Archiv der Kategorie: DVD

Die Wahrheit der Lüge (DVD)

Gegen den Corona-Koller gibt es jetzt „Die Wahrheit der Lüge“ von Roland Reber auf DVD. Reber nähere sich hier dem Mainstreamkino, aber das Grübelzentrum im Hirn komme deswegen noch lange nicht zu kurz, meint Julian in seiner Review

Milla meets Moses (DVD, VoD, EST)

Australisch keck und unvoreingenommen, mit frischem Auge einer Akademikerfamilie in die Psychowimmeleien geguckt, mit Puddelcoiffeuse, Tattoos, Dienstagsterminen, jungem australischem Wuchtschauspieler, Krebs, Chemo, Coming-of-Age, Geigenlehrer-Glühlampenproblem und mit einem leichten Drall zum Melo. Siehe die Review von stefe. 

Kiss me Kosher (DVD, VoD, EST)

Hier reimt sich Schatzi auf Nazi und die Schickse hat Hickse und dumm, wenn der Schickse mit Hickse in Israel andauernd ihre Ex über den Weg läuft, die das Lokal „Jewish Princess“ betreibt. Ob aus dem Fettnäpfchenbilderbogen doch noch ein Hochzeitsfilm wird? Siehe die Review von stefe

Das letzte Mahl (DVD)

Abendessen der Familie Glickstein am 30. Januar 1933, dem Tag der Machtergreifung der Nazis; als Film ein würdiges Gedenkessen – ohne die in solchen Filmen in Deutschland weit verbreitete Fundusbedröppeltheit. Siehe die Review von stefe. 

Bring me HOme (DVD)

Kino der Grausamkeit.

Dieses südkoreanische Kino von Seung-woo Kim wiegt einen anfänglich in Sicherheit mit melodramatischen Mitteln, die einen ans Privatfernsehen denken lassen und insofern weitherum vertraut sein dürften. 

Jung-Yeon (Lee Yeong-ae) ist OP-Schwester in einem Krankenhaus. Ihr Mann Myeong-Guk (Hae-Joon Park) sucht gerade eine Stelle als Lehrer. Tragisch am Leben dieses jungen Paares ist, dass ihr Bub vor etwa 6 Jahren verschwunden ist, vermutlich entführt. 

Solche Dinge scheinen in Südkorea zu passieren. Jedenfalls gibt es eine Organisation, die sich um das Schicksal und womöglich die Wiederbeschaffung vermisster, mutmaßlich gestohlener Kinder kümmert. Ein junger Mann, der da aktiv ist, hat selber ein solches Schicksal erlebt und wurde von seinen Eltern wiedergefunden. Es ist die Familie des Bruders von Jung-Yeon. Es gibt also verwandtschaftliche Hilfe und Unterstützung bei der Suche nach dem Buben. 

Die Eltern haben schon halb Südkorea abgefahren, sie suchen mit Flugblättern überall nach dem Buben. So weit, so melodramatisch. 

Ein neuer Schauplatz, ein Fischerdorf am Meer. Schnell wird klar, hier sind keine Charaktere für ein Melodram versammelt. Zwei Buben schuften für das runtergekommene Milieu. Sie werden hart angefasst. Bald gibt es Hinweise auf Missbrauch. Ein leicht behindert wirkender, stämmiger, rundlicher junger Mann fühlt sich zu den Buben hingezogen. Kein Mensch stört sich daran. 

Zwei Cops kommen ins Spiel. Der ältere ist der Bad-Cop. Der ist verbandelt mit dem Fischerdorf und weiß Bescheid darüber, was hier vor sich geht. Er lässt sich bezahlen dafür. Sein Partner ist ein junger naiver Mann, der selber einen Buben hat. Der kommt dahinter, was hier mit den Kindern passiert und entdeckt die Ähnlichkeit zwischen dem einen Buben im Dorf und dem Buben auf dem Suchaufruf. 

Ab hier weiß der Zuschauer mehr als die Mutter und andere Beteiligte. Ihr wird der Verdacht zugespielt. Sie macht sich auf den Weg in das Fischerdorf. 

Für den Zuschauer wird es grausam, zu sehen, wie die Dinge sich entwickeln, ohne dass er eingreifen könnte, und wehe, wenn der erste Zivilisationsbruch passiert, die erste Gesetzlosigkeit und der Muttermechanismus erpressbar wird, dann schreckt das koreanische Kino vor kaum was zurück, nicht mal vor einem halbwegs glücklichen Ende nach harten dramaturgischen Wendungen. 

Stunde der Angst – The Wolf Hour (DVD)

Innenwelt/Außenwelt

Ein Hauch von Tarkowski weht durch diesen Film von Alistair Banks Griffin in seiner Begeisterung für pointierte Ästhetik einer romantisierenden Faszination von Künstlertum und Zerfall. 

June Leigh (Naomi Watts, die den Film auch produziert hat) ist mit „The Patriarch“ früh ihr schriftstellerischer Durchbruch gelungen, eine Abrechnung mit ihrer Familie, vor allem mit dem Vater und dessen Geschäftsgebaren. 

Der Verlag will Junes zweites Buch. Aber June ist in einer Schaffenskrise, hat sich in die Wohnung ihrer verstorbenen Großmutter, die Opernsängerin war, zurückgezogen. Die einst feine Gegend South Bronx ist 1977 ein heruntergekommener Ort.

June lebt abgekapselt. Das schildert Alistair Banks Griffin mit großer Intensität, mit enormem Augenmerk auf überzeugenden ästhetischen Arrangements der exquisiten Ausstattung, als Wohlgefühl im Horrorsetting, mit dem Spiel des Lichtes, Abbild der Seele die chaotische, messihafte Wohnung voller Bücher, Müllsäcke, kaum was im Kühlschrank, Zigaretten, Alkohol. Ständig klingelt es an der Tür. 

Auf der Straße unten halten sich Leute auf, denen man lieber aus dem Weg geht. June verlässt die Wohnung nicht und auch die Leute, die sie hineinlässt, schaffen es nicht, ihre abgekapselte Welt am Rande des Durchdrehens und des Abgrundes zu durchbrechen, weder ihre Freundin Margot (Jenniger Ehle), die sich erfolglos besorgt um sie kümmern will noch der Boy Freddie (Kelvin Harrison Jr.), der ihr die Einkäufe vom Spanier bringt; unfreundlich verläuft die Begegnung mit dem Polizisten Blake (Jeremy Bobb), der andere Dinge im Kopf hat. 

In Momenten erinnert diese Grundsituation an jene im Stummen Diener von Pinter: die Außenwelt kommuniziert nur roboterhaft, anonym mit ihr,– zumindest scheint sie es so zu empfinden; den Vermieter lässt sie schon gar nicht rein, dem schiebt sie die Miete unter der Tür durch. Eine hermetisch abgeschlossene Welt, nicht unpassend zu den Lockdwon-Situationen durch Corona. 

Bedrohlich wirken die Radioberichte von einem Serienmörder. In ihrer Verzweiflung bestellt June einen in der Zeitung annoncierenden Midnight Cowboy (Sean Pilz), der sich an der Tür als Reinigungsservice ausgibt. 

Naomi Watts spielt großartig diese verunsicherte, tief irritierte, wie steril von der Außenwelt abgesonderte, kriselnde Frau, die nicht zurechtkommt, der jegliche rationale Alltagsbewältigung zu entgleiten droht, der Draht zur Außenwelt wie abgeschnitten, der das Geld ausgeht und die von der Verlegerin unter Druck gesetzt wird, für die es die Dualität Innenwelt/Außenwelt nicht mehr gibt: die Isolation. 

Die deutsche Synchro ist erstklassig. Als ordentlicher Ostküstenfilm hat er dann doch noch eine Botschaft parat, es gibt einen Ausweg und damit könnte für June weiterer schriftstellerischer Erfolg winken. 

Das Durchbrechen der Isolationswand passiert nicht unbedingt da, wo man es erwarten würde.

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden (DVD und VoD)

In Corona-Zeiten vielleicht noch schauderlicher, stell dir vor, Du sitzt als einziger Passagier in einem Intercity und der einzige weitere Passagier, der zusteigt, setzt sich genau Dir gegenüber, behauptet Psychiater zu sein und fängt an, Geschichten zu erzählen, die sich Dir in die Eingeweide bohren…. Siehe die Review von stefe. 

Run (DVD)

Frauen wie Gemälde,

das ist natürlich nur das Zückerchen, wie Sarah Paulson als Diane Sherman und Kiera Allen als Chloe Sherman von der Maske hergerichtet sind; das erinnert an die ganz große Renaissance-Malerei und macht den Gegensatz zur Handlung des Filmes von Aneesh Chaganty, der mit Sev Ohanian auch das Drehbuch geschrieben hat, nur umso prickelnder, gôuteuser. 

Chaganty filettiert in seinem präzisen Film mit einer hochkonzentriert auf das Wesentliche fokussierten Kamera einen entfesselten Muttermechanismus – der reine Horror. 

Und es ist schon schwarzhumorig zu nennen, den Film mit einer Anzeigentafel voller Informationen über eine ganze Anzahl von schlimmen Krankheiten anzufangen, von Herzinussfizienz bis Diabetes, die alle lebensgefährlich werden, wenn der Patient nicht dauernd die entsprechenden Medikamente nimmt. 

Eine ganz heutige Geschichte also, wie viele Menschen haben nicht ihr Tablettenkästchen, in dem für jede Tageszeit die bunten Pillen nach Stunden der vorgesehenen Einnahme geordnet liegen. Das ist ein geschickter dramaturgischer Zug, um das Hauptthema ganz hinterlistig nach und nach einzuführen. 

Diane hat gelähmte Beine und jede Menge weiterer Krankheiten, sie braucht immer wieder einen Mundspray, sitzt im Rollstuhl. Sie wird von der Mutter zuhause unterrichtet. Sie war wohl ein Frühchen, das lässt der Film vermuten mit dem Bild von einem dick verkabelten Säugling im Brutkasten – 17 Jahre früher. 

Aber Mutter Diane ist allerliebst, kümmert sich hingebungsvoll um ihre Tochter. Sie nimmt auch an den regelmäßigen, monatlichen Treffen für zuhause unterrichtende Eltern teil. Vorbildlich durch und durch. Sie wohnt abseits in einem schönen nordamerikanischen Holzhaus, baut streng beherrscht einen Gemüse-Garten drum herum an. Aber so einsam und wie es ins Bild gesetzt ist, erinnert es an filmische Horrorhäuser. 

Chloe ist jetzt 17, bewirbt sich an Universitäten und wartet täglich hoffnungsvoll auf positive Resonanz; der Postbote als Heilsbringer und vielleicht auch als Retter aus der einsamen Welt. 

Chloe ist intelligent und hat also berechtigte Hoffnung auf Zusagen. Die harmonische Idylle bekommt Risse, wie Mutter eines Tages eine neue Tablette für die Tochter mitbringt. Etwas macht Chloe stutzig. Sie wird selber aktiv und kommt mittels halsbrecherischer und lebensgefährlicher Exkursionen der Wahrheit auf die Spur; sie hangelt sich an einem dünnen Faden aus ihrer Geborgenheit heraus, die immer mehr zum bedrohlichen Gefängnis zu werden droht. Wobei das Kino als Veranstaltungsort freiwillig und gerne sein Teil zur Befreiung beiträgt, somit einen Hilfsanker bietet, sich aus dem Spinnennetz einer allmächtig wirkenden Mutter zu befreien. 

Die beiden Frauen spielen diesen Psychothriller fabelhaft. Chaganty injiziert den Schauder direkt wie mit einer Spritze unter die Haut, durch seine luzide Erzählweise, die auf Firlefanz konsequent verzichtet; was die an sich nicht neue Geschichte heftig werden lässt. Bestens geeignet für das Heimkino in coronadröger Zeit – und man braucht nicht gleich einen ganzen Kanal dafür abonnieren. 

Vento Seco (VoD und DVD)

Sandro Karnas 

(Leandro Faria Lelo) ist Arbeiter in einer Düngemittelfabrik irgendwo in brasilianischem Niemandsland. Er ist schwul, aber nicht geoutet, entspricht nicht den queeren Schönheitsidealen, keineswegs, er ist schon etwas älter, rundlich, alles andere als markant; aber Männer ziehen seine Augen magisch an; er führt ein verborgenes Schwulenleben, unauffällig. 

Der Film von Daniel Nolasco zeigt im Schwimmbad gleich, was sein Thema ist, was ihn fasziniert. Aber er organisiert es nicht als Film für Voyeure, sondern als Themenfilm in Form eines Porträts von Sandro. 

Nolasco beschreibt Sandros profanes, glanzloses Arbeiterleben. Die Fabrik an einer Autobahnausfahrt mit einem Kreisel vorm Parkplatz. Viele Szenen spielen dort, symbolisieren den ewigen Kreislauf der Routine, zur Arbeit kommen, dann wieder wegfahren. Das thematisitert die Kollegin Paula (Renata Carvalho) in einem Gespräch mit Sandro. 

Paula ist gewerkschaftlich engagiert, versucht die Arbeitskollegen zu aktivieren gegen die miesen Arbeitsbedingungen. Sie platzt immer wieder in Sandros Abschweifungen und Träumereien, stört die Augenkreise seiner ungestillten Sehnsucht. In diesem Suchen erzeugt Sandro Empathie. 

Die Eingangsszene spielt in einem Schwimmbad; die Kamera weiß, wohin sie sich zu fokussieren hat; ein beengter Horizont, sicher, aber auch ein eindeutiger; es sind die Blicke von Sandro, besonders, wenn es nach dem Schwimmen mit lauter nackten Männern unter die Dusche geht. 

Sandros Leben wird als zwiegespalten geschildert. Es ist das Arbeiterleben, das sind Gespräche mit Kollegen, die Fahrt zum Job, das Parken des Autos aber auch Einkaufen; gerade hier kommt es immer wieder zu Begegnungen. 

Real dürften auch die diskreten Treffen mit Kollegen Ricardo (Allan Jacinto Santana) sein; es sind dies Verabredungen in einem Eukalyptus-Wald; heiße Sextreffen und ungehemmt. 

Es gibt aber auch die Traumwelt von Sandro; die ist erotisch sowohl in der filmischen Farbgebung der eindeutigen Schwulen-Szenerie und dazu musikalisch aufgepumpt; es sind die Bilder von Sado-Maso-Welten, Lack, Leder, Stiefel, Leine. Hier wird der Film hard-core, weshalb er als „nicht jugendfrei“ prädiziert ist. 

Nolasco beschreibt recht realistisch diese Gay-Zwischenwelt, die immer auch im Arbeitsalltag, zu dem ebenso eine Geburtstagsparty oder der Ausflug zu einem Festival gehören, aufblitzt, präsent ist und sich kaum zurückhalten kann. Und, bei aller Losheit der Beziehung zu Ricardo, ist Eifersucht nicht weit, Beziehungsclinch in der Nichtbeziehung – und dauernd ungestilltes Sehnen.