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Kipchoge – The Last Milestone (VoD)

Sich etwas Menschenunmögliches vornehmen

Hier geht es nicht um Achternbuschs Weisheitssatz „Du hast keine Chance, also nutze sie“.

Hier geht es auch nicht darum, dass einer an einem Punkt losrennt und 40 Kilometer weiter am nächsten Punkt einer anderer die Zeit nimmt und sagt, ok, unter zwei Stunden.

So einfach ist es nicht, der Menschheit zu beweisen, dass jeder Mensch eine Chance hat und dass die Menschen ihre Leistung immer noch maximieren können, dass sie wie hier Eliud Kipchoge den Menschen beweisen, dass einer einen Marathonlauf in einer Zeit unter zwei Stunden laufen kann.

Das Verdienst dieser süffig rasanten Dokumentation von Jake Scott ist es, zu zeigen, dass da ein enormer Aufwand dahinter steckt. Und er zeigt es spannend mit einem breiten Blickfeld und auch mit immer wieder schönen Gesichtsstudien nicht nur des weltberühmten Läufers aus Kenia.

Erst holt der Film aus, lässt Eliud und Menschen aus seinem Umfeld und aus seinem Sportbereich zu Wort kommen. Es gibt Einblicke in ein Trainingscamp für Läufer in Kenia. Hier werden Inspiration und Teamgeist gelobt, auch darüber geredet, warum gerade so viele Afrikaner im Laufen Weltspitze sind. Es gibt Infos über die Laufzeiten aus der Geschichte der sportlichen Wettbewerbe und wie weit die 2-Stunden-Marke noch weg ist.

Nach dem informativen Warm-Up, das immer auch von gut gelaunter Musik befeuert wird, konzentriert sich der Film auf die Idee, die 2-Stunden-Grenze im Marathon zu unterbieten, eine Leistung die, seit gemessen wird, noch kein Mensch geschafft hat. Und das geht eben nicht wie erwähnt so einfach, dass einer von A nach B rennt und zwei Leute messen.

Der Film berichtet von den aufwändigen Vorbereitungen, von dem Heer von Menschen, die zur Ausrichtung eines solchen Eventes nötig sind. Es ist klar, es müssen die Hindernisse beim Rennen so klein wie möglich gehalten werden, also wenig Höhenunterschied, etc., es geht um Sekunden.

Gefunden wurde ein Rundkurs in Wien, wenige Kilometer lang mit engen Wendekurven an den Enden. Man lässt nichts unversucht. Bei der einen Kurve wird sogar der Bodenbelag wie bei einer Radrennbahn auf der einen Seite leicht angehoben.

Überhaupt sind die Vorbereitungen inzwischen hochwissenschaftlich; nicht nur die Trainingsvorbereitungen des Läufers selbst. Und er rennt ja nicht allein. Neun sich abwechselnde Teams von Weltspitzenmarathonläufern werden einen Pulk um ihn formen, um einen idealen Windschatten für ihn zu bilden.

Zu schweigen von logistischen Problemen. Dann Medien, Trainer, Physiotherapeuten, persönliche Begleiter, der ihm Getränke in Flaschen reicht; die weggeworfenen Flaschen werden gesammelt, die Restmenge gemessen; der Läufer wird also total beobachtet; Computer spielen im Hintergrund eine immer wichtiger Rollen; ein Begleitteamwechsel ist eine ausgeklügelte Sache wie ein Radwechsel beim Autorennen; ein Auto fährt voran, das mit Laserstrahlen vor den Läufern Schritt und Tempo vorgibt.

Es ist eine Dokumentation auch darüber, wie solche Sportevents generalstabsmäßig geplant werden; verschwiegen werden nicht die Sponsoren; die dafür sorgen, dass solche Filme nur so strotzen vor Markenwerbung. Allein die modernen Laufschuhe, die sehen schon raffiniert aus, und in ihren Leuchtfarben sind sie nicht zu übersehen. Man wäre fast verführt sich solche zu besorgen, weil sie einem das Gefühl (Dope, heißt es auch einmal) von Schnelligkeit vermitteln und dann auch noch der guten Stimmung, die Eliud allerorten verbreitet.

Kommentar zu den Reviews vom 26. August 2021

Wenn der deutsche Wahlkampf so viel Power hätte wie die Filme heute, dann müsste er explodieren, gar die Landesgrenzen sprengen; aber die Hakeleien zwischen dem Bayern und dem Westfalen sind Kinkerlitzchen dagegen; Fazit: Kino ist spannender denn je – hier spielt die Musik! Ein gewaltiges Orchester, ein Orchestersturm direkt aus Rassentrauma, Demenz, Mafia, Umweltzerstörung, Profikiller, Topspionage, Aktienbetrügerei, Frauenpower, Autorenpower, Black Power, Killer-Power, Vater-Sohn-Konflikt im Schneiderladen, Umweltpower, Dystopie-Ausstattungspower … und nur die Zeit, die vergeht … und auf Kanälen und DVDs tobt der Bär, resp, die Trolle, die Korruption, der Katzenmörder, der Campusmörder, Renaissance des Zamrock und die feuerroten Zahlen der Erdausbeutungsbilanz.

Kino

CANDYMAN
Die Verwandtschaft von Zuckersucht und Trauma

THE FATHER
Die Amnesie der Leinwand angehängt

SKY SHARKS
Im Bösen batzen

DIE MAFIA IST AUCH NICHT MEHR, WAS SIE EINMAL WAR
Traurig, aber – stimmt der Befund auch?

BIGFOOT JUNIOR – EIN TIERISCH VERRÜCKTER FAMILIENTRIP
Mit Beinschnelligkeit gegen Ölbohrriesen.

THE VIRTUOSO
So präzise arbeiten Profikiller.

DIE ROTE KAPELLE
Die Musik spielte über das Funkgerät: Geheimnisse aus dem Dritten Reich nach Moskau.

COUP
Dieser Aktienbetrüger musste noch mit der Schere arbeiten.

DIE UNBEUGSAMEN
Diese Frauen haben nicht nur für sich selber was erreicht, ein wenig mehr Gleichberechtigung haben sie auch für ihre Geschlechtsgenossinnen herausgeholt.

MARTIN EDEN
Behaupte noch einer, von ganz unten sei es nicht zu schaffen.

SON OF THE SOUTH
Die Black Panther können doch einen Methodisten-Predigersohn nicht anfechten.

KILLER’S BODYGUARD 2
Spielte beim ersten Film noch der Gerichtshof in Den Haag eine Rolle, so ist hier nur noch Action um der Action willen.

DER HOCHZEITSSCHNEIDER VON ATHEN
Frauenkleider als Sakrileg in Vaters Geschäft.

NOW
Jetzt – und nicht morgen müssen wir handeln!

REMINISCENCE – DIE ERINNERUNG STIRBT NIE
es rieselt die Zeit und mit ihr die Erinnerungen; das ist ärgerlich.

TIDES
Diesmal macht der Nebel die Dystopie.

DVD
TROLL – DIE MAGISCHE WELT VON TRYM
So fesseln Geschichten.

CITY OF LIES
Johnny Depp lässt nicht locker.

CAT SICK BLUES
Die blutige, tödliche Seite der Katzenliebe

SLAYED – WER STIRBT ALS NÄCHSTES?
Im sauberen Campus geht ein Rächer um.

EXPERIMENT SOZIALISMUS – RÜCKKEHR NACH KUBA
Eher privatistisch

VoD
WITCH – WE INTEND TO CAUSE HAVOC
Der Mick Jagger aus Sambia

WER WIR WAREN
zum Zeitpunkt der Erdüberlastung

SLAYED – WER STIRBT ALS NÄCHSTES?
Ob ich meine Kinder auf diesem Campus wissen wollte?

EXPERIMENT SOZIALISMUS – RÜCKKEHR NACH KUBA
Eher touristisch

Sky Sharks

Doch das Böse

ist nicht aus der Welt zu schaffen, es treibt sein Unwesen in der Realität, in unseren Hirnen, die Geschichte ist getrieben davon, es nimmt groteske, fantasievolle, aufregende Formen an, es ist ein Tummelfeld für das Kino und vor allem, es wird weiterleben, es ist nicht auszurotten, davon ist Marc Fehse, der mit A..D. Morel und Carsten Fehse auch das Drehbuch geschrieben hat, überzeugt, einen Hinweis darauf gibt eine Pointe ganz spät im Film.

Bis dahin batzt und dreckelt und spielt Fehse lustvoll mit den Ikonographien des Bösen von der Nazizeit bis Vietnam und bis hin zum Forscherzynismus und viele Bilder erinnern an ganz aktuelles Newsmaterial aus Afghanistan, einem Hotspot des Bösen zur Zeit.

Er gibt auch eine kleine mögliche Gebrauchsanweisung für diesen Film, der garantiert keine Jugendfreigabe erhält. Auf dem Langstreckenflug NHL 234 FIN Airlines von Frankfurt nach Vancouver sitzt ein Vater mit seinem Töchterchen. Sie langweilt sich; spielt mit einem Spielzeughai, den sie vorm Fenster, vor den Wolken in die Luft hält. So raffiniert kann ein Film auf sein Hauptsujet hinweisen. Der Vater sitzt daneben, schaut einen Film, Fantasy oder Horror auf dem Bildschirm. Andere Passagiere auch. Ein Film gegen die Langeweile also.

Die Langeweile auf dem Flug geht bald abrupt zu Ende, noch ist ‚Vamos a la playa‘ kaum fertig gespielt. Da tauchen die Titeldinger auf, die Sky Sharks, fliegende Ungetüme, die aussehen wie vollgefressene Haie, geritten von einem Krieger in martialischer Uniform. Vom Menschen darin ist wenig zu sehen. Viel Menschliches dürfte in den Superkriegern nicht übrig geblieben sein.

Fehse macht kein großes Federlesens, die Menschen haben nicht viel Zeit, Angst zu entwickeln. Das Blut spritzt nach dem Entern des Flugzeuges durch die Supersoldaten hektoliterweise, Trash oder was auch immer, lustvoll batzendes Spiel mit dem Entleiben, Enthaupten, Durchstechen von Flugpassagieren, launiger Slash-Trash. Es sind ja nicht nur Bilder der Möglichkeit. Und es sind beileibe nicht nur die Taliban, die ähnliche Blutorgien praktizieren.

Richter Technologies ist ein Forschungsunternehmen mit Dr. Klaus Richter (Thomas Morris) an der Spitze. In den USA propagiert es seien Beitrag zu Fortschritt, Technologie, Freiheit, Demokratie. Doch wie beim Symbolbild der Frau Welt, hat die Firma ein dunkle Seite, die in der Nazizeit wurzelt und in der Vietnam-Zeit fruchtbar wurde in der Entwicklung des unbesiegbaren Soldaten mit dem Projekt Dead-Flesh, der sogar von einem Masterhirn aus ferngesteuert werden kann, was Forscherhybris immer wieder entwickeln will.

Richter hat zwei Töchter, Diabla (Eva Habermann) und Angelique (Barbara Nedeljakova). Die kommen erst allmählich hinter die Geschichte ihres Vaters, wie die Sky Sharks aus ihrer Tieffrierruhe in der Arktis aufgetaut und aufgetaucht sind.

Jetzt ist die ganze Welt alarmiert und in Gefahr, alle Städte sind bedroht. Es gibt Kooperationen weltweit mit den Geheimdiensten und Armeen, die scheinbar Unbesiegbaren zu bändigen und zu erledigen.

Dazu bedarf es, auch das ist nicht weniger zynisch als so vieles andere sowohl im Film als auch auf der Welt, eines erlaubten Fluges, in dem vom Flugverkehr stillgelegten Himmel (auch einer Pandemieerfahrung, die für uns nicht so weit weg ist). Diabla: Wir benutzen unschuldige Menschen als Köder.

Im Vorfeld spielt ein von den Nazis genmanipuliertes Serum K7B eine Rolle, das von einem Dr. Hans Kammler (Detlef Bothe) entwickelt wurde, einer Naziforschungsgröße, die es sich erlauben kann, selbst Göring (Oliver Kalkofe) warten zu lassen. Kleine Episode dabei: wie Göring überzeugt ist von der Wirksamkeit des Serums, und dass es den Endsieg garantieren würde, lädt er Kammler auf die Jagd ein. Das zeigt, dieser Trash- und was auch immer -Film, bleibt auf dem Boden; wenn auch gleich wieder die Fantasien vom Supersoldaten blühen.

Und dann wieder ganz nah: aus dem angegriffenen Flugzeug fallen Menschen vom Himmel, sie taten es 9/11 aus Hochhäusern, sie haben es eben wieder in Kabul von Fliegern getan. Und auch das fast leere Großraumflugzeug geisterte dieser Tag durch die Medien.

Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie

Diese Vergänglichkeit 

Darüber kann man sich schon ärgern und gleich einen Film machen zu dem Thema wie Lisa Joy.

Aufgedonnert fängt der Film und imposant an mit einer rasenden Kamerafahrt über ein stilisiertes Wolkenkratzer-Miami und dann halsbrecherisch hinein in die Gassen. Dazu donnert die Musik, donnern die Trommler, hallo, wir haben Euch etwas ganz Wichtiges zu erzählen, die Story von der Vergänglichkeit und dass das Gedächtnis eine Fessel sein kann, dass es uns heimsuchen und traumatisieren kann.

Und die Trauer darüber, dass es keine perfekte Geschichte gibt oder eben nur im Film, aber dass nach dem Glücksmoment, dem Liebesmoment die Geschichten normalerweise weitergehen und dann auch wieder in Tiefen sausen.

Hugh Jackman als Nick Bannister betreibt ein Institut, in welchem gegen diese beängstigende Eigenschaft des Gedächtnisses gearbeitet werden kann. Er hat eine Apparatur, die altmodisch mechanisch in Gang gesetzt wird. Sie soll dem Gedächtnis der Probanden oder Patienten oder Kunden auf die Sprünge helfen. Sie müssen sich am Kopf verkabeln lassen und sich mit nacktem Oberkörper in eine wässrige Flüßigkeit legen, die in einer Glaswanne ist. Dann erscheinen auf einer Rundbühne als Hologramme die Gedächtnisschnipsel.

Bei dieser holographischen Rückholung der Bilder schauen Nick und seine Assistentin (Thandiwe Newton) zu. Er bekommt so intimste Einblicke in die Lebensgeschichten seiner Probanden.

Kundin Mae (Rebecca Ferguson) will bei Nick herausfinden, wo sie ihre Schlüssel hat liegenlassen. Nick findet Mae attraktiv, schleicht sich nach der Sitzung in ihr bei ihm gespeichertes Gedächtnis. Sie tritt als Sängerin in einem Nachtlokal auf. Nick macht den Fehler, den Profis in solchen Filmen zu machen pflegen, er fängt an, sich privat für Mae zu interessieren, stiehlt ihr nach, dringt in ihr Leben und in ihre Vergangenheit ein. Selber schuld.

Zudem macht Nick Selbstexperimente und stößt bei seinen Erinnerungen auf Schnittmengen mit Mae. Somit ist die Ausgangslage geschaffen für jede Menge Gedächtnissitzungen und da Mae eine Vergangenheit mit Männergeschichten und Kind hat, werden sich entsprechende Situationen für das Männchen-Weibchen-Schema ergeben, ganz konventionell mit männlichen Gockeleien, die schnell zur Rangelei werden oder zur Pistole greifen lassen, wie im Hollywood-Kanon schon tausendfach ausprobiert.

Es ist vielleicht die Suche nach dem Glücksmoment, den Lisa Joy festhalten möchte, die Wehmut darüber, dass das nicht geht, außer vielleicht im Film, weil da die Geschichten ein Ende haben im Gegensatz zum richtigen Leben, wo es nach dem Höhepunkt des Glücks wieder weiter geht und gerne auch wieder abwärts. Im Kino kann die Story da angehalten werden, wo es am schönsten ist; kann das Glück zur Erinnerung festgeschrieben werden, der Kuss von Mann und Frau.

Die Regisseurin lässt, das ist ein ausgzeichneter Ausstattungseinfall, Miami allmählich im Wasser versinken, ganz klar als Folge des Klimawechsels und das ist schon zauberhaft, wie Miami so sich allmählich in Venedig verwandelt, sich europäisiert gewissermaßen, ein Wunschtraum wohl. Oder vielleicht die Frage: was wäre eine Liebe ohne Geheimnis?

Die Rote Kapelle

Horror Krieg

Leicht konsumierbar, thrillerhaft, historisch, widerständlerisch ist diese Doku über das Agentennetz „Die Rote Kapelle“ von Carl-Ludwig Rettinger, der mit Lorenz Findeisen auch die Regie geführt hat. Es geht um Widerstand gegen das Dritte Reich.

Es ist eine gleichermaßen anregende wie verwirrende Montage aus Footage aus je einem Spielfilm aus der DDR und einem aus der BRD, aus einer ARD-Serie zu dem Thema sowie Archivmaterial aus unterschiedlichsten Quellen und angereichert mit Interviews mit Nachkommen in zweiter und dritter Generation, teils in Foltergefängnissen zur Welt gekommen.

Eine Welt aus Tarnung, Täuschung, aus falschen Identiäten, aus Verrat und Heldentum, was teils nicht honoriert wurde. Deprimierend, wie Stalin die Infos der Gruppe ignoriert und für nichts wert hielt. Deprimierend wie die Sowjetunion mit den mutigen Leuten umgegangen ist.

Der Film lässt nachdenken über Sinn und Unsinn von Krieg; grad jetzt, wo der Afghanistaneinsatz definitiv zum Pleiteeinsatz wurde. Wobei das Kino wiederum ein wunderbares Medium ist für Welten der Täuschung und der falschen Tatsachen, der vorgespielten Identitäten und Bilder.

Gleichzeitig transportiert der Film die ganze Faszination des Agentenwesens, der wir allzu leicht im Agententhriller-Genre erliegen. Es wird erwähnt, dass die beiden Filme aus der BRD und der DDR die grauenhaften Seiten, nämlich die Folterungen in berüchtigten Gefängnissen, ausgeblendet hätten, nachdem die Rote Kapelle in Frankreich aufgeflogen war.

Im Film selbst wiederum sorgt beispielsweise für Spannung der Ortungswagen der Nazis mit der großen Kreisantenne auf dem Dach, die die Herkunft der Funksprüche nach Moskau zu eruieren sucht.

Der Film ist den 102 Widerstandskämpfern des Untergrundnetzwerkes Rote Kapelle gewidmet. Er skizziert den Aufbau des europäischen Netzes ausgehend von Brüssel. Bringt Figuren, die an wichtigen Stellen im Dritten Reich Zugang zu Informationen hatte, näher oder wie die Leute das Funken lernten und unvorsichtigeweise viel zu lange am Stück mit Moskau in Kontakt waren, so dass sie gepeilt werden konnten.

Richtig schöne Agentromantik kommt in dem Badezimmer mit der blau gekachelten Wand auf, in der die Ausbuchtung für die Seifenschale der Griff zu einer geheimen Tür zum Funkraum ist.

Killers Bodyguard 2

Der Tiefseegraben vor Viareggio ,

Salma Hayeks Aufregung darüber, dass sie bei einer Verfolgungsjagd nicht den Sports-BH trage, Ryan Reynolds Ärger darüber, dass er nicht die Triple-A-Bodyguard-Auszeichnung erhalten hat und Samuel L. Jacksons Problem damit, dass ihm bei einer Schießerei ein kleines, weiches Körperteil, das nur Männer haben, beschädigt wurde mit Folgen, das sind Hinweise darauf, dass die Macher des Filmes, Tom O’Connor als Autor und Patrick Hughes als Regisseur, nicht zuvörderst den todernsten Thriller im Kopf hatten, sondern eher einen derben Agentschwank mit Pointen um der Pointen willen im Sinne einer Veräppelung des Genres, dies aber hochprofessionell.

Hayek, Jackson und Reynolds sind das Trio Infernale, das von seinesgleichen und den Offiziösen abgelehnt wird, sie werden die Lügnerin, der Killer und der Bodyguard genannt. Das verdeutlicht wiederum, mit welchen Waffen hier das ordentliche Agentengenre geschlagen werden soll.

Der Film spielt im Wesentlichen an den westlichen Ufern des italienischen Stiefels und lässt im Kopf schnell mal eher altmodische Filme von denselben Gestaden Revue passieren. Das verleiht dem Film einen verblichenen Charme von einer Art, die ihn attraktiv macht. Das heißt auch, wir müssen uns keinen kinematographischen Modemätzchen von Heerscharen von Computeranimationsspezialisten aussetzen.

Hier ist händische Action, natürlich nicht ohne Trick, angesagt und die ist durchaus heftig, was da mit den Körpern der Darsteller teilweise passiert, nicht immer mit Übelebensgarantie. Es wird derb gesprochen und gewitztel; Salma Hayek macht es allen vor. Während Reynolds gerade in einem Mimosenstadium ist nach dem letzten, verpatzten Bodyguard-Auftritt, der ihn wie ein Trauma begleitet und zu einer wirklich nicht auf jugendlich getrimmten Psychiatrin geht, die ihn wiederum möglichst schnell los werden will, ihm ein Sabbatical empfiehlt, ganz ohne Waffen und die entsprechenden Auseinandersetzungen.

Das ist genau die richtige Voraussetzung, um erst recht in genau diese Art Diskussion hineinzugeraten. Es geht um die Rettung der Welt, das ist nun nicht neu, neu ist, dass es darum geht, dass der Oberbösewicht Aristoteles Papadopolus (Antonio Banderes) die gesamte europäische Internetkommunikation, die durch einen Knoten im besagten Tiefseegraben vor Viareggio läuft, das ist herrlicher Humbug, mit einem Bohrer anzapfen und mit Viren verseuchen will.

Woher die Idee kommt ist klar, die bezieht sich darauf, dass die Amis über solche Punkte am Rande des Atlantiks die ganze Internetkommunikation überwachen und anzapfen können. Dieser Bezugspunkt bleibt abstrakt, ist aber aktuell; im Gegensatz zum Vorgängerfilm vom selben Team, Killers Bodyguard, dessen Aktualität die war, dass ein Zeuge sicher vor den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gebracht werden musste; das hat mit Gerechtigkeit zu tun und der immer noch mangelnden weltweiten Anerkennung der Institution und hat doch eine andere Wertigkeit als Datenspionage mittels eines im Meer versenkten Schaltkastens. Insofern ist dieser zweite Film harmloses Blödeln auf ordentlich professionellem Niveau, Knallerkomödie ohne Rücksicht auf Nuancierungen. 

Candyman

Exhibition of Gentrifizierung of Black Power mittels elegantem Design und Horror.

Dieser Film von Nia DaCosta, die mit Jordan Peele und Win Rosenfeld auch das Drehbuch geschrieben hat, ist so exquisit ausgetüftelt in allen Gewerken, dass man den Film in Ruhe nochmal durchgehen sollte, um Bild für Bild zu ausführlichen Beschreibungen zu gelangen.

Allein das Schattenspiel der Stabpuppen, die die Geschichte vom Candyman mit der Armprothese mit dem gefährlichen Haken statt einer Hand illustriert.

Allein die Eingangsszene, die 1977 spielt im Cabrini Green, einem ärmlichen Schwarzenviertel aus halbwegs kommoden Wohnblocks mit je einer Waschküche. Wie die Polizei versucht, dem gefährlichen Candyman aufzulauern, der Kinder mit Bonbons lockt und eine Blutspur hinterlässt.

Wie der kleine Bub mit Wäsche in die Waschküche runtergeht und dann in einem verputzten Mauerloch plötzlich der Schreckensfigur begegnet. Wie die lauernde Polizei die Schreie hört und losrennt. Das ist das Vorspiel.

Candyman ist nicht so leicht aus der Welt zu verbannen. Die Geister, die bösen, die die Schwarzen plagen, seit sie als Sklaven aus Afrika nach Amerika entführt worden sind, sind zäh und langlebig wie tiefe Traumata, die über Generationen vererbt werden.

Da hilft ein Zeitsprung nach 2019 nicht viel, da mag sich Chicago noch so sehr gentrifiziert haben, da mögen sie Schwarzen noch so sehr eigene Aufstiege ins bürgerliche Kulturmilieu vollzogen haben; Candyman rumort weiter.

Der arrivierte Maler Anthony McCoy (Abdul-Mateen II) bewohnt mit seiner Frau Anne-Marie (Vanessa Williams) ein schick gentrifiziertes Loft. Sein Galerist ist unzufrieden mit ihm. Er möchte was Neues.

Anthony stößt auf die Geschichte von Candy Man, recherchiert diese und verarbeitet sie in einem Bild, das sich hinter einem Spiegel versteckt. Das Kunstwerk nennt er „Sag meinen Namen“. Sag Candyman, fünf Mal.

Der Spuk funktioniert noch nicht bei der eleganten Vernissage, die ein Blick auf das Chicagoer Kunstvolk, auf die Kunstsociety wirft. Aber dann, aber dann. Es bleiben Blutspuren wie Kunstwerke zurück, malerisch drapierte Leichen. Der Spuk ist nicht vorbei. So ist es wohl mit Spuk, so ist es wohl mit Traumata, das sollte man sich merken.

Davon lassen sich Kamera, Ausstattung, Casting, Schnitt, Ton jedenfalls massiv inspirieren, so gut wie keine erwartbaren Standardsituationen sind anzutreffen, stattdessen höcht poppig erzählendes Kino. Es wird wild mit den Perspektiven gespielt.

Und dass in einer Pressevorführung das Gros der Anwesenden bis zu den deutschen Synchronamen im Abspann sitzen bleibt, habe ich auch noch nicht gerade erlebt. Ein magnetisierendes Kulturereignis.

Bigfoot Junior – Ein tierisch verrückter Familientrip

Eine Coming-of-Age-Geschichte

ist dieser runde, verrückte und gleichzeitig gar nicht so verrückte, animierte Familien-Abenteuer-Ökotrip-Film aus Belgien und Frankreich und in exzellenter deutscher Sprecherfassung.

Die zarten Anflüge von Sehnsucht und Liebe von Adam zu Emma artikulieren sich. Es ist das Alter vor dem ersten Kuss und ahnungsvoller Vibration, die sich bei Adam in den Füßen kurios artikuliert – aber das ist nur die Randgeschichte um ein Fabel- und Kühnheitserlebnis der Sonderklasse, das eventuell symbolisch zeigt, wie gravierend die Veränderung vom Buben zum Mann ist; was da alles an Heldengeschichte nötig wird. Ein Umweltkrimi ist der Erzählfaden.

Adam ist in dem Alter, was bebt vor Vorgefühl auf das Erwachsenwerden. Er ist in einem Alter, in welchem er absolut im Einklang mit sich selber und der Natur ist. Dafür gibt es die schönen Symbole maximaler Selbstheilkräfte, besonders im Bereich seiner speziellen und speziell großen Füße, die zu einem wichtigen Motor in der Bewältigung seiner Herausforderungen werden.

Die andere Einheit mit der Natur wird erkennbar daran, dass er mit den Tieren sprechen kann. Die Affinität zum Kreatürlichen. Zuhause haben sie eine ganze Menagerie von Tieren vom Waschbären bis zum furchterregenden Grizzly.

Eine Sache quält Adam. Sein Vater war sieben Jahre in der Wildnis und wird nach seiner Rückkehr mit üppigem Haarwuchs zum Medienstar. Auch das schildert Ben Stassen köstlich, der mit Jeremy Degruson die Regie geführt und nach Charakteren von Cal Bruner und Bob Barlen das Drehbuch geschrieben hat.

Der arme Junge, nach einem Fernsehauftritt des von ihm so vermissten Vaters – und grad in seinem Alter wäre doch eine gute Beziehung zum Vater unersetzbar – wollen alle nur noch, dass er Autogramme für sie besorgt.

Fett medienkritisch ist der Auftritt eines Agenten bei der Familie, der hat schon lauter Pappständer mit dem Vater als Werbefigur für diverse Produkte da stehen und will ihm einen üblen Vertrag diktieren. Vater sagt Nein, er möchte etwas Sinnvolles tun. Ein Bettelbrief von Umweltaktivisten, es versteht sich von selbst, dass der erst zerrissen wird und dann doch noch gelesen, lässt ihn neugierig werden.

Die Ölfirm T-Extrakt ist dabei, in Alaska Naturgebiete mit der Ölförderung zu verseuchen. Die Umweltschützer versprechen sich von Bigfoot Aufmerksamkeit. Traurig ist nur Adam, dass sein Vater schon wieder weg will von zuhause. Aber der Entschluss setzt die Reihe von Ereignissen in Gang, die auch Adam, samt Mutter und Tieren nach Alaska fahren lässt.

Dort gibt es den gigantischen Kampf gegen den hochsicherheitsabgeschotteten Ölkonzern, der vor Waffen-, Bomben- und Drohnengebrauch mit einer Privatarmee nicht zurückschreckt.

Aufzudecken, was der Ölmulti in Alaska wirklich treibt, ist das Ziel von Bigfoot und dann auch von Adam. Das Internet wird seine positiven Seiten zeigen. Adam stehen die Tiere bei. Es gibt gefahrenvolle Übungen gesättigt mit Slapstick, komischen Momenten, Kettenreaktionen, die die Kinder im Publikum der Presseaufführung in Kaskaden lachen ließen. Für Adam ist es eine unglaubliche, atemberaubend Heldenreise. 

Experiment Sozialismus – Rückkehr nach Kuba (DVD, VoD)

Arsenio Morella,

ist der unsichtbare Erzähler auf der Tonspur dieser Dokumentation von Jana Käsdorf. Er ist für den zweiten Teil des Titels zuständig, indem er zuerst seine Geschichte erzählt, wie er im sozialistischen Kuba aufgewachsen ist, in welchem man ohne zu tricksen nicht überleben konnte. 

Im Rahmen einer Massenflucht Mitte der 90er ist er als Junge in die USA geflohen. Er hatte Glück, daß er einen Fuß auf den Boden dieses Landes setzen konnte und somit als Flüchtling aufgenomnen wurde, während andere, die das nicht geschafft haben, von der US-Behörden auf das Meer zurückgeschickt wurden.

Weiteres, was nach der Flucht war, ist von diesem Arsenio Morella nicht zu erfahren, zu sehen ist er nicht im Bild, zumindest nicht kenntlich gemacht. Lediglich das vergilbte Foto eines Jungen ist im Film drin. Insofern bleibt auch innerhalb des Filmes offen, ob Morella eine fiktive Figur ist, die die Regisseurin erfunden hat, denn sie selbst ist laut den Credits auch für das Drehbuch verantwortlich. 

Die Texte und Kommentare dieser wie es scheint spontanistischen Reise sind im Stil einer reißerischen Reisedoku gehalten und hören sich in der deutschen Variante so an: „Wer nicht schummelt, kommt unter die Räder“, auch überdeutlich auf Pointe gesprochen oder „Sie steckten sich die Taschen voll – mit dreckigem Geld“, „Die Bosse legen einem immer wieder Steine in den Weg“. 

Der erste Teil des Titels erweckt einen falschen Eindruck, als handle es sich um eine systematische, wissenschaftliche, sorgfältig recherchierte Dokumentation. Faktisch gilt sie aber nur dem Interesse von Morella, der, wie es scheint, nicht allzu geplant durch Kuba reist. 

Er befragt im Stile einer Meinungsforschung Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Journalismus und auch den Mann oder die Frau von der Straße oder die mit dem kleinen Gewerbe, Taxi, Hotellerie, Fischerei, Gastronomie, Zuckerrohranbau. 

Es gibt Statements zum Thema Sozialismus in Kuba und auch einen historischen Rückblick. 

Zentral und aktuell wird immer wieder erwähnt der Begriff der Lineamientos, das sind Richtlinien zu einer Reform der reinen Staatswirtschaft mit Öffnungen im Privaten, der Ermöglichung von Unternehmertum und auch Eigentum; was zarte Erfolge an Prosperität bringt, obwohl generell weiter gilt, dass man, ohne zu Schummeln, nicht durchkommt. 

Der Film stammt aus der Zeit von Trump, der die Blockadefesseln für Kuba angezogen hat. Und auch das Thema Corona wird im Abspann erwähnt. Die Bilderwelt ist eine bunt zusammengewürfte Montage von spontanen Reiseeindrücken, Postkartenbildern vom Dschungel, der Mischung aus Lebensfreude und Improvisationslust der Menschen und auch immer wieder von Plakaten mit Propagandasprüchen für die Revolution. 

Es ergibt sich ein frischer Eindruck von dem Land, das sich das mit der Revolution neu am Überlegen ist. Und wir erleben hier bei uns direkt auch eine Art Kubanisierung, indem die Menschen immer findiger werden, die immer abstruseren Anticoronavorschriften umzusetzen: da kann man oft auch nur noch schummeln!