Archiv der Kategorie: Allgemein

Tetro (Filmfest München)

Großmeister Coppola treibt die Frage um, wieviel Genie eine gewisse Parzelle, nämlich die der Familie, ertrage; es ist die Frage, wieviel Platz oben auf dem Affenfelsen ist, oder auch, was die Falter und die Motten an der Glühbirne fasziniert. Da die Antwort eher unergiebig ist und Coppola das Thema außerdem in lehrbuchhaftem Schwarz/Weiß mit allen möglichen verspielten Spiegel- und Blinkeffekten gedreht hat, da auch eingefügte Farbsequenzen aus der Opernwelt die 127 Minuten nicht voll machen, muss noch eine Inzestgeschichte her und auch das Gastspiel einer freien Truppe aus Buenos Aires mit einer schrillen Faustaufführung bei den Patagonienfestspielen, welche vom Prototyp einer mächtigen Kritikerin präsidial geleitet werden.

Me Too – Wer will schon normal sein? (Filmfest München)

Alles dreht sich ums Down Syndrom, welches der Hauptdarsteller, im Film Daniel genannt, auch hat. Der Film dürfte eine Insider-Veranstaltung oder eine für Gutmenschen bleiben mit dem Charme und der Verbindlichkeit eines privaten Homemovies, welches mit kindlicher Freude vor allem die Möglichkeit der Kamera zum Nah-Rangehen nutzt, in den Kühlschrank, auf ein Graffiti, auf den Teller, und das vom Fernsehen gelernt hat, dass keine Szene zu lang sein darf und es schick findet, wenn die Kamera noch dazu ständig in Bewegung ist, sich auch von schönen Licht- oder Verschwemmungseffekten verführen lässt. So tut sich immerhin und immer was auf der Leinwand. Nur tut sich keine Geschichte, denn die Aussage, dass auch ein Mensch mit Down-Syndrom nur ein Mensch sei, ist nicht abendfüllend.

Little Baby Jesus of Flandr (Filmfest München)

Bildschöner Versuch einer flämisch-malerischen Fortschreibung der Ikonographie der Weihnachtsgeschichte in drei Anläufen, wobei einer surrealer und verlorener anmutet als der andere und storymässig zum Scheitern verurteilt ist. Die Darsteller sind Behinderte, die auch Tramps oder Obdachlose, arme Schlucker halt sind. Dieses cineastische Triptichon wendet sich explizit gegen eine allfällige Vereinnahmung durch die Kirche, denn auch der Klerus unterscheidet sich von den armen Schluckern nur durch sein Kostüm, heisst es an einer Stelle.

American Boy (Filmfest München)

An diesem vor 30 Jahren unangekündigt in einem Hotelzimmer stundenlang gedrehten Interview fasziniert einerseits, wie persönliche Erlebnisse frisch von der Leber erzählt einen einmaligen Input zum Kino leisten können; fast mehr noch fasziniert aber der Schnellsprecher Scorsese selbst, im perfekten weissen Hemd und mit voller Che-Frisur, wie er mit Argusaugen gierig jede Geste, jeden Satz von Steve Prince aufsaugt, dabei diskret die Kamera dirigierend und gleichzeitg minutiös die vorher aufgeschriebene Geschichte, die er vor sich hat, kontrolliert und penibel darauf achtet, dass Prince nicht eine Story auslässt. Diesen Film sollten sich insbesondere deutsche Filmstudenten anschauen, die allzu gerne dem Missverständnis unterliegen, Filmemachen habe primär was mit dröger Seminararbeit zu tun.

That Evening Sun (Filmfest München)

Hier meint es einer ernst mit dem Thema, dass alte Leute nicht gegen ihren Willen und nur der Bequemlichkeit der Jungen halber ins Altenheim bugsiert gehören. Wenn dieser Alte dann noch ein knorriger Amerikaner ist, der den Drang nach Selbstjustiz mit jeder Faser seines Körpers ausstrahlt, so ist bei seinem Ausbruch aus dem Altenheim und der Rückkehr ins inzwischen vom egoistischen Sohn fremdvermietete Haus für jede Menge Zündstoff gesorgt.

Je suis heureux que ma mère soit vivante (Filmfest München)

Wie es in der Literatur das Sachbuch gibt, so könnte man bei diesem Film von einem Sachfilm sprechen, der sachlich versucht, ein Thema ordentlich auszubreiten, zu behandeln und zu beleuchten. Es geht um Adoption. Ein Junge, Thomas, der noch einen jüngeren Bruder hat, wird mit diesem von einer überforderten, alleinerziehenden Mutter zur Adoption frei gegeben. Wie er halbwüchsig ist möchte er endlich wissen, wer seine leibliche Mutter ist, macht sie ausfindig und entwickelt ein problematisches Verhältnis zu ihr, das mit einer unkontrollierten Handlung und vor Gericht endet. Der Preis für diese Sachlichkeit ist allerdings der, dass es schwer fällt, Empathie für die Figuren zu entwickeln, denn die Dialoge sind nach Gesichtspunkten der Sachlichkeit geschrieben. Die Figuren agieren zugunsten des Themas und nicht um unsere Sympathie zu gewinnen. Doch der „Fall“ beschäftigt einen über den Kinosaal hinaus – vielleicht, weil so vieles offen bleibt.

Amelia

Abfliegen, landen, abfliegen, landen, abfliegen, landen, abfliegen, landen, abfliegen, landen, dann, irgendwann, abstürzen. Verschollen auf Nimmerwiedersehen. Doch die deutsche Synchronstimme lispelt munter weiter in der Ich-Person.

Anknüpfen mit seinem Interesse möchte man da, wo Amelia, dargestellt von Hilary Swank, erzählt, dass ihr Vater Alkoholiker war. Hier flasht in Relation ihrer Worte zu ihrem Gesicht abgrundtiefe Spannung. Von da aus ließe sich vielleicht der (dramaturgische) Bogen spannen, eine Begründung finden für den unzähmbaren Pioniergeist.

Stattdesssen I: ein Mädchen steht in einem Kornfeld, träumerisch versonnen einem Propellerflugzeug nachschauend – das haben schon viele Mädchen getan, kaum je ist daraus eine Flugpionierin geworden.

Stattdessen II: abfliegen, landen, abfliegen, landen, abfliegen, landen. Dazwischen Meer von oben, Berge von oben, Savanne von oben, Giraffen von oben, Wolken, Wolken und Menschen, die das landende Flugzeuge begrüssen, einige Takes von Richard Gere, der immer noch fotogen ist, und dann wieder Abflüge. Eine Erdumrundung dreht sich gezwungenermaßen im Kreis.

Für einen Film über eine bemerkenswerte Frauengestalt ist es leider undankbar, wenn diese nullkommaplötzlich aus dem Äther und damit aus der Weltgeschichte verschwindet. Dieses Handicap wird nicht dadurch aufgewogen, dass von Anfang an immer wieder auf diesen letzten Flug vorausgeblendet wird.

Biopic begriffen als schlichtes, nachzeichnendes Kinderbilderbuch. Für die gebildete Klientel zu wenig: für die Massen kaum attraktiv genug. Die Möglichkeiten des Kinos nur an der vermeintlich leicht handhabbaren Äußerlichkeit und Oberfläche genutzt.

Tröte der Pandora

Ich hätte ja nie gedacht, dass ich jemals was über Fußball schreiben würde. Doch ich bin dieser Tage leicht melancholisch, denn vor vier Jahren hatte ich meinen Recherchedienst für Filmjournalisten gerade eröffnet, und genau zur letzten WM flog mir ja dermaßen die Scheiße um die Ohren hatte ich mit den Verleumdungen eines Mißgönners zu kämpfen. Ach, die Erinnerungen… Eigentlich wollte ich meinen Dienst ja schon letzten Sommer neueröffnen, doch verzögert sich dies derzeit auf unbestimmte Zeit und das aus „technischen Gründen“. So schließt sich also der Kreis, vier Jahre später. Egal, ich wollte ja über Fußball schreiben.

Ich bin kein besonders großer Fußballfan, und bade eigentlich nur zur WM in den Emotionen anderer. In der Zeit dazwischen hat sich mir noch nicht erschlossen, was an 22 Millionären, die einem Stück Schwein hinterherlaufen, so faszinierend sein soll.

Nun ist also wieder WM, und das große „Drumherum-Thema“ ist die Vuvuzela, diese afrikanische Tröte, mit der dortige Fans ihre Mannschaft anfeuern, ihre Freude zum Ausdruck bringen und so weiter. Sämtliche Übertragungen aus Südafrika sind geschwängert mit diesem Summen tausender zorniger Hornissen, und nicht nur bei Twitter, YouTube oder Facebook beschweren sich die Leute über den nervigen Sound vom Nachbarkontinent.

Doch moment mal: Wo liegt denn genau das Problem?

Wieso ahnte man nicht, dass Zigtausende von Stadionbesuchern und Fans die Vuvuzelas auch benutzen würden? (Immerhin handelt es sich um eine historische südafrikanische Signaltrompete, die in Südafrika seit rund zwei Dekaden bei den Massen beliebt ist). Der jetzige Hersteller hat 2001 immerhin einen Businessaward erhalten, um die Produktion erst ermöglichen zu können.

Wieso machte man die Vuvuzela zur offiziellen Fifa-Tröte und ließ sie in entsprechender Stückzahl herstellen (bzw. vergab die entsprechenden Lizenzen), wenn man nun das Getröte nicht hören will?

Ich finde es eigentlich ziemlich unglaublich, dass sich so viele Leute über die Vuvuzela aufregen. Zum einen wussten die Verantwortlichen ja wohl vorher, welche Büchse der Pandora sie da öffneten, zum anderen sind alle nicht-südafrikanischen Länder und Organisationen Gast in Südafrika (auch per TV) und haben daher höflich zu schweigen, was Sitten und Gebräuche ihres Gastgeberlandes angeht. Wenn Hunderttausende von Südafrikanern den Marketinggag (der traditionellen Vuvuzela in einer massentauglichen Variante) massenhaft ausnutzen, dann ist das eben so. Da hat man einfach zurückzustehen und sich „Andere Länder, andere Sitten“ vor Augen zu halten. Wer sich über die Vuvuzela in Südafrika aufregt, der beschwert sich auch beim Safariurlaub auch über barbusige Eingeborene, auf dem Oktoberfest über Blasmusik, und im restlichen Bayern über Kirchenglocken oder Biergartenlärm. Also, Leute, den Ball mal schön flachhalten.

Was mich allerdings diebisch freut, ist die offenbar nach hinten losgegangene Marketingaktion mit den Vuvuzelas. Auf der Webseite der FIFA ist das Video FIFA.com erklärt die Vuvuzela jedenfalls nicht aufrufbar. So wie ich die Sache sehe, dachte man, dass man mit der Vuvuzela einen neuen Kult heraufbeschwören, einmal mehr fett Kohle mit dem Merchandising machen und sich für die WM 2014 dann was neues ausdenken kann, vielleicht eine kleine Schiefertafel mit einer Metallgabel zum Kratzen.

Nun fiel die Vuvuzela jedoch eher in Ungnade, und die FIFA wird nun die Geister, die sie rief, nicht mehr los. Hätte man halt nicht so nach dem Geld gegiert und vielleicht den Zauberlehrling gelesen vorab, jaja… Oder wenigstens den Rap von JDD gehört, das hätte wohl auch gereicht. Doch nun wird zurückgerudert, ein Verbot erwogen, so getan, als wären die unzähmbaren Fans im Stadion schuld am Mißbrauch der eigentlich ach so harmlosen Tröte. In Wirklichkeit entfaltet sich vor unseren Augen im Moment nichts anderes als der Marketing-Supergau schlechthin. Nun wird alles getan, das Fifa-Image zu retten, nachdem man die Kohle schon eingeschoben hat. Im Grunde wie bei BP, nur mit weniger bleibenden Schäden.

Doch egal, wie die Hintergründe tatsächlich aussehen: Die Vuvuzela klingt doch genau wie die Formel 1, und das guckt ja genau dieselbe Zielgruppe mit größter Freude. Warum zum Geier also so ein Theater um die Tröte?

Mammoth

Die Globalisierung durch die Vergrößerung des Kinos gesehen, oder: so schön kann Globalisierungskritik sein.

Die Globalisierung ist ein Mammut, auf englisch Mammoth. Da steckt auch die moth, die Motte drin. Auch die Melone am Obststand hört sich an wie Mammoth, Interpretation offen.

Die Globalisierung spiegelt sich im Kleinen, im Detail. Einmal ist es ein 3000 Euro teurer Kugelschreiber, den die thailändische Gespielin unseres Protagonisten aus Not praktisch für nichts verscherbelt.

Nicht der Suspense zählt hier, es sind präzise einzelne Punkturen im großen globalen Zusammenhang, die den Reiz dieses immer ungewöhnlichen, immer hochfahrenden Gemäldes ausmachen.

Es geht nicht um realistische Rollendarstellung. Die punktgenaue Besetzung ist unwichtig. Dem Protagonisten würde man so den erfolgreichen Geschäftsmann, der im Business-Jet um die Welt düst, nicht abnehmen. Egal. Wichtig ist der Zusammenhang. Dass seine Frau auch arbeitet, als Unfallchirurgin, für sie reicht aus, dass sie bildhübsch ist und dass sie wie ihr Mann quicklebendig spielt. Wichtig ist hier, dass die beiden ein philippinisches Kindermädchen beschäftigen müssen, so vom Ungleichgewicht der globalisierten Welt, in der sie ein Rad mitdrehen, profitierend.

Das Kindermädchen wiederum braucht den Job, um ihre Familie in den Philippinen zu ernähren.

Ein Bub des Kindermädchens gerät derweil in kindsmissbrauchende Ausländerkreise, die so das Wohlstandsgefälle ausbeuten.

Der Geschäftsmann leistet sich in Thailand eine Gespielin. Auch diese macht das nur wegen ihrem eigenen Kind.

Die Frau des Geschäftsmannes versucht in der Unfallchirurgie einem schwerverletzen, fremden Jungen zu helfen.

Der Traum wäre doch der, wie es der Film am Ende zeigt, dass die Familie, will heißen: jede Familie – ohne Kindermädchen – glücklich vereint wäre, wie die Heilige Familie von Raffaelo Santi, ganz ohne die perversen Folgen der Globalisierung und überdrehter Geschäftsaktivitäten.