Archiv für die Kategorie: “Buch”

Spannend und gespickt mit anekdotenhafter Backgroundinfo: die deutsche Filmgeschichte unter dem Aspekt der Westernproduktion durchkämmt. Das hat sich Reiner Boller vorgenommen und er berichtet der Reihe nach darüber. Leitfaden sind die Filme. Das Buch ist kein dröges Lexikon, vielmehr ist es auch eine reiche Dokumentation über das Abenteuer „Filmherstellung“ (zB: Unterwasseraufnahmen: Kamera in Holzkiste mit Glaswand).

Es ist auch ein Fundgrubenbuch: Namen (wobei allerdings ein Namensregister fehlt), Anekdoten, Planungen, Kommentare, Erfolge, Misserfolge, Eigenheiten, Eitelkeiten, Privilegien.

Es gibt kein Vorwort, keine Einleitung, keine Vorrede, schnörkellos westernhaft gehts gleich zu Sache mit Kapitel 1 über stumme Colt-Duelle an Rhein, Neckar und Isar.

Auf der hinteren Umschlagseite ist zu lesen, dass es sich hierbei um das umfassende Handbuch zum deutschen Western handelt und dass der Autor Reiner Boller jahrleang zum Thema recherchiert habe.

Die Anfänge bis zur Nazizeit werden knapp und kursorisch abgehandelt, der Einfluss der Europa-Tournee von Buffalo Bill auf die Western-Filmproduktion und dass der später berühmte Hollywood-Regisseur William Dieterle in der Pfalz mit Western-Filmen angefangen habe. Ausschnitte aus Berichten von Setbesuchen oder aus Filmkritiken verlebendigen den Eindruck.

Das Buch ist eine Sammlung, ein Kompendium von Fakten, autobiographischen Schilderungen (ZB Louis Trenker über den teils in Amerika gedrehten „Der Kaiser von Kalifornien“), zeitgenössischen Kritiken, aus Zitaten aus Fachzeitschriftten, Pressenotizen, Interviews, Besprechungsprotokollen, Minutenberichten, Interviews des Autors und Interviewzitaten, Sachstandmemos, Korrespondenzen, Aktennotizen, Tagesberichten, Firmenüberlegungen, Abrechnungen.

Nach den Texten über einzelne Filme (mit ausführlichen Angaben über die Credits) gibt es immer auch Ausschnitte aus Kritiken, Einzelvorstellungen wichtiger Darsteller oder Produzenten. Die Gliederung der Berichte über einzelne Filme kann so sein: Titel und Credits, Story, die Arbeit am Drehbuch, die weiteren Vorbereitungen, die Dreharbeiten, die Premiere, Western-Fazit, Auswahl aus zeitgenössischen Kritiken, Namen im deutschen Western (zB Michèle Girardon und versehen mit einem kleinen Foto). Und immer ein spezielles Augenmerk auf die Musik.

Es folgen einige Filme der Nazizeit in Richung Karl-May und Projekte, die in der Endphase des Dritten Reiches noch aufwändig geplant waren, so farbenprächtig und opulent wie „Münchhausen“ mit Hans Albers, die nicht mehr zu realisieren waren.

Die erste Phase nach dem Krieg. Hier dominierte der Heimatfilm; der Western wurde mehr als abgedeckt von Hollywoodproduktionen. Mit dem eigenen Western ging es in den 60er richtig los.

Besonders ausführlich, fast wie ein eigener Roman, sind die Schilderungen über die Herstellung der ersten großen Karl-May-Filme beginnend mit „Der Schatz im Silbersee“. Überlegungen am Anfang, Besetzung, Neukonzeption einer Rolle für Götz George, Details über die Kostümherstellung, über jugoslawische Kaskadeure, Zwischenfälle beim Drehen, die Idee des „boxoffice appeal“, ein von einem Pferd abgebissenes Ohr, Wendlandts Wunsch, keinesfalls Blut zu zeigen („jugendfrei“), bis hin zu Fahrkosten/Diäten-Aufzählungen oder dass Götz George beim Dreh ein Stück verlorene Jugend nachholen konnte, die Pracht des Cinemascope-Farbfilms und der Beitrag der Indianervereine, Kosten und Einspielergebnis oder die Message Winnetous „für Friede, Freiheit, Toleranz, Respekt gegenüber anderen Menschen und Religionen, Menschenrechte, Liebe“.

Merke: Horst Wendlandt hat staatliche Hilfe abgelehnt (ein für unsere Zeit ziemlich ungewöhnlicher Satz eines erfolgreichen Produzenten).

Vom Erfolg Wendlandts angestachelt, fängt auch Arthur „Atze“ Brauner mit Wildwestfilmen an. Ihm hat ein solcher in einer lebensgefährlichen Situation im Krieg das Leben gerettet, indem er im Bruchteil einer Sekunde so reagiert hat, wie er es im Western gesehen hatte. Wodurch sein Bezug zum Genre essentiell wurde. Allerdings verfügt er nur über die Rechte an den Karl-May-Stoffen, die nicht im Wilden Westen spielen, was zwar 80 % ausmacht, aber eben ohne die Winnetou/Old-Shatterhand-Paarung. Dafür produzierte er die Eddy-Constantine-Filme.

Die Konkurrenz zwischen Brauner mit „Der Schatz im Silbersee“ und „Pyramide des Sonnengottes“ gegen die Winnetou-Filme von Wendlandt belebten das Genre.

Aus Wien kamen die Produktionen der „Wiener Stadthalle“. Dann die vielen europäischen Koproduktionen bis zu den Spaghetti-Western mit und auch ohne deutsche Beteiligung.

Die hohe Zeit des deutschen Western war die erste Hälfte der 60er Jahre, nach dem Heimatfilm öffneten sie den Blick in die Ferne, zum Fremden; aber immer mit einem Hauch Romantik im Gegensatz zum harten amerikanischen Western.

Nach Abebben der deutschen und deutsch-europäischen Karl-May-Welle gab es noch viele italienische Western mit deutscher Kapital- und Castbeteiligung. Auch die DEFA hat im Zuge dieser Blüte einige Western gedreht, wobei es ideologische Vorbehalte zu beachten galt.

Die 70er Jahre. Der Neue Deutsche Film, Hark Bohm, Isarwestern, ZDF-Vierteiler, Peter Schamoni, mehr ein Northern, denn ein Western, …
Jack London löst Karl May als Inspirator ab („Jack London ist im Kino weit vom Erfolg der früheren Karl-May-Filme.“)

Das Buch streift auch den Lateinamerika-Amazonasfilm; und knapp wenige, neuere Filme wie Das finstere Tal, wobei der Münchner Autor Thomas Willmann Erwähnung verdient hätte, nach dessen Bestseller der Film gedreht worden ist, dann Gold oder Western von Valeska Griesbach.

Zitate.
Kräftige Bauernburschen sorgen auf freier Ackerfläche für gewagte Reiterrennen“.
Herr Pierre Brice hat Pferde bekommen, die ihn gebissen und abgeworfen haben“.
Ich behielt von Übungen (als besonderes Kennzeichen) einen Coltfinger zurück“ (Horst Frank)
In der Tat erwiesen sich die Hunde als gefährliche Gurgelspringer
Alfred Vohrer meinte, es würde ausreichen, wenn die Jugoslawen oder Italiener statt irgendeines Textes im Grunde nur zählen. Das taten sie dann auch“. (Elke Sommer)
Letztlich stammen die Mexiko-Koloritszenen aus Hans Domnicks Dokumentarfilm „Traumstraße der Welt“.
Die Goldmünzen, die am Ende des zweiten Films erscheinen, waren Kondome, die man so verpackte, dass sie wie Goldmünzen aussahen“ (Kelo Henderson).
Für neue Karl-May-Filme zahlen ausländische Kunden bis zum Zehnfachen eines US-Western.
Immer mehr kommt Routine in die Winnetou-Filmreihe.
9.35 Uhr, 1. Klappe. Die Einstellung ist nicht gelungen, da Herr Lange, der Pyrotechniker, die Rohre nicht gelegt hat wie besprochen.“ (Minutenbericht)
„..die halbe Westernstadt brannte ab, trotz Vorsichtsmaßnahmen.“ (Drehbericht).
Wenn ich bei Shakespeare wirklich gut werde – dann falle ich nie wieder für Karl May vom Pferd!“ (Götz George).
Der für seinen Geiz bekannte Arthur Brauner hat mich in diesen Filmen, wie auch noch in anderen, nicht versichtert.“ (Rik Battaglia)
Es ringot, gringot, roccot und djangot sich.“ (Film-Echo/Filmwoche)
Am Ende hievt Corbucci den Reißer schier ins biblische Mammon-Gleichnis: Pompös und grimmig schön.“ (Ponkie)

Das über 500 Seiten starke Buch ist zu bestellen über den Muehlbeyer-Verlag.

Comments Kein Kommentar »

Morsches Hollywood.

Dieses Buch ist nicht der Bericht einer Betriebsprüfungskommission so wenig wie einer Unternehmensberatung. Es ist ein skeptischer Befund aus vielfältigsten Quellen und Gesprächen, Begegnungen und Einsichten über die jüngeren Jahrzehnte der großen Hollywoodstudios Walt Disney Pictures, Lionsgate, Paramount Pictures, Sony, 20th Century Fox, Universal Pictures und Warner Bros.

Die Haupteinsicht von Philipp Koenig, dem Autor dieser Recherche und Betrachtung, ist die, dass es den Studios einzig und allein darum geht, Geld zu verdienen, dass es jedoch eine hochspekulative Industrie sei, die zwar immer wieder mit spektakulären Hits aufwartet, die in kurzer Zeit ein Mehrfaches des Investments in die Kassen spülen, die aber die regelmäßigen Flops lieber zu verschweigen versucht, produktionsmethodisch erstarrt ist und auf Nummer sicher geht. Eine Industrie, in der das Künstlerische zum Handlanger der Manager verkommen ist, die die Filme mutlos nach ihrem Gusto formen.

Es ist eine Industrie, die sich bequem in den Franchises einrichtet und durch die Unzahl von Sequels und Prequels und Spin-Offs längst sich selbst zu kannibalisieren droht (Kampf um die Starttermine). Gleichzeitig ist sie aber bei jedem neuen Projekt überzeugt, den ultimativen Hit zu landen. Eine Industrie, die auf billige Jahrmarktunterhaltung setzt, auf universell vermarktbares Vergnügen mit Superhelden ohne Tiefe, eine Industrie, die inzwischen kaum mehr Oscars, dafür umso mehr Goldene Himbeeren einsackt.

Hollywood ist eine Industrie, die gut in der Nähe des Glücksspieles angesiedelt werden kann, denn keiner kennt sich aus und schon gar nicht die Executives und CEOs, keiner kann den Publikumsgeschmack und die Publikumsneigung Jahre im Voraus erraten, keiner weiß, wie das Erfolgsrezept geht.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Verwertungskette (nach dem Kinostart die DVD- und anschließend die Fernsehauswertung) wegen dem Internet bröckelt. Hollywood will die Herausforderung nicht wahrhaben und haut stattdessen wie besinnungslos mit immer gigantischeren Budgets immer ähnlichere, mit Computeranimation überladene Produkte raus. Dazu setzt es immense Werbebudgets ein, denn das erste Wochenende sollte die Produktionskosten annähernd einspielen, weil die Mund-zu-Mund-Propaganda an Tempo gewinnt und wenn ein Film den Publikumsgeschmack nicht trifft, so kursieren die ersten Negativmeldung stante pede im Internet.

In Amerika gibt es für diese Industrie praktisch kein Wachstum mehr. Die einzige Chance für Wachstum liegt im Export, im Weltmarkt; aber der größte Zukunftsmarkt, China, zeigt sich zickig, will die Studios nicht die Werbung machen lassen und ist restriktiv, indem nur eine bestimmte Anzahl ausländischer Filme dort überhaupt einen Start bekommen.

Philipp König schreibt das hochspannend und hat weitläufig und mit vielen Quellennachweisen recherchiert. Hollywood ist viel morscher als der Hochglanz, mit dem es sich umgibt, ahnen lässt, mithin auf dem absteigenden Ast – dies ist meine Interpretation.

Eine Frage allerdings, die mich schon lange wundert, die wird hier nicht behandelt, das war wohl thematisch auch nicht beabsichtigt: wieso die Tentpoles (die Zeltstangen, an denen sich die Studios festhalten), also die Blockbuster der Hollywoodstudios, sich auf dem Deutschen Markt doch generell so gut halten und warum sie in der Presse in Relation zur dünnen Substanz der Filme so überproportional viel Platz bekommen. Das wäre eine eigene Untersuchung wert, die vielleicht einiges über lange gewachsene Vertriebsstrukturen und Beziehungen zu den Medien erzählen würde. Mich wundert es immer wieder, wie bei Pressevorführungen eines neuen Tentpoles ein massiv stärkerer Andrang herrscht als bei vielen anderen, deutlich interessanteren Filmen.

Das Buch ist selbstverständlich auch, wie Philipp Koenig es beabsichtigt, eine Einführung in die amerikanische Hollywoodindustrie und ein aufregender Praxisbericht über ungeahnt abenteuerliche Planungs- und Herstellungsmethoden.

Inhalt kompakt.

Über die Autorenschwemme und die Chancenlosigkeit, ein Buch loszuwerden, wie Lottogewinn. Schlecht bezahlte Reader- und Assistentenjobs; diese aber als Karriereeinsteig. Die problematische Stellung des Autors ganz unten in der Hierarchie, mit dem nach Belieben umgesprungen wird. Die Executives von den Business-Schools, die Bürokratien (inklusive Antwälte) und die (haarsträubenden) Folgen. Verheerende stoffunabhängige Eigendynamiken, die sich in die Stoffentwicklung einschleichen. Das x-fache Umschreiben von Drehbüchern als Absicherung gegen den Vorwurf bei einem allfälligen Flop, nicht alles versucht zu haben. Oder von der Degradierung der Autoren zu überbezahlten Ghostwritern (Zettel von den Executives). Vom verderblichen Einfluss der Drehbuchratgeberliteratur.

Warum Marktforschung, computerisierte Drehbuchanalyse und Testscreenings nicht wissenschaftlich sein können und keine besseren Vorhersagen erlauben als beim Würfeln (die Suche nach der Erfolgsformel). Daten sammeln ist eines, sie zu interpretieren ein anderes – oder von der Kontrollillusion resp. von Ritualen, die glauben machen, in die Zukunft sehen zu können und die Panik vor Innovation.
Finanzierung „eine Verbindung von degeneriertem Glücksspiel, Wunscherfüllung und magischem Denken.

Über Einnahmequellen vorher und nachher und ab wann ein Film ein Geschäft ist für das Studio. Generell die Probleme der Kalkulation, da keiner weiß, wie das Produkt ankommen wird, da jeder Film ein Prototyp ist und lange vor der Premiere geplant werden muss. Eine Gewinn- und Verlustrechnung vor dem Verkauf sei in Hollywood reines Wunschdenken, was zu exorbitanter Kreativität in den Geschäftsbroschüren führt.

Über die chaotische Dynamik der Filmeinnahmen, dass er keine Leitwerte gibt, weil keiner was weiß und dass die Endabrechnung eines Filmes ein Geheimnis ist, was auch ein Problem ist für Mitarbeiter, die auf Profitbeteiligung arbeiten.

Problem der Nicht-Planbarkeit eines Hits; die historisch größten Hits seien der Fahrlässigkeit der Studiobosse zu verdanken. Marketing und Fernsehen (der 30-Sekunden-Trailer) als neu hinzukommende Einflussfaktoren. Der Zwang zum Erfolg am ersten Wochenende, die Werbemillionen und das Schreckgespenst Internet, das die Studios nicht mehr in der Hand haben.

High-Concept-Filme, Stars, Agenten und deren Killer-Instinkt. Blüte des Starsystems in den 90er Jahren, Package-System, Pac-Scripts und Drebhuchauktionen. Die Spezialeffekte als neue Stars, Franchises und Austauschbarkeit der Hauptdarsteller und dass Stars keine Garantie für Erfolg sind.

Probleme der Verfilmung von Videospielen (resp. der Entwicklung von Videospielen nach Filmen). Alternativlosigkeit der Franchises für die großen Studios, Tentpoles und die Monotonie der Effektenrekordjagd. Abnutzung von Wiederholungen und Remakes, von Sequels und Prequels, die aber gemacht werden, um möglichst kein Geld zu verlieren: „Die Eigentümer der Hollywoodstudios mögen keine Filme und träumen vom sicheren Wachstum“ (diese Eigentümer sind Investmentfonds oder eigenwillige Medienmogule).

Kino der Attraktionen, Spektakel, Bayhem und das unausgereifte 3D. Risiko der Tentpoles, zu einer Ökonomie zu führen, die nur Verlierer kennt. Das miese Geschäft VFX (Situation der VFX-Künstler oft prekär; von den Studios ausgenutzte Idealisten, ohne Gewerkschaften, ohne Verband, ohne Respekt von den Studios). Zunehmender Einfluss der Postproduktion und damit der Studios bei gleichzeitigem Schwinden des Einflusses des Regisseurs, der Arbeit am Set.

Über die Bedrohung der Hollywoodstudios durch das Internet. Erst bricht die DVD-Verwertung ein; die jungen Zuschauer sind kaum mehr Fernsehkonsumenten; man spricht von Cord-Cutting; somit auch die Fernsehwerbung. Ferner zeigt das Internet illegal die größte Auswahl von Filmen. Die Studios, die reagieren nicht. Thema Streaming-Dienste und Serienmarathone; Netflix und Amazon als Herausforderung für die Mediengiganten, die ignorieren diese; sie schauen tatenlos dem Ende der Verwertungskette zu.

Der Hochmut der Studios mit ihren Tentpoles und das neue Gewicht von Serien im Internet, die wieder Charaktere zulassen, über die die Leute sich unterhalten und die nicht nur blasse Superhelden haben.

Da in Amerika kein Wachstum zu erwarten ist und die Verwertungskette ausdünnt, heißt die Politik: Internationalisierung und Steuerschlupflöcher weltweit nutzen (siehe Stupid German Money bis 2007***). China als Wachstumsgebiet. Der ständige Niedergang der Filmindustrie.

Hollywoods Traumfabriken wollen keine neuen Ideen entwickeln, sondern nur noch ihr existierendes Repertoire recyceln“.

***Anmerkung von stefe: German Money ist auch heute noch stupid durch das Fördermodell, was jedem, der in Deutschland produziert, Carte-Blanche-Subvention in den Rachen wirft.

Comments Kein Kommentar »

Von Rainer Gansera ist im Schüren-Verlag als Band 11 der Edition Filmdienst dieser höchst persönliche Blick auf 75 magische Momente der Filmgeschichte erschienen.

Es ist, als zeige ein Junge voller Stolz sein Schatzkästchen, aber statt Briefmarken oder Vogelfedern oder Kieselsteinen hat Gansera magische Kinomomente gesammelt. Er zieht einen ins Vertrauen, indem er seine Schätze offenbart. Ein höchste intime Angelegenheit, ein Vertrauen, das er dem Leser entgegenbringt, ihn teilhaben zu lassen.

Sein Schatzkästchen zeigt man nicht jedermann. Und der Leser kommt sich nicht wie bei einer Museumsführung oder Schulstunde belehrt vor, er wird nicht zugedeckelt mit Bewertungen und Besserwisserei. Er wird ins Vertrauen gezogen, schau mal, was ich da gesehen habe, schau mal, was mich berührt hat.

Oft sind es Szenen, die einen auch berührt haben, oder es sind Szenen dabei, die man in ihrer Schönheit übersehen hat, zum Beispiel der Hinweis auf die Augenregie von Petzold mit Nina Hoss bei „Barbara“ oder die winzige Geste eines Festhaltens bei einer Tanzprobe in Frederik Weismans „La Danse – Das Ballett der Pariser Oper“.

Im düstern, depressiven Faust von Alexander Sokurov hat er eine Kostbarkeit an Blicken zwischen Faust und Gretchen als „Dementi der Hölle auf Erden“ bemerkt.

Gansera ist sich nicht zu schön, sich auch vom Publikum die Augen öffnen lassen, zum Beispiel vom spanischen in San Sebastian, wie er am Beispiel von „Vicky Christina Barcelona“ von Woody Allen schreibt.

Gansera doziert nicht, erhebt keine Anspruch recht zu haben, er lässt einen teilhaben. Die Liebe zum Kino, gemeinsam sich der Magie des Zuschauens hingeben.

Pro Film sind es zwei Seiten in je vier Häppchen über den Film, den Regisseur, über den magischen Moment und ein Foto desselben. Er fängt an mit Murnaus Nosferatu und robbt sich vor durch die Filmgeschichte in Jahres- und Mehrjahresprüngen über Fritz Langs Metropolis, Josef von Sternbergs Blauen Engel, Chaplins Moderne Zeiten, Orson Welles Citizen Kane, Helmut Käutners Unter den Brücken, Marcel Carnés Kinder des Olymp, Carol Reeds Der Dritte Mann, Robert Bressons Tagebuch eines Landpfarrers, Kenzo Mizoguchis Das Leben der Frau Oharu, Jacques Tatis Die Ferien des Monsieur Hulot, Roberto Rossellinis Reise in Italien, Ingmar Bergmans Wilde Erdbeeren, Billy Wilders Manche mögens heiß, Federico Fellinis Das Süsse Leben, Jerry Lewis‘ Der verrückte Professor, Michelangelo Antonionis Blow Up, Luchino Viscontis Ludwig II., Martin Scorseses Taxi Driver, Carlos Sauras Carmen, Loui Malles Eine Komödie im Mai, Werner Schroeters Malina, Richard Linklaters Slacker, Julio Medems Die Liebenden des Polarkreises, Steve McQueens Hunger bis zu Christian Petzolds Barbara und dazwischen 47 weitere Preziosen aus der Filmgeschichte, zu genießen wie Pralinen, öfter mal eine naschen.
Link zum Verlag.

Comments Kein Kommentar »

2013-09-22 Cover Angela

Nicht nur zur Wahl eine gute Geschenkidee: Angéla – Lehrjahre einer Liebeshungrigen.

Stilistisch angelehnt ist der Roman von Titanic-Redakteur Stefan Gärtner natürlich an die kitschigen Schmachtfetzen der Angélique-Reihe, das Twilight für unsere Mütter und manch jüngere Großmutter. Im hier vorliegenden Hörbuch, gelesen von Michael Müller, wird der Schmalz geschickt verquickt mit der jüngeren politischen Geschichte Deutschlands. Das merkt man schon nach wenigen Sätzen, denn Angéla wächst in Transelbanien auf, der neue König heißt Elmût… Da ist schon klar, wo der Hase lang läuft.

Das Hörbuch ist die gekürzte Fassung des Romans, Käufer erhalten die ungekürzte Fassung jedoch zum Download.

Die Produktion auf dem gewohnt hohen Qualitätsniveau der Deutschen Grammophon darf jedoch nicht als leichte Unterhaltung missverstanden werden. Man sollte sich das Hörbuch in Ruhe zu Gemüte führen und keinesfalls auf die Idee kommen, nebenher noch etwas anderes machen zu können.

Wer es sich für 308 Minuten im Ohrenbackensessel bequem macht, die Katze auf dem Schoß, der kann sicher sein, dass der auf dem CD-Cover prangende Werbespruch auch als echtes Fazit voll ins Schwarze trifft: Ein vergnüglicher Historienroman um Liebe, Macht und untenrum!

Comments Kein Kommentar »

Voller Stolz kann ich verkünden, dass ich ein neues Kapitel in meinem Berufsleben aufgeschlagen habe. Ich bin jetzt auch Buchautor.

Aber wir wollen die Kirche gleich zu Beginn dieses Berichts im Dorf lassen: Ich habe leider keinen Roman verfasst, der sich nun auf der Literaturbühne messen lassen muss, sondern lediglich ein Sachbuch über den Kindle Fire HD.

Julian Reischl mit der Erstauflage seines ersten Buches "Kindle Fire" im Lager des Pearson-Verlages, München.

Ich, stolz wie Bolle, mit der Erstauflage meines Buches „Kindle Fire“ im Lager des Pearson-Verlages, München.

Zum Buchauftrag kam ich wie die Jungfrau zum Kind: Ein mir über Twitter und Facebook bekannter sympathischer Kollege und erfahrener Sachbuch-Autor bekam den Schreibauftrag angeboten, hatte aber keine Zeit, und schlug kurzerhand stattdessen mich vor. Der Verlag prüfte meine bisherigen Veröffentlichungen. Und schließlich bekam ich den Auftrag. Ich hatte zuvor schon lange Texte geschrieben, diese aber nie veröffentlicht, daher konnte ich nur Artikel zu technischen Themen und natürlich Filmthemen vorweisen. Nach über 15 Jahren im Journalismus fühlte ich mich der verantwortungsvollen Aufgabe auch gewachsen. Ich nahm an – und hatte etwas Bammel, ob ich das alles so hinkriegen würde wie all die anderen Sachbuchautoren vor mir.

Die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel hatte ich mir zwar etwas anders vorgestellt, aber dieses Projekt genoss absoluten Vorrang. Ferien könnte ich auch später machen, so mein Motto. Und tatsächlich: Mit nur minimaler Verspätung gab ich das Manuskript ab. Das Projekt konnte in die nächste Phase gehen: Die Korrektur.

Ich musste mitansehen, wie mein Manuskript in die Hände einer Korrektorin abgegeben wurde, die nun an meinem Baby herumschnibbeln und -kritteln würde. Einerseits war das eine furchtbare Vorstellung, andererseits auch ein erhebender Gedanke: Wer selbst schreibt, weiß, dass man nach einer Weile den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann. Man fliegt so sehr über die eigenen Texte, dass man selbst die gravierendsten Rechtschreibfehler, die sinnentleertesten Formulierungen oder auch eventuell verbliebene Reste früherer Konstruktionen nicht auffallen bemerkt. Entweder macht man ein paar Wochen Pause, oder man gibt das Manuskript in fremde Hände.

Ich hatte Glück: Die Korrektorin, die ich nie kennengelernt hatte, und ich funkten scheinbar auf einer Wellenlänge. Sie fand alle Fehler (hoffe ich) und machte gute Verbesserungsvorschläge. Als sie fertig war, setzte man mich im Verlag vor einen Computer, kredenzte mir Kaffee und ließ mich sämtliche Korrekturen überarbeiten. In Word heißt die Funktion „Änderungen verfolgen“, ich musste also alle Änderungen absegnen oder verwerfen. Bei rund 260 einzelnen Seiten (allerdings mit Bildern) ist das keine triviale Aufgabe. Doch als ich fertig war, hatte ich rund 90% der Verbesserungsvorschläge angenommen. Nur manche, die wollte ich so formuliert haben, wie ich das ursprünglich gewollt hatte vor hatte.

Gestern, am 13.3.2013 (dem Tag der Papstwahl) war es dann endlich so weit: Mein Buch erschien. Ich weiß zwar nicht wo, denn es war erst am Abend zuvor im Zentrallager des Verlags angekommen und nicht schon letzte Woche, wie ursprünglich geplant. Die Druckerei in Spanien war wohl in Verzug, oder der Laster zu voll oder was weiß ich. Jedenfalls durfte ich am Dienstag Nachmittag noch ein Foto machen: Ich im Lager mit der Erstauflage meines ersten Buches, 1.000 Stück. (Fotograf: Der Lagerleiter, Herr Borsowski, mit meinem iPhone.)

Ich freute mich wie verrückt und konnte kaum erwarten, wie das Buch ankommen würde. Endlich war der Tag gekommen, auf den ich in all den langen Tagen und Nächten im Winter hingearbeitet hatte! Am Tag des Erscheinens, also gestern, wurde das Buch dann vom Lager aus zu den diversen Buchhändlern geliefert. Sobald es in deren Lagern erfasst ist, kann es auch bestellt werden.

Gestern Nachmittag dann verschickte ich um 18:47 Uhr eine euphorische Mail an meine Freunde und Familie, in der ich auf meine frischgebackene Autorenschaft hinwies. Natürlich hatte ich zuvor nicht stillhalten können, und so wusste ohnehin schon jeder von meinem großen Wurf.

Um 20:37 erhielt ich dann eine Mail von dem Kollegen, der mir den Auftrag verschafft hatte. Darin nur dieser Link. Eine Meldung, nach der der Kindle Fire HD 8.9 ab sofort in Deutschland erhältlich sei. Das heißt, dass das Nachfolgemodell des Kindle, über den ich das Buch geschrieben hatte, soeben herausgekommen war. Mein Buch war also bereits nicht mehr aktuell, und das nur 1 Stunde und 50 Minuten nach meiner frohen Kunde im Freundeskreis. Es war zum Haare raufen! Ein viel zu kurzer Höhenflug für all die Arbeit, oder nicht?

Mittlerweile habe ich mich beruhigt. Zum einen ist mein Buch anhand des Veröffentlichungsdatums derzeit das aktuellste am Markt, zum anderen gehe ich davon aus, dass der neue Kindle Fire absolut analog zum bisherigen funktioniert. Amazon gibt seinen Kunden nämlich keine Möglichkeit, über Software-Updates selbst zu entscheiden, daher sind sie wohl auch gezwungen, diese so unauffällig vorzunehmen, dass die Kunden gar nicht merken, dass sich etwas verändert hat. Ergo wird sich in der Bedienung des Kindle auch nichts gravierendes verändert haben.

Ich bin also weiterhin gespannt, wie es laufen wird, mein kleines erstes Buch überhaupt.

Wer es haben will, kann es hier bestellen (Affiliate-Links): „richtiges Buch“ bei AmazoneBook über den Verlag [Link geht womöglich noch nicht].

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit!

Comments 4 Kommentare »

Der Wildbach Toni ist ein ganz ein zacher Hund. Geboren in einem kalten Wildbach in den Bergen, musste er sich sein Leben lang gegen die unbarmherzige Natur behaupten. Und weil er das bis jetzt auch geschafft hat, hat er natürlich das Recht, uns Stodterern zu stecken, dass er was kann und wir nicht. Auch wenn er gern a bisserl übertreibt, der Toni.

Bekannt ist der Toni zumindest den Titanic-Fans, denn er hat jede Menge Überlebenstipps für die Berge als eine Serie von Videos bereitgestellt. Diese gibt’s gesammelt auch bei der Süddeutschen Zeitung, hier die erste Folge. Auch über Tonis ureigenste Webseite wildbachtoni.de lassen sich die Filme finden, leider aber nur auf Sevenload, was sehr unübersichtlich ist. Bei YouTube gibt’s die Folgen ebenso, denn hier lässt Titanic Videos hosten. [Ich glaube, ich mal mal ’ne Playlist, das ist ja schrecklich unübersichtlich so.]

Und jetzt hat der Toni ein Buch geschrieben. Darin erzählt er, wie sein Heimatdorf in den Bergen (irgendwo zwischen Watzmann und Garmisch gelegen) beinahe in eine schlimme Katastrophe geschlittert wäre, und wie er selbst, zusammen mit einigen ungewöhnlichen Helfern, diese Katastrophe heldenhaft abwenden konnte. Und übertreibt natürlich kein bisschen dabei.

Der Wildbach Toni ist eine fiktive Gestalt aus dem Kopf von Moses Wolff, einem nicht unbekannten Münchner Kabarettisten und Künstler. Mit jeder Menge Herz hat sein Erfinder den Toni ausgestattet, einem absolut ungetrübten Selbstbewusstsein, mit Abenteuerlust, normaler Lust und natürlich der Liebe zu unseren schönen Bergen und der dort traditionellen, langsamen, bedachten Lebensweise, eingebettet in wunderbare Traditionen, aber mit genug Raum für lauter kleine Schelmereien.

Der Roman dreht sich darum, dass das glücksbringende Zacherl, eine antike Fahne, vom Dorfplatz entwendet wurde. Seit nun fast einem Jahr hängt der Dorfsegen schief, die Leute sind weit aggressiver und angespannter als sonst. Der Toni arbeitet als Bergführer, seine aktuelle Gruppe ist nur vier Mann stark, und die Kirchweih steht an. Wenn zu dieser das Zacherl nicht wieder aufgetaucht ist, und dennoch jede Menge Gäste und Händler ins Dorf kommen, wird es kein gutes Ende nehmen. Doch da das Zacherl schon so lange verschwunden ist, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass sich noch neue Spuren auftun. Der Wildbach Toni und die anderen Dorfbewohner können also nicht anders, als darauf zu hoffen, dass ein Wunder geschieht.

Stilistisch ist der Roman in simpler Umgangssprache gehalten. Besonders urig finde ich, dass der Autor entschieden hat, den halb tirolerischen, halb bairischen Dialekt, der in diesem fiktiven Dorf gesprochen wird, auch so niederzuschreiben. „Seas“ für „Servus“, „zwider“ für „zornig“ (zuwider) und jede Menge anderer Ausdrücke finden sich im Text, und wer nicht in Bayern aufgewachsen ist, findet Übersetzungen für die arg unverständlichen Formulierungen in jeder Menge Fußnoten. Diese erklären zwar den Sinn der jeweiligen Formulierung, aber die Mentalität des Sprechers geht natürlich in der Übersetzung verloren. „Jemandem eine runterhauen“ ist halt was ganz was anderes als „jemandem eine einschenken“.

Die nahezu übermenschlichen Fähigkeiten und Qualitäten des Wildbach Toni werden im Roman herrlich gebrochen durch Begegnungen mit jemandem, dem der Kragen platzt, der ihm einmal so richtig die Meinung sagt, doch die Gewichtung ist meines Erachtens nicht perfket: Zuviel positive Eigenschaften des Wildbach Toni werden beleuchtet, zu wenig Reflexion findet statt. Doch wenn man sich dann ins Bewusstsein ruft, dass nicht Moses Wolff da erzählt, sondern der Wildbach Toni selbst, ist alles wieder in Ordnung. Er ist halt schon a bisserl a Angeber, der Wildbach Toni.

Der Wildbach Toni ist eine leichte, aber sehr unterhaltsame Lektüre zum Schmunzeln. Dramaturgisch springt der Autor (ob Wolff oder Wildbach) ein wenig abrupt zwischen den Genres, vor allem gegen Ende, aber das macht nichts. Richtig verstehen kann man den Toni nämlich nur, wenn man selbst mit der Welt ab 1000 Meter über Null vertraut ist. Eine Karte für die Seilbahn, eine Brettljause und ein Skiwasser machen noch keinen zum Bergfex.

Sollte es einen Film geben, und das kann ich mir sehr gut vorstellen, dann hoffe ich, dass natürlich Moses Wolff den Wildbach Toni spielen wird. Und ich hätte gern eine winzige Neben- oder Statistenrolle, so gern wäre ich dabei.

Comments Kein Kommentar »

Man sagt ja, in Los Angeles habe jeder Kellner ein Drehbuch in der Schublade, falls mal ein wichtiger Produzent zu Besuch kommt. Man sagt auch, dass Filmkritiker gescheiterte Filmemacher seien, Eunuchen gewissermaßen, die genau wissen, wie es geht, es aber nie selbst tun werden.

Nun hat unser Filmkritikerkollege Thomas Willmann, der für die Münchner tz, den Münchner Merkur und nicht zuletzt für artechock.de schreibt, seiner Vorstellung davon, wie eine gute Geschichte auszusehen hat, Luft gemacht und ein Buch geschrieben. Der ultimative Traum wohl jedes Journalisten, denn in ein Buch wickelt man am nächsten Tag nicht den Fisch ein, ein Buch bleibt.

Ich habe im Sommer vom Erscheinen von Das finstere Tal erfahren, als ich in meinem Stammcafé hier über der Straße gemütlich die tz durchblätterte. Mit einer ganzseitigen Anzeige ehrte das Blatt den Buch-Start eines der ihren, und ich war gelinde gesagt schwer geschockt, denn ich hatte nichts dergleichen kommen sehen. Ich holte mir das Buch, wollte es in Dänemark beim Filmfest von Odense lesen, kam aber einfach nicht dazu. Vor ungefähr drei Wochen habe ich es dann endlich entblättert, aus seiner zarten Schutzfolie befreit, mich zur stillen Nacht ins Bett fallen lassen und die erste Seite aufgeschlagen.

Und dann begann ein Film in meinem Kopf.

Die Handlung beginnt mit einem Reiter, der knapp vor Wintereinbruch in einem abgelegenen, kleinen Bergdorf der wohl bayerischen Alpen Quartier für die kalte Jahreszeit sucht. Die eingeschworene, autarke Gemeinschaft lässt dies zögerlich zu, weist ihn aber darauf hin, dass keine Abreise aus dem Hochtal mehr möglich sein wird, sobald der Schnee zu fallen beginnt. Der Mann, ein Maler, ist darauf vorbereitet und richtet sich im Hof einer Witwe und deren Tochter ein.

Nach und nach lernt der Leser die Dorfgemeinschaft kennen, versteht aber längst nicht alles, wird gezielt im Unklaren gelassen. Nur langsam wird klar, dass im Dorf längst kein Friede herrscht, sondern dass Rechnungen offen sind, gewaltige Rechnungen sogar. An dieser Stelle verlasse ich die Inhaltsbeschreibung, und wer noch keine anderen Besprechnungen dieses Buches gelesen hat und dies auch so lassen kann, wird ein königliches Lesevergnügen haben.

Der Autor baut seinen Debutroman nach dem klassischen Konstruktionsplan des Westerns auf, dem Fremdling über die Schulter geblickt. Diese Erzählperspektive hat den Vorteil, dass sie der Ich-Erzählung ähnelt, der Leser jedoch mehr erfahren kann, da die Erzählung von der Person des Fremdlings abweichen kann, denn der Erzähler ist allwissend. So ist maximale Spannung garantiert, wenn es nach ausgiebiger (aber nie langweiliger) Vorbereitung daran geht, besagte Rechnungen zu begleichen.

Das alpine Setting dahingegen verleiht der Geschichte eine gewagte Exotik. Selten sieht man seine eigene Heimat in so einem Lichte. Dieses Aufpropfen eines Genres auf ein anderes hätte misslingen können, doch führt der Autor den Leser derart gekonnt über jedes noch so kleine Detail der sicht- und fühlbaren Welt, dass der Leser sich vorkommt, als stünde er selbst frierend an einem Ort wie dem kleinen Ahornboden, den festgetretenen Schnee des Fußweges knirschend unter den Sohlen fühlend, die keinen Dampfwölkchen seiner Atemluft beobachtend, wie sie in der Morgensonne glitzern, während sie so schnell vergehen, wie sie entstanden sind.

Sprachlich schreibt Thomas Willmann auf hohem Niveau. Nur vier bis sechs Sätze braucht er, um eine Seite zu füllen. Dieses Buch ist keines, das man nebenher in der U-Bahn lesen kann oder in der Mittagspause. Im Gegenteil, das finstere Tal zwingt einen geradezu, sich in die Leseecke, den Ohrenbackensessel vor dem offenen Kamin zurückzuziehen und die heiße Schokolade auf dem kleinen Ablagetisch zu vergessen, während draußen sanft der Schnee fällt. Im Gegenzug belohnt es einen mit einer fesselnden, an atmosphärischer Dichte kaum zu überbietenden Erzählung, die alle Fasern der Seele zum Schwingen bringt.

Natürlich klingt es so, als lobte ich Thomas Willmann über den grünen Klee. Doch ich bräuchte auch gar nichts bloggen zu seinem Debutroman, das wäre der einfachste Ausweg, wäre ich mit dem Buch nicht zufrieden. Nun verhält es sich aber so, dass das Buch wirklich das mit Abstand beste ist, dass ich im letzten halben Jahr gelesen habe – mindestens. Es ist kein zeitloser Klassiker, es ist kein Buch für die Ewigkeit, aber es ist – noch dazu für ein Erstlingswerk – eine absolut runde Sache, ein mustergültiges Lehrstück. Es lässt keine offenen Fragen, es gibt keine nennenswerte Abweichungen von den Entscheidungen, wie man sie selbst gefällt hätte, befände man sich in so einer Situation, es kitzelt die Seele beim Lesen, und vor allem hängt es die Messlatte für Debutromane verdammt hoch.

Ich kann mir gut vorstellen, was für eine schwere Geburt dieses Buch gewesen sein muss. Die Entscheidung für genau diese Geschichte. Die Arbeit, alle Motivationen aller Personen zu jedem Zeitpunkt des Handlungszeitraums zu definieren und auf Realitätsnähe zu trimmen. Der Mut, sich hinzusetzen und die ersten Worte niederzuschreiben. Der noch größere Mut, diese, aber auch vielleicht ganze Handlungsstränge, Kapitel, Personen wieder zu kippen, zu entfernen, zu vernichten, herausnzunehmen. Die Erzählung zu verdichten, immer wieder, so lange, bis ein dramaturgisches Destillat höchster Güte übrigbleibt. Die zahllosen Nächte dazwischen, in denen die Fragen an einem nagen, ob diese oder jene Entscheidung nun die richtige gewesen sei, von der Erzählperspektive bis zu noch so kleinen Details der Handlung oder auch nur der Beschreibung, wie Sonnenlicht in der Ferne über ein Gipfelkreuz flutet. Und dann auch noch einen Verlag zu finden.

Irgendeine Story niederzuschreiben, in einer Folge von schwallenden Schüben von Logorrhoe, das können viele. Text schinden, um auf möglichst viele Seiten zu kommen, damit das Buch nur dicker wird, das wird schamlos durchgezogen. Ich selbst bin auch so ein Kandidat, fürchte ich. Sollte ich jemals selbst etwas zu Papier bringen wollen, wird das meine größte Schwierigkeit sein: Das Weglassen. Nun, Thomas Willmann hat dies wirklich drauf. Das Nötige erzählt er, das Unwichtige lässt er weg, der Rest erklärt sich von selbst. Und herausgekommen ist nicht, wie so oft, ein weiteres Stück trivialer Prosa, sondern Literatur, und das auf einer Qualitätsebene, die sich sehen lassen kann. Zu Recht schreien die Leute nach mehr, denn Leseerlebnisse dieser Intensität, dieser Qualität sind selten wie guter Whisky. Den Film kann ich kaum erwarten. Schade, dass Sergio Leone nicht mehr ist, das wäre ein Stoff für ihn gewesen.

Wer Das finstere Tal zu Weihnachten verschenkt, der tut seinem Beschenkten einen großen Gefallen. Dieses Buch kann in puncto Leselust Tote aufwecken.

Comments 6 Kommentare »