlebt über die Jahre nicht unbedingt zu erwartende Entwicklungen. Die ganz Kleinen können bei einer ihrer ersten Kinobesuche von vermutlich Vertrautem ausgehen. So hält es auch eine deutsche Kinderanimation. Heftig wird es bei einem Blick in die Geschichte eine chronischen, scheinbar nie zu befriedenden Krisenherdes in Nahost. Aus Frankreich kommt eine mit all den Kommunikationsmodernismen durcheinandergewirbelte Leinwand, selbstverständlich hinsichtlich der Liebe. Ebenfalls mit Modernismen versuchen Deutsche einen Heimatdichter aufzumotzen. Mit dem bestimmt skurrilen britischen Humor tut sich allerdings die deutsche Synchronfassung und der Reviewer schwer. Eine Deutsche macht es sich etwas einfach mit der Dokumentation eines Musik-Festivals. Auf DVD gibt es Horror satt aus den USA und Therapie satt aus Skandinavien.

Kino
EAST OF WALL
Die Wildwest-Idylle hat auch andere Seiten.

INNERE EMIGRANTEN
Wie als wacher Zeitgenosse in Russland sein seelisch-geistiges Gleichgewicht finden?

NINXS – DAS LEBEN GLITZERT
Schon mit sieben das mit dem falschen Körper gewusst und es jahrelang dokumentieren lassen.

THE COWBOY
Aufwachsen im Wilden Westen – Langzeitdoku

TOMMY TOM & DER VERSCHWUNDENE TEDDYBÄR
Die Dinge sind zum Spielen da.

MEINE FREUNDIN CONNI: ABENTEUER MIT KRANICH KLAUS
Kinder kümmern sich um einen abgestürzten Kranich.

PALÄSTINA 36
Das Staatskonstrukt Israel hat in acht Jahrzehnten kein Frieden und keine Sicherheit für niemanden gebracht.

LOL 2.0
Desktop- und Modekonditoreikino

EIN MÜNCHNER IM HIMMEL
Ludwig Thoma zugekleistert mit zeitgeistigen Modernismen

GLENKILL: EIN SCHAFSKRIMI
Das Bemühen seh‘ ich schon, allein mir fehlt der Humor für diese Art von Lustigkeit.

WACKEN – HEARTS FULL OF METAL
Dieser Film will mehr als er kann.

DVD
PRIMATE
Auch Luxusmenschen sind nur Primaten.

THERAPIE FÜR WIKINGER
Nordisch durchgeknallt

Glennkill: Ein Schafskrimi

Wenn Schafe Krimis lösen,

dann benützen sie dazu Malfarbe und ihre Pfoten, mehr sei nicht ausgeplaudert, sonst ist der Krimi ja kein Krimi mehr.

Das ist eine andere Art der Kommunikation von Tier zu Mensch als eben erst im Kinderfilm Jazzy, Chaos im Regenwald mit Gebärdensprache und Übersetzungsapparatur am Arm.

Hier im Film von Kyle Balda mit einem komplexen Aufbau des Autorengeflechtes sprechen die Schafe untereinander Synchronsprecherdeutsch, das genau jene Doppelbödigkeit vermissen lässt, die möglicherweise im englischsprachigen Original die Sinnhaftigkeit der Filmes vermitteln könnte. Denn die kann nicht am Kriminalfall selber liegen. Der wird nicht unbedingt spannungsfördernd erzählt.

Es bleibt überhaupt vorerst unklar, dass Schäfer George eines unnatürlichen Todes gestorben ist. Wie das ruchbar wird, ist immer noch offen, wer daran und wieso ein Interesse gehabt haben könnte.

Ok, zu dem Zeitpunkt taucht seine Tochter auf. Doch der extrem doof gezeichnete Dorfpolizist ist nicht gerade motiviert für Aufklärung.

Ein Thema wird mit dem Winterlamm angedeutet, dass solche innerhalb der Schafsherde als Außenseiter gelten.

Es gibt ein schnuckeliges Dorf. Hier taucht ein blonder, grünschnabelhafter, bebrillter junger Mann mit Kamera auf. Er sei von der Zeitung. Er habe von dem Kulturfest des Dorfes gehört, ist enttäuscht, dass das lediglich aus drei Ständen mit Nippes und Krimskrams besteht und reist wieder ab. Da er mit seinem Auto in einen Baum fährt, kehrt er ins Dorf zurück und ist dabei, wie die Schäferleiche entdeckt wird, mischt sich beobachtend, fotografierend und kommentierend in die Ermittlungen ein.

Im Dörfchen gibt es auch den Metzger, der nach dem Schaffleisch schielt.

Der Abspann wiederum offenbart, dass Herden von Animationszeichnern mit der Herstellung des schwer einzuordnenden Filmwerkes befasst waren, dessen Reiz mir schleierhaft bleibt.

Meine Freundin Conni: Abenteuer mit Kranich Klaus

Übersichtliche Welt

Eine Häuschen mit Vorgarten. Familie Klawitter mit Papa, Mama, ein Töchterchen Conni und ein Brüderchen, die Katze Mau. Ein Fuchs, der keine Beute macht. Nachbar Oswald, ein Witwer, der liebevoll und verbissen ernst sein Blumengärtchen pflegt. Ein Kranichschwarm, der vorüberfliegt.

Kranich Klaus hat Kontakt mit einer Überlandleitung und stürzt ab. Er wandert in den Vorgärtchen des Idyllen-Ortes umher. Er knickt Oswalds Blumen ab, versteckt sich im Gärtchen der Klawitters. Die sind mit dem Buben verreist. Töchterchen bleibt zurück. Opa Willi hütet und Connis Freunde Anna und Simon dürfen bei ihr übernachten. Sie entdecken den Kranich, der Lärm schlägt wegen der Füchsin. Sie nehmen ihn auf. Sie kümmern sich um ihn.

Herr Oswald alarmiert die Polizei. Und die Kinder gehen mit dem Kranich zum Arzt. Der kann nicht helfen. Der Kranich muss wieder fit werden, damit er noch einen Vogelzug erreicht. Deshalb bringen die Kinder ihn, wie er wieder flugtüchtig scheint, zum Kranichlandeplatz.

Es ist ein einfache und gut nachvollziehbar Geschichte, die Dirk Hampel nach dem Drehbuch von Oliver Huzly und Sven Severin nach den Büchern von Liane Schneider als Animationsfilm mit kindereinfachen Zeichnungen inszeniert hat. Grad gut eine Stunde dauert die Alltagsgeschichte mit einem Vorfall und einem guten Ende für alle und dürfte die ganz Kleinen nicht überfordern. Zum Karaoke-Singen werden sie außerdem animiert.

LOL 2.0

Massiv desktopaufgepeppt

serviert Lisa Azuzelos, die mit Thais Alessandrin und Frédéric Da auch das Drehbuch geschrieben hat, in diesem zweiten LOL-Film das alte Spiel der Geschlechter, wer mit wem, ob Elterngeneration oder Nachwuchs.

„Massiv aufgepeppt“ meint die kinematographische Erzählweise, die mit Überlappungen arbeitet, mit jeder Menge Chat- und SMS-Unterhaltungen, die parallel zum gesprochenem Dialog auf die Leinwand gebracht werden, auch überlappen sich gesprochene Texte.

Es ist ein Film, der sich direkt heranschmeißt an die Sturm- und Dranggeneration, die noch nicht definitiv ihr Nest gebaut hat.

Aber auch für die Menopausen-Generation ist was drin. Die wird zentral verkörpert von Sophie Marceau als Architektin Anne, die am Arbeitsplatz eine Erniedrigung erleben muss. Bei ihr zuhause taucht plötzlich Tochter Louise (Thais Alessandrin) auf, schwanger dazu, die von ihrem Freund rausgeworfen worden ist.

Es ist ein Beziehungskistenfilm mit verwirrend viel Personal und jeder und jede und alle wollen geliebt und am liebsten auch besessen sein, im Besitzsinne.

Es ist ein besinnungsloses Hin und Her garniert mit einer Überdosis an Feelgoodbildern und -musik.

Dazwischen kristallisiert sich eine neue Beziehung heraus. Die von Louise zum Uber-Typen, der ihr im Café begegnet, wo sie arbeiten will, da ihre Mutter Miete verlangt. Und just ihr Zimmer hat sie umgeräumt, nicht das von der Schwester, die weit weg ist.

Die Mutter selber lernt den Hundespaziergänger kennen. Auch hier knistert es vom ersten Moment an; die Fortsetzung lässt nicht lange auf sich warten. Personenkuddelmuddel. Einer aus der jungen Clique ist gelähmt nach einem Sturz für ein Internetvideo und sein Freund, der ihn liebevoll betreut erhält die Zusage zur Filmschule in London.

Im Hinblick auf einen End- und Schlusspunkt bedient sich der Film des dramaturgischen Mittels eines Konzerts, das die Akteure in Minne zusammenführt. Zwischendrin spielt eine Pokerrunde eine Rolle (so eine, ebenso sinnfrei, haben wir doch gerade im ebenfalls heute startenden Ein Münchner im Himmel gehabt?)

Der Film erinnert in seiner Machart an modisches Gebäck, das affig aufgemotzt Cookie Couture oder Cinamood heißt: Altbewährt-Traditionelles mit überteuert überzuckertem Schnick-Schnack drapiert. Modekonditorei-Kino.

Tommy Tom & der verschwundene Teddybär

Dinge sind zum Spielen da.

Tommy Tom und Mauzi Maus sind Freunde und zwar die besten Freunde in diesem Mitmachkino für Anfänger mit entzückenden, ganz einfachen Animationen, die für Kinoneulinge prima zu rezipieren sein dürften, so wie auch die Geschichte.

Kater Tommy Tom hat zum Einschlafen in seinem Körbchen, das auf einem Bügelbrett steht, einen Teddybär. Der ist plötzlich verschwunden.

Zusammen mit Mauzi Maus fängt er an, sein Kuscheltier zu suchen. Zuerst im Haus, der Radius weitet sich mit jedem Misserfolg. So wird aus dem Film von Joost van den Bosch und Erik Verkerk nach dem Drehbuch von Burny Bos nach den Büchern von Jet Boeke eine Abenteuer- und Entdeckungsreise durch die Welten, die auch kleinen Kindern am nächsten stehen.

Zuerst das Haus oder die Wohnung, dann kommt der Garten, der Nachbarsgarten, die Felder, der Wald – hier wird das Thema Angst angesprochen – und schließlich das Meer. Aber wo der Teddy sich aufhält und was mit ihm passiert ist, soll hier nicht gespoilert werden, dass es ein gutes Ende geben wird dagegen schon.

Es ist gerade eine angenehme Stunde, mehr wird den Kindern nicht zugemutet, mehr würde sie überfordern. Sie werden oft direkt angesprochen, sollen Hinweise geben oder warnen oder gar mitsingen. Über den pädagogischen Wert kann ich wenig sagen.

Jedenfalls machen die beiden Katzen mit den Dingen, das, was Kinder auch machen, sie spielen mit ihnen, sie rutschen das Treppengeländer herunter, bringen die Kleider im Schrank durcheinander, hüpfen auf Matratzen, machen akrobatische Übungen auf dem Wäscheseil und reiten auf Schafen; sie sind für jeden Blödsinn und jede Allotria zu haben.

Tommy Tom und Mauzi Maus begegnen anderen Tieren und vergessen dabei das Ziel ihrer Aktion, den Teddy zu finden, nicht. Sie stellen die Alltagsnützlichkeit der Umwelt erst mal auf die Probe durch geänderten Gebrauch. Sie machen das zu einem flotten, improvisatorisch wirkenden Sound, auch wenn die Gesangsmelodie vom Tommy-Song schon sehr einfach ist. Am Strand träumen sie poetisch von Bärenwolken.

East of Wall

Inspired by real people

Das macht diesen Film von Kate Beecroft vielleicht so physisch, so sinnlich, so fleischlich, so lebensnah, dass er sich hat von realen Menschen und Menschenverhältnissen inspirieren lassen, auch wenn die Geschichte fiktionalisiert wurde.

Geschichte wiederum ist nicht der vollumfänglich zutreffende Ausdruck, eher handelt es sich um eine Milieuschilderung mit melodramatischen Einschlägen, die ganz unspektakulär von einer Emanzipation berichtet.

Erst mal ist es angenehm, sich für die Zeitspanne eines Kinofilmes von der düsteren Weltpolitik abzuwenden, einzutauchen in das Leben auf der Farm von Tabatha (Tabatha Zimiga) im Wilden Westen. Sie scheint die Verbindung zum Dokumentarischen herzustellen, da hier Rollen- und fiktionaler Name identisch sind. Ebenso derjenige ihrer Tochter Porshia. Beider Familiennamen ist Zimiga. Wunderbare Darstellerinnen allemal!

Die Oma Tracey (Jennifer Ehle) lebt auf der Farm, wie auch der Bruder von Tabatha, Clay (Clay Paeneaude). Vater John hat sich vor etwas über einem Jahr erschossen. Ein Schock für die Farm. Seither schmeißt Tabatha den Laden mehr schlecht als recht. Sie hat ein halbes Dutzend Jugendliche auf der Farm aufgenommen, die aus schwierigen Verhältnissen stammen und hier mit Regeln heranwachsen sollen.

In der Männerdomäne des Pferdehandels nimmt niemand eine Frau ernst. Tabathas Pferde erzielen Preise weit unter Marktwert, egal wie toll ihre Kids sie bei den Auktionen vorführen. Als Retter der Farm bietet sich der reiche Roy Waters (Scoot McNairy). Der mag ein geschickter Geschäftsmann sein, nicht unbedingt ehrenhaft. Er sieht die Qualität der Pferde und das Pferdemanagement von Tabatha und ihren Leuten. Er will die Farm kaufen und ihr dafür helfen, die Pferde zu einem angemessenen Preis auf den Markt zu bringen.

Das stellt Tabatha vor ein Dilemma, denn die Farm ist ihr Leben, auch das der Jugendlichen, hier liegt ihr Mann begraben; dieser hat die Farm an den jüngsten, erst zwei Jahre alten Sproß der Familie vererbt. Tabatha wird eine Lösung finden, denn auf den Kopf ist sie nicht gefallen. Der Film beeindruckt nicht nur mit Wild-West-Bildern at its best, er nimmt sich Zeit, in die Schicksale der Menschen auf der Farm hineinzuleuchten.

Ninxs – Das Leben glitzert

Ein Stück gemeinsamen Lebensweges

Das ist sicher nicht die schlechteste Idee, Dokumentation als ein Stück gemeinsamen Lebensweges zu begreifen und das selbst im Film wiederum zu reflektieren.

Kani Lapuerta fragt Karla, wie sie sieben ist, ob sie damit einverstanden sei, ihr Leben über mehrere Jahre hinweg mit der Kamera zu begleiten. Das besondere Augenmerk gilt der Tatsache, dass Karla im Körper eines Jungen geboren ist, sich aber sehr früh schon als dem weiblichen Geschlechte zugehörig empfindet.

Auch Karlas Eltern machen mit bei der Dokumentation. Es sind Hippies, Mutter war in der Jugend sogar Hausbesetzerin. Die Familie lebt im Smog von Mexiko City. Da Karla deswegen von Asthma geplagt wird, zieht die Familie nach Tepoztlán. Für das Heranwachsen als Transmensch nicht das Paradies, was sich Karla erhofft hat, im Gegenteil, speziell während der Pubertät ist es die Hölle, die ständigen Bemerkungen.

Da Karla aber keinen leidgeprägten Film machen möchte, sondern einen mit Humor, das zeigt eine kleine Rahmenhandlung mit ihr als Chirurgin bei einer Mastektomie, hat sie die Superkräfte der Dissoziation entwickelt.

Der Film wirkt spontan, spontaneistisch, auch wenn oft klar ist, dass man sich für Szenen ein Thema vorgenommen hat, zum Beispiel über Ängste zu reden.

Der Film ist aber auch gerne beim Kochen und Essen dabei oder mit ihrem Freund Oliver. Der Film spielt mit dem Medium des Filmes, was den Eindruck der kindlichen Freude am Erzählen und der Absicht der Leichtigkeit und des Verzichts auf Leidensmitteilung noch verstärkt.

Immerhin ist Karla jetzt Protagonistin in einem Film, und keine schlechte, keine uninteressante, wenn auch sonst noch vieles offen ist, aber der Traum von der Majorette, den kann sie sich erfüllen.

Dieser Film zum Trans-Thema hat fast noch mehr Leichtigkeit als der kürzliche Denn dieses Leben lebst nur du!; vielleicht ist es der mentale Unterschied zwischen einer schwäbischen Leichtigkeit und einer mexikanischen.

Innere Emigranten

Einerseits busy, andererseits dizzy,

das ist das von der „Spezialoperation“, also dem Massenmord in der Ukraine, geprägte Stimmungsbild aus Moskau, was dieser Film von Lena Karbe, die mit Gregor Koppenburg auch das Drehbuch geschrieben hat, zeichnet.

Ein geschäftiges Moskau, Massen in der Stadt, in der U-Bahn, Verkehr, überall Kriegspropaganda auf Plakaten oder in laufenden Leuchttexten der staatlichen Nachrichten- und Propagandaagentur TASS. Volle Restaurants, Blicke in Wohnungen, es gibt Kuchen, Früchte, Kafffee; es sieht nicht nach Mangel aus.

Andererseits eröffnet der Film diesen Blick, der einen schwindelig werden lassen kann, ganz benommen. Es sind Gespräche zwischen der Filmemacherin, die auch mal ne Frage aus dem Off stellt oder ein Getränk ins Off gereicht bekommt, und ihren Protagonisten.

Die Protagonisten, das sind ehrenamtliche Psychologen, die eine kostenlose Hotline betreiben. Sie beraten Menschen in Lebenskrisen, die offenbar niemanden zum Reden haben. Diese Krisen können verschiedene Ursachen haben. Eine Anruferin hat eben ihren Mann in der Ukraine verloren. Es sind nicht primär die Einzelfälle, die interessieren oder in den Vordergrund gerückt werden.

Es geht um den Umgang mit Verzweiflung in einem autoritären Staat. Es geht darum, psychologische Hilfe zu leisten, nicht politische Aufklärung. Diese Aktivitäten scheinen eine gewisse Gratwanderung zu sein; denn die Grenze zwischen Hilfe und Aufklärung ist fließend; wenn es aber um Aufklärung geht, dann kann es schnell zum Konflikt mit dem Staat kommen.

Es wird unterschieden zwischen Staat und Heimat, was eine ziemliche Relevanz hat. Es bringt ja nichts, gegen den Staat zu agitieren, wenn man dafür eine saftige Geldbusse, gar Gefängnis riskiert.

Ein Film, der sich in einem Graubereich bewegt. Mehrfach beobachten Polizisten kritisch die Kamera. Lena Karbe hat ihr Material ruhig und sorgfältig gefischt und so, dass die Montage unkompliziert wird. Sie ist dabei, wie sich ihre Ehrenamtlichen entspannen von ihrer belastenden Arbeit. Sie spielen Klavier, Tennis oder gehen hinaus in die Natur, beobachten Vögel oder tanzen Tango.

Der Film ist auch dabei bei einem offenbar improvisierten Treffen ehrenamtlicher Psychologen und einmal bei einer Aktion, bei der Briefe an politische Gefangene geschrieben werden, auch das eine delikate Angelegenheit.

The Cowboy

Chronologie eines Heranwachsens

Hier dokumentiert André Hörmann das Heranwachsen von Crowley McCuistion.

Es ist eine Langzeitdokumentation über zehn Jahre, beginnend in 2015, da ist Crowely ein hoffnungsvoller Cowboy-Bub, elf Jahre alt, „mitten im Nirgendwo“ und „frei“ in Olney Springs, Colorado. Hier lebt er mit seinem Vater, seiner Mutter, einem acht Jahre älteren Bruder und einer Schwester.

Es ist eine Kindheit nicht mit Spielen. Der Junge arbeitet selbstverständlich mit mit den Pferden, lernt vom Vater täglich neue Dinge. Er sei mit drei Monaten das erste Mal auf einem Pferd gesessen. Mit elf Jahren sieht er aus wie ein Cowboy, trägt den entsprechenden Hut, die bunten Hemden, die ihn weiterhin begleiten werden.

Crowleys Traum: er möchte ein Rodeo-Reiter werden und berühmt. Später hofft er, die Farm von seinem Großvater zu erben.

Der Dokumentarist schaut ab da in Sprüngen von ein, zwei Jahren vorbei je zu verschiedenen Jahreszeiten. Gegen Ende hin werden die Besuche häufiger. Vermutlich ging es darum, Material zu beschaffen, das dem Film ein irgendwie rundes Ende geben würde. So ist es denn auch gekommen.

Wer keine Spoiler mag, darf hier nicht weiter lesen, der soll sich offen halten, wie sich dieses Leben entwickelt, wie aus dem Buben ein Mann wird und wie er sein Leben gestaltet.

Das Cowboyleben selber ist außer als Rodeo-Reiter wirtschaftlich nicht allzu einträglich. Zuhause hungern sie zwar nicht, aber ab und an können sie Strom- oder Fernsehrechnungen nicht zahlen. Da improvisiert man.

Im Hintergrund spielt über TV oder Wahlplakate die politische Situation peripher in den Film hinein. Es gibt Bilder von Obama, Werbesprüche für Trump, Diskussionen um Biden. Sonst hält sich der Film aus dem Politischen heraus.

Das Leben von Crowley verläuft anders, als er es sich erträumt hat. Sein älterer Bruder kommt bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Die Familie tut sich schwer mit der Trauer. Man lerne nicht, mit seinen Gefühlen umzugehen. Der Vater wird zum Trinker. Die Eltern trennen sich. Crowley wird bei einem Rodeo verletzt. Die Familie kann den Tod des ältesten Sohnes nicht verkraften; er war der Hoffnungsträger des Vaters.

Es setzt ein Hin und Her ein. Die Kinder mal da, mal dort. Crawley macht sich, sobald er kann, selbständig. Das Reiten ist nicht lukrativ genug. Er möchte seine Rechnungen bezahlen, macht Hilfsjobs. Es scheint ein Leben mit wenig Ziel, außer das Geld für den Lebensunterhalt zusammenzubekommen.

Eine Freundin gibt es eine Weile. Aber die Vorstellungen vom Leben sind zu unterschiedlich. Mal wohnt Crawley weit weg, dann wieder beim Vater. Die Mutter findet Halt in einer kirchlichen Frauengruppe. Hier verweilt der Dokumentarfilm ausgiebig und wirft einen Blick in ein Stück Sozialstruktur außerhalb der Familie.

Palästina 36

Das Konstrukt Israel funktioniert nicht

Das ist der Schluss, den man aus diesem mit betörend einschmeichelnder Bildgestaltung und Regie faszinierenden Film von Annemarie Jacir ziehen kann.

Der Film spielt 1936/37, vor bald 90 Jahren, 20 Jahre nach der Balfour-Deklaration und zehn Jahre vor der Gründung des Staates Israel.

Es war schon 1937 schlimm genug, was der Film hier zeigt und die Schurken, das sind die Kolonialherren aus England. Wie soll sich da ein Staatskonstrukt, was auf diesen schlimmen Umständen gegründet worden ist, bewähren?

Jetzt, bald 90 Jahre später und 80 Jahre nach der Gründung des Staates ist alles noch viel brutaler geworden, allseitige Massenmorde und Gewaltexzesse (Terroranschläge und staatliche Racheakte) stehen auf der Tagesordnung.

Wie soll aus so einem misslungenen Konstrukt, mit ungleichen Rechten für ungleiche Bürger, je ein Segen für die einen wie für die anderen werden? Ein Konstrukt, was in seiner demokratischen Unwucht, zum Dauerantrieb einer Spirale der Gewalt wird?

Der Film versucht sich in Differenzierung. Bei den Engländern sowieso, da gibt es auch Gute. Aber auch bei den Palästinensern wird auf die sozialen Unterschiede hingewiesen, hier die Plantagengroßbesitzer, dort die armen Bauern, die die Pacht nicht bezahlen können. Auch das Thema des freiwilligen Landverkaufes, der durchaus auch eine Rolle spielte, wird bei einer Demonstration erwähnt als Negativaufforderung: kein Landverkauf. Diese gilt den eigenen Landsleuten. Oder auch der gekaufte islamische Rat.

Es gibt Figuren dazwischen. Yusuf vom Land heuert bei feinen Leuten in der Stadt als Chauffeur an, bei Amir Atef (Dhafer L’Abidine) und Frau Khouloud (Yasmine al Massri). Sie ist Journalistin mit Ethos. Er ist eine zwiespältige Figur, käuflich.

1936 wird der palästinensische Rundfunk eröffnet. Es ist die Zeit der britischen Kolonialisten. Die stehen hinter der Balfour-Deklaration und unterstützen die einwandernden Juden in der Landnahme. Die geht ruppig und mitunter gewaltsam vor sich.

Die Idee der Revolution und des gewaltsamen Widerstandes wird diskutiert. Was zur Aufrüstung und Verhärtung auf beiden Seiten führt und offenbar den Mechanismus in Gang setzt, der seither die Geschichte des Nahen Ostens prägt: wenn Waffenruhe ist, bereiten sich beide Seiten für den nächsten Waffengang, das nächste Bombardement, den nächsten Terroranschlag, den nächsten Massenmord vor.

Das Thema Siedlungsbau ist akut und brisant wie nie. Da sind inzwischen selbst blinde Unterstützer des Staates Israel nicht mehr amused. Über dessen Völkerrechtswidrigkeit herrscht kein Dissens in der internationalen Politik.