Archiv der Kategorie: DVD

Kommentar zu den Reviews vom 25. August 2016

Mixed Pickles aus Horror, Magie, Extremsport, gemischter Familienschlachtplatte und Krieg.

THE SHALLOWS – GEFAHR AUS DER TIEFE
Die Meerjungfrau und der Weiße Hai; und was sonst noch in den Untiefen einer friedlichen Bucht schlummert; der Schein des schönen Surfens und der schönen Surfer trügt.

DIE UNFASSBAREN 2
Magiergala auf hohem internationalem Niveau zwischen Boston und Macao; der Kampf zwischen „Evidenz herstellen“ und „Evidenz verschwinden lassen“ – oder wie trickse ich moderne Sicherheitsschleusen aus.

CHASING NIAGARA
Hier handeln die Sportler verantwortungsbewusster als die Produzenten. Abenteuer Niagara-Fälle: er überlebt, er überlebt nicht, er überlebt, er …

MOTHER’S DAY – LIEBE IST KEIN KINDERSPIEL
Mixed Familien-Pickles; Familien sind längst nicht mehr intakt, aber man schustert sich zurecht, denn ohne geht es auch nicht. Darüber soll hier gelacht werden.

Neu vorgestellte DVD

KILO TO BRAVO
Wer solches erlebt hat, möchte es nie wieder erleben; ein Thriller um verborgene Personenminen.

Kilo to Bravo (DVD)

Ein Antipersonenminenfilm – bis zur Zerreißspannung.

An die Nieren gehender, durchkomponierter Stillstand unter praller Sonne in der Wüste im Afghanistankrieg auf einem Minenfeld in der berüchtigten Helmlandprovinz.

Laut Abspann ist es dann doch nur ein Heldengedenken- und Heldenverehrungskriegsfilm und insofern ein Propagandafilm nach der schrecklichen Begebenheit im Kajaki Minenfeld in einer der gefährlichsten afghanischen Provinzen anno 2006 in der Helmland Provinz, der verlustreichsten Provinz in der Afghanistaninvasion der NATO; über einige der Original-Beteiligten ist im Abspann zu lesen „all continue to serve their Regiments, Queen and Country with pride and destinction“. Und jetzt bitte die Nationalhymne und Fahnenaufzug und strammstehen.

Dabei wirkt der Hauptcontent dieses Filmes von Paul Katis nach dem Drehbuch von Tom Williams alles andere als ein Propagandafilm. Das ist selten im Kriegsfilmgenre: diese hohe Konzentration, der überwiegende Verzicht auf Action, die Umsetzung der unter der Lupe genommenen Situation im Minenfeld von Kajaki mit theatraler Strenge, auch was den Rhyhtmus betrifft, die hauptsächliche Reduktion auf diese enge, verminte Passage eines ausgetrockneten Flussbettes, das an den sandigen Stellen ein nicht erkennbares Minenfeld ist.

Theatral auch insofern als der Hauptheld in einer der letzten Einstellungen wie in einem Bühnenschlussbild am Boden kniet. Auch das ist selten: ein Kriegsfilm, bei dem so viele Soldaten so lange vor allem auf den Knien sind. Denn das Gebiet ist gefährlich, jede Bewegung, ja eine geworfene Wasserflasche kann die nächste Mine zur Explosion bringen.

Theatral beeindruckend ist auch die Dosierung von Ruhe, Zwiegespräch, in der Kadenz von letzten Worten, letzten Witzen und einem letzten Happy Birthday, und auch der Schmerzenssschreiorgien; theatralisch, jedoch verstanden als Mittel zur Verstärkung der filmischen Wirkung, auch was die Schminke der Minenverletzungen betrifft, diese aufgequollenen Lippen, diese verschiedenen Hautfärbungen, die Fleischklumpen, das wäre für jeden Horrormaskenbildner eine Herausforderung; schmerzhafte Details der Erstversorgung von Patienten mit Bein- und Armverlusten, ein quälend langsames Drama, nicht im Sinne von langweilig; harte Kriegskost, nicht für schwache Nerven.

Zur Glaubwürdigkeit tragen auch diese teils kaum verständlichen britischen Dialekte bei und die unendliche Zeit, kaum auszuhalten, die vergeht, bis endlich die rettenden Black Hawks kommen und waghalsig die Verletzten in die Höhe ziehen. Wobei das Sujet schon öfter zu sehen war in Afghanistan-Filmen: eine Patrouille geht los von einem erhöhten, einsamen Ausguck aus, auf welchem vorher die Zeit mit Rumhängen, sportlichen Übungen, Small-Talk über Familie und Sex und Gay und Pricks und Tripper und Fucking und Ratschen zerbröselt wird, mit Zigarettenrauchen und wieder die Gegend beobachten friedlich, fast wie im Sommercamp.

Bald tritt einer auf eine Mine. Das wars dann aber schon mit der Gemeinsamkeit zu anderen Filmen, zum Beispiel der dänische A War. Hier hat der Film sein Zentrum, seine zentrale Schaustätte gefunden, auf die die Filmemacher einen teils kaum erträglichen, schon gar nicht für zarte Gemüter, unbeirrbaren Blick werfen und kaum Details auslassen.

Umso mehr schwebt die ganze Zeit die Frage im Raum, was machen die hier bloß in dieser Einöde? Der Film ist insofern auch aktuell, weil in England eben untersucht worden ist, wie rechtens und berechtigt die Entscheidung von Tony Blair für den Irakkriegeinsatz gewesen ist.

Der Afghanistankrieg dagegen, der ist schon fast vergessen, vor allem: verdrängt. Dass irgendwas am Hindukusch nicht so ganz in Ordnung ist, erfährt man lediglich an den stetig steigenden Zahlen von Flüchtlingen aus Afghanistan. Schöne Inschrift anfangs auf einem Felsen zu lesen: „Please leave all Morale here“. So wirkt der Film als engagierter Kriegsverarbeitungsfilm.

Der Titel ist ein Wortlaut aus dem Funkverkehr.

Kommentar zu den Reviews vom 11. August 2016

Kleine gemischte Platte aus fett und schwer Bayerischem, Reise- und Kulturlust, aus Verfolgungsjagd und Weltrettung.
Meine Tipps wären: im Kino: El Viaje und bei den DVDs: Klänge des Verschweigens.

EL VIAJE
Rod Gonzalez von der Band „Die Ärzte“ lässt uns unprätentiös teilhaben an seiner persönlichen Entdeckungsreise zur Musik von Chile, seiner Heimat, die er als Bub mit den Eltern vor Pinochet verlassen musste. Der Meinung im Film, es handle sich um einen nützlichen Film, wollen wir nicht widersprechen.

GENIUS: DIE TAUSEND SEITEN EINER FREUNDSCHAFT
Der Kampf zwischen Dichter und Verleger um ein Meisterwerk auf Kosten von Familie und privaten Beziehungen in schönen, milden Bildern.

SCHWEINSKOPF AL DENTE
Hier haben sich die Filmemacher allzu gemütlich eingerichtet im Erfolgsgefühl der zwei Vorgängerfilme und in der bräsigen Wahrheit der Romane von Rita Falk, wie sich abstrampelnde Provinzis einen an sich sympathischen Dorfpolizisten vertrocknen und verdorren lassen.

TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES 2
Wer so mutig und tüchtig die Welt rettet wie die Turtles, der darf sich echt als New Yorker Bürger fühlen. Apart sehen sie trotzdem aus.

JASON BOURNE
Ex-Agent Bourne lebt nach der Devise, nur wer untertaucht, kann überleben. Regisseur Ross widerlegt ihn mit reißerisch inszenierten Verfolgungsjagden.

Neu vorgestellte DVDs

KLÄNGE DES VERSCHWEIGENS
Klaus Stanjek ist dem Phänomen innerfamiliärer Sprachlosigkeit auf der Spur, das weiter verbreitet sein dürfte als vermutet; das auch hochaktuell ist zum Beispiel in Familien, aus denen jugendliche Amokläufer entspringen. Bei Stanjek geht es um die familiäre Wortlosigkeit von öffentlich breit abgehandelten Themen wie Homosexualität und KZ.

THE BRAVE
Mal ehrlich, würden Sie auch so handeln, wie Johnny Depp hier, der Marlon Brando das Ehrenwort gegeben hat; ein Ehrenwort mit furchtbaren Folgen?

HANNAHS RENNEN
Coming of Age einer hübschen Protagonistin mit Pferd und Herz und Mut und Charakter.

Klänge des Verschweigens – ein detektivischer Musikfilm von Klaus Stanjek (DVD)

Symptom und nicht Einzelfall.

Erkundung eines prekären Bewusstseins zu den Themen Nationalsozialismus, KZ und Schwule im familiären Bereich; dass es sich dabei nicht um einen privaten Einzelfall, sondern um ein nach wie vor latent gesellschaftliches Phänomen in Deutschland handelt, zeigt der Umgang des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit diesem Film von Klaus Stanjek. Der WDR habe lange gezögert, bis er ihn überhaupt gesendet habe, war zu erfahren, dadurch seien dem Filmemacher die Hände lange Zeit für eine weitere TV-Verwertung gebunden gewesen, dann sei der Film um 01.45 Uhr nachts ausgestrahlt und anschließend nicht wie üblich in die Mediathek gestellt worden. Deutschland soll offenbar nichts über sich erfahren; soll nicht in den Spiegel schauen.

Das wäre sicher eine spannende Rechercheaufgabe, zu erkunden, warum genau der WDR und andere fördernde Gremien diesen Film so stiefmütterlich behandelt bis abgewiesen haben, denn fachliche Einwände dürfte es kaum geben, handelt es sich doch um eine erstklassige Dokumentation. Dieses Verhalten bestätigt geradezu die Wichtigkeit des Filmes. Vor allem wenn man bedenkt, was uns sonst aus dem Bereich der Zwangsgebührenkunst alles an Belanglosigkeit vorgesetzt und zugemutet wird.

Es muss sich also um ein ganz heißes Eisen handeln, was Klaus Stanjek hier behandelt. Außerdem ist die Dokumentation auch noch spannend, denn der Filmemacher schreibt nicht einfach die Biographie seines Onkels, des Musikers Willi Heckmann, der schwul und deshalb im KZ war. Stanjek geht von seiner eigenen Wahrnehmung und Neugier aus. Er begibt sich auf einer Erkundungsreise dem Gefühl nach, was denn so besonders an diesem Onkel war.

Wie Stanjek Filmemacher geworden ist und ein paar Dinge vom Onkel erfahren hat und einen Film über dessen Leben machen wollte, lehnte dieser ab. Erst nach dessen Ableben entschied sich Stanjek für dieses Projekt, diese Spurensuche nach einer verschwiegenen, verdrängten Vergangenheit, mit welcher ihm ein schmerzhaftes Bild eben nicht nur über seine Familie, sondern generell über die Mechanismen von Verdrängung, Nicht-Wahrhaben-Wollen und von Sprachlosigkeit in einer deutschen Familie gelingt (da läuft es einem kalt den Rücken runter, wenn man erfährt, dass die Familie des Amokläufers in München auch nicht die geringste Ahnung von den Aktivitäten ihres Sohnes, der bei ihnen in der kleinen Wohnung gelebt hat, hatten).

Stanjek kommt damit nah an eine gesellschaftliche Realität, die sich der Schilderung geschickt immer wieder entzieht. Er dokumentiert nicht primär die Biographie seines Onkels, sondern die Unfähigkeit oder Schwierigkeit seiner Umgebung, über ihn und die mit ihm verbundenen Themen zu sprechen. Wobei heute zwar sowohl Nazizeit-Aufarbeitung als auch Schwulität öffentliche und förderungswürdige Themen sind, solange sie als Themen auf der öffentlichen Bühne ausgestellt werden; aber eben nicht, wenn es um die Rezeption und Behandlung in der privaten Stube geht. Im Film von Stanjek offenbart sich eine erheblich Divergenz zwischen öffentlicher und privater Aufarbeitung.

Indirekt wirft Stanjek somit die Frage auf, ob diese ganze Aufarbeiterei und Thematisiererei nicht viel mehr Etikett und Pseudogeplappere als ernsthafte Auseinandersetzung sei. Es ist eben ein Unterschied, ob etwas den privaten Bereich berührt oder ob es sich bloss um ein öffentliches Verhandlungsthema handelt.

Willi Heckmann, der Onkel des Filmemachers, war ein Mann mit Geheimnis, ein unterhaltsamer, famoser Musiker und Sänger. Der kleine Bub Klaus Stanjek bewunderte ihn und spürte, dass er etwas Besonderes sei. Dieses Besondere war vielleicht dadurch noch interessanter, als nicht darüber gesprochen wurde.

Selbst nach Artikulation der beiden Themen der Besonderheit, nämlich der Homosexualität und der durch sie begründeten 8-jährigen KZ-Haft ohne Prozess, bleibt noch das Geheimnis, wie konnte der Onkel Dachau und Mauthausen so lange aushalten? Die durchschnittliche Überlebensdauer der Gefangenen war anfänglich 6 Monate, später nur noch drei. Und der Onkel sei kein Schläger gewesen in dem brutalen Kampf ums Überleben, sagt ein Schicksalsgenosse und Zeitzeuge.

Dieses Geheimnis kann der Filmemacher Klaus Stanjek auch nicht lüften. Die Arbeiten im Steinbruch waren mörderisch, er fragt sich, wie Willy das mit seinen zarten Musikerhänden überstanden haben kann.

Es gibt Hinweise. Stanjek ist auf Fotos gestoßen, auf Augenzeugen im Rahmen seiner weiterführenden Recherche. Willy war als Musiker im KZ bevorzugt, konnte der SS bei speziellen Anlässen vorspielen. Die Musiker mussten auftreten beim Besuch von Göring und anderen SS-Chargen, bei Galaabenden im Speisesaal. Die Musiker sollten den Eindruck von Kultur aufrecht erhalten, von Menschlichkeit, wobei die Entmenschlichung der Gefangenen in kürzester Zeit vonstatten ging, wie ein Überlebender erzählt.

Ein grausame Kerngeschichte dieses KZ-Lebens rankt sich um ein Bild von einem Umzug mit dem Gefangenen-Orchester, der Onkel mit der Harmonika und im Sträflingsanzug vorne mit dabei. Hinter ihnen wurde auf einem Wagen ein geflohener und wieder eingefangener Häftling stehend zur Hinrichtung gezogen. Der Weg wurde von Spottliedern begleitet.

Stanjek spielt filmtechnisch gerne mit den Archivfotos, animiert sie, wodurch ihnen die grauenhafte Tristesse etwas genommen wird.

Bei seinen Nachfragen in der Familie stößt Stanjek auf ein typisches und immer noch weit verbreitetes Problem, wie eine „normale“ Famillie sich auch heute noch schwer tun kann mit dem Thema Homosexualität, und dass das in der eigenen Familie vorkommen kann und wie es am liebsten als Nicht-Thema behandelt wird.

Eine Verwandte will überhaupt erst auf der Rückfahrt von der Beerdigung des Onkels davon erfahren haben. Andere tendieren dazu, Homosexualität mit Kinderschänderei gleichzusetzen, weil Heckmann, das entnimmt Stanjek einem Archiv-Hinweis, mit einem „Hitlerjungen“ etwas gehabt habe; wobei diese just keine Kinder mehr waren.

Auch das Geheimnis kann Stanjek nicht lüften, warum die bürgerliche Welt, wobei hier vor allem Frauen aus seiner Verwandtschaft und frühere Nachbarinnen interviewt werden, sich mit dem Thema so schwer tun.

Eindrücklich sind die Berichte ehemaliger Häftlinge. Aus den Interviews gibt’s auf der DVD, zum Memorieren sozusagen, nochmal Kurzausschnitte als Bonusmaterial gekennzeichnet, auch aus den Besuchen in Archiven und dem Besuch im schwulen Museum in Berlin.

Das Booklet zur DVD enthält angenehm knappe und informative Texte zur Geschichte der Homosexuellenverfolgung, ein Gespräch über das berühmte Harmonika-Bild, Infos über das Leben im KZ, Lagerorchester, Schlagerschreibstube, die Privilegien der Musiker, über den Steinbruch in Mauthausen, das Familientabu, Denunziation in Wuppertal, Wuppertal und Göbbels.

Sprachlosigkeit in der Familie, filmisch aktuell in Pedro Almodovars Julieta, tagespolitisch höchst akut im Falle eines jungen Attentäters von München, der unaufällig im Schoß seiner Familie lebte, die von den Aktivitäten des Sohnes nichts mitbekommen haben will.

The Brave (DVD)

Großes Indianerehrenwort.

Johnny Depp lässt sich als Indianer Raphael von Marlon Brando als McCarthy in einer seiner letzten Rollen die höheren Weihen erteilen, kassiert einen Vorschuss von 50’000 Dollar, verkauft seine Seele und bietet sich mit seinem Indianerkopftuch und den langen schwarzen Haaren für die Karibikpiratenfilme an.

Der Film wurde 1997 gedreht. Johnny Depp hat mit Paul McCudden und D.P. Depp nach dem Roman von Gregory McDonald auch das Drehbuch geschrieben und die Regie geführt. Er lässt sich ausgiebig Zeit für Stimmungsbilder, für Kinobilder aus dem Fundus der Wild-West-Filme: die Melancholie der Prärie inklusive Gitarrensong dazu, Eisenbahnstrecke, staubige Piste, Rauch, Wind, Sand und irgendwo ein aufgelassenes Fabrikgebäude, einsame Figuren auf einsamen Wegen, sparsame Dialoge und dazwischendrin herzerweichende Vater-Sohn-Szenen.

Die Musik hat Iggy Popp zusammengestellt. Die Stimmung trägt durchgehend, auf dem Schrottplatz, an dessen Fuß die armselige Indiossiedlung steht, in der Siedlung selber, im Campingwagen von Raffael, den er mit seiner Frau und zwei süßen Kindern bewohnt, in der Kneipe oder auf dem Dorfplatz, der zum Rummelplatz wird. Denn über allem schwebt ein Deal, der Schaudern macht: Raffael hat seine Seele, er behauptet zwar: nur seinen Körper, verkauft und hat bereits eine für Indioverhältnisse gigantische Anzahlung kassiert.

Raffael hält mit seinem neuen Reichtum nicht hinterm Berg. Er kauft einen neuen Fernseher, schmückt den Rummelplatz mit Lichtern. Er gibt Geld aus für die Familie. Er behauptet, einen neuen Job zu haben. Das stößt auf Misstrauen, besonders am Stammtisch, denn den Leuten geht es beschissen.

Raffael selbst hat eine Karriere mit Knast hinter sich: Trunkenheit, Randalieren, Einbruch, Körperverletzung. Den Deal, der ihn sein Leben kosten wird, schlägt ihm Marlon Brando vor in einem Echo auf die Rolle des Paten, im Rollstuhl bewegt er sich, spielt Mundharmonika, philosophiert platonisch vom Leben als einem Schattenspiel, ein Ohr wird gut von den Haaren zugedeckt, da könnte ein Knopf für den Text drin stecken und Johnny wirkt wie kniend und anbetend vor dieser schauspielerischen Übergröße, vor diesem Schauspielergott, ganz der aufmerksam gelehrige Schüler.

Und stimmt, so will es das Drehbuch, dem Handel zu, der ein selbstmörderischer mit dem Teufel ist und den er, da er sich zur Aufgabe seines Lebens verpflichtet, nicht mehr wird kontrollieren können. Insgeheim wünscht man ihm, er möge doch auf so ein verflixtes Wort pfeifen.

Vielleicht ist es auch der Handel, den ein Schauspieler, wenn er ein Star, ein großer Star werden will, eingehen muss, er muss die Seele verkaufen. Das scheint mir die zweite Ebene dieses Filmes zu erzählen. Dazu muss er stehen. Mit seinem Indianerehrenwort.

Hannahs Rennen (DVD)

Auf solche Kinder dürfen wir stolz sein. Eine Pferderanch in einer mildgrünen Landschaft in Hancock County, Mississippi. Eine rechtschaffene Familie, die Rhodes. Vater (Luke Perry), Mutter (Candice Michele Barley), Coming-of-Age-Tochter Hannah mit schönem Schmollmund (Danielle Campbell), aufrechter Charakter und der kleine Bruder Rudy, vorpubertär.

Glück rundum. Vater und Tochter reiten aus. Vater schwärmt vom Glück. Dass er hart gekämpft hat, bis es soweit war, erfahren wir später.

Für eine Rührgeschichte ist pures Glück zu wenig. Also lassen die Autoren Sean Huze und Gianna Montelaro den Vater in der Regie von Teddy Smith einen tödlichen Herzinfarkt erleiden. Den spielt er im Pferdestall.

Für die reduzierte Familie heißt es jetzt kämpfen. Mutter ist verzweifelt, Schulden drücken, die sie nie wird bezahlen können. Doch den Drehbuchautoren, die sicher schon andere Pferde- und Coming-of-Age-Filme von Mädchen gesehen haben, kommt der rettende Einfall vom baldigen Pferderennen, bei welchem viel Geld zu gewinnen ist.

Das Pferd als Mittel zum Erwachsenwerden für eine junge Frau. Das läuft nicht ohne innere Kämpfe ab. Das Böse ist nicht weit. In einer Spelunke, in der Billard um Geld gespielt wird, hängen düstere Gestalten herum, verführbare Gesellen. Der Gläubiger mit dem verlebten Gesicht eines alternden Bonvivant und schmierigen Schurken zugleich, Darden (Thomas Francis Murphy), findet hier den gutmütigen, verschuldeten Jeffrey, im Inneren eine reine Seele auch er, der weiß, dass die Rhodes gute Leute sind, ausgerechnet er soll vor dem Rennen dem Pferd heimlich eine Droge verabreichen (Hannah wird nach dem Rennen sagen, sie habe das Gefühl gehabt, ein anderes Pferd zu reiten).

Genau so gehört es sich für eine Coming-of-Age-Geschichte einer jungen Frau. Damit ist die Schiene gelegt für eine heldenhafte, mutige, von inneren Kämpfen und Gewissensdiskussionen begleitete Geschichte, in die auch immer wieder der verblichene Vater ermunternd eingreift, an den Stolz und die Ehre und das Selbstbewusstsein seines Nachwuchses appellierend.

Und der Druck, den die Mutter auf die Tochter ausübt. Die Geschichte hält noch einen weiteren Twist bereit, so dass das überaus glückliche Ende der Protagonistin einen der treuherzig und ehrlich mit Dackelblicken strahlenden jungen, muskulösen Männer für einen unbeschwerten Rummelbesuch an die Seite spült.

Musikalisch wird die Geschichte mit sanften, zarten Gitarrenklängen und Songs dezent unterlegt.

Aber auch das: eine Rührgeschichte schön zu erzählen, das will gekonnt sein. Und schön und beruhigend sind die Bilder. Sie verströmen Geborgenheit, denn der Regisseur hat bislang überwiegend als Kameramann gearbeitet. Um der angenehm kurzen Angelegenheit tiefere Bedeutung zu verleihen, hat er seinem Film dieses Zitat vorangestellt: “God forbid that I should go to any heaven where there are no horses.“ R.B. Cunningham-Graham, 1917 in einem Brief an Theodore Roosevelt. – Ein Pferd, ein Pferd, ein Königreich für ein Pferd.

Der Bunker (DVD)

„Im Bunker gedeiht die Bunkermentalität. Das ist das satirisch-absurde Pflänzchen, was Nikias Chryssos mit seinem Film liebevoll pflegt und illustriert.“ So fängt stefes Review an. Es kommt ein Gast zu Besuch, der diese Mentalität auf die Probe stellt.

Von 5 – 7 – Eine etwas andere Liebesgeschichte (DVD)

Du hast mich tief berührt. Ich hätte alles getan, um dich zu retten.
„The Beautiful Kate Kaurate, Age 18 deserved so much better & died so young.
I was so moved by you, I would have done anything to save you.“

Diese im Anspann zitierten Sätze hat die Hauptfigur des Filmes, ein unbeschriebenes Blatt von talentiertem Autor, auf einer Parkbank als Widmung gefunden. Er sammelt zwei Arten von Texten. Das eine sind diese Dedikationen auf Parkbänken, die je eine Liebesgeschichte erahnen (oder literarisch erfinden) lassen; das andere sind die Absagen von Verlagen, mit denen der ambitionierte Nachwuchsschreiber zuhause eine Zimmerwand dekoriert, es werden ihrer immer mehr.

Zu vermuten, dass der Autor und Regisseur Victor Levin, der bisher vor allem als Produzent in Erscheinung getreten ist, damit durchaus eigenes Erleben in den Film einbringt, vielleicht Rückschau hält auf vergangene, jugendliche, dichterische Ambitionen, der Traum, gedruckt zu werden, in den Schaufenstern zu stehen oder im „New Yorker“, der Traum, bekannt und ein Name zu werden.

Wenn man nur das Rezept wüsste. Man müsste Geschichten erzählen, die die Leute mögen. Das sind die Ambitions-Parameter, mit denen Levin seinen Protagonisten ausstattet, Brian Bloom. Er wird dargestellt von einer High-Hope des Kinos, von Anton Yelchin, der eben im Juni bei einem Autounfall tödlich verunglückt ist; eine unerwartet tragische Komponente, die der Film so erhält.

Dabei setzt er auf Zukunft und Hoffnung. Es scheint, dass der junge Autor Brian Bloom ganz systematisch vorgeht im Erfinden seiner Geschichte, in der Erzählung.

Die Erstbegegnung mit Arielle, Bérénice Malohe, eine aparte Französin: sie steht rauchend auf der anderen Straßenseite. Er geht zu ihr rüber. Über Dialog wird sofort eine Affäre daraus mit strikten Regeln: immer nur von 5 – 7 dürfen sie sich treffen (im Carlyle-Hotel, im Kino, im Museum, am See oder in der Vinothek).

Die geheimnisvolle Arielle (zu deutsch: Meerjungfrau), ist verheiratet mit einem französischen Diplomaten, hat zwei entzückende Kinder. Sie hat früher Liebe für Geld verkauft. Es schält sich also auch hier, wie schon kürzlich in Palmen im Schnee ein mehrfaches Konzept der Liebe heraus: Liebe zum Geldverdienen, Liebe zum Unterkommen in der Ehe und die Affäre, die in diesem Falle hochoffiziell wird.

Brian wird in die Familie von Arielle eingeladen, dem Ehegatten Valery, Lambert Wilson, vorgestellt. Er ist hoch erfreut über die Beziehung. Sie wirke sich positiv auf seine Frau aus. Brian wird die Kinder hüten. Er wird Arielle auch seinen etwas kleinkarierteren Eltern vorstellen. Sein Vater regt sich vor allem über hohe Parkgebühren auf und ist nicht begeistert von der schriftstellerischen Ambition seines Sohnes.

Die Affäre steigert sich. Brians Gefühle werden überdimensioniert, radikal, total, er begehrt sie ganz. Früher hätte dieser Wunsch auf ein Duell mit dem Ehegatten hingeführt. Heute gibt es andere Möglichkeiten.

Levin arbeitet sich sorgfältig voran von Szene zu Szene in der Art eines Dialog- und Salonstückes in die Gefühlsentwicklung des doch sehr akademischen Jungautors und Talentes, der auch noch unter seiner jüdischen Herkunft leidet. Und Levin hat ein Einsehen mit dem Karrierewunsch von Brian und auch mit dessen Gefühlswallungen für Arielle. Diese werden sich legen, Brian wird sie exploiten für den Roman mit ihrem Namen als Titel; der selbstverständlich erfolgreich sein wird.

Bei einem Besuch im Guggenheim-Museum wird bei der Betrachtung des berühmten Hopper-Gemäldes „Night-Hawks“ die Totheit der Figuren konstatiert und kontrastierend dazu der Wunsch zu leben artikuliert (der in der Affäre ansatzweise verwirklicht wird). Und es gibt den selbstironischen Literaturkommentar: „Ihre Geschichte hat eine Ahnung von Größe.“ Dem soll hier nicht widersprochen werden.

Die Musikuntermalung gibt sich sanft-klassisch-getragen.

UHF – Sender mit beschränkter Hoffnung (DVD)

Was ist die bessere Unterhaltung? Diejenige, die sich über die schlechtere Unterhaltung lustig macht, die schlechte Werbung überrissen veräppelt, die Talkshows durch den Kakao zieht, die den eigenen Looserhelden als Jäger des verlorenen Schatzes einen Oscar erträumen, als Conan zum kraftstrotzenden Bibliothekar mutieren oder als Gandhi II von der Maxime der Gewaltlosigkeit abrücken lässt?

Dieser Held ist George, ein Looser par Excellence, es ist zum Verzweifeln, alles, was er anpackt gelingt nicht. Sein Onkel will ihm helfen, einen eigenen, lokalen TV-Sender, Kanal 62, wieder flott zu bekommen, ein aussichtsloses Unternehmen, was von Anfang an auf Erfolglosigkeit programmiert ist, denn in dem amerikanischen Kaff, in dem dieser Film von Jay Levey aus dem Jahre 1989 spielt, dominiert das alte, kapitalistische Arschloch von Fletcher, eine 100 Prozent dreckig dargestellte Figur und ein bisschen dumm dazu, aber das sind sie hier alle und tapsen nur mehr oder weniger geschickt damit in der Weltgeschichte herum, er mit seinem Kanal 8.

Außerdem sitzt in den Räumlichkeiten von Kanal 62 bereits ein freakiger Tüftler, der sich noch als hilfreich erweisen wird, wie Fletcher sich in seiner Medien-Monopol-Stellung bedroht sieht.

Ein gutes Herz kann jedoch, wie die blinde Sau eine Eichel findet, auch mal einen Hauptgewinn ziehen. George hat ein gutes Herz. Deshalb engagiert er Stanley als Hausmeister, einen im normalen Leben kaum brauchbaren Typen, ein langer Komödien-Lulatsch mit breiter Lache und einem merkwürdig gebuckelten Körper, wenn er sich bewegt, mehr Karikatur als Mensch, aber mit überströmender Direktheit gesegnet.

Stanely wird in einem Krisenmoment in eine Sendung einspringen und von da ab geht’s stetig bergauf mit Kanal 62.

Der liebenswürdige, gutgläubig-naiv-großäugige George wird gezeichnet als ein bebrillt verträumter Lockenkopf, der vor lauter TV-Arbeit seine eigene Hochzeit vergisst.

Der Film ist gespickt mit Querverweisen auf TV-Werbung, auf Kinofilme, auf Talk-Shows, die 1989 bekannt und populär waren. Aber auch ohne die Kenntnis derselben mag die DVD mit all der Patina, die der Film in über zweieinhalb Jahrzehnten angesetzt hat, Vergnügen bereiten, lässt genügend Zeit für Sprüche eines heutigen geneigten Publikums, das Spaß am Spaß haben mag.

Was ist der bessere Unterhaltungsfilm? Doch derjenige, der hemmungslos all die bereits hemmungslos überzeichnenden Shows noch weiter überzeichnet, grell und unverschämt, aber gleichzeitig herzhaft die Geschichte von einem Verlierer und Träumer erzählt, der mit viel Ungeschick, einem kleinen Quäntchen Glück und einer reinen Seele es den ganzen Kapitalistenschweinen zeigt und so doch noch zu Potte kommt in diesem Leben. Seinem Hausmeister blüht eine angemessene Oscarstatue, wie nur die Provinz sie erfinden kann.

Eine Welt voller Provinztrottel und Semiprofessioneller, mit der der Glücks- und Drehbuchschreibergott ein Einsehen hat.

Palmen im Schnee – Eine grenzenlose Liebe (DVD)

Spätkolonialromanze aus Spanien.

Aus dem schneeigen, bergigen Huesca in Spanien ins tropische Fernando Poo, 1953. Da war dies noch spanische Kolonie. Kilian ist die Hauptfigur. Mit seinem Ableben im Heute fängt der Film in den winterlichen Bergen Spaniens an. Seine Enkelin findet in seiner Hinterlassenschaft ein Schriftstück, das sie neugierig macht und das in die ehemalige Kolonie verweist.

In Rückblenden beschreibt der Film von Fernando González Molina nach dem Drehbuch von Sergio G. Sánchez nach dem Roman von Luz Gabás in epischer Schönschrift die Geschichte von Kilian. Wie er als junger Mann an den Ort seiner Geburt zurückkehrt, in die Kakaoplantage seines Vaters.

In weicher Zeichnung wird das spätkolonialistische Leben auf der Plantage geschildert. Die zwei Gesellschaftsschichten, jene der feinen weißen Herrschaften, der Land- und Plantagenbesitzer und jene der Unterdrückten, der Eingeborenen oder von Sklavennachfahren.

Neben seinem Vater findet Kilian auch seinen älteren Bruder Jacobo, der mit dem herrischen Umgang mit den Indigenen vertraut ist und von dem er die rauen Sitten erlernen soll. Unter der Woche fahren sie mit den Arbeitern auf die Plantagen, treiben sie an. Am Wochende vergnügen sich die anzugbekleideten jungen Herren in der nächsten Ortschaft Santa Isabel und treiben es gegen Geld mit Eingeborenen, denn die Heimat mit der eigenen Frau und den eigenen Kindern ist 6000 Kilometer entfernt – das verbindet sie mit den Plantagenarbeitern, die auch jeweils ein Jahr lang von ihren Familien weg sind; von den steifen Familienessen mit Anzug und Krawatte lassen sich die feinen jungen Herren durch einen Diener wegholen, der kommt und behauptet, es gebe Unruhe bei den Arbeitern.

Mit Kilian ist auch der junge Arzt Manuel auf die Plantage gekommen. Er verliebt sich sofort in die Spanierin Julia. Jacobo, der das Verhältnis zur ihr nie klären konnte, geht leer aus. Kilian dagegen fängt, an Bisila zu lieben. Das geschieht nach einer bezahlten Nacht mit ihr. Zu ihm, das sei echte Liebe erklärt sie ihm später anhand der Differenz mehrerer Lieben, der verheirateten, jener gegen Geld und des Körpers und eben derjenigen, die sie beide verbinde; dies ist eine Liebe mit Texten wie „ich werde immer bei dir sein“, „ich werde immer bei dir bleiben“, „es darf nicht ans Licht kommen“, „auch wenn du mich nicht sehen kannst, bin ich bei dir“ (bevor sie ein Jahr Auszeit nimmt, bis die Kakobäume wieder blühen).

Dieser Liebe stehen Obstakel im Wege. Sie darf nur heimlich stattfinden. Gelegenheit, sich zu treffen, ergibt sich im Lazarett, denn Bisila arbeitet dort als Krankenschwester. Aber Bisila erlebt auch eine Vergewaltigung durch skrupellose Kolonialisten. Da inzwischen die Stimmung für die Befreiung Guineas von der Kolonialherrschaft überhand nimmt, wird das Verhältnis noch schwieriger.

Dass ein Weißer einen Schwarzen tötet und dann einfach verreist ohne weitere Folgen, das dürfte bald schon nicht mehr möglich sein. Zwei weiße Vergewaltiger werden aufgehängt. Und selbst heute, wie die Nachfahrin von Kilian Nachforschungen anstellen möchte, wird sichtbar, dass Rassenvorurteile und die Wunden des Kolonialismus noch längst nicht verheilt sind.

Wobei hier im Film die politische Dimension als bemerkbares und bemerkenswertes Hintergrundgeräusch deutlich vernehm- und spürbar ist, aber der Liebesgeschichte und der Familienerkundungsgeschichte wird vereinnahmend wie in einer Fotoromanze der Vorrang eingeräumt.

Gregorio, ein enger Mitarbeiter des Vaters, war einer der Revolutionäre. Vorzeichen der Revolution sind Anschläge mit Schlangen. Ihrer können sich die Weißen noch mit der nötigen Brutalität erwehren. Die Herrschaften erkennen aber: „früher oder später werden wir gehen müssen“. Bald schon wird die „Republik Äquatorialguniea“ ausgerufen.

Ein Ansatz von Kolonialzeitaufarbeitungsfilm.

Das Symbol der Schildkröten wird eingesetzt, die jungen rennen ins Meer; die Weibchen kommen nach Jahren zurück, um die Eier zu deponieren, die Männchen kehren nicht zurück.

Es gibt traumhaft tropische Wasserfallbilder mit hübscher, fast nackter Frau und mit hübscher Frau und hübschem, nacktem Mann. Und überraschend: der häufige, heftige Regen.
Con gran emoción.