Archiv der Kategorie: Film

Kommentar zu den Reviews vom 21. Januar 2021

Die leere Leinwand.

Mit den Reviewzahlen geht es wie mit den Passagierzahlen am Flughafen oder bei der Bahn: sie rauschen in den Keller. Es gibt überhaupt nur zwei Reviews diese Woche: zum einen über einen Coming-of-Age-Film aus dem unendlichen Bezahlstrom des Internets und zum anderen über eine Fernsehdokumentation über die Ära Lilienthal an den Kammerspielen, also auch noch über Theater, was nicht abschätzig klingen soll, Theater kann durchaus eine wichtige Säule für das Kino sein: denn im Theater können die Leute ganz anders rumexperimentieren als im Kino, wo es doch schnell um enorme Geldbeträge geht. 

Der leere Raum des Theaters ist physisch kaum mit der leeren Leinwand des Kinos oder dem leeren Blatt des Autors zu vergleichen, besonders, wenn ein Autor auf dem berühmten leeren Blatt versucht über den Unterschied zwischen leerem Bühnenraum, den Peter Brooks so meisterhaft bespielte, und der leeren Leinwand, wie sie jetzt die Kinos dominiert, zu schwadronieren. 

Letztlich spielt sich alles im Kopf ab und zielt auch auf den Kopf. Keine der Institutionen ist ein Massageraum. Und weil es Kopfsache ist, macht auch erst das Publikum aus seiner Theatervorstellung seinen Theaterabend und jedes Kinopublikum aus jeder Filmvorführung seinen Film. So besehen sind sowohl Kino als auch Theater ursubjektive Angelegenheiten. 

Wobei der Kritiker hoffentlich sich eine gewisse Ursprünglichkeit bewahrt hat und und offen für jeden neuen Film sein sollte; nur dass er, im Gegenteil zum zahlenden ‚Normal’publikum günstigstenfalls präzise erklären kann, woran es liegt, dass ständig im Publikum eine Unruhe zu bemerken war, oder woran, dass atemlose Stille herrschte und dass der Film den Leuten noch lange im Kopf herumgeht. 

Die Solothurner Filmtage, das zentrale Schweizer Filmtreffen, wollen sich dieses Jahr besonders mit dem Filmkritiker befassen (die Chefin kommt aus dieser Richtung) und wie unerlässlich Kritik für eine lebendige Kinolandschaft sei. Nur dass heute keiner mehr bereit ist, etwas dafür zu bezahlen. 

Wir sind die Gratisreviews im Internet gewohnt, auch hier bei filmournalisten.de; hier arbeiten wir ehrenamtlich. Bei anderen Online-Websites wie artechock oder kino-zeit.de sollen die Schreiber allenfalls 30, 40 oder vielleicht 50 Euro für eine Kritik erhalten, für die sie üblicherweise nicht nur den Film sichten müssen, sondern sich auch mit dem Informieren und Schreiben beschäftigen, also dürfte ein Stundenlohn von weit weniger als dem Mindestlohn herausschauen; nicht viel anders schaue es bei der Süddeutschen aus für die Kurzwürdigungen der Filme, die neu ins Kino kommen. 

Das Geld sammeln die erwähnten Internet-Seiten teils von Spendern (artechock) oder von Spenden und Inseraten (wofür sie dann wiederum Klickzahlen schinden müssen), wobei beide Geldquellen jetzt mangels Kinoprogramm zu Rinnsalen schrumpfen. Vielleicht gibt es bei den Print-Medien oder beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch ein paar Topverdiener. …

So kommt man auf dem leeren Blatt vor der leeren Leinwand vom Hundersten ins Tausendste, verliert andauernd den Faden, den man gar nicht hat oder spinnt wieder einen neuen und kommt überhaupt nicht zur Sache, weil die Sache sich aktuell entmaterialisiert hat, weil die Politik felsenfest überzeugt ist, dass im Kino Ansteckungen stattfinden, wohl wahr, aber eben nicht im pandemischen Sinne, sondern mittels Faszination durch das bewegte Bild, für das, was es auslöst, wie es in den Körper fährt, ins Gefühlszentrum oder gar, wenn es hoch kommt, auch ins geistige Zentrum, so dass der Zuschauer sich genau in dem ernst genommen fühlt, woführ ihn vielleicht seine Umwelt belächelt oder wofür dem oft rüden Zeitgeist jegliche Sensibilität abzugehen scheint. 

Manch einer glaubt gar, im Kino einen Blick in Wahres zu werfen, auch wenn heutzutage „24 mal die Wahrheit pro Sekunde“ kein zündendes Wort mehr ist; heute ist die Wahrheit im Kino pixelig, verpixelt; während Altmeister Godard sich in eine Nische verflüchtigt hat, die wie aus einer anderen Welt scheint, in der er nach wie vor Bildmaterial als Wahrheitsmaterial betrachten mag, es auf jeden Fall immer noch furios mit den modernsten Mitteln behandelt und nach wie vor genial montiert; aber von Montage spricht auch längst keiner mehr; das Kino ist oft nur noch amorphe Bildmasse, vor der das Publikum längst den Respekt verloren hat, weil Bilder allüberall und oft in nicht zu bemängelnder technischer Qualität verfügbar sind. 

Andererseits blüht der Arthouse-Zweig wie nie; es fehlt an Sälen um all die vielen Wunderblüten von bestechender Qualität zu präsentieren, die gediegen moderne Geschichten erzählen und das kultivierte Publikum anregend unterhalten. Allein was heute in Frankreich auf dem Humus der Nouvelle Vague für ein üppiger Kinogarten sprießt, während in Deutschland der durch die Nazizeit ausgetrocknete und versteinerte Boden nur mittels massiver Düngung durch weisungsgebundene Fernsehredakteure und Filmförderer mit von Funktionären ‚gemachten‘ Stars eine matte Pracht allenfalls mit einigen hübschen Mauerblümchen hervorbringt. 

Stream

YES, GOD, YES – BÖSE MÄDCHEN BEICHTEN NICHT

Hier erfährt der geneigte Zuschauer, was es heißt, jemandem die Sahne schlagen. 

TV

KAMMERSPIELE – JAMMERSPIELE

Nein, kein Kulturpessimismus. 

Yes, God, Yes – Böse Mädchen beichten nicht

Feuchtdeutig.

Alice (Natalia Dyer) ist wunderschön, sie kann mit ihren großen Augen so schauen: entschlossen, skeptisch, entsetzt, zerknirscht, naiv, überrascht, irritiert, sinnlich-hungrig, finster, rachsüchtig, madonnenhaft unschuldig, wütend, zaudernd, unsicher, ängstlich, lammfromm. 

Alice ist in dem Alter, in dem der Sex drängt, aber die Erfahrung noch fehlt. Sie lebt in einer Zeit, in der es bereits Handys gibt und in der Computer noch ziemliche Ungetüme sind. Aber es gibt schon Sex-Chats und auf dem Handy das Schlangenspiel. 

Alice ist in dem Alter, in dem Wörter wie Sahne, Milch, Sauerrahm, feucht, Eichenteil nie ohne Doppeldeutigkeit sind, aber Alice ist noch so naiv, dass sie nicht wissen will, was „Sahne schlagen“ oder „jemandem die Sahne schlagen“ heißt – der Zuschauer erhält diese Info gleich zu Beginn des Filmes von Karen Maine, die diesen Begriffserläuterungen noch ein Wort aus der Offenbarung von Johannes voranstellt, in welchem es um die Ungläubigen, Greulichen, Totschläger, Hurer, Zauber, Abgöttischen und Lügner geht. Der Film spielt im katholischen Milieu und könnte Aufarbeitung der eigenen Adoleszenz der Autorin sein. 

Die Jugendlichen um Pfarrer Murphy (Timothy Simons) sollen das Erbauungswochenende ‚Kirkos‘ auf dem Lande verbringen. Die vier Tage werden als Mottotage vorgestellt. 

Es ist eine gemischte Gruppe junger Erwachsener. Gegen den Sex, die Sinnlichkeit und den Hunger darnach setzt die Regisseurin und Drehbuchautorin die strenge katholische Moral, Beichten, Selbstbekenntnisse in der Gruppe, die Moral vom Sex nur in der Ehe zwischen Mann und Frau und uralte, vertrocknete Schwestern, während der Pfarrer – zurecht, wie sich herausstellen soll – nicht ganz so sauber ist, wie er tut. 

Es gibt Blicke auf behaarte Männerarme, Blicke durch einen Türspalt auf den Pfarrer vor seinem Computer oder durch ein Fenster in den Garten hinter einen Baum. Es gibt die Handygeschichte und die Strafe dafür sowie andere Intrigen. Am Schluss holen die Eltern die Kids aus dem Besinnungswochenende wieder ab. Angereist sind sie mit einem dieser wunderschönen, filmklassischen, gelben, amerikanischen Schulbusse. 

Kommentar zu den Reviews vom 14. Januar 2021

Wieder in die Gänge kommen MUSS MUSS MUSS das Kino, der Jahreswechsel hat die Jahresrückblicke hervorgebracht. Witzig und spritzig bei artechock: Running Movies. Hier perfektioniert Felicitas Hübner die Kunst des gezielten Text-Pfeils auf ein Movie, da Darts gerade in ist, mit Treffern voll ins Schwarze, unterhaltsam auch wenn man die die Filme nicht gesehen hat. Außerdem macht dieser Rückblick klar, wie aufregend trotz Corona-Lockdown das Kino 2020 gewesen ist und schraubt die Erwartungen für 2021 entsprechend in die Höhe; denn es ödet schlicht an, wenn da, wo neu ins Kino strömende Filme besprochen werden sollten, sich stattdessen – wegen geschlossener Kinos – die Internetbezahldienste breit machen; das hat weder Hand noch Fuß. Es gibt ja auch jede Menge DVDs, bei denen man nur das Einzelexemplar bezahlen muss und nicht gleich ein Jahresabo. So sind zwei sehr sehenswerte DVDs zu empfehlen und auch im TV gab es Erfreuliches, jedoch auch weniger Erfreuliches. 

DVD 

RUN

Je klarer die Erzählung, desto mehr Schauder beim Filettieren dieser Mutter-Tochter-Beziehung. 

VENTO SECO

Liebessehnsucht gegen Homoklischees.

DIE OBSKUREN GESCHICHTEN EINES ZUGREISENDEN

Wenn das Gegenüber im Zug mehr Geschichten erzählt als der Zug Kilometer frisst.

VoD

VENTO SECO

Nicht alles, was homo ist, ist Hochglanz; kann trotzdem prickelnd sein.

DIE OBSKUREN GESCHICHTEN EINES ZUGREISENDEN

„Wie viele Zugti­ckets braucht eine multiple Persön­lich­keit?“ (Hübner, artechock)

TV

LEBENSLINIEN: EINSATZ IN DEN BERGEN

Glücklich sein trotz irreparabler Defizite – und ein Ohrwurm von Bayerisch. 

ALLTAGSDROGE CRYSTAL METH

Vielleicht hätte ein Stück der Droge den Dokumentaristen zu mehr Power verholfen.

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden (DVD und VoD)

In Corona-Zeiten vielleicht noch schauderlicher, stell dir vor, Du sitzt als einziger Passagier in einem Intercity und der einzige weitere Passagier, der zusteigt, setzt sich genau Dir gegenüber, behauptet Psychiater zu sein und fängt an, Geschichten zu erzählen, die sich Dir in die Eingeweide bohren…. Siehe die Review von stefe. 

Run (DVD)

Frauen wie Gemälde,

das ist natürlich nur das Zückerchen, wie Sarah Paulson als Diane Sherman und Kiera Allen als Chloe Sherman von der Maske hergerichtet sind; das erinnert an die ganz große Renaissance-Malerei und macht den Gegensatz zur Handlung des Filmes von Aneesh Chaganty, der mit Sev Ohanian auch das Drehbuch geschrieben hat, nur umso prickelnder, gôuteuser. 

Chaganty filettiert in seinem präzisen Film mit einer hochkonzentriert auf das Wesentliche fokussierten Kamera einen entfesselten Muttermechanismus – der reine Horror. 

Und es ist schon schwarzhumorig zu nennen, den Film mit einer Anzeigentafel voller Informationen über eine ganze Anzahl von schlimmen Krankheiten anzufangen, von Herzinussfizienz bis Diabetes, die alle lebensgefährlich werden, wenn der Patient nicht dauernd die entsprechenden Medikamente nimmt. 

Eine ganz heutige Geschichte also, wie viele Menschen haben nicht ihr Tablettenkästchen, in dem für jede Tageszeit die bunten Pillen nach Stunden der vorgesehenen Einnahme geordnet liegen. Das ist ein geschickter dramaturgischer Zug, um das Hauptthema ganz hinterlistig nach und nach einzuführen. 

Diane hat gelähmte Beine und jede Menge weiterer Krankheiten, sie braucht immer wieder einen Mundspray, sitzt im Rollstuhl. Sie wird von der Mutter zuhause unterrichtet. Sie war wohl ein Frühchen, das lässt der Film vermuten mit dem Bild von einem dick verkabelten Säugling im Brutkasten – 17 Jahre früher. 

Aber Mutter Diane ist allerliebst, kümmert sich hingebungsvoll um ihre Tochter. Sie nimmt auch an den regelmäßigen, monatlichen Treffen für zuhause unterrichtende Eltern teil. Vorbildlich durch und durch. Sie wohnt abseits in einem schönen nordamerikanischen Holzhaus, baut streng beherrscht einen Gemüse-Garten drum herum an. Aber so einsam und wie es ins Bild gesetzt ist, erinnert es an filmische Horrorhäuser. 

Chloe ist jetzt 17, bewirbt sich an Universitäten und wartet täglich hoffnungsvoll auf positive Resonanz; der Postbote als Heilsbringer und vielleicht auch als Retter aus der einsamen Welt. 

Chloe ist intelligent und hat also berechtigte Hoffnung auf Zusagen. Die harmonische Idylle bekommt Risse, wie Mutter eines Tages eine neue Tablette für die Tochter mitbringt. Etwas macht Chloe stutzig. Sie wird selber aktiv und kommt mittels halsbrecherischer und lebensgefährlicher Exkursionen der Wahrheit auf die Spur; sie hangelt sich an einem dünnen Faden aus ihrer Geborgenheit heraus, die immer mehr zum bedrohlichen Gefängnis zu werden droht. Wobei das Kino als Veranstaltungsort freiwillig und gerne sein Teil zur Befreiung beiträgt, somit einen Hilfsanker bietet, sich aus dem Spinnennetz einer allmächtig wirkenden Mutter zu befreien. 

Die beiden Frauen spielen diesen Psychothriller fabelhaft. Chaganty injiziert den Schauder direkt wie mit einer Spritze unter die Haut, durch seine luzide Erzählweise, die auf Firlefanz konsequent verzichtet; was die an sich nicht neue Geschichte heftig werden lässt. Bestens geeignet für das Heimkino in coronadröger Zeit – und man braucht nicht gleich einen ganzen Kanal dafür abonnieren. 

Vento Seco (VoD und DVD)

Sandro Karnas 

(Leandro Faria Lelo) ist Arbeiter in einer Düngemittelfabrik irgendwo in brasilianischem Niemandsland. Er ist schwul, aber nicht geoutet, entspricht nicht den queeren Schönheitsidealen, keineswegs, er ist schon etwas älter, rundlich, alles andere als markant; aber Männer ziehen seine Augen magisch an; er führt ein verborgenes Schwulenleben, unauffällig. 

Der Film von Daniel Nolasco zeigt im Schwimmbad gleich, was sein Thema ist, was ihn fasziniert. Aber er organisiert es nicht als Film für Voyeure, sondern als Themenfilm in Form eines Porträts von Sandro. 

Nolasco beschreibt Sandros profanes, glanzloses Arbeiterleben. Die Fabrik an einer Autobahnausfahrt mit einem Kreisel vorm Parkplatz. Viele Szenen spielen dort, symbolisieren den ewigen Kreislauf der Routine, zur Arbeit kommen, dann wieder wegfahren. Das thematisitert die Kollegin Paula (Renata Carvalho) in einem Gespräch mit Sandro. 

Paula ist gewerkschaftlich engagiert, versucht die Arbeitskollegen zu aktivieren gegen die miesen Arbeitsbedingungen. Sie platzt immer wieder in Sandros Abschweifungen und Träumereien, stört die Augenkreise seiner ungestillten Sehnsucht. In diesem Suchen erzeugt Sandro Empathie. 

Die Eingangsszene spielt in einem Schwimmbad; die Kamera weiß, wohin sie sich zu fokussieren hat; ein beengter Horizont, sicher, aber auch ein eindeutiger; es sind die Blicke von Sandro, besonders, wenn es nach dem Schwimmen mit lauter nackten Männern unter die Dusche geht. 

Sandros Leben wird als zwiegespalten geschildert. Es ist das Arbeiterleben, das sind Gespräche mit Kollegen, die Fahrt zum Job, das Parken des Autos aber auch Einkaufen; gerade hier kommt es immer wieder zu Begegnungen. 

Real dürften auch die diskreten Treffen mit Kollegen Ricardo (Allan Jacinto Santana) sein; es sind dies Verabredungen in einem Eukalyptus-Wald; heiße Sextreffen und ungehemmt. 

Es gibt aber auch die Traumwelt von Sandro; die ist erotisch sowohl in der filmischen Farbgebung der eindeutigen Schwulen-Szenerie und dazu musikalisch aufgepumpt; es sind die Bilder von Sado-Maso-Welten, Lack, Leder, Stiefel, Leine. Hier wird der Film hard-core, weshalb er als „nicht jugendfrei“ prädiziert ist. 

Nolasco beschreibt recht realistisch diese Gay-Zwischenwelt, die immer auch im Arbeitsalltag, zu dem ebenso eine Geburtstagsparty oder der Ausflug zu einem Festival gehören, aufblitzt, präsent ist und sich kaum zurückhalten kann. Und, bei aller Losheit der Beziehung zu Ricardo, ist Eifersucht nicht weit, Beziehungsclinch in der Nichtbeziehung – und dauernd ungestilltes Sehnen.

Lebenslinien: Einsatz in den Bergen (BR, Montag, 11. Januar 2021, 22.00 Uhr und ab Donnerstag, 7. Januar in der Mediathek)

Spanggangerl.

Wast Pertl, der Protagonist der Lebenslinien von Georg Antretter, war nach eigenen Worten als Junge ein Spanggangerl (hoffentlich richtig verstanden); so etwas wie ein Kaspar, ein Klassenclown. Hinter solchen steckt gerne Traurigkeit. Die liegt bei Pertl in der Kindheit auf dem elterlichen Hof begründet. 

Nachkriegszeit. Alles musste arbeiten, auch auswärts. Der kleine Pertl blieb tagelang in seinem Laufgatter sich selbst überlassen. Die alte Mutter erzählt heute noch, dass er jedoch immer munter gewesen sei. Er selbst konstatiert inzwischen Defizite, kaum Beschäftigung der Eltern mit ihm, kaum Liebkosungen, kaum Herzlichkeit. 

Bei der Bergwacht hat er mit dem Heranwachsen den menschlichen Kontakt gefunden, Heimat, das, was er vermisst hatte. Und gute Freunde. Später eine etwas ältere Krankenschwester, inzwischen seine Frau und die Mutter seiner Kinder. 

Diese Lebenslinien von Georg Antretter faszinieren durch die Persönlichkeit des Protagonisten. Das ist vielleicht das erste Geheimnis beim Format „Lebenslinien“, wenn es gelingt, eindrucksvolle Protagonisten zu finden, die nicht kamerageil sind, die aber vor der Kamera eine Natürlichkeit bewahren. 

Wie peinlich Lebenslinien sein können, wenn hauptamtliche Promis die Sendung als Werbezeit für sich als Markenbotschafter nutzen, da bleibt unübertroffen der Beitrag über Rosi Mittermaier und Christian Neureuther oder der PR-Film aus einem anderen Format (‚Kreuzer trifft‘) über Magdalena Neuner. Dass Gebührenzahler dafür zur Kasse gebeten werden, ist nicht nachvollziehbar, ja geradezu abstrus. 

Das zweite Geheimnis überzeugender „Lebenslinien“ betrifft den Dokumentaristen, den Menschen hinter der Kamera, der es schaffen muss, den oder die Porträtierte vor der Kamera glaubwürdig und persönlich erscheinen zu lassen. Auch das gelingt hier exzellent. 

Pertl ist ein bedächtiger Mensch. In dem, was er tut, ist er kreativ, lösungsorientiert, wie man das im modernen Businesssprech nennen würde. Von einem Tag auf den anderen musste er den Hof seines Vater übernehmen, ohne je gebauert zu haben. Beim Notar unterschrieb er etwas, von dem er keine Ahnung hatte, weil man das halt so macht. – Bald ist er im Tal der erste Ökolandwirt. Das wären Erfolgsmeldungen, die aber nicht als solche ausgeschlachtet, eher mit heimlichem Stolz erwähnt werden. 

Andererseits gibt es Unfälle, traumatische Erlebnisse. Der Einsturz des Eishallendaches in Bad Reichnhall. Hier wird er als Retter dazugerufen. Das verändert, traumatisiert ihn. Für ihn ist es ein gewaltiger Schritt, deshalb den Rat einer Psychologin zu suchen. Auch sie kommt hier vor. 

Antretter hat, was diese Lebenslinien noch mehr vom Durchschnitt abhebt, den Film mit einem leicht jazzigen Sound unterlegt. Das bringt diese Lebenslinien zum Schweben. Hinzu kommt der Sound ein wunderbar natürlich gewachsener Dialekt, nicht irgend so eine gecoachtes Schauspieler-Bayerisch. 

Kommentar zu den Reviews vom 7. Januar 2020

Kommentar entfällt mangels Reviews.

stefe macht Pause und liest ein Buch. 

Es gab lediglich einen Tipp für einen VoD-Film

PARADISE HILLS

Richtig geheiratet soll im Leben nichts mehr schief gehen. Siehe die Review von stefe.  (Oder: wenn sonst nichts mehr geht, heiraten geht immer. )

Kommentar zu den Reviews vom 31. Dezember 2020

Eine Katastrophe ist das alles, eine Katastrophe. Wo bleibt das Kino? Wird es sich je wieder erholen von der brutalen Niederschlagung durch die Anticorona-Politik?

Das Kino jedenfalls hat die Hoffnung nicht aufgegeben, ja es herrscht regelrechtes Gedränge vor den Startplätzen zur Wiedereröffnung der Kinos – demnächst irgendwann: 

Es wartet BILLIE über die sensationelle US-Jazz-Sängerin Billie Holiday. Und jetzt mal in lockerer, nur teils alphabetischer Reihenfolge weiter: CURVEBALL der für den jetzigen Bundespräsidenten ungangenehm werden dürfte, DAS LETZTE LAND mit seinen Sci-Fi-Endzeit-Weltraum-Farbexplosionen, EIN BISSCHEN BLEIBEN WIR NOCH, wehe wenn Flüchtlinge in Wien Selbstbewusstsein entwickeln und so gekonnt süß EIN GESCHENK VON BOB ist, ranzig dürfte der Film trotz Pandemie nicht werden, während ELISA UND DAS VERGESSENE WEIHNACHTEN mit einem Frühjahrsstart schon vom Titel her gut leben kann und FALLING von Viggo Mortensen, dem Schauspieler, bleibt in seiner kühl existenzialistischen Analyse (Camus-Einfluss) zeitlos. 

Bestimmt schafft es KAISERSCHMARRN, der jetzt schon so viele Fehlstarts zu verkraften hatte, aber das dürfte dem Film kaum was anhaben, wogegen KIDS RUN, zu fixiert auf vorzeigbar Hochglanz-proletarische Oberkörper, es so oder so schwer haben wird, während der demonstrative Jugend- und Sinnlichkeitsoptimismus von MATTHIAS & MAXIME gegen Folgeschäden von Corona nicht im geringsten anfällig sein dürfte. 

Die NARREN aus dem Schwäbischen müssen vielleicht sogar willkommen in eine Veranstaltungslücke springen, wenn schon kein reales Narren, dann wenigstens der sympathische Film. 

PLATZSPITZBABY ist frech zürcherisch, bestimmt auch noch im Frühjahr. VATER – OTAC ist großes Kino, das von Corona-Kinkerlitzchen nicht einen Deut in Mitleidenschaft gezogen werden dürfte. Pepe Danquarts VOR MIR DER SÜDEN befeuchtet dürstende deutsche Mittelmeersehnsuchtskehlen. 

WANDA, MEIN WUNDER weiß polnische Pflegerinnen zu schätzen, nach Corona vermutlich mehr denn je, erst recht am schicken Zürichsee. WAS GESCHAH MIT BUS 6707 zeigt, dass es Brutaleres gibt als ein daher gelaufenes Virus und seine schlampige Bekämpfung. 

Wer von Frauen nicht genug kriegt, wird nahrhaft und hervorragend bedient mit WOMAN – 2000 FRAUEN, 50 LÄNDER, 1 STIMME.

DIE WAND DER SCHATTEN wird auch mit einem späteren Start an seiner Faszination zwischen Himalaya-Mythos und Bergführergeschäft nichts verlieren. Das gilt ebenso für PICTURE A SCIENTIST – FRAUEN IN DER WISSENSCHAFT, die immer kämpfen müssen, auch sie gegen womöglich schlimmeres als Corona: gegen Männerintrigen. 

MALSANA 32 ist ein zeitlos klassischer Horrorfilm erster Güte. DER BOANDLKRAMER UND DIE EWIGE LIEBE, der hat es eh mit dem Tod mehr als mit dem Leben, ganz schön aktuell. MORGEN GEHÖRT UNS musste lange, lange auf einen Kinostart warten, Porträts geschäftstüchtiger Kinder – bis der Film ins Kino kommt, sind die bestimmt schon wieder einen Kopf größer. 

PARFÜM DES LEBENS steht auch schon ewig in der Warteschlange; wetten, dass die feinen Gerüche nicht so schnell sich verflüchtigen (Magie des Kinos)? HIMMEL ÜBER DEM CAMINO ist ein weiterer Jakobswegfilm – und jeder Jakobsweg ist ein eigener Weg und ein eigener Film, eine eigene Begegnung. In MATERNAL geht es um einen schwierigen Start ins Leben, insofern dürfte der Film gegen die Fährnisse mutwilliger Kinozerstörpolitik gefeit sein. Verträumt videocliphaft ignoriert MUSIC die schnöde Lebens(- und Virus)realität. 

Bis zum überraschenden Ja-Wort ist es zu ROSAS HOCHZEIT mit oder ohne Virus ein harter Weg gegen eingewachsene Vorurteile. JESUS SHOWS YOU THE WAY TO THE HIGHWAY, eine spanisch-estisch-äthiopisch-litauisch-rumänische Produktion, allein der multiple Hintergrund sorgt für Virusresistenz. PROXIMA – DIE ASTRONAUTIN erzählt wie geimpft, dass Frauen im Weltall es schwieriger haben. 

VERPLANT – WIE ZWEI TYPEN VERSUCHEN, MIT DEM RAD NACH VIETNAM ZU FAHREN ist ein weiteres Glanzstück auf der Welle der Weltreisenden, als Reiseausfallsentgelt mehr als tauglich. HILFE, ICH HABE MEINE FREUNDE GESCHRUMPFT, wenn Kleine Große schrumpfen, ist es ein Machtspiel, wenn Kleine andere Kleine schrumpfen, kommen sie in Nöte. 

SHANE CROCK OF GOLD – A FEW ROUNDS WITH SHANE MACGOWAN möchte ich unbedingt noch auf der Leinwand sehen, jetzt macht endlich die Kinos wieder auf, es reicht, es herrscht enormer Andrang, auch MARTIN EDEN will uns seine kinoverführerische Dichtergeschichte erzählen und NOW gibt dringend nötige Impulse und Infos über Umweltaktivisten, so bittschön, macht so schnell wie möglich die Kinos wieder auf, macht sie kundenfreundlich, lasst die Kinobetreiber nicht wieder Hygienesheriffs spielen, auch mit geschlossenen Kinos hat sich doch Corona ungebremst ausgebreitet. Wir fordern die Wiederöffnung der Kinos: SOFORT! —- Es gibt viel zu schauen – und zu besprechen. 

Oder, pathetisch gesprochen: es geht um den geistigen Abwehrkampf gegen Corona.

Stream

FAREWELL AMOR

Der Mensch lebt nicht von der Fernliebe allein. 

TV

TATORT: ANIMALS

So sahen junge Kommissarshoffnungen vor 30 Jahren aus. 

ÜBER 30 JAHRE BATIC UND LEITMAYR – DIE ZWEI VOM TATORT

Bescheidenes Eigenwerbungs- und Selbstdarstellungsfilmchen des BR. Rechtfertigt nie und nimmer eine Erhöhung der Zwangsgebühr. Macht unfreiwillig auf verschlafenes Produktionsmanagement bei den öffentlich-rechtlichen aufmerksam.