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Hörbuch: Angéla – Lehrjahre einer Liebeshungrigen

2013-09-22 Cover Angela

Nicht nur zur Wahl eine gute Geschenkidee: Angéla – Lehrjahre einer Liebeshungrigen.

Stilistisch angelehnt ist der Roman von Titanic-Redakteur Stefan Gärtner natürlich an die kitschigen Schmachtfetzen der Angélique-Reihe, das Twilight für unsere Mütter und manch jüngere Großmutter. Im hier vorliegenden Hörbuch, gelesen von Michael Müller, wird der Schmalz geschickt verquickt mit der jüngeren politischen Geschichte Deutschlands. Das merkt man schon nach wenigen Sätzen, denn Angéla wächst in Transelbanien auf, der neue König heißt Elmût… Da ist schon klar, wo der Hase lang läuft.

Das Hörbuch ist die gekürzte Fassung des Romans, Käufer erhalten die ungekürzte Fassung jedoch zum Download.

Die Produktion auf dem gewohnt hohen Qualitätsniveau der Deutschen Grammophon darf jedoch nicht als leichte Unterhaltung missverstanden werden. Man sollte sich das Hörbuch in Ruhe zu Gemüte führen und keinesfalls auf die Idee kommen, nebenher noch etwas anderes machen zu können.

Wer es sich für 308 Minuten im Ohrenbackensessel bequem macht, die Katze auf dem Schoß, der kann sicher sein, dass der auf dem CD-Cover prangende Werbespruch auch als echtes Fazit voll ins Schwarze trifft: Ein vergnüglicher Historienroman um Liebe, Macht und untenrum!

Schamlose Eigenwerbung

Voller Stolz kann ich verkünden, dass ich ein neues Kapitel in meinem Berufsleben aufgeschlagen habe. Ich bin jetzt auch Buchautor.

Aber wir wollen die Kirche gleich zu Beginn dieses Berichts im Dorf lassen: Ich habe leider keinen Roman verfasst, der sich nun auf der Literaturbühne messen lassen muss, sondern lediglich ein Sachbuch über den Kindle Fire HD.

Julian Reischl mit der Erstauflage seines ersten Buches "Kindle Fire" im Lager des Pearson-Verlages, München.
Ich, stolz wie Bolle, mit der Erstauflage meines Buches „Kindle Fire“ im Lager des Pearson-Verlages, München.

Zum Buchauftrag kam ich wie die Jungfrau zum Kind: Ein mir über Twitter und Facebook bekannter sympathischer Kollege und erfahrener Sachbuch-Autor bekam den Schreibauftrag angeboten, hatte aber keine Zeit, und schlug kurzerhand stattdessen mich vor. Der Verlag prüfte meine bisherigen Veröffentlichungen. Und schließlich bekam ich den Auftrag. Ich hatte zuvor schon lange Texte geschrieben, diese aber nie veröffentlicht, daher konnte ich nur Artikel zu technischen Themen und natürlich Filmthemen vorweisen. Nach über 15 Jahren im Journalismus fühlte ich mich der verantwortungsvollen Aufgabe auch gewachsen. Ich nahm an – und hatte etwas Bammel, ob ich das alles so hinkriegen würde wie all die anderen Sachbuchautoren vor mir.

Die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel hatte ich mir zwar etwas anders vorgestellt, aber dieses Projekt genoss absoluten Vorrang. Ferien könnte ich auch später machen, so mein Motto. Und tatsächlich: Mit nur minimaler Verspätung gab ich das Manuskript ab. Das Projekt konnte in die nächste Phase gehen: Die Korrektur.

Ich musste mitansehen, wie mein Manuskript in die Hände einer Korrektorin abgegeben wurde, die nun an meinem Baby herumschnibbeln und -kritteln würde. Einerseits war das eine furchtbare Vorstellung, andererseits auch ein erhebender Gedanke: Wer selbst schreibt, weiß, dass man nach einer Weile den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann. Man fliegt so sehr über die eigenen Texte, dass man selbst die gravierendsten Rechtschreibfehler, die sinnentleertesten Formulierungen oder auch eventuell verbliebene Reste früherer Konstruktionen nicht auffallen bemerkt. Entweder macht man ein paar Wochen Pause, oder man gibt das Manuskript in fremde Hände.

Ich hatte Glück: Die Korrektorin, die ich nie kennengelernt hatte, und ich funkten scheinbar auf einer Wellenlänge. Sie fand alle Fehler (hoffe ich) und machte gute Verbesserungsvorschläge. Als sie fertig war, setzte man mich im Verlag vor einen Computer, kredenzte mir Kaffee und ließ mich sämtliche Korrekturen überarbeiten. In Word heißt die Funktion „Änderungen verfolgen“, ich musste also alle Änderungen absegnen oder verwerfen. Bei rund 260 einzelnen Seiten (allerdings mit Bildern) ist das keine triviale Aufgabe. Doch als ich fertig war, hatte ich rund 90% der Verbesserungsvorschläge angenommen. Nur manche, die wollte ich so formuliert haben, wie ich das ursprünglich gewollt hatte vor hatte.

Gestern, am 13.3.2013 (dem Tag der Papstwahl) war es dann endlich so weit: Mein Buch erschien. Ich weiß zwar nicht wo, denn es war erst am Abend zuvor im Zentrallager des Verlags angekommen und nicht schon letzte Woche, wie ursprünglich geplant. Die Druckerei in Spanien war wohl in Verzug, oder der Laster zu voll oder was weiß ich. Jedenfalls durfte ich am Dienstag Nachmittag noch ein Foto machen: Ich im Lager mit der Erstauflage meines ersten Buches, 1.000 Stück. (Fotograf: Der Lagerleiter, Herr Borsowski, mit meinem iPhone.)

Ich freute mich wie verrückt und konnte kaum erwarten, wie das Buch ankommen würde. Endlich war der Tag gekommen, auf den ich in all den langen Tagen und Nächten im Winter hingearbeitet hatte! Am Tag des Erscheinens, also gestern, wurde das Buch dann vom Lager aus zu den diversen Buchhändlern geliefert. Sobald es in deren Lagern erfasst ist, kann es auch bestellt werden.

Gestern Nachmittag dann verschickte ich um 18:47 Uhr eine euphorische Mail an meine Freunde und Familie, in der ich auf meine frischgebackene Autorenschaft hinwies. Natürlich hatte ich zuvor nicht stillhalten können, und so wusste ohnehin schon jeder von meinem großen Wurf.

Um 20:37 erhielt ich dann eine Mail von dem Kollegen, der mir den Auftrag verschafft hatte. Darin nur dieser Link. Eine Meldung, nach der der Kindle Fire HD 8.9 ab sofort in Deutschland erhältlich sei. Das heißt, dass das Nachfolgemodell des Kindle, über den ich das Buch geschrieben hatte, soeben herausgekommen war. Mein Buch war also bereits nicht mehr aktuell, und das nur 1 Stunde und 50 Minuten nach meiner frohen Kunde im Freundeskreis. Es war zum Haare raufen! Ein viel zu kurzer Höhenflug für all die Arbeit, oder nicht?

Mittlerweile habe ich mich beruhigt. Zum einen ist mein Buch anhand des Veröffentlichungsdatums derzeit das aktuellste am Markt, zum anderen gehe ich davon aus, dass der neue Kindle Fire absolut analog zum bisherigen funktioniert. Amazon gibt seinen Kunden nämlich keine Möglichkeit, über Software-Updates selbst zu entscheiden, daher sind sie wohl auch gezwungen, diese so unauffällig vorzunehmen, dass die Kunden gar nicht merken, dass sich etwas verändert hat. Ergo wird sich in der Bedienung des Kindle auch nichts gravierendes verändert haben.

Ich bin also weiterhin gespannt, wie es laufen wird, mein kleines erstes Buch überhaupt.

Wer es haben will, kann es hier bestellen (Affiliate-Links): „richtiges Buch“ bei AmazoneBook über den Verlag [Link geht womöglich noch nicht].

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit!

Buchtipp: Der Wildbach Toni

Der Wildbach Toni ist ein ganz ein zacher Hund. Geboren in einem kalten Wildbach in den Bergen, musste er sich sein Leben lang gegen die unbarmherzige Natur behaupten. Und weil er das bis jetzt auch geschafft hat, hat er natürlich das Recht, uns Stodterern zu stecken, dass er was kann und wir nicht. Auch wenn er gern a bisserl übertreibt, der Toni.

Bekannt ist der Toni zumindest den Titanic-Fans, denn er hat jede Menge Überlebenstipps für die Berge als eine Serie von Videos bereitgestellt. Diese gibt’s gesammelt auch bei der Süddeutschen Zeitung, hier die erste Folge. Auch über Tonis ureigenste Webseite wildbachtoni.de lassen sich die Filme finden, leider aber nur auf Sevenload, was sehr unübersichtlich ist. Bei YouTube gibt’s die Folgen ebenso, denn hier lässt Titanic Videos hosten. [Ich glaube, ich mal mal ’ne Playlist, das ist ja schrecklich unübersichtlich so.]

Und jetzt hat der Toni ein Buch geschrieben. Darin erzählt er, wie sein Heimatdorf in den Bergen (irgendwo zwischen Watzmann und Garmisch gelegen) beinahe in eine schlimme Katastrophe geschlittert wäre, und wie er selbst, zusammen mit einigen ungewöhnlichen Helfern, diese Katastrophe heldenhaft abwenden konnte. Und übertreibt natürlich kein bisschen dabei.

Der Wildbach Toni ist eine fiktive Gestalt aus dem Kopf von Moses Wolff, einem nicht unbekannten Münchner Kabarettisten und Künstler. Mit jeder Menge Herz hat sein Erfinder den Toni ausgestattet, einem absolut ungetrübten Selbstbewusstsein, mit Abenteuerlust, normaler Lust und natürlich der Liebe zu unseren schönen Bergen und der dort traditionellen, langsamen, bedachten Lebensweise, eingebettet in wunderbare Traditionen, aber mit genug Raum für lauter kleine Schelmereien.

Der Roman dreht sich darum, dass das glücksbringende Zacherl, eine antike Fahne, vom Dorfplatz entwendet wurde. Seit nun fast einem Jahr hängt der Dorfsegen schief, die Leute sind weit aggressiver und angespannter als sonst. Der Toni arbeitet als Bergführer, seine aktuelle Gruppe ist nur vier Mann stark, und die Kirchweih steht an. Wenn zu dieser das Zacherl nicht wieder aufgetaucht ist, und dennoch jede Menge Gäste und Händler ins Dorf kommen, wird es kein gutes Ende nehmen. Doch da das Zacherl schon so lange verschwunden ist, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass sich noch neue Spuren auftun. Der Wildbach Toni und die anderen Dorfbewohner können also nicht anders, als darauf zu hoffen, dass ein Wunder geschieht.

Stilistisch ist der Roman in simpler Umgangssprache gehalten. Besonders urig finde ich, dass der Autor entschieden hat, den halb tirolerischen, halb bairischen Dialekt, der in diesem fiktiven Dorf gesprochen wird, auch so niederzuschreiben. „Seas“ für „Servus“, „zwider“ für „zornig“ (zuwider) und jede Menge anderer Ausdrücke finden sich im Text, und wer nicht in Bayern aufgewachsen ist, findet Übersetzungen für die arg unverständlichen Formulierungen in jeder Menge Fußnoten. Diese erklären zwar den Sinn der jeweiligen Formulierung, aber die Mentalität des Sprechers geht natürlich in der Übersetzung verloren. „Jemandem eine runterhauen“ ist halt was ganz was anderes als „jemandem eine einschenken“.

Die nahezu übermenschlichen Fähigkeiten und Qualitäten des Wildbach Toni werden im Roman herrlich gebrochen durch Begegnungen mit jemandem, dem der Kragen platzt, der ihm einmal so richtig die Meinung sagt, doch die Gewichtung ist meines Erachtens nicht perfket: Zuviel positive Eigenschaften des Wildbach Toni werden beleuchtet, zu wenig Reflexion findet statt. Doch wenn man sich dann ins Bewusstsein ruft, dass nicht Moses Wolff da erzählt, sondern der Wildbach Toni selbst, ist alles wieder in Ordnung. Er ist halt schon a bisserl a Angeber, der Wildbach Toni.

Der Wildbach Toni ist eine leichte, aber sehr unterhaltsame Lektüre zum Schmunzeln. Dramaturgisch springt der Autor (ob Wolff oder Wildbach) ein wenig abrupt zwischen den Genres, vor allem gegen Ende, aber das macht nichts. Richtig verstehen kann man den Toni nämlich nur, wenn man selbst mit der Welt ab 1000 Meter über Null vertraut ist. Eine Karte für die Seilbahn, eine Brettljause und ein Skiwasser machen noch keinen zum Bergfex.

Sollte es einen Film geben, und das kann ich mir sehr gut vorstellen, dann hoffe ich, dass natürlich Moses Wolff den Wildbach Toni spielen wird. Und ich hätte gern eine winzige Neben- oder Statistenrolle, so gern wäre ich dabei.

Buchtipp: Das finstere Tal

Man sagt ja, in Los Angeles habe jeder Kellner ein Drehbuch in der Schublade, falls mal ein wichtiger Produzent zu Besuch kommt. Man sagt auch, dass Filmkritiker gescheiterte Filmemacher seien, Eunuchen gewissermaßen, die genau wissen, wie es geht, es aber nie selbst tun werden.

Nun hat unser Filmkritikerkollege Thomas Willmann, der für die Münchner tz, den Münchner Merkur und nicht zuletzt für artechock.de schreibt, seiner Vorstellung davon, wie eine gute Geschichte auszusehen hat, Luft gemacht und ein Buch geschrieben. Der ultimative Traum wohl jedes Journalisten, denn in ein Buch wickelt man am nächsten Tag nicht den Fisch ein, ein Buch bleibt.

Ich habe im Sommer vom Erscheinen von Das finstere Tal erfahren, als ich in meinem Stammcafé hier über der Straße gemütlich die tz durchblätterte. Mit einer ganzseitigen Anzeige ehrte das Blatt den Buch-Start eines der ihren, und ich war gelinde gesagt schwer geschockt, denn ich hatte nichts dergleichen kommen sehen. Ich holte mir das Buch, wollte es in Dänemark beim Filmfest von Odense lesen, kam aber einfach nicht dazu. Vor ungefähr drei Wochen habe ich es dann endlich entblättert, aus seiner zarten Schutzfolie befreit, mich zur stillen Nacht ins Bett fallen lassen und die erste Seite aufgeschlagen.

Und dann begann ein Film in meinem Kopf.

Die Handlung beginnt mit einem Reiter, der knapp vor Wintereinbruch in einem abgelegenen, kleinen Bergdorf der wohl bayerischen Alpen Quartier für die kalte Jahreszeit sucht. Die eingeschworene, autarke Gemeinschaft lässt dies zögerlich zu, weist ihn aber darauf hin, dass keine Abreise aus dem Hochtal mehr möglich sein wird, sobald der Schnee zu fallen beginnt. Der Mann, ein Maler, ist darauf vorbereitet und richtet sich im Hof einer Witwe und deren Tochter ein.

Nach und nach lernt der Leser die Dorfgemeinschaft kennen, versteht aber längst nicht alles, wird gezielt im Unklaren gelassen. Nur langsam wird klar, dass im Dorf längst kein Friede herrscht, sondern dass Rechnungen offen sind, gewaltige Rechnungen sogar. An dieser Stelle verlasse ich die Inhaltsbeschreibung, und wer noch keine anderen Besprechnungen dieses Buches gelesen hat und dies auch so lassen kann, wird ein königliches Lesevergnügen haben.

Der Autor baut seinen Debutroman nach dem klassischen Konstruktionsplan des Westerns auf, dem Fremdling über die Schulter geblickt. Diese Erzählperspektive hat den Vorteil, dass sie der Ich-Erzählung ähnelt, der Leser jedoch mehr erfahren kann, da die Erzählung von der Person des Fremdlings abweichen kann, denn der Erzähler ist allwissend. So ist maximale Spannung garantiert, wenn es nach ausgiebiger (aber nie langweiliger) Vorbereitung daran geht, besagte Rechnungen zu begleichen.

Das alpine Setting dahingegen verleiht der Geschichte eine gewagte Exotik. Selten sieht man seine eigene Heimat in so einem Lichte. Dieses Aufpropfen eines Genres auf ein anderes hätte misslingen können, doch führt der Autor den Leser derart gekonnt über jedes noch so kleine Detail der sicht- und fühlbaren Welt, dass der Leser sich vorkommt, als stünde er selbst frierend an einem Ort wie dem kleinen Ahornboden, den festgetretenen Schnee des Fußweges knirschend unter den Sohlen fühlend, die keinen Dampfwölkchen seiner Atemluft beobachtend, wie sie in der Morgensonne glitzern, während sie so schnell vergehen, wie sie entstanden sind.

Sprachlich schreibt Thomas Willmann auf hohem Niveau. Nur vier bis sechs Sätze braucht er, um eine Seite zu füllen. Dieses Buch ist keines, das man nebenher in der U-Bahn lesen kann oder in der Mittagspause. Im Gegenteil, das finstere Tal zwingt einen geradezu, sich in die Leseecke, den Ohrenbackensessel vor dem offenen Kamin zurückzuziehen und die heiße Schokolade auf dem kleinen Ablagetisch zu vergessen, während draußen sanft der Schnee fällt. Im Gegenzug belohnt es einen mit einer fesselnden, an atmosphärischer Dichte kaum zu überbietenden Erzählung, die alle Fasern der Seele zum Schwingen bringt.

Natürlich klingt es so, als lobte ich Thomas Willmann über den grünen Klee. Doch ich bräuchte auch gar nichts bloggen zu seinem Debutroman, das wäre der einfachste Ausweg, wäre ich mit dem Buch nicht zufrieden. Nun verhält es sich aber so, dass das Buch wirklich das mit Abstand beste ist, dass ich im letzten halben Jahr gelesen habe – mindestens. Es ist kein zeitloser Klassiker, es ist kein Buch für die Ewigkeit, aber es ist – noch dazu für ein Erstlingswerk – eine absolut runde Sache, ein mustergültiges Lehrstück. Es lässt keine offenen Fragen, es gibt keine nennenswerte Abweichungen von den Entscheidungen, wie man sie selbst gefällt hätte, befände man sich in so einer Situation, es kitzelt die Seele beim Lesen, und vor allem hängt es die Messlatte für Debutromane verdammt hoch.

Ich kann mir gut vorstellen, was für eine schwere Geburt dieses Buch gewesen sein muss. Die Entscheidung für genau diese Geschichte. Die Arbeit, alle Motivationen aller Personen zu jedem Zeitpunkt des Handlungszeitraums zu definieren und auf Realitätsnähe zu trimmen. Der Mut, sich hinzusetzen und die ersten Worte niederzuschreiben. Der noch größere Mut, diese, aber auch vielleicht ganze Handlungsstränge, Kapitel, Personen wieder zu kippen, zu entfernen, zu vernichten, herausnzunehmen. Die Erzählung zu verdichten, immer wieder, so lange, bis ein dramaturgisches Destillat höchster Güte übrigbleibt. Die zahllosen Nächte dazwischen, in denen die Fragen an einem nagen, ob diese oder jene Entscheidung nun die richtige gewesen sei, von der Erzählperspektive bis zu noch so kleinen Details der Handlung oder auch nur der Beschreibung, wie Sonnenlicht in der Ferne über ein Gipfelkreuz flutet. Und dann auch noch einen Verlag zu finden.

Irgendeine Story niederzuschreiben, in einer Folge von schwallenden Schüben von Logorrhoe, das können viele. Text schinden, um auf möglichst viele Seiten zu kommen, damit das Buch nur dicker wird, das wird schamlos durchgezogen. Ich selbst bin auch so ein Kandidat, fürchte ich. Sollte ich jemals selbst etwas zu Papier bringen wollen, wird das meine größte Schwierigkeit sein: Das Weglassen. Nun, Thomas Willmann hat dies wirklich drauf. Das Nötige erzählt er, das Unwichtige lässt er weg, der Rest erklärt sich von selbst. Und herausgekommen ist nicht, wie so oft, ein weiteres Stück trivialer Prosa, sondern Literatur, und das auf einer Qualitätsebene, die sich sehen lassen kann. Zu Recht schreien die Leute nach mehr, denn Leseerlebnisse dieser Intensität, dieser Qualität sind selten wie guter Whisky. Den Film kann ich kaum erwarten. Schade, dass Sergio Leone nicht mehr ist, das wäre ein Stoff für ihn gewesen.

Wer Das finstere Tal zu Weihnachten verschenkt, der tut seinem Beschenkten einen großen Gefallen. Dieses Buch kann in puncto Leselust Tote aufwecken.