Archiv der Kategorie: Film

Kommentar zu den Reviews vom 6. Mai 2021

DOK.fest München 2021

Je mehr man schaut, desto noch mehr möchte man sehen. 

Film

WER WIR WAREN

Ein Vermächtnis von Roger Willemsen

MADE IN ITALY

Fachwechsel von Liam Neeson; er spielt einen Maler. 

MORGEN GEHÖRT UNS

Telegene Zukunftskids mit Sonderfähigkeiten 

DVD

ALL THE PRETTY LITTLE HORSES

So täuschend schön kann Griechenland sein. 

VoD

ALL THE PRETTY LITTLE HORSES

TV

DER KRIEG IN MIR

Wenn sich Traumata der Vorväter in die Gene einbrennen. 

All the pretty little Horses – Mikra Omorfa aloga (DVD)

(hier nochmal die Review vom 30. April 2021)

Doppelansicht von Glück

Mehr junges Familienglück geht nicht. 

Alice (Yota Argyropoulou) und Petros (Dimitris Lalos) wohnen mit ihrem bildhübschen, blondgelockten Jungen Panayiotis (Alesandros Karamouzis) in einer ausladenden Villa mit Pool in einer Hügellandschaft mit Blick auf eine Meeresbucht in der Nähe von Athen. 

Petros hat etwas mit Finanzen zu tun, Alice ist Anästhesistin. Das Paar liebt sich im Pool oder fährt ans Meer und treibt es im Auto. 

Wenn da nicht dieser Schmerz wäre. Der kommt früh auf der Tonspur in den Film während man Alice in den Hügeln joggen sieht. Dass es sich um eine Beziehungskiste mit Thrillerqualität handelt wird nicht mit Lautstärke und heftigen Auseinandersetzungen gezeigt, es wird angedeutet mit Kleinigkeiten, ein tropfender Wasserhahn, der mehr interessiert als die Tätigkeit des Protagonisten, ein Rumpler bei einer Autofahrt, ob das Tier überlebt hat, ein Windspiel auf einer Veranda. 

Es sind Insichgekehrtheiten und verschlossene Blicke der Protagonisten, Anrufe, die nicht angenommen werden, eine heimliche Hausbesichtigung, eine Begegnung mit alten Freunden aus Athen, was tut Ihr hier, ein Dinner in der Villa. 

Immer mehr wird klar, dass hier Scheinwelten aufrecht erhalten werden, die immer wieder durchlöchert werden. Symbol dafür ist ein Brunnen im riesigen Garten um die Villa, der repariert werden soll und nur notdürftig abgedeckt ist, Vorsicht Panayiotis! Es ist das automatische Tor, was am Eingang der Zufahrtsallee sich nicht ganz schließen lässt. Es ist ein Nachbar mit zwei Hunden, der immer wieder kritisch rüberäugt.

Der Thriller wird nur ab und an heftig auf der Tonspur angededeutet. Sonst hält diese sich zurück, als ob sie aufs Geschehen selbst lenken möchte; nur mal ein Handy, das klingelt, eine Musik aus einem Radio. 

Die Sätze wirken oft verfänglich harmlos, aber sie sind eben nie Füllsätze in den eher spröden Dialogen, allzu gesprächig sind die Figuren nicht, allzu neugierig nicht, und wenn eine Frage zu weit geht, wird sie taktvoll überhört oder auf ein anderes Thema gewechselt. 

Es gibt weitere Hinweise auf die Brüchigkeit dieses Glückes. Gut, die Symbolik mit dem erschlagenen Hund ist vielleicht ein kleines Too-Much zu viel auf der Kehrtwende zum echten Glück der kleinen Familie. 

Wer wir waren (zum Tag der Erdüberlastung)

Der Augenweideaspekt

hat in dieser kultur-, natur- und menschheitsphilosophischen Dokumentation von Marc Bauder nach einer Idee von Roger Willemsen einen hohen Stellenwert; wie in einem exklusiven Hochglanzmagazin werden die gezielt ausgewählten und geframten Bilder präsentiert; schließlich ist Kino fürs Auge und das will was sehen, was nicht alltäglich ist, was es womöglich in fremde, aufregende Welten entführt. 

Hier wird das Auge des reflektierenden Betrachters mitgenommen auf eine allumfassende Expedition von den Tiefen des Meeres bis hinauf zur Raumstation, die um die Erde kreist, vom Hochgeschwindigkeitszug in Japan zu internationalen Klimakonferenzbühnen, vom Sklavenhaus im Senegal zum Buddhisten am Himalaya und bis hin zum KI-Menschen-Entwickler in Japan oder zu einem Meeresforschungsinstitut. 

Philosophische Themen zu illustrieren ist eine besondere Herausforderung für das Kino; sie brauchen besondere Bilder. Marc Bauder hat den Film aufwändig produziert mit exquisit gesetzten Bildern. Wobei deren Einfangen kurz thematisiert wird, wenn die Astronauten in der Raumstation über das Filmen berichten, wenn man sie filmen sieht, da wird es amüsant, wie sie mit pfadfinderenthusiastischer Begeisterung vor einem kleinen Ausguckfenster drei Kameras auf das Auge eines Wirbelturmes richten. 

Am schmerzhaftesten sind die Bilder aus der Raumstation auf den Amazonas und die Brandrodungen, die wie auf einem Röntgenbild eine krebsbefallene Lunge zeigen. Das Bild sollte öfter bei entsprechenden Kampagnen und Konferenzen und bei zuständigen Politikern präsentiert werden. 

Der Film begibt sich auf einen lockeren Tour d‘ horizon – und umsichtig – durch brennende aktuelle Menschheitsthemen, wirft aber immer die Frage nach dem Menschsein, dem Glücklichsein aber auch der menschlichen Hybris auf. Dies vor dem Hintergrund unglaublicher menschlicher Errungenschaften wie Raumfahrt, Tiefseeforschung (wobei die weit hinter anderen Forschungen herhinke und doch so wichtig sei), dem Welthandel mit seinen riesigen Containerschiffen (was kürzlich im Suez-Kanal schmerzlich bewusst wurde), den Problemen des Klimawandels und dessen Folgent bei denen, die am wenigsten dazu beitragen. 

Es sind die Themen von Demut und Achtsamkeit, Bescheidenheit wie sie der Mensch auch gerne bespricht, wenn er nachts im Sommer am Lagerfeuer zu einem Sternenhimmel hinaufschaut. 

Eine grüblerische Posthumanistin, eine Meeresforscherin, ein Astronaut, ein Ökonom und ein Buddhist sind die zentralen Auskunftsfiguren zu den Fragen nach der Zukunft des Menschen; daher wohl auch der Titel, ob wir denn überhaupt wissen, so interpretiere ich ihn, wo wir herkommen und ergo, wo wir hinwollen. 

Es fallen bemerkenswerte Begriffe wie „obituary Values“, was macht den Menschen in seinem Nachruf aus, oder das Philosophem zum 400 Jahre alten Grönlandhai, der viel länger auf der Welt ist als wir und was wohl sein Wissen sei oder der Ökonom, der erkennt, dass er 30 Jahre lang unter falschen Voraussetzungen geforscht hat. Dieser ruhige Betrachtungsfilm wird kunstvoll gepflegt musikalisch unterlegt

Der Film ist gedacht als Diskussionsbeitrag zum Tag der Erdüberlastung

Morgen gehört uns

Childploitation?

José Adolfo ist ein peruanischer Dream-Boy, 13 Jahre alt, hat bereits ein Bank gegründet, eine Umweltbank, bei der Kinder für gesammelten Müll Geld anlegen können. Dafür wird er für eine Art Klimanobelpreis für Kinder nominiert, eine durch und durch Erwachsenenveranstaltung. 

Der Preis wird in Stockholm in den prunkvollen Räumen verliehen, in denen auch der Nobelpreis vergeben wird, eine Erwachsenen-Promi- und Medienrummelveranstaltung sondergleichen. Hier dürften Kinder nichts zu berichten haben, außer dass sie die Schaufensterstücke des Spektakels sind. 

José Adolfo moderiert auch durch diesen Film von Gilles de Maistre, der bei mir mit Mia und der weiße Löwe einen Stein ins Brett bekommen hat. Aber jetzt konnte er wohl der Rosinenpickerei von filmaffinen Kids, die Gutes tun und dem Reisetrieb, der offenbar vielen Dokumentaristen innewohnt, nicht wiederstehen. 

De Maistre hat Rosinen-Kinder, die Gutes tun, die Organisationen aufbauen rund um den Erdball aufgetrieben und vor die Kamera geholt, sie bei ihren Aktivitäten begleitet in Peru, Bolivien, USA, Frankreich, Indien, Guinea und zur Belohnung winkt aus Anlass der Preisverleihung ein Schweden-Medienrummel-Aufenthalt. 

Die Themen sind ernst, sind ernstzunehmen: Kinderarbeit, weibliche Beschneidung, Kinderheirat, Obdachlosenfürsorge, Zeitung für Straßenkinder, Armut, kein Zugang zur Bildung. Das geht doch alle an; warum soll es so etwas Besonderes sein, wenn Kinder sich dagegen verwehren?

Hinter diesen Medien-Kindern stehen oft Erwachsene. Wie weit die das Management für die Kinder betreiben, bleibt unklar. Von José ist zu erfahren, dass er privat unterrichtet wird und nicht zur Schule gehen muss, damit er sich voll und ganz seinen Projekten widmen kann. 

Jedem Land, jeder Generation seine/ihre Greta Thunberg, ein Film voller Gretas. 

In der Doku werden sie nach modernistischem Trend ineinanderverzopft. Bei der Vorstellung der Kandidaten in Schweden wird auch deutlich, welche Rosinenpickerei an filmogenen Kids Gilles de Maistre betrieben hat, es gibt auch Kids, die sind total steif und wären für einen Film dieser Art kaum zu gebrauchen, zu verkaufen; obwohl doch ihre Ideen und Aktivitäten genau so spannend sind. 

Interessant ist auch, diese Kids arbeiten fulltime für ihre Sache, setzen sich aber gegen Kinderarbeit ein, dafür, dass die Kinder lernen und spielen können. Keine Gutmenschenaktion auf dieser Welt ohne Widerspruch. Ein Kalenderfotofutter-Film. 

Made in Italy

Zu Faden geschlagen.

James D ‚Arcy, der Autor und Regisseur dieses Filmes, ist bei IMDb mit vielen Credits als Schauspieler (an die 80 Rollen) vertreten und ganze zweimal als Autor und Regisseur (Stand Anfang Augus 2020), nämlich mit einem Kurzfilm und mit eben diesem, offenbar seinem ersten Langfilm. Das mag den unbefriedigenden Eindruck, den der Film hinterlässt, erklären: wie bei einem Schnittmuster: sorgfältig zu Faden geschlagen, aber noch nicht zusammengenäht. 

Das Storyboard ist gut ablesbar, aber der Film wirkt so, als handle es sich um eine erste Stellprobe, die Schauspieler gehen auf Position und sagen die gelernten Sätze. Liam Neeson, der Actionstar, soll hier einen Maler spielen. Wenn er im Raum steht und im Stehen sich mit seinem Sohn (Micheál Richardson) unterhält, hat er die Hände lose an die Hüfte angelegt und in der linken Hand wird Schauspieler-Nervosität in die Fingerspitzen abgeleitet, ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Situation nicht genügend gearbeitet ist. 

Und so verhält es sich mit dem ganzen Film: man kann die intendierte Story zwar gut ablesen, aber durch die Performance, auch durch die Auswahl der Schauspieler, überrascht sie keineswegs. Dabei wäre die menschliche Geschichte bestimmt erzählenswert. 

Es geht um ein Vater-Sohn-Problem. Der Vater war erfolgreicher Maler in der Toscana, ein Brite. Die Mutter stirbt früh bei einem Autounfall. Der Bub ist sieben Jahre alt. Daraufhin hat der Vater wohl die Toscana mit London getauscht. 

15 Jahre später kommt der jetzt erwachsene Sohn in Geldnöte und kehrt zurück, um das verwahrloste Anwesen in der Toscana zu verkaufen. Diese Aktion führt Vater und Sohn zusammen und den beiden auch je eine neue Frau zu. 

Hm, allerdings lande ich, wenn ich so versuche, dem interessanten Kern der Geschichte auf die Spur zu kommen, in einer Sackgasse. Vielleicht ist bei diesem Film die Geschichte hinter dem Film die viel spannendere, wie es der Regisseur und Drehbuchautor geschafft hat, Produzenten, Financiers und Liam Neeson zu überzeugen. Gut, wenn ein Liam Neeson eine Absichtserklärung für eine Rolle unterschreibt, dürfte der Rest geritzt sein. Hat der Regisseur Neeson an der Eitelkeit eines Fachwechsels erwischt? Ähnlich werden die Verleiher gedacht haben, Actionstar Neeson geht bei uns immer, auch wenn er versucht, einen Maler zu spielen. 

Die Toskana bleibt selbstverständlich eine filmschöne Gegend, wenn auch in merkwürdig unnatürlichem Colorit und es gibt italienische Canzoni, italienische Opernmusik und eine Jazzgruppe kommt auch vor. 

DOK.fest München 2021

stefe hat sich einige Filme vorab angesehen. Sich für das DOK.fest zu interessieren. kann nur empfohlen werden. Es spart das Reisen in coronaschwierigen Zeiten. Zu sehen gibt es aus aller Herren Länder Dinge, die kein Tourist so normalerweise zu sehen bekommt; aber auch das touristische Auge bleibt gut beschäftigt. Man glaubt immer, man kenne die Welt, man habe sein gefestigtes Weltbild. Doch jeder Film hier zeigt, es gibt so viele Welten, so viele Schicksale, so viele Haltungen, Ansichten, Lebensweisen, Wahrheiten, Milieus, so viele Projekte, so viele Widrigkeiten, so viele Darstellungsmöglichkeiten von Wirklichkeit, viel mehr als wir uns in unserer Schulweisheit je zu träumen trauten. Und je mehr Filme ich mir anschaue, desto mehr entwickelt sich das Gefühl, im Grunde genommen in der eigenen, beschissen kleinen Welt, überhaupt keine Ahnung davon zu haben, was sich alles tut auf dieser Welt. Und selbst davon kann so ein Dokumentarfilmfestival wiederum nur einen winzigen Ausschnitt zeigen.

Hier die Links zu den Reviews in alphabetische Reihenfolge nach Titeln:

ARADA

Abgeschoben in die unbekannte Heimat

AUSLEGUNG DER WIRKLICHKEIT – GEORG STEFAN TROLLER

Aus der Wirklichkeit etwas holen und ihr etwas geben: das ist Dokumentation.

BELONGING

Deutsche Minderheit in Serbien

BETWEEN FIRE AND WATER

Anderssein in Kolumbien 

BORDERLANDS

Drähte und Zäune quer durchs Lieblichland

DER GERAUBTE WALD – WOOD

Stories über illegale Abholzungen wie Krimis, die erzählt werden müssen.

DIE ROSSELLINIS

Kaputte Familie in Italien

DOWNSTREAM KINSHASA

Leere Politikerversprechen

EIN CLOWN, EIN LEBEN

Wieder Zirkus-Clown

HINTER DEN SCHLAGZEILEN

Recherchejournalismus aus München 

IN DEN UFFIZIEN

Quicklebendiger Museums-Organismus mitten in Italien 

JE M’APPELLE HUMAIN

Dieses Leben ist Poesie. 

JUDY VS. CAPITALISM

Feminismus-Wirbelwind aus Canada 

KÍMMAPIIYIPITSSINI: THE MEANING OF EMPATHY

Ärtzin auf Augenhöhe mit den Drogenkranken ihrer Nation 

KOMUNA

Epikuräer aus der Tschechoslowakei

LA CONQUISTA DE LAS RUINAS

Argentinisches Gesamtbild von Mensch, Geschichte und Natur

LA PREMIERE MARCHE

Anderssein in der Banlieu von Paris 

LA VOCERA

Die Stimme der Indigenen in Mexiko 

LES LIBRES 

Resozialisierung oder Refunktionierung, das ist hier die Frage. 

LOST BOYS

Im Drogensumpf von Thailand und Kambodscha verlorene Finnen 

MORNING STAR

Westerners tropischer Traum 

NO HAY CAMINO

Der Weg ist da Ziel, aber es gibt keinen Weg. 

NO VISIBLE TRAUMA

Was man nicht sieht, kann man auch nicht strafrechlicht verfolgen. 

RENÉ

Autor auf der falschen Seite des Gesetzes

SHADOW GAME

Abenteuerliches Coming-of-Age-Game

SCHOOL OF HOPE

In der Wüste werden manche Dinge kostbar.

SKIES ABOVE HEBRON

In eiserner Umarmung

SOLDATEN

Deutscher Kriegspropagandafilm 

SUSPENDED WIVES

Weggelaufene Ehemänner in Marokko 

THE ARK

Und das alles in einem einzigen Spitalzimmer – mehr geht nicht.

THE ART OF SIN

Anderssein im Sudan 

THE SILENCE

Viele Opfer, mehrere Angeklagte, die meisten tot

THE WIRE

Das idyllische Grenzflüsschen Kupa …

THERE’s NO PLACE LIKE THIS PLACE, ANYPLACE 

Gentrifizierung in Toronto

THE LAST SHELTER

Steckengeblieben im Subsahara-Nirgendwo 

THE OTHER SIDE OF THE RIVER

Frauenemanzipation mit dem Gewehr in Kurdistan 

THINGS WE DARE NOT DO – COSAS QUE NO HACEMOS

Anderssein in Mexiko 

THIS RAIN WILL NEVER STOP

Flüchtingsschicksal unter der Prämisse des ewigen Kreislaufes

WANDERING – A ROHINGYA STORY

Bilder und Gedanken aus einem riesigen Flüchtlingslager

WHITE CUBE

Ausbeutung und Traumkarriere im kongolesischen Dschungel 

WRITING WITH FIRE

Unerschrockene indische Frauen gegen perfiden Nationalismus 

ZINDER

Gesetzlos in der Sahelzone 

Wandering – A Rohingya Story (DOK.fest)

Kutupalong

in Bangladesh sei das größte Flüchtlingslager der Welt, erzählt Kalam, Protagonist dieses Filmes von Olivier Higgins und Mélanie Carrier. 

Die Rohingya sind Opfer des hinduistischen Nationalismus in ihrer Heimat Myanmar, früher Burma. In gedämpfter Stimme erzählt Kalma, der den Familiennamen nicht für wichtig hält, von seinem Schicksal, von den Geistern der Vergangenheit, von der Aussichtslosigkeit in diesem Camp aus dicht gedrängten, einfachen Hütten. 

Er erzählt vom schwarzen Geist in seinen Träumen, der ihn verletzt und am Fortkommen hindert. Der schwarze Geist bedroht ihn mit dem Tode. Angstträume, die ihn nicht schlafen lassen. Kalma selber ist versehrt, angeschossen bei der Flucht, wenn ich das recht verstehe; arbeitet als Übersetzer für Journalisten und NGOs und die Filmemacher haben ihn gleich in mehrfacher Funktion engagiert. Kalma wundert sich, dass der Geist trotz der Todesdrohung ihn nicht tötet. 

Die Bilderwelt bringt ruhige Impressionen aus dem Lager, oft sitzen die Menschen nur da, sinnieren oder man sieht sie bei der Bewältigung ihres Alltages von Kochen, Wäsche waschen, Frisieren, waschen, beim Beten, Anbau eines Wassertanks auf ein Dach, dicht gedränger Schulunterricht, Kinder beim Zeichnen (Blumen, Helikopter, die Häuser anzünden und auf Menschen schießen), Handarbeiten. 

Die Gassen zwischen den Hütten sind so eng, dass man um die Kamera bangt, wenn sie sich hindurch bewegt, durch das teils geschäftige Leben. Gedrängel bei der Reisverteilung. Dann wieder Hühner, ruhige Betrachtung des Lebens. Und nicht alles ist nur trist. Kids und junge Männer spielen Fußball in und an einem braunen Bach, Buben ringen miteinander oder tanzen ausgelassen oder lassen Drachen steigen – während Kalma von Menschenhändlern spricht, die wöchentlich Kinder aus dem Camp entführen und darauf hinweist, dass die Rohingya hier staatenlos und also ohne Personalausweis oder Pass seien. 

Die Fotografie ist in der Nähe der Postkartenfotografie anzusiedeln, ansehnlich, in mildem Licht und also schön, grad auch wegen der bunten Farben der Stoffe von Frauenkleidern und Vorhängen.

Frauen schildern ihr früheres Leben in Myanmar und Monstrositäten ihrer Peiniger bei der Vertreibung. 

This Rain will never stop (DOK.fest)

Fotografiefilm

In diesem aus der Ukraine, Deutschland, Lettland und Katar multipel geförderten Film von Alina Agorlova spielt die Kamera die Hauptrolle. 

Mit jedem Bild erzählt die Kamera, dass sie dem, was sie sieht, Gewicht verleiht, dass sie ihre Objekte sehenswürdig macht. Dass der Film in Schwarz-Weiß gedreht ist, verstärkt diesen Eindruck. Hier kann besonders deutlich an Hell-Dunkel-Unterschieden gearbeitet werden, hier bekommt alles Gewicht, Wichtigkeit, ob Erdoberfläche als gefurchte Haut, ob Wasseroberfläche, ob die Montage von Schießrohren auf Panzer, ob Menschenmassen, die über eine Grenze drängen, ob eine Charity-Veranstaltung vom ukrainischen Roten Kreuz – es ist wohl die Postproduktion, die extrem an der Herausarbeitung dieser Als-solche-wichtig-Message arbeitet. 

Gewichtigkeit verleiht Alina Gorlova ihrem Film auch durch das neutrale Strukturmittel der Nummerierung, die bei Null (zero) anfängt. Null: Erdoberfläche, eins: ein Einsiedler, der einen Monolog an seine Katze hält, russischer Pass, zwei: Panzerproduktion, drei: Charity und Militär. 

Vielleicht sind solche abstrakten Nummern lediglich Ablenkungsmanöver, um vorzugaukeln, es handle sich um eine Geschichte, die herzustellen dem Kopf des Betrachters überlassen bleibt. Film ist nun mal weitgehend auch Trickserei. 

Andererseits kommen auf diese Weise eine Menge Momentaufnahmen aus der Ukraine zustande, die ein zerrissenes Land zeigen, das sich auch noch mit dem Nahostkonflikt ständig beschäftigt. So wechseln sich hier in schöner Abfolge, die die Krieg führen und Menschen töten und die, die helfen und heilen wollen und dazwischen die armen Schlucker, die auf Hilfe angewiesen sind. 

Dokumentation im Sinne einer neutralen Berichterstattung, im Sinne einer Skepsis, die sich zurückhält, die alle Schuld der Kamera zuweist. Im zurückhaltenden Sinne dessen, der nicht Partei ergreifen will, der sich raushält, der keine Schuldzuweisungen trifft, der keine Verantwortlichen ausmacht. 

Vielleicht auch im Sinne einer fatalistischen Haltung, die gar nicht erst erwartet, mit den Mitteln des Dokumentarfilmes die Welt verändern zu wollen oder sie aufzuwecken. Denn durch die Kamera – und vielleicht durch ihre Eitelkeit – wird alles gleichgemacht, Kanonenproduktion wie eine Menge junger Schafe in der Stube eines alten Ukrainers. 

Die Frage, ob so ein Kino vielleicht sogar ein amoralisches Kino ist, eines, das sich mit Beurteilung zurückhält, sich aber mit einer praktisch unangreifbaren Fotografie gegen derlei Einwürfe vorbeugend absichert. Und so, wie der Regen im Titel nie innehält, so könnte es ewig weitergehend mit den Kapiteln, den Nummern, die Rückenmassage, Situation syrischer Flüchtlinge in der Ukraine (wobei daraus eine rudimentäre Geschichte mit einem Abstecher nach Syrien ensteht), Fabrikschlot, Naturimpressionen, geknickter Wald, Panzerkolonnen, Schwarzbild, Zahl, City, Prideparade, vier, fünf, sechs, sieben, viele, viele, zero …

Shadow Game (DOK.fest)

Moderne Flüchtlinge

Minderjährige, die im Aufrag ihrer Familien sich auf den Weg nach Europa machen aus Afghanistan, Syrien, Irak, Afrika. Sie sind zielbewusst, informiert, gut ausgerüstet mit GPS, mit Handys und Smart-Phone, filmen ihre Flucht, tauschen sich mit anderen Flüchtlingen aus, sie stehen in Kontakt mit ihren Familien, berichten über den Fluchtfortschritt oder verschweigen die nicht geglückten Versuche von Grenzüberschreitungen, verschweigen, wenn es schwierig wird, gar wenn sie brutal geschlagen und ausgeraubt werden. Wobei letzteres wohl nicht zu verschweigen ist, denn auch Geld wird problemlos transferiert, so dass sich die Jungen, und es sind ausschließlich Jungs, zumindest in dieser Dokumentation von Eefje Blankevorort und Els van Driel, neu ausrüsten können. 

Der Film ist ein bunter und (überwiegend) leicht bekömmlicher Mix punktueller Impressionen aus Jahreszeiten, Orten und Protagonisten. Anwesend sind die Filmer vor allem in den Lagern, in den Stationen, an denen Flüchtlinge sich sammeln, hängen bleiben, sich erholen, sich verpflegen und medizinisch betreuen lassen können. Auch solche Strukturen entwickeln sich offenbar zwangsläufig an Flüchtlingsrouten. 

Für die Jungs selber, sie sind im abenteuerlichsten Alter, handelt es sich um ein Game, von dem es verschiedene Varianten gibt, das Train-Game, das Walking-Game oder auch das Game of Life and Death; es gibt Stellen, wo es lebensgefährlich werden kann, wilde Tier im Dschungel (dieser balkanesische Dschungel kommt auch vor in The Wire), Kälte, Minenfelder, Hunger, Durst. 

Brenzlig wird es um die EU herum. Hier rein zu gelangen scheint die größte Herausforderung und in Kroatien macht sich die Polizei ein Spiel daraus, erwischte Flüchtlinge auszurauben und zu foltern. 

Aber die Flüchtlinge zeigen Härte und Entschlossenheit. Teils sind sie jahrelang unterwegs und sie probieren die schwierigen Hürden immer und immer wieder zu nehmen. Und wenn die EU endlich erreicht ist, haben sie vorerst vom Reisen die Nase gestrichen voll. Aber ein eindrückliches Coming-of-Age, eine ungewöhnliche mythische Reise haben sie hinter sich. Und den ersten Bart noch dazu. 

Von Jungs, die das geschafft haben, kann noch einiges erwartet werden, wenn sie sich hier zielstrebig integrieren.