Archiv der Kategorie: DVD

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden (DVD und VoD)

In Corona-Zeiten vielleicht noch schauderlicher, stell dir vor, Du sitzt als einziger Passagier in einem Intercity und der einzige weitere Passagier, der zusteigt, setzt sich genau Dir gegenüber, behauptet Psychiater zu sein und fängt an, Geschichten zu erzählen, die sich Dir in die Eingeweide bohren…. Siehe die Review von stefe. 

Run (DVD)

Frauen wie Gemälde,

das ist natürlich nur das Zückerchen, wie Sarah Paulson als Diane Sherman und Kiera Allen als Chloe Sherman von der Maske hergerichtet sind; das erinnert an die ganz große Renaissance-Malerei und macht den Gegensatz zur Handlung des Filmes von Aneesh Chaganty, der mit Sev Ohanian auch das Drehbuch geschrieben hat, nur umso prickelnder, gôuteuser. 

Chaganty filettiert in seinem präzisen Film mit einer hochkonzentriert auf das Wesentliche fokussierten Kamera einen entfesselten Muttermechanismus – der reine Horror. 

Und es ist schon schwarzhumorig zu nennen, den Film mit einer Anzeigentafel voller Informationen über eine ganze Anzahl von schlimmen Krankheiten anzufangen, von Herzinussfizienz bis Diabetes, die alle lebensgefährlich werden, wenn der Patient nicht dauernd die entsprechenden Medikamente nimmt. 

Eine ganz heutige Geschichte also, wie viele Menschen haben nicht ihr Tablettenkästchen, in dem für jede Tageszeit die bunten Pillen nach Stunden der vorgesehenen Einnahme geordnet liegen. Das ist ein geschickter dramaturgischer Zug, um das Hauptthema ganz hinterlistig nach und nach einzuführen. 

Diane hat gelähmte Beine und jede Menge weiterer Krankheiten, sie braucht immer wieder einen Mundspray, sitzt im Rollstuhl. Sie wird von der Mutter zuhause unterrichtet. Sie war wohl ein Frühchen, das lässt der Film vermuten mit dem Bild von einem dick verkabelten Säugling im Brutkasten – 17 Jahre früher. 

Aber Mutter Diane ist allerliebst, kümmert sich hingebungsvoll um ihre Tochter. Sie nimmt auch an den regelmäßigen, monatlichen Treffen für zuhause unterrichtende Eltern teil. Vorbildlich durch und durch. Sie wohnt abseits in einem schönen nordamerikanischen Holzhaus, baut streng beherrscht einen Gemüse-Garten drum herum an. Aber so einsam und wie es ins Bild gesetzt ist, erinnert es an filmische Horrorhäuser. 

Chloe ist jetzt 17, bewirbt sich an Universitäten und wartet täglich hoffnungsvoll auf positive Resonanz; der Postbote als Heilsbringer und vielleicht auch als Retter aus der einsamen Welt. 

Chloe ist intelligent und hat also berechtigte Hoffnung auf Zusagen. Die harmonische Idylle bekommt Risse, wie Mutter eines Tages eine neue Tablette für die Tochter mitbringt. Etwas macht Chloe stutzig. Sie wird selber aktiv und kommt mittels halsbrecherischer und lebensgefährlicher Exkursionen der Wahrheit auf die Spur; sie hangelt sich an einem dünnen Faden aus ihrer Geborgenheit heraus, die immer mehr zum bedrohlichen Gefängnis zu werden droht. Wobei das Kino als Veranstaltungsort freiwillig und gerne sein Teil zur Befreiung beiträgt, somit einen Hilfsanker bietet, sich aus dem Spinnennetz einer allmächtig wirkenden Mutter zu befreien. 

Die beiden Frauen spielen diesen Psychothriller fabelhaft. Chaganty injiziert den Schauder direkt wie mit einer Spritze unter die Haut, durch seine luzide Erzählweise, die auf Firlefanz konsequent verzichtet; was die an sich nicht neue Geschichte heftig werden lässt. Bestens geeignet für das Heimkino in coronadröger Zeit – und man braucht nicht gleich einen ganzen Kanal dafür abonnieren. 

Vento Seco (VoD und DVD)

Sandro Karnas 

(Leandro Faria Lelo) ist Arbeiter in einer Düngemittelfabrik irgendwo in brasilianischem Niemandsland. Er ist schwul, aber nicht geoutet, entspricht nicht den queeren Schönheitsidealen, keineswegs, er ist schon etwas älter, rundlich, alles andere als markant; aber Männer ziehen seine Augen magisch an; er führt ein verborgenes Schwulenleben, unauffällig. 

Der Film von Daniel Nolasco zeigt im Schwimmbad gleich, was sein Thema ist, was ihn fasziniert. Aber er organisiert es nicht als Film für Voyeure, sondern als Themenfilm in Form eines Porträts von Sandro. 

Nolasco beschreibt Sandros profanes, glanzloses Arbeiterleben. Die Fabrik an einer Autobahnausfahrt mit einem Kreisel vorm Parkplatz. Viele Szenen spielen dort, symbolisieren den ewigen Kreislauf der Routine, zur Arbeit kommen, dann wieder wegfahren. Das thematisitert die Kollegin Paula (Renata Carvalho) in einem Gespräch mit Sandro. 

Paula ist gewerkschaftlich engagiert, versucht die Arbeitskollegen zu aktivieren gegen die miesen Arbeitsbedingungen. Sie platzt immer wieder in Sandros Abschweifungen und Träumereien, stört die Augenkreise seiner ungestillten Sehnsucht. In diesem Suchen erzeugt Sandro Empathie. 

Die Eingangsszene spielt in einem Schwimmbad; die Kamera weiß, wohin sie sich zu fokussieren hat; ein beengter Horizont, sicher, aber auch ein eindeutiger; es sind die Blicke von Sandro, besonders, wenn es nach dem Schwimmen mit lauter nackten Männern unter die Dusche geht. 

Sandros Leben wird als zwiegespalten geschildert. Es ist das Arbeiterleben, das sind Gespräche mit Kollegen, die Fahrt zum Job, das Parken des Autos aber auch Einkaufen; gerade hier kommt es immer wieder zu Begegnungen. 

Real dürften auch die diskreten Treffen mit Kollegen Ricardo (Allan Jacinto Santana) sein; es sind dies Verabredungen in einem Eukalyptus-Wald; heiße Sextreffen und ungehemmt. 

Es gibt aber auch die Traumwelt von Sandro; die ist erotisch sowohl in der filmischen Farbgebung der eindeutigen Schwulen-Szenerie und dazu musikalisch aufgepumpt; es sind die Bilder von Sado-Maso-Welten, Lack, Leder, Stiefel, Leine. Hier wird der Film hard-core, weshalb er als „nicht jugendfrei“ prädiziert ist. 

Nolasco beschreibt recht realistisch diese Gay-Zwischenwelt, die immer auch im Arbeitsalltag, zu dem ebenso eine Geburtstagsparty oder der Ausflug zu einem Festival gehören, aufblitzt, präsent ist und sich kaum zurückhalten kann. Und, bei aller Losheit der Beziehung zu Ricardo, ist Eifersucht nicht weit, Beziehungsclinch in der Nichtbeziehung – und dauernd ungestilltes Sehnen.

Antebellum (DVD)

Generationentraumata.

Drei neuere Filme zum Thema der Schwarzenemanzipation in den USA. Steve McQueen schildert in Harriet, der Weg in die Freiheit einen Meilenstein zur Zeit, als in manchen Staaten der USA noch Sklaverei herrschte, Queen & Slim beobachtet den heutigen Rassimus in den USA und Jean Seberg wirft einen peripheren Blick über die berühmte Schauspielerin auf die Black-Panther-Bewegung in den 70ern des letzten Jahrhundert. Die Reihe könnte beliebig fortgesetzt werden.

Im Gegensatz zu all diesen Film behandeln Gerard Bush und Christopher Renz das generationenübergreifende Trauma von Sklaverei, Diskrimierung und Unterdrückung, ein deutlich komplexerer Ansatz. 

Dieser Ansatz wird gleich zu Beginn des Filmes explizit mit einem Faulkner-Zitat (das innerhalb des Filmes nochmal vorkommt) angekündigt: „Die Vergangenheit ist niemals tot, sie ist nicht mal vergangen“. 

Die Hauptfigur im Heute-Teil des Filmes ist Veronica (Janelle Monáe in der brillanten Doppelrolle auch als Eden). Sie ist eine auch in den Medien erfolgreiche Professorin für US-Verfassungsgeschichte und einer ihrer Schwerpunkte ist die Revolution der historischen Marginalisierung der Schwarzen oder auch der Exorzismus der latenten Vergangenheit. 

In Veronica kämpft das Blut ihrer Vorfahrin im Geiste, Eden, einem Sklavenmädchen, das zur Zeit des Civil War auf einer Sklavenplantage der Konföderierten brutal ausgebeutet und missbraucht wird und die ständig überlegt, wie dem Elend zu entkommen. 

Diese Civil-War-Phase des Filmes wird eindringlich theatralisch inszeniert und gespielt. Dazu gibt es am Schluss auch eine Erklärung, die möglicherweise den Nexus zwischen Vergangenheit und Gegenwart qua Ratio erklärbar machen möchte; was mir nicht unbedingt erforderlich scheint, da es sich um generationenübergreifende Gespenster, Traumata handelt, die sich just rationaler Behandlung entziehen. 

Veronica ist verheiratet, eleganter Mann, aufgewecktes Töchterchen „Kennedy“. Mama muss auf Vortragsreise. Sie übernachtet in der Luxus-Suite eines Luxus-Hotels. Hier wird sie vom Trauma „Eden“ heimgesucht. Wie sie mit einer Freundin und einer Bekannten ausgehen will, wird ihnen im Restaurant ein Katzentisch zugewiesen. Aber auch eine „Headhunterin“, eine Weiße stalkt Veronica brutal. Der Vergangenheit als Schwarzer ist nicht zu entkommen. 

Dem Film gelingt es eindringlich, dieses eingefleischte Gespenst generationenübergreifender Rassenvorurteile und Missachtungen darzustellen und damit dem Faulkner-Satz schmerzhafte Wahrhaftigkeit zu verleihen; wie leicht es dem einen Menschen offenbar fällt, dem anderen, der nicht genau so aussieht wie er oder nicht genau so ist, Verachtung zu zeigen, ihn als nicht gleichwertig zu behandeln. Oder, wie es im Film heißt: Die unbewältigte Vergangenheit richtet Chaos in der Gegenwart an“. 

Darkroom – Tödliche Tropfen (DVD und VoD)

Ich würde mich einfach um die Getränke kümmern

meint Lars Schmieg (Bozidar Kocevski) am Telefon vor einem Date. Das ist ein tödlich-vergifteter Satz, denn ein Fläschchen mit einer besonderen Flüssigkeit ist ein Dauerrequisit in diesem Film von Rosa von Praunheim. 

Diese Flüssigkeit wird Lars seinen Opfern in das Getränk mischen, worauf sie gar nicht mehr lange leben. Schneller Exitus. Vergänglichkeit. 

Das ist der verhaltene Blick auf das Schwulenleben, mit dem Rosa von Praunheim eine wahre Begebenheit „frei bearbeitet“ hat. Die Sprödheit des Blicks auf das an sich ja höchst filmogene Milieu, was Xavier Dolan mit seinem neuen Film ‚Matthias & Maxime‘ als Ode an sprühendblühende Juend vorträgt, liegt hier auch in der Methode begründet, die an Fernsehgerichtssendungen erinnert. 

Rosa von Praunheim versucht möglichst objektiv und neutral, verschiedene Seiten des Falles, hier also eines Massenmörders im Schwulenmilieu, zu beleuchten. Es ist eine Fernsehproduktion. Aber Rosa von Praunheims Menschen- und Milieukenntnis führt zu einer differenzierten Schilderung von Vorgängen und Figuren. 

Lars stammt aus einer Studienratsfamilie in Saarbrücken, er schildert sich selbst als von Haus aus sauber, ordentlich und zielstrebig, entdeckt die Liebe zu Männern im Schwimmbad, muss für seine frisch verwitwete Oma als Ersatz herhalten; was auch nur angeführt wird und nichts erklären soll. Er wird erst Krankenpfleger, dann ein begnadeter Pädagoge.

Lars‘ große Liebe ist Roland (Heiner Bomhard), ein Lockenkopf, der von Monogamie wenig hält. Es wird eine offene Beziehung und auch deren ganze Problematik verhehlt der Film nicht. Es ist vielleicht der Grund-Zwiespalt manchen Schwulenlebens. 

Roland bildet mit Bastian (Bardo Böhlefeld) und Manuel (Lucas Rennebach) ein musikalisches Trio. Sie treten in Schwulenclubs auf mit Triangel, Ukulele und Sägeblatt. Sie sorgen im Film für die schräg-unterhaltsamen Töne und für emotionale Wärme. 

Der Film geht aus von der Gerichtsverhandlung. Lars ist als selbstmordgefährdeter U-Häftling ans Bett fixiert. Rückblenden erzählen die Geschichte, wie es zu diesen Morden kam, die weder richtige Lust- noch Raubmorde waren, erzählen von der Entwicklung der Beziehung zwischen Lars und Roland, dem Umzug nach Berlin, der Einrichtung der eigenen Wohnung. 

Der Film von Rosa von Praunheim besticht durch seinen unaufgeregt-genauen Blick auf die Geschichte und die Menschen darin und lässt eine Leere in der Liebe von Lars und Roland nicht unerwähnt.

Kommentar zu den Reviews vom 10. Dezember 2020

Kino

fällt aus. Bitte achten Sie auf die Lautsprecherdurchsage.

Adventskalender

TÜRCHEN, TÜRCHEN

Was aus diesem Adventskalender guckt, ist nicht unbedingt nur sittsam und brav. 

DVD

I STILL BELIEVE

Der Glaube kann zwar den Tod nicht verhindern; aber der Gesang vom Glauben bringt den Erfolg. 

IRREVERSIBEL

Hat zu Beginn des Jahrtausends in Cannes für Furore gesorgt.

IRREVERSIBEL STRAIGHT CUT

Hier rückt der Direktor zurecht, was er original von hinten aufgefädelt hat. 

CRESCENDO

Friedensträumerei weit weg von der Nahostrealität. 

VoD

I STILL BELIEVE

Dem Gläubigen helfen Gott – und Hollywood.

DAS HAUS DER GUTEN GEISTER

Faszinierender Enthusiasmus trotz High-Society-Tempel. 

CRESCENDO

In der Musik ist Harmonie möglich – glauben Idealisten. 

TV

TATORT – IN DER FAMILIE- TEIL 2

Diesmal kommt der nördliche Kommissar, der so prägnant spricht, persönlich nach Bayern und überbringt den Fahndungsaufruf. 

WANN. EIN VERSUCH ÜBER DIE ZEIT

Kein Denken kann die Zeit aufhalten. 

Irreversibel Straight Cut (DVD)

Liebe und Abgründe.

Nach wilden Titeln und Kameraspielereien folgt eine ausgiebige Liebesszene mit zwei nackten Hauptdarstellern, es sind dies Monica Bellucci als Alex und Vincent Cassel als Marcus. Sie sind jung, verspielt. 

Die Szenen wurden 2002 gedreht von Gaspar Noé. Sie sind Teil des Filmes Irreversibel. Noé hat den Film, der in langen Sequenzen und mit ganz wenigen Schnitten auskommt und damals in Cannes bei der Uraufführung schockiert haben soll, neu zusammenmonitert. 

Beide Fassungen, was hochspannend ist zu vergleichen, erscheinen jetzt als DVD mit Trailer und Zusatzmaterial, Statements der Beteiligten, aus denen hervorgeht, dass das damals ein sehr spontaner Film war, wie er heute wohl kaum mehr gemacht werden könnte. Es gab nur ein enges Zeitfenster, in dem das Hauptdarstellertrio, mit Albert Dupontel als drittem im Bunde, drehen konnten. 

Es gab kaum Budget, kaum Drehbuch. Desto wilder hängt sich die Kamera rein, will sich nichts entgehen lassen, von den Aufregungen der Szenen, die zwischen flapsiger Liebeständelei, wie hier in der ersten Szene (eigentlich müsste er aufstehen, aber kommt doch nicht los von ihr) und Party, Aufputschmitteln bis hin zu ausgiebigster Brutalität, Gewalt und Vergewaltigung hin und her pendeln. 

Es ist ein Kino, das Gegenwart als etwas Kostbares sieht, das sich von der Gegenwart und Gegenwärtigkeit der Darsteller und ihren Beziehungen kaum trennen kann und trotzdem nie in öden TV-Realismus verfällt, das gerne bis ans Zahnfleisch des Existentialismus geht. 

Ein Kino, das durchgehend lust-, erotik-, sex-, exzess-, rausch- und gewaltgeschwängert ist und trotzdem das Leben farbig und bunt sieht. 

Marcus hat in der ersten Szene, und das zeigt auch schön, wie hier so ein Halbernst an Liebeständelei stattfindet, Probleme mit dem rechten Arm oder der Hand, immer wieder versucht er die Finger zu spreizen. Später wird klar, dass der Hintergrund alles andere als harmlos ist. Zumindest sehe ich das als eine interne Storyverschränkung, die im Widerspruch zum „straight“ Cut stehen könnte.

Überhaupt enthüllt der Film wie beim Schälen einer Zwiebel nach und nach Hintergründe zu dieser anfangs zwar spannenden aber alles andere als tiefgründigen oder dramatischen Liebesszene, an deren Ende die Frau gedankenverloren einen Schwangerschaftstest machen wird. 

Dieser nicht so ganz tierisches Liebesernst, vielleicht mehr Körper, die nicht voneinander loskommen, wird in weiteren Szenen ausgeweitet auf das Partyleben, bei dem nichts als Anmache in der Luft liegt, auch hier eher die Leichtigkeit erträumten Liebeslebens; wobei es Gründe gibt für Alex, die Party dann doch zu verlassen. 

Dann kommt es erst dicke und exzessiv: die Vergewaltigung, die löst eine weitere Kette selbstjustizlerischer Gewalttaten aus. Das sozusagen rückblickend erzählt. Im Nachhinein von da dann wieder nach vorne geschaut, beleuchtet die ausgiebige anfängliche Liebesszene in einem ganz anderen Licht, fast möchte man es kaum mehr glauben. 

Der Film ist ein rauschhafter Trip durch extreme Gemengelagen in der Umgebung des Phänomens körperlicher Liebe im menschlichen Leben, im Sinne von: über Sex kann man nicht sprechen, man kann nicht alles erklären oder „Es gibt keine Untaten“, man muss leben. 

Irreversibel (DVD)

Egal wie Gaspard Noe seinen Film erzählt, ob von hinten nach vorn wie hier anno 2002 oder straight wie 2020 in, IRREVERSIBLE STRAIGHT CUT, der Zuschauer baut sich so oder so sein Bild zusammen. 

Es gibt einen Test, bei welchem die Buchstabenfolgen in einem Wort verändert werden und trotzdem kommt der geübte Leser mit großer Selbstverständlicheit auf den genormten Content. So könnte es bei Noé sein, ein Input linguistischen Kinos gewissermaßen. Noé spielt mit der Schreibweise der Wörter schon im Titel, dreht Buchstaben und Buchstabenfolgen um, verfremdet das Optische, was am Inhalt nichts ändert. 

Und so ist es auch mit diesem Film, es dürfte sogar keine Rolle spielen, welchen von beiden man zuerst schaut, es ist schließlich das gleiche Footage, lange durchgespielte Szenen aber in der hier vorliegenden Originalfassung von hinten her erzählt. 

Wobei auch die neue „straight“-Fassung einen nicht daran hindert, den Film nicht primär als eine quasireale dramatische Begebenheit zu verstehen wie eine Geschichte von A nach B, sondern viel mehr ihn als eine Entblätterung, Aufblätterung extremer Möglichkeiten in der Beziehung zwischen den Geschlechtern zu sehen.

Diese Vorgehensweise des Auseinanderzupfens erinnert an das Bild von Nikolaus von Cues von den beiden ineinenader gebauten Pyramiden, bei denen je in der Spitze schon die konträre Basis enthalten ist und umgekehrt, das Einzelne im Gesamten. Also hier in dem friedlichsten Miteinander, in der albernsten Sorglosigkeit, in der aufgekratzen Erotikatmosphäre immer schon der Ernst, ja die Gewalttat, die Hemmungslosigkeit des Triebes mitschwingen. 

Enthüllungsarbeit, die der Zuschauer leistet. Ein so geforderter Zuschauer hat mehr von einem Film als von einem, der ihm alles Buchstaben für Buchstaben vorkaut, „erklärt“, so wie Alex es über den Sex behauptet, dass man nicht alles sagen könne. 

Und daneben kurz die bürgerliche Bemessungsschablone, dass manche Dinge Untaten seien; das wird von zwei älteren Herren in einem Zimmer über der Schwulen-Disco ‚Rectum‘ philosophisch behandelt, es gebe nur Taten, das Wort Untaten sei dumm. So ist auch dieser Film eine Tat, über die man sich trefflich unterhalten kann. Die lebensversessene Kamera trägt das ihre dazu bei, dass es sich um eine schillernde Kinotat handelt.