Archiv der Kategorie: Film

Kommentar zu den Reviews vom 29. Oktober 2020

Jetzt erst recht ins Kino!

(Die Bundeskanzlerin behauptete heute im Bundestag, dass die beschlossenen Maßnahmen (es sind vornehmlich Kulturkillermaßnahmen im Rahmen eines rechtlichen Ausnahmezustandes) „angemessen“ seien. Gleichzeitig scheinen sich alle Parteien des Bundestages einig, dass über 75 Prozent der Ansteckungswege des Virus keine Klarheit herrscht. Was folgt daraus? Die Maßnahmen sind mangels Wissens als reine Willkürmaßnahmen zu bezeichnen – das sollte sich die Kultur nicht bieten lassen!)

Kino, was fürs Kino begeistert, aus Hollywood. Ein rasanter Psycho-Comictrip durch die Kunstwelt. Ein umstrittenes Theaterstück zum Jugoslawien-Krieg. Ein kunterbuntes Animationsvergnügen aus der Ukraine. Ein perfekt industrieller Katastrophenfilm aus den USA. Papierenes Strandgut am Rande der Internetwelt in New York. Wenn sich das Tier in der Flugbegleiterin meldet. Lehr- und Wanderreiten von Bayern aus. Wildwest, wie wir ihn erträumten. Dann ist aus der Revoluzgerin doch lieber eine HFF-Professorin geworden. Müssen wir in diesen privaten Mief von Theater- und Filmprominenz hineingezogen werden? Letzter Gang eines bayerischen Filmregisseurs. Auf DVD werden Eltern unterhaltsam mit den Resultaten ihrer Erziehung konfrontiert. Auf DVD und VoD gibt es eine Runderneuerung eines Starbildes und einen Schönheitsalptraum aus Osteuropa. Am TV gab es wunderbare Münchner Lebenslinien.

Kino

HEXEN, HEXEN

Für eine Kinolänge den Maskenzwang vergessen.

RUBEN BRANDT, THE COLLECTOR

Manischer Sammler: Kunstwerke, die Alpträume bereiten, müssen in seinen Besitz.

SRBENKA

Ex-Jugoslawien: Vom Vorurteil zum Mobbing zum Opfer.

CLARA UND DER MAGISCHE DRACHE

Da brauchen sich die Ukrainer vor Hollywood nicht verstecken. 

GREENLAND

Die Katastrophenenergien, die es braucht, um eine Familie zusammenzukitten. 

THE BOOKSELLERS

Antiquariate und Antiquare: am Aussterben.

SCHLAF

Respektables Horrordebut. 

WILDHERZ

Simone mit den Ponys sucht weiter ihr Lebensziel. 

GLITZER & STAUB

Traum-Wildwest-Cowgirls. 

UND MORGEN DIE GANZE WELT

Sich im Eigen-Anekdotischen verhaspeln; war da mal was Revolutionäres?

SCHWESTERLEIN

Wie langweilig kann denn Privatheit von Berühmtheiten sein?

DER BOANDLKRAMER UND DIE EWIGE LIEBE

Joseph Vilsmaiers Legat. 

DVD

WIR ELTERN

Es ist die eigene Brut!

DVD und VoD

MAKING MONTGOMERY CLIFT

Sein Leben wurde aus Kommerzgründen aufregend umgeschrieben.

YUMMY

Vorsicht vor solchen Schönheits-OPs!

TV

LEBENSLINIEN: „DIE ISARNIXE“

Hier besinnen sich die Lebenslinien auf ihre höchste Qualität. 

Hexen, hexen

Hollywood lebt!

Ein Kritierum, wenn man einen Film Revue passieren lässt, ist immer auch, ob der Film es schafft, generell eine Begeisterung für Kino zu wecken, oder ob es sich lediglich um einen guten oder sehenswerten (oder auch nicht) Film handelt. 

Kinobegeisterung schafft Robert Zemeckis allemal, der mit Keny Barris und Guillermo del Toro auch das Drehbuch nach dem Kinderbuch von Roald Dahl geschrieben hat. Das liegt am harmonischen Zusammenspiel verschiedener bestens eingesetzter Faktoren, an der lässigen Könnerschaft.

Zuallererst an einer klar und nachvollziehbar geschilderten Story. Der Hero Boy (der fantastische Bub Jahzir Bruno) verliert bei einem Autounfall beide Eltern. Seine Großmutter (Octavia Spencer, auch sie eine weitere, großartige Besetzung) nimmt den verstörten Buben zu sich. 

Mit Aufmerksamkeiten bis hin zum fetzigen Tanz holt sie ihn aus seiner Reserve heraus; aber auch mit einer weißen Maus. Damit macht sie den Weg frei für die Hexengeschichten. Im Supermarkt begegnet dem Buben so eine Hexe und quält ihn von nun an. 

Auch wie Zemeckis solche Dinge erzählt, die erste Begegnung mit der Hexe in ihrem fantasievollen, anziehend wie gleichzeitg abschreckenden Gewand, schafft er es, Kinobegeisterung zu wecken, auch immer wieder mit wohl dosierten, kühnen Kamerfahrten. 

Die Oma möchte dem Jungen eine Wohltat angedeihen lassen und fährt mit ihm für einige Tage in ein prunkvolles Luxushotel. Kleine Irritation am Eingang, der schwarze Diener weiß nicht so recht, wie er mit der pummeligen, unkonventionellen Oma umgehen soll, sie entspricht nicht seinem Bild von Herrschaft. Solche Details sind die kleinen Aparts, die diesem Kino das Krönchen aufsetzen. 

Von wegen Hexenflucht. Im Hotel tagt gleichzeitig ein Kongress wohltätiger Frauen, die sich für die Prävention von Gewalt an Kindern einsetzen. Denkste. Es sind Hexen! Auch wie diese Entpuppung geschildert wird, der Auftritt der Gruppe, allen voran die krass und knallig geschminkte und ausgestattete Anne Hathawa als die Oberhexe, das sind überzeugende Showakte. 

Die extravaganten Ladies bringen die Story ins Rollen. Denn Tiere sind im Hotel nicht erlaubt, aber die Oberhexe kommt mit ner Katze an. Und Hero Boy hat seine weiße Maus reingeschmuggelt. 

Die Faszination von Kino knallt bei Zemeckis auch von der Leinwand, indem seine Gags folgerichtig in die Handlung eingebunden sind und nicht wie in anderen bombastischen Hollywood-Kinderfilmen, die Gags um des Gags willen unendlich ausgedehnt und auch wiederholt werden. Hier bei Zemeckis ist jede Situation kitzlig, jede eingebettet in die Geschichte. 

Wie der Hero Bub und und auch der pummelige Junge von anderen Gästen auch noch in Mäuse verwandelt sind (mit den entsprechend brillanten Hokuspokus-Aktionen; und dabei wird klar, dass auch die weiße Maus, die Oma dem Hero Boy geschenkt hat, ein verzaubertes Mädchen ist), ergibt sich daraus eine größere Sequenz, die an Ratatouille erinnert, wenn die Mäuse sich in der Küche des Hotels zu schaffen machen, um ein gewisses Ingredienz in die Suppe der Tafel der Damen zu schmuggeln, allein dieser Vorgang, eine mäusische Helden- und Artistiktat, genau so wie der schwierige Versuch, aus dem Zimmer der Oma über eine an einem Faden herabgelassene Stricksocke in das darunter liegende Zimmer der Hexe zu gelangen und die Ingredienz zu klauen.

Das mag mit ein Grund sein, warum es reinen Spaß macht, der Handlung zu folgen, weil alles eine Folgereichtigkeit hat, wenn man bereit ist, die zugrunde liegenden, frei erfundenen Behauptungen zu akzeptieren. Und das tut der Kinogänger liebend gern, wenn er für eine angenehme Kinolänge in eine verrücte Zauberwelt entführt wird und den Hygienebürokraten-Unsinn vergisst, dass er inzwischen im Kino selbst beim Schauen die Maske aufbehalten muss – weil, kann ja sein, dass in Hexenfilmen Corona sich im Saal zu schaffen macht. 

Und morgen die ganze Welt

Aus dem Nähkästchen.

Dieser Film von Julian von Heinze, die mit John Quester auch das Drehbuch geschrieben hat, mutet an wie ein anekdotischer Nähkästchenbericht aus einer AntiFa-Gruppe. 

Der Film spielt in Mannheim. Es ist die heutige Zeit. Bis auf die Straßen geht die Konfrontation zwischen linken Gruppierungen und erstarkenden rechten bis rechtsextremen Gruppen. 

Der Film dürfte autobiographisch inspiriert sein; darauf verweist der Artikel in Wikipedia über Julia von Heinze.

Ob bei der Regisseurin zuhause auch die Jagd gepflegt wurde, wie hier im Film, sei dahingestellt. Grad fachmännisch behandelt die Protagonistin, nahe liegend: ein Alter-Ego der Regisseurin, das Ausnehmen der Jagdstrecke nicht. 

Diese Protagonistin heißt im Film Luisa und wird gespielt von Mala Emde, nicht hundertprozentig leinwandaffin, zu sehr mit eisigem Blick augestattet, von mir aus gesehen auch viel zu kontrolliert spielend; das lässt auch die fast immer coiffeusefreundliche Strähne über der Wange vermuten; die bleiche Schminke trägt das ihre zu diesem distanzierenden Endruck bei. 

Luisa studiert, wie auch die Regisseurin in ihrer Jugend, Juristerei an der Uni. Sie schließt sich, wie auch die Regisseurin in ihrer Jugend, durch Ereignisse in ihrer Umgebung einer antifaschistischen Gruppe an, deren Namen mir nicht richtig ersichtlich wurde. 

Fett unterstrichen inszeniert Heinze die erste Begegnung mit Alpha (Noah Saavedra); eindeutig, dass daraus absehbar eine Liebesgschichte wird, gradliniger und konfliktfreier geht nicht. Alphamännchen ein Kopf größer als Weibchen. Das scheint die gänzlich unironische Intention von von Heinze zu sein. So war es halt vielleicht auch. Warum nicht auch Klischee leben und erzählen?

Der dritte im Bunde dieses Kerntrios ist Lenor (Tonio Schneider). Ein Trio, das von mir aus gesehen ohne jegliche Leinwandchemie bleibt. Aber es soll vielleicht ein thematischer Film sein. Anders kann ich mir die Einladung an die Filmfestspiele von Venedig nicht erklären, nicht jedenfalls von der Drehbuchqualität her, wenn Deutsche Nazis oder wie hier Neonazis spielen, dann sind sie offenbar international kompatibel. 

Die Dinge, die erzählt werden im Film, scheinen plausibel, das dürfte der anekdotische Input sein; aber wie sie erzählt werden, das lässt dann doch einen Mangel an tieferer Durchdringung der Mechanik und der Gruppendynamik in so einer Gruppe vermuten; auch zur Figur der Luisa scheint jegliche Distanz zu fehlen; ihr Need scheint drehbuchtechnisch nicht ergründet worden zu sein. Und so sieht man halt, dass sie die ihr vorgeschriebenen Situationen spielt. 

Es geht um Ereignisse, wie diese Gruppe den Faschos es zeigen möchte, wie sie thrillerhaft ein Meeting von denen im Vorfeld eruieren und alles vorbereiten, um es ihnen zu zeigen. Nach dem Zertrümmern der abgestellten Autos der Neonazis kommt es kurz zu einem Konflikt in der Gruppe, ob man die auch physisch noch abservieren wolle; das artet in einen Kampf aus und führt zu weiterer Eskalation, bis hin zu einer Polizeirazzia in der linken Kommune. 

Das ist sicher gut gemeint, solche Erfahrungen filmisch einem breiteren Publikum erzählen zu wollen; aber es ist eines, dieses mit viel Wackelkamera in nachgeschriebenen Anekdoten auf die Leinwand aufzureihen und ein anderes, aus dem anekdotischen Stoff mit Verve und Handwerk eine plausible und spannende fiktionale Handlung „nach wahren Begebenheiten“ zu entwickeln, die den heutigen Menschen ansprechen.

Vielleicht lernt die Drehbuchautorin und Regisseurin das in ihrem neuen Job als Professorin an der HFF: ein guter Lehrender lernt selbst am meisten. (Es wäre also elementar wichtig gewesen, das Thema Widerstand, was dem Film zugrunde liegt, elementar in die Handlung zu verweben). 

Wackelkamerarealismus: macht teilweise eine Räuberpistole aus der Handlung, weil das Thema Widerstand in den Momenten nicht präsent ist. 

The Booksellers

Paralleluniversum.

Ein Paralleluniversum aus Freaks, so ist der erste Eindruck der Bilder von der New Yorker Büchermesse für Antiquaria.

Ein spezieller New-York-Film auch, den D. W. Young uns unterhaltsam magazinhaft präsentiert als ein Porträt vom Markt gebrauchter Bücher, von den Händlern, den Käufern, den Sammlern, den Auktionatoren. 

Die Händler stehen im Mittelpunkt. Die einzigen Zwischentitel sind ab und an die Vornamen von New Yorker Buchhändlern. Die Vornamen deuten die innige Beziehung des Filmemachers zur Branche an. Es sind Geschäftsleute, aber sie wollen keine Megageschäfte, sie sind getrieben, getrieben davon, in Nachlässen, Haushaltsauflösungen oder wo auch immer auf Messen und Märkten das Besondere zu finden und, so schwer es ihnen fällt, auch wieder zu verkaufen. 

Sie handeln seit Generationen mit Büchern oder sind durch Zufall dazu gekommen, auch dazu gibt es Anekdoten, wie es auch viel Archivmaterial gibt, Fotos von den Antiquariaten früherer Zeit oder Bilder von ganz besonderen Büchern, gar ein Video einer besonderen Buchauktion. 

Aber Bücher sind keine Bilder, sie sind nicht auf diese Weise Sammlerstücke und Wertanlage; dass ein Buch für Millionenbeträge versteigert wird, ist die Ausnahme. Die Bücher-Händler spüren das Internet. Der Begriff „Kindle“ lässt sie erschaudern. 

Jetzt spiegeln die Bücher noch die Welt, das Universum, sie bilden den Menschen und bilden die Menschheitsgeschichte, die kulturelle Geschichte ab, sie enthalten sie und erhalten sie. Sie faszinieren das reale Universum. Aber was passiert mit der virtuellen Welt, in der nicht alle Text gedruckt werden und somit Schwarz auf Weiß nach Hause getragen und aufbewahrt werden können? Versackt das Internet als nötiges Paralleluniversum nicht irgendwie, sind da Dinge überhaupt noch zu finden, wo es jetzt schon schwer ist, in ellenlangen Reihen von Regalen ein bestimmtes Buch zu finden, erst recht, wenn die Bücher nach Format und nicht nach Kontent geordnet sind wie in einer der größten Privatbibliotheken der Welt? 

Der Film ventiliert ausgehend von den Statements der befragten Büchermenschen, -händler, -jäger, -sammler all diese Fragen ums Buch und was es heute noch wert sei, ob es überhaupt noch als Sammlerobjekt eine Bedeutung hat. Erwähnung finden auch die trotz Internet boomenden Nachbarschaftsbuchläden und es gibt Ausschnitte aus Kinofilmen, in denen das Buch eine Rolle spielt, zudem Raritäten wie in Menschenhaut gebundene Bücher oder solche mit echtem, eingeklebtem Mammuthaar – da staunste.

Schwesterlein

Ein Hoch auf die Schauspielerei!

Berührend an diesem Film des Regie- und Drehbuchduos Stéphanie Chuat und Véronique Reymond (Das kleine Zimmer) ist die Begeisterung für das Theater, für die Theatermenschen. Interessant zu erfahren wäre, wie sie es schaffen, Top-Leute des deutschen Theaters, Thomas Ostermeier, Nina Hoss und Lars Eidinger in ihren Filmkosmos zu bekommen. 

Allerdings ist der Film diesen Stars auf den Leib geschrieben, zwar nicht direkt von der Story her, auf die noch zurückzukommen sein wird, sondern insofern als Thomas Ostermeier, seines Zeichens Intendant der Berliner Schaubühne, als David einen Regisseur spielt. 

Im wahren Leben ist er einer der besten Theatermänner Deutschlands und auch Chef eben dieser Schaubühne, deren Namen man in großen Lettern hinter ihm und Nina Hoss sieht, mit der er auf dieser Terrasse einen Dialog hat. 

In der Szene geht es darum, dass Nina Hoss als Lisa, die Autorin ist, ein Stück mit dem Titel geschrieben hat, um ihrem Bruder Sven, Lars Eidinger, eine neue Rolle zu verschaffen. Denn David hat den Hamlet aus dem Programm genommen, weil Sven schwer krank ist, Krebs, und eine Knochenmarktransplantation inklusive Chemo hinter sich hat. 

Der Film ist eine deutsch-schweizerische Koproduktion und insofern ist es nicht verwunderlich, dass ein Teil in der Schweiz spielt, im vornehmen Kurort Leysin und dort in einem weltberühmten Institut (an so einem Institut hat der nordkoreanische Diktatur seine Bildung erhalten). 

Dort ist der Mann von Lisa, Martin (Jens Albinus) Lehrer und soll gerade seinen Vertrag verlängern. Lisa zieht es zurück nach Berlin. Das führt zu innerfamilären Auseinandersetzungen. Die Mutter Kathy von Sven und Lisa wird gespielt von Marthe Keller, auch das eine illustre und kostbare Besetzung. 

Die Qualität des Regie- und Autorengespanns Chuat/Reymond ist nicht nur die Liebe und Wertschätzung zu den Schauspielern, es ist auch der Versuch, nah am Leben zu inszenieren und das gelingt erstaunlich gut; es macht Spaß den Darstellern zuzuschauen. 

Die Geschichte allerdings ist vielleicht etwas zu wenig auf Storytelling unter Berücksichtigung von Spannung gearbeitet worden; es ist nicht ganz klar, worauf das alles hinauslaufen soll; es wirkt fast mehr als eine Aneinanderreihung von (erfunden) Anekdotischem mit hoher Glaubwürdigkeit dank Inszenierung und dem Kaliber der Darsteller, aber ab und an fragt man sich, will ich diese Geschichte wirklich erzählt bekommen? Was ist ihr „selling point“? Noch ein Tumorfilm? Ist das Privatleben solcher Berühmtheiten genau so langweilig wie jedes andere Privatleben auch?

Srbenka

Vom Gift des Vorurteils.

Vom Vorurteil zum Mobbing und vom Mobbing zum Mord, das ist der extremste Auswuchs des Hasses, das ist der Motor von Krieg. 

Darum geht es beispielhaft in dieser meditativ-essayistischen Dokumentation von Nebojsa Slijepcevic am Beispiel der Ermordung des serbischen Mädchens Aleksandra Zec in Kroatien während des Jugoslawien-Krieges. 

Der Theaterregisseur Oliver Frijic hat daraus ein Theaterstück gemacht, das er in Kroatien aufführte. Protest war ihm sicher. Wie kann man in Kroatien ein Stück machen über ein serbisches Opfer, dessen Mörder Kroaten waren? Was ist mit all den kroatischen Opfern im Jugoslawien-Krieg? Krieg der Opfer als Randschauplatz. 

Nobojs Slijepcevic begleitet die Herstellung des Stückes von den ersten Proben an. Es ist aber weniger eine Chronologie und Schritt-für-Schritt-Dokumentation. Slijepcevic lässt sich ein in den leitenden Gedanken, wie kann es sein, dass Menschen, bloß weil sie anderer Nationalität sind, diskriminiert werden? 

Auch die Schulmädchen, die in dem Stück mitmachen, ertappt der Regisseur bei Vorurteilen gegenüber den Roma. 

Der Regisseur fordert den ganzen Einsatz der Schauspieler in dem Sinne, dass sie ihr eigenes Verhältnis zu dem Thema einbringen, dass die schwierigste Aufgabe am Theater sei, ’normal‘ zu bleiben; auch wenn er als letzten Tipp vor der Aufführung vor allem den gibt: laut zu sein. 

Die Blicke ins Publikum während der Aufführung geben einen Rückschluss auf Qualität von Regie und Stück: die Menschen sind mucksmäuschenstill und gebannt. 

Kurz vor der Premiere wäre es noch fast zum Eklat gekommen, weil die Aufführung in kroatischen Medien skandalisiert worden ist, wie es möglich sei, genau dieses Opfer in den Mittelpunkt zu stellen. 

Dem Regisseur selbst ist seine Jugend durch den Krieg verdorben worden; sein Vater war ein nationalistischer Krieger. Für die heutige Generation ist es wie ein Rätsel, wie es sein konnte, dass im Jugoslawien unter Tito es offenbar überhaupt keine Rolle gespielt habe, ob einer Muslim, Christ, Roma, Serbe oder Kroate sei. Es ist die Frage, wie nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens der Nationalismus plötzlich so heftig zu wüten anfing. Und zur Ruhe gekommen ist er noch nicht, wie die Reaktionen auf die Theateraufführung zeigen. 

Wildherz

Wonnepfropfen Simone Hage aus Bayern ist immer noch unterwegs. Den ersten Teil ihrer Reise mit zwei Pferden und einem Hund aus Bayern in Richtung Ostsee war in Magie der Wildpferde zu erleben. 

Noch ist Simone nicht zurückgekehrt. Sie will weiter in Richtung Norden, nach Dänemark. Dort überwintert sie als Praktikantin auf einem Pferdehof und lernt dabei auch reiten. 

Sie ist jetzt 18 und diese neue Dokumentation von Caro Lobi begleitet die Pferdeabenteurerin bis in ihr 20. Lebensjahr, das ist 2020, hier wo Corona in unser aller Leben einbricht und am Ende des Filmes ist der Lockdown aufgehoben und Simone macht sich, diesmal nur mit einem Pferd, auf in Richtung Süden. 

Auch dieser zweite Film lebt von Simones Herzlichkeit, bringt traumhafte Natur- und Pferdebilder, Landschaft, Meer, Pferdehof und ihr unwiderstehliches Lachen. 

Aber es gibt auch Momente der Nachdenklicheit. Simone erweist sich als selbstreflexive Person, die weiß, was sie tut und auch weiß, wenn etwas vorbei ist und die vor allem eines will: lernen. 

Simone war früh in den Social Media als Bloggerin aktiv, sie machte sich sofort nach der Schule mit 16 selbstständig als Pferdefotografin. Aber sie fühlte sich noch zu jung, um sesshaft zu werden, sie hat sich klar gemacht, dass das Leben in den Tag hinein, das Aufbrechen, ohne zu wissen, wo anzukommen, das kann sie sich jetzt leisten und nicht irgendwann; dabei wird ihr aber auch bewusst, dass sie ihr ansteckendes Lachen für Social Media entwickelt hat, weil es dort erfolgreich war. 

Langzeitdokus können immer wieder mit Überraschungen aufwarten. Simones Erkenntnisse – und auch trübe Tag der Antriebslosigkeit – zeigen Wirkung; sie will die Rückkehr in ihre Heimat nicht mehr ausschließen; sie verändert ihr Verhältnis zum Heimatort, zu den Bergen. 

Trotzdem lockt über den Winter 19/20 Andalusien, ein Pferdehof, auch hier wieder traumhafte Bilder und auf der Tonspur häufig eine fette Dosis Glücksmusik. Portugal folgt. Dann, je mehr Simone sucht, meint sie, sie wolle doch ernsthafter etwas anpacken. Dabei driftet der Film in Richtung Schamanismus, moderne Medizinfrau, spirituelles Coaching, in die esoterische Richtung ab. Sie glaubt jetzt, gefunden zu haben.

Vielleicht sind die Filmemacher ja bereits dabei, sie weiter zu begleiten. Man kann gespannt sein. Dem Film voranggestellt ist das Wort von John Lennon: „Zahme Vögel singen von Freiheit, wilde Vögel fliegen“. 

Schlaf

Soziale Skulptur

„Film ist in meinen Augen eine soziale Skulptur, die sich unaufhörlich verzweigt.“ Diesen Satz hat Regisseur Michael Venus, der mit Thomas Friedrich auch das Drebhbuch geschrieben hat, im Abspann eingesetzt, um all jenen zu danken, die im Hintergrund mitgewirkt haben, ohne namentlich erwähnt worden zu sein – die aus dem Dunkeln. 

Das Bild von der verzweigten sozialen (resp. asozialen) Skulptur passt auch ganz gut auf seinen Debutfilm, der mächtig ins Horrorgenre reinschnuppert, der Kräfte aus dem Dunkeln zur Wirksamkeit bringt. 

Marlene (Sandra Hüller) ist Flugbegleiterin und leidet unter Schlafstörungen. Ihre Tochter Mona (Gro Swantje Kohlhof) kümmert sich um sie. 

Eigentlich möchte Marlene sich auf den nächsten Flug vorbereiten. Es geht ihr aber nicht so gut. Ärzte sind involviert. Dann verschwindet Marlene. Sie findet zum Horror-Hotel, wie es im Büchlein steht. Lore (Marion Kracht) und Otto (August Schmölzer) führen es. Auch dieses Paar ist mit nicht sofort erkennbaren, eher dunklen Eigenschaften behaftet. Lore fesselt ihren Ehemann nachts an Hand- und Fußgelenken ans Bett. In diesem Haus checkt Marlene ein. Das ist kein Zufall. 

Marlene kennt das Hotel aus ihren Angstträumen und auch aus einer Broschüre, die in den Flugzeugen vor sich hinwerben. Jetzt musste sie es nur realiter noch finden. 

Im Hotel bricht mehr aus Marlene heraus, als die Schulpsychologie annehmen würde; es kommt zur Begegnung mit einem mächtigen Keiler, der plötzlich im Zimmer steht; sie selbst, das kann sich der Zuschauer im Nachhinein zusammenreimen, entwickelt entsprechende Gegenkräfte und verwüstet das Zimmer. Sie landet in einer Klinik. 

Detektivisch findet die Tochter heraus, wo die Mutter sich aufhält, fährt zum Hotel Sonnenhof in Steinbach. Die soziale, resp. Horrorskulptur entwickelt sich, verzweigt sich, erwischt – wie Corona – mehr und mehr Menschen und es wird schwieriger, noch den Überblick zu behalten, auch dabei, wo das Animalische sich in den Menschen bemerkbar macht und wo sie noch Menschen sind. 

Skulpturhaft sind auch die stilisierten und wohlgesetzten Dialoge, die Darsteller-Arrangements, Mittel, die bestens dem Horroreffekt zudienen. Im Menschen stecken Dinge, von denen er oft selbst keine Ahnung hat; das erzählt dieser Debutfilm. 

Ruben Brandt – The Collector

Kunst und gespaltene Persönlichkeit

Ein Psychodoktor für Künstlerseelen ist „der Sammler“, er heißt Ruben Brandt, logiert in einem luxuriösen Anwesen in einer idyllischen Berglandschaft wie in der Schweiz. Er veranstaltet mit seinen Klienten am Lagerfeuer Rollenstudium. Es ist eine Kleingruppe, die vorbereitet wird auf die Kunstraubzüge, die sie für Ruben Brandt rasant, schlau, verrückt, artistisch, raffiniert in aller Welt in den feinsten Museen durchführen werden. 

Objekte der Begierde von Ruben Brandt sind nur bekannteste Kunstwerke der abendländischen Kunstgeschichte, unverkäuflich; sie hängen in den berühmtesten und gesichertesten Museen und Galerien. 

Protagonistin unter Brandts Klienten ist Mimi, eine katzenartige Artistin mit Zirkushintergrund und also enorm beweglich und von einer Vampnonchalence dazu. Sie hängt jeden Verfolger ab. Das zeigen wilde Verfolgungsjagden, bei denen sich die Animation von Milorad Krstic so einiges einfallen lässt oder bekannte Motive humorvoll variiert. 

Der Background des Psychodoktors ist Deutschland, Krieg und auch kalter Krieg haben ihre Finger in seiner Geschichte. Die Kunstwerke, auf die Brandt manisch versessen ist, quälen ihn in seinen Alpträumen, deshalb muss er sie haben. Es ist Manie. Manie und Kunst, Manie und Kunstsammlertum

Der Verfolger im Krimi ist der Privatdetektiv Kowalski. Wie aber das Lösegeld auf 50 und auf 100 Millionen erhöht wird, ärgert sich sogar die Mafia, wie einfach da an Geld zu kommen sei und spannt mit der Russenmafia zusammen. 

Das ist das Grundgerüst für einen enormen Leinwandspaß, der einerseits die Kunst sicher verehrt, sie aber auch durch den Kako zieht, sie verfremdet, sie nicht schont, sie zum Objekt unterschiedlicher Interessen macht und auch einen köstlichen Seitenblick auf die Filmgeschichte wirft. Das waren noch Zeiten, als ein Hamster im Rad die Filmrollen zum Laufen brachte. 

Es sind die Details, die das Leinwandwerk würzen. Ob es ein genau beobachtetes Insekt ist, das dem Protagonisten während eines Telefonates Blut aus den Adern saugt, ohne dass dieser sonderlich reagiert, oder Mimi, die im Heißuftbalon nach rasanter Auto-Verfolgungsjagd über idyllischer Landschaft schwebend mit dem Shrink telefoniert. 

Die Kunstwerke selbst werden in den Träumen lebendig, Figuren treten aus ihnen heraus oder es fliegt gar ein Schuh raus oder eine Katze spaziert einfach weg aus dem Bild. Der Film spielt im Heute. Die Darsteller sind mit den modernsten Überwachungs- und Kommunikationsmitteln ausgestattet. Die Originalvertonung auf Englisch ist bestens verständlich und attraktiver als die deutsche, der der gewisse Pfiff abgeht. 

Der Film ist Unterhaltung in vollendeter Vorcorona-Sorglosigkeit, aus corona-unbeschwerter Zeit. 

Greenland

Die Energien zum Kitten einer Ehe

oder, was lieben wir doch unsere Corona. 

Dieser hochindustriell-exezellente Katastrophenfilm von Rich Roman Waugh nach dem Buch von Chris Sparling macht klar, welch enormer Energien es bedarf, um eine bürgerliche Ehe zu kitten, wenn da mal Sprünge drin sind. Andersrum: es geht um das Energiepotential von Scheidungen. 

Die Ehe ist der Nukleus menschlicher Existenz und Fortexistenz. Da bedarf es beachtlicher Katastrophen, die beinah die Menschheit (und Europa sowieso!) auslöschen, um John (Gerard Butler) und Allison (Morena Baccarin) wieder zusammenzuschweißen und ihrem Söhnchen Nathan (Roger Dale Floyd) ein anständiges Zuhause zu geben. 

Der Film wird gut exponiert mit der Schilderung des desolaten Familienverhältnisses; gleichzeitig kündigt sich der Komet Clarke an, der möglicherweise die Erde bedroht. 

Nathan verfolgt das begeistert in den Medien. John soll für die Gartenparty, die Allison für Nachbarn geben will, noch schnell ein paar Dinge im Supermarkt besorgen. Und schon greift die Katastrophe in das Leben der Familie ein. 

John wird von einer App und übers TV aufgefordert, sich mit seiner Familie an einen Sammelpunkt zu begeben, da er zu einer kleinen Auswahl von Menschen gehört, von denen der Staat sich was verspricht, wenn sie die Katastrophe überleben. Sie sollen an einen sicheren Ort in Grönland geflogen werden, um die Katastrophe zu überleben. 

Wie im Lehrbuch für Katastrophenfilme steigert sich die Katastrophe munter, es folgt der Stau auf dem Weg zum Flughafen, das Gedrängele, die Panik, der Lärm, das Insulin, das der Bub braucht, wurde im Auto vergessen, Trennung, man findet sich wieder, wieder Trennung und und und, Aufregung über Aufregung. 

Der Zuschauer wird förmlich hineingesaugt in die Katastrophe, die ein unvorstellbares Ausmaß annimmt, denn der Komet splittet sich auf in lauter gefährliche Einzelbomben, die riesige Druck- und Staubwellen auslösen. 

Aber die zentrale Familie, die wird davonkommen; sie ist auch exakt katastrophenfilm-konservativ und spezifisch besetzt, Gerhard Butler als ein Männerdarsteller, der in jeder Einstellung transportiert, dass er jetzt gerade versonnen schaut, dass er gefahrenabcheckend schaut, dass er heldisch handelt, dass er Wasser trinkt, dass er „guter Papa“ spielt, untreuer oder reuiger Ehemann oder anfangs auf dem Hochhausrohbau konzentrierter Planstudierer. 

Dem reaktionären Familienbild entsprechend muss seine Frau ein Püppchen sein, deutlich jünger, schönheitsrenoviert im Gesicht und über allzuviele Ausdrucksweisen müssen solche Darsteller nicht verfügen. Die deutsche Routinesynchro ist in so einem Umfeld bestens aufgehoben.

Die Katastrophen sind so enorm – mit Idylle in Lexington bei Allisons Papa dazwischen – dass man beim Verlassen des Kinos denkt: da lob ich mir doch meine Corona (ob die auch Ehen kitten kann?). 

Der Zyniker wäre versucht zu raisonnieren: gibt es größere Katastrophen als die Ehe?