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Snow White and the Huntsman

Ein mächtiges Monumentalgemälde, wert im Grimmschen Vatikan aufgehängt zu werden, falls es einen solchen gibt, geben sollte.

Wie die Amis es so halten, sonst wären keine zwei Stunden aus einem kurzen Grimmschen Märchen zu machen, angereichert oder geräubert aus x anderen Geschichten, an Herr der Ringe erinnert der Film, im „Dark Forest“ erinnert Schneewittchen, wenn ihr Haupt von Schlangen umringt ist, an das Medusenhaupt und wenn sie das Reiterheer zur endgültigen Schlacht gegen die böse Königin mit Ritterrüstung anführt, so muss man unweigerlich an Jeanne d’Arc denken.

Eine Gagdoppelung gibt es, der an die kürzliche „Spieglein Spieglein“-Verfilmung ebenfalls aus Hollywood erinnert: die Zwerge hier haben die genau gleiche Methode, Menschen zu fangen und ihr Handwerk ist auch das Wegelagern. Hier erwischt es Schneewittchen und den „Huntsman“, den anderen Protagonisten des Filmes, während es beim Spieglein-Film den rettenden König und seinen Knappen am Seil kopfüber hochschnellen liess.

Die Machart ist meisterhaft, hat Staatstheaterklasse von der Schauspielerführung her, auch wie sie sprechen, hat aber alles auch die inhaltliche Schwere des Monumentalen. Man müsste das direkt messen, wie viele Minuten in diesem Film Schlachtengetümmel sind. Auch der Spiegel, der schien mir in der vorhergehenden Inszenierung leichter. Hier schmilzt eine große Edelmetallplatte; aus dem zähen Teig formt sich eine Menschenskulptur, die mit männlicher Stimme zur Königin spricht. Unglaublich monumental, opernhaft.

Überhaupt wurde der Märchen- und Opern- und SciFi-Fundus, den Hollywood zu bieten hat, gründlich geplündert. Kostümschinken könnte er teilweise auch genannt werden. Die prunkvollen Aufzüge am Hof, mit Statisten en Masse. Aber was will die Geschichte uns nun erzählen? Wieso ist die neue Königin verärgert über Schneewittchen. Warum kerkert sie sie ein? Schneewittchen unternimmt auch hier lauter Aktionen, die wenig mit weiblicher Schönheit oder Reinheit zu tun haben.

Sie entflieht dem Kerker und ab durch die Kloake in eine meerumbrandete Felsenwand, und Sprung in die Gischt und ab ans Land: dort wartet schon ein weißes Pferd. Ab durch die Mitte gewissermassen. Bis die Häscher der Königin hinter ihr her sind. Flucht durch den Dunklen Wald, der ein wirklich fantastisches Bühnenbild abgibt. Mythenrankig.

Stellenweise droht die ganze Inszenierung, die Geschichte in der Schwere von Pomp und Prunk und Staatstheatralik schier zu ertrinken. Da war „Spieglein Spieglein“ deutlich leichter. Aber hier ist das Können der Schauspieler vorrangiger, ihre Sprache, ihre Stimmen, ihre Typisierung.

Wobei man über Schönheit nachdenken müsste, ob es nur noch diese hollywoodsch zurechtgerichteten Karriereschönheiten gibt, die so gar nichts Reines mehr haben. Obwohl doch Schneewittchen genauso eingeführt wird  wie bei Grimm, die Königin verliert Blutstropfen, die fallen in den Schnee und dann wünscht sie sich das entsprechend (reine) Kind.

Im Gegensatz zum „Spieglein Spieglein“-Film fehlt hier der Humor. Und ob der Film für Kinder geeignet ist, obwohl doch die Küsse, die zu sehen sind, puritanischer geht’s nicht, ganz sanft nur die Lippen berühren. Oder die böse Königin stürzt sich auf den König, diesen erdolchend, noch bevor Liebe stattfinden kann.

Pomp auch die Kerzen vorm Spiegel, wie ein Altar in einer Kirche.
Das Setting bei der Flucht durch Schlamm und Gewürm lässt momentweise an Hieronymus Bosch denken. Hollywood räubert wie immer, aber was erzählt es uns Neues mit diesem eklektischen Verfahren?

William mit Pfeil und Bogen wie Wilhelm Tell oder der Huntsman mit der Axt (die Axt im Haus erspart den Zimmermann).

Inszenierung ist fesselnd gemacht, die Ausstattung auch, auch das vergessene Fischerdorf, wie ein Pfahlbaudorf. Hollywood scheute keinen Aufwand, keine Kosten, um uns was zu erzählen?

Es geht um einen ganzen Themenmix, um Treue und Verrat, um Liebe, um Gerechtigkeit, sogar Rache am Vater und auch um die Selbständigkeit der (Schneewittchen)Frau. Folksmusik im Zwergenland.
Szene im Birkenwald, William und das schöne Schneewittchen: Love always betrays us.

Die flammende Schneewittchen-Rede nach der Auferstehung, die wieder an Jeanne-d’Arc erinnert oder pompös gotisch die Aufbahrung in der gotischen Kathedrale.

Endet als schweres Schlachtengemälde, das sich zum Teil in reinen Effekten auflöst.

Mark Lombardi

Der Titelzusatz dieser Dokumentation über den Künstler Mark Lombardi „Kunst und Konspiration“ scheint mir nicht das zu treffen, was nachher im Film zu sehen ist.

Nie ist davon die Rede, dass Lombardi sich irgendwie konspirativ verhalten würde. Er war ein hellwacher Rechercheur von Finanzbeziehungen zwischen Banken, Politik, Terrorismus. Er hat sich öffentlich zugänglicher Informationen bedient, das Internet spielte zu seiner Zeit noch kaum eine Rolle. Er hat seine Erkenntnisse zuerst eifrig auf Karteikarten gesammelt und sie dann in Form von bestechend schönen Graphiken dargestellt.

In einem Kreis steht zum Beispiel von Hand geschrieben der Name George W. Bush. Vom Kreis aus gehen verschiedene gebogene Linien zu anderen Kreisen mit anderen Firmennamen, mit Bankennamen. Es gibt verschiedene Arten und Richtungen der Linien. Je nachdem, was zwischen den Figuren am Ende passiert ist. Ob kurz vor einem Firmenzusammenbruch noch massiv Aktien abgestoßen worden sind, wie es bei Bush Junior mehr als einmal zu lesen ist.

Kurz vor dem Attentat von 9/11 hat Lombardi sich in seinem Atelier in New York erhängt. Es gibt Verschwörungstheorien. Viele zweifeln daran, dass es sich um einen freiwilligen Freitod gehandelt habe. Aber so genau geht der Film dieser Frage nicht nach. Er zitiert Galeristen, die sich wunderten, dass nach seinem Tod sich plötzlich Geheimdienste nicht nur für seine Zeichnungen, sondern auch für seine Karteikartensammlungen interessierten.

Zur Dokumentation selbst. Sie bringt diese Informationen über den Künstler. Man bekommt von ihm das Bild eines sehr wachen Mitbürgers, der die Gegenwart sehen wollte, der wahrnehmen wollte, was sich tut auf der Welt. Es gibt Archivaufnahmen von ihm, wie er seine Zeichnungen macht; er gibt einige Auskünfte.

Sonst ist es der übliche TV-gängige Interviewmix, Vater und Mutter, Geschwister, andere Künstler, Galeristen, Kunstexperten und –funktionäre geben ihre Statements ab. Da die alle unglaublich ruhig und brav sind, wird ein erschütternder Gegensatz zum hellwachen Mark Lombardi markant und der Film mutiert unfreiwillig zu einer Doku über einen netten, schläfrigen Kunstbetrieb. Wie weltfremd doch diese Galeristen, Kunstexperten, Kunstfunktionäre sich verhalten im Gegensatz zum weltneugierigen, wachen, offenen Künstler Mark Lombardi.

Mareike Wegener, die Dokumentaristin, scheint dies jedoch nicht bewusst eingesetzt zu haben, sondern eher durch eine gewisse, fast möchte ich sagen, untertänige Haltungslosigkeit dem Objekt ihrer Neugierde oder Verehrung gegenüber. Eine liebe, nette Doku fürs Nachmittagsfernsehen konzipiert und wohl nur dort zu verwenden. Im Kino dürfte die Energie nicht mal für eine Sonntagsmatinee taugen.

Die müden Kunstverwalter. Keine cineastischen „Grandes Machines“, wie das größte Bild von Lombardi von einem Experten genannt wird. Abseits vom Thema kommt die kleine Geschichte aus der UN vor, wie die das Bild „Guernica“, von Picasso eine wahrhaftige „Grande Machine“, zwengs der Irakkriegserklärung mit Stoff zugehängt haben.

Ein bescheidenes Filmlein. Über einen spannenden Künstler.

LOL

Der Film ist das amerikanische Remake des gleichnamigen, französischen Filmes derselben Autorin und Regisseurin Lisa Azuelos, bei der Bearbeitung für das Buch hat ihr Kamir Ainouz geholfen.

Im französischen Original von 2009 hatte Sophie Marceau die Mutter gespielt, hier wurde sie herber mit Demi Moore besetzt, was vielleicht ganz signifikant ist für den Unterschied der beiden Fassungen. Im Original dominierten noch Charme und Kurzatmigkeit, welche wohl mit Tempo verwechselt worden ist. Hier ist gründlich über den Stoff gegangen worden und wie mir scheint, hat die Autorin/Regisseurin diesmal den Stoff gezielt auf ein Feel-Good-Movie zum schnellen Ablachen getrimmt, ohne Rücksicht auf Charme, Story oder Charaktere.

Da die Klasse diesmal in Amerika lebt, geht der Schulausflug nach Frankreich und die Franzosen werden extrem karikiert. Eine französische Gastgeberfamilie ist Jeanne-d’Arc-Fan, überall hängen Portraits der Heldin, im Flur steht eine Ritterrüstung, das kleine Mädchen heißt Jeanne und ist nach dem Portrait der Heldin frisiert, eine Heizung scheint es in dem Haus nicht zu geben, was die Girls zu dem Kommentar veranlasst, hier sei alles so wie bei der Heldin, und eine Heizung sei ja wohl nicht nötig, denn sie habe doch den Scheiterhaufen gehabt. Dies vielleicht ein gutes Beispiel, wie hier der Humor um des Humors willen eingesetzt wurde.

Die Story geht um Coming-of-Age, es geht um das erste Mal, die Verliebtheit in den Mathe-Lehrer oder in diesen oder jenen Lümmel, der eine scheint mir eine recht aufgespritzte Lippe zu haben und macht Musik dazu.

Die Szene mit dem Mathelehrer, wie Emily diesen anhimmelnd vor ihm steht und er in einen Apfel beißt, und das Crack-Geräusch dazu, ziemlich wenig subtil, ziemlich überdeutlich. Sozusagen kleine Gags auf die Spitze getrieben, kleine Witze groß gemacht.

Auch die Psychiatrin ist wie aus einem Karikatur-Album, die immer nur ähäm sagt, was die Patientin, die Mutter von Lola ziemlich nervt. Viel Raum braucht auch der kleine Gag mit der Frage nach dem Nachfolger des amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter, die Lehrerin versucht zu helfen, Ro, Ro, Ronald… und die Schülerin antwortet Ronald MacDonald.

Die erwachsenen Männer, bis auf die beiden schnuckeligen Lehrer (der Mathelehrer und der Antidrogenlehrer), die sind alle wie Dumpfbacken gezeichnet. Die erwachsenen Frauen, andere Mütter oder Lehrerinnen, dürfen nie weniger herb als Demi Moore sein.

Typische Teenie-Bemerkung über eine dicke Mitschülerin: dieser Arsch ist ein Fulltimejob für sie. Hier geht man lieber über die Essenz der Story für eine Pointe. Auch die Oma ist eine reine wie in Stein gehauene Karikatur, die zuviel Alkohol trinkt, wie LOL während der Abwesenheit von Mutter zuhause Party macht.

Der Spielort ist Chicago und die Auslandsreise geht nach Paris. Beim ursprünglichen Film ging es von Paris nach London. Es gibt auch ein Kapitelunterteilung. Die erste Stunde läuft unter „1. Halbjahr“ und die letzten knapp vierzig Minuten unter „2. Halbjahr“. Auch der Vater von Kyle ist grobschlächtig gezeichnet, wie er dem Sohn die Gitarre zertrümmert. Und wie er dann beim Konzert am Schluss im Saal auftaucht und plötzlich strahlt, nun, das ist doch ziemlich billig. Der Film ist gegenüber dem Vorbild handwerklich besser gearbeitet, aber ob die Verbesserungen da stattgefunden haben, wo der Film hätte gewinnen können, bleibt zumindest eine offene Frage.

Leb Wohl, meine Königin!

Ein genüsslicher und gekonnt gemachter Untergangsfilm. Ein Film fesselt mich immer dann, wenn die Struktur des Erzählten wie eine Folie auf meine Erfahrungs- und Erlebniswelt übertragbar ist, wenn sie möglicherweise hier etwas sichtbar machen kann. Egal in welchem Jahrhundert, in welcher Weltgegend der Film spielt. Die Franzosen können das einfach.

Jetzt machen wir mal wieder einen Film über die französische Revolution, um die vier Tage um den Sturm auf die Bastille, wird sich Benoit Jacquot, der Autor und Regisseur gesagt haben. Diesmal, weil es das Tagebuch gibt von Sidonie Laborde, „dem Landei aus verarmtem“ Adel, das seit vier Jahren am Hofe von Louis XVI im Hofstaat von Marie-Antoinette, einer Rolle wie für Diane Kruger auf den Leib geschrieben, als Vorleserin und Lieblingszofe von Marie-Antoinette dient. Ihre Sicht auf Welt und Hofstaat ist eine wache, unvoreingenommene, aber ihre Haltung ist voller Gehorsam und Disziplin.

Der Film fängt am 15. Juli 1789 an und hört am 17. Juli wieder auf. Er fängt also am Tag des Sturms auf die Bastille an. Bis die Nachricht sich ins ausladende Schloss Versailles fortgepflanzt hat und in den innersten Gemächern angekommen ist, das dauert. Hier geht vorerst das höfisch exakt austarierte Leben seinen Gang als sei nichts geschehen.

Sidonie wacht fast pünktlich auf, schafft es fast pünktlich bis zur Kammerzofe, die sie dann zur Königin reinlässt; vorher wird noch drüber diskutiert, was sie ihr vorlesen solle. Sie sei aber augenblicklich nicht an Literatur interessiert, das eine sei ihr zu traurig, das andere zu schwer. Sie will Modezeitschriften zusammen mit Sidonie lesen. Sie träumt von Kleidern, von Stickereien, von einer gestickten Dahlie.

Da Sidonie sich ständig kratzt, befiehlt die Königin Rosenholzwasser zu bringen und liebevoll massiert sie damit der Vorleserin den flohzerstochenen Arm. Das erbittert die Kammerzofe, darüber wird noch geredet werden müssen, dass sie sich kratze vor der Königin. Aber die Unterkünfte fürs Personal im riesigen Schloss sind nun nicht gerade erster Klasse, auch Ratten gibt es hier.

Der Gondoliere Paolo bezirzt alle Frauen, und will ihnen seinen Cazzo zeigen. Sidonie weiß nicht mal, was das Wort bedeutet. Ein Hofgespräch sind die 80 Desserts, die es eben beim Kardinal gegeben habe (die Bastille dürfte schon gestürmt worden sein). Der Hoftratsch, dass der König um zwei Uhr nachts geweckt worden sei, verursacht einen Aufruhr beim Hofstaat, der sich oft wie eine irre Herde in den Gängen von Versailles drängelt.

Sidonie kommt das alles wie ein Traum vor. Dieses Leben in der fast hermetischen Hofgesellschaft. Aber sie ist ja auch eine Privilegierte. Sie stickt ab und an mit der Stickerin und wird die Dahlie für die Königin selbst sticken.

Eine der Figuren am Hofe, die sich eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt haben ist Moreau, der Bibliothekar, der bis an sein Lebensende, Revolution hin oder her, sich Notizen machen wird.

In die Adelige Gabrielle de Polignac ist Marie-Antoinette, die schon zwei Kinder hat, unsterblich verliebt. Auch um dieses Verhältnis herum bilden sich Hofintrigen.

Wie die Revolution der feinen Hofwelt immer näher auf die Pelle rückt, wie sich erste Absatzbewegungen vom Hofe und vom König zeigen, kommen die Charaktere von so manchen Hofschranzen unverhohlen an den Tag, wie sie sich teure Kostbarkeiten untern Nagel zu reißen versuchen.

Wie sich Marie-Antoinette selbst mit Fluchtplänen nach Metz trägt und man schon zu packen beginnt, die Edelsteine müssen aus den Fassungen gerissen werden, dann brauchen sie weniger Platz; da bittet Marie-Antoinette Sidonie, die anstelle der sich erhängt habenden Stickerin die gewünschte Dahlie gestickt hatte, dies aber verleugnete, gebeten, sie möge, verkleidet als die Polignac mit Polignac und ihrem Mann, diese verkleidet als Zofe und Page, in die Schweiz fliehen.

Auf dieser Kutschenfahrt passiert man kurz die Revolution. Am Strassenrand taucht flüchtig eine widerliche Fratze mit Kapuze auf, die das Zeichen des Halsabschneidens macht.

Im Schloss zirkuliert bald nach dem Sturm auf die Bastille die Liste mit den 286 Köpfen, die rollen sollen auf. Blut war bislang allerdings nur an den Kratzwunden von Sidonie zu sehen. Dem Zuschauer Einblick in eine weitgehend bekannte historische Situation zu geben aus ungewöhnlichem Blickwinkel, meisterhaft geschildert; und der weiß um den Aufruhr in der Stadt, kennt die Revolutionsbilder von Gemälden und Filmen zur Genüge und ist fassungslos über dieses merkwürdige Personengefüge der Abhängigen, das sich um die Macht gebildet hat und zu wissen, wie endlich diese Macht sei und sich fast zu freuen, was mit all den Wichtigtuern und Hofschranzen beim Zusammenbruch der Macht passiert.

Wir haben es seit einem Jahr nachrichtennah miterlebt, Tunesien, Ägypten, Libyen, wie lange bleibt Assad noch. Oder ich sehe auch diesen Hofstaat um die 300 Millionen Subvention beim Deutschen Film herum; wie die Leute sich Zugang zu verschaffen suchen zu den wichtigen Geldgebern, das Getue und Gerede um die sogenannt Wichtigen. Dabei ist alles eine aufgeblasene Sache, möglich nur dank dem Wohlwollen des Staates, der dummerweise dabei noch primär an Wirtschaftshilfe denkt, und wie so ein Kino zustande kommt, was keinen interessiert, wie Popanze aufgeblasen werden, die kaum fiele die Förderung weg, in Nichts zusammenkrachen würden, so wird hier grandios sowohl der Hofstaat, seine Aufgeblasenheiten und Mechanismen wie auch dessen panischer Zusammenbruch geschildert. Zur These der deutschen Film-Fernsehlandschaft als eines aufgeblasenen Hofstaates fand sich in der FAS vom Pfingstwochenende ein passender Abschnitt in einem Interview von Jakob Buhre mit Katrin Sass, der damit endet: „Was die für Bücklinge machen, um die Karriereleiter hochzukomen, da wird mit zum Teil kotzübel“ (vorausgegangen ist die Frage nach der Einflussnahme (und nach der Quote), und dass darüber nicht offen geredet werden dürfe … „Und wenn mir mal jemand aus dem Westen sagt „bei Euch war ja jeder Dritte bei der Stasi“, dann denke ich, man könnte das Ganze doch mal umdrehen. Wer heute vom kleinen Aufnahmeleiter zum Produktionsleiter seine Karriere macht, da sind Leute dabei, wo ich denke: „Du wärst der  Erste, der für die Stasi gearbeitet hätte.“ Was die heute für Bücklinge machen, um die Karriereleiter hochzukommen, da wird mir zum Teil kotzübel“.)

Bulb Fiction

Das Gütesiegel für die Recherchequalität haben diesem Film des Österreichers Christoph Mayr unfreiwillig einige der Großen der Lichterzeugung und des Geschäftes mit dem Licht gegeben: Osram, Philips, Vito, ELC. Sie alle haben, so steht es im Abspann zu lesen, Interviewwünsche von Christoph Mayr für diese Dokumentation abgelehnt. Aus unguten Gründen, wie zu vermuten ist, weil sie wohl nicht allzu viel Licht in ihre Lichtgeschichten bringen wollen.

Osram, Philips, Vito, ELC waren offenbar auch nicht bereit, das Gegenteil seiner Behauptung zu beweisen, dass die EU-Verordnung zur Einführung von Energiesparlampen einzig das Resultat der Lobbyarbeit der Lampenindustrie und zu ihrem Nutzen und zum Nachteil des Verbrauchers sei.

Nicht nur, dass das mit Demokratie nichts mehr zu tun hat, sondern diese EU-Verordnung zu Einführung von Energiesparlampen gefährde auch noch die Gesundheit der betroffenen EU-Mitbürger. Denn in den verordneten Energiesparlampen ist hochgiftiges Quecksilber drin. Was nicht nur ein Entsorgungsproblem darstellt. Es stellt ein ernstes Gesundheitsproblem dar, besonders wenn eine der Lampen zerbricht, während sie brennt.

Ein solcher Unfall mit einer von der EU verordneten Energiesparlampen ist für Christoph Mayr der emotionalen Ankerpunkt für den Zuschauer. Mayr fährt ins bayerische Land zum Buben Max, dem alle Haare und die Augenbrauen und Wimpern ausgefallen sind, nachdem eine brennende Energiesparlampe zu Brüche gegangen ist, so was kann nun wirklich jedermann und überall passieren, und der Bub muss Quecksilber inhaliert haben. Wie die Folgen des Unfalles offenbar wurden, hat die Familie eine Ersatzwohnung gesucht.

Die Frage, die Mayr in Brüssel stellt, ob das der Sinn dieser neuen Verordnung sei, die Familie zu gefährden, um die Erde zu retten. Gegen einen solchen Unfall gibt es tatsächlich ein Sanitätskästchen, das alle Utensilien zur Bekämpfung eines Quecksilberaustritts enthält. Es kostet 130 Euro und einige Teile sind zum einmaligen Gebrauch bestimmt. Es erinnert an Atom-Dekontamination.

Andererseits hantieren in Indien in Kleinbetrieben Angestellte mit zerbrochenen Energiesparlampen und recyceln sie ohne besondere Schutzvorrichtung und ihnen scheint nichts zu passieren. Ist also der Fall von Maxi übertrieben? Ein Spezialist aus Konstanz, der lässt, und das muss er sicher aus Gründen der wissenschaftlichen Seriosität, durchaus offen, ob es andere Einflüsse gebe und ob bei Maxi eventuell eine bestimmte Veranlagung für den Haarausfall verantwortlich sei. Es ist aber nicht nur der Haarausfall, zusehends kriegt er auch Zitteranfälle, so dass er beispielsweise den Frühstückskakao verschüttet.

Bei Günter Oettinger, dem zuständigen EU-Kommissar, wird Mayr mit der faulen Ausrede abgefertigt, die Verordnung habe sein Vorgänger zu verantworten.

Eine besonders aparte Reaktion auf diese EU-Verordnung hat Rudolf Hannot, der Erfinder des Heatball. Der lässt in China die hier inzwischen verbotenen Glühbirnen herstellen und deklariert sie als Heizkörper. Was sie ja auch sind. Allerdings hat die EU eine Sendung dieser „Heizkörper“ an der Grenze beschlagnahmen lassen. Wegen der von der Lampenindustrie betriebenen höchst fragwürdigen, garantiert nicht bis zur Entsorgung des Quecksilber durchdachten Energiesparlampenverordnung.

Hannot sieht die Produktion seiner Heatballs als Nonprofit-Kunstprojekt. Vielleicht sollte ihm ein Museum zur Hand gehen und diese Heatballs (mit anschließendem Abverkauf) ausstellen; vielleicht gibt’s dafür eine Einfuhrgenehmigung. Hannot ist hartnäckig und gibt sich nicht so schnell geschlagen.

Zum Film ist vom Kinostandpunkt aus zu sagen, schade, schade, dass er zwar in einem Irrsinns-Tempo mit häufig auch schnellen Fahrten zwischen den Rechercheorten ein Riesenpensum an Interviewpartnern und Positionen und Erkenntnissen und Informationen reinpackt in die 90 Minuten; dass aber wenig dafür getan wurde, den Film als eine im Kino spannende Geschichte zu entwerfen. Dafür wäre vermutlich ein nachdrücklicherer Focus auf eine Sache, sei es die Lobby in Brüssel oder alles um den Maxi in Bayern als Kern für eine möglicherweise auch kinostarke Geschichte, die dann umso massenwirksamer werden könnte, sinnvoll gewesen.

Aber auch so, ein wichtiger Film, wie denn überhaupt das Genre des recherchierenden umwelt- und antibürokratieengagierten Dokumentarfilmes, der sich die Machenschaften großer Konzerne vornimmt, die bis in die Politik hinein ihren eigennützigen Einfluss geltend machen und sich unter Inkaufnahme brutalster Opfer wie eine Krake ausbreiten, immer wichtiger wird. Film kann vermutlich mehr Unabhängigkeit riskieren als reines Fernsehen.

Buck

Eine Dokumentation über den Pferdeerzieher Buck Brannaman. Er selbst war Vorbild für den Roman „Der Pferdeflüsterer“ und hat auch bei den Dreharbeiten zu dessen Verfilmung durch und mit Robert Redford mitgewirkt. Davon sind hier kleine Ausschnitte zu sehen.

Die Bilderwelt in diesem Film ist traumhaft wildwesthaft. Von den schönen Landschaften über die Pferdekoppeln, Lassoschwingen, Cowboyhüte, Cowboylederhosen, Jeans, aber auch die Trailer und die Pferdeanhänger. Viele Bilder auch von den Kursen, die Buck gibt. Er ist mit einem am Kopf befestigten Mikro ausgestattet, so dass die Teilnehmer mit ihren Pferden, die sich im Kreis um ihn herum versammeln, ihn auch verstehen. Das ist sein Lebenserwerb, mit dem Trailer und einem oder zwei Pferden von Ortschaft zu Ortschaft zu tingeln und die viertägigen Kurse, die „Clinics“, zu geben.

Die inhaltliche Seite dieses Filmes ist von weit härterer Natur. Denn Buck ist nicht einfach nach dem Prinzip, na, nun wähl ich mir mal nen Beruf aus, zu diesem Job gelangt. Er erlebte in seiner Jugend brutale Gewalt durch den Vater, er und sein Bruder.

Der Vater hat die Buben, praktisch kaum dass sie stehen und gehen konnten, schon zu Shows mit dem Lasso eingesetzt. Und immer wieder wurden sie geschlagen. Ein Weggefährte erzählt von einer Situation, in der die beiden Kids sich zum Duschen ausziehen sollten. Das wollten die nur widerstrebend. Denn ihre Körper waren voll von Striemen, Zeugnissen von Misshandlungen.

Eindrücklich ein Bild von einem der ersten Fernsehinterviews, das sie noch ganz jung gaben, die Jungs im Spotlight zu sehen und gleichzeitig zu wissen, wie ihr familiärer Background ist. Die Kids sind später ihrem Vater weggenommen worden und kamen in eine Familie, die sich ihren Lebensunterhalt mit Pflegekindern verdiente, denn die hatten sehr viele davon.

Buck hat seine jugendliche Leidenszeit positiv umgemünzt in eine Passion fürs Leben. Er hat seine Philosophie über das Spiel zwischen Mensch und Pferd immer weiter ausgebaut und sieht auch heute noch sein Leben als ein ständiger Lernprozess. Oft geht es eher darum, dass das Pferd etwas über den Menschen lernt. Aber selbstverständlich muss der Mensch dem Pferd auch Respekt beibringen. Das geht nur über Konsequenz des Verhalten und sicher nicht mit Gewalt.

Ein eindrückliches Beispiel über ein verzogenes Pferd kann der Zuschauer live miterleben. Eine Frau hat sich damit zum Kurs von Buck angemeldet. Es ist ein psychopathisches Pferd. Das muss bei der Geburt unter Sauerstoffmangel gelitten haben. Sei dann aber von der Besitzerin aufgenommen worden, die bereits 18 Hengste in ihrem Besitz hatte, was Buck zu einer galligen Bemerkung veranlasst. Die Frau scheint ziemlich gestört zu sein. Sie habe das Pferd in ihrem Haus mit der Flasche groß gezogen und muss es vollkommen verzogen haben. Ein einziger Mann kann dieses Pferd überhaupt an der Leine führen. Wir sehen, wie es selbst vor diesem den Respekt verliert und in einem Moment der Unaufmerksamkeit ihn anfällt und in die Stirn beißt. Blutig. Buck hat dieses Pferd einen Psychopathen genannt. Es musste eingeschläfert werden.

Sein Thema ist die Erziehung zum Respekt.
Sätze: man soll niemals Verachtung für ein Pferd zeigen.

Vom dramaturgischen her: es ist sicher schwierig, aus 300 Stunden Material einen 88 Minuten Film zu machen. Inhaltlich ist aber das Pulver praktisch von der ersten Sätzen an schon verschossen. Die Doku zeichnet also nicht etwa die Entwicklung, die Buck durchgemacht hat als eine Spannungsgeschichte nach, sondern illustriert Hintergrund und Lehre von Buck in verschiedenen Varianten.
Ein Lehrfilm zur Erziehung von Mensch und Pferd.

Cindy Meehl hat diese Dokumentation über dieses aufregende Thema gemacht.

1453 – Die Eroberung von Konstantinopel

Jetzt auch in deutscher Synchronisation im Kino. Stefe sagt: „Türkisches Monumentalkino, was sich international sehen lassen kann; hier sind allerdings die Christen die Bösen.“ Seine Review gibt’s bei uns schon seit Februar.

Moonrise Kingdom

Den Titel dieses Filmes von Wes Anderson, der mit Roman Coppola zusammen auch das Buch geschrieben hat, haben die beiden ganz jungen Protagonisten Sam und Suzy mit Steinen auf den kleinen Sandstrand der Bucht ihrer Liebe geschrieben.

Es sind dies die 12jährige Suzy Bishop und der gleichaltrige, wenn auch noch nicht so weit entwickelte Sam Shakusky, die beide abgehauen sind, sie von zuhause und er aus dem Pfadfinder-Camp und sie haben sich hier ihren ersten, keuschen Kuss gegeben, da kam auch noch Sand dazwischen.

Diese Liebe, die so ahnungsvoll schön, gleichzeitig für die beiden auch selbstverständliche und nötig gewordene Entdeckungsreise ist, ist eingebettet in einen größeren gesellschaftlichen und naturhaften Kosmos.

Mit der Schilderung des gesellschaftlichen Kosmos auf der kleinen Insel fängt Wes Anderson an. Der Film spielt im Jahr 1965. Symbol für diese geregelte, fast geometrische, enge Welt ist die Familie Bishop. Selbst die Kamera fährt nur gerade Linien durch die Flure des Hauses. Bleibt vor den einzelnen Zimmern stehen. Lässt die Bewohner gewähren, die Buben spielen und Töchterchen Suzy sucht mit dem Fernglas die Gegend ab. Gleichzeitig gibt es gesprochenen Text über Musik, über Benjamin Britten und Purcell, darüber was eine Variation sei, dass der eine Komponist ein Thema des anderen vielfältig variiert habe.

Die Frage, welches Thema Wes Anderson mit seinem Film variiere.

Ein anderer Teil des gesellschaftlichen Kosmos dieser Insel an der amerikanischen Ostküste ist ein Pfadfinder-Camp. Auch hier ist die Organisation geometrisch. Und rhythmisch. So wie auch die Kamera diesen Rhythmus, diese Ordnung und Regelung übernimmt.

Aus diesen strengen Geflechten bricht nun die junge Liebe zwischen Suzy und Sam aus. Sam ist im Pfadfinder-Camp. Seine Eltern sind gestorben und er lebt bei professionellen Pflegeeltern. So wie die Ordnung auf der Insel streng ist, so zielbewusst und genau hat Sam den Ausbruch aus dem Lager und das Abhauen mit Suzy geplant. Ganz raffiniert hat er sein Zelt von innen abgeschlossen, ein Loch in die Wand geschnitten und auch noch ein Papier davor gehängt. Sie sucht ihn mit dem Feldstecher. Auf freiem Feld treffen sie sich. Er ist ausgerüstet wie ein Abenteurer, ein Trapper mit Pelzmütze mit Fuchsschweif, Tabak-Pfeife, Tornister und Gewehr. Suzy dagegen stöckelt in den Sonntagsschulschuhen mit einem Köfferchen, einem Körbchen mit ihrer Katze und Dosen mit Katzenfutter über die holprigen Wege.

Wie das Abhauen der beide entdeckt wird, löst das eine Kettenreaktion der Suche aus, Polizei und die Pfadfinder, die Eltern und die Medien machen sich auf den Weg, Spurensuche und Konfrontation folgen. Aber da legt Sam das Gewehr an, legt ein Holzstück vor sich auf den Boden und sagt, bis zu diesem Holzstück und nicht weiter. Gleichzeitig bedroht Suzy die Verfolger mit ihrer Linkshänder-Schere. So können die beiden nochmal entkommen und erreichen ihre Liebesbucht.

Aber nicht nur die ganze Menschenwelt scheint sich gegen eine solche absolut extraordinäre und doch notwendige und selbstverständliche, und wie Wes Andersen die beiden Darsteller ausgesucht und mit ihnen gearbeitet hat, das allein ist ein Kinowunder, junge, ahnungsvolle Liebe zu vereinen, auch die Natur scheint sich dagegen zu verschwören, was schließlich ein grandioses Bild mit gebogenen Kirchturm und drei Figuren, die wie Scherenschnitt-Figuren oder es könnte auch aus einer Zeichnungen aus Max und Moritz von Wilhelm Busch entstammen, an einem Seil daran hängen.

Die Pfadfinder-Camp-Szenen erinnern in der Machart stellenweise an den wundervollen französischen Film „Krieg der Knöpfe“. Merkwürdigerweise kommt mir der Film mit der Wendung gegen Ende hin, mit dem Einsatz der Naturgewalt gegen Menschenschicksal wie eine Erinnerung an ein Ibsen-Drama vor. Der wie ein Puppenheim, Titelvariante des Dramas „Nora“, mit einer Puppenstube anfängt, und sich ins Dramatische wendet. Auch hier sind die ersten Schilderungen der Milieus puppenstubenhaft, nie niedlich, aber durch die geometrisch-räumliche Stilisierung, auch die rhythmische Stilisierung an eine künstlich ausgestellte Puppenstube erinnernd. Eine Welt, die den Eindruck erweckt, dass der Mensch sie im Griff haben will und er auch das Gefühl hat, dass er sie im Griff habe, was zwar eher nicht stimmt, nehmen wir die Bishops beispielsweise, der Vater ist Anwalt, aber seine Frau hat Dates mit dem Polizisten. Der Vater möchte wohl deshalb einen Baum fällen, so läuft er denn mit nacktem Oberkörper und einer Axt gerne aus dem Haus raus.

Aus Distanz besehen vielleicht sogar ein Drama, das Schicksal einer jeden Liebe, einer jeden Blüte, es gibt einen, vielleicht nur einen einzigen, kurzen Moment, da ist sie traumhaft, da ist sie groß und frei, aber selbst da findet sie in einem Raster nach strenger Vorgehensweise von Field Mate Sam statt, auch das Picknick, was die beiden veranstalten kann bürgerlicher und organisierter nicht sein. Das organisierte Glück.

Das Buch „Coping with the very troubled Child“, kommt im Film vor. Der Film ist vielleicht auch eine Nachzeichnung eines Weges der Transformation. Schönes Bild auch, wenn Sam Suzy zwei selbstgefertigte Ohrringe, getrocknete Käfer an einem Angelhaken, durch die Ohrläppchen sticht. Und die Margeriten, die sie im Haar hat, fast so schön wie die Primavera vom Botticelli. Sie tanzen zur Musik aus dem Plattenspieler am Meer, leicht ungelenk, ein Moment des Nichtorganisierten, nicht Perfekten – und wie schwer sie sich damit tun, vielleicht einer der freiesten Momente. Der Moment der Liebe im Leben scheint kurz und die gesellschaftliche und naturgeschichtliche Umrandung, Vorbereitung und Verhinderung, Abtötung, lang. Eher eine melancholische Geschichte, mit vielen wunderschönen Momenten erzählt.

Act of Valor

Was wohl die Verleiher geritten haben mag, diesen Film hier ins Kino zu bringen? Glauben sie, es gebe so viele Deutsche, die scharf sind auf amerikanische Antiterrorkriegspropagandastreifen, die eine einzige Lobhudelei auf den Mut, den Valor, der „Seals“, einer Elitetruppe der US-Army, sind? Der Film schildert einen Einsatz einer Gruppe von Seals, der als Routineangelegenheit anfängt, sich verkompliziert und mit einem „Act of Valor“, mit einer Heldentat, den Höhepunkt erreicht.

Schon bei „Black Hawk Down“ (der sicher der beachtlichere Film war), sind sie baden gegangen, die Verleiher, weil es sich um reine Propaganda handelte. Und auch dem „Battleship“ geht noch vor Erreichen der Millionengrenze an Zuschauern allmählich die Puste aus; in diesem Film gibt’s immerhin einen Trottel, der zum Helden wird und wenn die blinden, lahmen und zahnlosen Veteranen nochmal ran müssen, so ist das wenigstens eine Gaudi und ein bisschen eine Geschichte.

Nichts davon in „Act of Valor“. Das ist bierernste Schönmalerei der Seals-Aktivitäten, ohne Humor, statt einer Geschichte Vorzeigen eines erfundenen Modellfalles, der sich noch zusätzliche Wahrhaftigkeit und Legitimation zu verschaffen versucht, indem die Truppe der Hauptdarsteller „echte“ Seals seien, wer weiß, wieviele Menschenleben die schon auf dem Gewissen haben. Im Abspann wird nochmal versucht, diese Wahrhaftigkeit zu zementieren mit Fotos aus den Privatalben der Beteiligten.

Propaganda ist der Film, indem er dem Kriegshandwerk die schönsten Seiten abzugewinnen versucht. Indem er zeigt, wie sorgsam die Amis ihre so verrufenen Raids ausführen, wie sie hier in Mexiko in ein Zimmer mit schlafenden Frauen eindringen und behutsam diese gar nicht aufwecken und leise den Raum wieder verlassen.

Sowieso findet hier der Krieg oder der Einsatz meist vor herrlichsten Sonnenauf- oder -untergängen statt. Wie aus einer Zigarettenwerbung könnten die Bilder sein, für ein Abenteuerunternehmen, wenn ein Helikopter vorm Sonnenuntergang und das Schiff mit den Soldaten und Verwundeten aus dem erfolgreichen Einsatz unten angehängt über einer schönen Landschaft entschwebt. Für so einen Krieg gehen wir meilenweit.

Der Film zeigt ferner, wie nützlich und hilfreich für so einen Einsatz doch die mörderischen, heimtückischen Drohnen sind.

Die Terroristen spielen in ihrem teuflischen Labor, in dem sie höchst gefährliche Selbstmordattentäterjacken mit 500 eingenähten Keramikkügelchen herstellen, Mendelssohn, nein: Brahms.

Um eine geplante Selbstmordattentatserie mit diesen verheerenden Jacken zu verhindern, brauchen wir die Helden unserer Seals-Truppe. Kügelchen und Attentatsplan sind eine rein hypothetische Drehbucherfindung, Fiktion. Die Seals aber sollen echt sein. Auf der einen Seite wird also erfunden, was das Zeugs hält, auf der anderen Seite wird Ernsthaftigkeit und Realiät vorgegeben, nicht nur durch die Besetzung der Seals mit Originalsoldaten, auch beim Begräbnis des Helden, der den Act of Valor begangen hat, wird dokumentarische Realität des Zeremoniells behauptet, dass es einem Europäer ob all dem Heldenverehrungsgetue fast den Magen umdreht. Ganz zu schweigen vom haarsträubenden Abschiedsbrief, den der Held seinem Sohn hinterlassen hat.

Die Fotografie versucht, wie wir es aus der Automobilwerbung gerne kennen, das Objekt, das mit diesem Film beworben werden soll, aufs Schönste zu präsentieren, vor aufregend schönen Landschaften, Flüssen, Meer, Hügeln, Wald, warme Lichtquellen hinter Fluren; Produkt- und Werbefotografie und von den Naturaufnahmen her stellenweise geeignet für National Geographic.

Ein stimmungsvoller bis triefend sentimentalischer Imagerettungsversuch für die US-Army-Seals, allein wie ruhig die Landung bei ihrem ersten Einsatz vor sich geht, wie malerisch die geschwärzten Gesichter wirken, wie leise die Kommunikation vonstatten geht, wie schön die Natur, in der das alles stattfindet, wie eindrucksvoll, wenn so ein Soldat geräuschlos aus dem Wasser auftaucht, mitten in den herrlichsten Naturlichtspielen; und die Soldaten sehen gar nicht so martialisch aus, wie man sie von den Afghanistanbildern her kennt. Wir lernen auch die segensreiche Wirkung von tragbaren Raketen kennen. Fast im Gegensatz zu den schönen Aufnahmen, hören wir den Satz „Das ist ein harter Rückzug“ und einer meint „was für eine Scheiße“. Dann wieder Schiff und Helikopter vorm Abendhimmel. Ein Kalenderfotografiefilm. Etwas altmodisch vielleicht. Chromatographie am Rande des Kitsches.

Der Film kommentiert sein erstes Kapitel selbst, denn einer sagt, das sei eine „standardmäßige Geiselbefreiung“ gewesen; die geht nämlich, so haben wir gesehen, zwar nicht ohne größere Probleme, aber die sind alle lösbar und so endet dieser Einsatz erfolgreich.

Menschenjägerfilm. Propagandafilm und Legitimationsversuch für das amerikanische Menschenjägertum.

„Zum Glück wars ein Blindgänger, sonst hätten wir uns noch weh getan.“
Malerischer Christo alsTerrorchef auf Yacht mit Bikini-Schönheiten.

Aufforderung an die Selbstmörderin: „Jetzt musst Du es machen, Du triffst Deinen geliebten Mann im Himmel.“ Unter Tränen drückt die Frau den Auslöser; die Folge: ein Feuerball schön wie ein Hiroshima en Miniature, so gefährlich sind diese Terroristen.

Der Act of Valor, um den es hier geht, der soll allerdings nicht gespoilert werden. Auf ihn folgt Süßmusik.

„Dein Vater war ein guter Mann.“ „Die Regeln, die aus Deinem Vater gemacht haben, was er war, werden auch aus Dir einen guten Mann machen“.

Für dieses Propaganda-Werk haben sich hergegeben: Kurt Johnstad als Autor und Mike McCoy und Scott Waugh als Regisseure.

Ein ruhiges Leben

Rosario betreibt seit 15 Jahren in der Nähe von Wiesbaden mit seiner Frau ein italienisches Restaurant. Sie haben einen neunjährigen Buben. Sie führen, wie der Titel sagt: ein ruhiges Leben. Für Rosario ist das allerdings das Leben nach seinem Leben, ein Zusatzleben. Er hat in Italien eine ziemlich düstere Vergangenheit und viele Feinde. Er liess die Nachricht von seinem Tod verbreiten, ist untergetaucht und hat in Wiesbaden dieses ruhige Leben aufgebaut.

Wie sichs für so eine Exposition gehört, wird sein vermeintlich begrabenes Leben in seinem neuen Leben auftauchen, in den Personen von Diego und Eduardo, ersterer mit einem besonderen Bezug zu ihm. Diese haben in der Nähe einen mafiösen Auftrag zu erledigen.

Das ist alles keine Neuerfindung des Genres. Filippo Gravino, der Autor und Claudio Cupellini, der Regisseur, erzählen die Geschichte auch nicht so, als wollten sie uns unbedingt die ganz individuelle Geschichte von Rosario als einem Einzelfall und einzigartigem speziellen Individuum aufzeigen.

Claudio Cupellini tut eher so, so ist mein Eindruck, wem auch immer zu belegen, dass er unter Regieführen versteht, Stimmung zu erzeugen. Stimmung, die vermuten lässt, dass etwas in der Luft liegt. So mischt er schon in der ersten Szene Naturstimmungen, Jäger auf Wildschweinjagd, immer aquarellen aufgenommen die Natur, die Blätter, der Wald, die Borke und dann wieder Autoreifen, Stiefel, Knarren, Männerbewegungen. Eine aparte Mischung, aber noch nicht angetan, auf eine Geschichte neugierig zu machen.

Man fragt sich erst mal, worum wird es hier gehen? Also irgendwie doch ein bisschen neugierig gemacht. Die Figuren werden zwar gut geführt, sie spielen auch gut, aber es kommt mir vor, als versuchten sie alle, dem Genre zu genügen, es atmosphärisch rüberzubringen. Das erweckt über große Strecken den Eindruck eines sehr sorgfältig gemachten Fernsehspiels. Bleibt einem irgendwie fremd. Der Zuschauer bleibt distanziert. Im Grunde ist ja alles vorhersehbar. Aparte Präsentation von Vorhersehbarem.

Der Film erweckt den Eindruck, als hätte sich der Regisseur die Aufgabenstellung zu eigen gemacht: erzeugen Sie mit nicht besonders originellem, eher abgestandenem Plot, Krimiatmosphäre. Das hat er prima gelöst. Wenn ich Produzent wäre und ein gutes Buch hätte, das nach atmosphärischer Verfilmung schreit, ich würde auf jeden Fall Cupellini als einen möglichen Regisseur auf meine Liste nehmen. Die nicht besonders inspirierte Story wird sozusagen in einer Art Sterilstudio mit reiner Krimiatmosphäre angereichert , hat dadurch stellenweise etwas von einem Hochschulabschlussfilm, aus den erwähnten Gründen. Ein akademisches Konstrukt.