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Schwarze Milch

Eine Mongolin schlachtet keine Schafe

Die Mongolei ist eines der Sehnsuchtsländer der Deutschen. 2003 gab es sogar einen Kinoerfolg mit dem märchenhaften Mongolei-Film von der „Geschichte vom weinenden Kamel“, einem Dokumentarfilm, teils unter widrigen Bedingungen gedreht, aber die Träne des Kamels, die kam punktgenau in dieser Mongolei, wie wir sie uns vorstellen: Jurten, Steppe, Kamele, Pferde, Einheit von Mensch und Natur. 

Gerade vor 14 Tagen kam hier ins Kino der französische Film Eine größere Welt, in der eine Französin ihr Heil in der Mongolei findet. 

Uisenma Borchu, die schon mit Schau mich nicht so angezeigt hat, dass ihr Blick weit über die Klischees des Culture Clash hinausgeht, sieht das etwas anders. In ihrer fiktionalen Geschichte (nur das Schlachten eines Schafes und die von einer Wolfsherde totgebissenen Schafe seien dokumentarische Einsprengsel) spielt sie Wessi, eine Mongolin, die in Deutschland mit einem bleichgesichtigen, eifersüchtigen Deutschen (Franz Rogowski) zugange ist, und die sich überwindet, in die Mongolei zurückzureisen, um ihre Schwester Ossi (Gunsmaa Tsogzol) zu treffen, zu der sie jahrelang keinen Kontakt hatte. 

Wessi selbst ist eingedeutscht. So wirken die ersten Bilder in der Mongolei knallhart als westlicher Blick, als ob ein globalisierter Wohlstandsmensch Pop-Up-Spezialitäten zur Verfeinerung seines Lebensstiles sucht. 

Oft sieht man Wessi versonnen im Bild, im x.ten Stock eines Luxushotels mit Blick über die mongolische Hauptstadt oder in einer Jurte, gar mitten in der Familie, die der Vater zusammenruft, weil die verlorene Tochter aus dem Westen da ist– dieser Gegensatz ist in einem Mongoleifilm unverzichtbar, die Metropole Ulan Bator gegen die Nomadenwelt in der Steppe. 

Die Mongolei, die sie vorfindet, ist nicht so intakt, wie Wessi-Filme das gerne hätten. Die Schwester ist mit einem Trunkenbold verheiratet, der oft nicht nach Hause kommt, so dass die Schwangere allein in ihrer Jurte hockt.

In einer Nachbarjurte wohnt ein Single, ein Einzelgänger, was in Mongoleifilmen auch eher selten ist, Terbish (Terbish Demberei). Wessi kürt ihn für sich als Objekt fürn Sextourismus. Die Familie kann sich sowas nicht vorstellen, der Vater glaubt, es gehe Wessi um eine ernsthafte Beziehung und warnt davor, dabei sieht sie nur den gut gebauten Mann.

Wie die zwei Schwestern eine Nacht allein in der Jurte verbringen, kommt es zu einer ungemütlichen Begegnung mit einem tätowierten Eindringling (Bayarsalkhan Renchinjugder); hier spielt die titelgebende Geschichte von der schwarzen Milch eine allerdings nur wenig hilfreiche Rolle. 

Zum Teil bewegt sich Wessi wie ein Elefant im Porzellanladen, taucht bei einer Zeremonie auf, die nur Männern vorbehalten ist und wie der Mann ihrer Schwester nicht da ist, meint sie unkompliziert, dann schlachte sie eben das Schaf; ein Tabubruch bei den Nomaden. 

Der typische Mongoleifreund kommt trotzdem auf seine Kosten, es fehlen nicht die Pferde, die Weite, die pausbäckigen Gesichter von rundlichen Kindern und Müttern, die Enge und Gemütlichkeit und Einfachheit der Jurte, die Stutenmilch, Szenen, die in Coronazeiten so gar nicht gedreht werden dürften. 

Kommentar zu den Reviews vom 16. Juli 2020

Das Kino rührt sich wieder heftig mit Platzsuche in Berlin, mit energetisch überbordendem afro-american-Jugendkino, mit Filmliebe und Psychoproblemen in Frankreich, mit einer Künstlerhommage für einen deutschen Filmemacher und einer aus einem deutschen Keller, mit der Frage, was der Mann sei ohne Frau, mit einem Geheimnis tief in den Anden, mit der selbstironischen Betrachtung von Erziehungsproblemen in der Schweiz, mit einer kämpferischen Frau aus Polen in der französischen Wissenschaftsgeschichte, mit einem teutonischen Tanzfilmimitat. Und auf DVD mit dem bürgerlichen Leben eines exzessiven Filmemachers in Rom. 

Kino

BERLIN ALEXANDERPLATZ

Hier versucht das deutsche Kino, die Subventionsketten zu sprengen. 

WAVES

Überbordende Energiewellen der Jugend und ihre Nebenwirkungen.

SIBYL – THERAPIE ZWECKLOS

Sandra Hüller glänzt in einer französischen Produktion, die – wovon denn sonst – von der Liebe und vom Kino handelt. 

WIM WENDERS, DESPERADO

ein Geburtstagskränzchen für den deutschen Regisseur.

LEIF IN CONCERT VOL. 2

Genau das hat Corona kaputt gemacht – Nostalgie oder Weckruf?

LA CORDILLERA DE LOS SUENOS – DIE KORDILLERE DER TRÄUME

Die Diktatur in den Knochen – noch nach Jahrzehnten. 

AFTER MIDNIGHT: DIE LIEBE IST EIN MONSTER

American Independent wie in der reinen Vorstellung. 

WIR ELTERN

Kinder präsentieren den Eltern auch nur die Quittung für die Erziehung – unterhaltsam. 

MARIE CURIE – ELEMENTE DES LEBENS

Wie ein persischer Wandteppich und gleichzeitig in stenographischer Kürze.

INTO THE BEAT – DEIN HERZ TANZT

Teutonischer Move auf Betonboden mit Liebes-Rührgeschichte aus der Mayonnaise-Tube.

DVD

TOMMASO UND DER TANZ DER GEISTER

Da diese Geister die bürgerliche Fassade nicht beschmutzen dürfen, werden sie später in einem eigenen Film eingefangen. 

Leif in Concert: Vol. 2

Ein Film mit Freunden.

Corona verleiht diesem Film „mit Freunden“ von Christian Klandt eine möglicherweise historische Dimension. 

Befreit vom Stressfaktor „Subvention“ winden Klandt und seine Freunde ein Kränzchen der Kleinkunst im Keller, Brutstätten von Musikern, Startuppers, Sängern, Tänzern; aber genau solche Räume, sind auch die Brutstätten des Virus geworden. Sie sind die am härtesten getroffenen Opfer der Corona-Politik der Regierung; es sind vor allem Soloselbständige, die zwar, wenn sie in der Künstlersozialkasse sind, einen Ersatz bekommen haben für drei Monate, je nach Bundesland. Sie sind es aber auch, die durch die rigorosen Anticoronamaßnahmen am ärgsten in Mitleidenschaft gezogen worden sind; und die Zukunft ist unklar. Wie soll Stimmung aufkommen in einer Kellerkneipe, wenn die Leute die Abstandsregeln einhalten sollen – und ständig die Hygienepolizei droht? 

Luise Heyer spielt die Bargöttin Lene. Sie kündigt am Schluss den Stargast Leif aus Dänemark an. Sie ist polyglott, wie man sich eine Deutsche nur wünschen kann, sie parliert auf Farsi, Herbräisch, Dänisch, Italienisch, Französisch und Russisch. 

Regisseur Christian Klandt schätzt jeden in seinem Ensemble. Er macht sich einen Gag draus, in den Titeln als größte Namen, denjenigen des Praktikanten zu erwähnen. Er selbst taucht bescheiden im Abspann auf. 

Eine Teamarbeit mit entfesselten Darstellern, die alle ganz genau ihren Typ spielen, Typ verstanden als Mensch, der das tut, was er zu tun müssen glaubt, der die Zeitenläufte erstaunt, irritiert oder humorvoll schmitzig betrachtet; so dass einer mit viel Disziplin versucht, das Rauchen zu beginnen, während die andere Veganerin ist, aber die Nase voll hat von Gemüse und nur noch Fleisch essen kann. 

Es ist eine Welt, die weise Sprüche liebt wie „Leben ist das, was manch einer versäumt, während er sich vor dem Tod fürchtet.“ „Man sollte sich Geld nur von einem Pessimisten leihen – er erwartet es nicht zurück.“ „Man sollte grundsätzlich die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Realität vor allem ein Missverständnis ist.“ „Würden sich Dinge durch Schweigen verkaufen, die Stille unter den Menschen wäre unerträglich.“. 

Tilo Prückner, der überraschenderweise kürzlich verstorben ist, spielt mit als einer der Freunde, den Promiwirt Günther, eine seiner letzten Rollen. Es gibt Widrigkeiten zwischen den Türstehern, die in einer berührenden Szene sich versöhnen, ja sich küssen. Es spielen weiter mit als Klatschfeuilletonist Mirko Tom Lass, es gibt Startupper One-Hit-Wonder Martin, den Schlafgast, den Weinmann, den Biermann, die 45°-Yogalehererin, einen singenden Saug-Roboter, eine Choreografin, einen Römischen Klempner, eine Zigarettenfrau, allen gehört ein Sträußlein gewunden für ihre wunderbare Präsenz.

Der Film spielt an einem Tag in dieser Keller-Jazz-Kneipe oder Bar, die familiär eingerichtet ist und bis zuletzt ist nicht klar, ob das angekündigte Konzert überhaupt stattfinden wird. 

Als Gäste werden selbstverständlich begrüßt die Oma, die tagsüber eigentlich nur reinkam mit ihrem Enkel, weil sie mal musste. So ein Film erlaubt sich, das Thema des Pippi-Gehens im Film zu besprechen; deshalb ist vielleicht das gewisse Örtchen auch eine halbe Bibliothek und es wird diskutiert, welche Literatur für den Stuhlgang förderlich sei.

Tagsüber wird das Lokal Künstlern und Künstlergruppen zum Üben zur Verfügung gestellt. Im Moment sieht es allerdings großwetterpolitisch nicht darnach auch, dass ein Künstlersubstrat wie eine solche Lokalität bald wieder zum hier gewürdigten Humanmodus zurückfinden kann; und ob es die Künstler dann alle als Künstler noch gibt, sollten Abstandgebot und Hygienebürokratievorschriften mal wird verschwinden, das steht in den Sternen. 

Marie Curie – Elemente des Lebens

Wie eine Fotoromanze,

einfach und klar, leicht konsumierbar erzählt Marjane Satrapi nach dem Drehbuch von Jack Thorne die Geschichte von Marie Curie nach dem Comic von Lauren Redniss. Kein Zuschauer soll überfordert sein. Und jeder soll auch kapieren, wie gefährlich die Entdeckung von Marie Curie gewesen sind; das wird mit Vorblenden auf Hieroshima, auf Atomtests 1961 in der Nevada-Wüste oder Tschernobyl 86 unmissverständlich klar gemacht. 

Aber auch die heilende Wirkung wird angeführt mit knapp-klar-eindeutigen Bildern von den Schlachtfeldern des ersten Weltkrieges, und wie ohne Curies Entwicklung eines ersten Radiotherapie-Apparates den Soldaten verletzte Gliedmassen einfach abgehauen statt geheilt worden wären. Drastisch. 

Drastisch ist allerdings auch die Gefahr für den Menschen, der mit dieser Strahlung arbeitet, sie führt zu einer Dauerhusterei im Film, Leukämie und Anämie sind die Folgen des Kontaktes mit Radioaktivität. 

Gegen dieses Drastische setzt Satrapi viel Nebel ein, der die Lichtstimmung milde abdämpft, der die Bemühung der Ausstattung ums Detail schön wirken lässt und gegen das Drastische guckt die Protagonistin Rosamund Pike vor allem besorgt oder sorgenvoll im Bewusstsein der wissenschaftlichen Verantwortung. Wogegen es die strahlenden Liebesszenen gibt. 

Als Mensch will die Curie nicht allzu menschlich sein, lässt sich aber nach Bedenken doch auf die Liebe mit dem Wissenschaftler Pierre Curie (Sam Riley) ein; wodurch die Fotoromanze ihre Wissenschaftlerromanze bekommt inklusive zweier hübscher Mädchen, die aus der Beziehung hervorgehen. 

Auch die Darstellung von Curies Trauma mit der in einer Klinik sterbenden Mutter, als sie selbst noch klein war, führt dazu, dass diese Curie-Verfilmung deutlich haptischer und nachvollziehbarer gerät als jene von vor etwa vier Jahren mit dem Titel Marie Curie

Es ist eine ein-eindeutige Welt: hier die heldenhafte Frau, die für die Ideale der Forschung lebt (und daran zugrunde geht), dort die abgestandene Wissenschaftswelt aus bornierten Männern, die ihr Steine in den Weg legen, wo nur möglich, bis sie die alten Herren, wenn auch spät, doch noch von der Richtigkeit ihrer Forschungsresultate überzeugen kann, nachdem sie jahrelang Kohlensack um Kohlensack zerkleinert, zertrümmert und nach aufwändigen chemischen Prozessen ein leuchtendes Stück Radium isoliert hat und es anlächelt mit mehr Mutterliebe als derjenigen zu den eigenen Babys.

Das muss man erst mal bringen, ein an sich langweiliges Forscher- und Wissenschaftlerleben so einprägsam zu verfilmen! Wobei die Vorlage ja eine „Graphic Novel“ ist. 

Satrapi geht fast protokollarisch knapp vor, um alle wichtigen Elemente dieses Lebens anzutippen; sie erwartet vom Zuschauer Erwachsenheit und nicht die Bequemlichkeit, in einen Erzählsog hineingesaugt zu werden. In dem Film sind Elemente einer Wissenschaftsgeschichte, einer Nobelpreisgeschichte, einer Liebesgeschichte, einer Forschungsgeschichte, einer Diskriminierungsgeschichte, einer Frauenemanzipationsgeschichte, einer Shitstorm-Geschichte (bei ihrer Liebschaft nach dem Tod ihres Mannes) und auch eine PR-Geschichte, wie verschiedene Produkte versuchten mit Radium Werbung zu machen, nicht zu vergessen eine Tanz- und Esoterikgeschichte, die Séancen bei Loie Fuller (siehe Die Tänzerin). 

Wim Wenders, Desperado

Da hinten ist das, wo wir hinwollen

Drehen als Abenteuer verstanden, als offene Geschichte. Wer am Anfang eines Drehbuches genau weiß, wie die Geschichte ausgeht, der ist sicher kein Wim Wenders. So drehen die vielleicht in Hollywood, so drehte Wim Wenders vor allem in seinen Anfangszeiten nicht. Es gab erst mal gar kein Drehbuch, so wie im Film „3 amerikanische LP’s“, da fährt er in München los in einer Ente in Richtung Norden und lässt amerikanische Musik aus seiner riesigen Sammlung von Rockn-Roll-Schallplatten dazu spielen. 

Dieser kurze Musikfilm kommt allerdings nicht vor in diesem wundervollen Geburtstagskränzchen, das Eric Fiedler dem deutschen Regisseur von Weltrang, Wim Wenders, zum 75. Geburtstag flicht. 

Aber der Film ist angefüllt mit Ausschnitten aus vielen von Wenders bekannten Filmen, mit sympathischen Talking Heads, die mit ihm gearbeitet haben und mit einer kleinen Geburtstagsreise mit dem älteren Herrn an viele seiner früheren Dreh- und Wohnorte, teils in immer noch existierende Räume, innen wie außen, in welchen er heute noch Details von Szenen nachspielt, chapeau! 

Wenders ist ein typischer Vertreter des „auteurs“ im Kino, der das Buch selbst schreibt, falls überhaupt, der, wie hier mehrfach erzählt wird, manchmal selbst die Schauspieler absichtsvoll im Dunkeln gelassen hat, der unter Regie verstand, den Eindruck zu erwecken, er wisse, was er wolle. Damit ist er recht gut gefahren. 

Bis Wenders so gut war und Hollywood ihn entdeckte. Der Produzent Francis Ford Coppola war gerade dabei, ein neues Studio aufzubauen und suchte Talente. Selbst war Coppola gerade mit der abenteuerlichen Produktion von „Apokalypse Now“ absorbiert, so dass er gar nicht mitgekriegt hat, was Wenders mit dem Auftragsprojekt „Hammett“ trieb und dass Wenders damalige Frau, eine Schauspielerin, dabei war, aus ihrem Eintagesauftritt eine Hauptrolle zu entwickeln. 

Die Story von Hammett ist die voluminösteste und verrückteste Anekdote in diesem Film, die Wenders erst deutlich vor Augen führte, was der Unterschied zwischen amerikanischem und europäischem Kino ist; also eine wichtige Wegmarke in seiner Entwicklung als Regisseur, die er mit dem Film „Der Stand der Dinge“ verarbeitet hat. 

Da sich aber auch das europäische Kino weiterentwickelt, auch planmäßiger arbeitet, so erzählt es seine Frau, machen ihm die Spielfilme inzwischen zusehends nervlich zu schaffen, während er bei den Dokumentationen derlei Probleme nicht hat.

Es ist berauschend, Szenen vom Dreh zu Pina zu sehen, wie das ganze Kamerateam mit Steadycam mitten in den Tanzchoreographien mit- und herumtanzt. Das Salz der Erde über den Fotografen Sebastiao Salgado ist sicher einer der eindrücklichsten Filme, die es über einen Fotografen gibt. 

Wim Wenders ist keiner der Regisseure, der ständig kämpfen musste, vieles ist ihm geschenkt worden wie er sagt, und er weiß das zu schätzen und findet seinen Beruf nach wie vor ein Glück. Dieses gibt er weiterhin und hoffentlich noch lange an die Zuschauer weiter. 

La Cordillera de los Suenos – Die Kordillere der Träume

Die Diktatur in den Knochen

Patricio Guzmán ist nach dem Militärputsch durch Pinochet aus seiner Heimat Chile geflohen. Losgekommen davon ist er nicht. Er lebt in Frankreich. Und macht immer wieder Filme über Chile, hier war zuletzt zu sehen Der Perlmuttknopf

Ähnlich wie im Perlmuttknopf fängt er mit der chilenischen Natur an und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er bei der Diktatur landet und nach wie vor wie fassungslos darüber reflektiert, zu verstehen versucht; hier hat er sogar einen Gesprächspartner gefunden, einen Literaten, der meint, die Leute von der faschistischen Diktatur seien von ihren neoliberalen Ideen – die sie direkt aus Chicago importierten – wie verzaubert gewesen und die noch leben, seien es heute noch. 

Die Linken seien das Feindbild, das Böse gewesen (so wie der gegenwärtige amerikanische Präsident lauthals darüber schimpft), so schier unbezwingbar wie die Kordilleren, die sich über Tausende von Metern in die Höhe und noch viel weiter in die Länge ausdehnen. 

Mit den Kordilleren fängt Guzmán diesmal an – ruhige Betrachtung der Felsmassive aus der Luft. Guzmán fliegt in Richtung Santiago de Chile, der Hauptstadt. Diese wird so gefilmt, dass sie wie eine endlose Steinwüste aussieht, gar nicht so verschieden von den Anden. Diese nehmen 80 % des Raumes von Chile ein; urbar gemacht sind nur die 20 Prozent an der Küste. Urbar im Sinne des Neoliberalismus, der dem Land derzeit zwar Stabilität verleiht, der aber das System der Pinochet-Diktatur fortschreibt, hier die Reichen, die eigene Autobahnen direkt von ihren privilegierten Wohnvierteln zum Flughafen haben, und auf der anderen Seite die Armen. 

Den größten Schatz des Landes, das Kupfer, ist mehrheitlich in ausländischem Privatbesitz, Geisterzüge rollen nachts zu den Küsten, um das kostbare Wirtschaftsgut außer Landes zu schaffen. 

Den breitesten Raum nimmt der Dokumentarfilmer Pablo ein. Der ist ähnlichen Alters wie Guzmán. Der ist im Land geblieben, wurde irgendwie von der Diktatur verschont. Was es öffentlich zu filmen gab – und immer noch gibt -, das hat er auf Kassette gebannt, da war er immer dabei; er verfügt über ein riesiges Archiv, ein Gedächtnis Chiles. 

Oft werden Wasserwerfer gegen Sprechchöre, die beinah literarische Text ablesen, eingesetzt. Die ganz üblen Sachen, die hinter Gefängnismauern abliefen, die konnte Pablo nicht filmen: Folter, Tötungen, Verschwindenlassen von Menschen. 

Guzmán philosophiert über die Kordilleren, die Anden und setzt sie in Beziehung zu den Menschen; und es bleibt doch alles rätselhaft, autochthon, dieses Chile, es ist, als berge es ein Geheimnis wie die Anden, wie es an einer Stelle heißt, die wie eine Truhe seien. 

Die eigenen Spuren von Guzmán sind teils verwischt, einen Film, den er gemacht hat, ein Wohngebäude, in dem er aufgewachsen ist, das heute eine Ruine ist; leer, aber nicht ganz so ruinenhaft ist das Hochhaus von Pinochets Verwaltung: leer. So verwundert es nicht, dass Guzmán meint, vom Land eine enorme Indifferenz zu verspüren. 

Into the Beat – Dein Herz tanzt

Lernen vom amerikanischen Kino

Hier versucht das deutsche Kino, vom amerikanischen Kino zu lernen. 

Regisseur Stefan Westerwelle hat mit Hannah Schweier auch das Buch geschrieben. Das ist vom Denken und vom Prinzip her schon mal ganz gut. Die Erzählmethode ist diejenige, dass eine Entwicklung angekündigt wird und dann soll der Kinobesucher sich an dieser Vorhersehbarkeit erfreuen, an der perfekten Performance. 

Zuerst wird Katya (Alexandra Pfeifer) vorgestellt. Sie soll 15 sein (hier ergibt sich allerdings schon das erste, gravierende Besetzungsproblem), stammt aus einer berühmten Ballettdynastie, ihr Vater Victor (Trystan Pütter) ist ein berühmter Ballett-Star; die Tochter ist auf dem Sprung an die New Yorker Ballet Academy. 

Dem kommt die Begegnung mit dem Hip-Hop-Tänzer Marlon (Yalany Marschner) in die Quere. Auch hier macht die erste Szene klar, dass zwischen den beiden sich Liebe entwickeln wird und auch klar, dass das Aufkeimen dieser Liebe von Hindernissen begleitet sein wird. Das ist drehbuch-lehrbuchhaft.

Katyas Konflikt wird der sein, sich zwischen den Erwartung des ehrgeizigen Vaters und den Hoffnungen von Marlon, dem „Alien“ – und ihrem eigenen Glück – zu entscheiden. Denn die Hip-Hop-Tanzgruppe und Marlon stehen ebenfalls vor einem Vortanzen – für eine Asientournee. So weit so ordentlich. 

Als Rührelemente kommen die Infos hinzu, dass Marlon weder Vater noch Mutter hat, mithin ein Waise ist und Katya eine Halbwaise, dass ihre Mutter gestorben ist; im Film noch muss sie einen grausamen Sturz (der vor allem ausgeblendet wird; Mitproduzent ist ein Kinderkanal) ihres Vaters auf der Bühne erleben, der ihn tanzunfähig machen wird. Auch so weit so ordentlich gedacht und entwickelt. 

Und so oder ähnlich funktionieren die amerikanischen Tanzfilme, die sich überall auf der Welt verkaufen. Aber wir sind in Teutonien. Wir haben es mit teutonischen „Moves“ zu tun. Wir haben es mit teutonischen Akteuren zu tun. Wir haben es mit einem teutonischen Talentpool zu tun – und der ist deutlich kleiner als der amerikanische und es stellt sich die Frage, ob dieser überhaupt systematisch nach acting-dancing-talents durchforstet worden ist. 

Stefan Westerwelle hat mit Matti & Sami und die drei größten Fehler des Universums einen ansprechenden Kinderfilm vorgestellt. Aber es ist eines, eine hübsche kleine Flunkergeschichte für Kinder zu erzählen oder sich an das Kaliber Kinder-Musik-Tanz-Film zu wagen. Zu schnell wird daraus, wie der vorliegende Film zeigt, ein teutonischer Move mit Rührgeschichte aus der Mayonnaisetube inkluisve der entsprechenden Musik. 

Das dürfte insgesamt mit der deutschen, subventionierten Filmkultur zusammenhängen; wobei gerade Tanz, erst recht der klassische, besondere Disziplin verlangt, Energien und Widerstand in der Performance fordert, die dem entmündigten deutschen Subventionsfilm fremd sind. Sinnbildlich dafür mag sein, dass es mehrere Einstellungen gibt, in denen vor allem Betonboden zu sehen ist mit zwei kleinen, tanzenden Figuren drauf. 

Da der Film in Leipzig und Hamburg gedreht worden ist, muss er wegen Leipzig kinderkanalgerecht sein und aus der Hansestadt muss mindestens einmal tourismuswirksam die Elbphilharmonie ins Bild, das verlangt eine Filmförderung, die sich vor allem als Standortmarketing versteht. 

Die Dialoge dürfte copy-paste einem Leitfaden für Dialoge im TV-subventionierten Kino entnommen sein, austauschbare Sterilsätze, Klischeesätze, wie Katya ihrem kleinen Bruder sagt „Wir müssen jetzt ganz toll lieb sein“; solche Sätze segnet ein jeder Fernsehredakteur blind ab. Entsprechend viel setzen die Darsteller ein Seifenlächeln auf, damit das Kino auch wirklich schmerzfrei bleibt, TV-Süßware. 

After Midnight: Die Liebe ist ein Monster

Hank und Abby.

Hank (Jeremy Gardner, der sowohl das Drehbuch geschrieben und mit Christian Stella auch die Regie geführt hat) und Abby (Brea Gant) sind in der verliebten Phase ihrer Beziehung ein unendlich turtelndes Paar und in entsprechend hell-freundliches Licht getaucht. 

Er wohnt in einem heruntergekommenen Haus seiner Familie in Lake George in einer Wald- und Wiesenlandschaft. Im Scherz sagt Abby, wie sie es das erste Mal sieht, das Wohnhaus von Hank erinnere sie an das Texas Kettensägemassaacker. So schlimm kommt es dann doch nicht. 

Gardner nutzt seine filmische Unabhängigkeit ganz in der Tradition des American Independent Kinos (das am Münchner Filmfest lange Kult war), um dieses Paar exakt unter die Lupe zu nehmen und damit gleichzeitig die tieferen Fragen des Phänomens „Liebe“ oder auch, was die Liebe aus zwei Menschen zu machen imstande ist, zu ergründen. Denn die Menschen sind alle verschieden. Liebe heißt so schon immer auch Verzicht. 

Hank ist der Naturmensch, der gerne jagt, der schnell eine Flinte oder gar eine Bärenfalle parat hat, der mit seinem Kumpel Wade (Henry Zebrowski) gerne einen hebt. Eines Tages ist Abby plötzlich weg und auch unerreichbar. Da sieht Hank sich fundamental in Frage gestellt, was ist er ohne seine Liebe, was ist der Mann ohne seine Frau. 

Im Abgleich mit Hanks Verwandten stehen er undAbby als Paar insofern isoliert da, als Kinder weder geplant noch in Sicht sind. 

Der Titel „After Midnight“, also „Nach Mitternacht“ zielt offensichtlich auf die dunkle Seite der Liebe ab. Diese formuliert sich, wenn die Liebe nicht da ist, bei Hank wirkt sich das extrem aus. Er sieht, spürt und hört Monster überall, er sitzt allein in seinem Haus, er hat Angst, er hat eine ungezügelte Bereitschaft, loszuballern, beim kleinsten Geräusch oder wenn ein Auto vorbeifährt. Monster allerorten. 

Sein Schwager Shane (Justin Brenson), der Polizist am Ort, versucht ihn zu beruhigen, versucht zu vermitteln. Plötzlich nach vier Wochen ist Abby wieder da. Sie sei bei einem Klassentreffen gewesen, gibt sie preis. So etwas dauere doch grade mal ein paar Stunden, wendet Hank ein, was sie denn die übrigen vier Wochen gemacht habe, will er wissen. Sie offenbart, dass sie anderen Interessen gefrönt habe in Miami, dem Stadtleben, sie liebe, die Kultur, Musik, Jazz; und dass es wohl just das sei, was er an ihr so spannend finde. Sie macht von ihm eine entsprechende Analyse, von all seinen Eigenschaften, die eigentlich nicht zu ihr passen, die aber gerade das ausmachen würden, was sie wiederum an ihm interessant findet und liebt. Hier ist ein Moment, in welchem disese Liebe als nicht praktikabel, als nicht kommensurabel erscheint, als nicht lebbar auf Dauer. 

Aber Gardner möchte die Geschichte doch nicht allzusehr ins fundamental Negative laufen lassen; gemeinsame Gespräche, Gesangsauftritte und die leibhaftige Erscheinung des Monsters nutzt er, um zu einem runden Ende zu kommen. Es reicht ja, diesen charmanten und kurzweilig-konzentrierten Blick in die Abgründe des Phänomens der Liebe und des ohne sie demolierten Mannes getan zu haben. 

Tommaso und der Tanz der Geister (DVD)

Das wahre Leben oder das verborgene Leben dieses Römer Stadtbürgers, das tritt dann erst im Film Siberia mit aller Macht zu Tage. Aber Rom ist unendlich schön, gerade für einen Amerikaner, der sich hier niedergelassen hat. Siehe die Review von stefe.

Kommentar zu den Reviews vom 9. Juli 2020

Heldengeschichten. Heldin der Schwarzen-Emanzipation in den USA, Märchenheldin des Coming of Age, Held der Rockmusik, ein Held der Friedensbewegung auf der Flucht, eine Botschafterin des Schamanismus, ein Fotograf von Weltrang als Klatschspaltenobjekt und eindimensionale amerikanische Kriegshelden. Ein Buch ist über Möchtegernhelden in der Nazizeit erschienen.

Kino

HARRIET – DER WEG IN DIE FREIHEIT

Das war eine der frühen Zündstufen für den heutigen „I cannot breahte“-Aufruhr. 

GRETEL & HÄNSEL

Kein Märchentante-Märchen.

RONNIE WOOD: SOMEBODY UP THERE LIKES ME

Gediegen und aussagekräftig: eine Säule der Rockmusik. 

GEGEN DEN STROM – ABGETAUCHT IN VENEZUELA

Einer der BKA-Fälle, die seit Jahrzehnten nicht erledigt sind. 

EINE GRÖSSERE WELT

Hier ist die Mongolei eindeutig Heil-Land. 

HELMUT NEWTON – THE BAD AND THE BEAUTIFUL

Klatschspalten-Reportage – aber die (lein)wandgroßen Fotos, die bleiben.

SEMPER FI

Solche Kameradschafts-, Treue- und Selbstjustizfilme aus Amerika sind immer auch Kriegspropagandafilme.

Buch

BIENENSTICH UND HAKENKREUZ

Ein absurdes Comic-Kapitel aus der Nazizeit.