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Kommentar zu den Reviews vom 12. März 2026

Das Kino ruft Reaktionen hervor. Selbst in Pressevorführungen mit einem eher reservierten Publikum gibt es allerlei Reaktionen, zeitweilig gab es Lachwurzen, die in Lustlaute ausbrachen, wenn nur schon ein Hundilein auf der Leinwand erschien. Ansonsten ist in solchen Spezialscreenings einiges an Reaktion zu beobachten, Lachen, Kichern, Tränen werden weggewischt, an manchen Stellen die Augen zugehalten, auch Stöhnen kommt vor, schweres Schnaufen. Kino löst im Menschen etwas aus, die Bilder gehen über die Augen in den Kopf, die Töne über die Ohren; das Publikum macht mit seinen Reaktionen einen Teil der Vorstellung aus, macht aus der Projektion ein Ereignis, jedes Mal ein anderes. Was wohl bei den neu besprochenen Filmen so alles passiert in den Sälen? Eher andächtig-angeregte Stille dürfte in einem vielschichtigen, deutschen Dokumentarfilm über Gebiete um die Memel herrschen. Gute Laune und Lachen in unterschiedlichen Laustärken dürfte die launige Hommage eines Amerikaners an eine der berühmtesten Phasen des französischen Kinos auslösen. Zwischen Lachen, womöglich Seufzen, gar Stirnrunzeln sind vielleicht in einem kolumbianischen Film zu erwarten, der sich mit dem Lyrikbetrieb und den Kulturfuzzis beschäftigt. Eher lautstark dürften die Reaktionen in einer amerikanisch-deutschen Koproduktion über die Jugend und ihre Handyabhängigkeit ausfallen, wenn da nicht gar Popcorn durch die Gegend fliegt. Bei einem weiteren amerikanischen Film ist denkbar, dass das Publikum in ekstatische Schüttelbewegungen verfällt. Bestätigt fühlen im Kinosessel dürfte sich das Arthouse-Segment bei einer Doku just über diese Art von Lichtspielhäusern. Eine deutsche Doku zeigt eine faszinierende und eine hässliche Seite eines berühmten Amerikaners; kein Wunder, wenn da Wut im Saal aufkäme. Erleichterung könnte spürbar werden bei einem deutschen Film über eine wichtige Phase im Leben der Frau, dass darauf überhaupt mal eingegangen wird. Geniesserruhe dürfte sich bei einem deutscher Meister des Stilistischen anlässlich seines aktuellen Thrillerversuches breitmachen. Eine independente amerikanische Mutterschaftsgeschichte wird vielleicht den Saal in Atemlosigkeit versetzen. Die Reaktionen der Menschen vorm Bildschirm bekommen wir leider nicht mit. Auf DVD rennt ein Mann um sein Leben. Die Öffentlich-Rechtlichen haben ein hemdsärmelig hingerotztes Stück mit einer Perle von Schauspielerin besetzt. Als Humorfernsehen hat es sich weit im letzten Jahrhundert verlaufen. Was den bayerischen Dialekt betrifft, kümmert es sich jedoch.

Kino
CHRONOS – FLUSS DER ZEIT
Volker Koepps weites Land

NOUVELLE VAGUE
Ein Votum für das Guerilla-Shooting

UN POETA
Der Dichter als ein Zerrissener

GOOD LUCK, HAVE FUN, DON’T DIE
Die Handymania durch den ulkig-satirischen Fleischwolf

THE TESTAMENT OF ANN LEE
Musical-Film im Shaker-Style

KINOLEBEN – DAS ARSENAL IN TÜBINGEN UND WEITERE PROGRAMMKINOS
Sie leben und sie haben eine Zukunft!

ELON MUSK – DAS TESLA EXPERIMENT
Vom Visionär zur Magafratze

MEIN NEUES ALTES ICH
Die Menopause der Frau und ihre dadurch bedingte Neuerfindung

DER TOD WIRD KOMMEN
Dieser Film steht jetzt schon unendlich lang in der Pipeline für einen Kinostart.

FÜR IMMER EIN TEIL VON DIR
Lob der Mutterschaft

DVD
THE RUNNING MAN
Gekonnt Spannung erzeugen mit Todesdrohung

TV
MAKELLOS – EINE KURZE WELLE DES GLÜCKS
Adele ist das Glanzstück

FIND THE LIAR – MITTERMEIER
In welchem Jahrzehnt des letzten Fernsehjahrhunderts befinden wir uns hier?

BAYERN – DES SAMMA MIA!
Lektionen in Bayerisch

Mein neues altes Ich

Nach der letzten Eizelle

Der Vorrat an Eizellen im weiblichen Körper ist von Anfang an da und begrenzt. Der hat ihr, so fängt die Dokumentaristin Louise Unmack Kjeldsen ganz persönlich an, vom ersten Moment an einen sicheren Kompass durch ihr Leben als Frau gegeben. Mit dem Verschwinden der letzten Eizelle ist der verschwunden. Sie weiß nicht mehr, was mit ihrem Leben anfangen. Ihre innere Uhr ist wie abgelaufen.

Was passiert in ihrem Hirn? Sie macht sich auf zu einer Recherchereise zu Wissenschaftlerinnen rund um den Globus. Sie befragt auch Frauen, die sie für ihre freien Antworten charmant vor die Kamera stellt.

Die Menopause der Frau, ein verschwiegenes Thema, ein Tabuthema. Dabei hat die Frau zu dem Zeitpunkt noch 30 bis 40 Lebensjahre vor sich. Diese Phase fängt für viele Frauen denkbar ungünstig an mit Hitzewallungen, Schweißausbrüchen, Schlaflosigkeit, Krankheiten, Depression, Arbeitsplatzverlust, extremen Schwankungen des Oestrogenspiegels.

Die Idee der Filmemacherin ist es, mit Aufklärung dazu beizutragen, dass Frauen mit diesen Symptomen bewusster umgehen können. Schließlich schadet es auch Männern nicht, davon eine Ahnung zu bekommen, sie haben ja auch mit diesen Frauen zu tun.

Es ist immer noch schwierig, zu dem Thema Untersuchungen finanziert zu bekommen, da die Datenbasis zur Begründung dünn ist; andererseits müssen Daten überhaupt erst erhoben werden, die den Zusammenhang zwischen den Schwankungen des Oestrogenspiegels, der Schlaflosigkeit, der Unkonzentriertheit feststellen und analysieren. Es ist eben nicht einfach Hysterie. Es scheint, dass sich die Frau als Mensch, der nicht mehr für die Reproduktion da ist, neu erfinden, neu definieren muss. Maren Kroymann spricht den deutschen Text locker und verständnisvoll.

Good Luck, Haver Fun, Don’t Die

Tabubruch mit Folgen

Der reale Boden für diese schwarze Satire auf die moderne Kommunikationswelt von Gore Verbinski nach dem Drehbuch von Matthew Robinson ist ein schlichtes Diner in L.A.

Schnelle, kurze Detailimpressionen geben einen Eindruck von der Stimmung. Jeder Gast ist mit dem Bildschirm seines Handys befasst. Dies als realistische Filmfiktion zu schildern, öder ginge nicht. Wir kennen das alle aus verschiedenen Öffentlichkeiten, rund um einen herum wie eine chinesische Terrakotta-Armee, die Menschen stumm versunken in ihre Handys. Hier schlägt hart und brutal der Satirehammer zu.

Der Mann aus der Zukunft (Sam Rockwell) bricht in diese Diner-Friedhofsruhe ein. Er ist originell gekleidet, selbstgebasteltes, verrücktes Kostüm, Plastik wie aus dem Müll, verdrahtet am ganzen Leib, gespickt mit Sprengstoff, die Illusion des Selbstmordattentäters, bewehrt mit einer Art selbstgebastelter Pistole, die mehr an eine Wasserpistole erinnert, fuchtelt er herum.

Er will die Welt vor der alles beherrschenden KI retten. Dazu braucht er ein Team, das er sich aus den eingeschüchterten Gästen zusammenstellt. Sie müssen erst mal aus dem Diner, das inzwischen von der Polizei umstellt ist, herausfinden.

Der Film schwenkt so in die Spur jener Abenteuerfilme einer wild zusammengewürfelten Gruppe aus lauter Menschen, die für solche Dinge nicht unbedingt prädestiniert und präpariert sind.

Es gibt noch die zweite, halbwegs realistische Erdung der Story, die sich später zeitweilig wie in einem Videogame selber zu verlieren droht. Es ist die Glenthurst High School. Mark (Michael Pena) springt als Ersatzlehrer ein. Ehrlich bemüht versucht er, die Schüler, die nur mit ihren Handys beschäftigt sind, für Anna Karenina in Buchform zu begeistern. No Chance. Aus lauter Verzweiflung starrt er einer Schülerin auf das Handy, ist nicht unfasziniert von den rasch sich abwechselnden Bildern und begeht einen folgeschweren Tabubruch. Er erlaubt sich, mit dem Finger die Benutzeroberfläche des Handys zu berühren. Darauf verschwinden die Bilder und es taucht ein symbolträchtiges Dreieck auf, was der Film später einsetzen wird im Zusammenhang mit der KI-Religion.

Dort geht es in Richtung moderner Kunstinstallation, im Zentrum der KI mit dem kahlgeschorenen Gottboy (Artie Wilkinson-Hunt). Kunstmuseumsreife Bilder ergeben sich. Auf diesem Hügel sitzt er und traktiert seine Tastatur. Vor ihm eine helle Wand mit dem Dreieck.

Wie der Film das Handy-Zombietum durch den Kako zieht oder durch den Fleischwolf dreht, das könnte möglicherweise, dank absurder Gags, Kultpotential haben bei einer von KI und Social-Media-Zwängen gemarterten jungen Generation.

Der Film vergisst die Liebe nicht, die umso heilsamer rüberkommt, je mehr auf der anderen Seite apokalyptische Zustände beschworen werden.

Wie weit zwischen der Gruppe 47 , als welche sich die Survivaltruppe einmal bezeichnet, und der literarischen Gruppe 47 ein Zusammenhang besteht, ist mir nicht direkt ersichtlich. Vielleicht das gemeinsame Thema der Revolution und der gesellschaftlichen Veränderung? Weitere akute gesellschaftliche Themen, die böse satirisch behandelt werden, sind Amokläufe in der Schule, das Klonen von Verstorbenen sowie als schräges Bild Massen von Teenage-Handy-Zombies; nicht Beängstigenderes als die Realität.

Für immer ein Teil von Dir

Mutterschaft

ist unumwunden das, was der Titel beschreibt. Im englischen Original heißt der Film „Reminders of Him“; die Übersetzung von ‚Reminder‘ ist vieldeutig, dürfte aber im Mutterschaftsfall die Erinnerung meinen, Erinnerungen an ihn.

Er, das ist Scotty (Rudy Pankow). Die die Erinnerung in sich getragen und zur Welt gebracht hat, ist die Protagonistin Kenna (Maika Monroe). Das Erinnerungs’stück‘ ist das Kind Diem (Zoe Kosovic). Kenna kennt Diem nicht. Gleich nach der Geburt wird sie ihr weggenommen. Das Mädchen wächst bei den Eltern von Scotty auf, bei Patrick (Bradley Whitford) und Grace (Lauren Graham).

Der Film von Vanessa Caswill nach dem Drehbuch von Lauren Levine und der Autorin des Romans, Collen Hoover, lässt Kenna, aus dem Knast kommend, in dieser bergig, wild-romantischen, wenig dicht besiedelten Gegend einen Job und eine Unterkunft suchen. Diese findet sie in den Paradise Appartments.

Schön amerikanische Provinz mit den entsprechend skurrilen Figuren und Gewohnheiten. Kenna ist die Art von Geschöpf: irgendwie hilflose Frau, die schutzlos wirkt, aber umso sexier; sie ist entsprechend angezogen, die langen, graden Haare sind nicht weniger attraktiv.

Es ist die Art amerikanischen Filmes, in der die Schauspieler in dieser ungemein spontan wirkenden Lockerheit ihre Parts zum Besten geben und so eine glaubwürdige Alltagsrealität auf der Leinwand herstellen.

Auf ihrer Jobsuche stößt Kenna auf Ledger (Tyriq Withers). Bereits die erste Begegnung ist so inszeniert, dass man sich auf mehr, auf eine Liebesgeschichte einstellen kann.

Der Roman und die ihn illustrierende Musik garantiert, dass es um ein Leben geht, in dem es nur Schicksalsschläge und Missverständnisse gibt. Diese sind bei gutem Willen und wenn man tiefer hinter die Traurigkeit einer Person schaut, klärbar. Dann steht dem Glück nichts mehr im Wege.

Die Mutter ist auf der Suche nach ihrem Kind. Das wächst bei den Eltern von Scotty auf. Ledger ist der Nachbar, er war der Jugendfreund von Scotty, kennt aber Kenna nicht. Das wird erläutert.

Es ist eine romanhaft schöne Liebesgeschichte vom Lande, eine Rührgeschichte; die Mutterschaft steht in strahlendem Lichte da, vor diesem Hintergrund ist sie unzweifelhaft etwas Schönes und Erstrebenswertes. Die Konflikte mögen später kommen.

Der Schlüssel zur Klärung der Missverständnisse ist das Tagebuch von Kenna, in welchem sie Briefe an ihren bei einem Unfall zu Tode gekommenen Scotty schreibt. Liebenswert romantisch ist auch Ledgers orangener Ford-Pickup von anno dunnemals.

Elon Musk Uncovered – Das Tesla Experiment

Das heiße Eisen Musk –
der doppelte Musk

Der Krösus unserer Zeit, der reichste Mann der Welt, wie er aktuell apostrophiert wird, der Amerikaner Elon Musk, scheint Angst und Schrecken zu verbreiten bis in unsere heile Film- und Fernsehwelt hinein, so dass diese öffentlich-rechtliche Doku von Andreas Pichler, der mit Anne von Petersdorff und Christian Beetz auch das Drehbuch geschrieben hat, sich nicht nur, wie aus dem Abspann ersichtlich, von mehreren Fachleuten hat juristisch beraten lassen, sondern sie sichert sich schon vor den Titeln ab, dass die Aussagen im Film die Sicht der Interviewpartner wiedergeben und nicht jene der Macher oder des Senders. Sicher ist sicher, Prozesse können auch hierzulande teuer werden.

Das zentrale Thema sind Fälle der Vertuschung von Konstruktions- und Funktionsfehlern beim Tesla durch Elon Musks Firma anlässlich von tödlichen Verkehrsunfällen mit dem Autopiloten.

Der Film selber hat zwei konkrete Fälle herausgepickt, Hinterbliebene und Experten befragt und stellt dem vergleichend dazu die Werbung für den Autopiloten gegenüber.

Ein wichtiger Fundus und Anlass für den Film ist die Recherche des Handelsblattes, dem „Die Tesla Files“ in die Hände geraten sind. Das ist ein interner Datenschatz der Firma Tesla, die offenbar sehr unbekümmert gehandelt hat, was den Schutz ihrer Daten betrifft. Sie sind einem Whistelblower zu verdanken. Aussagen von solchen sind ein Bestandteil des hier zusammengestellten Materials.

Der Film zeichnet das Bild eines doppelten Musk. Da ist der junge, fiebrige Visionär und Technikfreak. Für den ist das elektrische Auto nur Teil einer umfassenderen Zukunftsvision vom Menschen. Musk bastelt schon am Elektroauto herum, wie die behäbige deutsche Autoindustrie noch den Vebrenner zu perfektionieren und Abgastestwerte zu manipulieren versucht.

Es ist ein chaotischer Haufen von besessenen Außenseitern zur Gründungszeit der Firma. Ruhezeiten, Arbeitsvorschriften, Sicherheit, das kümmert sie wenig. Hinzu kommt das charismatische Verkaufsgenie von Elon Musk, seine Begeisterungsfähigkeit. Aber auch eine Verantwortungslosigkeit sondergleichen, indem er den Autopiloten bereits als sicher hinausposaunt, wie der es noch lange nicht ist. Die Käufer glauben ihm.

Wie die ersten tödlichen Unfälle passieren, fängt die Firma an, die wahren Ursachen zu vertuschen. Aufschlussreich ist, dass sie jeden Tesla per Computer tracken, überwachen und manipulieren kann. Es gibt Aufnahmen von tödlichen Crashs von Kameras an den verursachenden Teslas. Das deutet auf eine hässliche, charakterlose Seite von Musk. Die kommt zum Tragen, wie er Twitter kauft und sich dort äußert, das zeigt, wes Geistes Kind er politisch ist und erst recht, wie er mit dem jetzigen Rowdie im Weißen Haus zusammenarbeitet, mit Magafratze affige Politauftritte hinlegt, als ob er Diktatorengesten extra eingeübt habe.

Der Musk von früher ist nicht wiederzuerkennen; er ist verkommen zur Farcefigur. Auf die Politik eingelassen hat er sich offenbar nur aus dem Grund, weil mehrere Verfahren wegen Unfällen mit dem Autopiloten gegen ihn und Tesla anhängig sind und er dank seinem Einfluss im Weißen Haus, das zeigt eine eingespielte Anhörung, die Staatsanwälte, die ihm hätten gefährlich werden können, von Trump hat schassen lassen. Ein Trauerspiel.

Un poeta

Die Last der Poesie

Ubeimar Rios stellt in diesem Film von Simón Mesa Soto die Titelfigur des Dichters Oscar Restrepo als einen Zerrissenen dar, als eine Figur, die sich vor lauter Selbstwidersprüchen kaum bewegen kann.

Von der Physiognomie mit den dominierenden Zähnen erinnert er an die Horst-Schlämmer-Figur eines Hape Kerkeling oder auch an den Toni Erdmann von Peter Simonischek. Er gerät damit oft an die Grenze des Skurrilen, der Karikatur, was grotesk und gleichzeitig hochsymbolisch werden kann wie in der Szene, in der er – Achtung Spoiler – sein schweres, noch unmündiges Poesietalent Yurlady (Rebeca Andrade) als Alkoholleiche auf dem Rücken trägt und wie ein Esel drunter, er der Förderer des Talents, wirkt. Die Bürde der Poesie.

Restrepo hat einen erfolgreichen Start als Lyriker hingelegt. Zwei Bändchen sind erschienen. Mit dem nächsten kommt er offenbar nicht voran. Das bedeutet: kein Geld. Jobs sagen ihm nicht zu, unterrichten nicht und schon gar nicht Philosophie. Gleichzeitig bettelt er in der Buchhandlung, sie möchten doch Werbung für seine Bücher machen.

Restrepo hat eine halberwachsene Tochter, Daniela (Alisson Correa). Die Beziehung zu ihr ist entfremdet. Um seine Mutter soll er sich auch noch kümmern. Schließlich ist er bereit, an einer Schule Poesie zu unterrichten.

Wir sind in Kolumbien, die Antioquia Universität wird erwähnt, dann wären wir in Medellin. Das Poesietalent aus der Schule stammt aus einer vielköpfigen Familie, die in favelabeengten Verhältnissen am Berghang über der Stadt lebt. Hier glüht mal wieder etwas Need in seinem Leben. Er ist von dem Lyrik-Talent Yurlady angetan, möchte es, und das heißt automatisch: und seine Familie fördern, er der selber immer knapp bei Kasse ist und sich von Freunden dubiose Investments aufschwatzen lässt.

Dazu nimmt er Kontakt zu den Leuten auf, die den Nachwuchspreis verleihen. Das wirft einen kritischen Blick auf die Kulturbürokratie und das kulturbürokratische Verhalten der Protagonisten der Lyrik-Szene: ihr Eitelkeiten, ihr Opportunismus, wie Lyrik gefallen müssen, was es braucht, dass sie von den Zirkeln, die sie fördern, auch verstanden wird.

Wenig hilfreich ist es, wenn ein Mädchen aus armen Verhältnissen davon träumt, seine Fingernägel modisch anzumalen, wenn es mit seiner kleinen Welt zufrieden ist, sich dort in aller Einfachheit wohl fühlt. Nein, es muss ans Gewissen der feinen Gesellschaft appelliert werden, es muss auf soziale Unterschiede, auch auf rassistische, aufmerksam gemacht werden. Sonst versteht es die niederländische Kulturattachée, die ein wichtiges Fördermitglied ist, nicht und dann steht die Förderung auf dem Spiel.

Mit einer Hauptfigur wie einem absolut nicht anpassungsfähigen noch anpassungwilligen Poeten passieren die größtmöglichen Unfälle, die man sich vorstellen kann. Der Nachwuchslyriker-Wettbewerb geht gerade noch stolperfrei über die Bühne. Aber das Mädchen sollte keinen Alkohol trinken.

Die mit dem Preis beehrte, unmündige, trinkt aber … Das beschert dem Film jede Menge Konfusionen, falsche Anschuldigungen, Kündigungen, Misstrauen, einen Scherbenhaufen sondergleichen, den der Regisseur, der auch der Drehbuchautor ist, wunderbar wieder zusammenkehrt und damit selbst die Kriterien erfüllen dürfte, die einen lateinamerikanischen Film für Europäer förderungswürdig machen. Fusseln am Bildrand und die Flusenränderung dürften das ihre dazu beitragen.

The Testament of Ann Lee

Preis der Gewaltlosigkeit

Gewaltlosigkeit ist, wenn auch kein lautes, so doch ein latentes und dringliches Thema in einer Welt im Rüstungswahn und mit absurden Kriegen oder in diktatorischen Staaten die innerstaatliche Gewalt.

Die Shaker haben ein Gesellschaftsmodell der Gewaltlosigkeit entwickelt. Der Preis dafür ist hoch, den das einzelne Individuum bezahlt. Insofern ist fraglich, wie weit es in modernen, hochindividualisierten Gesellschaften überhaupt anwendbar und von Belang sein kann.

Mona Fastvol, die mit Brady Corbet auch das Drehbuch geschrieben hat, zeichnet anfänglich als Ölschinkenkino, sie scheint sich darin zu laben, jedoch zusehends mit Spannung das Leben der Anne Lee (Amanda Seyfried) nach.

Als Kind einer vielköpfigen Familie ist sie im Manchester von 1736 zur Welt gekommen. Ihr Vater war Grobschmied. Früh schon hat sie starke Visionen. Sie heiratet Abraham (Christopher Abbott), ebenfalls ein Grobschmied. Ihre Glaubenswelt ist die der Methodisten; hier gibt es Erweckungsversammlungen.

Die Lust in der Ehe wird so geschildert, dass sie mit der Peitsche vertrieben wird. Vier Kinder gebärt sie, sie sterben im ersten Lebensjahr oder kommen tot zur Welt. Anne verabscheut die geschlechtliche Lust. Als Symbol dafür setzt der Film kurze Zwischenschnitte von Schlangen ein. Sie will ganz dem Glauben und Gott leben.

1774 wandert Anne Lee mit einer kleinen Gruppe von Anhängern nach Amerika aus, getrieben von Visionen. Ein Stück Land einige Tagreisen von New York entfernt wird urbar gemacht. Wie Abraham es nicht mehr aushält ohne Geschlechtsverkehr mit ihr, vergnügt er sich mit einer Jüngeren, Anlass für Anne, sich von ihm zu trennen. Sie geht mit William (Lews Pullman) zusammen, der ihren Ansprüchen genügt und der die ihrigen erfüllt.

Faszinierend an Anne Lee, und Amanda Seyfried stellt das überzeugend dar, ist diese unglaubliche Sturheit, sich nicht einen Millimeter von ihrem Ziel abbringen zu lassen, den eigenen Visionen zu folgen. Sie ist die anerkannte Mutter einer wachsenden Gemeinde.

Militärdienst lehnen die Shaker ab. Wenn der Staat sie verhaftet, leisten sie keine Gegenwehr. Sie erleben auch Gewalt von anderen Gruppierungen; wieso eigentlich, da sie doch keinem was antun?

Die Gemeinde ist strikt reglementiert. Verstöße gegen das Lustverbot werden umgehend und kompromisslos geahndet; die Betroffen verlassen sofort die Gemeinde. Es wird auch missioniert in der Umgebung.

Faszinierend ist, dass sich aus diesem Thema der Lustfeindlichkeit ein Musical machen lässt. Das hängt mit den ekstatischen, rhythmischen wilden Ausbrüchen in den Erweckungsmomente in der Gemeinde zusammen, wenn sie singen, sich dazu wild bewegen und unartikulierte Laute von sich geben. Die Tonspur lässt sich richtiggehend anfixen davon, treibt sich selbst zur musikalischen Ekstase.

Der ernsthaft Zugang zur Ikone ist ähnlich wie derjenige zu Mutter Teresa im Film Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten konzentriert auf den geistigen Weg unter Verzicht auf jegliches Verehrungsbrimborium.

Nouvelle Vague

Guerillafilmerei

Diese charmant-nostalgische Hommage an die Nouvelle Vague von Richard Linklater nach dem Drehbuch von Holly Gent, Vincent Palmo Jr. und Michèle Pétin könnte man auch als ein Votum des Regisseurs für die Guerillafilmerei sehen. Ob Godard da nun wirklich Pionier war oder nicht, sei dahingestellt.

Es ist vielleicht ein Kino-Impetus, wie er heute noch bei manchen Filmemachern vorhanden sein dürfte, wer weiß, vielleicht inspiriert durch die Nouvelle Vague oder vielleicht lassen sich künftige Filmemacher durch diesen Film dazu inspirieren.

Es geht um den ersten Langfilm „Außer Atem“ von Godard (Guillaume Marbeck), der vorher Filmkritiker bei den Cahiers du Cinéma war. Da alle anderen, Rohmer, Truffaut, Chabrol schon Filme gemacht hatten, wollte Godard nicht nachstehen.

Auffallen will er mit Authentizität. Das bedeutet, dass seine beiden Protagonisten Jean-Paul Belmondo (Aubry Dullin) und Jean Seberg (Zoey Deutch) kein Script erhalten. Vor der Kamera können sie irgendwelche Texte sagen, da Godard ohne O-Ton dreht und die Dialoge nachsynchronisiert. Deshalb hat Belomondo die Rolle überhaupt bekommen, weil er in einem Kurzfilm von Godard mitgespielt hat, dann aber nachsynchronisiert wurde, weil er zu der Zeit in Algerien war.

Zur Authentizität gehört auch, dass es keine Maske gibt, Pech für Maskenbildnerin Phuong (Jade Phan-Gia), die Jean Seberg eigens mitgebracht hat. Es gilt, maximal zwei Takes von einer Szene, sonst würden die Schauspieler in Routine erstarren. Gedreht wird ohne Drehgenehmigung mitten im Pariser Stadtleben und mit Handkamera.

Da braucht es mal den Einfall mit einem Postwagen, in den der mächtige Kameramann Raoul Coutard (Matthieu Penchinat) samt Kamera gesteckt und zugedeckt wird und durch ein Loch in der Wand drehen kann.

Es kommen die bekannten Namen samt vielen Unbekannten aus dem Umfeld der Nouvelle Vague vor, ein enormes Personaltableau, jede einzelne Figur kurz im Bild mit Namen vorgestellt.

Der Film wirft einen amüsiert wertschätzenden Blick hinter die Kulissen des Drehs eines Filmes, der trotz aller Widrigkeiten oder gerade deshalb den definitiven Durchbruch der Nouvelle Vague als auch von Jean-Luc Godard als Regisseur bedeutete.

Interessieren würde einen die Frage, was ist heute davon geblieben, was davon gehört inzwischen zur selbstverständlichen DNA des Filmemachens oder ist vieles davon nicht viel mehr, als eine wunderbare Geschichte über eine der aufregendsten Phasen der Kinogeschichte?

Der Film ist jedenfalls in schön nostalgischem Schwarz-Weiß gedreht und skizziert angenehm kurz die 20 Drehtage von Außer Atem. Einmal begegnet Godards Team demjenigen um Robert Bresson. Die drehen gerade dessen später berühmtes Werk „Pickpocket“; dass da schnell dem einen oder anderen Besucher etwas abhanden kommt, kann als weiterer, schmunzelnder Hinweis zum Thema Authentizität gesehen werden.

Worauf der Film überhaupt nicht eingeht, das ist die Kunst der Montage, in welcher Godard als rarer Meister gesehen werden kann.

Zur Nouvelle Vague, siehe auch Godard trifft Truffaut – Deux de la Vogue.

Der Tod wird kommen

Profikriminalität trifft auf lethale Krankheit.

Die vom Typ her ziemlich ungewöhnliche, charmante Profikillerin Tez (Sophie Verbeeck) bekommt einen Auftrag vom einem Boss aus der kriminellen Unterwelt, von Charles Mahr (Louis-Do de Lencquesaing). Dieser, das ist jetzt ein kleiner Spoiler, aber verrät gleichzeitig nicht allzu viel, ist selbst mit einer tödlichen Krankheit konfrontiert.

Das dürfte das zentrale Thema dieses distinguierten Genussthrillers von Christoph Hochhäusler sein, der mit Ulrich Peltzer auch das Drehbuch zu dieser deutsch-luxemburgisch-belgischen Koproduktion geschrieben hat. Ein gut europäischer Thriller also auch.

Wie geht einer, der ruchlos andere ums Leben bringen lässt, selber mit dem Thema um? So explizit wird das allerdings nicht durch den Drehbuchfleischwolf gedreht. Es hat aber selbstverständlich Folgen. Und macht die Sache nicht weniger verzwickt.

Aber: pssst!, hinter einem Gemälde von Giuseppe Maria Crespi,
Hekabe blendet Polymnestor, versteckt soll Bargeld nach Luxembourg geschmuggelt werden. Die Sache fliegt auf. Der Fahrer kommt in den Knast. Das Geld bleibt bei der Polizei und fehlt den Kriminellen.

Der Fahrer wird gegen Kaution freigelasssen, aber bald darauf ermordet. Hier setzt der Auftrag für Tez ein. Sie soll den Mörder des Fahrers finden und diesen selbst wiederum erledigen.

Es gibt in diesem Game eine Gruppe Italiener. Das Gemälde stammt von einem Italiener. Und die Blendung spiegelt sich auch in der Geschichte wieder. Einmal in einer blinden Mitspielerin. Und das ist noch nicht alles mit diesem Motiv. Dann gibt es die Gruppe um Charles Mahr und die Gegengruppe um Patric de Boer (Marc Limpach).

Hochhäusler nutzt den Faden der Story, in dem immer wieder auch gegenseitig sich beobachtet wird und einer mehr weiß als der andere, vor allem für Milieuschilderung. Es sind feine Milieus, die ihren Glanz aus dem Dunstkreis des Verbrechens beziehen. Diese werden stil- und geschmacksicher vorgeführt.

Es gibt menschliche Verwicklungen, die Differenzen in den Hierarchien. Das Drehbuch gönnt der Killerin ein lesbisches Extempore und wie ein Verfolger zum Verfolgten wird, das zeichnet Hochhäuser mit Links und mit Wohnne.

Die Reichweite geht bis in ein großes Museum, schummrige Clubs und elegante Bungalows. Das Drehbuch zeichnet sich durch sorgfältige Dialoge aus; es schmerzt direkt, wenn man an die oft doch vergleichsweise krud geschusterten Tatort-Drehbücher denkt.

Chronos – Fluss der Zeit

Lyrik des Lebens

Lyrik der Memel, Lyrik von Sarmatien, Lyrik der Bukovina, Lyrik Ostpreussens, Lyrik Galiziens, der Uckermark und wo immer auch der Geist und der Körper und die Kamera von Volker Koepp (Ostpreussen – Entschwundene Welt, Seestück, In Sarmatien) sich umsehen, um die sein Denken und sein künstlerisches Schaffen kreist. Alles ist im Fluss, die Identität, die politischen Gefüge, sie rauschen im Laufe der Zeit wie Wetterphänomene über diese Gegenden.

Seit 1972 ist der Dokumentarist hier unterwegs. Er war aber auch in Afghanistan zur Zeit der russischen Besatzung, 1983. Und immer wieder begibt er sich in den Osten, trifft Protagonisten früherer Filme, zeigt Ausschnitte daraus.

Er ist auch unterwegs mit Ukrainerinnen, die in München, Augsburg, Berlin leben, in ihre vom Krieg so arg gebeutelte Heimat. Er hat ein Gespür für Menschen, die über ihr Leben, ihre Identität nachdenken. Weil sie so oft auch deswegen diskriminiert wurden, speziell die Juden. Da ist nicht um den Zweiten Weltkrieg und seine Grausamkeiten herumzukommen.

Volker Koepp triff Literaten, Dichterinnen oder begibt sich auf die Spuren von Paul Celan. Er verbindet seine Beobachtungen und Begegnungen, bei denen er nie nur Mäuschen spielt, sondern aktiv den Dialog mitbestimmt, einmal umarmt er sogar eine Protagonistin, die noch tief getroffen ist vom Überfall des russischen Massenmörders auf die Ukraine.

Seine Besuche erstrecken sich über die Jahrzehnte. Es wird politisiert, analysiert, aber es werden auch Gedichte vorgetragen. Er verwebt die Interviews mit Stadtansichten, mit Landschafts- und Flussbildern, Wolken, Meer. Alles ist ein Fluss.

Die Zeit verändert die Menschen, ihre Identität. Jemand wird im Laufe der Zeit zu jemand anderem, als man ihn/sie kennenlernte. Geschichtsvergessenheit ist ein Thema, Bildung und was ist die Differenz zu Propaganda?

Cernovice ist im neueren Material zum wichtigen Dreh- und Angelpunkt geworden mit Beziehungen zum Westen. Die Bukovina wird als die Heimat der Toleranz bezeichnet.

Der Film ist ein Blick in Werk und Leben von Volker Koepp, der über seine Herkunft preisgibt, woher sein Interesse gerade für diese großartige Region zwischen Europa und Russland stammt.

Nordstream, Neonazis, Antisemitismus, AfD werden angesprochen. Aber auch ein Programmkino namens Krokodil kommt vor. Ein Gruß an den ebenfalls heute startenden Film Kinoleben – Das Arsenal in Tübingen und weitere Programmkinos. Denn die Filme und Erkundungen von Volker Koepp, natürlich nicht nur von ihm, müssen gezeigt werden, sollen ein Publikum finden, das sich davon anregen und zum Nachdenken verleiten lässt. Der Film ist ein langer Fluss, der ruhig dahingleitet, den Zuschauer fordert, jedoch nicht überfordert, aber zu fesseln und anzuregen versteht.

Da der Blick des Filmes auf das Shooting gerichtet ist, sollte nicht außer Acht gelassen werden, welchen Anteil an den Filmen von Godard die Montage hatte.