Archiv der Kategorie: Allgemein

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes

Freiheit / Unfreiheit / Kompensation

Nach dem direkter politischen The Change wendet sich Jan Komasa nach dem Drehbuch von Bartek Bartosik und Naqqash Khalid wieder mehr dem weltanschaulichen Genre, der Betrachtung des Menschen als eines nicht freien Wesens und wie er damit umgeht, zu.

Komasas Hintergrund bleibt polnisch. Mit Corpus Christi hatte er einen liebevollen Blick auf die polnische (katholische) Gläubigkeit geworfen. Jetzt wird es fundamentaler und damit wirkt der Film dozierender.

Der Mensch kommt in seiner Unfreiheit nicht zurecht und verheddert sich in ständigen Kompensationsversuchen. Das zeigen die wilden, mit viel Reißkamera produzierten Bilder der ersten Sequenz: jene des ausschweifenden Drogenparty-Lebens von Tommy (Anson Boon).

Der Film wendet sich abrupt der Nüchternheit zu. Rina (Monika Frajczyk) ist eine Frau, die einen Job sucht. Sie ist in England von der Abschiebung bedroht und bereit, Konzessionen zu machen. Sie ist im Bewerbungsgespräch mit Chris (Stephen Graham). Der hat minutiös über sie recherchiert und verlangt mehr Diskretion auch über den Job hinaus, als gemeinhin nötig.

Rina steht vor dem abgelegenen Anwesen von Chris. Er beoachtet von einem Zimmer aus die Zufahrtsallee. Er klebt sich sein Toupet auf. Ein Haarteil als bewährtes und prägnant eingesetztes Symbol für Falschheit. Dabei spielt er den naiven Biedermann und will unbedingt ein Guter sein. Er muss sehr reich sein, das einsam gelegene Landhaus, der riesige Umschwung, keine Nachbarn weit und breit.

Der Film schwenkt ab hier in einen dichten, intensiven Tableau-Erzählmodus über und packt allein dadurch. Aber auch durch die ständig offenen Fragen, wie die nach und nach vorgestellten Hausbewohner zueinander stehen, wie Rina sich einpasst.

Sie soll vorerst zweimal die Woche kommen und im Haushalt helfen. Hier ist noch Kathryn (Andrea Riseborough), die anfangs einen vollkommen weggetretenen Eindruck macht, der Bub Jonathan, der trotz stark stilisierter und um Beherrschtheit bemühten Umgebung sich fast frei verhält, obwohl er seine innere, dem Haus angepasste Zensur, längst entwickelt haben müsste.

Im Keller wird Tommy in Ketten gefangen gehalten. Er hat keine Ahnung, wieso er da ist, und wo er sich befindet. Er hat keinen Zugang zu Kommunikation außerhalb des Hauses, zu seiner Freundesclique, zu seiner Familie. Er wurde gekidnappt.

Die Familie und mit ihr der Film zelebrieren die moralischen Verbesserungsversuche an Tommy, wie ihm Schritt für Schritt mehr Kommunikation innerhalb des Hauses, wie ihm Zugang zu Büchern, schließlich auch, mit der Kette an einer Schiene, zu anderen Räumen des Hauses gewährt wird. Es scheint so, als sei der Freiheitsbegriff derjenige, der alle Bewohner – bald gehört auch Rina dazu – gefangen halte.

Der Film könnte auch gesehen werden als eine Versuchsanordnung zur menschlichen Freiheit oder zur Kompensation von Unfreiheit. Das Kino als fesselnde moralische Kanzel, die auf Kichereffekte nicht verzichtet.

Do You Love Me

Lob des Libanon

Wie will man als Dokumentaristin dem Libanon ein adäquates filmisches Kränzchen winden, außer mit einer rasanten Montage und Collage an Clips aus dem Zedernstaat am Mittelmeer im Nahen Osten?

Lana Daher, die mit Qutaiba Barhamji auch das Drehbuch geschrieben hat, muss Unmengen von Filmmaterial aus und über den Libanon der letzten Jahrzehnte gesichtet haben, Dokumentarfilme, Spielfilme, Homevideos und auch Familienalben, TV-Shows. Daraus hat sie eine chaotische Kompilation montiert – ohne Anspruch auf Systematik und Vollständigkeit -, was den Libanon seit den frühen 70ern durchgeschüttelt, durchgerüttelt und zerrüttet hat, ein schmerzhaftes Bild eines Landes, das bis dorthin als Schweiz des Nahen Ostens galt, als Sommerfrische der Saudis, als ein Treffpunkt des internationalen Jetsets.

Dann geriet das Land in die Mühlen des never-ending Nahostkonfliktes, der schon im Vorfeld der Gründung des Staates Israels begonnen hatte. So ist das Land, das früher als toleranter Hort für Religionen und Ethnien galt, der Zerstörung preisgegeben.

Die Menschen leben trotzdem. Nebst Bildern von Waffen, Militär, Explosionen, Kontrollpunkten, Ruinen gibt es auch die glücklichen, die Sommerbilder am Meer oder am Pool, die Feelgoodshows am Fernsehen, Hochzeiten oder das Handeln im Basar. Es wird gefeiert in den Ruinen, getanzt und gesungen.

Die Frage nach der Identität des Landes wird gestellt, die nach der Geschichte, nach dem kollektiven Gedächtnis.

Einige Reviews von stefe zu Filmen aus dem Libanon oder mit Libanon-Bezug:
Kash Kash,
Tel Aviv – Beirut
Good Bye and Hello, der Mann, der seine Haut verkaufte,
Taste of Cement,
Liebe Halal,
The Insult – L’insulte,
Go Home,
Zaytoun,
Wer weiß wohin,
Die Frau, die singt – Incendies.

Nürnberg

Görings Shrink

In diesem Film von James Vanderbilt nach dem Buch von Jack El-Hai „The Nazi and the Psychiatrist“ geht es um die Nürnberger Prozesse, die bis dahin einmalig in der Geschichte waren und wie sie im Film A Man can Make a Difference über eine der treibender Kärfte, Anwalt Benjamin Ferencz, hartnäckig betrieben worden sind (auch in War and Justice zu sehen).

Hier im Film kommt Ferencz nicht vor. Das vermisst man schon, wenn man den Film über ihn gesehen hat. Dafür spielt der andere amerikanische Ankläger eine Rolle: Robert H. Jackson (Michael Shannon). Der ist das ziemliche Gegenteil von Ferencz. Er ist ein eher verunsicherter Typ, nicht besonders motiviert und Göring an Intellekt und Wortgewandtheit unterlegen. Er wird die Befragung von Hermann Göring (Russel Crowe) vornehmen. Das ist vorgegriffen.

Der Film fängt im ersten Moment in altbekannter Holocaustverabeitungsfilmmanier an. Der Krieg ist eben zu Ende gegangen. Ein langer Flüchtlingstreck, beschützt von den Amis, ist auf dem Land unterwegs. Eine Limousine mit Nazistandarte nähert sich aus der Gegenrichtung.

Jetzt weicht der Film von Erwartungshaltungen ab: die Amis bringen die Limousine mit vorgehaltenen Gewehren zum Stehen. Ihr entsteigt Hermann Göring, Reichsmarschall, wie er sich selbst noch nennt. Er ergibt sich. Im Auto sind seine Frau Emmy (Lotte Verbeek) und seine Tochter.

Der Film wendet sich jetzt Washington zu. Hier wird die Errichtung eines Strafgerichtes diskutiert. Das wird im Vergleich zum Ferencz-Film eher anskizziert, fragmentarisch gezeigt. Jackson wird als Ankläger delegiert.

Auf dem Weg nach Nürnberg befindet sich auch der Psychiater Douglas M. Kelley (Rami Malek). Er soll Göring untersuchen und etwaige Auffälligkeiten in dessen Psyche feststellen. Sein Dolmetscher wird Howe Triest (Leo Woodall) sein.

Es werden die anderen Hauptverantwortlichen, denen vordringlich der Prozess gemacht werden soll, kurz vorgestellt.

Der Film konzentriert sich auf das Verhältnis zwischen dem Psychiater und dem Gefangenen. Ein spannendes Spiel entwickelt sich zwischen den beiden. Der Psychiater entdeckt Schwachstellen bei seinem Patienten. Er merkt auch schnell, dass dieser sehr wohl Englisch verstehen und sprechen kann.

Kelley führt exakt Buch über die Besprechungen mit Göring. Er sieht, wie raffiniert und von sich selbst überzeugt dieser ist und dass die Anklage es in einem Prozess schwer haben wird, besonders Jackson scheint Göring nicht gewachsen.

Die Verhandlung wird spannend werden, umso mehr, als Kelley wegen einem Vertrauensbruch seines Postens enthoben wird. Schafft Jackson es, Göring in die Defensive zu treiben? Die große Frage hinter seiner Aktivität ist faktisch diejenige, nach der Banalität des Bösen oder ob die Naziverbrecher eben nicht banal gewesen seien.

Den Prozess selbst benutzt der Film um schaudern machendes Archivmaterial von der Befreiung der KZs, von zu Skeletten abgemagerten Gefangenen und Leichenbergen einzusetzen. Ein akzeptabler Holocaustaufarbeitungsfilm, vielleicht nicht ganz so stark im Ansatz wie The Zone of Interest oder Die Ermittlung. Dem Film scheint die Konstruktion eine Filmdramas à la Hollywood wichtiger als historische Genauigkeit.

Das Gewicht der Welt

Rufer in der Wüste,

das sind Dr. Nana Maria Grüning, Dr. Maria Hörhold und Prof. Dr. Sebastian Seiffert, die Protagonisten dieser Wissenschaftler-Dokumentation von Florian Heinzen-Ziob, sind sie Rufer in der Wüste?

Es sind Wissenschaftler, die den Klimawandel vermessen und der ist, das ist Konsens nicht nur unter ihnen, unleugbar. Dennoch reagiert die Politik nicht, gibt es in Deutschland immer noch kein Tempolimit auf Autobahnen; immerhin das 9-Euro-Ticket ist inzwischen als Deutschland-Ticket für derzeit 63 Euro etabliert und soll wohl auch bleiben.

Trotzdem ist der Schadstoff-, der CO2-Ausstoß auf einem Höchststand weltweit und Klimaproteste haben ihre Medienwirksamkeit verloren, haben sich abgenutzt, die Medien verlangen ständig nach Skandaleskalation. Zu schweigen von der Politik, die den Klimawandel, wenn sie ihn nicht gar leugnet, so doch zu ignorieren versucht.

Das stimmt die Protagonisten dieses Filmes nachdenklich, lässt sie auch mal Vorträge absagen, was soll‘ s, sie erklären den Klimawandel und die katastrophalen Folgen auf unser Leben, aber nichts ändert sich.

Deshalb hatten sie zusammen mit anderen beschlossen, sie wollen was tun. Als „Scientist Rebellion“ sind sie aufsäßig geworden, haben sich auf Straßen festgeklebt und mussten von Polizisten weggetragen werden; damals haben sie noch Aufmerksamkeit erregt, die Medien waren da; es folgten Gerichtsverfahren. Statt dass der Staat den Alarm ernst genommen hätte, hatte er die Alarmierer bestraft.

Die wissenschaftlichen Befunde sind eindeutig, die Phase der Menschheit, in der sich unsere Zivilisation und Moderne entwickelt haben, waren die klimatisch stabilen paar tausend Jahre. Das ist gerade dabei, sich rapide zu verändern.

Der Film porträtiert seine Protagonisten auch als private Persönlichkeiten, stellt ihre Beweggründe für die wissenschaftliche Laufbahn vor. Aquarelle mit Motiven aus der Natur können eine Kompensation sein. Das Wandern im Harz ist mehr ein Aufrütteln, wenn einer den Unterschied zu seiner Jugend sieht, als die Wälder noch intakt waren, jetzt sind es Baumskelettansammlungen. Dazwischen fährt die historische Dampflokbahn zum Brocken und stößt apokalyptisch schwarze Rauchwolken aus. Symbolbilder, die auf ihre Weise den Klimawandel ausdrücken.

Leitmotiv für diese Wissenschaftler ist der Satz von Albert Einstein, dass diejenigen, die das Privileg zu wissen haben, auch die Pflicht zu handeln hätten.

Bezzel & Schwarz – Die Grenzgänger – Auf dem Autohof Geiselwind (BR, Montag, 4. Mai 2026, 20.15 Uhr)

Gut gelaunt

So ein Autohof ist was für Männer, für große Buben. Deshalb dürften Sebastian Bezzel und Simon Schwarz auch bester Laune beim Besuch gewesen sein. Große Buben kriegen große Äuglein, wenn vor ihnen ein Trucker steht.

Die Bayern-Reise-Reihe von Ekki Wetzel unter redaktioneller Verantwortung von Anne Bürger, Ingmar Grundmann und Iris Messow-Ludwig scheint ein Erfolgsrezept zu sein. Die zwei wohlbeleibten Promi-Männer zusammengeschnitten auf eine bekömmliche dreiviertel Fernsehstunde als Reiseführer. Sie nehmen den Zuschauer mit zu Sehenswürdigkeiten und Funktionalien des Alltags, sie bringen Leute vor die Kamera, die sonst eher im Hintergrund agieren. Dabei überfordern sie den Zuschauer nicht.

Es sind dies touristische Erkundungen. Sie bleiben skizzenhaft und oberflächlich, können aber neugierig machen oder Infos liefern, die man noch nicht hatte oder gar etwas Neues bieten wie hier, der ungewöhnliche Autohof Strohofer Geiselwind an der A 3 zwischen Nürnberg und Würzburg.

Autobahnbau ist oft umstritten und gehasst von den Betroffenen, es gibt Enteignungen. Bauer Strohofer wollte sich nicht damit zufrieden geben, dass sein Hof und sein Gelände von der Autobahn zerschnitten wurden. Er hat aus der Not eine Tugend gemacht. Er hat nicht nur den Autohof errichtet, er hat auf dem Riesenareal eine Eventhalle hingestellt, ein Hotel, eine Kirche. Er hat als Privatmann einen Ort für die nähere und weitere Öffentlichkeit geschaffen, einen beliebten Aufenthaltsort für LKW-Fahrer mit Garage und Shop. Enkel und Enkelin, die die Geschäfte inzwischen führen, zeigen den beiden Fernsehpromis das Gelände und seine Einrichtungen.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Lebenslinien – Der blinde Skater (BR, Montag, 4. Mai 2026, 22.00 Uhr)

Kuba als Schlüsselerlebnis

Das sollte der deutschen Schulmedizin zu denken geben; der Bub Johannes, der eine selten Seherkrankung hat, bei der die Sicht ständig schlechter wird, weil die Netzhaut sich unaufhaltsam auflöst, hat in Kuba etwas erlebt, was er aus Deutschland nicht kannte.

Johannes ist mit seinem Vater nach Kuba geflogen, weil die deutschen Ärzte nicht mehr helfen konnten, weil es für diese Augenkrankheit in Kuba eine OP gab, die hier nicht erlaubt ist. In Kuba waren alle so menschlich, so freundlich, haben sich Zeit für den Patienten genommen und vor allem konnte der Zerfall der Netzhaut gestoppt werden.

Johannes hat noch eine ganz minime Sehkraft, so als ob er durch ein ganz kleines Löchlein schaut und unscharf Helligkeiten und Farben sieht. Die Kubaerfahrung hat ihm ein bisher unbekanntes Selbstwertgefühl gegeben.

Diese Lebenslinien von Laura Fischbar unter redaktioneller Obhut von Christiane von Hahn gehören zu jenen wenigen exzeptionellen, bei denen das eingefahrene Formatmuster in den Hintergrund tritt vor der Erzählfreude des Protagonisten.

Da Johannes viel durchgemacht hat an Einsamkeit, hat er auch viel nachgedacht und kann seine Entwicklungen bestens formulieren und erzählen. Auch erwecken diese Lebenslinien den Eindruck, als ob nicht nur der Protagonist, sondern auch seine Eltern und seine Brüder richtig glücklich sind darüber, diese Geschichte einer Öffentlichkeit mitteilen und zugänglich machen zu dürfen. Sie kommen nicht rüber als eitle Selbstdarstellung, sie leben vom Mitteilungsbedarf, weil da viel gereift und spruchreif ist. Johannes hat ohngeachtet seiner Behinderung einen Abenteuerdrang, den er im Skaten ausleben kann.

Sportverletzungen erleiden ja nicht nur blinde Sportler, Sportler riskieren immer Grenzen, das ist der Kitzel.

Ein anderer Skater stellt nüchtern fest, sich das Terrain vorher genau anschauen, das machen die anderen alle auch, da sind sie sich exakt gleich, es kommen beim Johannes lediglich ein paar Details dazu, die er besonders berücksichtigen muss.

Dies Lebenslinien werde zu einer menschlichen Begegnung; sie sind mehr, als nur die Befriedigung von Neugier.

Bei so einem Protagonisten könnte der BR es gerne auch versuchen, auf den Voice-Over-Kommentar zu verzichten; wäre mehr Arbeit, könnte sich aber als lohnenswert erweisen.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Holy Mary – Wer glaubt an Marienerscheinungen? (BR, Freitag, 1. Mai 2026, 09.15 Uhr)

Wenn so eine Sendung wie diese von Tobias Henkenhaf und Kira Gantner unter redaktioneller Verantwortung von Sabine Winter öffentlich-rechtlich-taugliches Material sein soll, dann kann bald jeder sein privates Home- und Reisemovie von seiner privaten Campingreise (Papa mit zwei Töchterchen) an einen Pilgerort und angereichert mit Dokumaterial zur 100-Jahr-Feier von Lourdes, wovon sich genug auf Youtube finden lässt, und mit von KI bestimmt bereitwillig zur Verfügung gestellten Schnipseln von der Marienpilgerei allüberall, mit Aufrechnung der Zwangsgebühr öffentlich-rechtlich versenden. Da kann doch jeder gleich sein Programm machen, als Homevideo auf seinem Klo,als YouTube-Channel, da brauchen wir weder die Öffentlich-Rechtlichen noch deren Zwangsgebühren. Dann noch eine Irgend-Musik lieblos drübergelegt, darf auch mal ein Choral sein.

Und das alles, ohne auch nur einen Millimeter Erkenntnisgewinn zum Wesen der Marienverehrung, was nicht innert Minuten im Internet einsehbar wäre. Auch keine soziologische Einordnung. Dafür Blabla-Talking Heads (gerne auch berührt und gefühlsdusselig) und eine laienhafte Führung durch den Papa; der braucht nachher einen Schnaps und Töchterchen mit Bauchkrabbeln meint, ob er ein Fanboy sei.

Papa darf sich hinknien vor einem Bett, persönliche Ergriffenheit mimen und ein Tränchen verdrücken. Eine Wissenschaftlerin plappert etwas vom Blue-Print eines Marienwallfahrtsortes.

Wichtige Erörterung, ob bei einer Wallfahrerversammlung mehr Leute als bei einem Kickerspiel sind und Papa meint, in so einer großen Kirche sei er noch nicht gewesen, die sei ja riesig. Um solche Ergüsse zu finanzieren, zwingt mir der Staat die Rundfunkhaushaltsgebühr ab! (Weil, das ist für den Fortgang meines Lebens eminent wichtig, zu wissen, dass ein mir nicht näher bekannter Herr X, der mir am A. vorbeigeht, noch nicht in so einer großen Kirche gewesen sei). Sendezeit, Sendezeit, du bist so gar nicht kostbar.

Ein weiterer Beitrag zur Delegitimation eines sozial unfair zu Lasten einkommensschwacher Schichten zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunkes. Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk selbst wollen wir den Wunderglauben lassen, mit solchen Sendungen seine eminent wichtige, demokratische Funktion wahrgenommen zu haben. Die AfD nimmt es wohlwollend zur Kenntnis.

Wer ist Anna Kemmer? Redaktionelle Mitarbeit, steht im Abspann; wenn sie schlau ist, wird sie später vielleicht sagen, hier habe sie gelernt, wie man es nicht machen soll.

Manche mögen bei so einer Pilgerfahrt den Glauben an Maria wiederfinden; wir selbst verlieren angesichts solcher Sendeformate endgültig das letzte Körnchen Glauben an eine demokratisch wichtige und wirksame Funktion dieses öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Und wem das in die Hände spielt, siehe weiter oben.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Maibaum Hunters (Folge 1) (BR Fernsehen, Donnerstag, 30. April 2026, 20.15 Uhr)

„Was ist unser Sport? – Langholztransport!“

Maibaumklau – das bayerische Brauchtum muss im Titel mit englischem Zusatz unbedingt verfremdet werden – ist eine robuste, bayerische Burschentradition.

Diese hat sich der Entertainment Konzern Endemolshine Germany geschnappt, um ihn tüchtig zu frisieren, zu deodorieren und in ein geruchloses Fernsehformat zu pressen, um damit ein paar Zwangsgebührenkröten vom Bayerischen Rundfunk abzugreifen.

Der BR wiederum fährt dafür Kohorten von mit Zwangsgebühren finanzierten Redakteuren auf. Sie greifen auf das altbewährte Mittel von den heimeligen Samstagabendshows von anno dunnemals zurück, den Challenges, wie es auf Neubayerisch heißt.

Gehirnkrampfig müssen solche Wettbewerbe erfunden, definiert, der Brauch wie einsten Prokrustes seinem Bett angepasst und in Regeln gegossen werden. Ein paar TV-geile Gaudi-Burschen lassen sich immer finden.

Wie das Fernsehen den Social Media hinterherhechelt, zeigt es damit, dass es auf „Creators“ aus dem Internet zurückgreift und die gleich die Chose mitdokumentieren und toll finden lässt. Vom Brauch bleibt nicht viel übrig.

Nie haben die Öffentlich-Rechtlichen ihre eigene Überflüssigkeit besser dokumentiert als mit solchen Sendungen. Kaum je dürften sie schlechteres Fernsehen gemacht haben. Kaum je dürften sie jenen mehr in die Hände gespielt haben, die die Abschaffung des ÖRR fordern als mit solch überflüssigen Formaten.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Kommentar zu den Reviews vom 30. April 2026

Frühjahr! Aus welch verschiedenen Menschen- und Lebenswelten das Kino neue Blüten treibt, eine Vielfalt sondergleichen, nix Einheitsbrei, in welch unterschiedlichsten Gefilde und Genres es uns mitnimmt, hineinzieht, seltene und intime Einblicke gewährt, in welchen menschlichen und geographischen Regionen es sich rumtreibt und immer Aufregendes zu berichten hat. Es führt in Schwarz-Weiß in eine Zeit, die noch nicht glaubte, dass eine Frau ihren Mann stellen kann. Zum Schwindligwerden treibt es uns in die Gehirnstürme eines Dichters, der ein wacher Zeitgenosse war. Er sticht mitten in die Biestigkeit tipeleganter Frauen Nicht ganz so geistig wie Erich Fried, aber ungezügelte Bildwelten liefern die Chinesen in ihrer kulturellen Aneignung eines amerikanischen Zeichentrickmotives. Es lockt uns mit dem direkten Versprechen wundersamer Fantasiewelten. Und es hält andererseits ein ganz anderen, seltenen Lockruf für uns bereit, einer Welt von zauberhaften Wesen. Es nimmt uns mit auf ein Abenteuer zweier sich maximal unähnlicher wie maximal ähnlicher Reisegenossen. Es versucht, griechische Klassik mit afrikanischer Gegenwart zusammenzubringen. Es spricht mit Wissenschaftlern, die unter den Validierungsverfahren leiden, wegen der Tiere, die unnötig getötet werden. Es wird direkt ein bisschen sentimental, wenn es seine Aufmerksamkeit einem besonderen Kiez widmet. Und es hat keine Berührungsangst vor düsteren Netzterrains. Auf DVD wird ihm direkt religiös zumute angesichts des Zombietums. Ganz und gar unreligiös ist das Durchkämpfen von ein paar Überlebenden durch eine dystopische Welt. Das Fernsehen wiederum konnte beten, wie es wollte, der Segen blieb aus.

Kino
ROSE
Der Mensch möchte wissen, was beim andern Menschen in der Hose ist.

ERICH FRIED – FRIENDLY FIRE
Ein Kulturbazi der Sonderklasse

DER TEUFEL TRÄGT PRADA 2
Glanz der Modewelt und blanker Zynismus

TOM & JERRY – DER GOLDENE KOMPASS
Da gibt’s keine toten Stellen auf der Leinwand.

DER WUNDERWELTENBAUM
Der Titel ist der Spoiler schlechthin.

SIRENS CALL
Im Land der Mermaids

DER FROSCH UND DAS WASSER
Gegen einer der Hauptregeln der grauen Drehbuchtheorie

GAVAGAI
Medea vor Dakar

FUTURE SCIENCE
Wissenschaft und die mühsamen Verfahren bis zur staatlichen Anerkennung neuer Erkenntnisse

SCHERBENLAND
Liebeserklärung an Kreuzberg

AMERICAN SWEATSHOP
In den moralischen Untiefen des Internets

DVD
28 YEARS LATER – THE BONE TEMPLE
Ein Knochentempel als oratorienhaftes Kunstwerk

GREENLAND 2
Katastrophen noch und nöcher in katastrophalen Zeiten

TV
HIMMEL, HERRGOTT, SAKRAMENT, Staffel 2, Folge 6 „Langsam aber sicher“
Doch es gebrach am Licht.