Richtig schön, gradlinig erzählte Geschichte einer 16jährigen aus der tiefsten amerikanischen Provinz in der Nähe von Austin; chronologisch wie nach dem Tagebuch und wach beobachtet; so dürfte der Roman geschrieben sein, den die Drehbuchautorin, Shauna Cross, verfasst hat und nach welchem sie das Drehbuch schrieb. Sie führte auch die Regie.
In der Provinz kann man sich Zeit lassen. Die Provinz hat strenge Rituale, Schönheitswettbewerbe zum Beispiel, das ermöglicht ausgiebige Blicke in die Garderobe, wie die jungen Mädchen sich vorbereiten, wie sie ihre Frisuren hochstecken, ihre weißen Kleider anziehen, bodenlang selbstverständlich und die strenge Jury im Publikum. Jede Konkurrentin darf sich kurz vorstellen und sagen, mit wem sie gerne zu Abend essen würde.
Unsere Protagonistin heißt Bliss Cavendar, gespielt von Ellen Page. Sie fühlt sich in der Enge der Provinz nicht wohl. Sie spielt die Rebellin, indem sie vor dem Wettbewerb ihre Haare blau färbt und die Frisur sitzt dann auch nicht richtig. Nun ja, ihre kleine, brave Schwester gewinnt den Pokal, ein scheußliches dreibeiniges Ding, grösser als sie selbst. Die Rebellin, die geht leer aus. Das Verhältnis zur Mutter wird dadurch nicht besser.
Bliss jobbt mit ihrer Freundin in einem Schnellimbiss.
Shauna Cross schildert das liebevoll und einfühlsam. Sie verzichtet auf komplizierte Dialoge, aber immer bringen sie die Geschichte ein ganz klein wenig vorwärts.
Bliss hat also zuhause keine guten Karten mehr, da erfährt sie von einem Roller-Wettbewerb. Dialog mit Freundin: This is a Roller …, this is in Austin…. Frage: will there be cute boys then?
Die beiden Freundinnen fahren alleine los. In Austin kommen sie mit dem harten Sport der Rollerinnen in Kontakt. Der Funke und die Begeisterung springen auf Bliss über. Zuhause jedoch muss sie lügen, wenn sie ab da zum Training will, denn das würde keineswegs toleriert werden. Und wenn sie kein besonderes Talent fürs Rollern hätte, dann bräuchte die Geschichte auch nicht erzählt werden. Sie schützt zuhause Überstunden vor.
Eine nett illustrierende Erzählweise, die die Konflikte immerhin der Reihe nach einführt und auch wieder löst. Respektive, der grosse Teil des Filmes ist die Konfliktexposition, denn die Eltern wissen ja erst nichts davon, der Konflikt kann also bis zum entscheidenden Rennen verheimlicht und dadurch verhindert werden. Konflikt qua Konfliktvertuschung.
Und wie er dann da ist, wie der Termin des entscheidenden Rennens genau mit einem Termin mit der Mutter bei der Mutter-Tochter-Vereinigung (in weißer Kleidung, versteht sich), kollidiert, da ist der Vater plötzlich auf Tochters Seite, denn sie hatte ihn mal beim heimlichen Fernsehen im Wohn-Trailer erwischt. Die Tochter ist schon fertig geschminkt und anlassgemäß provinziell angezogen, da platzt der Vater, der sich inzwischen im Internet – noch eine sehr frühe Variante den Computern nach zu schließen – schlau gemacht und erkannt hat, was für ein Roller-Talent seine Tochter ist.
Es gibt eine ausgiebige Szene, wie sich Bliss mit der Freundin unterhält, weil sie beim Eintritt in die Sportgruppe gefragt wurde, wie alt sie sei, ob sie 21 sei, und da hat sie keck gelogen: 22. Die Freundin machte darnach moralische Einwände geltend, die wischte Bliss beiseite, sie sagte ganz cool: die Grenze ist kritisch, aber ein Jahr mehr, da fragt keiner mehr nach. Das sind doch sympathische Details.
Später vor dem Rennen gibt es eine Auseinandersetzung mit einer 37 Jährigen aus der Gruppe und die kommt dahinter, dass das Mädel erst 17 ist und die spielt ihr erst einen Streich, also eine boshafte Intrige, Mobbingversuch mit anderen Worten. Oder: Geschichten, die das Leben schreibt.
Bevor sie zum Roller-Sport geht, spottet die Freundin noch „you dont have the balls“.
Schöne Szene, wie sie mit einem Altenbus nach Austin fährt, zweimal kommt das vor, sie sitzt neben einer alten Dame, graues Haar blau gefärbt, die sagt ganz wichtig, sie habe es selber gefärbt; beim nächsten Mal hält Bliss ihr den Wollknäuel, damit sie stricken kann. Auch so ein Glaubwürdigkeit verleihendes Detail.
Im Sport wird Bliss RUTHLESS genannt, weil sie die Lektion gelernt hat, die Gegnerinnen ruthless gleich skrupellos, erbarmungslos auszuspielen.
Bliss verliebt sich in einen ganz netten Typen von einer Band. Die ersten Liebesszenen zwischen den beiden, die sind ganz zart, romantisch, verspielt, unschuldig, sie sitzen auf dem Kühler des Ami-Schlittens, er schmeißt dann die Auto-Schlüssel ins Kornfeld und sie müssen sie suchen. Und dann nochmal. Und dann gibt’s einen Schnitt.
Die ganzen Provinzmenschen, wie sie liebevoll gezeichnet und gekleidet sind, nie richtig dumm, nie zu wach, nie zu grob, aber immer besorgt und leicht ängstlich.
Insofern passt auch die Besetzung, keine dieser im Gesicht korrigierten aufstrebenden jungen Hollywood-Jung-Mumien.
Eine weitere dufte, süsse Liebesszene im Pool, traumhaft die beiden schwimmenden Körper, die sich dann unterwasser züchtig ausziehen, aber natürlich nicht so ganz; sie trägt schöne provinzielle BHs.
Zuhause kommt es zu einem Anschiss; Mutter trägt einen rosa Morgenrock mit breitem Kragen und weißen Stickereien auf diesem.
Ein Film von einem Mädchen für die Mädchen vom Lande und vielleicht noch ihre Mütter oder eher für die Grossmütter.
Denn der Erzählfaden ist, wie erwähnt, gut.
Dazu gehört selbstverständlich aufkeimendes Misstrauen dem Freund gegenüber, ein Missverständnis wie sich rausstellen wird, aber da weiß Mutter ganz schnell: Bliss ist ganz traurig, sitzt in der Küche, weint schier und sagt: please dont judge me right now. Und Mutter meint: he doesnt deserve you. Die lieben Mütter ohne allen Arg.
Es ist ganz naiv der Entwurf eines Provinzmenschenbildes nach Beobachtung oder „nach der Natur“ und ohne tiefere Druchdringung, ohne grosses Kratzen am Lack, ganz lieblich dargestellt. Die Eltern wollen das Beste für die Kinder. Das war immer so. Das wird immer so bleiben. Und oft werfen sie dadurch den Kindern Steine in den Weg. Und erst durch den Erfolg der Kinder lernen die Eltern, was dem Kind gut tut. Bis dahin ist auch der Freund wieder da. Ende gut, alles gut.
Kino wie das persönliche Tagebuch einer in der amerikanischen Provinz Heranwachsenden.
Richtig schön, gradlinig erzählte Geschichte einer 16jährigen aus der tiefsten amerikanischen Provinz in der Nähe von Austin; chronologisch wie nach dem Tagebuch und wach beobachtet; so dürfte der Roman geschrieben...