Archiv der Kategorie: Allgemein

Face It! (DVD)

Über die unersättliche öffentliche Datensammelwut – wobei die aktuelle Maskendoktrin dieser diametral entgegenläuft; pikant speziell hier, da es vor allem um Gesichtserkennung geht. Siehe die Review von stefe. 

Kommentar zu den Reviews vom 24. September 2020

Nah am Rande. Des Lebens schlechthin in einem amerikanischen Remake. Zum Sex, jedoch mit geringer Hemmschwelle in einem Lust-Film. Dagegen geht es in einem weiteren amerikanische Film darum, offen über Sex zu sprechen – wenigstens. Kaum zu ermöglichen ist Liebe zwischen iranischen Männern in Deutschland. Hochriskanter Weltallflug für einen Hund. Ein Schleswig-Holsteiner macht sich auf die Suche nach seiner Familie. In Deutschland von rumänischem Adoptivkind an den Rand des Nervenzusammenbruchs getrieben. Überleben im KZ mit getürktem Farsi. Auch die Arche im Kinderfilm ist ein Grenzfall. Im TV ritt das öffentlich-rechtliche Fernsehen einen möglicherweise interessanten Stoff in Grund und Boden. 

Kino

BLACKBIRD – EINE FAMILIENGESCHICHTE

In Amerika stirbt sichs mondäner und coronafreundlicher. 

XCONFESSIONS NIGHT

Abwechslung zwischen Geist und Sex.

BRAVE MÄDCHEN TUN DAS NICHT – A NICE GIRL LIKE YOU

Das, was die Julliard-School fürs Leben nicht lehrt. 

FUTUR DREI

Kaum aussprechliche Gefühle zwischen zwei orientalischstämmigen Männern in Hamburg.

SPACE DOGS

An der Kippe der Erdatmosphäre. 

DIE HEIMREISE

Diesen Menschen sieht man die Defekte nicht an.

PELIKANBLUT

An der Kippe zum Aufgeben.

FREIE RÄUME – EINE GESCHICHTE DER JUGENDZENTRUMSBEWEGUNG

Nah am Rande zum Erwachsensein brodelt es und braucht Räume.

PERSISCH STUNDEN

Auf der Kippe zum Überleben mit frei erfundenem Farsi.

OOOPS! 2 – LAND IN SICHT

Eine Arche ist noch lange keine Überlebensgarantie. 

TV

OKTOBERFEST 1900 (FOLGE 5 UND 6)

Auf der Kippe zur Schundstufe. 

LEBENSLINIEN: DIE BREZN-FRAU AUF DER WIESN

Das ganze Leben lang arbeiten – für die Familie.

Freie Räume – Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung

Die durften noch demonstrieren!

Der Titel dieses Filmes von Tobias Frindt ist vielleicht etwas ambitioniert. Diese Geschichte als ein Gesamtwerk in einem Film zusammenzufassen, dürfte ziemlich viel Arbeit sein; gut, er beschränkt sich ja auch auf „Eine“ Geschichte (und dabei eine vielfältige, anregende Materialiensammlung!). Denn wie die ersten Jugendzentren im Nachschwung der 68er in den frühen Siebziegern aufkamen, da sproßen sie im ländlichen Raum wie die Pilze im Herbstregen, wie einer der Talking Heads sagt, wenn es im einen Dorf ein Jugendzentrum gab, so musste das andere auch eines haben. 

Der Ausgangspunkt ist heute schwer vorzustellen, wie auch ein Talking Head sagt: wie erstarrt und geregelt die deutsche Nachkriegsgesellschaft in den 60ern war, wie sehr sie die Nazizeit verdrängte, wie kontrolliert die Jugend war, vor allem die ländliche. Die wollte Räume für sich. Und sie nahm sie sich. Sie demonstrierte dafür. Sie wurden angefeindet, wer lange Haare trug, war automatisch ein Kommunist, damals noch ein Schimpfwort. 

Der Film erzählt viel vom JUZ in Mannheim, bestimmt stellvertretend für viele andere Jugendzentren. Es ist ein Film aus faszinierendem Archivmaterial von Fotos, Videos, Nachrichten der ARD, Zeitschriftenausschnitte vom Spiegel über Lokalblätter, Youtube-Schnipsel; dazwischen geschnitten jede Menge Talking Heads. 

Die Geschichte spannt sich von den frühen 70ern des letzten Jahrhunderts bis in die späten 10er unserers Jahrhunderts. Der Dokumentarist wagt Seitenblicke auf andere Städte. Er lässt Ehemalige, die damals pionierhaft dabei waren, heute erzählen, aber auch Leute, deren Jugendzentrumserfahrung noch nicht lange zurückliegt. 

Jede Generation hat ihre eigenen Jugendkultur und ihre eigenen Feindbilder, an denen sie sich abarbeitet – bald waren sie auch aus der eigenen Generation, Neonazis etc. Die Entwicklung geht von dem Verlangen nach Selbstverwaltung über die Häuserbesetzer-Szene, Musikszene, Antifa bis hin zur Flüchtlingsbetreuung und Demo gegen Pegida. 

Und man wundert sich, wie die demonstrieren konnten, wenn man an das heutige Problem der Anticorona-Demos denkt. Gemeinsam scheint allen Demos zu sein, dass sie einem Teil der Gesellschaft, die über die Polizeigewalt verfügt, nicht in den Kram passen – da hat sich bis in unsere Corona-Zeit wenig geändert; weshalb es immer wieder Bilder von gewaltsamen Zusammenstößen gibt. 

Nichts Neues über die Jugendkultur, sie muss sich immer wieder neu erfinden und irgendwann ist es vorbei, sind die nächsten dran. Aber wenn sie Räume dafür haben, die sie selbst verwalten könnten, so ist das nicht das schlimmste, auch wenn es recht gesittete Jugendliche sind wie in einem Jugendzentrum im Saarland heute, die sich durchaus der örtlichen und regionalen Tradition und Vereinskultur verbunden und verpflichtet fühlen. Hauptsache, man hat einen Ort außerhalb von zuhause, wo man rumhängen kann und es nicht zu teuer ist, wo man sich austauschen kann, ohne kontrolliert zu werden. 

Die Heimreise

Diese pointiert gesetzte Sprechweise,

diese spitzen norddeutschen Konsonanten, diese Vokale, die wie in der Tiefe von Ostsee oder Nordsee gründen, dieses Kamerafeeling, diese charismatische Persönlichkeit, diese Selbstreflexion in den Sätzen, das druckreife Sprechen: alles Eigenschaften, die ein Spitzenpolitiker im Berlin mitbringen sollte, dazu sieht er noch gut aus: Bernd Thiele. 

Aber Bernd Thiele hat einen Defekt; allerdings scheint das Denken intakt – das macht diesen Protagonisten so faszinierend. Er hat eine Leseschwäche, er kann nicht selbständig in einem Haushalt leben, er hat einen Schaden im Gehirn (so wie es beim Auto auch Defekte gibt, wie er sagt), bedingt durch übermäßigen Alkoholkonsum seiner Mutter während der Schwangerschaft. 

Bernd Thiele wird aus Berlin zu Pflegeeltern in Schleswig Holstein gegeben, besucht die Steiner-Schule und lebt jetzt auf Hof Sophienlust.

Bernds Kumpel Johann hat auch eine Behinderung, der kommt aber in der großen Welt wie Hamburg oder Berlin allein und dank Navi zurecht; er ist stoischer Pfeifenraucher. 

Bernd hat keinen Kontakt mehr zu seiner Familie; er weiß nichts über sie. Er will sich auftue Suche machen, ein Projekt, das über vier Jahre dauert und bei dem Dokumentarist Tim Boehme die beiden begleitet. 

Böhmes Erzählverfahren ist das mit Rückblenden, ausgehend von einer Fahrt nach Hamburg und später nach Berlin. Ein Roadmovie von Behinderten mit allen nötigen Zutaten, Überraschungen, aber auch Enttäuschungen, ja sogar Diskrimierung übler Art erleben sie von einem Privatdetektiv, der in Berlin Verwandte aufspüren sollte und wie er erfährt, dass er es mit Betreuungsbedürftigen zu tun hat, den Auftrag hinschmeißt, keine schöne Art. 

Bernd hat auch seine Meinung und sein Wissen zum Verhältnis vom Dritten Reich zu Behinderten und nicht weniger eine klare Meinung über die heutigen Politiker. Bernd ist glücklich auf dem Demeter-Hof in Schleswig-Holstein, reflektiert seine Arbeit, deren Notwendigkeit, aber auch über die leibliche Familie denkt er nach, das sei eben doch etwas anderes und der Hof nur eine Ersatzfamilie. 

Deshalb macht Bernd sich auf die Suche nach seiner Mutter und Verwandten von ihr und auch nach seiner Schwester. Wie in einer spannenden Schatzsuche wird er nach und nach fündig; insofern eine schöne Geschichte, nicht ohne Humor und Originalität, die das Leben schrieb. 

Ein Satz von Bernd über die Schweine: „Die sind wie Menschen, nur dass sie Schweine sind“. In seinem Zimmer hat er eine Reproduktion des Abendmahls von Leonardo da Vinci an der Wand hängen, seine kleine religiöse Ecke. 

Familie und Einsamkeit. Die Einsamkeit von Onkel Manfred in Berlin, das gibt zu denken, wie viele Menschen wie er wohl allein in solchen Hochhauswohnungen hocken und mit kaum menschlichen Kontakten ihre Zeit verbringen müssen. 

Der Film ist eine Produktion des NDR, Redaktion Timo Großpietsch. 

Xconfessions Night

Die Welt ist alles, was der Fall ist.

Dieses Wittgenstein-Zitat hat einer der Pornodarsteller in einem der hier zusammengestellten erotischen Kurzfilme von Erika Lust auf den Rücken tätowiert. 

Erotik und Philosophie. Das steckt den Rahmen, die Spannbreite dieser Sexfilme ab. Sie sind alle geistig fundiert. Natürgemäß wird auf der Tonspur von Sexfilmen überwiegend gestöhnt und geächzt, die Dialogschreiber haben es da leicht. Aber Erika Lust hat es sich nicht so leicht gemacht. Sie weiß, dass Spaß am Sex im Geist anfängt, mit der Träumerei, der Lektüre, der Fantasie. 

Es gibt also für jeden der Kurzfilme einen literarischen Überbau. Ausgangspunkt dafür sind Einsendungen mit erotischen Fantasien, die die Autorin vom Publikum erhalten hat. Das kann der Traum vom Après-Ski-Vergnügen mit dem Skilehrer sein, das können Fantasien sein, die beim Betrachten eines Buches mit erotischen Zeichnungen entstehen; diesen Kurzfilm hat Lust in Schwarz-Weiß gedreht und immer wieder lässt sie dem Film während des Aktes anhalten und in Zeichnungen übergehen. 

Wunschträume, die teils in literarischer Form niedergeschrieben worden sind, oder die Bilder und Vorstellungen entwickeln sich zwischen einem Studenten in einer Bibliothek beim Betrachten des Rückens einer Kommilitonin und er fängt an, sie zu zeichnen, bis sie plötzlich physisch zu Gange sind. 

Es ist ja auch schön, ab und an Sexszenen zu schauen, in jedem Menschen steckt ein kleiner Voyeur und das ist keine Erfindung der Moderne, in Museum mit griechischen Skulpturen oder Töpfen finden sich reichlich Darstellungen, gar nicht so jugendfrei aber oft offen ausgestellt, Satyr mit erigiertem Glied. 

Ausgangspunkt für solche Fantasien kann auch eine Erinnerungsbrille sein, die ein älterer Herr trägt und jugendfrische Szenen in die Gegenwart holt. Einem anderen Paar bereitet der Kleidungs- und Rollentausch besonderes Vergnügen. Um Spaß an solchen Filmen zu haben, muss man also gar nicht unbedingt erst Frau Dr. Ruth fragen. Aber man könnte sich mit dem ebenfalls heute startenden Brave Mädchen tun das nicht flankierend vergnügen.

Futur Drei

Gibt es im Iran überhaupt ein Wort dafür?

Das fragt Protagonist Parvis Joon (der leinwandgeschmeidige Benny Radjaipour) und er meint damit die Liebe und den Sex zwischen Männern, schwul. Die Mutter (Mashid) muss lange nachdenken, bis ihr ein kompliziertes und ihr nicht geläufiges Wort einfällt. Das bezeichnet den schmalem Grat, auf dem dieses Thema überhaupt existieren kann, erst recht, wenn es um die Liebe von zwei iranischen Männern in Deutschland geht. Erschwerend kommt hinzu, dass Parvis hier aufgewachsen ist, sein Coming-Out gehabt hat, sich frei in der Szene bewegt, während Amon (Edin Jalali) im Asylbewerberheim auf eine Entscheidung wartet. 

Amon ist äußerlich der volle Hetero, mehr orientalischer Macho geht nicht – umso erstaunlicher, was der Darsteller in manchen Szenen an Zartheit, Differenziertheit und Sensibilität aufscheinen lässt. Als Katalysator zwischen den beiden fungiert Amons Schwester Banaftshe (Banafshe Hourmazdi). 

Über den sozialen Hintergrund erfährt man vor allem von Parvis etwas, wie seine Eltern in Deutschland geschuftet haben, um dem Sohn ein schönes Leben zu ermöglichen, was er auf seine Art interpretiert und auskostet. Er wohnt noch unterm Dach zuhause und die Eltern tun sich schwer, seine Welt zu verstehen. 

Der Film von Faraz Shariat, der mit Paulina Lorenz auch das Buch geschrieben hat, spielt in Hildesheim und bringt die beiden Männer so zusammen, dass der offenbar kleptomanisch veranlagte Parvis 120 Sozialstunden in einem Asylbewerberheim ableisten muss. Hier lebt Amon.

Amon und seine Kumpels halten den blondierten Jüngling mit den weichen Bewegungen und dem warmherzigen Blick anfänglich für einen Neuzugang und Amon spricht ihn mehr aus Jux gleich an. Wie die Liebe zwischen den beiden sich entwickelt, ist ein sperriger Akt, denn einerseits darf Parvis seine Position als Mitarbeiter nicht ausnutzen, und für Amon, in dessen Welt Schwulität offiziell nicht existiert, ist es ein Ding der schieren Unmöglichkeit. 

Shariat erzählt das mit Leichtigkeit und genauer Beobachtung der Hemmungen und dem Widerstand gegen die Begierden, die Zeichen und die Ablehnungen, die Suche nach raren Momenten, auch mit Hilfe von Trance, Tanz und Disco, mit Ausgelassenheit und scheinbarer Unbeschwertheit einer jugendlich lässigen Ménage à trois. Und dann droht da immer noch die Abschiebung.

Brave Mädchen tun das nicht – A Nice Girl like You

Das lernt man nicht auf der Juillard School

Lucy (Lucy Hale) ist eine klassische Geigenspielerin. Mit Pricilla (Mindy Cohn), Nessa (Jackie Cruz) und Paul (Adhir Kalyan) bildet sie ein Quartett, das auf Hochzeiten tingelt. 

Privat lebt Lucy in einem schmucken Vorortshäuschen, etwas spießig und wohlarrangierte Blumen davor. In der Garage bei ihr haust der schwarzlockige Jeff. Mit ihm hat sie realtiv unterentwickelten Sex. Sie beobachtet sich und ihn dabei genau und mittendrin dreht sie sich weg, um Notizen zu machen. Das befriedigt ihn nicht, denn in der Garage schaut er Pornos auf seinem Laptop und weiß also genau, welche Sätze Frauen in Lustmomenten zu sprechen haben. Lucy kommt dahinter und schmeißt ihn raus. 

Lucy entscheidet sich, den Umgang mit Sex gründlich zu studieren. Sie fertigt eine To-Do-Liste an. Ihr stehen beim Erledigen der Punkte ihre Zähne knacken behandeln beiden Kolleginnen Pricilla und Nessa bei. 

Das fängt damit an, in einen Pronoshop zu gehen, sich bei Reizwäsche umzusehen, in einen Stripclub zu gehen, in ein Bordell. Als letzten Punkt soll sie den Begriff „ a hot throbbing cock“ laut sagen. Damit fängt der Film der Gebrüder Chris und Nick Riedell, an, der wie ein charmantes Handbuch für lockeres Parlieren über Sex anmutet. 

Patin könnte Frau Dr. Ruth (Fragen Sie Frau Dr. Ruth) gewesen sein, wenn es nur schon darum geht, gewisse Begriffe in den Mund zu nehmen. Lucy, die zwar ein wunderhübsches Puppengesicht hat, aber da sie es auch verzieht, große Augen und skeptische Blicke aufsetzen kann, womit sie Comedy-Nähe des Unterfangens zu verstehen gibt, führt humorvoll durch ihre Agenda. 

Dabei läuft ihr andauernd der „best Man“ von einer Hochzeit, bei der sie gespielt haben, über den Weg. Es ist Grant (Leonidas Gulaptis). Aufgrund dieser häufigen Begegnungen, teils dann auch als Date, ergibt sich eine Entwicklung, die dem Motto, dass Sex nur ein Geschäft sei, die Liebe entgegensetzt. 

Die Gebrüder Riedell haben den Stoff von Ain Carrillo Gailey nach dem Drehbuch von Andrea Marcellus mit Spaß, Leichtigkeit, Tempo und Temperament auf die Leinwand gebracht und mit einem Musik-Score in der Region leichten Swings angesiedelt. Den Film haben sie ihrer Mutter gewidmet.

Blackbird – Eine Familiengeschichte

Ärzte in Amerika leben besser

Der Film spielt in den USA. Das Landhaus des Ärzteehepaares Lily (Susan Sarandon) und Paul (Sam Neill) hat Ausmaße, Anbauten und eine Freitreppe zum Eingang, dass man in unseren Breiten mehr als ein Arzt drin vorstellen würde.

Dagegen ist das Protagonistenhaus im europäischen Vorbild dieser amerikanischen Verfilmung eines Drehbuches von Christian Torpe und in der Regie von Bille August (Silent Heart – Mein Leben gehört mir) fast ein Gartenhäuschen zu nennen. In der hier zu besprechende amerikanischen Variante ist Roger Michell der Regisseur. 

Die Geschichte ist die gleiche. Die Mutter hat ALS diagnostiziert, was ein über Jahre quälendes Abnehmen der Reguliermöglichkeiten des Körpers in Richtung der totalen Lähmung bedeutet. Das will Lily nicht. Sie entscheidet sich für den Freitod mit Hilfe ihres Mannes. 

Vorher aber will sie ihre Familie noch einmal sehen und Abschied feiern von ihren beiden Töchtern Jennifer (Kate Winslet) mit deren Mann Michael (Rainn Wilson) und dem gemeinsamen Sohn Jonathan (Anson Boon) und Anna (Mia Wasikowska) mit Freundin Chris (Bex Taylor-Kloaus) sowie der langährigen Hausfreundin Liz (Lindsay Duncan). 

Diese Aufzählung lässt vermuten, dass wir es mit einem ausgesprochenen Ensemblefilm zu tun bekommen, eine Familie in einem Haus, unausweichlich, dass Unausgesprochenes an den Tag kommt und die Konfrontation mit einem organisierten Tod ist auch nicht einfach. 

Substantiell hat sich damit zwischen dem europäischen Original und dem amerikanischen Remake nichts geändert. Die europäische Variante war engräumiger, gemütlicher, familiärer. Die amerikanische erinnert an den Gigantismus der amerikanischen Filmindustrie, alles muss eine Nummer größer sein (man kann sich ausmalen, was für ein riesiger Fuhrpark aus Wohntrailern und Technik-Trucks irgendwo hinter dem Landhaus in den Dünen versteckt gewesen sein muss beim Dreh mit so vielen und so hochkarätigen Stars). 

Die Amerikaner haben sich im Gegensatz zu den Dänen fürs Staatstheater entschieden und – wohl eher zufällig – für eine Art coronagerechter Inszenierung, es ist oft so viel Platz zwischen den Darstellern, die häufig fast alle zusammen in einem Raum sind, allein weil die Räume so groß und die Möbel so breit sind. 

Manchmal scheint das Ensemble in der gewaltigen Ausstattung fast unterzugehen. Die ist aufdringlich im Vergleich zum dänischen Vorbild. 

Die Amerikaner haben sich für eine Kamera entschieden, die einiges im Unscharf lässt, selbst teure Stars müssen mal als verschwommene Silhouette im Hintergrund mit dem Staubsauger auf und ab wuseln. Pastellen ist oft der Himmel und ebenso die dezente Musikuntermalung. Von der Action her stehen Stück und Darsteller im Vordergrund und bringen es unfallfrei und mit bewunderungswürdiger Professionalität auf die Leinwand. Das Stück ist im amerikanischen Remake nicht weniger präsent als in Bille Augusts Original. 

Oktoberfest 1900 (Folge 5 und 6) (ARD, Mittwoch, 23. September 2020, 20.15 Uhr)

Notizen noch vor der Sichtung dieser 5. und 6. Folge der Reihe: sie ist nicht gut erzählt: Möchtegern-Saga wie die einst berühmte amerikanische Serie mit den Ölclans („Dallas“) und hier jetzt mit den Bierclans, wobei vor allem vom Eindringling, dem Preussen, viel zu wenig Umfeld bekannt ist, er ist der kapitalistische Depp (einzig die Bestzung hilft, das etwas abzumindern). 

In Folge drei und vier. Der Preuss muss den Jungen mit diesem Schlagring mindestens totgeschlagen haben; das erzählt die lausige Action – aber dem war nicht so; es war wohl nur halb so schlimm als wie es ausgesehen hat. 

Fazit nach 6 Folgen ist die Frage, warum es so gar keinen Spaß macht, diese Serie zu schauen. 

Die Erzählung ist zu hackelig. Die Dialoge sind nicht so, dass die Darsteller durch sie zu Profil finden können, sie bewegen sich zwischen Allgemeinplätzen (über Kapitalismus) und Texten der Vorteilsuche, nebst eingestreuten, erfundenen Beziehungs- und Liebsgeschichten. 

Die Menschen sind eindimensional, alle nur auf ihren Vorteil versessen, ständig wird jemand abgemurkst, die Action ist schlecht gefilmt und der Oberhammer dürfte der sein, dass erst ganz am Schluss, wie aus Torschlusspanik, weil der Film merkt, dass es an tragenden Säulen fehlt, in wenigen Sekunden Schnelldurchlauf die Motivation von Prank in den Film eingebracht wird; ein Essential, was unbedingt an den Anfang gehörte oder wenn nicht, dann müsste aus der Rolle – auch ihren Texten – klar werden, dass da mehr als nur kapitalistische Arschigkeit dahinter steckt, unbedingt als Wirt auf das Oktoberfest zu wollen. 

Die Intriganten im Rathaus sind eindimensional-klischeehafte Figuren. Die Morde haben kaum Folgen, die Schlägereien die, dass viel seltsames Rot auf die Gesichter der Schauspieler aufgetragen wird; man kann sich für keine der Figuren erwärmen. 

Etwas erreichen die Macher sicher: sie erleichtern es einem, dieses Jahr auf das Oktoberfest zu verzichten, ein Fest, was offenbar in einer Geister-Spukstadt (wie nächtliche München-Ansichten zeigen; eher eine Vampirstadt – das wiederum ist ja nicht so übel!) auf Blut und Ungesetzlichkeit gebaut ist. 

Wo liegt der Wurm begraben? Offensichtlich ist, dass die ARD mit diesem überdimensionalen Projekt an Vorbilder wie „Dallas“ anknüpfen möchte, wo es um den Kampf reicher Ölclans geht. In Bayern eine Nummer kleiner, der Kampf von Bierbrauern oder Bierbaronen um Plätze auf der Wiesen, der mit allen Mitteln ausgetragen wird. 

Weshalb die Erzählung mich kaum vorm Bildschirm halten würde, wenn ich freiwilliger Zuschauer wäre: die Erzählung hinkt an allen Ecken und Enden. Vielleicht ist es schlicht das Problem, dass trotz einer Heerschar von Autoren und vielleicht auch Möchtegernautoren nicht genügend Mittel vorhanden sind, Figuren und Handlungsstränge auf Plausibilität hin durchzuarlbeiten; zu oft kommen Texte vor, die wie aus Drehbuchratgebern entnommen scheinen und die nicht dazu angetan sind, die Sprecher zu charakterisieren und damit als Spielfiguren interessant und spannend zu machen; weshalb die Handlung immer so abrupt rumhupft, weshalb das Zuschauerinteresse nie so richtig anknüpfen kann; das hat zur Folge, dass das Kamera- und Beluchtungsgroßgetue ermüdend wirkt. 

Die Serie kommt aufgemotzt und hohl daher. Überwiegend gründlich misslungene Szenen: das Fingerhakeln, das Mähen im Korn, das Intrigengespräch in der Kirche, die Irrenhausszene, die Szenen der Brauervereinigung und und und. Insofern ist auch das Zwangsgebührengeld hinausgeworfenes Geld, weil die Diskrepanz zwischen Ambition und realer Möglichkeit, die der Sender vorgibt, zu groß und nicht erfüllbar ist; Grund genug, nicht nur gegen eine Erhöhung der Zwangsgebühr zu sein, sondern sogar eine Senkung derselben zu fordern und auf die Produktion solch haltbarer Ware zu verzichten. 

So wirkt die Geschichte letztlich zäh, weil zum Kontent nicht die Menschen, sondern lediglich ihr Vorteilsstreben gemacht wird; weil sie sich lediglich in einem Kosmos von Ordnunswidrigkeit und unsauberem Gewinn bewegen. Das wiederum führt dazu, dass es kompensatorisch zu „ad hoc“-Dramen kommt. Kurz vor Schluss geht dem Film noch der Atem aus, da scheint es, werden wild Restetakes zusammengeschnitten. Zangengeburt aus einer zwangsgebührenfinanzierten, weisungsgebundenen Verantwortungsverzichts-Hierarchie. 

ROTE KARTE DES ZWANGSGEBÜHRENZAHLERS!

Lebenslinien: Die Brezn-Frau auf der Wiesn (BR, Montag, 21. September 2020, 20.15 Uhr)

Löwenmutter Juliane.

Arbeiten, arbeiten, arbeiten; Juliane, Jahrgang 1929, stammt aus einer Generation, die nur eins kannte: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Das tut sie auch mit über 90 noch. Das liegt in Herkunft und Biographie und auch in den Genen begründet. Leitmotiv von ihrem Opa war, wenn du etwas machst, dann mach es richtig und mach es fertig. 

Julianes Drang, selbständig zu sein, als Frau etwas zu verdienen und zu lernen, hängt wohl auch damit zusammen, dass sie als uneheliches Kind in eine Großfamilie auf einem Bauernhof hineingeboren wurde und schnell, da ihre Mutter weggezogen ist, Verantwortung für kleinere Halbgeschwister übernehmen musste, ja mit 16 oder 17 ihre Ausbildung zur Hauswirtschafterin abgebrochen hat, um für die kranke Stiefmutter einzuspringen. 

Arbeiten, arbeiten, arbeiten. Liebe, Heirat, irgendwann landet das Mädchen vom Lande, das nie dort auf dem Hof bleiben wollte, mit Mann in München. Bescheidene Lebensverhältnisse, vier Kinder. Alles für die Kinder tun. Zusätzlich zum Mann arbeiten, Hausmeisterei und dann ab 1963 regelmäßig die Jobs auf dem Oktoberfest, 13 Masskrüge auf einmal; die Handgelenke sind längst verformt und verschoben; seit einigen Jahren noch als Breznverkäuferin auf der Wiesn. 

Alles für die Familie von früh bis spät, für die Kinder, die Kindeskinder und inzwischen für die Urenkel. Keine Kultur des Kaffeehausgehens, des Ausgehens, von Kino, Theater, Konzerten ist nicht die Rede, von Sport, Urlaubsreisen, Shopping noch weniger und von Wellness schon gar nicht. 

Diese Lebenslinien von Birgit Deiterding leben von der Gesprächigkeit der alten Dame, der man noch lange zuhören könnte (auch Udo Wachveitl als Kommentarsprecher macht sich gut), so dass die Lebenslinien-Pflichtübung mit Begehen früherer Wohnorte praktisch überflüssig wird, während Einblicke in Fotoalben bis weit zurück und Archivfilme vom Oktoberfest wie immer ihren Reiz haben; es ist nicht nur ein Oktoberfestfilm, resp. diesmal ein Oktoberfestersatz-Film, es ist auch ein Münchenfilm, gar ein Bayernfilm, wie er den Lebenslinien prima zu Gesicht steht und dazu das faszinierende Porträt einer Löwenmutter, bayerischer dürfte kaum gehen.