Archiv der Kategorie: Allgemein

Europa Passage

Hinz & Kunzt,

die Hamburger Obdachlosenzeitschrift, verkauft sich schlecht vor der Europa Passage, vielleicht gerade mal ein Stück alle drei Stunden zu 2.20 Euro, 1.10 Euro muss der Verkäufer aus Rumänien an die Zeitschrift abliefern. Er macht keinen besonders glücklichen Eindruck in dieser Rolle.

Seit einigen Jahren pendelt eine Gruppe von Roma zwischen ihrer rumänischen Heimat und Hamburg. Sie stammen aus einer Romasiedlung in der Nähe von Nämäesti, einem Dorf in den Subkarpaten.

Im Film von Andrei Schwartz haben wir Tirloi schon als Obdachlosen, der unter Brücken pennt und bettelt, kennengelernt. Immerhin sei er seit einigen Monaten trocken meint er in der ersten Drehphase, die 2016 beginnt. Der Fillm schwenkt dann bis 2021 mit Tirloi und seiner Frau Maria zwischen Hamburg und Rumänien hin und her. Oft fährt Maria allein zu ihren Kindern und Enkeln.

In Rumänien gibt es keine Arbeit mehr. Alle Fabriken sind geschlossen, bis auf die Zementfabrik von Holcim. Aber die Arbeiter hier müssen mit Computer umgehen können, das ist nichts für ungebildete Menschen. Holzschlag, eine weitere Einkommensmöglichkeit, ist verboten und wird hart bestraft. Das ist vor allem interessant im Hinblick auf die illegalen Praktiken in Rumänien, wie im Film Der geraubte Wald dargelegt.

In Hamburg erleben sie, wenn Tirloi und Maria feste Arbeit suchen, oft kafkaeske Verhältnisse, sie bräuchten einen festen Wohnsitz, aber ohne einen solchen gibt es keine Arbeit und ohne Arbeit keine Wohnung. Hamburg scheint rigide darin zu sein, die Leute nach Rumänien zurückzuschicken. Hier springen die Kirche und soziale Organisationen ein. Die beiden Protagonisten jedenfalls haben irgendwann eine Wohnung, der Mann hat eine feste Arbeit, über die er nicht sprechen will, auf gar keinen Fall, weil er Nachteile davon befürchtet. Und Maria geht weiter betteln, weil doch ihre Kinder und Enkel in Rumänien Geld brauchen.

Wobei bei so einem Film über Schattengewächse (im Hinblick auf unsere Gesellschaft) zu berücksichtigen bleibt, dass der Film wohl nicht die vollkommen unverstellte Realität abbildet, weil ja immer das Bewusstsein für die Kamera da ist, was auch öfter angesprochen wird. Trotzdem gibt der Film einen Einblick in eine Welt, die wir nur von außen, von der Straße kennen und kann vielleicht das eine oder andere Vorurteil (zu faul zum Arbeiten) relativieren.

Chase

Thriller plus

Ist Gerard Butler als Typ und Schauspieler schon erstklassig genug als Selbstjustiz-Darsteller, der jedem Thriller seinen Stempel aufzudrücken weiß, so hat mich in diesem Film von Marc Frydman nach dem Drehbuch von Brian Goodman darüberhinaus besonders angefixt, das Verhältnis von Will Spann (eben: Protagonist Gerard Butler) zu seiner Frau Lisa (Jaimie Alexander).

Wills Problem ist, dass seine attraktive Frau eine Auszeit will. Das kann er sich überhaupt nicht erklären; dieser Tatsache steht er hilflos gegenüber, wenn sie ihm sagt, er sei ihr bester Freund. Aber, da er sie liebt, akzeptiert er ihr ihren Wunsch und fährt sie aus Manchester, New Hampshire, zu ihren Eltern.

Das ist schwer zu schlucken für einen Action- und Selbstjustizhelden, dass er ausgerechnet einer Frau gegenüber den Kürzeren ziehen soll.

Auf einer Raststätte wenige Kilometer vor dem Haus ihrer Eltern will Will nochmal kurz tanken. Hier kommt ihm seine Frau abhanden.

Brian Goodman erzählt in zügigem Stil, im Sinne eines Videorealismus. In Rückblenden wird die bisherige Beziehung erinnert. Sie ist rätselhaft. Es ist nicht klar, wieso Lisa eine Auszeit möchte.

An einer Tankstelle will Lisa nur schnell im Laden ein Wasser kaufen, während Will den Wagen betankt. Dann ist sie plötzlich verschwunden und keiner will was gesehen haben. Eine für Will schwer erträgliche Situation.

Das erste Verhalten ist noch üblich, Suchen, Rufen, Toilette, Leute fragen. Die Polizei kommt ins Spiel und mit ihr Detective Paterson (Russell Hornsby), eine spannende Gegenfigur zu Will: pragmatisch, cool, von klarem Verstand, direkt.

Das reicht Will bei weitem nicht, dasitzen und abwarten liegt ihm nicht, er hat keine Geduld. Er wird selbst aktiv. Somit fängt der Film an, bekannten Thrillermustern zu folgen; dies sind exzellent und in einem exakt abgesteckten Zeitrahmen von etwa 8 Stunden als Thriller mit Ansage; aber das Interesse an der Beziehung zwischen Will und Lisa und warum sie eine Auszeit wollte, schwindet, muss den Gesetzen des Selbstjustizkrimis weichen. Einen Hinweis gibt allerdings der Song am Anfang „A Dream comes true“; ist nur die Frage, wessen Traum.

Nebenan (DVD)

Das ist Daniel Brühls rührende Beschäftigung mit seinem eigenen Startum einerseits und mit der Berliner Kneipe „Zur Brust“, in der er andererseits seinem großartigen Antagonisten und Beobachter, Peter Kurth als Stammgast und Nachbar, begegnet.

Siehe die Review von stefe.

Jean-Luc Godard

Jean-Luc Godard ist am 13. September 2022 verstorben.

Ein großer Kinoanreger, ein eleganter Kinospieler, einer bei dem Kino nie, wie leider gerade auch heute so oft, nur eine Wahrheit hat, nein, 24 mal pro Sekunde die Wahrheit musste es schon sein in der guten alten Zelluloid-Zeit. Wie viele Wahrheiten also in einem Film! Damit ist nichts mehr im Pixelzeitalter. Also die Frage, ob ein Einfluss Godards, des einmaligen Inspirierers der Nouvelle Vague, heute noch nachweisbar sei. Allenfalls im essaysistischen Film?

So viel Wahrheit in so kurzer Zeit, das regt die Gehirnzellen des Zuschauers an, das ventiliert den Mief im Kopf, das bringt nichts Verborgenes an den Tag, das setzt lauter Bekanntes, lauter bekannte Wahrheiten in neuen Zusammenhang, beleuchtet die „Dinge“ neu, lässt sie vielleicht erst als „Dinge“ existieren.

Godard: spitzenmäßig sind die Schauspieler bei ihm (Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg, Brigitte Bardot, Michel Piccoli, …)

Seine Kunst der Montage, wo er genau den Möwenschrei auf die Tonspur setzt, das ist nicht „irgendwo“, sondern da, wo es pikant ist, wo es Stil hat, wo es einen unerwarteten Akzent setzt. Wie Montage für Godard ein eminenter Teil der Kinoarbeit war, auch die mit den Händen. Und immer auch Texttafeln zu den Bildern. Mit den Händen denken (Bildbuch – Le livre d’image).

In der Nähe des Themas der Hände, was die Hände erarbeiten, der Beruf seiner Figuren ist wichtig, der ökonomische Zusammenhang, allenfalls Ausbeutung, aber auch die Staatsform, die Demokratie, die Geschichte, was die Menschen schon geschaffen haben an Bild- und Kulturwerten, überhaupt, was ist Bewussstsein, kann Film durch die Kunst der Montage ein ganz besonderes Bewusstsein schaffen?

Godard trifft Truffaut- Deux de la Vague.

Wichtig scheint Godard auch für Agnes Varda gewesen zu sein, die es noch im hohen Alter für nötig hielt, ihm in ihrem Film Augenblicke – Gesichter einer Reise ans Bein pinkeln zu müssen.

Film Socialisme: Wer bei Godard keine geistige Anregung findet, dem ist nicht zu helfen.

Alles finster – Folge 2 (BR, Dienstag, 13. September 2022, 21.00 Uhr)

In Schnappatmung geht es weiter. Es schält sich heraus, dass es sich um den Roman „Blackout“ von Marc Elsberg handelt, vermutlich appliziert auf das fingierte Dorf in Bayern. Das Buch wird in einer Szene gezeigt.

Die Serie will die Folgen eines Blackouts in einem Dorf illustrieren. So da in Folge zwei sind: es müssen die Eisvorräte weggeschlabbert werden, eine Tür muss aufgesprengt werden, ein Junge ertüftelt Stromerzeugung mit Früchten, wird vom Vater verboten, da Früchte Mangelware sind, ein Mädchen hat einen Frauenfußball-Angsttraum, ein Junge möchte zur Schule, weil Forschertag ist, ein Typ posaunt den Weltuntergang hinaus, der Pfarrer rennt mit Kerzen herum, bei einer Frau stiebt es Funken aus ihrem Elektrorollstuhl und ein junger Mann wacht bei die Säue auf, eine provisorisch eingerichtete Freiluft-Toilette muss gegen Insekten gespritzt werden, der Supermarkt wird geplündert, recht gemütlich.

Der Dorfbrunnen soll wieder in Betrieb genommen werden, dazu muss der Pfarrer über eine Kinderschaukel hinuntergelassen werden, ein kleiner Benzintank irgendwo im Wald, der noch von Hand abgepumpt werden kann, gerät zum Streitpunkt (wer hat in Österreich die staatliche Autorität darüber?), ein Paar bewegt sich über Land, nachdem das Auto stehen geblieben ist mit seiner spärlichen Beute von der Supermarkträuberei und dann kommt ein Gewitter und kein Problem ist gelöst, also werden die Zuschauer auch die nächste Folge wieder einschalten müssen, wenn sie wissen wollen, wann die Schwangere niederkommt, wer mit dem Restbenzin noch wie weit kommt, ob der Pfarrer den Brunnen wieder in Betrieb nehmen kann, ob alle vom Gewitter wieder trocken geworden sind.

Fazit nach zwei Folgen: die Serie hat einen Sympathiepunkt gewonnen, da sie doch definitiv klar gemacht hat, dass sie sich als Katastrophenfilm sieht, wenn auch holprig eingeführt und erzählt und dass sie dazu steht, dass sie über viel zu wenig Finanzmittel verfügt, um mit amerikanischen Vorbildern mitzuhalten, da stört es nicht wenn hellichter Tag ist und über dem Set Regen als vorgebliches Gewitter gesprüht wird, da stört es nicht, dass ein billiges Rohrkonstrukt für eine Kinderschaukel so stark sein soll, dass es einen schweren Mann meterweise sicher in die Tiefe trägt und da stört es auch nicht, dass die Schauspieler ab und an bei ihrem vollen Einsatz über die Stränge schlagen.

Eine liebevolles Stück bayerisch-österreichische Fernsehprovinz.

Alles finster – Folge 1 (BR, Dienstag, 13. September 2022, 20.15 Uhr)

Harte Frauen, dumpfe Männer und viele Aufgeregtheiten

Eine Serie gehorcht dem Gesetz der Gewonheit, wenn man nur immer wieder neue Folgen sendet, wird sich das Publikum daran gewöhnen. Insofern ist eine Vorstellung der einzelnen Figuren nicht nötig, scheinen sich die Macher dieser Serie über ein 50-Seelen-Dorf einer bayerisch-österreichischen Gemengelage gesagt zu haben, es sind dies Michael Riebl als Regisseur, Selina Gina Kolland als Autorin, Claudia Kolland als Dramaturgin und von Seiten des BR Bettina Ricklefs als Redakteurin, von Seiten des ORF Katharina Schenk und Kerstin Bertsch.

Ein Fußballspiel soll stattfinden. Ein Mitspieler, ein Bauer, reist kurzfristig mit einer zickigen Ehefrau in Urlaub. Es fehlt ein Mann. Einer springt ein, seine Freundin bleibt im Auto zurück. Es ist Nacht. Es gibt einen Stromausfall. Der wird repariert. Dann noch einen. Das Spiel kann nicht fortgesetzt werden.

Es gibt einen Blackout weit über die Region hinaus, in Bayern mit seiner Energiepolitik gar nicht so absurd; ein Warnsignal an die Staatsregierung.

Es dominieren auf der Besetzungliste harte Frauen und dumpfe Männer; ständig sind sie in aufgeregten Auseinandersetzungen. Was die Serie erzählen will ist noch nicht mal in Umrissen ablesbar. Es folgt die Schlusspointe vom Truthahn, dem von Thanksgiving, der ein glückliches Leben lang gemästet wird, um dann geschlachtet zu werden. Frage: wer ist dieser Truthahn? Der sind wir alle. Für solche platten Erkenntnisse brauchen wir natürlich keine BR/ORF-Fernsehserie.

Die Figuren wirken alle, wie der Lostrommel entnommen, die Paare so, als würden sie sich das erste Mal sehen, als hätten sie keine Geschichte. Außer, dass es oft laut ist, werden Charaktere nicht in Umrissen erkennbar. Die Jugend jedenfalls will noch die Welt verändern und Zigaretten rauchen ist schädlich. Das ist öffentlich-rechtlich und das ist wohl gut so.

Es ist nun aber nicht so, dass wie die Figuren vom Drehbuch her vorgestellt werden, und was zu spielen sie sich redlich professionell bemühen, auch nur eine dieser Figuren irgend ein besonderes Interesse hervorrufen würde. Vielmehr scheint es so, als sollte dieses Personal dem Zuschauer eingehämmert werden, so dass er sich daran gewöhnt, was, siehe weiter oben, mit dem Gesetz der Serie zusammenhängen dürfte.

Kommentar zu den Reviews vom 8. September 2022

Womit beglückt uns das Kino heute? Mit einem tollen Start-Up im Kosovo aus den Trümmern des Krieges. Mit einem traumhaften Poem vor Venedig. Mit einem rückgekoppelten Horror einer mädchenhaften Frau in Estland und den USA. Mit einer modernen, deutschen Gebrüder-Grimm-Weichzeichner. Mit direkter Werbung für eine französische Tanzcompagnie. Mit Jugendlichen multireligiösen Hintergrundes, die im Gesang zur Toleranz find. Auf DVD weiß der tierbeobachtende Mensch nicht sicher, ob er das Objekt der Beobachtung ist und es thrahsht sich krass teutonisch. Das TV gibt der Diskussion über die Existenzberechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit mittelmäßigen Produkten Nahrung.

Kino

HIVE
Die Männer beschimpfen diese zupackenden Frauen.

ATLANTIDE
Traum von der Frau oder vom Motorboot mit vielen PS?

ORPHAN: FIRST KILL
Es kommt noch dicker als der Anfang vermuten lässt.

ALLE FÜR ELLA
Gebrüder Grimm als Schonkost für heute.

DAS LEBEN EIN TANZ
Klassik ist verstaubt und Modern Dance das Heilmittel.

DIE JUNGEN KADYAS
Mit jiddischen Liedern gegen religiöse Voruteile.

DVD
DER SCHNEELEOPARD
Wer beobachtet hier wen?

TOTAL THRASH
Teuton as Teuton can.

TV
CHECKER TOBI – DER MIGRATIONS-CHECK
Sonntagsschule mit laangen Zöpfen.

VON OBEN NACH UNTEN
Abstrus mit Pseudointellusprech garniert

Atlantide

Wer sein

Der grad so ausgewachsene Mann möchte wer sein. Er möchte seinen eigenen Kopf haben. Sein Spielzeug ist ein Motorboot. Er möchte respektiert werden.

Der so spricht, ist Daniele (Daniele Barison). Noch muss er beim Opa in der Landwirtschaft mithelfen. Aber sonst ist Zeit. Zum Rumhängen, Schwimmen, Motorboot fahren.

Der Film von Yuri Ancarani kann fast als klassisches Drama gesehen werden mit Prolog, 3 Akten und dem Epilog.

Der Prolog spielt in einer Lagune, eine Traumlandschaft wie Atlantis. Erst nach einer gewissen Zeit kommen die dunklen Zypressen von San Francesco del Deserto vor Venedig als Hinweis auf die dunkle Seite ins Bild.

Die ersten Szenen sind erotikgeschwängerte Ruhe, Sonne, Wasser. Ein junger Mann liegt in einem verglasten Raum auf einen Steg. Liegt und tut nichts. Junge Frauen springen draußen ins Wasser. Die Luft ist gerade durch die wenige Action durchdrungen von Ahnung und Zukunft. Wobei Jungs und Frauen vorerst unschuldig sich des Wassers erfreuen. Eine Stimmung und eine Atmosphäre vielleicht wie bei Cesare Pavese.

Der erste Akt des Dramas könnte als die Liebe zwischen Daniele und Maila (Maila Dabalà) bezeichnet werden. Harmlose Geplänkel, totale Verliebtheit von Maila; aber sie habe nicht ihren eigenen Kopf, sie höre auf andere, meint Daniele. Sie stellt fest, dass die Liebelei mit ihm nicht selbstverständlich sei. Er hat andere Ziele. Das Boot ist ihm wichtig. Aber es gibt andere Jungs, die sind schneller. Sein Motor tut nicht richtig. Daniele wäre zufrieden, wenn er auch nur einen Kilometer pro Stunde schneller wäre als die anderen jungen Männer. Er möchte wohl wer sein. Dahin zu kommen, geht nicht auf graden Wegen, geht nicht ohne Diebstahl und unsaubere Geschäfte ab.

Vielleicht etwas dick symbolisch fällt eine Dalbe in der Lagune ins Wasser. Weiterer Hinweis auf Dunkles. Es kommt zum Bruch mit Maila. Daniele ist jetzt befreit zur reinen Sexlust mit irgendwelchen Frauen. Der zweite Akt.

Der dritte Akt wird der Kampf der Männer, die Wettfahrt mit dunklem Ende.

Der Epilog ist eine lange, improvisierte Fahrt mit quergestellter Kamera durch die Kanäle Venedigs, die Stadt auf der Wasseroberfläche gespiegelt, nachts. Die Boote der jungen Männer werfen blaues oder grünes Neonlicht auf ihre Umgebung. Ein bildfaszinierendes, dialogarmes Stück, das von einer verführerischen Bildwelt lebt.

Der Tod, der gehört nach Venedig, nicht erst seit Thomas Mann oder Nicolas Roeg. Es gibt Hip-Hop-Einlagen aus einem Schiff, es gibt den signifikanten Song „no me interesa“ – das interessiert mich nicht, aber auch den Song „Vivere“, leben!

2

Die jungen Kadyas

Klar, die Jugend wünscht Frieden.

Zumindest die hier porträtierten jungen Frauen, die bei dem deutsch-israelischen Chorprojekt mitmachen. Es gibt andere junge Menschen auf der Welt, die anderen Einflüssen ausgesetzt sind.

Das hier von Yvonne Andrä und Eyal Davidovitch dokumentierte Projekt versammelt junge Frauen der unterschiedlichsten Religionen und Herkunft. Es gibt den christlichen Background, den jüdischen, den muslimischen. Sie kommen aus Deutschland, Israel, Palästina.

Das Jiddische einigt sie, eine bedrohte Sprache, die in Israel verboten war, die sich in 1000 Jahren der Emigration entwickelt hat. Ein Chor deutscher und ein Chor israelischer Provenienz wollen zusammen jiddische Lieder einstudieren und konzertant aufführen.

Es ist ein Austauschprojekt unter jungen Menschen. Es wird viel diskutiert wie in idealistischen Jugendinitiativen üblich; es herrscht eine lockere Freizeitatmosphäre, ungezwungen; man weiß über die unterschiedlichen Hintergründe Bescheid, man tauscht sich aus über Vorteile und Nachteile, über unterschiedliche Auffassungen von Disziplin, über Religiosität, die wohl keine allzu große Rolle spielt, über israelische, verordnete Propaganda, dass israelische Bürger im Ausland Isarel von seiner guten Seite zu repräsentieren habe, dass Israel kein Apartheid-Staat sei.

Es gibt beschwingte Musik, die Ausflugsbilder untermalt. In Israel wird die Klagemauer besucht, aber auch das Meer, in Deutschland beim Gegenbesuch gehört der obligate KZ-Besuch dazu.

Der Film geht in Kapiteln vor und verzichtet auf die Verzopfmethode verschiedener Stränge; viele Gespräche sind inszeniert, also die Leute sind vor der Kamera, spazierend oder immobil und gehen die Themen an.

Es gibt Informationen über das Jiddische, das sich aus lebenspraktischen Gründen in der Diaspora, speziell auch im deutschen Sprachraum, entwickelt hat. Und es gibt die Mädchen von einer Familie aus Deutschland, die zuhause jiddisch sprechen; allerdings, wenn es ums Schimpfen und Fluchen und Streiten gehe, dann würden sie schnell ins Deutsche zurückfallen.

Kriegeray ist der Titel über ein Kapitel, was Kampf bedeutet. Und junge Palästinenserinnen wundern sich über den Test, den sie machen müssen, wenn sie eine Reise außerhalb Israels antreten wollen, um beispielsweise in Weimar beim Kadya-Sommer-Festival aufzutreten.