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Frei von Schmerz – Die Verbindung von Körper und Geist nach Dr. Sarno (DVD, Stream)

Der Rücken ist meistens nicht kaputt

Dr. Sarno ist Schulmediziner mit einer bemerkenswerten Differenz zu seinem Fach, wenn es um chronische Schmerzen geht, speziell Rückenschmerzen. Dr. Sarno denkt weit über die Schulmedizin hinaus, die gerne rumoperiert und mit Fachausdrücken den Grund im Organischen sieht, da kommt bei ihm der Lateiner zum Tragen, der vom Zusammenhang zwischen gesundem Geist und gesundem Körper ausgeht oder auch Sherlock Holmes „Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache“. 

Es handelt sich dabei dezidiert nicht um alternative Medizin; es geht um eine Kritik an der Schulmedizin, die unter Diagnosedefiziten leide. 

Auch bei Billy Wilder findet Sarno seine Weisheit, wenn es im dritten Akt Probleme gebe, so sei deren Ursprung im ersten Akt zu suchen, sprich, bei Erwachsenen mit chronischen Schmerzen hilft der Blick zurück in die Kindheit. 

Dr. Sarno hat ein Buch, mehrere Bücher, über diesen Zusammenhang zwischen Kopf, Körper und Individualgeschichte geschrieben, wobei speziell unterdrückte Wut und auch Stress eine Rolle spielen. Der Doktor hat auch Vorträge gehalten. 

Diese Langzeitdoku von Michael Glinsky, Suki Hawley und David Beilingson über Dr. Sarno und seine Heilmethode ist nun mehreres in einem: sie ist Zeugnis und Heilungsbericht des Filmemachers Michael Glinsky, der wie sein Zwillingsbruder und auch sein Vater extrem unter Rückenschmerzen gelitten hat, mithin tagelang nur gekrümmt auf dem Boden liegend verbrachte; insofern ist der Film ein Selbstploitiation-Movie, das vor der Preisgabe intimer Familienszenen nicht zurückschreckt. 

Der Film ist Infofilm als auch Hommage an Dr. Sarno, Porträt eines uneitlen, unkonventionell denkenden Mediziners, der sich im Hinblick auf chronische Schmerzen auf Carl Gustav Jung beruft. 

Dann ist es aber auch ein direkter PR-Film für die Bücher von Dr. Sarno; der Film will, das ist seine explizite Ansage, Dr. Sarno bekannter machen. Als flankierende Verkaufsmaßnahme werden prominente Showmenschen interviewt und ein Washingtoner Senator kann als führendes Mitglied einer Anhörung zu dem Thema eigene Heilserlebnisse nach der Lektüre des Dr. Sarno-Buches anführen. 

Bedauerlich ist, dass Dr. Sarnos Ansatz von der Schuldmedizin nicht ernst genommen wird. Das erinnert an der Landarzt, der in seiner Praxis schnell zur Erkenntnis kommt, dass bei vielen Patienten das Gespräch wichtiger ist und der, bloß um glaubwürdig zu bleiben, ein Placebo verschreibt, weil der Glaube schon die halbe Heilung ist. Für viele Ärzte scheint der Ansatz von Dr. Sarno offenbar bereits zu kompliziert, zu schwierig.

Contamination (DVD)

Seuchenhit aus Südkorea

Also ob sie Corona vohergesehen hätten, wie schon bei Pandemie, und unserer aktuellen Situation einen gar nicht so verzerrten Spiegel vorhalten. 

Diesmal geht es allerdings nicht um ein infektiöses Virus, sondern um einen Rosshaarwurm, gruselig, gruselig, der – Vorsicht Verschwörungstheoretikter – möglicherweise einem Labor entsprungen ist und sich seuchenartig ausbreitet, ja, über sauberes Wasser und die Menschen vor ihrem letzten Stündchen zu zombiehaften Bewegungen veranlasst. 

Der Film ist ein kühner Thriller um menschliche Forschungs-, Experimentier- und Pharmalaborhybris und um Börsenzockerei (erinnert an Gamestop), gleichzeitig aber auch ein Familienfilm inklusive Quarantäneschock. Denn für die Familie lebt der Mensch, in ihr findet er Erschöpfung wie Glück. 

Heyok ist einer der beiden Protagonisten, ein Familienvater, seine Frau kümmert sich um die beiden Töchterchen; er hat seinen Job als Professor in der Pharmaindustrie verloren wegen Geldspekulationen; hält seine Familie mit einem erschöpfenden Job als Diener einer gut situierten Familie über Wasser, undankbar, kräftezehrend, erniedrigend. 

Bruder Pil von Heyok, der auch in Börsengeschäfte verwickelt ist, ist Polizist. Die Brüder sind nicht gut aufeinander zu sprechen, aber die spektakuläre Epidemie bringt sie zusammen im Rahmen der Aufklärung der Ursachen, die ein verrücktes Gespinst aus Forscherdrang und Geldgier offenbart. 

Die Bilder wirken wie eine krass-krawallige aber adäquate Illustration zu den Hickhack-Vorgängen in Deutschland um Tests und Impfstoff; nur geht es hier um ein Vermizid und nicht um Vakzine. 

Infection

Realismo/Verismo venezolano.

Kein Wunder, wurde der Film im Lande seiner Herstellung, in Venezuela, verboten. Bindet doch Flavio Pedota, der mit Yeimar Cabral auch das Drehbuch geschrieben hat, seinen eh schon souveränen Zombie-Film ein in die venezolanische Realität. 

Eine Reihe von quasi dokumentarischen Interviews befragen Einwohner des Landes, die auf der Flucht oder geflohen sind. Im Film referiert die Frage offiziell auf das Virus, eine Mutation des Tollwut-Virus, die die Menschen zu Zombies werden lässt; deshalb verlassen endlose Kolonnen von Menschen das Land. 

Das passiert allerdings aktuell auch realiter, nur ergeben Schlagzeilen der letzten Tage (im März 2021) andere Hinweise: „Heftige Gefechte an der Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela“, „Tausende fliehen vor Kämpfen“, „Schwere Gefechte zwischen Armee und bewaffneter Gruppe in Venezuela“, „Venezuela: Diktator Maduro ist ein Mörder“. 

Dieser Nexus zu einer chaotischen Realität in einem Land, von dem wir hier zusehends das Bild eines zusammenbrechenden Staates haben, macht den Film so brisant. Wir halten ihn für problemlos real; uns wundert nichts mehr über das Land, aus welchem mehr Horrornachrichten als Filme kommen. 

Pedota macht also nicht einen Zombiefilm um des Zombiefilmes willen. Er übt böse Kritik an Venezuela. Er folgt seinem Hauptdarsteller Adam Vargas (Rubén Guevara), einem jungen Mann, der ein traumhafter Arztdarsteller in jeder Daily-Soap abgäbe. 

Adam ist Molekularmediziner. Seine Frau ist vor kurzem gestorben. Er schickt seinen Sohn zu den Großeltern aufs Land, da die Pflicht ihn zu der neuen Infektions-Epidemie ruft. 

Pedota wechselt wohldosiert zwischen wilden, hektischen Action-Szenen mit ruhigeren, reflektierten ab, setzt zielbewusst Drohnen ein und seine Zombies sind besonders gefährlich, weil sie athletisch, meist exzellente Sprinter sind und es nicht leicht ist, ihnen zu entkommen. 

Selbstverständlich müssen die Infizierten erschossen werden, da führt kein Weg dran vorbei, auch wenn es der nächste Verwandte ist. Brutal. Brutal. Brutal nah an der Realität. 

Und Horror comme il faut, wie der Doktor sich mit einem Häuflein Vertrauter durch das Chaos kämpft, in welchem auch das Militär ruchlos mittut. Da loben wir uns doch unser Pandemielein in Deutschland, das uns sogar zusätzliche, gemütliche Osterruhetage hätte verschaffen sollen. 

Und dann der versöhnliche und hoffnungsvolle Satz: „Die Natur reguliert sich selbst; sie findet immer einen Weg“. Wie in Venezuela aktuell Benzin zu beschaffen ist, erfahren wir auch noch.

Once a Week

Gegen den Coronafrust.

In diesem sensiblen, erotischen Kammerspiel von Matías Bize nach dem Drehbuch von Julio Rojas ist die Liebe eine Luxussache, ein Vorgang, der das Leben der Beteiligten vielfältiger, schöner, exklusiver, einmaliger macht. 

Eine Liebe, die losgelöst ist von Besitzdenken, von gesellschaftlicher Verpflichtung, von der Familien- und Fortpflanzungsangelegenheit und vor allem: frei von jeglicher Routine, die so gerne die Liebe tötet. 

Es ist jedes Mal fraglich, ob sich Julia (Eva Arias) und Manuel (Josué Guerrero) in der Wohnung der Freundin von Julia wiedersehen werden. Es ist eine geheimnisvolle Liebe, geheimnisvoll insofern, als die beiden wenig übereinander wissen, nur nach und nach dringen wenige biographische Informationen und Festlegungen durch; so spröde wie allenfalls in einem Theaterstück von Pinter. 

Geheimnisvoll aber auch, als es eine verschwiegene Liebe ist, eine Seitensprungliebe. Es ist eine andere Seitensprungliebe als im Theaterstück „Nächstes Jahr gleiche Zeit“, in welchem übliche Paarprobleme virulent werden, in welchem Rituale sich einschleichen. 

Bei Bize ist es eine Liebe ohne Bestrafung, ohne festgefahrene Erwartung, ohne Berichtspflicht, ohne Kontrolle, ohne Vorwürfe. Wie Julia Manuel einmal mit einem Seitesprung vom Seitensprung versetzt, kommt er das nächste Mal mit einem Text daher, einem etwas unbeholfen poetischen Text, rührend, den er in der Wartezeit geschrieben hat und der ein starkes Licht auf die Art ihrer Liebe wirft, worin deren Stärke liegt. 

Der musikalische Kommentar besteht im Wesentlichen aus zwei auf Spanisch gesungenen Liebesliedern; suggerierend, dass auch dieser Film ein Loblied auf die Liebe, auf eine besondere Liebe ist. 

Die deutsche Synchro ist respektvoll behutsam. 

Matias Bize beobachtet seine beiden überzeugenden Protagonisten oft, wie sie ernst schauen, skeptisch als ob sie selbst nicht wissen, wie ihnen geschieht, als ob sie dieses luxuriöse Liebesgeschenk selbst kaum fassen können; Misstrauen diesem Glück gegenüber, was sich nicht festschreiben lässt. 

Ein Film, bei dem die beiden Witze, die darin vorkommen, durchaus eine Funktion haben, insofern sie den Ernst und die Leichtigkeit der Lage testen; denn Julia habe nicht gelacht vorher. Ein Liebeswunder. Wobei sich gleichzeitig die Frage nach der wahren, der wahrhaftigen Liebe stellt und das Symbol der stehengebliebenen Uhr. 

Oeconomia (DVD, VoD)

Wurde im Vorgängerfilm noch erschreckend gezeigt, wie der Kapitalismus versucht seine Melkkühe (also die Mitarbeiter) über Seminare zu extremer Leistungsfähigkeit hochzuzüchten, so begibt sich die kühne Filmemacherin jetzt direkt in die abgehobene Höhle von Geld- und Währungsproduktion. Siehe die Review von stefe.

Rivalinnen – Duell auf der Klinge (DVD)

Russische Fauen,

wild und schön, agil, eigenwillig und verwegen wie Panther: Säbelfechterinnen (nicht so oft als Protagonistinnen im Kino!). Das ist das Topos in diesem Spielfilm von Eduard Bordukov aus Russland. 

2016 machte die russische Säbelfechterinnenmannschaft bei der Olympiade in Rio Furore. Das ist die wahre Geschichte, die der Story zugrunde liegt. Sie wird zugespitzt auf das Duell, den Wettkampf, die Auseinandersetzung zwischen zwei großartigen russischen Frauen, wie auch zwei exzellenten Darstellerinnen. 

Alexandra ist amtierende Meisterin in dieser blitzschnellen und präzisen Sportart. Sie hat gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Ihr fehlt noch Omypiagold. Sie fühlt sich unbezwingbar und ist auch Chefin der Nationalmannschaft. 

Da taucht das junge Talent Kira auf, ein ungeschliffener, hoch emotionaler, intuitiver Diamant. Alexandra wittert die Gefahr. 

Vom Trainer wird der Neuzugang als „talentiertes, kleines Äffchen“ bezeichnet; das hält er immer so. Sie soll als Sparring-Partner und Herausforderin der Altmeisterin dienen, der im Zweifelsfall eh der Sieg zuerkannt wird. 

Die Entwicklung der Beziehung dieser zwei Frauen läuft nicht wie geplant, obwohl es im Leistungssport keine Freundschaft geben kann. Es fallen Gespräche ab über den Sport, über menschliche Beziehungen, über die Motivation zum Siegen, über Sportverletzungen und den Umgang mit Schmerz, aber auch über psychologische Tricks und unfaire Machenschaften.

Überstrahlt wird der Film von den zwei wunderbaren Protagonistinnen, russische Frauen par excellence, die für Russland sicher werbewirksamer sein dürften (ein Film über Sporttriumphe ist immer auch eine Werbefilm für eine Nation), als das derzeitige, in Korruption erstarrte politische System. 

Im Modus einer Sportreportage bringt der Film den nötigen Pep auf der Schlussstrecke.