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Kommentar zu den Reviews vom 11. Juni 2026

Das Kino, es sprengt Grenzen, Dimensionen, es durcheilt Zeiten, Zeitalter, Kontinente, den Weltraum, es dreht an unserer Sicht auf die Dinge, es verschärft sie oder es verschwiemelt sie, so dass in ihnen anderes zu sehen ist; es ist ein Wunderding, das Kino, immer aufs Neue. Es guckt sich deutschen (Liebes)alltag an wie mit einem Insektenauge. Es entwirft mit zeichnerischer Leichtigkeit ein Bild des Menschen als einer betrachtenden und denkenden Kreatur. Es durchschaut wie mit Röntgenstrahlen, wie Machtmechanismen wirken. Es möchte sich mit einer kriminellen Staatsgewalt auseinandersetzen und schlittert dann doch ins Märchenerzählen. Es schleicht sich in eine aus vorgeblich religiösen Gründen immer noch sehr abgeschirmte Welt der Frauen. Es unterhält sich in einer Gartenlaube an der Ostsee mit einem unverbesserlichen Idealisten, dem der Idealismus selber zeitweilig über den Kopf gewachsen ist. Es mischt sich in eine vergnügliche Monster-Zombie-Zoo-Welt. Es kann sich auch sehr angepasst und seriös geben und sich um eine ernsthafte Kulturinstitution bemühen. Oder es widmet sich vorsokratisch einem Element als solchem. Auf DVD untersucht es ein menschliches Urverhältnis.

Kino
MEINE FRAU WEINT
Lyrisch-poetischer Blick auf das Paarwesen

DIE KLEINE AMÉLIE ODER DER CHARAKTER DES REGENS
Von einem Mädchen, das als erstes Wort Staubsauger sagt und sich wundert, dass hierbei etwas durch nichts ersetzt wird.

MANIPULATION
Der Machtmechanismus unterm Mäntelchen des Geheimbundes als Instrument für Korruption, Missbrauch und Vertuschung von Mord offengelegt

DISCLOSURE – DER TAG DER WAHRHEIT
Ein verdrießlicher Spielberg findet doch noch noch zu seiner Märchenwelt.

AZZA
Selbstbewusste Fahrlehrerin aus Saudi Arabien

KOMMUNIST
Das ist er heute noch, nach über 30 Jahren im Westkapitalismus

ZOMBIES IM ZOO
Nicht nur, dass sie unterhaltsam animiert sind, die kennen sich sogar in Dramaturgie aus!

ENSEMBLE MODERN – WHY WE PLAY
Innovativ, kreativ sein, neue Wege gehen und Grenzen erforschen und dabei doch ein Geschäft machen

FLUSS
Das Allgemeine eines Fließgewässers anhand der Elbe unter Auslassung des Elbcharakters

DVD
FÜR IMMER EIN TEIL VON DIR
Auch wenn der Erzeuger weg ist, so hat er doch was hinterlassen.

Disclosure – Der Tag der Wahrheit

Das Märchen von der Wahrheit

Steven Spielberg ist ein begabter Geschichten- und Märchenerzähler und hat mit diesem Talent gigantische Hollywooderfolge erzielt. Er ist jedoch nicht bekannt als radikal Wahrheitssuchender; der Satz von den 24 mal die Wahrheit pro Sekunde, das sei Kino, der stammt nicht von ihm.

Deshalb verdutzt es einen, wenn in einem Film von Steven Spielberg der Begriff der Wahrheit im Titel vorkommt. Allerdings ist dies nur im Deutschen der Fall; für die Filmschauer im Land der Dichter, Philosophen und Denker.

Der Originaltitel lautet: Disclosure Day, Tag der Enthüllung. Dabei handelt es sich um eine gewaltige, explosive Wahrheit, eine Wahrheit, die seit Jahrzehnten von einer Organisation namens WARDEX streng gehütet wird, ein Staatsgeheimnis sondergleichen; ein monströses Geheimnis, das aber wieder ganz nah am Spielberg dran ist. Der mächtige Wächter über diesem Geheimnis ist Noah Scanlon (Colin Firth).

Aber gibt es einen Whistleblower, Dr. Daniel Kellner (Josh O‘ Connor). Der ist drauf und dran das Datenkonvolut zu veröffentlichen. So weit eine Whistleblower-Geschichte, wie es reale Vorbilder gibt, Assange oder die Panama-Papers. Dem Kinogänger ist das ein vertrautes Thema.

Der Film stammt jedoch von Steven Spielberg, der mit David Koepp auch das Drehbuch geschrieben hat. Auch bei ihm gibt es erst mal – und das ziemlich lange und ausführlich – die üblichen Whistleblower-Thriller-Elemente von Überwachung und Geheimdienst, vom Mitarbeiter, der findet, die Informationen gehören an die Öffentlichkeit und der sich deshalb Kopien runterlädt und sich damit auf und davon macht; er weiß, wie total die Überwachung ist; ihm sind bald die üblichen gangsterhaften Geheimdienste in ihren schwarzen Kampfklamotten und den schwarzen, bulligen Autos auf den Fersen. Alles wie überall im Genre.

Da fällt dem Regisseur nichts Neues ein. Er filmt das sehr ordentlich mit Spitzengewerken und mit Spitzenschauspielern, die auch perfekt agieren. Aber Spielberg ist kein Action- und auch kein Politregisseur, ihn juckt dann doch zu sehr das Märchen, das Märchenhafte, und wenn es nur darum geht, ein Märchen darüber zu erzählen, wie die Wahrheit gerettet wird.

Zu diesem Behufe bringt der Regisseur das Wettergirlie eines Lokalsenders in Kansas City, Margaret (Emily Blunt), ins Spiel. Routiniert wird ihre Beziehung zum gradlinigen Jack (Wyatt Russell) geschildert. Sie muss ins Studio zur Lifesendung. Sie sitzt noch am Frühstückstisch mit ihrem Freund. Plötzlich sagt sie einen Text auf Russisch. Das irritiert nicht nur Jackson, sondern auch das Publikum, und weil es nicht übersetzt wird, dürfte allen Beteiligten klar sein, dass das nicht zu ihr passt, dass das nicht sein kann.

Margaret ist knapp dran mit der Zeit. Sie fährt rasant. Ein Polizist hält sie an. Er will sie ausführlich kontrollieren. Sie ist in Eile. Sie schaut dem Polizisten in die Augen. Erzählt ihm lauter Dinge über ihn, die nur er und allenfalls seine Familie kennen können.

Das bedeutet: Spielberg führt das Psi-Element, das Wunderlement, in den Whistleblowerfilm ein. Und es wird noch bunter. Wärend ihrer Wetter-Ansage kommt Margaret ins Stottern. Spricht unverständliches Zeugs. Ja herrgottnochmal, ist denn Pfingsten angesagt, reden wir jetzt mit Zungen?

Dieser Ausrutscher schlägt bei WARDEX ein wie ein Blitz und auch beim Oberwhistleblower Hugo (Colman Doming), der aus dem Hintergrund Kellners Aktivität betreut, steuert und leitet. Jetzt ist klar, dass Kellner mit Geheimmaterial unterwegs ist und es in Bälde geleakt werden dürfte. Startschuss für das Hit- and Runspiel inclusive Safe-House mit hineingezogener Freundin Jane (Eve Hewson) des Leakers. Dank ihr darf das Kino auf den Klosterfundus Hollywoods zurückgreifen.

Verfeinert wird das Märchenelement mit weiterer Magie, mit einer Art Keil, den Margaret oder Noah fest in die Hand drücken müssen, um auf dem Wege telepatischen Beamens anderen Menschen zu begegnen, um sie zur Informationsbeschaffung zu benutzen.

Der Eindruck ensteht, dass Spielberg, je länger der zweieinhalbstündige Film fortschreitet, desto mehr Verdruss empfand am drögen Stoff von Politik, Staatsgeheimnis und Whistleblowerei und diesem umso trotziger märchenhafte und Fantasyelemente entgegensetzte; sich so vielleicht vormachte, sich treu geblieben zu sein beim Seitensprung in die Niederungen der Politik.

Es hat etwas Anrührend-Linkisches, wenn Leute, die abgehoben in der Hollywood-Luxus-Blase leben, sich einzumischen versuchen, politische Wachheit beweisen, auf Wunden in der realen Politik hinweisen oder wie hier ein Statement fürs Whistleblowing abgeben wollen; weil es so bemüht ist und nach schlechtem Gewissen aussieht – und gleichzeitig müssen sie diesen Poltergeist im Weißen Haus schlucken.

Fluss

Von der Austauschbarkeit der Elbe
oder vom Fluss an sich?

Der Titel weist nicht auf das Objekt des Interesses dieser Dokumentation hin, er weist auf das Sein eines Flusses als eines solchen hin, also auf das Wesen, insofern ausdrücklich auf die Austauschbarkeit oder Allgemeingültigkeit. Nun, man stelle mal in einem konkreten Film die Austauschbarkeit des Gegenstandes seines Interesses dar. …

Die leitende Frage für diese Dokumentation von Timo Großpietsch, redaktionell betreute von Marc Brasse und Christian von Brockhausen vom NDR scheint nicht die gewesen zu sein, wie jene der Filme von Volker Koepp (zuletzt: Chronos – Fluss der Zeit): was für einen Menschenschlag, was für eine Geschichte, was für eine Kultur eine Flusslandschaft hervorbringt. Koepp, der die Landschaft zum Vorwand nimmt, sich für den Menschen zu interessieren.

Hier scheint es genau der umgekehrte Fall zu sein: die Landschaft, die Flusslandschaft, den Fluss als Vorwand genommen, sich nicht für den Menschen zu interessieren, allenfalls für minime Ausschnitte aus Industrien und Mechaniken um einen – austauschbaren – Fluss herum, für diesen beschränkten Sektor einer Industriefotografie.

Das leitende Interesse dieses Filmes, wenn denn überhaupt eines da war, scheint kaum flussspezifisch gewesen zu sein, eher fließwasserspezifisch oder allenfalls flussbautenspezifisch, – ok, alles, was sich mechanisch bewegt, das ist selbstverständlich von Nutzen für die Leinwand, fürs Kino, what moves…, was es da an Dämmen, Mühlen, Kraftwerken, Zementwerken gibt und wie die sich fotografisch, lieber mit keinen als nur mit wenigen Menschen, ins Bild bringen lässt.

Vor allem scheint den Dokumentaristen fasziniert zu haben, zum Fließgewässer eine Tonspur wie eine eigenes Konzert komponieren zu lassen (Musik: Vladyslav Sendecki); das ist gelungen, allerdings eine Musik, die vermutlich nicht das geringste mit dem Sound der Elbe, auch dem kulturellen der Anwohner, zu tun hat.

Flusspezifisch bleiben die Kilometerangaben und Namenshinweise bei den Bildunterschriften zu bestimmten Örtlichkeiten.

Zwischendrin historisches Footage vom Bau eines Dammes oder eines Flusskraftwerkes. Zwischendrin touristisches Footage, auch mal zwei Flussangler. Dann wieder industrielles Footage, Details maschinell-industrieller Vorgänge von Steinbruch- und Steinabbau-, Steinsprengarbeiten, das ermüdet, ist ja doch immer dasselbe, diese maschinellen Bewegungen, die Riesenräder, die sich drehen, und auch die Musik tut sich schwer, nicht in eine Routine zu verfallen.

Der Film wirkt mehr wie ein Videoclip zur Bebilderung eines Konzerts mit moderner Musik.

Aus Dresden gibt’s Hochwasserfootage. Zwischendrin hat der Filmemacher den Narren an Militärtransportern nachts und an Soldaten im Nebel gefressen, die ein Boot in den Fluss lassen. Bau einer Pontonbrücke oder eine Fähre. Ja, ja, das Militär ist heute wieder salonfähig.

Der Regisseur scheint ein Drohnenimmersatt zu sein. Auch das ermüdet, diese ewigen Drohnenflüge über dem Fluss.

Unklar bleibt, wer, außer den grünes-Licht-gebenden Fernsehredakteuren, den Film sehen möchte.
Und dann plötzlich historisches DDR-Footage.

Hier zeigt sich ein nicht allzu reflektierter Begriff von filmischem Dokumentarismus. Interessieren würde einen auch, was der Anteil des im Abspann erwähnten dramaturgischen Beraters Olaf Jacobs ist.

Lasst uns mit Heraklit ergänzen, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann.

Eine Produktion des Norddeutschen Rundfunkes.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Vergessen wir nicht, dieser öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde einst gegründet, damit nie wieder extremistische, die Demokratie gefährdende Entwicklungen passieren würden; jetzt haben wir diesen fetten öffentlich-rechtlich 10-Milliarden Rundfunk und gleichzeitig das Umfragehoch einer Partei, die zumindest in Teilen „als gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft wird.

Ensemble Modern – Why We Play

Nische in der Hochkultur

Innerhalb der Gesellschaft nimmt die musikalische Hochkultur eine Nische ein. Es gibt Angaben, dass nur zwischen drei und maximal zwölf Prozent der Bevölkerung regelmäßig Symphoniekonzerte besuchen, das glaubt jedenfalls die KI zu wissen.

Innerhalb dieser elitären Nische hat das Ensemble Modern seine eigene Nische gefunden und diese über vier Jahrzehnte, seit 1981, kontinuierlich gepflegt und weiterentwickelt.

Die klassisch gebildeten 18 Musiker sind ihre eigenen Gesellschafter und fokussieren ihre Arbeit auf die „Neue Musik“, innerhalb des Musikmarktes eine Nische. Umso interessanter, was die alles ausprobieren. Allerdings ist herauszuhören, dass das Nischendasein nicht total befriedigend sei, man sieht ein Problem darin, immer wieder sein Publikum zu finden und auch der Wunsch nach mehr Sicherheit wird artikuliert.

Das Ensemble hat sich weltweit etabliert, hat mit berühmten Musikern und Komponisten gearbeitet. Ein Schwerpunkt ist das Finden neuer Talente mit Wettbewerben und Seminaren für junge Komponisten und Dirigenten in gegenseitiger Befruchtung. Auch daraus gibt es ansprechendes Bildmaterial für den Kulturneugierigen in dieser gediegenen Präsentation der Institution durch Thorsten Schütte.

Es gibt schöne Detailimpressionen, Proben, Gespräche, Ausschnitte aus Aufführungen und immer wieder Talking Heads, die Infos aus dem Innenleben des Ensembles preisgeben.

Als ein Storyfaden dient die Arbeit an einer Uraufführung mit dem Titel „Melencolia“ von einer Brigitta Muntendorf, inspiriert durch einen Dürer-Holzschnitt, Premiere bei den Bregenzer Festspielen, einer wilden Installation aus Video, Performance und Musik. Der Bezug zum Dürerbild liegt allerdings nicht mehr unbedingt auf der Hand.

Zombies im Zoo

Nachts im Zoo, da sind die Zombies los.

Aber da die Zootiere in diesem locker-lustigen Animations-Monsterfilm von Ricardo Curtis und Rodrigo Perez-Castro nach dem Drehbuch von James Kee und Steven Hoban inspiriert vom Comic von Clive Barker nächtens auch Zombiefilme schauen, haben sie Ahnung von Dramaturgie (wie die Filmemacher selbstverständlich auch) und wissen jeweils, in welchem Akt sie sich befinden und wie es ausgehen wird und dass vorher das Monströse nochmal riesig sich aufblähen wird. Was der Angelegenheit eine zusätzliche Leichtigkeit und damit auch Lustigkeit verleiht.

Der Fim fängt damit an, dass der Zoo schließt. Er heißt Colepepper Zoo. Sein Wiedersehensspruch lautet: Later Alligator. Über dem Eingang gibt es die Uhr mit Tiermarkierungen statt Zahlen und ein mechanisches Glockenspiel dreht seine Runden. So ist schon für Stimmung und Unterhaltung gesorgt, wie doch so mechanische Vorgänge ihren Reiz haben.

Es wird ruhig im Zoo. Die Wärterin schließt ab. Manche Tiere wissen, wo der Schlüssel hängt.

Dann passiert, was monsterfilmerfahrene Zootiere längst befürchten (oder gar erhoffen?). Es gibt einen Einschlag im Zoo aus dem Weltall. Kein Meteorit, sondern ein Zombiemonster, was für die Unterhaltung, die Ängste und Aktionen der Nacht sorgen wird, was aber auch manche Tiere zusammenschweißen wird und der Wöflin Grace bewusst macht, dass sie zum Überleben das Rudel braucht.

Grace und ein neu eingelieferter Puma, zu denen gesellt sich noch ein kleines Flussnilpferd, sind das zentrale Trio, das den Zuschauer vergnüglich durch die Verwicklungen, Verwandlungen und das Chaos und die Action in der launig animierten Tierwelt führt – nein Zombietum lässt sich nicht mit Seife abwaschen!

Kommunist

So wie die Welt ist, kann sie nicht bleiben,

das sagt Egon Krenz in einem der Gespräche mit dem Dokumentaristen Lutz Pehnert, die dieser in dessen bescheidenen Gartenhaus an der Ostsee geführt hat.

Die Gespräche über das Leben des Protagonisten sind die Grundlage dieses Biopics über einen Vollblutpolitiker, der bis heute seinen Idealismus nicht aufgegeben hat, wie das obige Zitat zeigt, dem er hinzufügt, dass er Kommunist sei. Er fragt sich bis heute, warum der Sozialismus gescheitert ist.

Egon Krenz hat in der DDR eine rasante Karriere hingelegt, wurde sehr jung in den Staatsrat gewählt, der aus lauter 20 Jahre älteren Herren bestand, die mal Revolutionäre gewesen sind.

Aber er war auch an verantwortlicher Position eines Systems, das sich immer mehr zum Unrechtssystem entwickelt hat. Die Stasi und was er darüber wusste, kommt in dem Gespräch nicht vor. Den Mauerbau tut er mit der Bemerkung ab, dass sonst die Leute weggelaufen wären.

Der Film ist unterfüttert mit historischem Footage und wirft einen spannenden Blick auf die Geschichte der DDR. Er zeigt aber auch, dass es Egon Krenz zu verdanken ist, dass die Wende und die Auflösung der DDR, der Mauerfall unblutig passiert sind; was als eine historische Sensation speziell in Deutschland nicht hoch genug bewertet werden kann.

Egon Krenz wurde für seine Mitverantwortung in der DDR wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Es wird im Film die Frage aufgeworfen, wieso denn niemand Honecker über mögliche Wahlfälschung und über den realen Zustand im Lande informiert habe. Sicher wäre es spannend, weiterzufragen, wie denn diese Entwicklung vom Idealismus zur Diktatur möglich wurde. Da scheinen viele Faktoren mitgespielt zu haben, die im Einzelnen zu analysieren vieler Detailanlysen bedürften.

Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens

Menschwerdung

Erst ist der Mensch Gott, er kennt ja nichts anderes. Dann taucht er auf in der Partikularität seiner Familie. Der Mensch Amélie bei Papa, Mama und zwei bereits vorhandenen Geschwistern, ein freches Brüderchen und ein weniger freches Schwesterchen.

Die Eltern stammen aus Belgien und leben in Japan. Die Familie braucht ein Kindermädchen und die Vermieterin Kashima-san, eine hart und streng gezeichnete Frau, empfiehlt Michi-san.

Nach Philosophemen über das Sein schlechthin und über die Macht der Ruhe in Form der Nichtreaktion auf die Umgebung erzählt der Film von Liane-Cho Han Jin Kuang, Aude Py und Mailys Vallade nach dem autobiographisch gefärbten Roman „Metaphysik der Röhren“ von Amélie Nothomb, dass Amélie die ersten zwei Jahre ihres Lebens kein Wort gesagt habe; was mit der Macht der Ruhe gemeint ist.

Mit dem zweiten Geburtstag stellt sich heraus, dass Amélie sich Vokabular- und Sprachkompetenz angeeignet hat.

Die Zeichnungen sind weich im Stil japanischer Animes mit einem winzigen Schuss Gaugin angereichert und mit trefflicher Charakterisierung der Figuren mit wenigen Strichen; entsprechend fein wie belgische Schockolade ist der Sound über den Bildern und die deutsche Synchro lässt nicht mäkeln, sie behält sogar japanische Begriffe aus dem Original bei.

Der Film zeigt die glücklichen Moment von Amélie, wenn sie spielen kann, wenn sie mit Michi-san zusammen ist, mit den Eltern, auch die Geschwister akzeptiert sie, die Oma ist da. Papa muss für eine Zeit nach Belgien.

Es gibt Brüche, den Tod der Oma und damit die Fragen nach dem Leben und dem Sterben; zeremoniell begleitet von den Lampions, die dem Fluss übergeben werden. Dunkle Kapitel aus der jüngeren Geschichte spielen hinein, die es für Kashima-san unerträglich machen, dass Michi-san eine Beziehung zu Amélie aufbaut und den Job los wird. Es geht um einen Krieg von vor 30 Jahren.

Brüche zeichnen sich ab: die Rückkehr nach Belgien. Dabei sieht sich Amélie doch als Japanerin. Mit dieser Aussicht kommt sie nicht zurecht. Ihre engsten Beziehungsmenschen fangen sie auf. Das erste Wort von Amélie war Staubsauger und sie wundert sich, wie bei dem Gerät etwas durch nichts ersetzt wird.

Azza

Im Land des sprudelnden Reichtums

Für einen Dokumentaristen, wenn er denn Menschen in den Mittelpunkt seines Interesses stellt, sind Finden, Wahl und die Zusage der Protagonisten/Protagonistinnen entscheidende Voraussetzungen für das Gelingen.

Menschen, die etwas zu erzählen haben, die keine Scheu vor der Kamera haben, die womöglich auch noch was hergeben für die Kamera und hinter der Kamera jemand, der/die das Vertrauen der Menschen vor der Kamera hat, das ist schon ein mächtiges Kapital für einen Dokumentarfilm.

So verhält es sich mit Stefanie Brocckhaus und ihrer Protagonistin Azza. Diese kämpft in Dschidda einen nur allzu vertrauten Überlebenskampf. Sie muss schauen, dass sie als Fahrlehrerin, in Saudi Arabien ein noch sehr junger Beruf, überleben und ihre Miete bezahlen kann. Sie muss mit dem gesellschaftlichen Makel zurecht kommen, geschieden zu sein.

Der Film von Stefanie Brockhaus passt hervorragend in das Genre einer Art Underground-Filme, die überwiegend in PKWs aufgenommen werden. Das Musterbeispiel dafür ist nach wie vor Taxi Teheran.
Das sind Filme aus Gesellschaften, in denen freies Filmen nicht erlaubt ist.

Einen Hinweis darauf gibt auch dieser Film mit einer Szene, in der eine Person außerhalb offenbar misstrauisch fragt, was sie denn da machen. Azza entschärft die Situation mit Charme, sie würden ganz privat was aufnehmen.

Viel Zeit verbringt der Film mit der Dokumentaristin bei Autofahrten durch Dschidda, durch die Wüste. Das Team campiert mitten in der Wüste, die Protagonistin hat vorgesorgt mit einem Grill und Essen.

Der Film gibt Einblick in saudische Verähltnisse, wie kein Tourist ihn erhaschen kann. In die an sich bekannte patriarchalische Struktur, die erst langsam aufgeweicht wird.

Azza ist ein Beispiel dafür. Sie ist – relativ – emanzipiert. Sie bringt anderen Frauen das Autofahren bei. Sie hat sich von sich aus scheiden lassen. Sie leidet aber auch drunter, dass bei vielen Jobs, die sie sich zutraut, ein Unibaschluss eine Voraussetzung ist, den sie nicht mitbringt, weil ihr der von der Familie und von ihrem Mann nicht erlaubt worden ist.

Azza kämpft um ihre Kinder, die selbstverständlich dem Mann zugeschrieben werden, ein Brutalo, wie jetzt die Kinder und früher sie selbst erfahren musste.

Der Einblick in die Struktur der saudischen Gesellschaft mit ihren Wurzeln im Beduinentum wird geweitet durch Fahrten in die Wüste, zu Dörfern, wo Azza herkommt. Ihr Vater wohnt in einem festen Hof, für unseren ästhetischen Geschmack eher eine Industrieanlage. Aufgewachsen ist sie bei den Großeltern im Gebirge bei Kamelhaltern. Heute sind die Tiere für sie ein Luxus und eine Verwandte meint, ihrem Mann seien die Kamele wohl näher als sie.

Auf der Tonspur ist ein Sound, der an Geheimnisse und Mysterien von Orient und Wüste denken lässt. Da Dschidda am Meer liegt, erlaubt der Film dem Auge Entspannung mit Ausflügen ans Wasser. Die Protagonistin hat sich damit abgefunden, dass in ihrer Gesellschaft immer noch gilt, wer als Frau Männer nicht fürchte, gelte als verrückt. So gilt sie lieber als verrückt; und beweist im Film das exakte Gegenteil.

Manipulation

Lustvolles Sezieren von Verbrechen & Kumpanei

Macht und Geheimbünde, die haben es dem Filmemacher David Balda angetan. Lustvoll sezierend führt er das modellhaft vor. Macht, die vor keinen Mitteln zurückschreckt, auch nicht vor Mord. Macht, die mit Geheimnis arbeitet, mit einem Großmeister, den keiner kennt. Vorgeschoben ist ein Meister, der eine wichtige öffentliche Position innehat. Aber in dieser ist er nicht zu sehen.

Der Film filtriert sich in die Machenschaften der Geheimloge, der Bruderschaft, des Geheimbundes ein. Als Vehikel benutzt er den jungen Zottelhelden Matteo (Radoslav Gavlas). Der wird sehr jung in den Geheimbund aufgenommen.

Dem Film kommen Zeremonien und jegliche Art von Machtarchitektur, aber auch Statussymbole von Macht wie Luxuslimousinen oder Ringe zupass, da hat er er häufiges und gutes Auge drauf.

Matteo ist der Sohn von Robert (Predrag Bjelac). Er hat langes Haar, scheint charakterlich weich oder noch wenig geformt, ein junger Mann, der bei einem Gesellschaftsanlass die Bedienung Anna (Anna Ctvrtnícková) eine Proletin schimpft. Ihr wird er wieder begegnen. Sie werden das Liebespaar werden, das mit den Geheimbundverwicklungen resp. mit dem Widerstand dagegen zu tun haben wird.

Annas Vater ist der Bibliothekar Juraj (Féodor Atkine), der klar dagegen ist, dass die Kirche sich mit dem Geheimbund einlässt. Der Aspirant auf den Posten des Erzbischofs (James Faulkner), Vater Vitus (Heino Ferch), ist da nicht so eindeutig und nicht abgeneigt, gegen großzügige Spendenzusagen Konzessionen zu machen.

Schönes Detail von der Initiation von Matteo ist die Vorbereitung des Nagelbrettes, auf das er während der Zeremonie knien muss. Es wird mit einem feinen Tuch überdeckt. Man sieht nur kurz nach seinem Aufstehen ein paar blutige Punkte. Das ist ein Beispiel dafür, wie genau David Bald sein Objekt von Macht, Machtverhältnissen und Machtorganisationen, die im Geheimen operieren, unter die Lupe nimmt.

Und so genau hat der Regisseur auch die Figuren ausgewählt, die Machtmenschen, die über Leichen gehen, die ihren Schwur ernst nehmen, die dem Meister abnehmen, dass bei Verrat harsche Maßnahmen nötig sind und dann wiederum jene Menschen, bei denen es rote Linien gibt, die ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr mittun wollen oder die auch wegen der Geschichte zu einer Frau, wie Matteo, zu denken anfangen.

Den Filmemacher interessiert nicht die Schauspielerei, die kommt teils eher holprig daher. Das stört nicht, da der Zuschauer mit dem Aufdecken und Offenlegen des Machtmechanismus bei der Stange gehalten wird. Auch das Englisch vieler der Akteure ist recht ungeschlacht.

Als Machtkulisse mit Geheimnissen bietet sich Prag an. Aber auch Bologna als ein Ort zum Verschwinden ist nicht schlecht. Durch diesen konzentrierten Fokus auf das Phänomen der Macht, undemokratischer, undurchsichtiger Macht, immerhin ganz offen im Filmtitel als Manipulation gespoilert, wird der Zuschauer wie der Studiosus beim Doktor Faustus Schritt für Schritt an der Nase herumgeführt.