Archiv der Kategorie: Allgemein

School of Hope (DOK.fest)

Die Wüste ist groß,

die Wüste ist weit, in der Wüste ist Zeit, in der Wüste ist der Mensch groß, in der Wüste ist der Mensch klein, die Wüste ist ein Ur-Kino-Ort. In der Wüste werden manche Dinge besonders kostbar: Wasser (inzwischen ein globales Problem, hier hautnah und existenziell!), eine Orange, Bildung. 

Über so einen Wüstenort berichtet Mohamed El Aboudi in seinem Film. Ein Schulgebäude, vernachlässigt, lange nicht gebraucht, allein auf weiter Flur – und die Wüste ist weit – kein Haus in Sicht, kein Beduinenzelt. 

Hier kommt ein Lehrer an und will ein Dutzend Kinder aus Nomadenfamilien unterrichten. Das erinnert an Viggo Mortensen als Lehrer in Den Menschen so fern. Das braucht schon was, eine Schule ohne Strom, ohne Wasser, ohne Toilette, ohne Heizung und übernachten kann der Lehrer bei jeder der Familien im Umkreis der nächsten paar Kilometer; er kann wählen. 

Die Kinder nehmen diese Wege in Kauf. Nicht überall ist bei den Eltern der Schulbesuch gern gesehen. Der 13-jährige Bub wird dringend gebraucht zum Hüten der Schafsherde. Ein Tümpel mit Wasser ist weit weg. Das Wasser wird mit einem LKW herangeschafft. 

Der Film nimmt teil am Unterricht für alle Altersstufen des unverdrossenen Lehrers, schaut bei den Familien vorbei, macht einen Ausflug auf einen Markt. Und dass die Erzählweise extensiv ist, macht den Film keineswegs ärmer, eher eindrücklicher. Ist es doch eine der vornehmsten Eigenschaften des Kinos, mit Bildern zu erzählen. Und Bilder von einem Menschen auf einem Esel im Wüstengebiet, die überschneiden sich fast deckungsgleich mit der christlichen Ikonographie. 

No hay Camino (DOK.fest)

Vom Weg, der keiner ist

Der Weg ist das Ziel, heißt es, aber es gibt keinen Weg, meint die Filmemacherin Heddy Honigmann. Durch die Schritte, die man macht, bildet sich doch ein Weg. Auf diese Weise hat Heddy Honigmann einen langen Weg zurückgelegt. Den will sie, da sie schwer krank ist, nochmal Revue passieren lassen, in ihrem eigenen Erinnerungsfilm. 

Dieses Gedankenkonstrukt zeigt schon Heddys verzwickte Haltung zum Leben und zur Kunst, die nie ganz humorfrei ist, auch wenn das erste Bild befürchten lässt, man würde hier gleich einer hochklassischen, hochfeierlichen Veranstaltung beiwohnen müssen oder dürfen. 

Dem ist nicht so. Heddy Honigmanns wacher Blick auf die Welt hat mehr zu bieten. Es gibt eine erstaunliche Parallele zu Auslegung der Wirklichkeit und dessen Protagonisten Georg Stefan Troller. Beide sind jüdischer Abstammung, beide erlebten Emigrantenschicksale. Vater Victor von Heddy Honigmann stammte aus Polen, war in Mauthausen, hat überlebt und ist nach Peru ausgewandert. Dort etablierte er sich als einer der wenigen Comiczeichner, berühmt wurde seine Figur ‚“Supercholo“. 

Tochter Heddy fängt an, Filme zu machen, Menschen zu interviewen, und hier hat sie einen ähnlichen Ansatz wie Georg Stefan Troller: sie interessiert sich für die Menschen und will etwas von ihnen haben; sie sucht Hilfe, Erhellung. 

Die Rahmenhandlung spielt in Holland, wo die Filmemacherin die letzten Jahre verbracht hat. Pieter van Huystee trägt als kleinen Kurzfilm eine Fahrt mit ihr durch die Grachten bei. Und wie bei Troller, sind auch hier die Gespräche das wichtigste, über das Filmemachen, ihre intuitive Methode, den Weg, den es nicht gibt und den man trotzdem geht und überhaupt sei Filmemachen besser als zum Psychiater zu gehen. 

Den Hauptteil bildet die Abschiedsreise nach Peru. Hier blüht die Regisseurin nochmal förmlich auf, wie sie all den Leuten wiederbegegnet, mit denen sie gearbeitet hat oder mit Fimmenschen, mit denen sie 2016 einen Workshop gemacht hat. 

Honigmann inszeniert vor laufender Kamera vom Rollstuhl aus, gibt Anweisungen an den Kameramann. Alles ist sehr familiär. Sie inszeniert die Begegnungen und die Gespräche, zu denen sie wohl nicht viel mehr als Richtlinien vorgibt; die laufen durch die gemeinsamen Erlebnisse ganz von selbst. Es gibt Ausschnitte aus ihren Filmen. Die Szene mit der Begegnung mit einem peruanischen Taxifahrer, der erklärt, warum er seine Schrottkarre für diebstahlgesichert hält, lässt erahnen, was jemand über ihre Filme gemeint hat mit der Bemerkung, dass man sich beim Anschauen ihrer Filme fühlt wie bei der Begegnung mit einer Seelenverwandten. 

La Premiere Marche

Pride in der Banlieu,

in St. Denis, einem bunt gemischten Vorort von Parris. 

Die Studenten Youssef, Yanis, Luca und Annabelle wollen hier zum ersten Mal einen Pride-Umzug veranstalten. Hakim Atoui und Baptiste Etchegaray begleiten die vier bei den Vorbereitungen, die 5 Monate vorher anfangen, bis hin zum Event. Sie interessiert nicht jedes organisatorische Detail; sie sind einfach dabei, unterhalten sich mit den engagierten Leuten, saugen die jugendlich-optimistische Atmosphäre auf, sie fangen Stimmungen ein aus Studentenbuden, Gespräche, den nicht zu bremsenden Enthusiasmus.

Es ist das Porträt einer noch relativ unbefangenen Jugend, die mit einem Schwall von Fremdwörtern um sich wirft: Pinkwashing, Homonationalismus, LGTB-Phobie, Xenophobie, Soziogenese, Gentrifizierung, Kolonialsyndrom, Fetischisierung, asexuell, pansexuell, bisexuell, transsexuell, Soziotyp, Dichotomie, Xenophobie, Internationalisierung des Rassismus, Banlieu Stigma, Medienstrategie. 

Es gibt aber auch Momente, wo, vielleicht gerade wegen dieser vielen Begriffe im Kopf, es köstlich ist zu sehen, wie die Gruppe versucht, Texte aufzusetzen und wie auch der eine den anderen korrigiert. 

Der Augenfang unter den Protagonisten ist der aus Marokko stammende extravertierte Youssef; der ist immer für einen Flirt mit der Kamera gut oder probiert in der Kaufhausumkleide Frauenkleider an; im Gegensatz zu Yanis, der einen eher bürgerlichen Hintergrund in St. Denis aufzuweisen hat. In der Wohnung seiner Eltern finden die letzten Vorbereitungen statt. Bei der Parade wächst er schier über sich hinaus. Vorher schon machte das Team seine ersten Erfahrungen mit den Medien. Wie es sich für eine schöne Geschichte gehört, gibt es zum Schluss die Parade, die Show und den Tanz.

Der geraubte Wald – Wood (DOK.fest)

To tell the Story,

das ist das journalistische Credo dieses Filmes von Monica Lázurean-Gorgan, Michaela Kirst und Ebba Sinzinger. 

Das ist ein eigenes Dokumentarfilmgenre inzwischen, dass einer entweder selbst, wie Michael Moore recherchiert und dies filmisch dokumentiert, oder, wie hier am DOK.fest in gleich mehreren Filmen (Writing with Fire, Hinter den Schlagzeilen) die Story von Rechercheuren zu berichten. 

Hier im Zentrum steht Alexander von Bismarck und die EIA. Die spezialisieren sich auf illegale Holzfällerei, auch mit den Mitteln der Undercover-Investigation. Für Krimi- und Thrilleratmosphäre ist also gesorgt, sei es in Sibirien, in Rumänien oder in Peru. 

In Peru ist der Fokus auf den Indigenen, denen der Wald gestohlen wird und die dann auch noch die Bussen für die illegalen Rodungen bezahlen müssen. In Sibirien wird Holz für die chinesische Holzverarbeitung geräubert, deren Produkte im Westen in den Regalen landen. In Rumänien scheint die österreichische Firma Schweighofer den ganz großen Reibach zu machen und holzt gnadenlos auch den Wald von Naturparks ab, während die Chefs der Firma Unschuldslämmer mimen und mit den Kritikern ins Gespräch kommen wollen. 

Aus Rumänien kommt die einfach zu realisierende Idee der App, mit welcher LKWs mit Holztransporten auf ihre Legalität hin kontrolliert und und allenfalls als Diebe überführt werden können. Die App ist auch hier im Film ein wichtiges Mittel in der Vorbereitung eines Scoops, wie er für jede Journalistendoku ein Traum ist; dass die Story, die erzählt wird, Aufsehen rerregt und Folgen zeitigt; allerdings nicht unbedingt wie gewünscht, denn die App wurde in Rumänien umgehend verboten; was beweist, dass die Korruption bei dem Milliardengeschäft in den höchsten Kreisen wurzelt. 

Das sind Stories, die erzählt und verbreitet werden müssen. 

Arada (DOK.fest)

Are you famous?

Die Antwort auf diese Frage eines nicht näher definierten Menschen an einen der Protagonisten stellt gleich zu Beginn klar, dass der Film von Jonas Schaffter eine Dokumentation und nicht ein Promi- oder ein Spielfilm ist. 

Der Grund für den Film ist eine höchst problematische Gesetzgebung in der Schweiz, die Mitbürger, egal ob sie hier geboren sind oder schon Jahre und Jahrzehnte in der Schweiz gelebt habt, wenn sie eine Straftat begangen haben und zu Knast verdonnert worden sind, des Landes verwiesen werden müssen. Abschiebung. 

Ein Thema, was in Deutschland auch immer wieder hochkocht, wenn Afghanen, die hier geboren wurden, die nie in Afghanistan gelebt haben, nach Afghanistan abgeschoben werden. 

Schaffter hat drei in die Türkei abgeschobene Schweizer besucht. Schweizer insofern, als sie voll integrierte Schweizer sind, sie sprechen den Dialekt als sei ihnen der Schnabel so gewachsen, kein Kanakdendeutsch, sie haben dort Familie, Kinder, Freunde, sie lieben die Schweiz, identifizieren sich mit ihr als ihrer Heimat. 

Dummerweise haben sie keinen Schweizer Pass und sind in der Schweiz straffällig geworden; wobei sie ihre Strafe abgesessen haben, wie jeder andere straffällige Schweizer auch. 

Der Film macht deutlich: die Frage, wem mit so einer Politik geholfen ist, kann nicht sinnvoll beantwortet werden. In der Türkei sind die Männer erst mal allein. Immerhin können sie dank der modernen Kommunikationsmittel per Video mit ihren Lieben in der Schweiz kommunizieren. Ähnlich der Lockdown-Sitiuation, wie sie zur Zeit den meisten Menschen vertraut sein dürfte. Und keiner würde sie als befriedigend bezeichnen. 

Die Männer müssen in der Türkei ins Militär, das schafft zusätzliche Hürden, wenn sie besuchsweise in die Schweiz wollen, was vom Gesetz her möglich ist. Das Leben in der Fremde auf diese Art sei damit zu vergleichen, als ob man eine schwere Last trage, die ersten par Meter sind ganz leicht, die nächsten etwas schwerer; die Last wird so immer drückender. Und wer hat etwas davon?

The last Shelter – Witnesses from the Shadows (DOK.fest)

Im Staub des Dazwischen

Subsahara, Sahel, Sand, Sand, Staub, überall Staub. Vor allem im Haar. Hier sollte man die Haare kurz tragen, wird bei der Rasur erklärt. 

Eine Hilfsstation, eine Auffangsstation südlich von Algerien, irgendwo im Sandland. Durchgangsland für Menschen, die in Richtung Europa aufgebrochen sind, dort eine Zuunft suchen wollen. Aber die Reise ist gefährlich, speziell zwischen hier und Algerien. Terroristen, Wegelagerer, Frauenschänder. Sie ist nicht zu empfehlen. 

Ein ehemaliger Migrant, der brutal gescheitert ist, betreibt diesen „Shelter“, diesen Schutzraum, um den Menschen, die oft nichts mehr haben, etwas Würde zurückzugeben, sie zu einer Rückkehr in ihre Heimatländer zu überreden und dazu zu verhelfen, auch wenn das für viele schwierig ist, weil die ganze Verwandtschaft all ihr Geld zusammengelegt hat, um den gefährlichen Weg in Richtung Wohlstand zu finanzieren; aber überall gibt es Wegelagerer, Kontrollpunkte, Straßensperren, Terroristen, alle wollen abkassieren. So weit so bekannt. 

Der extensive Film von Ousmane Samassekou sammelt Stimmungsbilder an diesem Niemandsort, lässt Flüchtlinge in ihren Aufenthalts- oder Schlafräumen sich unterhalten, auf den Konvoi zurück in die Heimat warten. Der Filmer ist dabei, wie sie Schach spielen oder versuchen, Englisch zu lernen, wie sie Fernsehen schauen oder befragt werden nach Angehörigen, eine Telefonnummer von einer Bezugsperson wäre prima, falls jemand stirbt. Dass Todesfälle vorkommen zeigt die Eingangsszene auf dem Wüstenfriedhof. 

Mit seinem Film will Samassekou dem politisch-abstrakten und oft missbrauchten Flüchtlingsthema ein Gesicht geben. Im staubigen Niemandsland zwischen Herkunft und Zukunft. Jeder Mensch hat eine Geschichte, das ist seine Würde, seine Geschichte macht den Menschen aus. Und mit dem Aufmachen auf die Suche nach einer Zukunft, formt der Mensch seine Geschichte mit. Die Helfer hier wollen diesen Geschichten eine andere Richtung zu geben; denn Herkunft kann auch Zukunft sein. 

Ganz unpathetischer Dokumentarismus zu einem bei uns hochaufgeladenen Thema. 

Suspended Wives (DOK.fest)

Einfingersystem.

In Marokko gibt es Schreibstuben, da tippen des Lesens und Schreibens kundige Männer mit dem Einfingersystem auf alten mechanischen Schreibmaschinen und mit mehreren Durchschlägen Texte und Dokumente für weniger Lese- und Schreibkundige. Davon gibt es offenbar genug, sonst hätten die Schreibstuben nichts zu tun. 

Im Film von Merième Addou sind diese Schreibstuben unvermeidbare Anlaufstelle für Frauen, denen die Männer schon vor Jahren weggelaufen sind. Die Frauen sind mit dem Kind oder den Kindern zurückgelassen worden. Sie wollen die Scheidung vor Gericht einreichen. Denn ohne Erlaubnis des Gatten ist keine Arbeit gestattet. Oder eben nur prekäre Jobs wie Küchenhilfe oder Erntehelferin oder Weben von Tüchern und Teppichen. 

Um die Scheidung vor Gericht einzureichen, ist Papierkram nötig. Das Einfingersystem ist ein schönes Symbol für die Schwierigkeit bei der Beschaffung von Dokumenten für diese Frauen. Auch das ist nicht marokkospezifisch, dass immer noch irgendwas fehlt bei den Papieren, irgendwas unvollständig ist. 

Aber in Marokko ist es für diese Frauen vielleicht noch härter. Sie sind glücklich, wenn endlich im Radio ihre Namen durchgegeben werden und die Namen ihrer entlaufenen Gatten mit dem Hinweis, dieser möge sich binnen eines Monats melden, sonst würde die Ehe geschieden. 

Es gibt andere Hürden. Ein Gericht verlangt von der Klägerin, sie soll binnen vier Tagen ein Dutzend Zeugen beibringen, die bestätigten, dass der Mann verschwunden ist. Ebenfalls eine kaum zu bewältigende Hürde; denn wie soll man etwas beweisen, was man nicht gesehen hat. 

Addous Film bleibt nah dran an ihren Protagonistinnen, gibt so einen Einblick in deren einfaches Leben, in einem garantiert nichttouristischen, eher ärmlichen Marokko. Und am liebsten würde man sich sofort als Zeuge zur Verfügung stellen. Wir bekommen es ja mit, wie hart diese Frauen für ihr Leben und das ihrer Kinder kämpfen. Eine schafft es immerhin, auf diese Art ein eigenes Haus zu bauen und eine Einweihung zu feiern. Und die Männer? Die arbeiten in Schreibstuben, als Verkäufer von Damenkleidung oder vergnügen sich bei einem traditionellen Reiterfest in ihren teppichbelegten Zelt-Lounges und witzel bequem hingeflezt darüber, wie viele Frauen sie wohl haben dürfen. Die Herren der Schöpfung, die sich offenbar gerne und schnell aus dem Staub machen und dann nie wieder von sich hören lassen.

Lost Boys (DOK.fest)

Nüchtern

scheint hier am ehesten noch der Filmer Joonas Neuvonen zu sein, der mit Sadri Cetinkaya als Autor und Regisseur fungiert (zu den Autorencredits kommt noch Venla Varha hinzu). 

Dieser Eindruck wird noch verstärkt dadurch, dass Neuvonen sich als Ich-Erzähler von einer professionellen Erzählstimme (Pekka Strang) nachsprechen lässt. Alles andere ist Droge, Rausch, Sex, Exzess; das Bildmaterial, die Montage, der Sound. Das in der krassen Spannung zwischen Finnland, Thailand und Kambodscha. Schneelandschaft im Norden, Sündenpfuhl in Asien. 

Dass Neuvonen aus einer anderen Gesellschaftsschicht stammt als seine beiden Freunde und Protagonisten Antti und Jana, das stellt er früh im Film fest. Deswegen üben die beiden Junkies, die er in der Pampas Finnlands kennengelernt hat, vielleicht so einen Sog auf ihn aus. 

Die Drei verbringen gemeinsam eine Zeit in Thailand und Kambodscha: üble Drogen, geschnieft, als Rauch inhaliert oder in die Venen gespritzt, willige Frauen, Jan verliebt sich gleich in Lee Lee und heiratet sie. So weit ist es von der Story her Klischee. 

Aber Neuvonen lässt sich tief ein in den Rausch, er ist immer dabei mit der Kamera, ganz nah, ganz freundlich, ganz privat und persönlich, ja er geht soweit, sich als Drogenkurrier einspannen zu lassen. Das Material dieser Reise wird zum Film im Film, zur Rückblende. 

7 Knastjahre später zieht es Jani und Antti wieder nach Ostasien; sie waren nicht mehr die gleichen. Der Absturz geht weiter. Bis Neuvonen erfährt, Jani habe sich in Kambdosch erhängt. 

Die Reise dorthin und die Recherche nach der Ursache für diesen Tod wird zur Storyline der zweiten Ebene des Filmes. Die nicht weniger rauschhafte Rahmenhandlung spielt in einer Gefängniszelle; die Kamera, die sich hier nicht verstecken braucht, fährt den endlos gleichen Raum ab, auf der Suche zur Grenze zwischen Realität und Paranoia in diesem Raum voll Nichts. Und spätestens hier wird klar, dass es sich garantiert um keine billige Sensationsmache handelt, sondern um eine recht nüchterne Betrachtung rauschhafter Abgründe des Seins bei gleichzeitig hohem Authentizitätsanspruch – und das Licht geht nie aus, 24 Stunden am Tag nicht. 

La Vocera (DOK.fest)

Maria de Jesús Patricio Martinez, 

Marichuy genannt, wird am Ende des Filmes nicht mehr die sein, die sie am Anfang gewesen ist, das ist ihr eigener Befund. 

Marichuy ist die Hauptfigur dieser Dokumentation von Luziana Kaplan. Marichuy ist anfangs eine Mexikanerin, die in einem der indigenen Reservate lebt und politisch engagiert ist. Über diese Reservate haben schon andere Filme berichtet, zuletzt, ebenfalls am DOK.fest, Between Fire and Water, wie basisdemokratisch und wie rücksichtsvoll auf die Natur die Menschen dort miteinander umgehen, in einer Art lokaler Autonomie. 

Dies Teilautonomie der Reservate wurde in Mexiko 1996 gesetzlich festgelegt, wird aber von der Spitzenpolitik und von Konzernen ständig missachet, immer wieder gibt es unfaire Eingriffe, unfaire Landverkäufe und Übleres. 

Gegen diese ständigen Übergriffe sind die Zapatisten schon 1994 aufgestanden, militärisch. Der CNI, der Nationale Kongress der Indigenen formte sich 1996. 2016 schließlich schlossen sich die beiden Organisationen zusammen, um im Interesse der Indigenen eine eigene Präsidentschaftskandidatur auf den Weg zu bringen. Dafür sind fast eine Million Stimmen nötig. 

Zur Kandidatin wurd Marichuy gewählt. Der Film von Luziana Kaplan erzählt die Geschichte von der Nominierung zur Kandidatin bis zur Bekanntgabe der offiziell zugelassenen Kandidaten. 

Das Leben von Marichuy änderte sich schlagartig mit der Nominierung. Sie tourt durch das Land. Da ist viel Malerisch-Mexikanisches dabei, wenn die Leute in ihren traditionellen Bekleidungen zu den Versammlungen kommen. 

Der Film ist eine ungewöhnliche Reise durch Mexiko, zeigt die Probleme der Indigenen mit großen Industrieprojekten, Bahnlinien, Solarpanelfeldern, Pipelines, Rodungen. Gleichzeitig kommen auch die Indigenen nicht mehr ohne moderne Technik aus; das Votum für die Kandidatin kann per Smartphone abgegeben werden. 

Der Film ist somit eine spannende Reportage über diese nationale Kandidatenkür und andereseits eine Reise duch Mexiko mit dem Fokus auf Leben und Probleme der Indigenen. 

Marichuy kehrt mit einem geweiteten Wissen und tieferem Einblick in die indigene Realität des Landes zurück und auch mit der Erfahrung, ständig im Zentrum eines Promipulkes und auf Bühnen vor Menschenmengen zu stehen. Sie ist zur Sprecherin, zur Stimme („La Vocera“) ihrer Landsleute geworden, zur Identitätsfigur, zum Vorbild. Und vielleicht hat sich beim Zuschauer nach Anschauen des Filmes auch etwas verändert, zumindest im Hinblick auf Mexiko, die Indigenen und auf das Thema Basisdemokratie und vielleicht auch über den achtsamen Umgang mit der Natur.

Anspanninfo:

„In 1994, the zapatista national liberation army (EZLN) rose up in arms against the mexican government. In response to a state of exploitation, opression, an discrimination, of indigenous peoples throughout the country. The san Andrés Larráinzar agreements were signed in 1996, recognizing the collective rights of indigenous peoples ndcluding their right to autonomy. The national indigenous congress (CNI) was created that same year. These agreements were flaunted and betrayed by every political party in congress. Since then, the EZLN’S communities and the CNI built up their organizations and exchanged experiences on autonomy.

In 2016, th CNI and the EZLN agreed in an assembly to back an indigenous women to run for the presidency in the 2018 elections. This is the story of that process.“

La Conquista de las Ruinas (DOK.fest)

Anspann:

„Come in under the shadow of this red rock,

and I will show you something different

from either your shadow 

at morning striding behind you

or your shadow at evening rising to meet you:

I will show your fear in a handful of Dust. 

T.S. Eliot“

Mystik und Concretosphäre in Argentinien

Eine argentinisch-filmische Antwort auf den Brasilianer Sebastiao Salgado, den Wim Wenders eindrücklich in Salz der Erde auf die Leinwand gebracht hat. 

Mit Salgado verbindet Eduardo Gómez, den Autor und Regisseur dieses Dokumentarfilmes, die Hinwendung zum einfachen Arbeiter und die atemberaubende Schwarz-Weiß Fotografie, die sich von Strukturen und Schraffuren begeistern lässt.

Gómez geht über Salgado hinaus, indem er den Menschen in die Mystik von Erde, Orten und der Zeit einbindet und auch indem er den Menschen immer wieder in riesiger Landschaft oder einem Steinbruch winzig klein erscheinen lässt, so dass der Zuschauer ihn erst finden muss wie bei einem Suchbild; ganz klar auch: der Mensch als winziger Bestandteil einer umfassenden Natur. 

Die Erzählung des Filmes geht über die Erde und was der Mensch mit ihr anstellt. Sie fängt an mit der lebensgefährlichen Gewinnung von Gestein im offenen Tagebau für die Herstellung von Baumaterial, von Zement. Nur schlecht gesichert und waghalsig bewegen sich die Arbeiter in der steilen Abbauwand, immer wieder löst sich Gestein oder sie müssen Sprengladungen in die Wand treiben. 

Der Weg des gebrochenen und gemahlenen Materials führt in die Großstadt, in die Millionenstadt zum Bau von Hochhäusern, auch hier von einfachen Arbeitern ausgeführt, für die es keine Erinnerungstafel gibt, sie bleiben namenslos, die Architekten sacken den Ruhm und die Namhaftigkeit ein. 

Für die historische Ausweitung des Themas sorgt ein Paläontologe, der hier im Boden ein wahrhaftiges Dinosauerierparadiese vorfindet und sich mit Rekonstruktion beschäftig bis hin zur artistischen Ausarbeitung für den Vergnügungspark. Aber die Jagd nach den Großtieren ermüdet ihn, denn er findet heraus, dass nebst den Giganten eine unermessliche Vielfalt an anderen Tieren existierte, die reichen Fossilienfunde lassen auf eine weit größere Artenvielfalt schließen als wir sie heute kennen. 

Ein Naturmensch schließlich, der nur lokale Materialen zur Herstellung von Hütten benutzt, kommt auf den mystischen Aspekt zu sprechen und auf die Naturenergie. Aber keine Angst, der Film reitet auf keiner Esoterikwelle, er betrachtet mit fantastischer Kamera und nüchternem Verstand was sich so tut auf der dünnen Erdoberfläche, wie die Geister nicht wegzudenken sind und auch im Alltagsleben einer Rolle spielen, und wie die Erde immer wieder Geheimnisse aus der Vergangenheit, auch der jüngeren preisgibt, worum sich ein Museumsmensch mit ganz einfachen Mitteln kümmert.