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Killer Joe (Filmfest München)

Im Programmheft des Filmfestes München steht über diesen Film von Willam Friedkin, das Buch hat Tracy Letts geschrieben, er sei eine Neo-Noir-Parodie.

Den Verdacht werde ich allerdings nicht ganz los, dass der Begriff „Noir“ im Zusammenhang mit Filmschubladisierungen allzu gerne und leichtfertig benutzt wird, um Sachkenntnis vorzutäuschen. Von Parodie konnte ich allerdings grad gar nichts erkennen.

Was, wer oder welcher Gegenstand soll hier parodiert werden soll und warum? Warum parodiert man Dinge? Weil man mit ihnen nicht klar kommt. Dann hätte ich vielleicht eine Lösung, Autor und Regisseur kommen mit der texanischen Mentalität nicht klar (man trinkt dort „Busch“-Bier!), die Texaner werden in dem Film als ein Volk von Tölpeln und Proleten bezeichnet. Gebt den Proleten, was den Proleten gebührt, bewirft sie mit einem peinlichst sauber und kinogeschmackssicheren Werk, zeigt denen, wie abgefuckt die doch sind. Das ist vielleicht der Parodie-Impetus hinter diesem Werk, das sich mir nicht erschließt.

Dass der Sohn, dem die Mutter die Drogen geklaut hat, einen Killer engagiert, um sie zu töten, damit die involvierten Personen, Freundin, Vater, Sohn und Killer die Lebensversicherung unter sich aufteilen können, das ist sozusagen der Ausgangspunkt für den Plot, der nicht aufgehen wird.. Denn selbst dazu ist der Sohn, Chris noch zu dumm, zu tölpelhaft. Er hat die Rechnung ohne den Lover seiner Mutter gemacht, der ihm den Hinweis mit der Lebensversicherung gegeben hat.

Die Figuren werden in vollkommener Stilisierung vollkommen als plakative Chargen gezeichnet. Denn Texas sei ja auch schön, finden einige. So darf der Film denn selbst nicht auf eine Art Schönheit verzichten. Ein Kotzbrockenvolk, das es auch noch toll findet, wenn es als solches portraitiert wird. Perversionen müssen todernst, weder lustig noch geil vorgeführt werden. Der Cop hält einen fetten Hähnchenschlegel vor sein Geschlecht und die zu Bestrafende darf diesen Schlegel „sucken“ und der stilisierte Cop, der hin und wieder so eine Etepetete-Haarglätt-Geste macht, kriegt darob schier einen Orgasmus.

Dem kann ich nur hinzufügen, dem kann ich nun grad so gar nichts abgewinnen. Bringt bei mir weder irgendwelche Lust-, Spass-, Aufregungs-, Philosophie- oder Kinosaiten zum Schwingen. Da bin ich schlicht nicht das richtige Zielpublikum dafür. Oder der Film zeigt das Amerika, das immer noch bush-versaut ist, wie wir es schlicht nicht wahrhaben wollen?

Americano (Filmfest München)

Mathieu Demy, ein Franzose aus feinstem europäischen Kinohause, Vater war Jacques Demy und Mutter Agnès Varda, verläuft sich hier als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller geschmackvoll und in dezent eleganter, makelloser Kinosprache, dazu mit einer Besetzung vom Feinsten, Salma Hayek, Geraldine Chaplin, Chiara Mastroianni, Carlos Bardem und Bernd Willms sind mit von der Partie, im ewigen Mutter- oder Frauenthema eines jungen Mannes.

Martin, so heißt unser Protagonist, hat nicht nur eine Beziehung, sondern auch noch eine Geliebte. Mit dieser ist er gleich zu Beginn in einen heftigen Liebesakt involviert. Ein Anruf kommt dazwischen. Seine Mutter, die in L.A. lebt, ist gestorben. Er selbst lebt in Frankreich, hat jedoch einige Zeit bei seiner Mutter in L.A. gelebt und hat auch einen amerikanischen Pass. Jetzt soll er rüber fliegen, um die Wohnung zu verkaufen.

Widerwillig macht er sich auf den Weg, denn der Vater drängt, und die Mutter möchte außerdem in Frankreich beerdigt werden. Martin hat einen Widerwillen gegen Amerika, das dürfte damit verbunden sein, dass seine Erinnerungen an seine Mutter nicht die besten sind.

In L.A. reiht er sich nach Verlassen des Flugzeuges in die Reihe der Nicht-Citizens ein, die ist aber sehr lang (wohl weil langsam wegen übermäßiger Sicherheitschecks), so wechselt er dann doch in die nächste, leere Reihe der amerikanischen Bürger. Der sture Beamte lässt einen befürchten, er würde nicht reingelassen, er muss auch noch Fingerabdrücke abgeben. Dann darf er das Land betreten. Nebenan sitzt eine verzweifelte Mutter mit Kindern, der das offenbar nicht vergönnt ist.

Wohnungsauflösung. Wie er pralle, blaue Müllsäcke vor das Haus bringt, kommt mir unwillkürlich jener Schweizer Mutteraufarbeitungsfilm „Sieben Mulden und eine Leiche“ von Thomas Hämmerli in den Sinn.

Mit den Müllsäcken ist es aber nicht getan. Es gibt Komplikationen mit der Wohnungsauflösung, die führen Martin statt gleich zurück nach Frankreich nach Mexiko. Dort soll Lola, eine Freundin seiner Mutter leben, der möchte er die Wohnung vermachen. Bis dorthin verlustiert sich der Film im Genre des amerikanischen Roadmovies. Martin fährt in einem wunderbar roten, offenen Ford-Mustang einen langen Weg nach Mexiko. Muttersuche als abenteuerliches Roadmovie?

In der Bar „Americano“ wird er fündig. Er wird auch einer Lola vorgestellt, doch die will von ihrer Vergangenheit nichts wissen, die ist nur an Geld interessiert. Das kann allerdings schwierig werden, wenn das Auto mit all den Papieren und dem Geld geklaut wird.

Komplikationen beim Mutteraufarbeitungsthema in und um ein mexikanisches Bordell herum mit bestens gouttierbarem Poledance von Salma Hayek, die in ihrer beruflichen Variante mit Perücke und Schminke so hergerichtet ist wie ein aufregendes Gemälde von El Greco. Und eine kleine Notiz am Rande des Bordells ist der Sohn eines geflohenen deutschen Nazis, der in Mexiko eine Bierbrauerei gegründet hat; der Sohn konnte diese Geschichte nicht verarbeiten, ist zum Penner geworden, der sich ständig besäuft und nazitonmässig rummault.

Theoretisch nach Drehbuchkonzept findet Martin durch diesen filmschönen Trip zu sich selbst, was mir empirisch aber dann doch nicht so ganz nachvollziehbar war. Merkwürdigerweise würde ich von einer inhaltlichen Gemütlichkeit oder Behäbigkeit bei ansprechenden und geschmackvollen Kinobildern sprechen wollen.

Holy Motors (Filmfest München)

Die weiße Stretchlimousine mit der Nummer 202 DXM 95 ist quasi die Titelfigur in diesem Film, zumindest einer der Leihwagen „Holy Motors“, von denen die Firma Dutzende im Angebot hat. Da müsste schon die Interpretiererei anfangen, warum heißt diese Leihwagen-, Leihlimousinenfirma „Holy Motors“ und gleich noch die Frage, sind das wirklich Leihwagen? Was ist in unserer Gesellschaft überhaupt heilig? Aber auch das ist nicht die Frage, die sich zwingend stellt nach der knapp zweistündigen Paris-Rundfahrt, auf die uns Leo Carax, der Autor und Regisseur, mit seinem Hauptdarsteller Denis Lavant, chauffiert von Céline, Edith Scob, mitnimmt, um unser Weltbild etwas auf den Prüfstand zu stellen.

Die Tour nachzuerzählen, die Carax nach dem klassischen Muster der Einheit von Ort, Zeit und Handlung präsentiert (Ort ist einerseits die Limousine, andererseits Paris, Zeit ist ein Tag im Leben von Oscar und die Handlung, das sind die Aufgaben, die Gigs, die Oscar erfüllen muss, sein tägliches Pflichtenheft, was er abarbeiten muss und was jeden Tag ein neues ist; eine Art Störhandwerker oder auch Entstörungsdienst oder wie auch immer), wäre viel zu schade.

Es gibt vielleicht einen kurzen Moment, etwa nach Job zwei oder drei, wo ich gedacht habe, wird dieses Muster jetzt stur abgearbeitet, aber die Tour ist so voller unerwarteter Wendungen, dass sich der Gedanke sofort verflüchtigt hat.

Um also keinem die Überraschungen, die Verblüffungen zu nehmen, versuche ich mehr zu formulieren, was mir nach diesem Film durch den Kopf gegangen ist. So viel will ich noch erwähnen, möglicherweise hat Carax sich durch das „Second Life“, was vor einigen Jahren im Internet grassiert ist, inspirieren lassen. Aber was er daraus macht, das geht sicher weit darüber hinaus.

Im Grunde genommen befragt Carax den Menschen über die Figur Oscar auf seine Handlungsfähigkeit hin, auf seine Entscheidungsfreiheit, auf sein Glück, ob Armut und Reichtum gottgegebene Deskriptionen von menschlicher Existenz sind, ob es genügend Sicherheit für den Reichtum und die Schönheit gibt, ob das nicht alles nur Ausprägungen ein und desselben Seins seien, aber auch die Frage nach der Identitätsdefinition des Menschen – oder ob er doch nur eine austauschbare Größe sei. Oder die Frage, was sind Menschen bereit, mit sich alles machen zu lassen, anderen anzutun, bloss um zu überleben.

Nun doch einige Details: zum Thema Sicherheit: wie Oscar in einer seiner Figuren einen strengen Sicherheitsbereich betreten muss, wird vorher eine Speichelprobe zur Identifizierung verlangt; die wird über ein Schläuchlein, was an dem Wandgerät, das wie ein Wasserkocher aussieht, wie ein Telefonhörer hängt, dann fängt es in diesem Gefäß an zu brodeln und die Sesam öffnet sich. Oder die Lunchbox aus Plastik, die er in der Limousine bekommt oder vorfindet, scheint vom Feinsten zu sein, wie sie die 5-Sterne-Hotellerie durchaus mal zu einem Anlass, wo Porzellan zu riskant ist, bereitstellt mit De-Luxe-Essen vom Feinsten darin, was hier aber mehr wie grünes Graszeugs aussieht.

Auf einem Grabstein in einem endlosen Pariser Friedhof steht lediglich eine Webadresse: www.vugan.fr ; wer die anklickt, bekommt eine Rückkoppelung zum Film, inklusive bereits einer Kritik.

Ganz zum Schluss dann eine augenzwinkernde „Inspiration“, sprich „Ideenklau“ von der amerikanische Trickfilmproduktion „Cars“, diese aber gleich in einen weit größeren Zusammenhang stellend.

Oder die Frage: who were we when we were who we were. Schalk, Spielerei, Wortspielerei, Tiefsinn oder höherer Blödsinn, Existenz- und Identitätsfragen, die aufgeheitert werden zum Beispiel mit einer satirischen Inszenierung eines Fotoshootings, das zu einem bösen Spiel, einer bitter-bissigen Satire auf „la Belle et la Bête“ ausartet und wie aus einem Schal eine Burka zu machen sei, wie schnell Verhältnisse kippen können.

Vielleicht das noch: der Affe ist das Symbol für die Schauspielerei. Sind wir nicht alle Schauspieler, das ist allerdings nur eine der Fragen und wahrscheinlich lange nicht die zentrale, sollen wir unsere Rollen immer wieder üben, wollen wir das alles noch einmal erleben? Oder gibt es einen Point of no Return, was doch mit einer fixen Identität gleichzusetzen wäre, was der Definition des Menschen durch seine Position, Funktion oder Rolle gleichkäme. Dies die Erstarrung der Gesellschaft in Inhumanität.

Terraferma (Filmfest München)

Ein Thema, was die Europäer gar nicht mögen, das sind die Flüchtlinge aus Afrika, die an den südlichen Gestaden des Kontinents des Wohlstandes auf Pump anlanden. Die Politik will sie jetzt sogar brutal ins Gefängnis stecken – und niemand mag sich darüber aufregen.

Emanuele Crialese, dem Regisseur, der mit Vittorio Moroni zusammen auch das Buch geschrieben hat, gibt das zu denken. Terraferma heißt „das unerschütterliche Land“ (das Land, das sich durch kein Flüchtlings- und Armutsschicksal erweichen lässt). Crialese will mit diesem Film auf das Problem aufmerksam machen, denn auf Sizilien scheint es ein Gesetzt zu geben, was die Aufnahme von Illegalen sogar unter Strafe stellt. Hilfeleistung verboten. Umkehrung der humanitären Grundwerte Europas. Ein rechter Skandal, den Crialese aber nicht trashig skandalisiert, sondern zum Anlass für den eher skizzenhaften Versuch eines Gesamtgemäldes der Situation vor Ort, nicht dem Skandal den Vortritt gebend, sondern genauem Hinschauen und genauer Beobachtung.

Crialese geht davon aus, dass Menschen prinzipiell konfliktbelastet sind und hat so um den Fischer Ernesto herum einen spannenden, sehr nachdenklich machenden Film gebaut.

Ernesto ist der Großvater der Familie Pucillo. Er fischt noch nach bewährter Art, aber der Fang wird immer weniger. Statt dessen wird der Propeller des Schiffes durch ein gekentertes Holzboot beschädigt. Das Meer hat ihm auch seinen Sohn genommen. Seiner wird in einer kleinen Prozession zum Hafen gedacht. Ernestos Tochter Giuiletta lebt mit ihrem Sohn Filippo im selben Haus. Aber die Zeiten sind schlecht. Den kleinen Fischern bleibt immer weniger übrig von den großen industriellen Fangflotten, die das Mittelmeer leer fischen.

Dafür boomt der Tourismus. Die Wohnung wird vermietet und Mutter und Sohn ziehen in die Garage. Der Sohn ist ein konfliktbeladener Mensch, er ist mit dem Althergebrachten unzufrieden, kriegt von seinem Onkel ein Motorrad geschenkt, das ihm eine Gang schon bei seiner ersten stolzen Ausfahrt kaputt macht. Er versucht im Hafen ankommende Touristen anzulocken. Zwecks Zimmervermietung oder Touren zu Land und zu Wasser. Filippo wirkt als ein unglücklicher, zerrissener Mensch.

Filippo hat die moralischen Grundsätze seine Opas nicht mehr verinnerlicht. Für diesen ist es selbstverständlich, Flüchtlinge, die auf einem Floss schwimmen, aufzunehmen und sie auch illegal zu beherbergen. Aber auch in der kleinen Flüchtlings-Familie ist Konfliktstoff da. Denn die Mutter gebiert nach der Rettung ein Mädchen (Folge einer Vergewaltigung in einem libyschen Gefängnis); aber der Bub, der mit der schwangeren Mutter geflohen ist, möchte diesen neuen Mitesser am liebsten aus der Welt schaffen. Die Mutter will ihrem Neugeborenen und dem Buben nach Turin, denn dort arbeitet der Vater.

Wie Filippo eine nächtliches Liebesfährtchen mit der Touristin (auf einem fremden Boot) unternimmt und Flüchtlinge angeschwommen kommen, so knebelt er diese ins Meer zurück, denn erstens ist es verboten, sie aufzunehmen und zweitens verderben sie den Tourismus. Kein Tourist möchte mit dem Anblick von Elend konfrontiert werden. Ein Thema, was sicher noch zu vertiefen wäre.

Am Schluss geht es den Pucillos nur noch darum, die Flüchtlinge loszuwerden, sie an Land zu schaffen (damit sie nach Turin weiter zum Vater fahren können), aber an der Fähre finden strenge Kontrollen statt, da es Gerüchte über Illegale gibt, die ans Festland möchten. So kann denn bei Filippo plötzlich der Eigennutz, die Flüchtlinge loszuwerden, durchaus mit deren Interesse, ans Festland zu kommen, eine für alle nützliche Symbiose eingehen.

Crialese hat die Geschichte konsequent darnach gebaut, ein möglichst glaubwürdiges Bild der Situation vor und auf Sizilien zu zeichnen, nicht die Charaktere in den Vordergrund zu stellen, sondern sie als Teile eines Gesamtbildes knapp und kurz angedeutet einzusetzen.

Damit das Thema schön klar wird, hat Crialese ein eher einsame Ecke der Insel als Haupthandlungsort ausgewählt, wo ein Kreuzfahrtschiff wie ein riesiger Fremdkörper vor einer grandiosen Bucht ankert und Flüchtlinge auf einem überfüllten Holzfloß auf dem Meer treiben.

Der Wirbel / Girimunho (Filmfest München)

Der titelgebende Wirbel selbst kommt in diesem elegischen Film von Helvecio Marins Jr. Und Clarissa Campoina, zu welchem Felipe Braganca das Buch nach einer Originalvorlage von Helvecio Marins Jr. geschrieben hat, nur ganz kurz, fast mehr wie ein Wirbelchen vor.

Die Hauptdarstellerin im Film, die 84 Maria Sebastiana Martins Alvaro, ist mit dem Bus unterwegs im waldigen Brasilien, sie will dem Bruder ihres verstorbenen Mannes noch ein paar Habseligkeiten sorgfältig in einen Koffer gepackt vorbeibringen. Unterwegs unterbricht die Kamera gewissermassen diese Fahrt, schaut auf die rötlich-erdige Strasse mitten im wuchernden Amazonas-Gebiet, hinten ein Sturm und plötzlich quert von rechts nach links in Richtung nach vorne ein klitzekleine Windhose die Straße.

Verbal wird der Wirbel erst ganz am Schluss des Filmes noch mal erwähnt, wenn die Oma am umwaldeten Wasser steht und in die Weite schaut, dann philosphiert sie über den Mensch, der keinen Anfang und keine Ende habe, das kann ihn doch angstlos machen, aber Angst hatte sie auch mal, daran erinnert sie sich, als Mädchen im Wasser, da war so ein Wirbel, der ihr Angst gemacht hat.

Aber sonst gilt, man lebt einfach. Der Film ist aber auch ein Film über einen Verlust, über die Verarbeitung eines Verlustes, nämlich den ihres Mannes. Sie leben in einer Gegend, in der die Menschen bis vor wenigen Jahren noch keine Handys kannten. Wir lernen das Paar kennen, wie Maria von einer Party zurückkommt. Ihr Mann will aber nicht auf Partys, der sitzt lieber zuhause und spricht dem Alkohol zu. So hat sie wenigstens keine Mühe, ihn nachher nach Hause zu schleppen und sie hat ihr Vergnügen. Sie sieht das sehr pragmatisch, das scheint ihre Lebensphilosophie zu sein. Wie er stirbt, weint sie nicht. Weil sie das mit ihrem Mann so verabredet hat. Das erzählt sie ihrem Enkel. Der versucht daraufhin ein Lied zu singen.

Nach dem Tod bleibt der Mann aber für Maria anwesend, denn es gibt ja keinen Anfang und kein Ende. Sie hält Zwiegespräche mit ihm. Schimpft ihn in seiner Werkstätte, als ob er noch da wäre, sie schickt ihn weg mit seinem Gerede.

Auch in diesem Film wird deutlich, dass die Lateinamerikaner offenbar ein viel unverkrampfteres Verhältnis zum Tod haben als wir besitzorientierten Europäer. Dieses entspannte Verhältnis erlaubt ihr auch zu sagen, sie fürchte sich vor nichts. Sie überrascht allerdings ihre Enkel, wie sie erzählt, sie sei schon über Sao Paolo geflogen, das sind mindestens tausend Kilometer Entfernung von dem Ort, an dem sie immer gelebt hat, es dürfte sich um die Region um Recife handeln. Aber sie hat den Flug natürlich nur imaginiert – oder im Fernsehen gesehen.

Auch eine Pistole findet sich im Nachlass ihres Mannes, was zu einem längeren Gespräch mit der Enkelin führt, aber auch dazu, dass der Enkel die Waffe verkaufen darf.

Oft sitzt sie einfach da und denkt nach. Wer kann das heute noch. Die Enkelin ist aber besorgt, wenn sie das draußen an der frischen Luft tut. Es gibt so viel nachzudenken, das sagt sie auch.

Kleiner Hinweis auf einen sozialen Vorrang, wie die Oma zum Bruder ihres Mannes verreist, will sie nicht dass jemand das erfährt, außer der Enkelin, denn die Leute reden zuviel.

Ein Vorgang, der beeindruckt, der fast wie ein Naturvorgang anmutet, wie sie die Nähmaschine, an der sie bis vor kurzem noch genäht hat, in die Werkstatt hineinzieht. Ein langer Weg. Später dann sitzt sie auf dem Hometrainer, das Haar offen wie ein junges Mädchen und singt ein Lied. Oft lacht sie auch, ein Lachen an der Grenze zur Irre.

Dann haben die Filmemacher, weil sie wohl grad dabei waren, etwas Neujahrsfeuerwerk in den Film eingebaut und immer wieder unglaublich schöne amazonische Landschaftsaufnahmen. Warum sich nicht hin und wieder von den Gefühlen oder auch den Sehnsüchten nach schönen Bildern leiten lassen, wenn man gerade dabei ist, die Geschichte von einer philosophisch-pragmatischen Frau zu erzählen, die mit ihrer Lebensweisheit ein hohes Alter offenbar ohne größere Blessuren erreicht hat.

Neighbouring Sounds (Filmfest München)

Dieser Film ist wie ein Puzzle, ein Element fügt sich zum nächsten; es entsteht allmählich das Bild einer ruhigen Wohngegend in Recife für betuchtere Menschen, es fügen sich vor allem die Bilder verschiedener Generationen einer größeren Familie, der weißhaarig-strahlende Opa, der der Reichste zu sein scheint, der von seinem Habitus und von seiner Aura her ein erfolgreicher Filmstar sein könnte. Dann sein Enkel Joao und sein etwas jüngerer Cousin. Maria ist die Haushälterin, die die Familie schon seit Generationen kennt – und sich wohl ihr Teil denkt.

Der Film ist in drei Kapitel unterteilt. In Teil 1 geht es um Wachhunde, in Teil 2 um Nachtwächter und in Teil 3 um Leibwächter.

Der Geniestreich an diesem Film scheint mir, um beim Puzzlevergleich zu bleiben, der Schlussstein zu sein, den Kleber Mendonca Filho, der Autor und Regisseur sich als Tüpfelchen auf dem i ausgedacht hat, denn mit der letzten Szene wird das Bild, was im Lauf von über zwei spannenden Stunden entstanden ist, noch mal in ein grell-brutales Licht getaucht.

Anfangs dacht ich mir nichts dabei, beim Thema Wachhunde. Es gibt eine lustige Szene, die das zu illustrieren scheint, eine Frau nimmt Schmerzmittel, hat aber vor sich ein Stück rohes Fleisch, darin bohrt sie ein Loch, drückt eine Schmerztablette hinein, rollt das Stück Fleisch und wirft es dem Wachhund der Nachbarn zu, der eh schon durch lästiges Gebell aufgefallen ist (welchem man, wenn man dann den Film zu Ende geschaut hat sowieso plötzlich einen ganz anderen Stellenwert gibt); in einigen der folgenden Szenen, wird er heftig atmend und ohne einen Laut zu geben, auf dem Boden liegen.

Joao hat ein Verhältnis mit Sophia. Sie verbringt eine heiße Liebesnaht bei ihm. Dumm nur, dass am anderen Morgen, wie sie mit ihrem Kleinwagen wieder nach Hause fahren will, die Scheibe rausgenommen und der Rekorder geklaut ist. Joao stellt seinen nicht ganz saubern Cousin zu Rede und der schickt ihm umgehend einen Rekorder in einer Plastiktüte.

Parallel dazu machen sich merkwürdige Typen in der ruhigen Straße breit, sie fangen an bei den Leuten zu klingeln und bieten ihnen Schutz an, gegen eine bescheidene Gebühr. Ist denn diese ruhige Gegend so gefährlich? Bald schon etablieren sie sich mit einem dieser Partyzelte, was sie vor Regen schützt, und einigen Plastikstühlen in der Straße. Das ist das Kapitel Nachtwächter.

Wie dann später eine Party für einen Teeni-Nachwuchs des Clans gegeben wird, sucht der alte Opa den Kontakt zu den Wachleuten, er muss mit ihnen etwas besprechen. Sie suchen ihn in seiner vergitterten Wohnung hoch oben auf dem Dach auf und hier folgt ein Gespräch über Leibwächter. Reiche Menschen scheinen eben gefährdet zu sein und bedürfen speziellen Schutzes, wer weiß, auf welchen Wegen sie reih geworden sind.

Es gibt so Momente im ersten und zweiten Kapitel, da dachte ich, nun ja, passt ganz gut in dieser aktuelle Strömung, wo Regisseure ein paar Individuen sich raus picken und einige Geschichten um die herum winden, die dann vielleicht irgendwo noch ein paar Berührungspunkte haben, eine Art Episodenfilm. Dies aber mit einer auch schon in anderen brasilianischen Filmen beobachteten bildgroßzügigen Kelle angerührt. Aber dann fällt einem wieder auf, dass dem nicht so ist, dass hier alles viel dichter ineinander verzahnt ist, denn einerseits ist es ein Clan, eine Straße und andererseits behält Kleber Mendonca Filho sein Thema, hier über den Begriff der Sicherheit artikuliert, jede Sekunde im Auge, nur dass er es nicht mit dem Holzhammer auftischt, sondern eh so nebenbei, ach ja, das muss mal besprochen werden. Das dürfte der Grund sein, warum die zwei Stunden wie im Fluge vergehen.

Was den Titel betrifft, es gibt an manchen Stellen ein sonderbar maschinell abstraktes Geräusch, das man nicht sogleich einordnen kann, könnte in einen subtilen Horrorfilm passen, aber auch dieses Rätsel wird erst ganz am Schluss gelöst.

Und, was ich nicht wusste, aber möglicherweise gar nicht wissen wollte, in Recife kommt aus der Steckdose eine andere Voltzahl als in Sao Paolo oder in Rio. Vielleicht kommt da auch ein etwas anderes Kino her, eines was den Zuschauer nach dem überraschenden Schluss applaudieren lässt.

L‘ Ordre Et La Morale (Filmfest München)

Auch das können die Franzosen, Filme machen, die rationalsystematisch strukturiert und doch voller Emotion dargeboten sind und die versuchen, Machtstrukturen freizulegen, etwa in einem Gefängnis wie bei „Ein Prophet“ von Jacques Audiard oder im und um den Terrorismus herum wie in „Carlos“ von Olivier Assayas.

Hier nun hat sich Mathieu Kassovitz sowohl als Autor und Regisseur, außerdem noch als Hauptdarsteller (vielleicht wars dann doch zuviel, alles zu wollen und hatte so ein paar pathetische Stellen zur Folge,) eines Themas angenommen, das bei uns, wenn es denn damals wahrgenommen worden ist, sicher weitgehend aus dem Bewusstsein verschwunden ist: Eine Geiselnahme durch sogenannte Separatisten der Kanak (später werden sie aus Gründen der Staats- und Wahlraison „Terroristen“ genannt), melanesische Ureinwohner auf Neukaledonien, die gegen Gesetze des Vertreters der französischen Staatsmacht, Monsieur Pons, protestierten, was von den Franzosen zur Eskalation benutzt wurde, gegen den Rat des vor Ort mit der Befreiung (über Dialog!) befassten Hauptmanns Legorjus.

Den hat es wirklich gegeben und er hat ein Buch zu der Sache veröffentlicht, welches Kassovitz als Vorlage für das Drehbuch diente, an dem Pierre Geller und Benoit Jaubert mitgeschrieben haben.

Dadurch wird die Figur Legorjus selbstverständlich zentral, sie wird die Figur, an der der titelgebende Konflikt zwischen Ordnung/Befehl und Moral auseinander dividiert wird. Das führt aber auch dazu, dass diese Figur vielleicht etwas zu pathetisch als moralisch einwandfrei gezeichnet wird über den Großteil des Filmes, bis zum entscheidenden Befehl aus dem Elysée zur Stürmung der Höhle, die bei den Eingeborenen ein Heiliger Ort war, wo Legorjus kurz vor Schluß seinen Verhandlungspartner verrät, statt der versprochenen Journalisten kommen Kampftruppen im Helikopter und richten naturgemäss ein vollkommen überflüssiges Blutbad an.

Kassovitz bemüht sich auch hier vielleicht allzu sehr, die Separatisten als Gutmenschen darzustellen, die Familienväter sind und keine Terroristen. Und die Bösen, das sind einzig die ganz Hohen Tiere im Staat, der Gouverneur und der Französische Präsident, die an geschehensfernen Orten residieren und sich der Folgen der Entscheide, die sie fällen, weil am nächsten Tag Wahlen sind, nicht im Klaren sein wollen oder sich zynisch und kalt nicht darum scheren. Es ist die Politik.

Immerhin scheint der echte Legorjus nach dem Blutbad doch solche Zweifel an seiner Treue zum Gesetz und zum politischen Befehl entwickelt zu haben, dass er die Geschichte öffentlich machte.

Eine spannende Lektion über ein Stück französischer Kolonialgeschichte, vor allem aber ein Musterbeispiel über den machtpolitischen Einsatz des Begriffes „Terrorist“, das hochaktuell ist und weit über Frankreich hinaus Gültigkeit hat.

Havanna Station (Filmfest München)

Mayito ist ein Junge von 12 Jahren, lebt ohne Freunde mit seinen Eltern, international erfolgreichen kubanischen Musikern, in einem feinen Villenvorort von Havanna, so wie es ihn nach offizieller kubanischer Staatslesart gar nicht geben dürfte. Mayito hat immer das neueste Spielzeug, das ihm sein Vater von den Auslandsreisen mitbringt, eben hat er Playstation 3 zu seinem Geburtstag erhalten. Aber Papa bringt auch mal eine Toblerone mit. Immerhin ist Mayito in der sozialistischen Einheitsschule und kleidet sich für die Schule oder den Tag der Arbeit angepasst anständig in der adretten Schuluniform. Seine Mutter, eine Wasserstoffblondine mit Locken wird auf einer Fahrt im Auto dadurch pointiert charakterisiert, dass sie sich über zwei Joggerinnen im feinen Viertel aufregt, die selbst zum Joggen Make-up aufgelegt haben.

Carlos ist ein Junge von ebenfalls 12. Er kommt aus la Tinta, Guanabo. Hier wohnen die Armen und Ärmsten, die weit davon entfernt sind, von dem, was der Sozialismus des Fidel Castro immer versprochen hat. Carlos ist in derselben Schulklasse wie Mayito. Aber die Kinder kennen seinen Hintergrund nicht. Nur, dass er keine Playstation hat. Und Carlos und Mayito sind sich nicht gerade grün, wenn sie überhaupt ein Verhältnis haben. Der erste Mai wird das gründlich ändern. Carlos ist für seine 12 Jahre gereift wie ein erwachsener Mann. Er verdient sich oft ein Geld mit dem Sammeln von leeren Flaschen und wäscht diese dann und erhält einige Pesos dafür.

Der Bildungsunterschied zwischen Mayito und Carlos wird knapp und treffend manifest in der Aussprache des Wortes Playstation, was in der englische Untertitelung in Carlos Diktion immer als Playstetchon geschrieben wird, worauf Mayito ihn wiederholt korrigiert, es heiße Playstation.

Der heilige Festtag der Arbeiterklasse, der erste Mai wird die Beiden zusammenführen. Der Tag der Arbeit wird gefeiert als der Tag, an dem daran gedacht wird, dass die Bewegung der Arbeiter dazu da ist, die Lebensverhältnisse der Arbeiter zu verbessern. Später in den Armensiedlungen werden Bilder zu sehen sein, die berechtigte Zweifel am Resultat eine jahrzehntelangen Arbeiterrevolution wie der auf Kuba aufkommen lassen.

An diesem ersten Mai also gibt es die große Demonstration am Lenin Park. Die Kamera schwenkt nach dem Anlass über eine schier endlose Reihe lauter gleicher, dicht gedrängt hintereinander stehender Autobusse, mit denen die Teilnehmer für die Demo herangekarrt worden sind und die die Teilnehmer wieder nach Hause bringen werden. Die Veranstaltung wurde auch im Fernsehen übertragen und eine Mutter sass davor und hat versucht, ihren Jungen zu identifizieren.

Mayito hat für die Demo seinen neueste Playstation in einen Rucksack gepackt und mitgenommen.

Wir sehen ihn vor der Rückfahrt durch die Busreihen irren, er findet den Bus mit seiner Klasse und seiner Lehrerin Claudia nicht. Dann glaubt er Claudia von hinten zu erkennen, eine Dame mit ähnlichem Kleid und Hut, in letzte Sekunde springt er in den Bus. Die ihn suchende Lehrerin erkennt ihn, aber zu spät. Es ist der Bus nach Guanabo, einer ärmlichen Vorortssiedlung und den Reichen nicht ganz geheuer. Dort, wo Carlos wohnt.

Mayito landet also mit diesem Bus in Guanabo und trifft auf Carlos. Der soll telefonisch seine Eltern informieren, wo Mayito sei. Carlos lässt sich aber den Fang eines so hübschen und privilegierten Bübchens nicht so leicht entgehen, er täuscht den Anruf bei toter Leitung vor und Mayito wähnt sich im Galuben, er würde gegen Abend abgeholt werden. So bleibt Carlos, der so wenig Freunde hat wie Mayito, dieser zumindest für einen Tag erhalten.

Die Playstation ist ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt. Nur leider geht sie wegen schadhafter Elektroinstallationen kaputt. Da kann nur Jesus helfen, ein Tüftler und Tausendsassa, der alles reparieren kann, er will jedoch 200 Pesos dafür. Die müssen erst verdient werden.

So lernt Mayito mit Flaschen- und Dosensammeln, mit Reifenpumpen (da ergibt sich auch der Ansatz einer Liebesgeschichte, die so herrlich unverfänglich mit viel zu breitem Grinsen als Liebe und Anhimmelung von ihr auf den ersten Blick inszeniert wird, man könnte es in diesem Milieu gar nicht anders machen, oder man könnte schon, aber ob es reizvoller wäre, wenn man sich für diesen fröhlich-frechen unbesorgten Spielstil entschieden hat, das ist eine andre Frage). Die leeren Flaschen sollen jedenfalls an Arcadio, der Tomatensaucen herstellt, verkauft werden. Auch da kommt der Bildungshorizont des privilegierten Jungen schön zum Ausdruck, denn Arcadio sagt, er habe grad keine Saucen und brauche also keine Flaschen, worauf Mayito wie ein Wirtschaftsstudent entgegnet, was ihm denn nützen die Saucen später nützen werden, wenn er dann gerade keine Flaschen hat; so wird der Deal beschlossen.

Je länger die beiden Jungs zusammen sind, umso besser verstehen sie sich. Carlos stellt seinen neuen Freund seiner Mutter als Mathenachhilfe vor. Der Vater ist im Gefängnis wegen ein Affekttätlichkeit. Auch hier schön, der Unterschied der Schichten: der Vater hat Carlos im Gefängnis einen wunderbaren Papierdrachen selber gebastelt und schenkt ihn diesem zum Geburtstag, während der Vater von Mayito ledilich Shopping-Produkte bringt. Den Drachen lassen die Jungs begeistert steigen, aber auf dem Dach einer anderen Behausung steht ein anderer Junge und fängt den mit einer langen Schnur und einem Stein dran ab und holt ihn vom Himmel runter. Das führt zu heftigeren Auseinandersetzungen, Schlägereien. Längst hat Mayito seine hübsche Schuluniform abgelegt, ist nur noch im weißen Unterhemd zu Gange. Schließlich vergnügen sich die Kids mit anderen Freund auch noch im Regen!

Inzwischen sind die verzweifelten Musiker-Eltern auf der Suche nach ihrem Sohn. Sie wollen schon das Fernsehen einschalten. Aber die Lehrerin, die heftig gescholten worden ist, obzwar sich doch nichts dafür konnte, hat ein halbes Monatsgehalt für Rikschas und Taxen ausgegeben, um nach Guanabo zu kommen – ohne fündig zu werden; aber sie hatte schließlich den rettenden Einfall mit dem Schüler Carlos und kannte auch dessen Mutter.

All diese Aktivitäten führen schließlich zu einem temparementvollen Countdown im Armentviertel, denn es findet gerade ein Fest statt, wodurch der Zuschauer mit mächtig aufgedrehter Musik und natürlich einem schönen Wiedersehen und wohlgesättigt mit Filmlust und menschlicher Geschichte aus dem Movie entlassen wird.

Dieses kleine Geschichte über einen verlorenen Jungen aus feinem kubanischen Hause und sein Erlebnis im Armenviertel wird mit ungeheurer Spielfreude, Leichtigkeit, Temperament und mit lateinamerikanischem Rhythmus präsentiert, ein reines Samba- oder Rumbafest mit einer anrührend menschlichen Message dazu.

Febre do Rato / Rat Fever (Filmfest München)

über FEBRE DO RATO / RAT FEVER (Filmfest München)

Von dem Film wüsste man gerne einige Hintergründe. Wie kommen Leute heute dazu, einen Film zu machen, dass man über lange Strecken glaubt, es handle sich um ein Stück brasilianische Filmgeschichte aus der Beat-Generation oder der Hippie-Zeit, irgendwann aus den 60ern oder 70er Jahren. Als heutigen Hammer immerhin darf man empfinden, wie sie mit den Förderern umgehen, denn die große Oelgesellschaft Petrobras scheint überall die Finger drin zu haben, als Finanzier. Die kommen gleich am Anfang, werden aber nicht so brav, wie es hier in Deutschland untertänigst passiert als unangefochtene Götter präsentiert, nein, ihr Logo wird in diesem Film von Claudio Assis (Buch) und Hilton Lacerda (Regie) gleich in Zeichnungen eingepackt, die wie Abpacketiketten für Verschiffungsgüter aussehen und diese Anreisserlogos werden in einen Rhythmus gezwungen, der dem Takt der Benzinzapfens an einer altmodischen Tanksäule entspricht, ein dankbares Sujet für die Sound-Abteilung.

Im Folgenden dreht sich alles um den Poeten Zizo, der auch die titelgebende Zeitschrift herausgibt, sie kommt auch im Film vor, sie ist Ausdruck von Wut an den Verhältnissen und im Film nimmt Zizo ein böses Ende im Wasser und wie die Kamera ihn dort sucht, findet sie Ratten, die nach Luft schnappen.

Hier wird mit überbordender Energie alles durcheinander gemixt, Kunst aller Gattungen feiert Urständ, die Poesie, die Musik als Background, die Zeichnerei, das Graffiti, die Performance und der hemmungslose Sex am liebsten in einem großen Wasserbottich für Zwei und dort am bevorzugtesten mit einer dicken Frau und dass das Wasser dabei in gewaltigen Fontänen überschwappt.

Der Dichter Zizo, der wohl sicher selber spielt, so könnte das kaum ein Darsteller imitieren, scheint ständig unter Strom zu stehen, wenn nicht unter anderen Dingen und kann unendliche Suaden dichterischen Textes produzieren oft auch vor ganzen Gruppen von Zuhörern, es geht um die Liebe, die Enttäuschung damit aber auch um die Verhältnisse generell, Armut und Reichtum.

Ein Problem bei diesem Film ist die Untertitelung, die zwar sehr kunstvoll gemacht ist, aber oft sehr kurz und vor dem schwarz-weiß-Background des Filmmaterials oft über große Strecken überhaupt nicht entzifferbar.

Es geht darum, dass die Menschen die Fähigkeit zum Wandel verloren hätten, dass der Künstler eine Muse brauche, seine Muse, dass er nichts ist ohne sie, dass der Poet sich als ein Chaospoet sieht, oder dass es nichts zu verstehen gibt, dass der Poet ein romantischer Bewunderer sei, aber auch ein Krüppel des Herzens, er schreibt wie im Wahn, wie in Trance Texte mit dunklem Filzschreiber auf seine Haut, sogar auf die Wangen, Texte über die disparate Welt, er macht, wie schon vorher seine Muse, Fotokopien von seinem Gesicht, er onaniert dabei ekstatisch, wie sie es später auch tut, Eineida, die Hure, die Muse, Zizo agiert wie unter Drogen, bis zum Exzess.

Ein extravagante Szene mit seiner Muse in einem Boot, er möchte sie pissen sehen, sie steht, hebt den Rock, er hält sie an einer Hand und er ist fasziniert, (Wiener Aktionisten?). Aber er führt auch Gespräche mit Fischern, über die Qualität des Wassers, dass hier nur Dreck sei, Abfälle, und nicht Schlick oder Schlamm, der für das Prosperieren der Fische gut sei. Er ist auch ein Dichter für die Umwelt. Es gibt noch einen zweiten Dichter. Der kommt im Film aber nicht so zur Geltung.

Es gibt Moment, wo die Räumlichkeiten um den großen Waschzuber den Eindruck einer Kommune erwecken. Schlafen zu dritt, eng umschlungen mit zwei Musen, nackt. Der Dichter beklagt, dass nichts trauriger sei als eine lieblose Liebe. Er collagiert Texte aus Zeitungstexten. Die Welt ein Abgrund. Dann eine große Kunstperformance, Protestaktion, Rezitation auf einem Autodach, während Zizo und seine Muse sich nach und nach ausziehen, ein Teil der Zuhörer auch, im Hintergrund eine viel befahrene Autobrücke. Bis die Polizei das Spektakel unsanft beendet und Zizo nach einer Fahrt im Laderaum eines PKWs in Wasser wirft.

Die Besucher (Filmfest München)

Ein Exemplum wird uns hier von Constanze Knoche, die mit Leis Bagdach zusammen auch das Buch geschrieben hat, vorgeführt, welches uns aufzeigt, wie verlogen und kaputt Familie doch sein kann. Für alle, die es noch nicht wussten. Ob die, die es noch nicht wussten, allerdings ins Kino gehen werden, um das zu erfahren, dürfte fraglich bleiben, und die die es eh wussten, die wissens ja schon.

Denn Constanze Knoche tut ja nicht so, als ob sie uns unbedingt eine ganz ungewöhnliche, spannende Geschichte erzählen will. Zum Beispiel, es war einmal ein Mann um die 50, der schnaufte schwer und musste sich Insulin spritzen. Der machte sich vom Land auf in die Stadt, um seine Kinder zu besuchen, zu denen er offenbar wenig Kontakt hatte, um sie dann zusammenzurufen und ihnen eine Erklärung abzugeben. Denn er lebte in der Ex-DDR und war dort schon in einem Chemiekombinat in guter Position beschäftigt, das aber nach der Wende an einen Investor aus Frankreich verkauft worden ist und die Schweine, die haben dann genau die Leute noch behalten, die über das gewisse Know-How verfügten und haben sie ausgequetscht und diese anschließend entlassen. Das war eben vor noch nicht allzu langer Zeit und die Kinder wussten das noch nicht. Und auch seine Frau, von der er getrennt lebt, taucht auf bei diesem Familientreffen.

Das Fazit der Erklärungen des Vaters ist, noch bevor der Salat gegessen wurde oder der Wein getrunken, dass es mit der finanziellen Unterstützung der Kinder nicht mehr klappen wird. Dann verlässt er die Versammlung noch bevor ein Konflikt ausbrechen kann. Seine Ex-Frau begleitet ihn, um ihm zu gestehen, dass sie zum Nachbarn Hans bereits seit die Kinder ausgezogen sind, ein Verhältnis hat.

Der Papa bricht auf der Straße zusammen, landet per Sanka im Krankenhaus. Beschützerinstinkte erwachen in der abtrünnigen Ehefrau. Beide verbringen eine Nacht im Hotel. Kurz vor die Regie aus der Szene ausblendet, berühren sich die beiden nebeneinander im Bett liegend noch an den Händen.

Die Kinder sind alarmiert über den plötzlichen Abgang (oder über die Info?). Fahren nach Hause und betreten das leere Elternhaus. Wie die Eltern zurückkommen, schlafen sie alle friedlich und provisorisch in einem Zimmer nebeneinander.

Bis dahin gab es viele Zweiergespräche in unterschiedlicher Besetzung. Zu den Kindern kommen noch Freunde oder Freundinnen hinzu. Die eine Tochter bumst ihren Professor. Die Gärtnerin mit dem Gärtner. Und der Alibistudent, der das Studieren längst hat Sausen lassen, lebt mit einer Frau zusammen.

Die Frage ist, ob diese Geschichte nun so dringend erzählt werden muss. Für mich liest sich das eher wie eine zwar gründlich und sorgfältig betriebene Vorarbeit zu einem Film, zu einem möglichen Drama. Der Versuch, individuelle Biographien zu erfinden, die Familie zu konstruieren. In der Performance kommt sie allerdings genau so konstruiert und konstruiert besetzt daher. Sie geben sich Mühe, die Sätze gut zu bringen, den Aufzeigesätzen und -szenen dramatisches Gewicht zu geben. Die Figuren sind ja so gebaut, dass sie keine gemeinsame Zukunft haben können, doch von der realen Performance her scheinen sie auch keine gemeinsame Vergangenheit zu haben. Aber über die gemeinsame Zukunft möchte der Papa sprechen. Drum wirken die Szenen gelegentlich wie Trainingsszenen von Schauspielern, weil die verbindende Geschichte der Figuren fehlt. Die besteht lediglich in der Behauptung, dass sie einmal eine Familie gewesen sind.

Es ist das alte Drehbuchproblem, wenn man nur aufzeigen will, wie mühevoll auch immer, wie schlecht eine Sache ist, dann vergisst man vor lauter Zeigefinger, die Konflikte zu analysieren. Die sind aber das, was einen Kinofilm spannend macht. Und nicht eine Auslegeordnung von Unglücken und Erfolglosigkeiten und Versagen.

Hier erinnert der Kinobesuch eher an trockenes Aktenstudium. Es wird auch auf jede Herzlichkeit, auf jeden Humor, auf jeden Geruch der Figuren verzichtet. Sie kommen aus der Garderoben und bringen ihre eingeübten Sätze. Gut eingeübt. Solche Filme haben etwas Infosendunghaftes. Verbraucherinfosendung über die Gefahr, die in der Familie lauert. Wie falsch es da so laufen kann. Wie leicht man sich in so einer Veranstaltung belügt.

Ein Kino, was auf alles Lebensglaubwürdige in der Performance verzichtet. Verzicht auf die Herausarbeitung der brisanten Eigenschaften der Figuren, die die Dramatik am Laufen halten. Papierfiguren. Präsentation eines problematisch reduzierten Menschenbildes, die sogar die Assoziation von Filmplanwirtschaft hervorgerufen hat.

Der alte Herr Fischer ist der Nachbar.
Besetzung: lauter Schauspieler ohne Ecken und Kanten.
Stereotype Sätze: Man kann mit Papa nicht reden, er war schon immer so. So ein Satz ist in jedem TV-Drehbuch garantiert unbeanstandet unterzubringen.
Die Schauspieler entwickeln keine private Activities, sie sind ja nur gecastet, um diese Problem zu besprechen, zu zeigen, wie kaputt, wie verlogen Familie sein kann. Sie sind Sinntafelträger. In diesem sind sie sehr sachkonzentriert.
Wo ist meine Tanne, fragt die eine Tochter bei der Rückkehr ins elterlich Haus?
Hier wäre zu fragen, wo ist der Kinogeist?