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Bad Boy Kummer

Schade, dass die beiden SZ-Redakteure, die damals wegen des großartigen Real-Fabulierers Tom Kummer den Hut nehmen mussten, weil sie von diesem erfundene Interviews im SZ-Magazin abdruckten – und erstaunlicherweise gefiel es dem Publikum und keiner schöpfte Verdacht – auch heute noch, also Jahre später, nicht dazu Stellung nehmen wollen, wieso sie auf Kummer reingefallen sind und Erfindungen, die zu glauben sie wie ihre Kunden offenbar nur allzu gerne bereit sind, als bare Magazin-Münze weiterverkloppten, wobei diese Magazin-Wahrheit doch eh immer eine sehr gestriegelte und geglättete Wahrheit ist. Die Ex-SZ-Redakteure könnten Größe beweisen, wenn sie heute gestehen würden, hören Sie, bei diesen Beilagen-Magazinen geht es nie um Wahrheit, da geht es um auflagenfördernde Zutat und Ablenkung vom Alltag, die mit einer Wahrheitsgeste an den gläubigen Leser gebracht werden soll. Sie könnten doch gestehen, dass solche Magazine dem Leser ein Wohlgefühl vermitteln wollen, sei es dadurch, dass sie Grausames angenehm lesbar darbieten, sei es dass sie dem Glamour Tiefe zuschreiben (siehe übernächster Abschnitt), kurz, es gehe um das angenehme Massieren des Geistes der von der Wochenarbeit ermüdeten Leserschaft.

Geschichten vom gelungenen Bluff sind für die Gelinkten im Moment der Enthüllung peinlich, für die Nachwelt geben sie herrliche Anekdoten ab, Stoff für Stories, Theaterstücke und Filme, beste Unterhaltung, ob es sich um den Hauptmann von Köpenick handelt oder die gefälschten Hitler-Tagebücher, die die Vorlage für Schtonk lieferten.

Tom Kummer kann sich auch heute noch über die eigene Erfindungsgabe ergötzen, und die ist wirklich herrlich, wie er den schwer kranken Charles Bronson über Orchideen und das Gärtnern philosophieren lässt (Kummer fand die Informationen dazu in Blumenbüchern und Garten-Ratgebern) oder wie er Mike Tyson einen Hang zur Literatur und Philosophie zuschrieb, wie er prinzipiell bei Stars nichtvorhandene Tiefen auszuloten vorgab.

Der Film gibt sich graphisch selbst ein bisschen wie eines dieser Magazine, schon die Titel im Vorspann kommen wie Titelseiten solcher Magazine daher.

Ein Beleg dafür, wie unkritisch die Leserschaft der Magazine ist, ergibt sich daraus, dass offenbar niemand ernsthaft Zweifel an den fingierten Interviews hegte. Verwunderlich ist auch, dass keine von den Agenturen der Stars von diesen Interviews was mitbekommen haben wollen. Entweder ist ihnen die deutsche Presse scheissegal. Oder sie haben sich gesagt, das ist doch geschenkte Werbung, wir wären ja blöd, wenn wir etwas dagegen unternähmen.

Ob der Film fürs Kinonormalprogramm viel taugt, sei dahingestellt (denn das Kinopotential des Tom Kummer scheint mir wenig ausgereizt), aber für alle, die sich mit den Medien und dem Thema Medienwirkung und Wahrhaftigkeit beschäftigen, dürfte viel Anregung zum Nachdenken und zur Diskussion gegeben sein, ein ideales Begleitprogamm für Fachtagungen, Journalismus-Ausbildungen, Medientage, Ethikunterricht.

Guilty Pleasure

Ein jeder hat doch so seine kleinen Schwächen, auch im Filmgeschmack. Anstatt nur Filme wie Metropolis, Citizen Kane und On the Waterfront ernstzunehmen, wie es sich für ordentliche Cineasten gehört, hat man auch seine Leichen im Keller. Ich zum Beispiel stehe voll auf die National Lampoon’s Vacation-Reihe mit Chevy Chase und Beverly D’Angelo, und auch auf einige Schauspieler der C-Riege, wie eben Chase, aber auch Judge Reinhold oder Jeffrey Jones. Nicht nur unter den ausgesprochen doofen Filmen gibt es immer wieder einzelne, die bei mir einen Nerv treffen, wahrscheinlich, weil sie unausgelebte Wünsche thematisieren. Während meiner gesamten Gymnasialzeit war ich überaus aktiv in der Schultheatergruppe, und daher gefallen mir Filme, die mehr oder weniger unfreiwillig zusammengewürftelte (Schauspiel)truppen beinhalten, von Moulin Rouge über Ugly Coyote und diversen Cheerleaderfilmen bis zu diesen ganzen Knast-Sportmannschafts-Filmen.

Und dann gibt es auch immer wieder Filme, die wirklich beinahe jedem ein Guilty Pleasure sind. So genial sie sind, There’s something about Mary oder The Pineapple Express kann man ja nur schwerlich als „Must See“ bewerten, solange wichtigere Filme noch ungesehen bleiben. So ging es mir zuletzt mit Hangover.

Das tolle an Hangover ist, dass beinahe jeder Mann sich in die völlig skurrile Situation der vier Hauptpersonen hineinversetzen kann. Wer hatte nicht wenigstens einmal im Leben einen alkoholinduzierten Filmriss? Wer hatte nicht auch schonmal so eine Nacht, in der die bei Tageslicht blödsinnigsten Entscheidungen auf wundervolle Weise irgendeinen Sinn gemacht haben? Wer wünscht sich nicht, ebenfalls wieder so eine verrückte Sache zu erleben, so eine Art Lausbubendasein für Erwachsene? Das gemeine daran ist: Man kann diese Situationen nicht heraufbeschwören, nicht konstruieren, sie müssen zufällig passieren. Sonst gilt es nicht. Und das ist das Erfolgsrezept von Hangover. Der Film verkauft (vorwiegend) dem männlichen Publikum eine Situation, in der sich die meisten auf die eine oder andere Art selbst schon einmal wiedergefunden haben. Vielleicht hat das auch mancher nie jemandem erzählt, erlebt aber durch den Film und die anderen Zuschauer, dass es anderen auch so geht. Eine gigantisch gute Idee war Hangover, meines Erachtens eine der besten, wie man männliches Publikum heute noch mit etwas Neuem ansprechen kann.

Auch ich war schonmal in Las Vegas (1995), zu arm, um selbst groß an den Glücksspielen teilnehmen zu können. Aber ich würde rasend gern nochmal hin. Heute geht das zwar auch alles bequem im Online Casino, wo es den großen Klassiker Roulette ebenso gibt wie Black-Jack und eine Menge anderer Casinospiele, aber auch das beste Online-Casino ersetzt nicht den Besuch einer echten Spielbank. Eines kann es jedoch sehr wohl: Einem Übung geben. Ich sollte mich wohl auch mal wieder hinsetzen und ein wenig zocken, bevor ich in Las Vegas (oder auch nur Bad Wiessee) aufschlage und einen total irren Abend verlebe. Oder ich lass das mit den Spielen und konzentriere mich sofort direkt aufs Nachtleben (geht aber nicht, ohne vorher den Jackpot geknackt zu haben).

Das Wolf Pack kommt übrigens wieder, und zwar genau heute in einem Monat. Am 2. Juni läuft Hangover 2 an. Diesmal finden sich die vier Freunde in Thailand wieder, diesmal verlieren sie nicht den Bräutigam, sondern den kleinen Bruder der Braut, und zudem die Orientierung in dieser fremden Welt. Das tolle an der Fortsetzung: So, wie man(n) selbst auch einen unvergesslichen Abend (trotz Filmriss) wiedererleben will, will man auch weitere katastrophale Abenteuer des Wolf Pack sehen. Das Konzept funktioniert, die Fortsetzung ist berechrtigt und nicht wie so oft an den Haaren herbeigezogen und die Trailer sehen fantastisch aus. Ganz ehrlich, ich kann es kaum erwarten.

Hinweis: Nur anschauen, wenn man Spoiler aushält. Wer sich lieber im Kino überraschen lassen möchte, bitte jetzt wegklicken.


Weitere Trailer zu Hangover


Weitere Trailer zu Hangover


Weitere Trailer zu Hangover 2


Weitere Trailer zu Hangover 2

La lisière – Am Waldrand

Die Siedlung, in der der Film spielt, heisst BEAUVAL, liegt am Waldrand und ist von einem Architekturbüro als Gesamtkomplex entworfen und gebaut worden. So ähnlich wie eine „gated community“. Das dringlichste Anliegen der Autorin und Regisseurin scheint mir zu sein, den Zuschauern „zu zeigen“ wie die Dominanz von Geometrie und Sterilität einer solchen Siedlung sich negativ auf die Bewohner auswirkt, sie in Richtung von seelenlosen Zombies entwickeln lässt.

Als Opfer dieser Entwicklung hat sie sich für einen jungen Arzt, Francois, entschieden, den es von Paris in diese Siedlung verschlägt.

Er wird zum Ziel verschiedener Spiele pubertärer, liebessehnsüchtiger Mädchen, die sich reihum zuhause krank stellen, damit er kommen und sie betasten muss. Es entwickelt sich ein richtiger Wettbewerb zwischen den Mädchen, wer mit dem Arzt was erreicht hat.

Mit den Jungs ihres Alters machen sie im Wald Spiele extremerer Art. Der schwarzlockige Anführer hat das Sagen. Eines der harmloseren Spiele ist jenes, bei dem sich die Mädchen verstecken müssen und wenn ein Junge eines findet, dann darf er ihr einen Zungenkuss geben.

Eines der gefährlicheren besteht darin, dass ein Mädchen sexy gekleidet und mit blonder Perücke sich nachts an die Strasse stellen und die Nutte mimen muss. Ein eher schüchterenes Mädchen traut sich nicht richtig, es wird von einem Jungen auf die Strasse geschubst und schon ist es überfahren, tot. Das gibt den Spielen eine neue Dimension. Das baut in der Siedlung eine Mauer des Schweigens auf.

Parallel zu den extremen Spielen gibt es die brave offizielle Welt der Siedlung. Die Mädchen üben für eine Veranstaltung, bei der der Investor auftritt, Tanznummern ein. Mit ihren langen Röcken und den schwarzen Bändern, die ihre Haare eng auf dem Kopf zusammenhalten, sehen sie dann aus wie ein Nazireigen oder eine Zombietanztruppe und die Skulptur mit der Goldkugel, die in der Siedlung aufgestellt wird, da hätte man genau so gut was von Arno Breker ordern können.

Symbolismus, Strukturalismus überall. An der Haustür des Architekten prangt ein dicker Eisenring, den die Kamera auch dick einfängt. Das Lehrerehepaar ist bei den Architekten eingeladen: dieses Abendessen ist auch so individualitätslos wie möglich inszeniert und ausgestattet und frisiert. Seelenlosigkeit in massiger Form. Dieselben Rhythmisierungen und Stilisierungen bei der Beerdigung des Mädchens. Schwarm der trauernden Mädchen quert mehrfach stilisiert den Parkplatz.

Während sich in der Öffentlichkeit alles immer mehr stilisert und geometrisiert, verwildern die Rituale im Dunkeln zusehends bis zum grausamen Höhe- und Endpunkt der Story, die eine Schülerin in Gang setzt, die den Lehrer penetrant und aufdringlich anmacht und aus der Bahn der Ordentlichkeit zu werfen versucht.

Godard Trifft Truffaut – Deux de la Vague

Emmanuel Laurent, der Macher dieser Dokumentation über Godard und Truffaut, ist kein geistiger Durchdringer, wie zeitweilig die Herren der Nouvelle Vague doch waren, er ist ein Sammler und Verehrer.

Entsprechend sieht sein Film denn auch aus. Er regt an nicht durch die Zusammenstellung oder den Faden der Erkundung des Themas, das verliert er andauernd aus den Augen und behandelt es dann auch nur ganz kurz, dafür hätte ein Kurzfilm dicke genügt, wobei aber in dem Wenigen zum Ausdruck kommt, wie wenig menschliches Genie diese Kinogenies doch waren, wie sie im Gegenteil, auch beider Schauspieler Jean-Pierre Léaud, oft kleinkariert wie ganz normale Menschen waren.

Was man an solchen bemühten Kompilationen immer hat, das sind die Originalausschnitte aus berühmten Filmen wie aus „400 Coups“ von Truffaut, Initialzündung für die Nouvelle Vague. Der Verehrungscharakter dieser Doku wird schon gleich zu Beginn deutlich, wenn Laurent den Applaus in Cannes groß einspielt.

Wunderbare Ausschnitte mit dem jungen Belmondo, wobei erstaunt, welch helle Stimme er hatte, bis natürlich auf den Kurzfilm, bei dem Godard ihn nachgesprochen hatte, weil Belmondo nach Algerien musste.

Je länger der Film dauert, desto mehr rückt Jean-Pierre Léaud in den Mittelpunkt, der eine schauspielerische Muse von beiden war, bis sich dann Godard entschieden hatte, das Kino einzusetzen, um die Ausgebeuteten über die Ausbeuter aufzuklären, während Truffaut weiter machte, als hätte es kein 68 gegeben und somit laut Godard bourgeois geblieben ist, womit ihm die Verachtung Godards sicher war.

Léaud distanzierte sich von Godard in einem Brief, den Truffaut übermittelte, worauf Léaud von Godard auf demselben Wege die Rückantwort erhielt und die Herren sich dann nicht mehr begegnet sind.

Zum Abspann spielt Laurant ein Interview mit dem ganz kleinen Léaud nach seiner ersten Rolle ein, das natürlich herzerfrischend ist und weder mit Godard noch mit Truffaut viel zu tun hat, außer dass Truffaut ihn eben entdeckt hatte. Léaud habe noch mit 27 Jahren so jung ausgesehen als ob er erst 18 wäre.

Inerviewausschnitte mit Godard oder Truffaut sind immer die Aufmerksamkeit wert, wobei auffällt, für wie wichtig sich diese Jungfilmer damals gehalten hatten. Für nicht weniger wichtig als die heutigen, da ist nicht ein Deut Unterschied.

Weiter bemerkenswert, dass die Nouvelle Vague offenbar von einem Funktionär, vom Kulturminister Malraux angestoßen worden ist, indem er die „400 Coups“ 1959 für Cannes durchdrückte. Chapeau, kann man da nur sagen. Wir empfehlen allein aus diesem Grund den Film ausdrücklich dem deutschen Kulturstaatsminister.

Thor

In dem Meer der von der Produzentenangst vor der Leere betriebenen Ramassierung von Special-Effects drohen Bruchstücke staatstheatral inszenierter Dialoge ständig unterzugehen, die immerhin erkennen lassen, dass Thor samt Hammer aus dem Götterreich Asgard verbannt wurde und bei den Menschen Verwirrung stiftet, bis er ein feuerspeiendes, eisernes Ungetüm besiegt und als künftiger König nach Asgard zurückkehren kann. Die deutlich uninspirierte Dialoginszenierung von Kenneth Branagh heisst nichts anderes, als dass er auf Nummer Sicher gehen wollte, resp. die Produzenten, wie auch das Uebermass, Platz für mehr war kaum, an Special-Effects vermuten lässt, dass die Produzenten nur eins haben, das ist: Angst, Angst, Angst, etwas zu risikieren, Angst, Neues auszuprobieren; sie sind meines Erachtens mit diesem Produkt in die Angstfalle gelaufen. Soviel Effekt, genau so wie die kirchlich-erstarrte Sprachproduktion lassen der mitarbeitenden Fantasie des Zuschauers keinen Raum mehr. So prallt der Film denn ab an einem wie ein Regentropfen an einem gut imprägnierten Regenmantel.

Wasser für die Elefanten

Die lautstärkste Aussage in diesem Film scheint mir die zu sein, hey, sind wir nicht schlaue Produzenten, wir haben die Weisheit fürs Erfolgsrezept mit Eimern gefressen: man nehme eine schöne Geschichte, die wirklich passiert ist, in unserem Falle eine Zirkusgeschichte, kaufe ein paar „selling“ Stars ein, lasse schnell schnell ein Script dazu entwickeln (es gründlich zu lesen haben wir Cracks nicht nötig) und schon liegt uns ein erfolgreicher Film vor und wir sehen die Einnahmen fliessen – wenn sich die Herrschaften da mal nicht getäuscht haben.

Ob das gut gehen kann mit einem Marzipantörtchen von männlichem jungem Star, der den Eindruck erweckt, er hätte noch nicht mal den Begriff Erektion gehört, der vor allem nett grinsen kann, leicht treu schauen, die Zähne zeigen und dessen Nase sehr jener aktuellen von Matt Damon ähnelt, dazu eine junge Starschauspielerin, die einen auf Blondine macht, im Film Marlena heisst und eine Pferdedompteuse mimt und mixe einen Christoph Waltz dazu, der eine Show abzieht mit wenig Rücksicht auf  Geschichte und Rolle  (insofern verständlich, als die sehr dünn ist und der Oscar gemolken sein will) und eine Rahmengeschichte drum herum, die einen grossartigen alten Schauspieler (Hal Halbrook) aufbietet, dem die Darsteller der Hauptgeschichte nicht das Wasser reichen können?

Die Rahmengeschichte ist die, Jakob Jankowski, der Ältere, steht hilflos, altersverloren vor einem Zirkus im Regen; zwei junge Zirkusmenschen entdecken ihn und vermuten, er habe sich verirrt, sie wollen ihm zurück in sein Heim verhelfen. Bis es soweit ist, kommt man ins Gespräch, er sieht Fotos von seinem früheren Zirkus und so beginnt die Rückblende, die die Geschichte dieses alten Herren erzählt, eine Zirkusgeschichte.

Leider wird die Geschichte mit unverständlichen Erzählsprüngen erzählt oft ohne zu differenzieren zwischen Wichtigem und Unwichtigem; die Drehbucharbeit scheint ohne Analyse des Hauptkonfliktes und damit des Spannungsbogens ausgekommen zu sein. Denn ein Satz wie „ich wusste nicht was machen“, den der Hauptdarsteller zu Beginn seiner Reise sagt (es ist noch die Voice-over des alten Darstellers), ist ein zu wackliges Fundament, um darauf ein tragendes Handlungsskelett aufzubauen. Das mag zwar in der Realität so gewesen sein. Nur war natürlich in der Realität bestimmt ein Need da, was etwas wollte. Und wenn die Realität es damals nicht formulieren konnte, so müsste es aber der professionelle Geschichtenschreiber tun, um eine spannende Geschichte hinzubekommen.

Die Geschichte, die die Produzenten hier verfilmen wollten, war die eines jungen Mannes, dessen Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind und dessen Vater hochverschuldet war, der Sohn hatte also nicht nur die Eltern, und das Elternhaus verloren sondern auch die Finanzquelle für sein Studium (Veterinärmedizin). So machte er sich auf den Weg mit nichts als einem Köfferchen in der Hand und wusste nicht, was er machen sollte. Der Drehbuchautor hat es aber unterlassen, vorher schon eine Charakterisierung der Figur zu geben, die allein diese Situation hätte spannend machen können. So sieht denn alles weitere mehr oder weniger zufällig aus, einzig dass er Tiermedizin studiert hatte, das wird ihm später zugute kommen, wird der Grund sein, warum er beim Zirkus, an den er zufällig gerät, auch bleiben konnte und die Geschichte dann ihren Lauf nimmt,  Zirkuskarriere inklusive stereotyp nacherfundener Liebesgeschichte, einer Zirkuskatastrophe wegen Eifersucht und dann ein schönes Homemovie über ein glückliches Zirkusleben; heftige Musik soll erzählerische Leerstellen übertönen.

Was die Produzenten auch nicht bedacht zu haben scheinen, dass Zirkus der wilde Tier artfremd in eisernen Käfigen oder an eisernen Ketten durch die Lande transportiert und ausstellt und vorführt, so gar nicht mehr im Einklang mit einem modernen Verständnis von Tierschutz steht.

Mein Fazit: Hier kann der Zuschauer das besichtigen, was rauskommt, wenn unseriöse Geschäftsleute auf hässliche Weise (schludriges Drehbuch ebenso wie schludrige Besetzung) und einem noch relativ frischen Oscarpreisträger einen schnellen Reibach machen wollen, verwunderlich nur, dass der und die anderen Stars das mit sich machen lassen.

Fast & Furious Five

Viel Schrott gibts in diesem Film, Autoschrott, Abfallprodukte von wilden Verfolgungsjagden, wobei die spektakulärste die sein dürfte, wie zwei Sportwagen mit einem schiffscontainergrossen Tresor an zwei Seilen im Schlepp, den sie vorher im Polizeihauptquartier aus der Verankerung gerissen haben, durch Rio rasen, da bleibt kein Auto ganz.

Von geistigem Schrott zu sprechen verbietet sich, denn eine Sache die durch Abwesenheit glänzt, kann auch als Schrott nicht vorkommen.

Das Strickmuster der Geschichte ist bewährt und oft schon auch in anderen Ligen brillant und gerne auch witzig dargeboten worden: Ganoven, die sich zurückziehen wollen, möchten noch einen letzten, grossen Bruch machen, wobei es sich hier um das Geld des Herrschers von Rio, also kein Pappenstiel, handelt, um sich dann in einem Land ihrer Wahl, wo sie nicht gesucht werden, geruhsam niederzulassen.

Es gibt noch zwei weitere spektakuläre Action-Szenen, ganz am Anfang, wie der eine Ganove aus einem Gefängnisbus durch einen Angriff mit drei schwarzen Sportwagen auf menschenleerer Wüstenstrecke befreit wird; dann der Diebstahl von drei Sportwagen der Extraklasse aus einem durch eine Wüstengegend fahrenden, streng bewachten Zug von einem daneben her rasenden Fahrzeug aus.

Wem könnte man diesen Film empfehlen? Vielleicht jemandem, der gerade mit seinem Leben nichts anfangen kann, der gerade eine Leere im Kopf hat oder an Energieabfall leidet oder der immer noch an die Kraft und Macht von Motoren, Muskeln und Schiessgeräten glaubt.

Mütter und Töchter

Wie der Titel sagt, Geschichten von Müttern und Töchtern, geborenen, ungeborenen, solchen, die gar nicht geboren werden können, adoptierten und zur Adoption freigegebenen, drei Geschichten, die, wie es so gerne gemacht wird, dann plötzlich einen Faden zueinander finden.

Der Regisseur ist der Sohn des peruanischen Literaturnobelpreisträgers Garcia; das mag auf Geschmack und Stil Einfluss haben, auf das Substantielle nicht. Die Probleme, die er hier behandelt sind einfacher Natur, sie spielen aber überwiegend im Bereich von komplizierten, sprich gebildeten Menschen und werden von einem handverlesenen Ensemble dargeboten: Naomi Watts, Annette Benning, Kerry Washington, Jimmy Smitts, Samuel L. Jackson.

Leider nimmt die Geschichte, nehmen die Geschichten im Verlauf des Filmes immer mehr Daily-Soap-Charakter an, sie werden sentimental und es geht nur noch um die süssen Kleinen oder um den schwangeren Bauch, der Film nähert sich seinem Ende im gemütlichen Tempo einer brasilianischen Telenovela.

Es wird geradezu rührselig, wenn Karen, gespielt von Anette Benning, sich auf die Suche nach ihrer vor Jahren zur Adoption frei gegebenen Tochter macht. Nicht weniger rührselig wird es, wenn Elizabeth, gespielt von Naomit Watts, trotz vorgenommener Sterilisation schwanger wird. Und die junge Mutter, die ihr Baby schon vor der Geburt zur Adoption frei gegeben hat, möchte es dann doch behalten, wie rührselig.

Drei Adoptionsgeschichten mit verwundenen Handlungssträngen und wenigstens einem richtig süssen, rührenden Happy-End. Verkürzt gesagt wäre der passende Titel: drei Adoptionen und ein Happy End mit Oma.

Filmfinanzierung 2.0

Nicht überall ist es so (verhältnismäßig) einfach wie in Deutschland, seinen Film finanziert zu bekommen. Ich spreche natürlich mit einer gewissen Häme von der Filmförderung, die mir als gescheiterten Filmemacher (ehemals angehend) ein Dorn im Auge ist. Gegen Kunstförderung oder Förderung für die ersten größeren Projekte junger Filmemacher habe ich nichts einzuwenden, aber wieso sollten kommerzielle Filme gefördert werden? Wieso muss Doris Dörrie 26 Jahre nach Männer immer noch gefördert werden? Das halte ich für völlig unnötig. Wenn einer einen Film machen will, mit dem er an der Kasse Kohle machen will, soll er sich auch selber um die Produktionskosten kümmern, so meine Meinung. Wie jeder andere Unternehmer ja auch. Das Risiko, ob der Film denn nun einschlägt oder nicht, über die Filmförderung zu großen Teilen auf den Steuerzahler abzuwälzen, hat einen mehr als faden Beigeschmack, finde ich. Jedes andere Start-Up, das so lange nicht ohne Anschub(teil)finanzierung auskommt, wäre doch schon vor langer Zeit gnadenlos eingestampft worden. So gesehen könnte ich für mein Leben ja auch eine Förderung beantragen, wenn ich mal erfolgreich bin, zahle ich diese zurück, wenn nicht, hat der Steuerzahler halt Pech gehabt. (Hey, keine schlechte Idee eigentlich, nur muss das dann halt jeder bekommen.)

Aber zum Thema. Mir sind derzeit drei interessante Projekte bekannt, die auf unkonventionellem Wege finanziert werden bzw. wurden. Zusätzlich dazu kann ich nur immer wieder auf wtp Film hinweisen, die ihre sämtlichen Projekte aus eigener Kasse stemmen, und in Form von anstrengenden Kinotouren mit Fragerunden bekannt machen.

Die drei Projekte sind:

Our Nixon, von Penny Lane und Brian Frye, ein Filmemacherpärchen (mit anderen Hauptberufen) aus Brooklyn. Sie machen einen Film über Richard „Watergate“ Nixon, den sie über Internet-Spenden finanzieren und aus bisher unveröffentlichten Super 8-Filmmaterial zusammenschneiden (204 Rollen, gefilmt u.a. von Nixons Beratern). Die Frist zur Finanzierung des Films läuft in 14 Tagen ab, und die beiden sind schon jetzt bei 125% ihres Budgetbedarfs angelangt. Je nachdem, wieviel man spendet, bekommt man von einer Postkarte mit dem Hinweis auf den Filmstart über eine DVD des Films bis zum Associate-Producer-Titel samt pritavem Screening, allerdings in New York. Keine schlechte Idee, doch, zugegeben, nicht so leicht durchzuführen für Projekte, deren Kosten in den zig Millionen statt in den Zehntausenden liegen. Wer noch mitmachen will, hier die Spendenseite, hier die Projektwebseite. Geniale Sache, finde ich!

Das zweite Projekt ist POM Wonderful Presents: The Greatest Movie Ever Sold von Morgan Spurlock. Ihr wisst schon, der Supersize-Me-Selbstversuch-Filmer. Nun, Spurlock hat einen weiteren Selbstversuch gedreht, und zwar diesmal – Achtung – einen Film über den Versuch der Finanzierung eines Films allein durch Product Placement, finanziert allein durch tatsächliches Product Placement (Münchhausen-Methode). Daher auch der Titel, der den Namen eines Granatapfelsaft-Herstellers beinhaltet. Wie man an den Fotos der Premiere (Gawker) sehen kann, lassen sich auch die anderen Sponsoren auf dem Jackett des Regisseurs bewerben, Morgan Spurlock sieht aus wie ein Formel1-Pilot oder ein Weltklasse-Skifahrer, schrecklich. Doch die Kohle kam zusammen, und der Film ist finanziert, abgedreht und auf der Leinwand. Er ist nun zwar eher ein abschreckendes Beispiel, doch ein lehrreiches allemal. Hier ein Interview beim Gawker und die Kritik von Roger Ebert.

Das dritte Projekt ist Reality XL, ein Streifen von Straight Shooter-Regisseur Tom Bohn, mit Heiner Lauterbach, Max Tidof, Godehard Giese und Annika Blendl. Tom Bohn hatte eines Tages keine Lust mehr auf das ganze Bauchpinseln von Förderern, Produzenten und anderen „Anzügen“, die üblicherweise mit an Bord so eines Projektes sind und den ganzen Tag nur Ansprüche stellen; und so drehte er dieses Projekt einfach mit dem Geld, das seine Lebensversicherung zum damaligen Zeitpunkt abzuwerfen bereit war. Mutig, aber auch tapfer. Bei Kevin Smith hat eine ganz ähnliche Finanzierungsweise ja damals auch geklappt (Clerks), und Robert Rodriguez ebenso (El Mariachi). Nur dass Bohn im Filmemachen deutlich erfahrener ist als diese beiden es zum Zeitpunkt ihres Alleingangs waren. Zu Reality XL wird es später noch eine längere Geschichte geben, aber da ich mittlerweile im Produktionsblog aufgetaucht bin, brauche ich das nun auch nicht mehr geheimzuhalten. Hier die Webseite von Reality XL, mit Teaser, Facebook-Seite, Blog und allem, was man im Web 2.0 heute so braucht.

Nicht nur diese drei Beispiele zeigen, dass es nie falsch sein kann, neue Wege zu gehen, und das alte System stets zu hinterfragen. Ich sehe hier drei gewaltig interessante Projekte, die jeweils in einen Film gipfeln, der automatisch auf meiner Must-See-Liste ist. Ich kann nur jedem Filmemacher von morgen, der noch wackelig auf den Beinen ist und sich vielleicht seines Projektes nicht sicher, nur sagen: Lasst Euch nicht entmutigen! Es gibt immer ein Publikum! Und ohne einen aufgeblasenen Distributionsmechanismus (Verleih, Filmrollen) kann es schon heute auch für Euch die Möglichkeit geben, Euren Film zu machen und unter das Volk zu bringen. Man muss bisweilen nur abseits der ausgetretenen Pfade gehen. Viel Erfolg!

Hanyo – Das Hausmädchen

Das ist ein Remake des südkoreanischen Kultfilmes mit demselben Titel von Kim Ki-young von 1960: ein bescheidener Mann und Musikus unterrichtet an einer Mädchenschule Gesang, leitet dort den Chor. Damit er seine Familie, er hat ein Mädchen, das an Stöcken geht und einen kleinen Jungen, durchbringen und den Kindern eine gute Erziehung gönnen kann, verdient seine Frau mit Nähen noch ein Zubrot. Das ist fast eine Spitzweg-Idylle. Weil sie in ein neues Haus ziehen, bietet er seinen Schülerinnen Klavierstunden an. Eine Schülerin möchte solche Stunden und fängt dann auch sofort an ihn anzumachen und da seine Frau krank wird, bringt sie auch noch eine Freundin als Hausmädchen mit, die dann in der Idylle ihr grauenhaft zerstörerisches Werk beginnt. Ein auch heute noch verstörend wirkender Film.

Im Sang-Soo geht die Sache heute etwas anders an: Das Milieu, das ein Hausmädchen braucht, ist eine superreiche heutige koreanische Familie, er sehr erfolgreicher Geschäftsmann, sie ein Weibsstück, deren Mutter vor allem das Geld und der Lebensstil eines solchen Milieus interessiert. Im Haus gibt es Bedienstete und Frau Cho wacht über das Kindermädchen. Ein neues ist eben in die Familie gekommen, in die superreiche. Es versteht sich sehr gut mit dem verwöhnten Mädchen, gewinnt sein Vertrauen. Aber sie hat auch Augen für den Herrn des Hauses. Und er für sie. (Wie sich das Verhältnis mit Blicken anbandelt, die über den Buben überspringen am Pool an einem Wochenende in den Bergen, wird in einer kleinen Szene perfekt und leichthändig in einen Bildgenuss verwandelt.)

Das ist ein Milieu, das für ein vom Hausherren mit der Maid gezeugtes Kind, ohne mit der Wimper zu zucken 100.000 Dollar hinblättert, damit die Sache nicht publik wird.

Der Hausherr hat Stil, er spielt Beethoven, er kann eine Flasche Wein meisterlich entkorken, sieht physisch glänzend aus und hält das Weinglas wie ein Meister-Sommelier (ein richtiger Traummann und auch Kinotraummann!). Das zeigt er alles bei der ersten Anmachszene, wie er sich zur Maid begibt, ihr erstes Tête-á-tête während die Hausherrin im Salon in edlen Zeischriften blättert. Die Maid ist willig. Auch sie verliebt sich. Aber sie ist naiv und gibt sich hin.

Dass sie bald schon schwanger wird, weiss Frau Cho und damit auch die Herrin des Hauses und deren Mutter schneller als die Schwangere selbst.

Übrigens, die Herrin des Hauses ist gerade mit Zwillingen schwanger.

Das Drama nimmt seinen Lauf, denn die Maid will sich nicht mit Geld abspeisen lassen.

Das Remake ist eine recht gewöhnliche Herrschaft-Gesinde-Geschichte, viel edler zwar als irgendwelche Besenkammern-Geschichten von Tennisstars, in brilliantem Stil und Ausstattung und Schauspielerführung auf die Leinwand gebracht. Zum grossen Erfolg in Südkorea dürfte durchaus auch beigetragen haben, dass der Film einen gnadenlos sezierenden Blick in eine Schicht koreanischer Neureicher wirft – was Geltung durchaus weit über die Landesgrenzen hinaus haben dürfte.

(Dieser Film wäre mein Favorit der Woche!)