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Uwe Boll: Auschwitz

Uwe Boll dreht offenbar einen Film zum Thema Auschwitz und hat bereits einen Teaser online, bevor der Film in der IMDb zu finden ist.

Ich muss sagen, der Teaser lässt es einem kalt den Rücken hinunterlaufen. Und ja, das ist Uwe Boll, da an der Tür. Ich frage mich, ob Boll einfach nur Greuel unter dem Motto „never forget“ zeigen wird, oder ob wenigstens noch eine Ebene mit etwas Tiefgang hinzukommen wird. Beides können gute Filme ergeben, nur braucht es einiges an Feinfühligkeit. Doch macht Euch selbst ein Bild:

PS: Es fällt mir schwer, bei diesem Thema die Kategorie „Coming Attractions“ zu wählen.

Danke an Stefan.

Journalistische Vergütungsregeln unexplained – zweiter Akt

Im Juni hatte mein Journalistenverband eine handliche Tabelle fürs Portemonnaie herumgeschickt, in der die branchenüblichen Vergütungen für verschiedene Arten von Veröffentlichungen übersichtlich notiert waren.

Leider hatte man die Einheiten vergessen, so dass nicht klar war, ob es sich um Euro pro Artikel, Cent pro Zeile oder ähnliches handelt. Natürlich ist dies nur ein kleiner Fauxpas, denn Branchenprofis wissen selbstverständlich, dass es sich um Cent pro Zeile handelt – oder ahnen dies wenigstens.

Nur arbeiten in dieser Branche eben schon lange nicht mehr nur ausgebuffte alte Füchse. Auch ist es nicht mehr selbstverständlich, dass jeder Artikel zunächst einmal in einer gedruckten Publikation erscheint und die Online-Auswertung eine Art neumodischer Plan B ist, dessen Vergütung weitgehend unter den Tisch fallen kann. Und gerade für die eher wenig ausgefuchsten Kollegen ist diese Broschüre ja hauptsächlich gedacht.

Nachdem ich die fehlenden Einheiten in der Broschüre hier moniert hatte (sicher ist das auch anderswo geschehen), wurde diese Woche die Neuauflage des Flyers zugestellt, mit der lapidaren Begründung „Leider fehlte in dieser Broschüre der Hinweis, worauf sich die angegebenen Honorarsätze beziehen“.

Neugierig öffnete ich die zweite Auflage der Broschüre – nur um herzhaft lachen zu müssen. Denn noch immer fehlt der Hinweis, worauf sich die angegebenen Honorarsätze beziehen. Zwar findet sich diesmal „Alle Angaben in Cent pro Zeile“ unter den Tabellen, was schonmal sehr gut ist. Doch leider fehlt auch weiterhin der Hinweis, wie lang so eine Zeile eigentlich ist.

Bei uns brachte beim letzten Mal erst die Diskussion im Blog mit längerer Recherche folgenden Hinweis:

Dabei gilt als Normalzeile die Druckzeile mit 34 bis 40 Buchstaben. Umfasst die Druckzeile weniger als 34 oder mehr als 40 Buchstaben, so sind die Honorarsätze nach folgender Formel zu errechnen:
Buchstaben der Druckzeile x honorarsatz für Normalzeile : 37

Um es kurz zu machen: Eine Zeile entspricht 37 Zeichen. Warum bitte schreibt man das nicht einfach hin? „Alle Angaben in Cent pro Zeile (37 Zeichen)“ oder ähnlich? Die Angabe findet sich nämlich leider ebensowenig in dem dem Flyer beiliegenden Infoblättchen.

Schon lange ist eine Zeile nämlich nicht mehr zwischen 34 und 40 Lettern breit, auf einer Magazinseite wie der hier von mir dereinst teilweise geschriebenen ist das manuelle Zählen der Buchstaben nämlich eine spannende Angelegenheit – mit Zeilen alleine könnte man nicht genau rechnen.

Die beiden Texte neben dem Bild von Cate Blanchett (ein Beispiel für einen eher sanften Textfluss um ein Bild) haben 36 Zeilen (müssten rechnerisch also etwa 1332 Zeichen haben), tatsächlich finden sich aber nur 1207 Zeichen. Rechnet man ihn nach Zeilen ab (sagen wir, 90 Cent pro Zeile), kommt man auf € 32,40. Rechnet man ihn nach 90 Cent pro 37 Zeichen ab, kommt man auf € 29,35, ein Unterschied von immerhin rund 10%. In diesem Fall fährt man also besser, wenn man nach Zeilen rechnet.

Doch die Vergütungsregeln sind ja nicht dafür gedacht, dass man mal nach Zeilen, mal nach Zeichen abrechnet, je nachdem, wo mehr Geld herausspringt. Daher wäre eine einheitliche, felsenfest definierte Ansage von Seiten des Verbandes einfach Gold wert.

Ich persönlich halte es für besser und vor allem fairer, nach Cent pro Zeichen abzurechnen, allein schon, weil Texte dann objektiv messbar sind. Wobei es natürlich immer ein heißes Eisen sein wird, ob die schiere Menge des geschriebenen Textes für dessen Vergütung überhaupt relevant sein sollten.

So gesehen wäre die Perry Rhodan-Gesamtausgabe nämlich um ein vielfaches „wertvoller“ als Shakespeares gesammelte Werke – logisch, dass die Berechnungsmethode nach Textlänge nur eine Krücke für Alltagsjournalismus sein kann. Der Kommentar eines Kollegen zum Zeitgeschehen, in zwei Stunden ausgefeilt, kann demnach einfach nicht gleichwertig honoriert werden die z.B. das textlich zufällig gleich lange Ergebnis wochenlanger Recherchen in irgendeinem zwielichtigen Milieu.

Doch was auf dem Flyer außerdem noch fehlt, und das ist ebenfalls nicht unkritisch, ist das Medium, auf die sich diese Honorare beziehen. Anhand der Entstehungsgeschichte der Broschüre weiß ich, dass es sich um die Printausgaben von Tageszeitungen handelt, doch das steht halt leider nicht drauf. Ich wage zu bezweifeln, dass eine in der Tagesschau verlesene Meldung, die geschrieben vielleicht zehn oder fünfzehn Zeilen ausmacht, mit nur ein paar Euro honoriert zu werden hat.

Es wäre also schön, wenn es irgendwann (es eilt nicht) eine dritte Auflage des Flyers geben würde, diesmal mit wirklich allen notwendigen Informationen darauf, so dass Missverständnisse für alle Zeiten ausgeschlossen sind. Wie wäre es mit „Honorartabelle für die Vergütung freier Journalisten für Print-Veröffentlichungen in Tageszeitungen“ oben drüber, und „Alle Angaben in Cent pro Zeile (37 Zeichen)“ darunter? Klappe zu, Affe tot.

Grundsätzlich Danke übrigens an die Journalistenverbände für die sicherlich mühevolle Aushandlung dieser Honorare! – Und jetzt bitte dasselbe nochmal für Online, und dann auch noch all diees gegenüber den Kunden und Auftraggebern auch durchsetzen. Ein „Agent-Service“ der Journalistenverbände wäre hier wirklich gern gesehen, ich für meinen Teil bin nämlich Autor und kein Verhandlungsführer.

Zwischen uns das Paradies

Probleme ziehen Probleme an, oder: Wo einmal Krieg war wie im ehemaligen Jugoslawien, da lebt die Zerstörung noch lange in den Menschen fort. Eine Frau, Stewardess – daher die ständigen Flugzeugstarts und -Landungen – die mit sich selbst offenbar genügen Probleme hat, das zeigt die anfängliche narzisstische Handy-Movie-Selbstbetrachtung, die das Gegenteil zu behaupten versucht, ist mit einem Typen zusammen, der im Krieg ein Held war, als Fluglotse beim Trinken erwischt wird, seinen Job los ist und Zuflucht in extremer Religiösität sucht. Es kommt seine beschränkte Zeugungsfähigkeit erschwerend hinzu. Das kann nicht gut gehen. Schlimm ist vor allem, dass den handelnden Personen jede Konfliktfähigkeit abgeht. So zieht sich die Frau zusehends in die durch Ausblenden des Original-Tones dargestellte innere Isolation zurück und dem Mann sein Bart wird immer länger.

Jane’s Journey

In dieser Doku über Jane Goodall geht es zu wie bei Figaros, Jane hier, Jane da.

Jane in Afrika. Jane in Grönland. Jane in Nebraska. Jane in New York. Jane in England. Jane in Nordkorea. Jane im Urwald. Jane bei den Krokodilen. Jane bei den Schimpansen. Jane bei den Indios. Jane in Hallen. Jane in Sälen. Jane in Theatern. Jane beim Entgegennehmen von Standing Ovations. Jane beim Begrüßen. Jane beim Beküssen. Jane beim Händeschütteln. Jane beim Autrogrammgeben. Jane beim Signieren. Jane erster Klasse im Jet. Jane im Jeep. Jane zu Fuss. Jane auf alten Filmen. Jane auf alten Fotos. Jane nach der Meinung von Pierce Brosnan. Jane nach der Meinung von Angelina Jolie. Jane mit Schimpansenmaskottchen. Jane mit Kofi Annan. Jane bei Roots and Shoots. Jane und ihre gescheiterten Ehen. Jane und ihre eifersüchtigen Männer. Jane und ihr Sohn. Jane und das Gefühl der Unentbehrlichkeit. Jane und die Rettung des Planeten. Jane beim Pipi machen. Nein, letzteres hat wohl meine Fantasie fortgeschrieben.

Die Filmemacher hatten gewiss eine schöne Dienstreise um die halbe Welt, immer im Promitross, und mussten noch nicht einmal viel denken dabei.

Für mich hingegen müffelt diese Art von Hagiographie ein ganz klein wenig.

OFF, Tag 6 – Roger, Over and Out

Der Samstag hat eigentlich nichts mehr mit dem Festival zu tun. Ich hatte meinen Koffer schon vor der gestrigen Gala so weit wie möglich gepackt, weil die Volunteers mich mehrfach dazu verpflichtet hatten, dass wir nochmal so feiern gehen würden wie am Mittwoch. Daher war mir klar, dass ich nicht viel Schlaf bekommen würde.

Nach der Gala jedoch waren von den Volunteers, die mir eigentlich Bescheid geben wollten, nur noch zwei vor Ort gewesen, die anderen angeblich schon in Den Smagløse vorgegangen. Also hatte ich meine Abschiedsrunde begonnen, meine letzten Karten in treue Hände gegeben, Nummer und Mailadresse auf Zettel geschrieben, wann immer jemand das wünschte. Schließlich wollte mich einer der jungen Männer vom Festival mit zur Kneipe nehmen. Er hatte zwischenzeitlich noch zwei junge Schwedinnen zum Mitgehen eingeladen, die als Regie-Duo einen Film im Festival gehabt hatten, der jedoch leer ausgegangen war. Zu viert waren wir dann schwatzend und witzelnd durch die kalte, dunkle Stadt marschiert, die zum Wochenende jedoch plötzlich ein völlig anderes Bild bot: Anstatt leergefegt und starr durch die Nacht zu gleiten, pulsierten die Straßen und Gassen mit Nachtleben. Trauben von Menschen bewegten sich von Kneipen in andere Kneipen (der sprichwörtliche Pub Crawl) oder tranken ihr Øl gleich auf der Straße. Es wurde Gitarre gespielt, geknutscht oder auch einfach nur Fangsti unter Angetrunkenen gespielt. Alles friedlich, alles sympathisch, es war nur leider einen Tick zu kalt im Freien für meinen Geschmack.

Der junge Volunteer hatte erklärt, dass Den Smagløse nun schon zu hätte, und wir uns nun direkt zum Boogie’s begeben würden, woraufhin die eine Schwedin erklärte, dass sie nun doch lieber ins Hotel gehen würde, denn es sei schon fast drei. Ich hatte beschlossen, doch noch auf maximal ein Bier mitzugehen, aber keinesfalls mehr (mit diesem Vorsatz fangen manch großartige Nächte an). Vor dem Club waren nun zwei Türsteher gestanden, und es hätte auch noch 40DKK Eintritt gekostet, was mir zuviel gewesen war. Auch hätte ich dann noch nach Rauch gestunken, da ich keine andere saubere Hose mehr übrig hatte. Also waren der Begleiter und die verbleibende Schwedin eben zu zweit in den Club gegangen, mit der Auflage, die anderen kurz rauszuschicken, damit ich mich verabschieden könne.

Während die beiden sich also in den Club vorarbeiteten, hatte ich vor der Tür gestanden und gewartet. Dort stand noch ein völlig betrunkener Däne, der plötzlich das Gespräch mit mir suchte, dabei aber so langsam war, dass ich das, was er mir sagen wollte, schon minutenlang im Voraus wusste, bevor er endlich zum Punkt kam. Ein sehr seltsames Gespräch, und für mich eher langweilig, obwohl der arme Däne natürlich nichts dafür konnte, dass meine Denkmaschine nicht so eingebremst war wie seine. (Ich hab halt über 20 Jahre Wiesn-Training – oder er hatte einfach dermaßen viel getrunken, dass er eigentlich nicht mehr hätte stehen können dürfen…)

Schließlich war der Volunteer wieder rausgekommen und hatte mir mitgeteilt, dass keiner der anderen da sei, er wüßte auch nicht, wo die alle hin seien. Ich hatte ihn daraufhin gebeten, entsprechend herzliche Grüße von mir an alle auszurichten, es war eine tolle Zeit und so weiter, und mich von ihm in Vertretung für alle verabschiedet. Ich würde ihn (und die anderen) aller Wahrscheinlichkeit nie wiedersehen, daher war das ein sehr emotionaler Moment für uns beide.

Am nächsten Morgen traf ich ihn dann doch wieder, und zwar beim Frühstück im Hotel, nebst peinlich berührter Schwedin. Uns allen fehlten irgendwie die Worte, also machte ich es kurz und verabschiedete mich einfach nochmal.

Mit dem Zug ging es nach Kopenhagen (Direktverbindung zum Flughafen, ein wesentlich coolerer Anschluss als die schreckliche Münchner S-Bahn, das wäre nur vom Transrapid zu toppen gewesen), doch ab hier ging mein Tag erstmal abwärts.

Am Flughafen quetschte mich der Einchek-Computer auf einen beliebigen Sitzplatz, ich gab das Gepäck auf (wobei sich zweimal Leute vor mich drängelten, eines der Pärchen besaß die Frechheit, sich dann auch noch mit „es geht auch ganz schnell, versprochen“ zu entschuldigen), und ich ging zum Security Check, um noch gemütlich eine Kleinigkeit zu essen und einen Cappuccino zu schlürfen (circa 5 Euro pro Tasse ist in Dänemark normal, nicht nur am Flughafen), doch dann begegnete ich dem Leibhaftigen. Ich bin nun ein anderer Mensch.

Es fing ganz unschuldig an, wie immer eigentlich. Der Security Check befindet sich in einer langen Halle, mindestens so groß wie die Dreifach-Turnhalle einer Schule. Durch die Mitte der Halle, entlang der Länge, ist eine Trennung gezogen, bestehend aus einzelnen Garagentoren. Es befinden sich ungefähr 16 solcher Garagentore nebeneinander in der Halle. Jedes der Tore kann geöffnet oder geschlossen werden, jedes der Tore ist ein Security Checkpoint.

Man betritt die Halle an einem Ende und wird entlang eines Absperrbandes zur Hallenmitte geführt. Dort entscheidet man sich, ob man nach links oder nach rechts anstehen möchte, also sozusagen für die Tore 1-8 oder 9-16.

Ich entschied mich für links, wo die Tore 1, 2, 3 und 5 geöffnet waren. Mit einem Blick sah ich, dass die Schlange für Tor Nummer 5 (also die Schlange ganz rechts), die kürzeste war. Also wählte ich diese Schlange und stellte mich an.

Leider waren die Schlangen nicht voneinander durch Absperrbänder getrennt. Da die meisten anderen Reisenden nach wenigen Minuten auch realisierten, dass die Spuren kürzer wurden, je weiter rechts sie lagen, drängelten sie sich bald ao unauffällig wie möglich nach rechts. Wer schlau war, blieb ganz links, also in der längsten Schlange, und war nach 20 Minuten durch die Kontrolle. Wer ich war, schlug sich rund anderthalb Stunden mit Unzahlen von drängelnden Touristen herum, die ständig von hinten links an einem vorbeischulterten – all dies vollzog sich in extremer Zeitlupe – und dabei sämtliche Register der Unschuld zogen. Kinder wurden als Rammböcke benutzt, um sie wie einen Keil zwischen die rechtmäßigen Mitglieder der rechten, kurzen Schlange zu treiben. Chinesische Omas, die sich sonst mit solchen Menschenmengen in hundertfach größerer Proportion herumschlagen mussten, blickten unverwandt in die Gegend und arbeiteten sich so in stoischer Gelassenheit von einer Position zehn Meter links hinter mir und zwei Schlangen weiter bis zu ihrer neuen Position fünf Meter vor mir in meiner eigenen Schlange vor. Immer wieder zog mitten in der Menge einer ostentativ seinen Boarding Pass und bedeutete den mit ihm Wartenden, wie nett das Warten doch mit all ihnen gewesen wäre, er müsse jetzt aber leider gehen, seine Boarding Time sei gekommen und daher müsse man ihn nun wohl oder übel vorlassen, und begann, sich nach vorne zu pumpen.

Hätte man eine Kamera unter der Hallendecke befestigt und zwei Stunden Film auf eine Minute zusammengerafft, hätte man garantiert auf einen Blick erkannt, dass rund 70% der Anstehenden sich letztlich um den nächstliegenden Checkpoint (Nr. 5) drängeln, während die restlichen Fluggäste sich die drei anderen Checkpoints teilen und uns dabei alle überholten. Leider war ich während des Anstehens selbst nicht sicher, ob das auch wirklich stimmte, und traute mich nicht, aus der Schlange (mittlerweile eine Menschentraube, stets frisch gefüttert mit neuen Zugladungen Reisender) auszuscheren und mich einfach neu in der linken Schlange anzustellen.

Ich war ziemlich geladen und stinksauer. Nicht nur wegen meines Schlafmangels, der Aussicht auf einen Sitzplatz ohne Beinfreiheit und der drängelnden Dänen beim Koffer-Aufgeben, sondern auch wegen der unglaublich beschämenden Organisation dieses Security Checks. Ich wollte schreien, bald Drängler aus dem Weg schubsen, chinesische Omas, die nur halb so groß wie ich waren, in Grund und Boden brüllen, diesen ganzen falschen Fuffzigern, die mit billigen Tricks versuchten, sich vorzudrängeln, die Meinung geigen. Die ganze Woche war so perfekt gewesen, und jetzt musste alles auseinanderfallen! Doch ich beherrschte mich, ich bin ja gut erzogen.

Schließlich bemerkte ich, wie sich von weiter hinten aus der Schlange ein Mann löste und von der falschen Seite aus zum Förderband trat, auf das man seine Sachen legen musste. Er fragte einen der Security-Leute etwas, dieser bedeutete ihm dann, doch schnell zu ihm herumzukommen. Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt bereits zum Ende des Förderbandes vorgearbeitet, wo ich nur noch rund 20 Leute vor mir hatte, die sich in einer Traube um die Stelle drängelten, wo die Körbe für Jacken und Taschen aus einem Schacht kamen. Alle Galanz war vergessen, hier ging es um Korb oder Leben. Von hinten kämpfte sich der Mann vor, seine Frau im Schlepptau, und drängelte sich völlig schamlos an den Leuten vorbei. Als er zu mir kam, bat er mich, ihn durchzulassen, er hätte gleich Boarding Time. Und da ich so geladen war wie selten, sagte ich „No way, forget it“. Er meinte wohl, dass ich ihn falsch verstanden hätte und wiederholte seine Anfrage, aber mir war alles egal, ich hätte mich auch auf ein Duell eingelassen. Ich erklärte, dass ich ebenfalls schon ewig warte, dass Hinz und Kunz schon seit Stunden aus anderen Schlangen herüberdrängeln (hierbei deutete ich auch gleich schamlos auf Leute, die sich vorgedrängt hatten, und die das Wortgefecht beobachteten, inklusive der chinesischen Omas) und dass er von mir aus seinen Flug gerne verpassen könne, denn meinen werde ich wegen ihm sicher nicht auch noch freiwillig verpassen. Er wurde ungehalten und fuchtelte mit seinem Boarding Pass, auf dem die Boarding Time von 14:15 Uhr stand (es war mittlerweile 14 Uhr). Ich konterte, dass ich ebenfalls um exakt 14:15 meine Boarding Time hätte und daher aber auch wirklich nicht einen Grund sehe, ihn vorzulassen. Der Mann hatte keine Argumente mehr und sagte dann, na gut, dann werde er eben hinter mir warten. Ich bat ihn, das doch bitte mit dem Herrn auszumachen, der selbst bereits seit anderthalb Stunden hinter mir wartet, der wird sich sicher auch sehr freuen. Dann drehte ich mich wieder um und blickte kein einziges Mal mehr nach hinten, inständiglich hoffend, dass weder er noch seine Frau im selben Flieger, womöglich noch neben mir, sitzen würden.

Für mich war das etwas ganz besonderes, denn ich weiß nicht, ob ich je zuvor zu jemandem Nein gesagt hätte, ohne einen triftigen Grund außer meiner Unlust dafür zu haben. Normalerweise hätte ich ihn vorgelassen, allein schon, weil er gefragt hatte. Aber nach diesen 90 Minuten in einer Schlange von etwa 20 Metern Länge konnte der Mann im Grunde froh sein, dass ich ihn nicht niedergestreckt habe.

Natürlich hatte ich keine Zeit mehr, etwas zu Essen zu kaufen oder gar einen Kaffee, doch das hoffte ich an Bord zu bekommen, wie auf dem Hinflug auch. Leider war der Rückflug nur mit kostenpflichtiger Verpflegung, und 6 Euro wollte ich nicht für ein lasches Ciabattabrötchen mit einem bleichen Rad Kochschinken hinlegen. Der Kaffee dahingegen kostete nur 3 Euro, schmeckte dafür aber so bitter, dass es einem die Zehennägel aufstellte. Ich konnte mich keinen Millimeter bewegen, auch im Stehen kaum, so klein war das Flugzeug – siehe Foto.

Wieder in München, resümierte ich: Anreise und Filmfest so gut wie perfekt, Rückreise hat noch Kapazitäten in puncto positiver Erfahrungen frei. Dennoch würde ich sowas sofort wieder machen. Dieser Tage werde ich noch ein paar private Betrachtungen zu Dänemark bloggen.

OFF, Tag 5 – Last Impressions and Price Winners

Notiz am Abend: Ich habe mich gerade frischgemacht und für die große Preisverleihung umgezogen. Der Koffer ist so weit wie möglich gepackt, denn nach der Gala gibt es sicher noch ein Festli und ich will morgen nicht den Zug oder den Flug verpassen, egal wie gut es mir hier in Dänemark gefällt. Daher werde ich aller Wahrscheinlichkeit nach erst morgen nach meiner Heimreise, oder übermorgen, nach meiner ersten Nacht im eigenen Bett berichten können.

Da die Preise schon per Pressemitteilung bekanntgegeben wurden, veröffentliche ich diesen Artikel ferngesteuert um 19 Uhr, wenn die Gala gerade startet. Hoffentlich guckt keiner auf sein iPhone. Ich veröffentliche besser um 20 Uhr. Hier also die Gewinner: [PDF]

Mein letzter voller Tag in Odense fängt gut an: Das moldawische Zimmermädchen lobt meine Sauberkeit. Ich frage, ob andere Hotelgäste sich in ihren Zimmern etwa nicht so reinlich verhalten wie zuhause. Hart trifft mich die Erkenntnis, dass manche Menschen sich offenbar bewusst danebenbenehmen, nur weil sie wissen, dass jemand am Schluss kommt, um das ganze in Ordnung zu bringen. Allerdings wollte das Zimmermädchen nicht weiter ins Detail gehen, daher kann ich hierzu auch nichts weiter sagen.

Das nächste nennenswerte Ereignis war der brennende Toaster beim Frühstück. Auch ich gehörte zu denjenigen, die sekundenlang versonnen beobachteten, wie die Rauchschwaden über die verschiedenen Ecken und Kanten des Frühstücksraums zogen, anstatt aktiv zu werden und wenigstens den Stecker zu ziehen. Obwohl ich selbst jahrelang bei der Freiwilligen Feuerwehr war, kann ich mich im Nachhinein nur darauf herausreden, dass ich von meinem Platz den Toaster selbst gar nicht sehen konnte und eine ganze Weile dachte, es wäre Dampf von dem Würstchen-und-Speck-Behälter, der da so voluminös und irgendwie doch verdächtig schwarz aufstieg. Doch es entstand kein Schaden – zum Glück, denn das Hotel ist wunderschön – und eine resolute Küchenkraft steckte das Gerät einfach ab und nahm es mit.

Ich hatte mir den Vormittag zum Einkaufen von Mitbringseln vorgenommen, auf dem Weg jedoch gab ich die zuerst die ganzen leeren Wasser- und Limoflaschen ab, die sich in meinem Zimmer gesammelt hatten (1 Krone Pfand pro Einwegflasche). Das Geld gab ich einem Bettler, von denen es doch einige gibt in Odense. Zu Anfang der Woche hatte ich sie noch nicht bemerkt, aber nach einigen Tagen fallen einem die vielleicht vier oder fünf stark Hilfebedürftigen (oder zumindest so wirkenden) schon auf. Der Mann bedankte sich freundlich, und ich zog weiter.

Meine Geschenke erstand ich im Kramboden in der Nedergade, einem seit über 400 Jahren bestehenden Krämerladen, dessen Sortiment sich über die Jahrhunderte auch nur geringfügig gewandelt hat. Ein dermaßen beeindruckendes Erlebnis, dass ich über 100 Fotos allein im Laden geschossen habe – das eine wirklich sympathische Bild mit dem Besitzer und dem alten, pfeiferauchenden Stammkunden ist allerdings unscharf geworden, was mich unglaublich ärgert.

Auf dem Weg zum Hotel (Geschenke ablegen) und weiter zum Festival fallen mir eine Menge junger Leute auf, die in Gruppen durch die Stadt ziehen, wobei die einzelnen Gruppen nach verschiedenen Themen verkleidet sind. So gibt es Schweine, Weihnachtsmänner oder auch den Batman-Joker (nach Ledger-Lesart). Sie liefern sich Gesangsduelle oder rennen wild schreiend durch die Gassen. Ich halte so ein Gespann kurz auf und frage nach: Sie alle sind Studienanfänger der Psychologie, das neue Semester startet am Montag. Die Verkleiderei und das Gerenne durch die Stadt sind eine Tradition, um sich untereinander und auch die Stadt ein wenig kennenzulernen. Find ich ganz lustig! Allerdings dürfte es da schon bereits eine Menge zu anaylsieren geben.

Auf dem Festival gucke ich dann auch noch meine letzte Kurzfilmrolle; diesmal ist es ein Programm aus ultrakurzen Kurzfilmen des Berliner Going Underground-Festivals, das ab 2011 übrigens auch in München Fuß fassen wird. Die Zuschauer sind begeistert, auch wenn einige der Filme ohne Ton sind. (In Berlin sind sie übrigens alle ohne Ton, weil sie auf den Werbemonitoren der U-Bahnen funktionieren müssen, bisweilen gibt es Untertitel) Leider endet das Programm nach gut drei Vierteln mit einem Serverausfall, und ich gehe ins Hotel, mich frischmachen.

Die Abschlussgala mit Preisverleihung ist das Event schlechthin des ganzen Festivals. Birgitte Weinberger und Mikkel Munch-Fals, sie die Leiterin, er der Artistic Director des Festivals, sahen ihren letzten offiziellen Pflichten vor der lange nötigen und hart verdienten Ruhepause gelassen entgegen. Die Gala fand statt im Momentum Theaterhuset, wo bereits Pitch Me Baby am Mittwoch stattgefunden hatte. Diesmal waren die Tische aber aufs Festlichste eingedeckt, mit Kerzen romantisch beleuchtet. Am Platz stand sogar schon die Vorspeise bereit, eine Thunfischcreme mit feiner Zitronennote, mit Lachskaviar und Dill verfeinert, es war eine ziemliche Überwindung, nicht sofort über das leckere Essen herzufallen.

Der Saal füllt sich pünktlich und bis auf den letzten Platz, es gibt Begrüßungen und Dankesreden, natürlich hauptsächlich auf Dänisch und diesmal – wohl am ehesten wegen der Erleichterung über ein gelungenes Festival – eher selten mit vorbereiteten Untertiteln auf Englisch, und streckenweise auch eher aus dem Stegreif. Die erste Viertelstunde der Veranstaltung war zwar mit dirigiertem Applaus und sekundengenauem Ablauf sehr straff organisiert, doch als die Liveübertragung ins Nationale Fernsehen beendet ist, entspannt sich der gesamte Saal sichtlich. Die Preisverleihung (Preise siehe oben in der Einleitung) ist in zwei Teile geteilt, dazwischen liegt der Hauptgang (ein reiches Buffet mit Kalb, Huhn, Gemüsen und Salaten). Der Gewinner des Pitch Me Baby-Preises, Oliver Zahlke, sitzt bei uns am Tisch, und ist sichtlich gerührt, als sein Projekt Elephant gekürt wird. Die Freude über den Preis war ihm den Rest des Abends anzumerken.

Während des Festes entwickelten sich zwei Running Gags: Der eine war die wiederholte Entgegennahme von Preisen durch die Kultur-Assistentin des französischen Botschafters für nicht anwesende französische Filmemacher (unter anderem Logorama war gut angekommen), der andere schien eine Art Wettbewerb zu sein, der sich unter denen, die Dankesreden hielten, zu entspannen begann. Nachdem Jurymitglied Michael Noer sich in einer Rede froh zeigte, nun nach dem Ende der Live-Übertragung ins dänische TV endlich ungestraft Kraftausdrücke verwenden zu können und dies auch gleich in Angriff nahm, sahen es nicht wenige der nachfolgenden Redner als eine Art Ehrensache, ihrerseits auch einige deftigen Ausdrücke in ihre Reden einzuflechten, was das weitgehend volljährige Publikum sehr amüsierte.

Besonders bemerkenswert auch der für Nicht-Muttersprachler anrührende Dank an Ulrich Breuning, „the grand old man of Danish film“, der in einer langen Standing Ovation für ihn mündet.

Die Freude über ein gelungenes Filmfest und die geballten Emotionen des gesamten Abends schlagen auf uns alle über, denn wir alle fühlen uns als Teil eines großen Abenteuers, einer großen Familie sozusagen. Als im Foyer die Bar öffnet und die Reihen der Besucher sich langsam lichten, beginnen DJs im Saal mit dem Auflegen von Partymusik, die Leute verteilen sich, unterhalten sich in Grüppchen und rauchen draußen.

Noch am Montag war ich ein völlig Fremder mit löchrigen Schuhen und nassen Socken in einer mir völlig unbekannten Stadt (die vom Straßenlayout her noch dazu auf den Prinzipien von M. C. Escher zu basieren schien) und schon am Freitag Abend grüßte ich reihum die neugewonnenen Bekannten, tanzte und feierte mit den Volunteers, schwatzte mit Kollegen aus Dänemark, Finnland, Estland und der Schweiz sowie einem Jurymitglied aus San Diego, war nun mit Studiobetreibern, Fotografen und nicht wenigen anderen Medienmenschen aus Odense bekannt, mit der Festivalleitung auf Du und Du und hatte einen Stein im Brett der Küchenbesatzung der Kulturmaskinen. Ich war sogar schon auf der Straße erkannt und gegrüßt worden, und trinken kann man offenbar mit jedem Dänen ganz prächtig. Skål!

Ich denke, mein Besuch des OFF, des Odense Filmfestival 2010, war ein voller Erfolg.

OFF, Tag 4 – Great Danes

Das Frühstück hab ich nach dieser Nacht natürlich mal wieder verpasst, auch zeigen sich langsam erste Ausfallerscheinungen: Meine Füße tun weh (was muss ich jemandem auch den Moonwalk beibringen wollen), das Fach mit der Schmutzwäsche im Hotelzimmer ist voller als das mit dem Vorrat frischer Wäsche. Doch der Festivalgeist ist ungebrochen, die Leute strömen auch weiterhin in die verschiedenen Filmprogramme (die meist je zweimal gezeigt werden). Auch sind gestern eine Menge weiterer Kollegen eingetroffen, die alle kennengelernt werden wollen.

Das Sympathische am Odense Filmfestival ist, dass alle Veranstaltungsorte (mit ganz wenigen Ausnahmen) sich auf einen Ort konzentrieren, nämlich die schon oft erwähnte Brandts Klædefabrik – wie bei einer Uni mit einem ordentlichen Campus. Das Festival steht am Übergang von einem kleinen zu einem größeren Filmfest, diese Zunahmen an Bekanntheit bringt unter anderen mit sich, dass die Festivalkinos langsam zu klein werden: Immer wieder stehen Leute vor veschlossenen Türen.

Noch gehört das Kribbeln der Unsicherheit, ob man an einer Vorführung teilnehmen kann oder zu spät war, zum Charme dieses „kleinen“ Festivals, aber sollte das OFF weiter wachsen (wonach es derzeit deutlich  aussieht), muss dem Rechnung getragen werden. Auch ist es eher unüblich, dass akkreditierte Gäste sich mit den normalen Zuschauern eine halbe Stunde anstellen müssen. Oftmals haben diese gar nicht so viel Zeit, weil sie zuvor noch in einem anderen Programm saßen oder ähnliches. Eine Möglichkeit, dem zu begegnen, wäre zum Beispiel, ein bis zwei Sitzreihen pauschal für Akkreditierte zu reservieren und fünf Minuten vor Start die letzten verbleibenden freien Sitze für die regulären Zuschauer freizugeben. Nicht, dass ich mich nicht gern anstelle, schon vorgestern habe ich mich so eine ganze Weile angeregt mit zwei jungen Französinnen unterhalten, aber akkreditierte Gäste haben oft mehr Termine auf so einem Festival als die Besucher.

Heute jedoch gab es eine geführte Tour rund um die größten Söhne der Stadt: St. Knud, dessen Gebeine in der gleichnamigen Kirche aufbewahrt werden, die angeblich auch über eine der bekanntesten Orgeln des Planeten verfügt und natürlich Hans Christian Andersen. Der Vater von Märchenklassikern wie Die Prinzessin auf der Erbse, Däumelinchen, Der standhafte Zinnsoldat, Das hässliche Entlein und Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern wurde in Odense geboren und wuchs dort auf, bis er 14 Jahren nach Kopenhagen ging.

Das Haus, das als sein Geburtshaus gilt, wurde samt umgebender Armensiedlung erhalten und beinhaltet nun ein Museum, das sich ausschließlich dem Leben und Werk des großen Dichters verschrieben hat. Das Museum wirkt streckenweise ein wenig einseitig, findet man auch Dinge wie Andersens Taschentuch, Andersens Aderlassbesteck, Andersens Dritte sowie das 9-Meter-Seil, das der Dichter auf Reisen immer dabeihatte, um sich aus brennenden Hotels abseilen zu können (was nie nötig war). Doch natürlich ist genau dieses Museum der richtige Platz, um all diese eigenwilligen Memorabilia aufzubewahren.

Besonders beeindruckend ist ein Raum mit zehntausenden von Andersen-Ausgaben aus der ganzen Welt (in einer Unzahl von Sprachen) und aus allen Zeiten. Hier findet ein jeder sicher auch das Buch, aus dem einem als Kind vorgelesen wurde, ein Moment, der ganz besondere Emotionen weckt.

Später nahm ich die Videobar des OFF in Augenschein, wo man sich sämtliche Festivalfilme, in bequemen Aufblasmöbeln flezend, auf nagelneuen iPads und mit Kopfhörer anschauen kann. Da der Raum aus offensichtlichen Gründen stockdunkel gehalten wurde, gibt es hiervon nur ein schwer verwendbares Foto.

Ich halte die Videobar für die maximal innovative Möglichkeit, an einem Filmfest teilnehmen zu können – endlich mal keine DVDs oder Kassetten und Kabinen, sondern eine ordnetliche Lounge. Verpasst man ein Programm oder möchte sich gezielt einzelne Filme anschauen, kein Problem. Ich habe hier gleich mehrere Filme angeschaut, man klickt sie in einem Menü einfach an. Ich denke, mit soviel Ideenreichtum und Drive hat das Odense Filmfestival gute Aussichten, ein sehr bekanntes internationales Kurzfilmfestival zu werden.

Im Hotel habe ich übrigens aufgegeben, zu versuchen, den roten Leuchtknopf vom Lift, der „in Bewegung“ bzw. „kommt“ anzeigt, zu fotografieren. Schade, denn eine rote Warnleuchte unter „Elevator“, auf der „Fart“ steht, käme beim Failblog sicher gut an. Leider ist der Lift so schnell, dass die Kamera nicht schnell genug scharfstellen kann, und das Lämpchen geht wieder aus, noch bevor ein ordentliches Foto gemacht ist.

Morgen ist der große Tag: Am Abend verleihen die Jurys die Preise auf einer Gala, meine Eintrittskarte liegt schon bereit. Ob es wieder fünf Uhr morgens wird? Ich hoffe nicht, denn ich muss am Samstag meinen Flieger erwischen. So schnell naht auch schon wieder das Ende meiner Reise. Leider.

Die Liebe der Kinder

Sehr viel Seminarfleiß wurde in diesen Film hineingesteckt.

Das Buch sorgfältig entwickelt, so sorgfältig, dass ungefähr alles voraussehbar ist. So sorgfältig, dass alle diese Menschen reine Papiermenschen bleiben, exemplarische Exemplare einer Menschheit, wie sie sich eben ein Schreibtischtäter so vorstellt und der noch dazu sehr auf kleinere Pointen Partnerschaften betreffend aus ist.

Diesen Menschen, die hier vorgeführt werden, fehlen Ecken und Kanten, Eigenschaften, die sie interessant machen könnten, die konfliktfördernd und spannungserzeugend wirken könnten. Sie sind einzig und allein in diesen  Film hineingestellt worden, um die Thesen von Herrn Müller zu sprechen.

Sie kommen auf die Leinwand, um ein erstes Date einer Internetbekanntschaft zu spielen, in einem Café. Um hier erste Verlegenheit und dann Gleich-ins-Bett-gehen zu spielen. Um dann Sätze zu sagen wie, ich mag Deinen Geruch. Um  umgehend zu beschliessen, dass sie bei ihm einzieht. Um zu klären, dass er unter Naturschützer versteht: Landschaftsgärtner, der Bäume umsägt.

Der Beruf ist so unwichtig, dass der Schauspieler auch die Szenen, wo er an Bäumen tätig ist,  nicht einmal glaubwürdig spielen muss.

Bis hierher wissen wir nicht, in welcher Himmels-Gegend wir uns befinden.

Und wie Maren mit Robert, so fantasie- und klangvoll sind die Namen der Protagonisten, gleich zu ihm nach Hause mitgeht, sind wir schon mitten im Flur der Wohnung, sehen sein Arbeitszimmer, sein Schlafzimmer, das Schlafzimmer seines Sohnes Daniel, ohne auch annähernd eine Ahnung zu haben, in welcher Art von Stadtteil oder Gebäude wir uns befinden.

Später hat der Filmemacher dann die Gnade, uns wenigstens einen Blick in den Vorgarten oder den Hintergarten zu gestatten. Diese Dinge sind hier so unwichtig, weil sie sowieso nicht von der Dramaturgie nützlich gemacht werden. Diese hat sich nämlich vorgenommen, ein Modell zwischenmenschlicher Beziehung zu entwerfen, wo … : – sie zieht dann mit ihrer Tochter bei ihm ein und die Kinder liegen schon zusammen im Bett, also die sind geschlechtsreif, darf noch hinzugefügt werden, und bumsen, bevor sie noch die Tür zugemacht haben – und wie dann die Liebe der Kinder auch die später kriselnde Liebe der Erwachsenen, die zwischendrin nach der Bekanntgabe der Heirat und nach diversen Seitensprüngen von ihr, sie ist Bibliothekarin, auch das ist nur dem Text und nicht ihrem Spiel zu entnehmen, wieder zu einem Happy End zusammenfügt, man sieht die beiden dann eine neue Wohnung, die gerade instande gesetzt wird, besichtigen.

Ein Film, der seine beste Verwertung vielleicht als Schulungsmaterial für Paartherapien finden wird.

Der kleine Nick

Wer es noch nicht wusste, der wird es spätestens nach diesem Film wissen, es ist die Seine, die durch Paris fließt, und auch demjenigen, dem das vorher schon bekannt war, wird nach der Vorführung des Filmes klar, dass diese Seine inzwischen um einige Zuschauertränen reicher sein dürfte, so kongenial haben Chabat/Tirard den Kinderbuchklassiker von René Goscinny und Jean-Jacques Sempé verfilmt.

OFF, Tag 3 – Out to Sea

Ganz ehrlich: Wer am dritten Abend eines Festivals noch bloggen kann, macht etwas grundlegend falsch. Ich melde mich morgen, gegen Nachmittag.

Also. Der gestrige Festivaltag bot etwas ganz besonderes: Dänemarks ersten Pitching Contest. Zehn aufstrebende Filmemacher bekamen die Gelegenheit, vor einem Podium von vier Funktionären der dänischen Filmbranche zu sprechen und ihr Projekt vorzustellen. Das ganze Fand im Momentum Theater auf der Bühne statt, das Publikum bestand aus geladenen Festivalbesuchern.

Nach strengen fünf Minuten würde jeder nicht vollendete Pitch nötigenfalls zwangsweise abgebrochen, dann durfte das Podium zehn Minuten lang nachfragen, bohren und abklopfen. In Folge hatte dann auch das Publikum die Gelegenheit, fünf Minuten lang Fragen zu stellen, was gerne genutzt wurde. War einer der Autoren mit dem Pitch nicht fertig geworden, lautete die erste Frage sowieso stets, wie der Film ausgeht, was bei einem Pitch ja sowieso immer dazuerklärt werden muss, denn vor einer eventuell teuren Filmproduktion muss natürlich jeder Twist klar sein. Ein Pitch ist also kein romantisches Geschichtenerzählen am Lagerfeuer. (Video)

Der Gewinner wird 50.000 DKK gewinnen (€6.600), um sein Drehbuch ausarbeiten zu können und wird bei der Preisverleihung am Freitag bekanntgegeben.

Ich verließ den Pitching Contest zur Halbzeitpause, denn ich wollte mir ein Fahrrad mieten. Der Preis von 100 DKK am Tag ist sehr günstig, doch leider hatte das Geschäft auch nur bis 13 Uhr offen. Ich ärgerte mich über die verpassten Pitches und mein schlechtes (nicht vorhandenes) Dänisch, und begab mich wieder aufs Filmfest. Hier wurde ich eingeladen, an einer kleinen Bootsfahrt in Richtung Meer teilzunehmen.

Die Networking Cruise sollte dazu dienen, die Kulturmacher der Insel Fünen und deren Geldgeber an einen Tisch zu bringen, um mittelfristig effektiver und sicherer Kultur machen zu können. So fand ich mich bald mit Theaterleitern, Regisseuren, Produzenten, Finanziers und einigen Kisten Bier auf einem Ausflugsboot wieder und schipperte auf dem Odense-Kanal Richtung Ostsee.

Auf Höhe Klintebjerg stand ein dicker Mann am Kai und brüllte das Schiff mit sich überschlagender Stimme durch ein Megafon an, winkte heftig und wiederholte alsbald seine Bemühungen, unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Tatsächlich war das ein geplanter Stunt, es handelte sich um Banjo von Banjos Hotdogwerken, eine lokale Koryphäe in der Herstellung besonders leckerer Hotdogs. (Video) Wir legten an, und jeder musste mindestens zwei essen. Wer dem Standl zu nahe kam, bekam ungefragt einen weiteren Hotdog in die Hand gedrückt, ich war nicht der einzige, der schließlich mit drei der Würsteln im Bauch über den Kai wankte. (Zumal ich, gänzlich in Unkenntnis des nahenden Hotdog-Ausfluges, einige Stunden zuvor bereits einen Hotdog der Konkurrenz gesnackt hatte.) Die Heimreise entlang des Kanals (ursprünglich sollte die Fahrt tatsächlich aufs Meer gehen, doch der Seegang war zu stark, um die Angelegenheit noch als gemütlich empfinden zu können) verlief in großer Zufriedenheit, sämtliche Teilnehmer waren hotdogbeseelt und bierbeglückt, und das Networking unter den Dänen schien zu flutschen. Nicht unerwähnt sollte werden, dass das Schiff nochmal anlegen musste, um drei vergessene Passagiere (inkl. mir) aufzunehmen. Wir waren einen Steg entlangspaziert und hatten die ganzen Boote dort angeschaut.

Sebastian, ein Vertreter des Kurzfilmfeststs von Winterthur, und ich ließen uns vom Shuttlebus am Hotel absetzen, so dass wir uns frisch machen konnten. Es war schon acht, und ab neun würde es Livemusik im Club OFF geben. Ich wechselte mein Hemd und machte mich wieder auf den Weg. In den Club wäre ich fast nicht reingekommen, da mein Badge noch im anderen Hemd steckte und von den Leuten, die mich mittlerweile kannten, keiner in Sicht war. Es wäre keine Katastrophe gewesen, dann hätte ich halt einfach Eintritt gezahlt, doch einer der OFF-Helfer eilte mir schließlich zu Hilfe.

Es spielte Black Horse, eine junge Band mit eigenwilligen Klängen, und wir tranken weiter das wirklich leckere Odense-Bier von Albani. Im Anschluss setzten Sebastian und ich uns zusammen, ein paar der OFF-Mitarbeiter kamen hinzu. Und hier endet mein Bericht, auch wenn ich noch folgende Stichworte fallen lassen möchte: Bier, alternative Bar Den Smagløse (der Name bedeutet „geschmacklos“), Bier, Fernet Branca, schließt irgendwie schon um drei, Boogies Club, Bier, tanzen, OFF-Mitarbeiter und Filmfestgäste gießen sich gemeinsam einen auf die Lampe, jemand hat eine Flasche Rum gekauft, gibt aber nichts ab, Bier, volles Bier fallenlassen, schließt irgendwie schon um halb fünf, torkeln zum Hotel unter der gelallten Wegbeschreibung der Mittrinker, sich-als-Gast-identifizieren gegenüber der eher resoluten Nachportierin, Morgendämmerung, Bett. Was für ein Fest! Das nenn‘ ich Networking!