Freiheit / Unfreiheit / Kompensation
Nach dem direkter politischen The Change wendet sich Jan Komasa nach dem Drehbuch von Bartek Bartosik und Naqqash Khalid wieder mehr dem weltanschaulichen Genre, der Betrachtung des Menschen als eines nicht freien Wesens und wie er damit umgeht, zu.
Komasas Hintergrund bleibt polnisch. Mit Corpus Christi hatte er einen liebevollen Blick auf die polnische (katholische) Gläubigkeit geworfen. Jetzt wird es fundamentaler und damit wirkt der Film dozierender.
Der Mensch kommt in seiner Unfreiheit nicht zurecht und verheddert sich in ständigen Kompensationsversuchen. Das zeigen die wilden, mit viel Reißkamera produzierten Bilder der ersten Sequenz: jene des ausschweifenden Drogenparty-Lebens von Tommy (Anson Boon).
Der Film wendet sich abrupt der Nüchternheit zu. Rina (Monika Frajczyk) ist eine Frau, die einen Job sucht. Sie ist in England von der Abschiebung bedroht und bereit, Konzessionen zu machen. Sie ist im Bewerbungsgespräch mit Chris (Stephen Graham). Der hat minutiös über sie recherchiert und verlangt mehr Diskretion auch über den Job hinaus, als gemeinhin nötig.
Rina steht vor dem abgelegenen Anwesen von Chris. Er beoachtet von einem Zimmer aus die Zufahrtsallee. Er klebt sich sein Toupet auf. Ein Haarteil als bewährtes und prägnant eingesetztes Symbol für Falschheit. Dabei spielt er den naiven Biedermann und will unbedingt ein Guter sein. Er muss sehr reich sein, das einsam gelegene Landhaus, der riesige Umschwung, keine Nachbarn weit und breit.
Der Film schwenkt ab hier in einen dichten, intensiven Tableau-Erzählmodus über und packt allein dadurch. Aber auch durch die ständig offenen Fragen, wie die nach und nach vorgestellten Hausbewohner zueinander stehen, wie Rina sich einpasst.
Sie soll vorerst zweimal die Woche kommen und im Haushalt helfen. Hier ist noch Kathryn (Andrea Riseborough), die anfangs einen vollkommen weggetretenen Eindruck macht, der Bub Jonathan, der trotz stark stilisierter und um Beherrschtheit bemühten Umgebung sich fast frei verhält, obwohl er seine innere, dem Haus angepasste Zensur, längst entwickelt haben müsste.
Im Keller wird Tommy in Ketten gefangen gehalten. Er hat keine Ahnung, wieso er da ist, und wo er sich befindet. Er hat keinen Zugang zu Kommunikation außerhalb des Hauses, zu seiner Freundesclique, zu seiner Familie. Er wurde gekidnappt.
Die Familie und mit ihr der Film zelebrieren die moralischen Verbesserungsversuche an Tommy, wie ihm Schritt für Schritt mehr Kommunikation innerhalb des Hauses, wie ihm Zugang zu Büchern, schließlich auch, mit der Kette an einer Schiene, zu anderen Räumen des Hauses gewährt wird. Es scheint so, als sei der Freiheitsbegriff derjenige, der alle Bewohner – bald gehört auch Rina dazu – gefangen halte.
Der Film könnte auch gesehen werden als eine Versuchsanordnung zur menschlichen Freiheit oder zur Kompensation von Unfreiheit. Das Kino als fesselnde moralische Kanzel, die auf Kichereffekte nicht verzichtet.