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Hotel Lux

Zwei Stand-up-Comedians im Berlin um 1938, die mit einer Hitler- und eine Stalinparodie Furore machten, müssen aus Deutschland fliehen. Sie landen beide in Moskau im Hotel Lux, in dem sich viele Flüchtlinge zusammenfinden, die aber dort vor Säuberungen auch nicht sicher sind. So gelingt den beiden Parodisten in ihren Parade-Parodie-Rollen die Flucht aus Russland mit Hilfe einer Pilotin, die auch in diesem Hotel war.

Das wäre Stoff für einen aberwitzigen Studentenkurzfilm, der vermutlich gerade aus dem Mangel an Geld mit Witz und Humor (bissig bis schwarz) und Esprit auf die Leinwand gedonnert werden könnte. Leider wird der Kurzfilmstoff bei Leander Haußmann, der zu allem Unglück zusammen mit Uwe Timm auch noch das Buch geschrieben hat, auf 110 millionenteure Filmminuten ausgewalzt und weil das zur Austreibung allfälliger Substanz noch nicht reichte, in einer unsäglichen formalingetränkten Orchestersuppe ertränkt. Da konnte der vortreffliche Schnittmeister Hansjörg Weißbrich beim besten Willen gerade noch den äußeren Anschein eines Spielfilmes zusammencutten.

Witz und Humor und Esprit glänzen hier mit fast vollkommener Abwesenheit oder sind reduziert auf die Leander Haußman vielleicht entgegenkommende Atmosphäre eines McDonald-Kindergeburtstages, werden auf Witzchen und Sprüchlein geschrumpft. Alles schön familiär.

A propos familiär, das ist das Stichwort zum Cast. Ein merkwürdig theatralischer, eindimensionaler Cast. Es gibt hier zwei Ausnahmefiguren, die für mich internationales Kinoformat durchblicken lassen. Es ist der Darsteller des Stalin, Valery Grishko, schwerer Held, und der Darsteller des Parodisten Hans Zeisig, Michael Bully Herbig. Der kommt sehr persönlich rüber, wenn ihm auch unglücklicherweise viel zu viele geistarme Kicherwitzchen als Dialog verordnet worden sind. Er bringt das trotzdem mit angenehmer Stimme und Noblesse. Aber um ihn rum, so scheint es mir, läuft der vollkommen falsche Film ab. Wenn ich ihn sehe, denke ich an eine grandiose Beziehungs- oder Abenteuerkomödie und Bully vielleicht den Entwicklungen immer einen Schritt hinterher, weil er auch was Verträumtes hat. Aber nie das perfekt Hingeklotzte eines Jürgen Vogel, der den Hitlerparodisten hölzern zimmert. Bully hat Charme. Insofern ist er ein Fremdkörper in einem so besetzten deutschen Film. Bully ist geschmeidig. Und vermutlich hat Bully auch eine sehr ernsthafte Arbeitshaltung an den Tag gelegt, zurecht beeindruckt von den (Theater)Regiefähgikeiten eines Leander Haußmann und eingedenk dessen, dass er nicht von einer dieser Schauspielschulen kommt. Da kommt was raus. Ein bisschen hat Haußmann ja auch Sprachregie mit allen geführt, aber auf einer sehr technischen Ebene, was nicht reicht, die Figuren attraktiv zu machen oder Tiefe oder Mehrschichtigkeit erahnen zu lassen.

Warum ich diesem Film kein langes Erdenleben prophezeie, das ist einmal mehr hauptsächlich das Buch. Das ist eine einigermaßen chronologische Aneinanderreihung von Szenen, die den Gesamtsachverhalt oder den Themenkomplex Hotel Lux unterm hervorgehobenen Aspekt von Zeisig und Meyer (Vogel) illustrieren sollen. Ein Buch, was keine Ahnung zu haben scheint von Konflikten, die eine dramatische Handlung vorwärtstreiben und den Geist des Zuschauers bannen können. Ein Buch, was die Rezeptionstechnik des Kino-Zuschauers zu ignorieren scheint.

Was dem Film zusätzlich einen Hauch von Blässe gibt, das sind die Parodienummern aus dem Berlin der 30er Jahre. Das können heutige Darsteller schlicht nicht mehr. Sie haben nicht die Technik und auch nicht die Erfahrung der damaligen Stand-Up-Comedians. Das hätte vielleicht reflektiert werden müssen.

Man könnte auch sagen: ein Film voller Diskrepanzen.
Diskrezpanz zwischen Thema und der vollbusigen Musiksauce.
Diskrepanz zwischen finanziellem Aufwand und bescheidenem geistigem Ertrag.
Diskrepanz zwischen Stand-up der 30er und den heutigen Darstellern.
Dirskrepanz zwischen Inhalt (für einen Kurzfilmsketch geeignet) und der breiten Auswalzung auf fast zwei Stunden mit hohem, auch öffentlichem, Millionenbudget.
Diskrepanz zwischen Stil von Haußmann und dem Ernst des Themenkomplexes. Haußmann verniedlicht, vernettet, ohne dieses zu kennzeichnen.
Diskrepanz zwischen Anspruch und Bedürfnis des Familiären von Haußmann und einem teuren Ad-Hoc-Cast, der zu keinem Ensemble zusammenwachsen kann. Im Ensemble-Fall könnte es sogar funktionieren, ein Hinweis darauf wäre die „Sonnenallee“.
Diskrepanz zwischen durchaus einzelnen schönen Bildern, die aber keinen Spannungs-Zusammenhang ergeben wollen.
Überdimensionierung kleiner Gags: wenn Bully, der mit dem Astrologen Hitlers verwechselt wird und auf den Stalin scharf ist, zur Privataudienz bei Stalin das Haus betritt und dem Diener die Hand reichen will und der streckt ihm statt dessen Pantoffeln entgegen. Das ist ein billiger Operettengag. Oder Schülertheater. Nichts dagegen, aber müssen dafür Millionen Gebühren und Steuegelder ausgegeben werden?

Poliezei

Die Polizei, das heißt auf Französisch: la police und wird mit einem kurzen „o“ und einem langen „i“ wie „ie“ gesprochen. Der französische Original-Titel des Filmes lautet nun aber nicht „police“ sondern „polisse“, also mit kurzem „o“ und kurzem „i“ und einem harten „s“ wie beim deutschen „Schmiss“. Der deutsche Titel lautet nun also auch nicht „Polizei“, sondern „Poliezei“, also mit kurzem „o“ und langem „i“ wie bei „Liebe“, ergibt aber aus meinem Worterfahrungshorizont absolut keine Assoziation zum Begriff „Polizei“, sondern nur die Idee, dass es schlicht falsch geschrieben ist und dass es Probleme mit den Rechtschreibprogrammen gibt. Auf Französisch ergeht es mir nicht anders. „Polisse“ reimt sich vielleicht schwach auf „Clarisse“, einen Frauennamen (eine solche spielt aber laut Besetzungblatt nicht mit), garantiert aber nicht auf „Paris“, weil da das „i“ lang ist und auch nur ein „s“ am Ende (das außerdem gar nicht ausgesprochen wird), obwohl der Film sogar in Paris spielt. Und innerhalb vom Film ist mir auch keinerlei Hinweis aufgefallen, was es damit auf sich haben könnte. Kuddelmuddel von Anfang an, schon vom Titel ausgehend. Signal vielleicht, dass man es hier wirklich mit Ungereimtem, Unverständlichem zu tun bekommen wird.

Und so ist es denn auch. Irgendwo auch verständlich, denn die Filmemacherin Maiwenn Le Besco, die Schauspielerin ist, will ein außerordentlich delikates Thema behandeln: Pädophilie. Genauer gesagt: die Pädophilie aus den Augen der ermittelnden Polizei, und nicht etwa eines einzigen Polizisten, weil das nämlich für einen zuviel werden könnte, sondern gleich aus den Augen einer ganzen Ermittlermannschaft in einem Dezernat in Paris, einer Mannschaft, die spielend das Dschungelcamp von RTL herausfordern könnte. Wenn man kurz vorher den sensiblen iranischen Film „Wind und Nebel“ von Mohammed Ali Talebi gesehen hat, wo es allerdings um eine andere Traumatisierung ging, ja, richtig, andere Baustelle, aber eben auch sehr sensibel und ohne jedes falsche Pathos, so kann ich hier nur den Kopf schütteln. Und ihn noch mehr schütteln über die Begeisterung, die der Film in Cannes ausgelöst haben soll. Vielleicht ist es die pure Hilflosigkeit dem Thema gegenüber, die sich in einem bewusst groben Zugang äußert.

Pädophilie ist ein heikles Thema, heikler gehts nimmer, erst recht wenn es in der Familie passiert oder mit Erziehungsberchtigten und da passiert sie auch am meisten. Zu verstehen ist auch, dass jemand, der darüber einen Film machen möchte, peinlich versucht sein wird, kein falsches Pathos, keine Opfertümelei, keine schmierige Lügerei, keine mitleidtriefende Sauce aufkommen zu lassen und von Anfang an versucht dem gegenzusteuern. Das dürfte einer der Gründe gewesen sein, gleich ein ganzes Kommissariat auf die Pädophilie loszulassen. Ein Kommissariat, was noch dazu eine richtige Mannschaft bilden, ein Team, das sich auch freie Zeiten teilt. Mit Teamgeist gegen Pädophilie. Und das selbst, das ist sicher auch richtig gedacht, ein großes Problem hat, ein seelisches, die Dinge, die sie zu hören kriegt, zu verdauen. Das Mittel, das Maiwenn Le Besco, die selber noch dazu mitspielt, nämlich eine Fotografin, die das Team über ein gewisse Zeit begleiten soll und die dann auch noch eine Affäre anfängt, als ob sie mit Buch und Regie nicht ausgelastet genug wäre, also das Mittel, wofür sie sich entscheidet, mit der Delikatesse und der Unerträglichkeit der kinderschänderischen Verbrechen umzugehen ist das: sie lässt die Mannschaft, in einigen Fällen sogar beim Verhör, vor allem aber, wenn sie unter sich sind, eine Schrill-Chose abspielen, als wollten sie das, was dem Menschen schwer fällt, wahr zu haben, übertönen. Abwehrzauber.

Die Schauspieler überagieren also dauernd, sie sind ständig aufgekratzt, so schlimm habe ich es bei einem einmaligen Blick ins RTL-Dschungelcamp gesehen, sie schreien, sie geraten schnell aneinander, sie schrauben sich in Gefühlshöhen oder dann lässt die Regisseurin einen schwarzen Jungen minutenlang schreien. Mithin erweckt sie den Eindruck, als ob sie ihr Publikum einfach nur nerven möchte mit Verdrängungsaktivitäten. Nerven mit dem, was die Gesellschaft verdrängt.

Viele Szenen scheinen improvisiert, soll Lebensnähe wie bei einer Doku-Soaps erwecken, alle sprechen durcheinander und die Kamera scheint immer erst als letzte dazu gekommen zu sein und ist oft nicht da, wo es interssant wäre. Vielleicht hat die Regisseurin das einem Produzenten oder einem Redakteur so glaubwürdig als kunstvoll verklickert.

Der Film fängt mit einer schwierigen Verhörsituation an, ein ganz kleines Mädchen, das gerade sprechen kann, wird von zwei Polizeibeamtinnen befragt, was der Papa denn so alles gemacht habe, wenn er sie gestreichelt hat, ob über oder unter dem Pyjama, was sie unter Po verstehe, ob im Liegen oder im Stehen, ob im Schlafzimmer im Bett oder wo sonst.

Kein Frage, es ist ein riesiger Themenkomplex und es scheint, als wolle die Macherin noch dazu einen Katalog aller möglichen Verbrechen an Kindern vorführen, Sex mit den eigenen Kindern, der Lehrer und der Bub auf dem Clo (dem Buben hats gefallen), die Rumänen, die die Kinder auf den Strich schicken, das Mädchen, das sich selber im Internet anbietet. Wobei die Kinder sonderbarerweise überhaupt nicht verstört wirken. Was solche, die es wirklich erleben, eben doch sind. Aber da ist nicht auf Realismus geachtet worden. Es ging nicht um glaubwürdige Darstellung, das ist sie in keinem Moment. Es geht darum, Lärm um das Thema zu machen, eher ein Appellativfilm, ein knalliges Plakat.

Aus den Notizen.
Die plappern und plappern und plappern, als ob sie das Thema verdrängen wollen.
Aufgesetztes Schauspielergetue. Wackelkamera, unvorbereitete Kamera soll Echtheit suggerieren. Echtheit im falschen Getue.
Inszenierung wie die Privatsender, die einen auf Sensationshascherei machen.
Das hält kein Mensch 127 Minuten aus (oder es richtet sich an ein privatsendersensationskonditioniertes Publikum).
Vollkommen überrissene Figuren.
Der Ton immer mehr als nur eine Idee zu laut, will sagen: ja nicht hinhören.

Die Fotografin muss auf Geheiss eines Kollegen die Haare aufmachen „Mach die Haare auf, es reicht mit dem Oma-Look“ – wenn man hinterher liest, dass die Schauspielerin selbst das geschrieben und inszeniert hat, so ist das nur allerpeinlichste Selbst-Schmalz-Darstellung. Eitelkeit, die sich noch auf dem Rücken der Pädophilie darstellen will zu interpretieren.

Die Gauditruppe von der Kindersitte.
Die Pizza-Trüffel-Schweine von der Sitte, halt nein, sie essen Trüffel-Pizza.
Einen Bösen hat die Autorin auch eingebaut, reinstes, billigstes Klischee, Herr Bouchard, der das erstarrte, korrupte Establishment vertritt und in einem besonders krassen Fall schützend die Hand über den Angeklagten hält.
Klein Oussmanns Geschrei, wie sie ihm die Mutter wegnehmen.
Faublaise, heißt der Pädophile, der Beziehungen bis hoch hinauf hat.
Oh Schreck, und eine Totgeburt nach einer Vergewaltigung muss auch noch vorkommen in diesem Kinderpornokuriositätenkabinett.
Gleichzeitig will die Regisseurin sich noch gut darstellen. Als Schauspieler hat sie ein Team von wie es scheint Fernsehseriendarstellern gecastet, eine Art Chaostruppe, die sie wahrscheinlich alle bewundern und ihr den Hof machen, denn sie ist ja die Regisseurin, hat also Macht, und die alles mit sich machen lassen und vor lauter Teamgaudi vergessen haben, dass es um ein ernstes Thema geht. Das wird in Cannes als Kunst interpretiert.
Geburtstagsfeier und dräuende Musik drüber.
Schießübungen.
Disco darf nicht fehlen, bringt einen Schuss gutbürgerlicher Mitte in das Abseits-Thema.
Das dürfte der Miss-Schnitt des Jahres werden: wie die Polizistin mit der Kühlbox mit der Totgeburt drin durch einen Spitalflur geht und dann blendet die Regisseurin von der Kühlbox mit der Totgeburt drin auf einen Kindergeburtstagskuchen mit wenigen Kerzlein, die gleich ausgepustet werden.

Eine Gaudi-Liebesfahrt mit Polizeisirene darf in diesem Schema nicht fehlen Melissa, so heißt die Fotografin, mit ihrem Maghrebien. Peinliche Schauspielerinnenträume sind das, die nun gar nichts mit dem Thema zu tun haben. Klar, sie möchte zeigen, dass auch die Polizisten nur Menchen sind, als ob wir das nicht wüssten und die brauchen nebst der Kinderpornographie den Raum für die eigene Liebe und das Liebesabenteuer.
Schreiszene im Kommissariat, die sind auch immer in großen Mengen da, diese Kommissare, wie eine Kommissarin einen Muslim anschreit, der sein Kind zwangsverheiraten wollte, lange vor der Volljährigkeit, dass nichts davon im Koran stehe. Sehr expressive, sehr engagierte Auftritte sind das, die gelegentlich im Einzelnen durchaus Qualitäten entwickeln.
Äztende Selbstdarstellung der Regisseurin.
Dann noch der Versuch der Gefangennahmne bei einem Kinderhandel in einem Shopping-Center, das muss groß gezeigt werden, Action mit viel, viel Geschrei und Zeter und Mordio und einem verletzten Polizisten.

Nun, die Filmemacherin hätte noch Stunden und Jahre so weiter drehen können, ich glaube Schneiden und Montage ist das Ihrige nicht, sowenig wie Schreiben und Inszenieren.
Der Film scheint mir, nicht nur wegen seiner Länge von 127 Minuten, auch wegen der Machart nicht mal geeignet für Themenveranstaltungen, was man sonst bei ähnlichen Filmen mit schwierigen Themen zur ihrer Rettung immer noch vorbringen kann. Cannes bestimmt nur dank geeigneter Drähte.
Dann noch der malerische Fenstersturz einer Kommissarin während der vom Sportlehrer geliebte Bube die Trophäe in einem Wettbewerb entgegennehmen darf.

Die Wahrheit der Lüge

Ein Mann hält sich zwei Frauen, angekettet in einem tiefen Keller. Er treibt perfide Psychsospielchen mit ihnen, quält und foltert sie, doch der Lebenswille der Frauen will einfach nicht zerbrechen. Vielleicht liegt das daran, dass der Mann den Frauen mitgeteilt hat, wann er sie wieder freilassen wird, so haben sie stets ein Fünklein Hoffnung vor Augen. Der Mann kommt in die Bredouille, denn sein unbedingtes Ziel ist es, die beiden Frauen innerhalb der gesetzten Zeit „zum Gipfel“ zu führen.

Diese Ausgangssituation eröffnet Die Wahrheit der Lüge, den neuen Film von Roland Reber. Wie in seinen bisherigen Filmen schart Reber das Kernteam seiner wtp-Filmproduktion um sich; inszeniert ohne Filmförderung, ohne große Kosten oder anderes Tamtam, minimalistisch. Mit jeder Menge Herzblut aller Beteiligten und dem, was drumherum noch nötig ist, nicht mehr.

Einzig technisch hat wtp massiv aufgerüstet seit der letzten Produktion: Gedreht wurde auf einer Arri Alexa, und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Dramaturgisch – leider kann mehr über die Filmhandlung nicht erzählt werden, ohne den Filmgenuss stark zu beeinträchtigen – hat sich Roland Reber stark dem Mainstreamkino angenähert: Die Handlung ist stringent und sinnfällig, alle Entscheidungen und Konsequenzen sind jederzeit logisch nachvollziehbar, es gibt Twists und Wendungen sowie überraschende Enthüllungen, die das Erlebte rückwirkend in einem neuen Licht erscheinen lassen. Dies kommt dem Film sehr zu Gute, denn auf diese Weise ist er einem weit breiteren Publikum zugänglich als die bisherigen, doch sehr theateresken, eher kopflastigen Filme von Reber.

Nichtsdestoweniger kommt das Grübelzentrum im Gehirn bei diesem Film noch lange nicht zu kurz. Was für Saw, Cube und anderen Gefangenschafts-Horrorstreifen die Frage nach dem Wie, ist für Die Wahrheit der Lüge die Frage nach dem Warum. Klug und gekonnt überlässt es Roland Reber dem Zuschauer selbst, sich seine Meinung zu bilden. Zum Ende des Films wird kein Faktum unbekannt sein, doch die Frage nach dem Warum wird den Zuschauer noch eine ganze Weile umtreiben. Menschliche Abgründe auszuleuchten, ist eine der großen Fähigkeiten von Roland Reber, er hat nur seinen Stil etwas geändert.

Bei der Besetzung trifft der Zuschauer auf alte Bekannte: Marina Anna Eich spielt eine der Entführten, Antje Nikola Mönning eine Partnerin des Entführers. Dieser wird von Christoph Baumann gespielt, den man mittlerweile getrost als Hausdarsteller für wtp ansehen darf. Julia Jaschke ist ein Neuzugang im wtp-Universum, sie spielt die zweite Entführte. Weitere Rollen kommen nur am fernen Rande vor und sind weitgehend unwichtig für den Handlungsfortgang.

Die Dreiecksbeziehung zwischen den Entführten und dem Entführer ist das Fundament, auf dem der Film ruht. Die Beziehung des Entführers zu seiner Geschäftspartnerin ist der Hebel, der dieses Fundament jederzeit aushebeln kann. Diese Drei-plus-Eins-Konstellation erlaubt es, alle möglichen Beziehungsvarianten der klassischen Dreierbeziehung um eine ganze Dimension zu erweitern und damit exponentiell zu verkomplizieren. Ein geschickter dramaturgischer Schachzug, denn so kann alles, was eben noch in Stein gemeißelt schien, jederzeit in sich zusammenfallen. Ein faszinierendes Spiel der längeren Hebel.

Marina Anna Eich und Julia Jaschke leben die Verzweiflung der angeketteten Entführten absolut überzeugend aus, besonders sei hier hervorgehoben, dass die beiden stark unterschiedliche Figuren darstellen, die sich auch unter zunehmendem Stress entsprechend unterschiedlich entwickeln. Antje Nikola Mönning bringt mit ihrer kühlen Unnahbarkeit den Entführer ziemlich ins Schwitzen, was Christoph Baumann in seiner Rolle auch gekonnt vermittelt. Er sitzt schauspielerisch zwischen den Stühlen: Nach unten muss er der gnadenlose Machthaber sein, nach oben sieht die Sache schon anders aus. Schauspielerisch muss man hier allen Beteiligten absoluten Respekt zollen.

Kamera, Licht und Ton sind absolut zielsicher geführt, gesetzt und aufgezeichnet; gerade die subtile Tongestaltung im Verlies als zentrales Element der psychologischen Kriegsführung wird über den Verlauf des Films hinweg immer stärker offenbar. Besonders auffallend bei der Bildgestaltung ist, dass hier mit einer Zahl von Fahrten gearbeitet wurde, was dem Film im Vergleich zu seinen Vorgängern eine ganz neue Dynamik gibt.

Die Musik ist feinfühlig für den Film komponiert und wartet mit einigen ebenfalls extra für den Film geschriebenen Liedern auf, die das Erlebnis im Kino nicht nur abrunden, sondern ihm auch eine gewisse Aura verleihen. Die Musik bietet zwar nicht klassische Themes wie bei Jaws oder Indiana Jones (was in diesem Film auch absolut fehl am Platze wäre), ist aber deutlich auffälliger, stärker im Vordergrund befindlich, mitreißender als diese Landplage der nichtssagenden, sich emotional vor sich hin windenden Keyboardbegleitungen ohne rechte Melodie so vieler deutscher Produktionen.

Auch das Restliche ist mit großer Liebe und vor allem höchster Professionalität gestaltet. Im Grunde handelt es sich bei Die Wahrheit der Lüge um einen Psychothriller, wie er auch mit sieben- bis achtstelligem Produktionskosten entsprechend aufwendiger hätte gedreht werden können. Man merkt dem Film die Theater-Vergangenheit von Roland Reber zwar noch immer deutlich an, doch diesmal muss man bei der Einordnung in Genres eindeutig das Attribut „experimentell“ weglassen. wtp ist im großen Kino angekommen.

Der Film (98 Min) läuft auf den Hofer Filmtagen 2011 und wird April 2012 ins Kino kommen.

[offizielle Webseite]

Contagion

Was ist ein Katastrophen-, ein Epidemiefilm ohne Humor? Das ist wenn Steven Soderbergh ein Buch von Scott Z. Burns verfilmt, das von einem Virus handelt das eine Fledermaus in einem Schweinestall auf ein junges Schwein fallen lässt, das dann der Metzger in die Hand bekommt und an seinem Kleid abwischt und dann, da muss der Zuschauer vielleicht selbst noch zwei drei Zwischenstationen erfinden, einer blonden Amerikanerin die Hand drückt und das vor laufender Kamera und dann geht die nachrichtenähnliche Zählung los: Tag 1, Tag 2, Tag 3, Chikago, London, Tokio, Kairo, Frankfurt und immer die Einwohnerzahlen dabei und jeden Tag wird mehr Menschen in mehr Städten übel und sie husten und brechen zusammen und dann sterben sie und es beginnt eine große Hektik bei den Gesundheitsbehörden und den Medien und den Forschungsinstituten, und es muss recherchiert werden, wer wem die Hand geschüttelt hat, wer mit wem Kontakt gehabt hat und ein paar Schicksale werden über die ganze der Dauer der Epidemie, das sind etwa 138 Tage, verfolgt.

Steven Soderbergh hat das alles superflott und erstklassig im Stile einer unterhaltenden Nachrichten-Magazin-Sendung inszeniert und hat mit der Fortdauer der Epidemie ein paar Längen eingebaut, so dass die Leute im Publikum das Husten anfangen und der Rest glaubt dann, die sind auch schon infiziert. Die Humorfreiheit dürfte für die Verbreitung dieses Epidemiefilms und damit Generierung von Gewinn das Hauptdefizit sein sowie natürlich der Versuch der ehrenwerten fachlich-sachlichen Objektivität, des Vorgaukelns von Systematik der Berichterstattung. Das bietet nicht so richtig einen Unterhaltungswert. Fürs Bildungskino dagegen ist es wiederum zu impressionistisch.

Ob sich das Publikum für diese Art informativen leicht-verdaulichen Seminars zur Verbreitung von Seuchen auf unserem Planeten im Kino erwärmen lässt, das wird sich weisen. Ich bin da eher skeptisch. Kommt noch dazu, dass das Thema Seuchen zur Zeit ein Aschenputteldasein fristet vor lauter Weltfinanzproblemen, die einfach viel gefährlicher und unberechenbarer erscheinen. Um dem Seuchenfilm aus diesem Aschenputteldasein herauszuhelfen ist das Soderberghwerk zu bieder, zu brav, zu seriös, zu sehr dem Realistischen verhaftet. Das jedoch kennt man zur Genüge, auch wenn es hier leicht konsumierbar ausgewählt und aneinandergefügt worden ist.

Urban Explorer

Deutsches Genrekino pur!

Aber bitte jetzt nicht lachen, denn wer darunter „Hell“ versteht, wie dort manche Kritiker gejubelt haben, der kann hier lernen, was Genre ist, was Genrefreude sein kann. Allerdings ist das gewiss nichts für schwache Nerven.

Andy Fetcher, der Regisseur hält sich nicht lange auf beim Titel und der Exposition. Sein Buchautor heißt Martin Thau.

Ein Amerikaner, der in Freiburg studiert hat, und seine Freundin aus Venezuela, eine Koreanerin und eine Französin, treffen sich an einem Nicht-Ort in den Outskirts von Berlin in der Nähe einer Disco. Blind-Date insofern, als sie sich für eine „Urban Explorer“-Tour in den Untergrund von Berlin übers Internet angemeldet haben.

In kurzen Texten wird das umrissen und die Erwartungshaltung exponiert. Dann trifft Max Riemelt ein, der Fremdenführer. Ein kurzes Gespräch zwischen der Koreanerin und der Französin wirft gleich schon einen leicht makabren Hauch in die ansonsten noch vollkommen normale Geschichte. Sie sprechen vom Boyfriend der Koreanerin. Die Französin glaubt was von Selbstmord gehört zu haben und die Koreanerin antworte, das hoffe sie doch (wie gut, dass keine Fernsehredaktion und kein Filmfördergremium die Finger in dieses frei finanzierte Projekt stecken konnten!).

So viel kann jedenfalls verraten werden, dass es bei den Teilnehmern, die diese abenteuerliche Tour gebucht haben – sie alle wollen etwas Ungewöhnliches erleben, und das werden sie auch! – einen gewissen Personalverlust zu verzeichnen geben wird.

Der Einstieg verläuft auf gewohnten Pfaden heutiger junger Leute, nämlich über eine Disco, in der gerade Hochbetrieb herrscht. Durch eine Hintertür geht’s in einen Keller runter. Bis dahin ist klar, dass sie etwas Ungewöhliches erleben wollen; hier wird auch der Plan der Expedition erläutert, dass sie nämlich zum Fahrerbunker vorstoßen wollen, den noch keiner von innen gesehen habe und dass es dort noch Fresken aus der Nazizeit geben soll und andere Vermächtnisse des Fahrers vom Führer, daher Fahrerbunker.

Bis zu diesem Bunker verläuft die Reise glatt, leicht skurril sogar, als ob es sich um ein Kunst-Happening handle; etwaige Zweifel an der Sicherheit räumt der Reiseleiter aus, indem er sagt, er mache das schon über ein Jahr, er kenne sich aus, er sei schon etwa zehn Mal unten gewesen.

In dieser ersten Phase kommen vor: Fledermäuse, Zeichnungen aus Phosphor, zwei Typen mit Kampfhund, Patronenhülsen, eine noch angeschriebene DDR-Grenze, ein Schulungsraum, wos Kaffee gibt, in Fischerhosen müssen sie das Wasser eines Kanals durchwaten, sie erfahren etwas über ein gigantisches Forschungsprojekt der Nazis namens Odin, das hier 25 Meter unter der Erde im Verborgenen betrieben worden sei. Das wird mit schneller Kamera und in gutem Rhythmus mit geschickt eingelegten kleinen Verschnaufpausen zur Orientierung und Standortbestimmung erzählt. Es erweckt den Eindruck einer Art Kleinkunst- Performacne-Installation. Alles ganz harmlos. Bald gelangen sie zum ominösen Fahrerbunker, die Fresken oder Graffitis sind relativ gut erhalten, schneidiger Nazizschund.

Bis hierher waren wir Zeuge eines modernes Events mit recht durchsichtigem Gruselcharakter. Allerdings würde ich ab hier, ab dem Moment, wo sie wieder zurückkehren wollen, Menschen mit schwachen Nerven eher raten, das Kino zu verlassen oder Ohren und Augen bis zum Ende des Filmes zu schließen. Bis hierher – und das wird sich fortsetzen – war auch das Gefühl des Eingesperrtsein gut vermittelt, also für Klaustrophobe schon bisher eine gewisse Herausforderung. Aber ab jetzt, da geht’s Schlag auf Schlag. Es passieren Dinge, die diejenigen, die überleben werden, garantiert nicht vergessen werden, die sie garantiert verändern werden – und die sie nicht überleben werden, die werden das Gesehene und Erlittene als ihr Geheimnis mit ins Gab nehmen.

Noch grauslicher wird’s, wenn man sich dabei vorstellt, dass vielleicht gerade im gleichen Moment die Bundeskanzlerin 30 Meter über uns den Papst empfängt. Denn wir sind tief in den Berliner Untergrund geraten, in ein Underground-Movie, welches uns schockierende Einblicke gewährt in abscheuliche Parallelwelten.

Das Horrorschocker-Genre, vermutlich speziell für Fans des Genres. Meine Einschätzung ist die, dass dieser Film vor allem auf dem DVD-Markt gute Chancen haben dürfte. Die heutigen Kinos scheinen mir für so einen „dreckigen“ Film fast zu sauber.

Cirkus Columbia

Der Jugoslawien-Krieg war mir immer fremd. Vielleicht verändert so ein Krieg noch mehr die kulturellen Unterschiede, die Sprache des Filmes. Allein schon die Begeisterung für nackte männliche Oberkörper. Männerkultur. Körperkultur. Es gibt in diesem Film so viele davon, so offensichtlich sich ihrer Kräfte und auch ihrer Schönheit Bewusste. Oder dann nur mit einem Unterhemd bekleidet. Ich meine, das läuft so nebenher. Und ist nicht unschön. Es ist ständig präsent. Dann die körperliche Energie generell. Martin ist nun vielleicht nicht der Protagonist, aber mindestens dessen Sohn. Ein junger Mann, der gerade einen Job in einer Tankstelle gefunden hat. Er ist begeisterter Amateurfunker. Er träumt von einem Kontakt nach Amerika. Der titelgebende Zirkus, resp. sein Kettenkarrusell spielt nur am Anfang kurz eine Rolle und dann am Schluss.

Wir sind im Jahre 1991. Die Mauer sei falsch rum gefallen, wird an einer Stelle moniert. Auch das vielleicht eine Balkanansicht. Die ersten Explosionen vom Krieg sind zu sehen. Riesige Rauchwolken, die in der kleinen Ortschaft in Herzegowina sich explosionsartig ausbreiten. Da hat unser Protagonist, Divko Buntic, sich schon zu seiner Noch-Gattin aufs Kettenkarrusell gehockt. Sie hatte er vor vielen Jahren schnöd mit dem Buben sitzen lassen. Sie konnte zwar in dem Haus wohnen, musste keine Miete bezahlen. Aber er hat nicht ein Mal was von sich hören lassen. Er war abgehauen nach Deutschland. Mit einem dicken Mercedes mit Münchner Kennzeichen kehrt er nun mit einer deutlich jüngeren Frau zurück. Er hängt den reichen Macker raus. Ihm gehört die Welt. Denn er hat Geld. Und immer noch Beziehungen. Ein Besuch beim Bürgermeister genügt, und der rückt mit eine Kohorte von Polizisten an, um das Haus mit der Frau, von der er noch nicht geschieden ist, und dem Sohn räumen zu lassen. Nullkommaplötzlich. Dann darf die junge Geliebte einziehen. Das Heiligste ist dem Divko seine Katze Bonny. Denn die hatte ihm einst Glück gebracht. Sie ist entlaufen– und zwar durch das offene Dachfenster, das der Sohn Martin offengelassen hat, weil er dort seinen Amateurfunk installiert hatte.

Der Film dreht sich jetzt darum, wie diese Beziehungspersonen, es gibt noch Freunde von Martin, es gibt Leo, den ehemaligen Gemeindepräsidenten und etliche andere Ersatzväter, die es gut mit dem Jungen meinten, es geht also darum, wie die auseinander gebrochene Familie um einander herum tanzt; die Jungs gehen immer wieder schwimmen, irgendwann fickt Martin die Geliebte des Vaters, die Mutter ist vor allem entsetzt und sie ist zudem eingebuchtet worden; letzteres ist Divko, ihrem Noch-Ehemann dann doch zuviel. Ein weiterer Besuch beim Bürgermeister und sie wird aus dem Knast entlassen; sie erhält den Schlüssel zu einer runtergekommenen Behausung.

Vom Kippen der Verhältnisse.

Es dreht sich alles nur darum, dass die leibliche Mutter von Martin keinen Kontakt zum Mann und dessen Geliebten will; der Vater will aber den Sohn kennen lernen, ist er doch der Vater. Der Sohn ist für alles zu haben. Nur nicht für die Armee. Das ist vielleicht doch ein kleiner Schockpunkt im Film, wie gegen Ende, es gibt schon die Gerüchte vom bevorstehenden Krieg und die Mutter und der Junge wollen fliehen und die Geliebte auch, denn die schaut immer entsetzter zu, wie ihr Lover sich aufführt, sich aufgeführt hat und seit sie in Jugoslawien sind, hatten sie auch keinen Sex mehr. Und wie der Junge dann noch sein Funkerzeugs holt, auch um die Kaserne, die überfallen werden soll, von neu eingekleideten Soldaten aufgehalten wird, und alle sind plötzlich Armee und er will aber nicht und wird verhaftet und dann verschafft sich der Vater im Pyjama Einlass im Gemeindehaus in dessen Keller der Sohn und andere Verhaftete bereits verhörmässig blutig geschlagen worden sind und nimmt den Sohn einfach mit; er hatte vorher noch vom entmachteten Gemeindepräsidenten der schleunigst die Uniform wieder ausgezogen hatte, die Pistole requiriert.

Diese Militarisierung der Verhältnisse, wie das so schnell geht, wie plötzlich bei einer bestimmten Temperatur sich Eis auf dem Wasser bildet, das ist unheimlich und man bangt auch, ob die es noch schaffen zu fliehen. Jedenfalls kann Savo, der die Fluchtaktion durchführen will, nicht mehr zur Kaserne zurück und hat kein Auto mehr. Da stellt der alte Divko seinen Mercedes zur Verfügung und Savo, Mutter, Geliebte und Martin brausen davon. Divko begibt sich zum Karrussellplatz. Da taucht seine Frau auf, die Katze auf dem Arm. Und dann fahren sie Karrussell und der Krieg kann beginnen. Grenzen des Symbolismus.

Die Katze war ein Dauerthema, wie die entlaufen ist, setzt Divko alles daran, sie wieder zu finden. An einer Stelle wird spöttisch erwähnt, sein Sohn und seine Geliebte würden nur noch miauend durch die Stadt ziehen, auch durch den Friedhof. Divko verteilt sogar Flugblätter und verspricht 2000 DM für die Wiederbeibringung der Katze. Andauernd klopft ihn fortan der Dorftrottel, der wie ein vewahrloster Jesus aussieht, frühmorgens aus dem Bett, hat ein verwildertes Katzenvieh auf dem Arm und will den Finderlohn. Er wird von Divko geschimpft, erhält aber 20 DM.

Tja, was will uns das alles erzählen, was will uns Danis Tanovic mit diesem, seinem oscarnominierten Film erzählen?

Details.

Die wahnsinig emotional überrissene Begrüßung mit dem Bürgermeister bei der Ankunft.
Wohnungsräumung. Divko fordert seine Freundin auf, den noch kochenden Topf zuzubereiten.
Sie gehen auswärts essen. Ein Tierkopf wird serviert. Divko drückt das Auge aus, bietet es ihr an, sie findet das igitt!, er vertilgt ihn.

Mit umgehängtem Jackett wandelt der große Herr durch die Ortschaft.
Es wird sehr frisch gespielt, sehr kräftig, sehr energetisch und oft mit nacktem Oberkörper.
Leo, der vorherige Bürgermeister versteht die Zwangsräumung nicht.
Lucija, die Frau von Divko: Jetzt wo Sie and er Macht sind, kehrt der Abschaum zurück
Schon in der ersten Nacht wirft Martin einen Stein ins Schlafzimmerfenster seiner Vaters. Der verlangt von ihm, dieses zur Reparatur zu bringen. Während der Glaser glasert, springen die hübschen Männerkörper, Martin und sein Freund, den er mitgenommen hat, von einer Brücke in den Fluss. Sie fühlen sich als geile junge Männer und wollen ficken. Und gehen sich auch kurz an die Körper und rangeln vergnügt.
Dann eine Schlägerei auf der Brücke. Wieso? Wie schnell das kippt.
Divko hat den Frisiersalon, wo seine Frau gearbeitet hat, gekauft und neu eingerichtet und schenkt ihn seiner Geliebten. Die findet in Lucijas Schublade ein Bild von Lucija mit dem kleinen Martin.
Azra, so heißt die Freundin, ist nicht begeistert vom Salon: ich geh lieber Bonny suchen.
„Die Serben bombardieren Dubvronik“
Und Azra fragt Divko: Sind wir wegen alter Rechnungen da?
Savo: Wir fahren morgen, es wird ein Massaker geben.

Die Haut in der ich wohne

Wütender Vater, ein Spezialarzt, entführt den Verführer seiner Tochter, operiert ihn zur Frau um, die seiner verstorbenen Frau ähneln soll und hält diese bei sich zuhause gefangen und versteckt. Ein ziemlich kruder Plot, den Pedro Almodovar nach einem Roman von Thierry Jonquet aufgetan und für geschätzte 13 Millionen Dollar (laut IMDb) auf weit über zwei Stunden aufgeblasen hat. Leider steht er nicht zum schauerlichen Genre, in das er sich verirrt hat, sondern tut so, als produziere er Kunst.

Am Anfang verfängt das noch. Man lernt das Anwesen von Dr. Robert Ledgard kennen. Eine ziemlich versteckte, diskrete Vornehmheit, angeschrieben als Klinik „Cigarrial“. Man sieht Dr. Ledgard mit Haut experimentieren. Man erlebt ihn auch vor Studenten oder an einer wissenschaftlichen Konferenz, wo er über seine Hautexperimente referiert, so dass formal der Eindruck der Legalität der Experimente gewahrt wird. Ein Kollege spricht ihn allerdings auf die Grenzen der Forschung an, fürchtet dabei selbst um den Verlust einträglicher Geschäfte. Die Klinik und das Team um Dr. Ledgard sind offenbar auf Geschlechtsumwandlungen spezialisiert. Daher auch die Diskretion.

Das Heute in diesem Film ist 2012. Ledgard hat eine einzige Patientin, eine ziemlich exklusive, wie es scheint, die er in einem total überwachten Zimmer in seiner Klinik gefangen hält und deren Behandlung, Einsetzen einer neuen Haut, abgeschlossen ist.

Nun ein Sprung 6 Jahre zurück. Eine Party in einer Villa. Die Tochter von Dr. Ledgard wird von Vicente, einem jungen Mann, unter einem Baum im Garten verführt, entjungfert oder nicht, ganz will die Sache nicht gelingen. Auf jeden Fall: Tochter Norma bleibt geschockt zurück. Vicente braust auf dem Motorrad davon. Dr. Ledgard verfolgt ihn in einem fetten schwarzen Kombi. Bedrängt ihn, das wird alles sehr ausführlich erzählt, drängt ihn in den Straßengraben ab, schießt einen Betäubungspfeil auf ihn, hält ihn erst in einem Kellerverlies gefangen; bei Nacht und Nebel trudelt sein Spezialistenteam ein und formt aus des Gefangenen bisher männlichem Geschlechtsteil eine Vagina-Skulptur.

In der Klinik verbleiben seine Mutter, das Personal wird entlassen. Es ist Karneval in Toledo, ein Faschingsnarr in einem Tigerkostüm taucht bei den Ledgards auf. Es ist, wirklich krude Geschichte und noch extrem überzeichnet dazu, ein Bruder vom Doktor, aber die Brüder wissen nichts voneinander. Der vergewaltigt den umgewandelten Vicente und wird von Dr. Ledgard erschossen und verbuddelt.

Der Anfang der Filmes hätte mich noch gefesselt, das Thema mit der Manipulation des Menschlichen, hier der Haut; es werden sehr schöne Experimente mit künstlicher Haut gezeigt, auch wie er sie an Vera, die einst Vicente war, ausprobiert mit Ansengen und Testen der Schmerzgrenze. Der Doktor befasst mit der Haut von ihr, die immer noch weich sei.

Diese anfänglichen Passagen sind, wie alles übrige auch, von feinster cineastischer Machart. Almodovar verkauft sein Produkt als Hochglanz. Aber das Thema des Experimentes verflüchtig sich leider sehr schnell, das Thema der Manipulation des menschlichen Körpers, was heute möglich und eventuell moralisch vertretbar wäre.

Mit fortdauernder Filmzeit wird immer unklarer, was den Almodovar überhaupt noch bewegt, womit er uns bewegen möchte. Der Eindruck entsteht vielmehr von einem, der weil er mit Filmen und Themen, mit denen er die Menschen lange Zeit stark angesprochen hatte, Erfolg hatte und jetzt ein Name ist, der aber von sich aus nicht mehr viel zu erzählen hat, aber weiter Filme machen zu müssen glaubt, weil ihm nichts anderes einfällt und vor allem weil er qua Name leicht an die Gelder kommen dürfte.

Erfolg und Wohlstand können den künstlerischen Geist müde machen. Weil aber Almodovar ein Markenname ist und Geld in Bewegung setzen kann, muss er nun leider weiter Filme machen, schreibt leider selbst auch die Bücher und wie leider schon bei seinem letzten Film klar wurde, hat er da enorme Defizite. Die sind vielleicht bei den frühen Filmen nicht so aufgefallen, weil er selbst aus Aufgewühltheit und dringendem Bedürfnis getrieben war zu erzählen, weil er Schmerzen hatte und darunter litt, unter Dingen, die in der Welt vor sich gingen, weil sein Need uns zwang. Im Wohlstand und in der Filmelite angekommen, entfernt man sich vielleicht, entrückt man dieser Welt zusehends. Das Need einen Film zu machen, schrumpft auf ein Needlein. Trotzdem macht er einen Film nach dem anderen, denn money makes the world and the movies go round. Nur kommen dann plötzlich so wenig „moving“ Filme dabei heraus.

Er interssiert sich auch weiter gar nicht für die Figuren. Er illustriert zwar, wenn immer sich eine Gelegenheit gibt, das Thema Haut, sei es anhand einer Schaufensterstrohpuppe, die nicht unähnlich seiner einst verbrannten Frau war, oder wie Norma Gesichter bastelt. Kunst ist ihre Wandbeschriftung, jedes Datum trägt sie ein, immer Sätze, die ihr Hoffnung geben sollen, dass sie noch atme. Kunst, Illustration, Installation oder Kunstgewerbe ist das. Aber keine Kinospannung will aufkommen. Die Figuren bleiben Puppen in einem Schauerstück, was sich als große Kunst gibt.

Dann haut Norma ab. Die folgende Verfolgungsjagd, die war sowas von absehbar. Eine kleine Kunstperformance ist auch, wie sie Frauenkleider in Stücke reißt, auf dem Boden ausbreitet wie eine Auslegeordnung und sie dann, so was braucht auch ganz schön viel Filmzeit, mit dem Hausstaubsauger aufsaugt. Auf so Ideen kommt man vielleicht, wenn man nicht ganz genau weiß, was man erzählen will, wenn man das Thema Haut so grob im Kopf hat, und dann „Einfälle“ zur Illustration sucht, statt zu ergründen, wie genau die Haut die Menschen bewegt.

Das hat man übrigens in der Erzählung beim Zeitsprung zurück auch überhaupt nicht kapiert, wie die Geschichte plötzlich in dem Second-Hand-Kleider-Laden landete mit den zwei Frauen, die ihn betreiben und eben Vicente, dem jungen Mann, der sich auf die Fete freute bei den Ledgards im Park und der dort dann eben Norma zu vögeln versuchte unterm Baum.

Auch das Ende scheint dramaturgisch mit der Brechstange herbeigeführt. Dass der Film dann dort endet in dem Laden, indem der zu Vera verwandelte Vicente, der sich befreien konnte – mit gezielten Todesschüssen hat er den Dr. Ledgard und seine Knallchargenmutter umgebracht, und sich erst der jüngeren der beiden Frauen in dem Laden vorgestellt und eine Geschichte erzählt von einem Kleid, die nur Vicente wissen kann, weil er dabei war. Kippen ins Melodram.

Nein, Almodovar sollte eine Pause machen oder gar keine Filme mehr machen oder gute Schreiber engagieren, wenn er selbst nichts mehr zu erzählen hat, denn die Kinograpie, seine Kinohandschrift, die ist meisterlich. Nur nützt mir die schönste Handschrift nichts, wenn der Text, den sie schreibt ein solch pseudoseriöses Gruselstück ist.

Pachacútek – Zeit des Wandels

Diese Dokumentation von Anya Schmidt habe ich nicht gesehen, die könnte aber vor dem Hintergrund des aktuellen Amoklaufes unseres Welt-Finanzsystemes vielleicht ganz gedankenanregend sein; denn sie berichtet über Naupany Puma, den letzten Sonnenpriester der alten Inkatradition. Pachacútek steht für Prophezeiungen der Inka für eine Zeit von großen, grundlegenden Veränderungen, die in ein neues Zeitalter führen werden. Vielleicht stehen wir vor so einem Wendepunkt. Dass unser System, dass unsere Erde Heilung braucht, das dürfte außer Frage stehen. Naupany Puma, der einen Pilgerweg um die Erde antritt, führt uns zumindest ein Beispiel für einen Heilungsversuch vor Augen. Wenn die Menschheit nicht mehr weiter weiß, so muss sie sich auf Ideensuche begeben. Vielleicht kann dieser Film eine Anregung in dieser Hinsicht bieten.

Berliner Philharmoniker in Singapur: A Musical Journey in 3D

Sir Simon Rattle ist ein faszinierender Dirigent, die Berliner Philhamoniker sind ein großartiger, weltberühmter Klangkörper und wenn sie Gustav Mahlers „Sinfonie Nr. 1“ spielen, so ist das garantiert ein Erlebnis, so subtil, so gelegentlich gerade bis zum Rande der Hörbarkeit; da könnte der berühmte Stecknadelkopf beim Fallen ziemlich stören.

Dieses Musikerlebnis ist Dreh- und Angelpunkt der hier betrachteten Dokumentation, ein Konzert, das die Berliner Philharmoniker in Singapur gegeben haben. Live-Mitschnitt.

Der Film hat zwei Teile. Im ersten geht es um die oben erwähnte Mahler-Sinfonie. Die Kameras bleiben im Saal fixiert, konzentrieren sich auf den Dirigenten, das Orchester und die Close-Ups einzelner Instrumentalisten oder Instrumentalisten-Gruppen.

Im zweiten Teil spielt das Orchester unter seinem Dirigenten die sinfonischen Tänze von Rachmaninov. Die sind härtere Kost für die Ohren als die höchst sensiblen Mahler-Töne. Vielleicht hat das den Regisseur aus dem Konzertsaal getrieben. Jedenfalls schneidet er unter den Rachmaninov-Teil zwischen die Musiker- und Dirigentenbilder immer wieder ad hoc und sehr beliebig und sehr schnell in Singapur aufgenommene Stadtimpressionen, wie jeder Tourist sie heute in nicht minderer Qualität und schon gar nicht weniger originell auf modernen Kameras einfangen kann. Zu sehen sind Tempeltänzerinnen, eine Kirchenprozession, Tai-Chi-Übungen, Promenierende, Sitzende, ein traditioneller Tanzdrachen in einem Palmenhain, Menschen die für die Kamera posieren, Stadtverkehr. Versucht wird, mit ihnen in akausaler Synchronizität das Tänzerische an der Rachmaninov-Musik zu illustrieren: ein doch eher fragwürdiges Bastelunternehmen von Herrn Michael Beyer, dem Regisseur dieser recherchearmen Dokumentation.

Was nun das filmische Bannen des Konzertes in Singapur anlangt, so tendierte ich eher dazu von schnoddriger, liebloser Routine zu sprechen, schnell, schnell ein paar Kameras im Saal postiert und eine mitten unter den Geigern auf den Dirigenten gerichtet und billig abgedeckt, und dann für den Schnitt immer schön abwechseln zwischen Position eins und zwei und drei und vielleicht noch einige Schwenks und das Zoom etwas näher oder weiter. Wer mit Kinoanspruch auftritt, sollte mehr bieten.

Ach ja, das Ganze ist in 3D.

Footloose

Die Füße sind locker, frei, ungebunden; die Füße sind los. Es sind die Füße von Teens in tiefster amerikanischer Provinz. Sie tanzen und tanzen enthemmt und heftig im Rhyhtmus; der Boden wippt und bewegt sich. Dann tanzen sie auf dem Acker zwischen ihren Autos, es ist Nacht, die Füße bohren sich im Scheinwerferlicht in die Erde, so schnell drehen sie sich.

Die Party ist over, nicht aber in den Gemütern und in der Stimmung. Fünf Kids fahren im breiten Amischlitten nach Hause. Dort kommen sie nicht mehr an, denn sie rasen in einen LKW. Heftiger Crash. Da bleibt einem schier der Atem stehen. Das ist beabsichtigt, denn dieser Atemstillstand soll den Boden bereiten für das folgende, tiefernst inszeniert und tiefernst gespielte Drama unter Käseglockenmoral mit dem dann doch glücklichen Ende.

Nach dem Tod der fünf Jugendlichen herrscht große Betroffenheit in Bomont, wie das amerikanische Provinz-Kaff heißt. Auch ein Sohn des Pfarrers ist unter den Opfern. Tochter Ariel ist ihm geblieben. Aus der Trauer und dem Entsetzen über den Unfall heraus beschließt die Gemeindeversammlung in öffentlicher Sitzung eine ganze Reihe rigider Verbote, die für die Gemeindegemarkung ab sofort gelten: Tanz und Alkohol fallen darunter und eine frühe Sperrstunde für die Teens. Jedes Ratsmitglied muss vor der versammelten Gemeinde zu jeder der Vorlagen mit Ja oder Nein Stellung beziehen. Damit ist sehr schön die Grundlage für Konflikte gelegt.

Das auslösende Element dazu ist Ren McCormack ein Zuzügler aus Boston, wo ein anderer Geist herrscht. Er ist der Sohn der Schwester der Frau eines Autowerkstättenbetreibers in Bomont. Ren ist in Boston aufgewachsen. Er hat seine Mutter an Leukämie sterben sehen und sie bis in den Tod begleitet. Er hat also durchaus auch ein schweres Schicksal hinter sich. Und gleichzeitig das Leben vor sich und auch das Bedürfnis nach Tanz und Vergnügen, was in Bonmot strikt verboten ist, auch drei Jahre nach dem tragischen Unfall.

Ren frisiert einen alten VW-Käfer, motzt ihn mit Lautsprechern auf und fährt durch die Gegend, bis er von der Polizei aufgehalten wird. Das musste ja so kommen. Drei Jahre strenges Ausgehverbot und Jugendliche, die längst nicht mehr so betroffen sind vom Unfall, eine neue Generation. Der Drang nach Tanzen meldet sich immer stärker. Ariel hat ein Verhältnis mit Chuck; ihr gefällt aber Ren auch. Das setzt eine Liebes- und Rivalitätsdynamik in Gang, die dann parallell mit der Entwicklung des politischen Prozesses zwischen dem Wunsch der Jugendlichen nach Tanzen und dem Reiten auf den Prinzipien der Alten einsetzt. Das muss bei der Gemeindeversammlung zur Sprache kommen.

Das wird alles sehr schön, sehr flüssig, sehr gut erzählt. Der Darsteller des Ren soll wohl die Assoziation zu James Dean erwecken und ist ein sehr technischer Tänzer.

Allerdings scheint mir das, was sie erzählen, die Geschichte selbst um die Moral in der amerikanischen Provinz mit diesem sonderbaren Pastor einige Jahrzehnte an unserer Zeit vorbeizuzielen, eine Vergangenheit zu aktualisieren, die wir uns so kaum mehr vorstellen können, mit dermaßen rigiden Verboten von so bescheidenen Vergnügungen. Der Film peilt, so scheint mir, in eine Zeit, einige Jahrzehnte hinter uns. Oder die Verleiher interpretieren den Film völlig anders und sehen darin eine aktuelle Message, die ein europäisches Publikum ansprechen könnte, dann sollten sie uns vielleicht auch sagen, welche, oder sie schweben selbst in einer Wolke in einer fernen Zeit und glauben echt, mit diesem schönen, aber moralisch total verstaubten Film, hier bei uns Geld verdienen zu können?