Archiv der Kategorie: Allgemein

Space Jam 2 – A New Legacy

Was zum Rollator passiert hier eigentlich?

Dieser Satz aus dem Film von Malcolm D. Lee nach dem Drehbuch von Juel Taylor, Tony Rettenmaier und Keenan Coogler indiziert ganz gut das Spaßniveau des Filmes und kann auch als Hinweis auf die Handlung gelesen werden. 

Die fette Teflon-Moral des Filmes, sei du selbst, bleibt davon unberührt. Allerdings ist die so altbacken wie allgemeingültig und bereits bei der ersten Spielfilmregisseurin überhaupt, so weit bekannt, angewendet worden, siehe: Be Natural – Sei Du selbst

Der Satz vom Sich-Selber-Sein kommt allerdings wie ein verbrauchtes Versatzstück daher, das eine künstliche Intelligenz nach ihren biederen Erfahrungswerten beim Durchforsten der Archive von Warner-Bros ausfindig gemacht und ins Drehbuch geschrieben hat unter Verzicht auf Parameter wie Empathie und empirische Nachvollziehbarkeit. 

Es ist der Rat, den die Hauptfigur LeBron James, ein bekannter Basketballspieler, der sich selbst spielt, an seinen Filmsohn Dom James (Cedric Joe) weitergibt. Papa möchte, dass der Sohn in seine Fußstapfen tritt. Sohnemann ist mit 12 Jahren bereits Entwickler von Videogames. Daraus wird die dramaturgische Treibkraft des Filmes. 

Der Einstieg in die Geschichte gelingt weit über dem eingangs erwähnten Spirit-Niveau, der ließ echt erwägen, von einem Godard fürs Popcorn-Proletariat zu sprechen. 

Der Film taucht gleich ab in die Eingeweide der Produktionsfirma Warner Bros mit einem Flug über Burbank geht es am Silo mit dem elliptisch verzogenen Firmenemblem vorbei und saust in die Tiefen, in das ‚Serverversum‘, einer Ansammlung von Rechnern, die den ganzen Content an Bildern aus der Filmgeschichte, die zur Firma gehören, enthalten.

Da könnte einem schwindlig werden und man sieht den Godard, den alternden, in seinem Arbeitszeimmer Filmrollen aus seinem doch deutlich kleineren Archiv nehmen und schier zu verzweifeln ober der Menge, was sich in seinen Altersfilmen niederschlägt. 

Hier bei Warner steht die Symbolfigur Al G. Rhythm (Don Cheadle) vor einer Wand von Riesenbildschirmen und steht so verloren da, wie an deutschen Wahlabenden der Sprecher des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes vor seinen Graphiken und weiß nicht recht weiter. 

Das wäre der Ansatzpunkt für eine verrückte, kreative Fantasygeschichte. Aber die Biederkeit siegt, die Biederkeit der Familiengeschichte, die Biederkeit des Familiengeschichten-Algorithmus, die Biederkeit der künstlichen Intelligenz. 

Die Warner Bros wollen den alten Basketballstar medial vereinnahmen und mit ihrem Archivmaterial vermantschen; dieser verliert dabei seinen Sohn und muss, um ihn wiederzufinden, eine Mannschaft zusammenstellen aus Figuren aus der unendlichen Rumpelkammer bei Warner Bros und gegen eine andere Mannschaft siegen. 

Das ist so Klischee wie sicher. Wird hier aber wenig mit Angelpunkten für Sympathie und Neugier versehen. Allein wem diese Filmfiguren etwas bedeuten, der kommt mit der Massen-Schnittmenge von den Zeichentrickenten bis zum Kingkong auf seine Rechnung. 

Das Drehbuch könnte tatsächlich von einer künstlichen Intelligenz geschrieben worden so, so fad, so stereotyp; zu sehr kleinster gemeinsamer Nenner bezüglich „Nummer sicher“. 

Zu oft entstand für mich der Eindruck, dass die Darsteller sich einsam fühlten vor lauter Greenscreen und recycleten Animationsfiguren. Die deutsche Synchro trägt nicht zu erhöhtem Wohlwollen dem Film gegenüber bei. 

Im Feuer – Zwei Schwestern

Revival des deutschen Kriegsfilmes

Nach Soldaten ist das innert kurzer Zeit der zweite Film, dieses Mal fiktional, der in der Bundeswehr spielt. Das spiegelt zum einen die neue deutsche Realität wieder, die an vielfältigen Krisenherden der Welt mitspielt und nach der herrschenden Politik robust werden soll, als die Soldaten das präventive Töten wieder lernen sollen, was man hierzulande nach Hitler eigentlich nie wieder tun wollte.

Die Einsätze bleiben problematisch. Deutschland wollte nie wieder Krieg führen. Und Afghanistan hat Deutschland genau so wenig angegriffen wie Mali, Kurdistan oder der Irak. 

Filmen, die im Inneren dieser Bundeswehr spielen und die diese nicht verarschen, haftet insofern immer etwas Kriegspropagandistisches an. Auch der Film von Daphne Charizani will oder soll dem Zuschauer diese neue Kriegsrealität vertraut machen. Und das macht der Film nicht mal so ungeschickt. Er lenkt ab mit einer Familiengeschichte, einer Schwesterngeschichte. 

Die Hauptfigur Rodja Xani (Almila Bagriacik) ist Soldatin bei der Bundeswehr. Sie stammt aus Kurdistan, lebt in Köln. Ihre Mutter (Maryam Boubani, mit selten reinem Antlitz) ist nachgekommen. Aber die Schwester von Rodja, Dilan (Gonca de Haas), ist im Irak geblieben, lässt nichts von sich hören. Das beunruhigt Rodja, sie will ihr nachspüren, will sie finden. 

Das ist eine urmenschliche Geschichte, mit der Tendenz zur Rührgeschichte. Hier fehlt es allerdings an Information, warum Rodja ihrer Schwester so verbunden ist. Wie überhaupt Daphne Charizani sich mit Administrativ-Infos eher zuviel zurückhält, vielleicht um den Fallen des vielgeförderten deutschen Themen- und Erklärfilmes zu entgehen; was auch gelingt, allerdings auf Kosten von Klarheit und Verbindlichkeit der Geschichte. 

Der Geschwistergeschichte zuliebe handelt die Bundeswehr recht fahrlässig, erstens, wie leicht die Soldatin in den Irak versetzt wird und zweitens, wie leichtsinnig offenbar der Feldwebel seine Soldaten der Soldatin zuliebe in freier Gegend übernachten lässt und wie es zu einem etwas unklaren Angriff kommt, sind die Soldaten wohl abgehauen, auf der Gefechtsszene sieht man sie nicht.

Ob sich das deutsche Kino mit diesem neuen Kriegsfilmgenre aus den Fesseln des Subventionskinos (auch hier sind wieder jede Menge Förderer an Bord) befreit, kann noch nicht eindeutig beurteilt werden. Es gibt Können in den Gewerken, ein Highlight ist das kurze Bild von Berivan (Zübeyde Bulut), wie sie den Brief vorgelesen hat, ist sie ein Moment fast wie Mona Lisa herausgestellt. Der Film erinnert in zwei Punkten auch an The other Side of the River: auch hier ist es eine junge Kurdin, die sich über die Polizeiausbildung politisch einbringen will. Wobei Rodjas Intention rein privatistisch bleibt. 

Immerhin, der Film versucht, sich der deutsch-kurdischen Realität zu stellen und erzählt recht zügig; kommt auch intentional weg vom bisherigen Genre des Integrationsfilmes, der meist billig auf dem Culture-Clash-Sattel reitet. Er versucht erfolgreich auf den Bedröppelungsimpetus zu verzichten (resp. ihn ganz auf die Schwester-Begegnung zusammenzuziehen) und empanzipiert sich so doch deutlich von Gewohntem. 

Fast & Furious 9

Archaischer Konflikt 

Die Brüder Dominic (Vin Diesel) und Jakob (John Cena) Toretto sind die Söhne eines berühmten Autorennfahrers, der bei einer einführenden Rückblendenszene bei einem Rennen 1989 ums Leben kommt. 

Nicht nur dieser Tod, bei dem etwas am Auto des Vaters manipuliert worden sein soll, lastet zwischen den beiden Brüdern, es ist die archaische Grundsituation, dass der jüngere Jakob sich immer im Schatten des älteren Dominic fühlt. 

Der Konflikt steigert sich nach dem Tod des Vater so weit, dass sie per Rennen entscheiden, welcher von beiden auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden hat. Sie verlieren sich aus den Augen bis in die Heutezeit, in der Mr. Nobody mal wieder die Weltherrschaft erlangen will. Eines seiner Spionageflugzeuge stürzt in einer malerischen Berg-Meer-Dschungel-Kluft-Gegend ab. 

Die Fast & Furious werden zum neunten Mal reaktiviert; es gibt ein Symbol auf einer Postkarte, das Dominic seine Zweifel überwinden lässt. Dann geht es erst mal verfolgungsjagdmäßig hart zur Sache in der wildromantischeb Gegend, nebst Sprüchen gibt es vor allem waghalsige Stunts; hierbei verblüfft immer wieder, wie das Team in völlig unbekannten Gegenden prima navigiert, auch immer rechtzeitig die Verfolger aktiviert, um sich die wildesten Auseinandersetzungen und Feuergefechte zu liefern. 

Wobei die Akteure immer ungeschoren davonkommen, nicht mal Blessuren tragen sie davon, gerade mal eine durchlöcherte Jacke, obwohl der Verfolgte schutzlos durch den Kugelhagel wie ein Hase zwischen den Kugeln hindurchrennt. Das wird später Gesprächsthema, worüber sich die Helden selber wundern, wie sie die extremsten Gefahrensituationen unbeschadet überstehen, das lässt sie gar mutmaßen, sie seien ungewöhnlich. 

Dabei ist das Faszinierende an diesem Team seine unübersehbare Gewöhnlichkeit, speziell, wenn sie zu Hause bei ihren Liebsten sind, spießiger geht’s nicht, das ist vielleicht ein Teil des Erfolges des Fast & Furious Modells. 

Auch diese Unbesorgtheit, mit der sie sich immer wieder in unbekannte Situationen begeben, ob sie eine selbstgebastelte Raket, die mehr einem Auto-Oldtimer gleicht basteln, um damit Huckepack an einem großen Flugzeug in den Orbit befördert zu werden, oder ob sie in hochkomplexe und hochgeschützte Räume eindringen oder im kugelsicheren Jeep über eine Hängebrücke, die eher nur für Fußgänger gedacht ist, rasen. 

Hinzu kommen die verschiedenen Spielorte, bei denen bestimmt jeweils etwas Filmförderung abfällt, ganz so charmant wie einsten beim James Bond kommt das allerdings nicht mehr daher; das wirkt inzwischen routiniert filmgeschäftstüchtig. 

Auch scheint das Drehbuch, das Regisseur Justin Lin mit Daniel Casey nach den Charakteren von Gary Scott Thompson geschrieben hat, sich zu sehr zu verästeln, scheint sich vom Stoff und vom Prinzip der inkludierten Verfolgungsjagden und kühnen Kämpfereien nicht trennen zu können, wodurch sich die Story dann doch etwas zieht. 

Andererseits fällt ihnen immer wieder was ein, was sie glauben auch noch einbauen zu müssen, die Tricks mit den Magneten, die Autos anziehen und einer frühen Verschrottung preisgeben, die Hängebrücke, die nur noch ein Seil ist, das Auto, das mit Raketenantrieb Huckepack ins All befördert wird, die Frau, die noch nie ein Auto gefahren ist, und plötzlich mit einem schweren Lieferwagen Verfolgungsrennen in der Stadt fahren muss. Vin Diesel pflegt bei alle dem den stoischen Blick. 

Ein weiteres Geheimnis des Erfolges dieser Reihe dürfte die typologische Zusammenstellung der Figuren sein; man könnte sich vorstellen, dass ein Marktforschungsinstitut dahinter steckt, was nach Prototypen der Gewöhnlichkeit gesucht hat. 

Erdmännchen und Mondrakete – Meerkat Maantuig (Schlingel internationales Filmfestival)

Gideonette 

ist nur einer von unzähligen Vornamen der Tochter von Mathilda (Hanlé Barnard) und Gideon (Drikus Volschenk) de la Rey. Der Vater ist Pfarrer. 

Gideonette (Anchen du Plessis) ist überängstlich, trägt meist einen Helm, um sich zu schützen vor den Gefahren des Fluches, der über der Familie liegt; sie hat eine lange Liste mit mehreren hundert Gefahren-Positionen erstellt. Sie ist in diesem Film von Hanneke Schutte aus Südafrika die Icherzählerin. 

Gideonettes Ängstlichkeit wird evident bei einer Schultheateraufführung, wie ein zotteliges Untier seinen Auftritt hat. Dieses stellt ein Symbol für die Ängste des Menschen allgmein dar. 

Es scheint wirklich ein Fluch über der Familie zu liegen, Mutter ist alkoholkrank und will auf Entzug, nachdem der Vater gestorben ist. Für diese Zeit will die Mutter Gideonette bei ihren Eltern Ouma Koekie Joubert (Rika Sennett) und ihrem Opa Oupa Willem Joubert (Pierre van Pletzen) in deren abgeschiedenem Haus in einer Waldgegend unterbringen. 

Eine weitere Antiangstaktion von Gideonette ist das Pressen und Sammeln von Pflanzen in einem Herbarium, was andererseits wiederum ein Hinweis auf die massiven Lebensängste der Pubertierenden ist. Und wie ein Herbarium in der Art eines Poesiealbums in oft weich-versonnenen, ruhigen Bildern schildert die Regisseurin die Entwicklungen von Gideonette bei ihren Großeltern. 

Hier warten zwei Überraschungen auf sie. Auf die Fluchseite der Familie weist das von allen Beteiligten mitgespielte, fingierte, einäugige, blinde Hündchen Bingbing. 

Die größere Überraschung aber ist Bhubesi (Thembalethu Ntuli), ein stummer Junge, der ständig in einem Raumanzug unterwegs ist. Er ist der Sohn von Liena (Doctor Khasu-Nkatio), der Häushälterin von Gideonettes Großeltern. Die Annäherung der beiden ist der Vorgang, der Gideonette allmählich von ihren Ängsten befreit; vom Spuk und den dunklen Geheimnissen der Familie, die sich teils anhören wie eine Verschwörungstheorie, die andererseits wiederum abgetan werden als alberne Gruselgeschichte. 

Vielleicht ist Gideonette auch pubertätshalber sensibiliert auf diesen Fluch, denn Coming-of-Age und Todesnähe sind keine Begriffe ohne Affinität, dazu auch das Bild von der Badewanne, in der sich das Mädchen immer vorkommt wie in einem Sarg. Ein Bild, das kürzlich in Sommer 85 von Ozon verwendet wurde. 

Die Metamorphose des Erwachsenwerdens wird hier als weich-samtener Spuk hochsensibel auf die Leinwand gepinselt mit zauberhaftem Morbiditätseinschlag, ein leicht heiserer, bleicher Spuk. 

Über dem Eingang der Farm der Großeltern prangt der Schriftzug „Magic of Wisdom“. Vielleicht werden im Heranwachsenden auch enorme Ängste der Eltern gespiegelt. Dazu gibts Soft-Ice-Musik. 

Kommentar zu den Reviews vom 8. Juli 2021

Na, sind wir schon wieder im Kino-Geh-Trott? Die Deutschen haben hier eh Nachholbedarf. Im Gegensatz zu den Franzosen gehen sie deutlich weniger ins Kino. Kinobanausen; wenn sie die Filme nicht schauen, dann können sie auch nicht darüber diskutieren. Und wenn es die ordentlichsten, saubersten Themenfilme sind wie erstklassige Seminararbeiten und keiner sie anschaut, weil sie für Fachfremde nicht verlockend genug sind, dann kann auch nicht übers Kino diskutiert werden, nicht über Filme diskutiert werden, und dann gibt’s keine Kinokultur oder nur eine beknackte Subventionskultur, in der bestenfalls gremienkompatible Subventionssumpfblüten gedeihen, die hochgejiubelt werden sollen; die Gremien haben gekreißt …

Pfeif aufs Gejammere! Pfeif auf das Geleide am Kinounglück! Es gibt auch heute wieder jede Menge Gründe, ins Kino zu gehen, trotzdem oder erst recht: 

BAD LUCK BANGING OR LOONEY PORN

Ein ganzes Land im Computertomographen

GRENZLAND

Durchgangsland, Niemandsland, Geschichtsland, Migrationsland, Zwischenland.

KOMM UND SIEH

Belarus ist grad wieder hochaktuell.

SOMMER 85

Ozons meisterhafte Skizze einer heißen, schwulen Coming-of-Age-Liebe.

UND TÄGLICH GRÜSST DIE LIEBE – LONG STORY SHORT

Wie schnell kann ein Leben, eine Liebe vorbeigehen; sind sie überhaupt festzuhalten?

VOGELFREI – EIN LEBEN ALS FLIEGENDE NOMADEN

Mit kaum Gepäck ein paar Hundert Meter über der Erdoberfläche rund um die Welt.

WER WIR WAREN

Kaleidoskopartige menschheitsphilosphische Dokumentation nach Roger Willemsen. 

HOMO COMMUNIS – WIR FÜR ALLE

Über Gemeinschaften mit sozialem Engagement

DVD / VoD

DESEO – KARUSSELL DER LIEBE

Die eine Liebe im Arm, die nächste schon im Blick, in Mexiko.

Stream

LIVING THE LIGHT – ROBBY MÜLLER

Was wären Wim Wenders oder Jim Jarmusch ohne diesen Kameramann.

TV

BEZZEL & SCHWARZ – DIE GRENZGÄNGER

Werbesendung – deplaziert im zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk. 

Sommer 85

In die Liebe gekentert

Alexis (Félix Lefebvre) ist 16, lebt mit seinen Eltern in einem Küstenort in der Normandie. Sommerferien. Er will mit seinem besten Freund segeln gehen. Dieser lässt ihn wegen einer neuen Freundin stehen. Alexis segelt allein mit seinem Boot ‚tape-cul‘ hinaus. 

Ein Unwetter zieht herauf. Alexis kentert, sein Boot schwimmt umgedreht auf dem Meer. David (Benjamin Voisin) ist mit seiner Calypso auch allein auf dem Meer. Er fischt Alexis aus dem Wasser, bringt ihn an Land, trocknet ihn, bringt ihn gleich auf das schlossähnliche Anwesen seiner Eltern. Mutter (Valeria Bruni Tedeschi) ist ganz glücklich. Vater ist vor einem Jahr gestorben. Mutter führt den Laden mit Fischereibedarf weiter. 

Bis zu diesem Informationsstand weiß der Zuschauer bereits, dass Alexis in wenigen Tagen David umgebracht haben wird und vor Gericht erscheinen muss. Da hat er die Liebe seines Lebens hinter sich und hat, beraten vom Lehrer Lefèvre (Melvil Poupaud), angefangen, seine Geschichte aufzuschreiben. Diese dürfte der Roman von Aidan Chambers geworden sein, den Francois Ozon zum Drehbuch für sein neuestes Meisterwerk umgearbeitet hat. 

Präzise wie ein Pathologe seziert Ozon diese ungleiche Liebe. David ist 18, strahlt Erotik pur aus, schaut unverschämt direkt anmacherisch aus seinen Augen, mustert sein Gegenüber nach den erotischen Qualitäten.

Alexis hat Davids Sexhunger wenig Widerstand entgegenzusetzen; seine Liebessehnsucht ist leicht abrufbar; er wird bald die sensationellste Nacht seines Lebens erleben – und den darauf folgenden Absturz, wenn er realisiert, dass David die Beziehung nicht so exklusiv sieht, wie er selber, dass David schnell dem ‚Ennui‘ erliegt; das wird schon klar, kaum sind sie an Land nach dem Schiffbruch und David sich gleichzeitig noch um einen betrunkenen jungen Mann kümmert. 

Interessant ist vielleicht der Vergleich zwischen diesem doch knapp und sehr rational skizzierten Film von Ozon mit den Filmen von Xavier Dolan (zuletzt und demnächst im Kino: Matthias und Maxime): dieser schildert mit Wonne und ausladend die Atmosphäre junger Schwuler, deren Lebensgenuss, währen Ozon ungefiltert beobachtet, speziell die vielseitige Rolle von Alexis präzise inszeniert mit all ihren Höhen und Tiefen und dessen frühen Beschäftigung mit dem Tod. 

Wie schon in seinem Vorgängerfilm Gelobt sei Gott scheint Ozon die schnelle, verblüffend präzise Skizze eines Menschen, seines Schicksals zu faszinieren, wobei ihm Ausstattung, Kostüme, Locations lange nicht so wichtig sind wie frappant auffälig beispielsweise beim Kanadier Bernard Cronenberg in Possessor, eben erst ins Kino gekommen. 

Ozon beweist mit seinen beiden letzten Filmen, ein wie exzellenter Beobachter der Menschen und ihrer Situationen und Probleme er ist; er liefert künstlerisch herausragende Befunde; dagegen wirkt Xavier Dolan in seiner ausschweifenden, wenn auch schnellen Schilderung mehr wie ein Gourmet des Kinos. 

Ozon zeigt, dass er auch diese Seite der Liebe filmisch beherrscht als Seelen- und Gefühlsanalytiker, wobei hier thematisch noch ein Hauch Morbidität hineinspielt mit Alexis‘ intimem Verhältnis zum Tod, wenn er in der luxuriösen Badewanne von Madame Gorman, also der Mutter von David, liegt, sinniert er, er habe Badewannen schon immer für Särge gehalten, hier aber komme sie ihm vor wie ein Katafalk. Fast scheint es angebracht, von der Folgerichtigkeit eines Todes zu sprechen, daraufhin inszeniert Ozon. 

Grenzland

In Polen geht die Sonne auf,

sagt eine eingewanderte Australierin auf Englisch im Grenzgebiet der Oder, im Dreieck Deutschland/Tschechien/Polen. Sie ist Einwanderin und sieht hier australische Freiheiten, den australischen ‚Spirit‘ wie nirgends sonst in diesem Grenzland, Niemandsland, Durchgangsland, Migrationsland, Land mit wechselhafter Geschichte, Abbruchland, Entvölkerungsland, Aufbauland, Rumhängland und zugleich Fotografentraumland von Weite, Wasser, Wolken, Weiden. 

In der respektvoll zugeneigten Art eines Volker Koepp (Seestück) hat Andreas Voigt sich in diesem wie von Gott verlassenen Stück Welt umgesehen. Er hat großartige Protagonisten gefunden, er hat sie großartig fotografiert und porträtiert und schafft damit ein eindrückliches, kinoaffines Bild aus einer Gegend, die unsereins meist eher vom Hörensagen kennt. 

Die Bewegungen gehen weiter, das Zuwandern, das Auswandern. Es strömen neue Menschen herbei aus Krisengebieten wie Syrien, die Jugend aus Polen zieht es weg, sie wollen in aller Welt studieren, sie wollen die Meinungsfreiheit und je mehr in Polen ein Brain-Drain stattfindet, desto mehr zieht es die Leute weg. 

Niemand will Polnisch lernen, nein, nicht niemand, der eingewanderte Australier lernt es von seinem Töchterchen. Und der alteingesessene deutsche Fischer bringt grade mal Danke und Prost auf Polnisch raus. 

Es gibt Menschen, die sind hier aufgewachsen. Einer will etwas von der einstigen Pracht wieder herstellen, gerade ist er dabei, eine Lindenallee neu zu pflanzen, da strömt unweigerlich der Lindenblütenduft durch die Nase. Eine Frau ist die Tochter griechischer Kriegsflüchtlinge aus dem Zweiten Weltkrieg. Dieses Oderland galt für die griechischen Partisanen als Wunschland, weil gerade viel leerstand. 

Es gibt Menschen, die hier rumhängen, aufstehen, frühstücken, Katze füttern, zugucken, wie die Stadt kaputt geht und glücklich sind, wenn keine Post im Briekasten ist. Wohnhochhäuser werden abgebrochen, Schafe weiden auf Hochwasserdämmen und werden von wandernden Schafscherern geschoren. Eine Frau, die mit ihren Eltern im Krieg angeschwemmt wurde, sammelt und pflanzt weiter die Bohnen ihrer Mutter, die ihresgleichen suchen.

Immer wieder lässt sich die Fotografie von der weiten Landschaft verführen, vom Fluss, vom Deich, von den Wolken. 

Manche hören Radio Lausitz, andere telefonieren mit Kamishli, wo die Kurden verfolgt werden. 

Andreas Voigt hatte schon 1991einen Film in dieser Gegend gedreht; daraus hat er hier Archivaufnahmen eingeflochten. Es sind Geschichten vom Rand aus der Mitte Europas, wie es heißt, im Süden von Niederschlesien, im Norden das Stettiner Haff und in der Mitte das Flachland der Oder. Zwischendrin meldet sich leise der Fremdenhass und der alltägliche Rassimus, es gibt aber auch Integration zu sehen und malerischen Beifang ähnlich wie Ährenleser die Sucher mit den Metalldetektoren auf dem Feld oder die Motorradfahrer, die ihre Kraftfahrzeuge stolz vor einem Panzerdenkmal ablichten. 

Hier eine vorläufige Liste der Kinotour:

08. Juli 2021 – BERLIN – Brotfabrik, 21:30 Uhr

09. Juli 2021 – KINOSTARTPREMIERE – BERLIN – Babylon Mitte, 19:30 Uhr

10. Juli – LEIPZIG – Passage Kino, 18:00 Uhr

11. Juli 2021 – COTTBUS – Weltspiegel, 18:00 Uhr

12. Juli 2021 – GÖRLITZ – Filmpalast Görlitz

21. Juli 2021 – BERLIN – Kino Krokodil

27. Juli 2021 – HAMBURG – Abaton

30. Juli 2021 – MV-PREMIERE – ROSTOCK – Lichtspieltheater Wundervoll, 20 Uhr

31. Juli 2021 – BRÜSSOW – Kulturhaus Kino 

10. August 2021 – MARBURG – Capitol


Und täglich grüßt die Liebe – Long Story Short

yolo

Der deutsche Titel dieses australischen Filmes von Josh Lawson ist insofern irreführend, als der Protagonist Teddy (Rafe Spall) nicht in einer Zeitschlaufe gefangen ist wie im Film mit dem Murmeltier. 

Teddy lebt an der Zeit vorbei und kaum wacht er auf, ist schon wieder ein Jahr vorbei. Sicher, das kann auch ein einziger Alptraum sein zu dem Thema des Perfektionismus, der die Zeit nicht greifen kann, der den Augenblick nicht leben kann, der ein Prokrustinat ist mit dem Wort „später“ als häufigstem in seinem Wortschatz. 

Einmal ist Teddy sogar in der Zeit, an der Sylvesterparty, da schafft er es pünktlich, seine Freundin im roten Kleid von hinten zu erkennen und überraschend zu küssen, ganz schnell – erst nach dem Kuss bemerkt er, dass es nicht Becka ist, sondern Leanne (Zahra Newman), die das gleiche rote Kleid trägt. 

Der intensive Kuss hat Folgen, denn im Mund von Teddy bleiben Reste eines Nussriegels hängen – Teddy ist allergisch gegen Nüsse; nicht aber gegen Leanne. Zu ihr entwickelt sich ähnlich wie im Boulevard-Theaterstück „Nächstes Jahr gleiche Zeit“ eine furiose Geschichte, die Teddy praktisch verpennt und nur immer am Hochzeitstag aufwacht und überhaupt nicht begreift, dass schon wieder ein Jahr vorbei ist, dass er verheiratet ist und sogar ein Kind hat. 

Dass Teddy überhaupt heiratet, hat er einer grauen Frau von Symbolfigur zu verdanken, die er auf dem Friedhof trifft, auf welchem er Zwiesprache mit seinem verstorbenen Dad hält. Ein Friedhof erinnert einen vielleicht am deutlichsten an das Leben, an seine Vergänglichkeit, an die Unmöglichkeit, Zeit festhalten zu können, was ein Moment des Perfektionismus ist, das nicht Loslassen-Können. 

Der Originaltitel heißt Long Story Short, eine lange Kurzgeschichte, was Futter gibt für die Interpretation, dass es sich beim Film vor allem um einen langen Alptraum handelt, aus dem der Protagonist kaum mehr herausfindet; derweil er sich in die verschiedensten Typen verwandelt und sein Leben im Sekundentakt, resp. Jahrestakt vorbeirasen sieht.

Ein Satz, der auf dem Friedhof fällt: yolo: you only live once – pack den Moment, verschiebe nicht die Hochzeit, lebe im Heute. Und die Liebe spielt sicher eine erlösende Rolle. Das merkwürdigste Hochzeitsgeschenk aber ist eine leere, nicht etikettierte Blechdose, hm, nicht ganz leer vielleicht, ein stark symbolischer Geheimnisträger, erhalten von der symbolischen Frau auf dem Friedhof.

Homo Communis – Wir für Alle

Am profundesten und am präzisten bringt die Ärztin und Hebamme aus Venezuela das von Carmen Eckhardt in ihrem Film als Titel gestellte Thema auf den Punkt, den Zusammenhang zwischen Gemeinschaft, Leben, Geburt und Tod; einmal, dass der Geburt ein Tod vorausgeht, die Loslösung von der Mutter, und was Gemeinschaft ist, das zeigt sie wunderschön in ihrer sanft-weichen Schwangerschaftsgymnastik, in welcher Väter, Mütter und ungeborene Kinder im Mutterleib eine harmonische Einheit bilden. 

Das könnte direkt als ein starkes Symbol für den Menschen als Gemeinschaftwesen gelten, wenn ich denn den Titel des Filmes richtig interpretiere; denn der Film scheint den dramaturgisch-thematischen Faden nicht so klar aus dem Vlies herausgeholt zu haben, wie der Pater, der einen Faden spinnt, seine Arbeit kommentiert. 

Der Film fängt mit dem Schwangerschaftsturnen in Venezuela an und hört in einem deutschen Hospiz auf. Wobei mir das eher problematisch scheint, einen Menschen kurz vor dem Sterben als Dokumentarmaterial herzunehmen; auf jeden Fall steht im Abspann, dass besagte 99-jährige Maria bald nach den Filmaufnahmen gestorben sei; es muss ziemlich bald gewesen sein, so ist von der Sterbeszene her zu vermuten. 

Geburten im Film, im Kino, das gibt es längst; aber ist der Tod nicht eine viel privatere Sache, Geburt ist der Eintritt in die menschliche Gemeinschaft, der Tod der Austritt, hm. 

Zwischen Geburtsthema in Venezuela und dem Tod in Deutschland gibt es ein buntes Potpourri an Draufhalt- und Statement-Dokumentation in allerlei Organisationen, die mit dem Idealismus und dem Ehrenamt der Menschen rechnen, von Baumbesetzern im Hambacher Forst mit prominentem Greta-Besuch über eine Leichenbestatter- Kooperative in Venezuela, die gebrauchte Kassenzettelrollen zum Ausstaffieren der Särge benutzt. 

Der Film schaut hinein bei einem Treffen intellektueller Menschen, die sich ein Denknetz nennen, die die ‚Commons“ in die Gesellschaft einbringen wollen, was immer das auch bedeutet, sichtbar wird, dass sie offensichtlich gerne gemeinsam und gepflegt tafeln.

Konstantin Wecker singt gegen die Umweltzerstörung an, in Wuppertal gibt es eine Utopiastadt als Kultur- und Handwerkerort, wo jeder etwas beitragen kann, aber auch ein Reggae-Festival. Ein Rechenzentrum wird kurz besucht, das nach der Gemeinwohlökonomie zu handeln behauptet, eine solidarische Landwirtschaft präsentiert sich, ein Lehrbauernhof, in dem Kinder lernen, Kartoffeln zu pflanzen. 

Die venezolanische Großkooperative steht wie ein Vorbild da, die viel gegen die Armut im Lande erreicht. Farbe und Spannung bringt die musikalisch-kostümierte Begehung eines Tagebaus in Deutschland und die Polizei versucht das zu verhindern. 

Dass der Mensch Gemeinschaft sucht und braucht, ist nicht neu. Bei den hier vorgestellten Modellen spielt hauptsächlich der Traum von einer besseren Welt eine verbindende Kraft; also, dass die Menschen nicht nur Gemeinschaft wollen wie in x anderen Vereinen und Gruppierungen, sondern gezielt eine, die ökologisch verantwortlich denkt, gar utopisch. 

Bezzel & Schwarz – Die Grenzgänger (BR, Montag, 5. Juli 2021, 20.15 Uhr)

Multimillionärswerbung

ist die erste von vier Stippvisiten, die Stefan Bezzel und sein Kumpel-Freund Sebastian Schwarz absolvieren auf dem Gestüt von Multimillionär und Fußballstar Thomas Müller, 14 kostenlose Werbeminuten im BR für den Rennstallbesitzer und WM-Vergeiger. 

Die Welt der Reichen kommt sympathisch und nahbar rüber; wer den Reichtum hat, der muss sich nicht darüber unterhalten. 

Dann lümmeln die beiden Protagonisten in einem Schrottplatz bei München rum mit einer taffen Besitzerin, dürfen ein Auto kaputt kloppen, so weit sie es schaffen. 

Gegen die Welt der Reichen und Hochbezahlten wird der dritte Beitrag in diesem Film von Stefan Kauertz gesetzt: ehrenamtliche Rettungshundeführerinnen dürfen sich mit den gut bezahlten TV-Stars unterhalten, die ganz locker Texte von Ekkehard Wetzel, Birte Rauschenberg, Karl Koch oder Christian Lim gegen gutes Zwangsgebührengeld absondern. 

Der letzte Beitrag ist 10 Minuten Werbung für einen esoterischen Höhlenguru und sein Geschäftsmodell mit dem weltexklusiven Schwebebad, in das sich die beiden Protagonisten schön züchtig mit Badehose legen und ihre begüterten Wampen schaukeln lassen dürfen. In einer Höhlensitzung schafft der Guru es nicht, den beiden mittelalten Herren ein inneres Tier zu entlocken, da war vielleicht die Hemmung der Drehbuchautoren zu groß; es überwiegen die nett unverbindlichen Texte und Witzchen; das Spaßgefühl, das liefern die Akteure. 

Dies ist ein Unterhaltungsformat, von dem sich der BR Quote verspricht, entsprechend ausgeklügelt ist die Auswahl der Personen und Betriebe die beworben werden; es ist ein Format, das bestens geeignet wäre, wenn es das gäbe, für einen privaten Fernsehkanal, der zum Beispiel der Apothekerzeitung entspricht, der ein Ableger davon wäre. 

Das Problem allerdings bei solch moderierten Werbesendungen ist, dass wir beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind. Und der hat eine unfaire Finanazierung zu Lasten einkommensschwacher Haushalte vorzuweisen, die hier in der Sendung nicht entfernt vorkommen, die es aber massenhaft direkt hinter HartzIV und Grundsicherung gibt. 

In Relation zu seinem Einkommen beteiligt sich ein Thomas Müller bei aller Sympathie praktisch nicht an der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes, was sind für ihn 17,50 Euro im Monat? Gar nichts, die verdient er vermutlich in wenigen Minuten, gar Sekunden, die wachsen ihm sogar ohne den Finger zu rühren zu. 

Während ein armer Haushalt knapp jenseits von HartzIV oder Grundsicherung, der vielleicht grad mal 300 Euro im Monat zum Ausgeben hat, dafür merkliche Verzichte leisten muss, gar ein bis zwei Stunden arbeiten muss, das sollten sich vielleicht auch die beiden öffentlich-rechtlich sicherlich erstklassig bezahlten Protagonisten Bezzel und Schwarz durch den Kopf gehen lassen, bevor sie sich wieder auf Tour begeben. Es erweckt jedenfalls nicht den Anschein, dass sie das aus Jux und Tollerei und ehrenamtlich machen. Hier wird gnadenlos sich am Gebührenkuchen bedient. 

Solche Sendungen, die sind echtes Einsparpotential für die unter der Pensionen- und Verkrustungslast stöhnenden Öffentlich-Rechtlichen, solche Sendungen braucht kein Mensch, solche Sendung tragen zum Grundauftrag, dem Erhalt einer lebendigen Demokratie, grad gar nichts bei. Es sind mittlere Klatschspalten- und kaschierte PR-Beiträge im Interesse der Oberschicht. Die lassen sich prima privat finanzieren. Dazu braucht es keine Zwangsgebühren. 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!