Japanisch post-chaplineskes Roadmovie ‚Tramp mit Kid auf der Suche nach dessen Mutter‘. Die findet er nicht. Das darf verraten werden.
Aber was finden die beiden einsamen Seelen, was verbindet sie, was suchen sie wirklich, was praktizieren sie?
Masao ist der Schulbub, der in Tokio bei seiner Großmutter lebt. Sympathiegewinnend inszeniert Takeshi Kitano, der Autor, Regisseur und die Hauptfigur Kikujiro, den Jungen wie er zur Schule eilt, immr leicht beschwingt, leicht rennend über eine geschwungene Brücke, mal mit einem Rucksack mit Engelsflügeln dran, mal mit einer Tüte mit einem Smiley drauf.
Masao hat einen Schulfreund. Aber es sind Schulferien. Der Vater ist lange gestorben. Die Mutter ist weit weg und nicht greifbar. Die Oma arbeitet bei einem Imbiss. Der Junge geht allein auf den Sportplatz. Der Trainer macht ihn darauf aufmerksam, dass Schulferien sind. Knabe allein, anrührendes Bild. Vielleicht sieht Kitano in dem Jugen sich selbst.
Zuhause bei Oma muss Masao ein Paket entgegennehmen. Auf der Suche nach dem Quittungsstempel der Oma entdeckt er Fotoalben, Bilder von seiner Mutter. Der Entschluss reift: sich loszumachen, die Mutter zu suchen. Ausreißergeschichte.
Schnell läuft er dem Ehepaar Kikujiro über den Weg. Seine Frau (Kayoko Kishimoto) mit der hübschen Katze vorne auf ihrem Kleid checkt die Lage des Jungen, schickt ihren Mann mit ihm auf die Reise zu dessen Mutter. Sie gibt ihrem Mann auch genügend Geld mit und informiert die Oma, die nichts dagegen einzuwenden hat.
Takeshi spielt Kikujiro so, dass sofort klar ist, dass das keine Reise ohne Komplikationen sein wird. Auch er wird seine Mutter im Heim besuchen. Aber er ist ein Spieler. Weit kommen die beiden Tramps nicht. Kikujiro bleibt an der Rennbahn am Wettschalter hängen. Das Geld bleibt auf der Strecke.
So sind denn die Voraussetzungen gegeben für eine existentielle Trampreise kreuz und quer durch die japanische Landschaft, die Bereiche Poesie, Hoffnung, Einsamkeit, Sehnsucht, Kunst und Ungerechtigkeit, erlitten wie selbst praktiziert und die Frage, was will ein Mann in seinem Leben.
Kateshi tanzt stilsicher auf dem dünnen Grat zwischen Poesie und nackter Gewalt, die hier allerdings nie so richtig oder brutal ausbricht. In der schlimmsten Situation machen ihn ein paar Kerle fertig. Mit blauem Auge erzählt er dem Kid, dass er die Treppe runtergefallen sei.
Der Film wird erzählt aus der Sicht des Buben, der wie eine Art Fototagebuch führt. So werden einzelne Kapitel überschriftet: ein signifikantes Foto der folgenden Szene und der Bub spricht den japanischen Text dazu, der nicht auf deutsch untertitelt ist (dies ist in manchen Szenen ein Manko, wo japanische Schriftzeichen nicht akustisch übersetzt werden, wie beim Heim, in dem die Mutter von Kikujiro sich befindet).
„Der böse Mann“, das ist der Mann, der Masao in einem unbemerkten Augenblick in ein Klo entführt und von ihm verlangt, dass er die Hose runterziehe.
Sie steigen in einem Luxushotel ab. Der Concierge behauptet, es sei ausgebucht, zu sehen ist allerdings kein Gast. Kikujiro übt Schwimmbewegungen im Bett. Die beiden Tramps lassen das Hotel auf der Rechnung sitzen. Sie sind unempfindlich der Ungerechtigkeit gegenüber, die sie praktizieren.
Masao hat Alpträume. Kitano bebildert diese mit opernhaft schönen Bildern. Die Kunst spielt immer wieder eine Rolle, Tanz, Jonglieren, Singen, Schreiben, Steptanz, Indianertanz, Ufo-Marsmensch.
Motorradrocker kommen vor. Auch hier bricht die tendenziell in der Luft liegende physischen Auseinandersetzung nicht aus. Hier endet sie in Camping-Minne, hier wollen die Männer nur noch spielen. Strand, Dünen, Wasser, spielende Männer. Auf den Melonenhelm des im Sand eingegrabenen Rockers hauen oder Kleiderrobben. Lakonie japonnaise.
Einmal spielt Kikujiro den Blinden, um als Anhalter von einem Auto mitgenommen zu werden.
Die Ausstattung findet immer wieder Blumenmotive in der Dekoration oder steckt den beiden Tramps ein großes, grüned Blatt über den Kopf als Sonnenschutz oder dem Kid eine Sonnenblume in den Rucksack wie eine Fahne und blumenmustrige Hawaihemden sowieso.
Die Musik reagiert sensibel auf die Gehalte, die klimpert mal diese hellen Pianotöne, kann aber auch mit den Streichern in die Region des Requiems abdriften oder parallel weich-sanft sein oder auf dem Rummelplatz folkloristisch-traditionell japanisch werden.
Der Grat zwischen Poesie und Brutalität, zwischen Banalität und Kunst. Nägel auf die Straße, um mitgenommen zu werden. Kunst: der Mann, der die mechanische Puppe spielt.
Die einsame Bushaltestelle, an der kein Bus hält, aber ein merkwürdiger Bankier. Kikujiro vertauscht den Snacktüteninhalt. Sonnenblumensomnambul? Das Engelsglöckchen von den Rockern. Statt Kampf müssen sie ihm die Fische machen oder den Tintenfisch.
Am Seil am Baum schwingen mit Sumpflandung.
Zu bemängeln sind an der DVD: keine Übersetzung der Credits im Abspann und
die deutsche Synchro ist leider zu billig, keineswegs takeshikongenial; sie nimmt dem Film von seinem Charme.