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Kommentar zu den Reviews vom 2. Februar 2023

Vielschichtige Menschheitsthemen kämpfen im Kino um (verdiente) Beachtung, aber auch das kommerzielle Katastrophenabenteuer oder das Biopic als Broterwerb bis zum schulischen Erlernen des Filmhandwerks oder dessen autobiographischer Anwendung. In Südkorea vernebelt womöglich eine Frau einem Kommissar das Hirn – und das Augenlicht. Auf einer Insel untersuchen zwei Brüder, was es mit der Liebe und der Identität auf sich hat. Ebenfalls in Deutschland wird anhand von Prozessen eine Wandlung des Täterbegriffes bei staatlich organisierten Morden beschrieben. Und um aktuelle Verfolgung von Folter in Syrien geht es in einem internationalen Beitrag. In Israel ist ein Schwuler ein aufmerksamer Nachbar. Eine deutsche Regisseurin versammelt drei starke Frauen auf einem Einödhof. In Amerika tritt ein Star in die Fußstapfen eines skurrilen Skandinaviers. Ein Film zeigt uns, was man an einer deutschen Filmschule so alles lernt. Die Amis wollen mit gut gemachter Katastrophen- und Abenteuer-Action Geld verdienen. Auf einer Mittelmeeryacht ergeht sich eine Filmautorin in philosophischen Träumereien. Ein deutscher Filmemacher verdient seine Brötchen mittels Poträtierung eines als Maler überaus erfolgreichen Altersgenossen. Ein deutsches Pärchen berichtet mittels Videotagebuch, wie es seinem Kind ein gutes Aufwachsen auf einer Finca ermöglichen möchte. Auf DVD heischt eine öffentlich-rechtliche Mini-Fernsehserie mit historischem Anspruch und viel austauschbarem Text um Aufmerksamkeit.

Kino

DIE FRAU IM NEBEL
Psychokatastrophe in Südkorea

AUS MEINER HAUT
Die Frage nach körperlicher Identität und Austauschbarkeit

FRITZ BAUERS ERBE – GERECHTIGKEIT VERJÄHRT NICHT
Wie sich der Begriff des Mordes im Laufe der Naziaufarbeitung vor Gericht wandelte.

THE LOST SOULS OF SYRIA
Folterknechte und ihre Auftraggeber sollten sich heutzutage nicht mehr so sicher fühlen.

CONCERNED CITIZEN
Aufmerksamer Nachbar in Tel Aviv

WANN KOMMST DU MEINE WUNDEN KÜSSEN
Schicksalsmacht über drei Frauen im Hochschwarzwald

EIN MANN NAMENS OTTO
Amerikanische (Weltstar)Variante eines skandinavischen Hagestolzes

BULLDOG
Was lernt man auf der internationalen Filmschule Köln?

PLANE
Der Bruchpilot, dem Hollywood vertraut.

HUMAN FLOWERS OF FLESH
Meditative Mittelmeer-Yacht-Trip-Schwärmerei

DANIEL RICHTER
Promi-Doku zum Bestreiten des Lebensunterhaltes

STEP BY STEP
Ein Kind in die Welt gesetzt und dann für dieses eine Farm gebaut.

DVD
BONN – ALTE FREUNDE, NEUE FEINDE
Historische Ungenauigkeiten in TV-Fülltexte eingebettet

The Lost Souls of Syria

Warum Folter?

Folter ist nach wie vor eines der gängigsten wie untauglichsten Mittel des Machterhalts verbrecherischer Regimes.

Von Folter durch russische Soldaten in der Ukraine wird berichtet, übelst beleumdet ist das verbrecherische Regime von Baschar al-Assad in Syrien und ebenso übel beleumdet war bereits sein Vater oder aktuell in Iran als Mittel, die Kritiker zum Schweigen zu bringen. Folter ist geächtet.

Doch die Folter in Assads Syrien ist besonders gut dokumentiert durch einen Mann mit dem Pseudonym Caesar, der einst im Auftrag des Regimes die Folteropfer fotographisch dokumentierte. Über 27′ 000 Fotos solcher Opfer konnte er außer Landes schmuggeln und auch ihm selbst gelang erfolgreich die Flucht.

Um diese Fotos von Caesar herum bauen Stéphane Malterre und Garance Le Caisne ihren engagierten Dokumentarfilm auf. Denn diese Fotos sind für Gerichtsprozesse von unschätzbarem Wert.

Caesar taucht im Film mit Maske unkenntlich gemacht auf, erzählt von seinem Job als Fotograph in Damaskus, auch vor der blutig niedergeschlagenen Revolution von 2011.

Der Film macht Halt an verschiedenen Orten Europas und auch in New York bei der UN, bei der vorerst eine Resolution gegen Syrien im Sicherheitsrat an den Vetos von Russland und China scheitert, zwei Staaten, die sich selber nicht in die Karten schauen lassen wollen, wenn es um Unterdrückung von Minderheiten geht oder gar die Eroberung eines benachbarten Landes.

Der Film porträtiert verschiedene syrische Aktivisten, die einen Bezug zu Gefolterten und Vermissten in Syrien haben und die versuchen, dagegen juristisch vorzugehen. In Frankreich ist es ein Mann, der seinen Bruder und dessen Sohn in Syrien sucht. Da beide die doppelte Staatsangehörigkeit besitzen, kann auch vor einem französischen Gericht Anklage gegen namentlich bekannte Foltergesellen erhoben werden.

Später streift der Film die bereits abgschlossenen Verfahren in Koblenz, die zur Verurteilung von kleinen Rädchen in Assads Mordmaschinerie geführt haben.

Der Film zeigt auch, trotz enormer Lücken in der juristischen Verfolgung von Folter, Folterer sollten sich weltweit nicht mehr allzu sicher fühlen, denn überall werden Dokumente über Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesammelt (für Syrien von der CIJA); jetzt auch in der Ukraine. Allerdings hinkt die Entwicklung der internationalen Strafjustiz weit hinter der Entwicklung von Folterregimes zurück. Doch, das zeigt der Film auch, die Dinge sind in Bewegung.

Wann kommst Du meine Wunden küssen

Drei Schwestern,

nein, nicht die Komödie von Anton Tschechow, ein Drama um drei starke Frauen in einem Einödhof im Schwarzwald gelegen, in der Nähe einer zum Suizid verführenden Staumauer.

Da ist es passiert. Das, was die drei Frauen verbindet, was ihre Wunde ist wohl von sehr früh an. Das ist, was es schwierig macht zwischen ihnen und sie doch gleichzeitig verbindet. Wirtschaftlich verbindet sie der Hof, den sie je zu einem Drittel geerbt haben.

Laura (Gina Henkel), der der Erfolg als Schauspielerin ausgeblieben ist, bewirtschaftet den Hof mit Ziegen; ihr Freund Jan (Alexander Fehling) hat sich in einem Austragshäuschen sein Tonstudio eingerichtet. Er ist praktisch veranlagt, nutzt die Naturnähe, um Töne von Erde, Stein, Holz einzufangen.

So richtig professionell und wirtschaftlich erfolgreich ist die Landwirtschaft nicht zu bezeichnen. Das signalisiert Regisseurin und Drehbuchautorin Hanna Doose unter redaktioneller Betreuung von Stefanie Groß und unter dramaturgischer Beratung von Sarah Schill und Julia Willmann mit einer Ziegenmelkszene: grad viel Milch ist nicht rauzuholen, da machen die irgendwas falsch, zu allem Unglück ist der landwirtschaftlich wenig interessierte DJ-Freund noch ungeschickt genug, die Milch in ein Gefäß zu schütten, dessen unterer Ausguss offen ist, so dass die kostbare Flüssigkeit auf den Boden fließt. Mehr Szenen von dieser Art braucht die Regisseurin nicht, um zu erzählen, wie es um den Hof wirtschaftlich bestellt ist.

Die zweite Schwester Kathi (Katarina Schröter) ist zu den beiden gestoßen, da sie todkrank ist. Sie pflegt indianische Rituale, die sie in Lateinamerika kennengelernt hat, sie malt sich das Gesicht schwarz an oder wandert mit einer Ziege am Strick durch die steile Gegend.

In diese eh schon schwierige Situation hinein, denn auch die Liebe zwischen Laura und Jan ist nicht gerade hochaktiv, Laura ist heimlich mit dem verheirateten Michael (Godehard Giese) aus dem Dorf zugange, in diese desolate, freudlose Situation hinein braust mit ihrem Motorrad von Berlin herkommend Maria, Viedokünstlerin, abgebrannt und Koks konsumierend. Sie war offenbar früher mit dem coolen Jan verbandelt.

In den Begegnungen der hier auf engem Raum zusammengezwungenen Figuren wird Vergangenheit erinnert, Verletzungen, Rivalitäten brechen auf, ein Drama mit starken Frauen in herber Natur und auf einem sehr alten Bauernhof.

Maria möchte mit einer Videoarbeit dem Geheimnis, vielleicht dem furchtbaren Geheimnis, ihrer Mutter auf die Spur kommen. Das Projekt verliert sich aus dem Film. Zwischendrin erinnert der Gehilfe auf dem Hof, Max (Jonas Smulders), an die Sorglosigkeit von Jugend, Kraft und Optimismus. Das lässt das Drama härter erscheinen. Ein Film, der auf der Seite der Wucht von Schicksal steht, diese weder verniedlicht noch für besiegbar hält.

Step by Step

Privatfilm

Dies ist ein sehr persönlicher, faktisch privater Film von einem Mann und einer Frau, die mit Hund Rudi in Berlin zusammenleben. Er, Felix Starck (Drehbuch zu: Es ist zu Deinem Besten), hat ein wenig Geld, weil er schon erfolgreich Filme produziert hat, zum Beispiel Expedition Happiness.

Wie seine Partnerin Valentina Blaumann, die hier für das Drehbuch zeichnet, feststellt, dass sie schwanger ist, überlegen sich die beiden, was für ein Leben, was für ein Nest sie ihrem Nachwuchs bereiten sollen; es wird ein Büblein, ein Oskar werden.

Stadt finden sie nicht so gut, Hund Rudi übrigens auch nicht, weil er jeden der 3 Millionen Berliner für einen Fremden hält. Nach einem Brainstorming entschließt sich das Paar ohne allzuviel Zeit ins Nachdenken investieren zu können, eine Farm auf Mallorca zu mieten und dort Agrikultur zu betreiben, nicht nur mit dem Ziel der Selbstversorgung, sondern auch mit dem Ziel, Gemüse verkaufen zu können.

Aller Anfang ist hart, wie der steinige Boden auch. Ähnlich ist es vor Jahren einem Paar aus Kalifornien ergangen. In Unsere große kleine Farm war der Hund der Entscheidungsfaktor, wird über mehrere Jahre erzählt, wie die beiden aus betonhartem Boden einen Garten Eden der Vielfalt und der Nachhaltigkeit schaffen. Von da her weiß man, wie lange so etwas dauert.

Auf Mallorca geht es schneller, da gedeiht schon nach einer Saison – bei Verlusten – einiges. Es gibt ja google, agrar yourself. Es kommt das Pech dazwischen, dass die Finca verkauft wird und das junge Paar ausziehen muss. Sie nehmen diese erste Saison als Lehrgeld.

Beim zweiten Mal muss alles größer und professioneller werden. Valentina träumt schon vom eigenen Restaurant mit eigenem Gemüse.

Heute in Zeiten von Inflation und Energiepreisrekorden, Krieg in der Ukraine sind Selbstversorger die lachenden Dritten. Das ist der eine Erzählstrang.

Der zweite handelt vom Hund und der dritte vom Kind und damit von der immer zahlreicher anreisenden Verwandtschaft aus Deutschland wie aus Venezuela. Das hat direkt etwas Groteskes, wie die werdende Großelterngeneration die Geburt schier nicht erwarten kann; fast wie die Geier stürzen sie sich auf den Nachwuchs.

Der Film ist nicht frei von Pathos, so wie er die Intuition des Handelns seiner Protagonisten beschwört oder den Tod des Hundes betrauert oder mitteilt, dass sie glauben, vielleicht ein klein wenig zu einer besseren Welt beizutragen. Andererseits wiegt das nicht schwer; der Film ist really elegant und schnell geschnitten.

Plane

Vertraut Gerard Butler,

er wird Euch sicher durch jede noch so erschütternde, jede noch so lebensgefährliche Situation, sei es mit lädiertem Flugzeug im Sturm oder mit einer Guerilla-Armee auf einer ostasiatischen Dschungelinsel bringen.

Gerad Butler ist der Mann, dem man vertrauen kann. Er ist der Katastrophenpilot, dem Hollywood vertraut. Und trotzdem ist man nach den dichten 1 ¾ Stunden des Filmes von Jean-Francois Richet nach dem Drehbuch von Charles Cumming und J. P. Davis froh, wieder sicheren Boden unter den Füßen zu haben.

Wobei die Konstruktion der Story teils recht freihändig erfunden wirkt. Butler als der Pilot bügelt das spielend – und dann noch schwer verletzt! – aus in diesem Film, der als Katastrophenfilm mit Dschungelnotlandung anfängt und dann zum Dschungel-Überlebensfilm wird gegen unerwartete Gegner.

Flugkapitän Brodie Torrance (Gerard Butler) erreicht verspätet den Neujahrsflug von der Trail Blazer Airline, der von Singapur aus nach Osten startet. Einen ihm unbekannten Copiloten findet er im Cockpit, es ist Dele (Yoson An); das ist eine kleine Irritation.

Es sind nur 14 Passagiere gelistet in dem Flugzeug mit über 100 Plätzen. Da stößt ein Abschiebehäftling mit Polizeibegleitung dazu, der verurteilte Mörder Louis Gaspare (Mike Colter) ist mit Handschellen an den Begleiter gefesselt. Solche Mitreisenden verursachen keine gute Gefühle.

Jean-Francois Richet erzählt die Geschichte nach dem Drehbuch von Charles Cumming und J. P. Davis in flüssiger und überzeugender Manier, kleine Details bei der Sicherheitskontrolle oder beim Rollout erzeugen Glaubwürdigkeit. Hier wird das Genre nicht neu erfunden, aber pfleglichst behandelt und rübergebracht, wodurch die Story-Kapriolen (= Unwahrscheinlichkeiten) so wenig ins Gewicht fallen wie die deutsche Zubesetzung Lilly Krug, die behauptet, Amerikanerin zu sein – wenns denn der Karriere hilft.

Human Flowers of Flesh

Mediterraner Yacht-Törn zur Erkenntnis

Man unterhält sich über Korallenbildung und Camus. Man küsst sich oder streift bedeutungsvoll mit zwei Fingern dem Gegenüber über die Stirn. Man liegt siestamäßig in der Sonne, man tafelt auf einem Schiff. Man unterhält sich über den Mistral. Man frönt bildlich und sommerlich dem Existenzialismus. Man spaziert entlang dem Stacheldrahtverhau einer Fremdenlegionskaserne oder betrachtet Grabsteine von Fremdenlegionären. Einer ist im Koreakrieg umgekommen, 1952. Man spielt Brettspiel. Man schaut Fallschirmspringern zu. Man schreibt (Tagebuch oder Briefe) oder liest sich Literatur vor. Man repariert den Schiffsmotor. Man tanzt trancehaft. Ein Mann und eine Frau stehen versonnen vor einem Feigenbaum sich gegenüber und probieren die Frucht. Das Leben besteht aus Details.

Literaturzitate aus:
GOURRAMA von Friedrich Glauser
THE SAILOR FROM GIBRALTAR von Marguerite Duras
Gedicht von IVANA MILOS

Symbolismen der deutlichen Art: Meeresgischt, Feigenbaum, Korallengeschenk, elektrischer Poolbodensauger, auf der Wasseroberfläche spiegelt sich die Natur, Gitterzaun, Schattzenboxen im wortwörtlichen Sinne, Schnecke fühlert Melonenschnitze.

Erd-, Gesteins-, Wasser-, Pflanzenoberflächen, ein überwachsenes Flugzeuwrack am Meeresboden, die Protagonistin, die im Meer schwimmt, das Schiffsinterieur, in dem durch die Wellenbewegungen Lichteffekte erzeugt werden, faszinieren die Kamera, lassen sie auf den Mustern ihrer Objekte ruhen oder wohlig auf einem sinnierenden Männerkopf.

Meditativ philosophisch literarischer Film von Helena Wittmann und dramaturgischer Mitarbeit von Birgit Glombitza, ja der Film ist auch glatt eine gehobenere Mittelmeerschwärmerei, die zwar das aktuelle Flüchtlingsproblem im Mare Nostrum aus-, dafür die Fremdenlegion einblendet. Eine Mittelmeerschwärmerei mit hübschen kameraexperimentellen Einschüben und Variationen.

Die Frau ist das Auge des Filmes, seine Perzeption, seine Weltempfindung,

„Man“, das ist eine Frau und vier Männer.
In einem Boot vor Marseille lebt eine Frau mit vier Männern. Freiheit.

Gesang der Fremdenlegionäre.

Fritz Bauers Erbe – Gerechtigkeit verjährt nicht

Gerechtigkeit mit Verspätung

Es hat über 70 Jahre gedauert, bis in Deutschland endlich ein kleines Rädchen der NS-Vernichtungsmaschinerie im Methusalem-Alter von über 90 Jahren und an den Rollstuhl gefesselt von einem Gericht rechtsgültig als schuldig befunden und zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde – allerdings auf Bewährung; das sei wohl der Deal gewesen, damit der zur Tatzeit 20-jährige KZ-Wachtmann das Urteil annehme.

Warum das so lang gedauert hat und wie es dann doch noch dazu kam, schildert diese Dokumentation von Sabine Lamby, Cornelia Partmann und Isabel Gathof unter dramaturgischer Betreuung und Co-Regie von Jens Schanze in der Art einer erstklassigen Fernsehproduktion, die für den Schulunterricht bestimmt auch fürs Kino geeignet ist.

Ein Stück deutscher Rechtsgeschichte im Kurzabriss. Bis heute gelten für Mord in der Bundesrepublik Gesetze, die auf die Bismarck-Zeit zurückgehen und die die NS-Zeit unbeschadet überstanden haben. Für ein Verurteilung für Mord muss die direkte Begteiligung nachgewiesen werden.

Die Nürnberger Prozesse haben zügig nach dem Krieg führende Köpfe der NS-Mordmaschinerie verurteilt. Dann wandte sich die junge Bundesrepublik dem Wirtschaftswunder zu.

Erst die Auschwitz-Prozesse in den frühen 60ern, deren maßgeblicher Initiator Fritz Bauer, Der Staat gegen Fritz Bauer oder fiktional Im Labyrinth des Schweigens war, rückten andere Kader und Rädchen des industriellen Vernichtungsbetriebes in den Fokus der Justiz. Es gab sogar ein Urteil, bei dem die Tatbeteiligung nicht unmittelbar nachgewiesen wurde; ein Urteil, das der Bundesgerichtshof kassierte. Eine Vermutung, warum dem so gewesen sei, fließt in den Film ein: dass bei der erweiterten Rechtssprechung zu diesem Zeitpunkt noch Tausende und Abertausende Prozesse gegen noch Lebende Rädchen des instutionalisierten Mordindustrie hätten zur Rechenschaft gezogen und verurteilt werden müssen.

Stories to be told
Entscheidend für dieses Rechtsgeschichte schreibende Urteil seien auch Zeugenaussagen gewesen; der Film berichtet ausführlich über zwei Überlebende, eine aus den USA, eine aus Israel. Das ist ein weiteres Argument: dass deren Geschichten und diejenigen von vielen anderen Überlebenden immer wieder erzählt werden müssen, damit dieser Horror nicht vergessen werde.

Zur Erträglichmachung des doch teils Schwerverdaulichen haben die Filmemacher eine eher locker-jazzige Musik auf die Soundspur gelegt, nicht aufdringlich, aber doch hoffnungsvoll swingig.

Warum solche Filme? Nebst dem Impetus gegen das Vergessen können sie als präventiv angesehen werden im Sinne der Aufforderung zur Zivilcourage: die Aufforderung an jeden Einzelnen, sich dagegen zu wehren, Rädchen in einer mörderischen Maschinerie, einer Diktatur zu werden; den urdemokratischen Impetus, der beim Menschen ein natürliches Rechtsgefühl voraussetzt, dieses fördern will und damit dem zivilen Ungehorsam in entsprechenden Situationen einen roten Teppich auslegt; aber auch Whistleblower ermutigt und einen Hinweis an die heute Mächtigen gibt, Whistleblower mit dem entsprechenden Schutz zu versehen: das gilt auch für die Bundesrepublik, die nicht gerade als Vorreiterin für die Aufnahme von Whitstleblowern gilt, die in anderen Ländern Verbrechen aufgedeckt haben, frei interpretiert.

Damit alle künftig wissen: Teil einer Mordmaschinerie zu sein, ist ausreichend für eine Anklage. DennMordmaschinerien sind nur möglich, dank ihrer zahllosen Rädchen.

Ein Mann namens Otto

Die Differenz zu Skandinavien

Dieser Film von James-Bond-Regisseur Marc Forster nach dem Drehbuch von David Magee nach dem Roman von Frederik Backman ist ein amerikanisches Remake des Filmes Ein Mann namens Ove von 2016.

Es konkurriert Tom Hanks in der Hauptrolle des Otto mit dem skandinavischen Vorbild Rolf Lassgard; eine Herausforderung. Hanks ist kein Skandinavier und der eklatanteste Unterschied in der Rollendarstellung ist die Sorgenfalte über der Stirn, die dem Amerikaner mehr Strenge verleiht, auch mehr Boshaftigkeit.

Ausgerechnet die Szene, die mir im Original am Stärksten in Erinnerung geblieben ist, die mit dem Handeln beim Blumenkauf, haben die Amis weggelassen, resp. sie reduziert auf den Blick auf ein Inserat, das eine Preisreduktion beim Kauf von zwei Sträußen anpreist. Vielleicht war die Original-Szene so eindrücklich, weil es sich um Blumen handelte, die Ove auf das Grab seiner Frau legen wollte, was einen merkwürdig schwarzhumorigen Charme entwickelt.

Bei den Amis ist es ernster. Auch hier fängt der Film mit einem Verkaufsgespräch an: im Supermarkt „Fleissige Biber“. Otto kauft sich ein Stück Seil. Hier ist der Zusammenhang nicht seine Trauer über den Tod seiner Frau, hier soll der Strick seinem geplanten Selbstmord dienen; auch da will er sparen. Ein fast grotesker Unterschied, ein elementarer Unterschied. Denn es ist schon etwas anderes, ob ich innerhalb einer Trauer und des Gedenkens einer Toten mir überlege, ob das so und so viel Geld für Blumen wert ist, oder ob ich meinen eigenen Exitus plane und dafür noch Geld sparen will; das macht erstaunlich wenig Sinn und lässt Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Selbstmordidee aufkommen.

Allerdings ist in dem Moment seine scheinheilige Verabschiedung aus der Firma noch gar nicht passiert. Das Selbstmordthema wird in der deutschen Untertitelung am Schluss nochmal mit dem Hinweis auf Hilfe, die man sich holen könne, verdeutlicht.

Was die amerikanische Version so nicht leisten kann, wie das Vorbild, das ist die Erkärung des Charakters des Protagonisten. Das ist im skandinavischen Original eine Erhellung, wie Schale um Schale dieser Charakter enthüllt wird. Bei Marc Forster funktioniert das nicht annähernd, obwohl der junge Otto vom Sohn von Tom Hanks, Truman Hanks, gespielt wird – oder vielleicht deswegen?

Die eklatanten Defizite gegenüber dem skandinavischen Original kompensiert der amerikanische Nachahmer im Laufe des Filmes dadurch, dass er die Geschichte zu einer richtig schönen, amerikanischen Kinogeschichte aufmotzt mit Einbezug der Social Media und auch des Transgender-Themas mit der wunderbaren Figur des Macolms und der vor lauter Höhepunkten und Abrundungen kaum mehr zum Ende findet.

Die Frau im Nebel

Wirklich die Frau im Nebel?

Oder geht es um anderes, vielleicht viel mehr um einen Mann im Nebel, um Jang Hae-joon (Park Hae-il), einen zivilen Kriminalbeamten?

Dieser sieht anfangs verdammt gut, hübsch, jung, unverbraucht aus, ein unbeschriebenes Blatt. Aber der Nebel, oder die Frau dahinter, wird das gründlich ändern, in diesem Film von Park Chan-wook (Die Taschendiebin), der mit Jeong Seo-Kyeon auch das Drehbuch geschrieben hat über den Wahnsinn der Liebe, die dem Mann den Schlaf raubt und ihn abstürzen lässt.

Ein Film, der fasziniert ist von Bildern, die sich im Kopf eines Mannes auftürmen allein durch eine erst mal rein berufliche Befassung mit einer Frau. Diese Frau, das ist Song Seo-rae (Tang Wei). Ein Mann stürzt von einem Felsen und liegt tot am Boden. Da nicht klar ist, ob es sich um Selbst- oder Fremdverschulden handelt, ermittelt die Kriminalpolizei.

Dass Park Chan-wook nicht nur den psychogrübelnden Film machen will, zeigt er in der amüsanten Rechercheszene am Felsen. Slapstickhaft sind Jang Hae-joon und sein Kollege aneinander geschnürt und ziehen sich mit Hilfe eines mitgeführten Motors am Seil hoch.

Die Frau gerät in den Fokus der Ermittlungen, denn beim Toten sind unter den Fingernägeln Hautproben eines anderen Menschen gefunden worden, sie stammen von der Frau des Verstorbenen. Ihr Bild wird im Kopf von Soo Wan immer mehr Platz einnehmen, je mehr er sie observieren muss – oder will.

Ein entscheidendes Mittel bei der Verführung des Zuschauers in die Welt von Jang Hae-joon hinein spielen Handys, Text- und Bildnachrichten; die fächern schwierige Beziehungen auf, stellen sie auch wieder in Frage.

Einen Hinweis auf die Interpretation des Titels als Nebel im Kopf des Mannes gibt die Eigenschaft von Jang Hae-joon, dass er immer wieder, und das zeigt der Film mehr als deutlich, Augentropfen in die Augen träufeln muss. Er dürfte also definitiv ein Wahrnehmungsproblem haben.

Meisterhaft flicht Park Chan-wook die verschiedenen Zeit- und Wahrnehmungsebenen ineinander und auch das Schildkrötenmotiv, wie immer man es interpretieren mag, findet noch Platz.

Ein würdiger kinematographischer Enkel von Kim-Ki Young, der hatte einen Film gemacht: Frau in Flammen.

Daniel Richter

Der Protagonist dieser Doku von Pepe Danquart (Vor mir der Süden) , der Maler Daniel Richter (der grade mal 7 Jahre jünger als der Dokumentarist und augenscheinlich deutlich erfolgreicher in seinem Metier ist), scheint ein cleverer Selbstvermarkter zu sein. So suggeriert es die Bemerkung einer Verlegerin oder Autorin (der Film verzichtet bei den Talking Heads auf jegliche Text-Information), er habe sie angerufen und hätte die Idee gehabt, einen Bildband herauszugeben. Und so hat er es möglicherweise auch mit diesem Film gehandhabt. Der mit höchster Wahrscheinlichkeit hinter der Kamera anwesende Regisseur widerspricht auf jeden Fall nicht. Der Film erweckt nicht gerade den Eindruck eines Herz-Blut-Projektes.

Richter ist ungleich Richter.
Es gibt einen weltberühmten Maler mit dem Namen Richter: Gerhard. Kein Mensch versteht, warum er der teuerste alle lebenden Maler der Welt sein soll. Auch über ihn gibt es eine Doku Gerhard Richter Painting. Der Film erwies sich als ein Überraschungserfolg im Kino. Hier treffen zwei Welten aufeinander. Einerseits der abgeklärte Meister, der arbeitet wie eine Maschine und ihm gegenüber eine junge Frau, die mit ihrem naiven Zugang und mit gelegentlicher Insistenz der Nachfrage den Meister auch mal nervös macht. Corinna Belz hatte eine spannende Geschichte aus ihrer neugierigen Begegnung mit dem Maler gemacht und man hat etwas über seine Geschichte erfahren. Es passiert etwas in dem Film über Gerhard Richter.

Beim Richter Daniel passiert nichts dergleichen. Es entsteht der Eindruck, hinter der Kamera sei ein frustrierter Regisseur, der zum Bestreiten seines Lebensunterhaltes einen begabten Sprachprotz von Selbstdarsteller, einen Maler, porträtieren muss, der unendlich viel über seine Kunst labern kann, über den man aber nichts erfährt, einer der seine einträgliche Position auf dem internationalen Kunstmarkt gefunden hat und diese willig bedient.

Gleich zweimal schneidet Pepe Danquart Szenen aus einer Kunstauktion rein, einmal geht ein Bild für über 300 Tausend Euro weg, einmal kommt es in die Nähe einer Million. Überhaupt leidet der Film an Wiederholungen. Immer wieder der Maler, dem beim Malen seine zwei Vögel auf die Schultern fliegen oder auf der Hand rumstolzieren und an seinen Malhandschuhen picken.

Wiederholungen: gleich zweimal muss das Aufstellen einer Ausstellung gezeigt werden, um die Bedeutung des Malers hervorzuheben, in New York und in Paris. Dass Richter mit seinem wachen politischen Bewusstsein und seiner Kühnheit, an Grenzen zu gehen, ein bemerkenswerter Künstler ist, braucht nicht zur Diskussion gestellt werden.

Die Dokumentation selbst jedoch ist eine ziemlich abgestandene Mischung aus Talking Heads, Selbtdarstellung des Künstlers, er bei der Arbeit, Dinge, die seine Wichtigkeit begründen und dann noch überflüssiger Beifang aus Städten wie Paris, New York, Hamburg, München. Und auch für eine Münchner Galerie wird namentlich Werbung gemacht.