Archiv der Kategorie: Allgemein

Kommentar zu den Reviews vom 30. Juli 2026

Kino ist Quality-Time. Generell. Muss nicht immer. Aber meist. Quality-Time allein schon dadurch, dass die meisten Mitmenschen genau so gebannt auf die Leinwand schauen, bei dem qualitativ hochstehenden Angebot heutzutage der Normalfall, dass man keine Angriffe von diesen befürchten muss, dass man sich auf das Geschehen auf der Leinwand konzentrieren kann, wenn man nicht unglücklicherweise direkt neben, hinter oder vor einem einen Dauerhustenden sitzen hat, oder Bonbonpapierklauber oder Popcornknacker, das ist eher häufig der Fall, aber selbst das kann der heutige Durschnittsfilm schnell vergessen machen, gar das Futtern selbst. Heute dürfte mit laut allscreens nur vier Neustarts einer der kinostartärmsten Tage des Jahres sein. Aber diese vier Filme fordern Konzentration und geben dafür was zurück. Sich in die Ganglien des Künstlers als eines alten Mannes zu vertiefen, kommt einer verzwickten Reise in die Innereien des Kinos gleich, sich von Eleganz und Genie eines fast perfekten Fälschers faszinieren zu lassen, dürfte vor allem entspannend und unterhaltsam sein, so wie der Einblick in die emanzipierte Partnervorstellung einer italienischen Lehrerin nicht weniger als derjenige in die konträren Lebens- und Liebesentwürfe zweier benachtbarter, amerikanischer Paare. Zumindest wer sich in München davon thematisch nicht angesprochen fühlen sollte, der ist nach wie vor bei den 74. Münchner Filmkunstwochen bestens bedient.

BITTERES FEST
Porträt des Filmkünstlers als eines alten Mannes

SPIDER-MAN:BRAND NEW DAY
Das Böse in Spinnweben aus dem Verkehr ziehen.

DER PERFEKTE SCHEIN – DER FALL BOJARSKI
Von einem Fälscher, der ein fast ein perfekter Verbrecher war

AMORE UND BASTA!
Wenn das Prinzip „nur Sex und keine Beziehung“ funktionieren würde, bräuchte es keine Komödie darüber.

INVITE
Klimpern statt pimpern

Kaltenberg und die Ukraine
Ukrainische Erfahrungen auf dem Kaltenberger Ritterturnier 2026
Julian berichtet von einem bemerkenswerten Besuch beim bekannten Ritterturnier.

Invite

Klimpern statt pimpern

Heiter aufgeregte Wortfetzen einer weiblichen und einer männlichen Stimmer erklingen zu offensichtlich vierhändigem Klaviergeklimpere auf der Tonspur noch vor den Bildern. Sie setzen das Thema zum Film von Olivia Wilde nach dem Drehbuch von Will McCormack und Rashida Jones nach dem Film von Cesc Gay.

Im Anspann das Motto von Oscar Wilde, dass man immer verliebt sein soll, aber um das zu erreichen, besser nicht heiratet. Das ewige Thema der possessiv-instituionalisierten Liebe und deren Absterben in der Ehe. Sicherheit als Reizhemmer.

In der Situation ist das Ehepaar Joe (Seth Rogen) und Angela (Olivia Wilde). Das Töchterchen ist zwölf und Mutter weint schon Tränenflüsse beim Gedanken daran, dass es in ein paar Jahr für Studienzwecke ausziehen könnte. Lässt tief blicken in den dritten der Ehe- und Wohngemeinschaft, den Dirigenten Joe. Den stellt der Film in einer Art Slapstickszenenfolge vor. Er hockt unbeteiligt in einem leeren Konzertsaal, auf der Bühne das Orchester. Er verabschiedet sich und meint, das Orchester soll zu Übungszwecken das Stück nochmal spielen. Er bewegt sich nach hinten im Saal.

Aus Distanz ist zu sehen, dass er sich mit einem Gegenstand abrackert. Es ist ein Klapprad. Nach der Fahrt taucht er in der Wohnung auf. Das Treten dieses unmöglichen Rades hat ihn fertig gemacht. Erledigt haut es ihn auf den Boden. Angela erinnert ihn, dass sie für diesen Abend das neu eingezogene Nachbarspaar eingeladen haben, Pina (Penélope Cruz) und Hawk (Edward Norton).

Der Film nimmt jetzt einen schönen Drive auf hohem, staatstheaterlichem Konversationsniveau auf. Man denkt an den Gott des Gemetzels von Polanski. Bald werden die ersten Lügen aufgedeckt.

Die Paare besichtigen die Wohnung in neuer Paarung, Joe mit Pina und Angela mit Hawk. Es entwickelt daraus eine Anbandelphase.

Die Story fährt Achterbahn. Mit dem Bekenntnis, dass die Gäste eigentlich an Partnertausch und Gruppensex gedacht hätten, schwenkt sie auf das Niveau des vor Jahren Aufsehen erregenden Films „Deutschland privat“ ein.

Wie das auch nicht funktioniert, folgt eine besinnliche Kammerspielphase, in der die Gastgeber ernsthaft über ihre Beziehung nachdenken und dann immerhin das Klimpern anfangen. Von der Schauspieltechnik her werden Spontaneität und Ansätze zur Wort- und Aussprachespielereien eingesetzt und auch das Spanische als geläufiger Zweitsprache in den USA wird von Penélope Cruz und ihrem Gespons angewandt.

Der perfekte Schein – Der Fall Bojarski

Glanzstück fürs Kriminalmuseum

Ein Trick erfolgreicher Krimis kann sein, dass der Täter im Grunde genommen kein schlechter Mensch ist, ja, der Pole Jan Bojarski (Reda Kateb) ist sogar ein Genie von Graveur, besser als alle Franzosen, die die France-Scheine hergestellt haben. Sein Pech: er ist kein Franzose, die Kriegsumstände, der Film geht bis 1943 zurück, haben ihn in Frankreich stranden lassen, keine Papiere, kein Französisch anfangs. Da liegen nur Hilfsjobs drin.

Dank seines Talents fälscht Jan Pässe und verhilft so Menschen zur Flucht. Er ist einer, der Empathie erweckt, dem man gutes Gelingen wünscht. Und wenn das auf legalem Wege nicht möglich ist, so bahnt sich das Talent, das nicht als Hilfsarbeiter verkommen möchte, auf krummen Touren seinen Weg.

Der Zusatz „nach eine wahren Geschichte“ erhöht den Reiz.

Der Film von Jean-Pau Salomé nach dem Drehbuch von Bastien Daret, Delphine Gleize und Marie-Pierre Huster schildert in der gediegenen Art eines historischen Filmes Aufstieg und Fall dieses ungewöhnlichen Fälschers bis er nach über einem Jahrzehnt ungehinderten Wirkens auffliegt.

Er ist verheiratet mit der leicht blauäugigen und gutgläubigen Suzanne (Sara Giraudeau). Die böse Schwiegermutter (Camille Japy) ist diejenige mit der nötigen Skepsis dieser überaus verschwiegen und zurückgezogenen lebenden Familie mit einem Töchterchen.

Den Kommissar André Mattéi (Batien Bouillon), der für Geldfäschungen zuständig ist, bringt Bojarski schier zur Verzweiflung. Es ist ein raffiniertes Katz- und Mausspiel zwischen den beiden, das Psychologie nicht ausblendet. Denn Künstler wollen Anerkennung, als Fälscher erst recht. Als menschliche Schwäche kommt die Gier hinzu, nicht aufhören zu können. Wenn die Banque de France einen neuen Schein herausgibt, so packt Bojarski den Ehrgeiz, diesen schnellstmöglich mit einer Fälschung zu übertreffen und der Welt zu verstehen zu geben, dass er der bessere Graveur sei.

Der Kommissar muss lange auf den einen Fehler des so sorgfältigen und fast perfekten Verbrechers warten. Aber auch der ist nur ein Mensch und hat eine Vergangenheit. Wenn die ihm über den Weg läuft, so kann die Emotion für Momente die Vorsicht in den Hintergrund drängen.

Bitteres Fest

Altmeisters Kinohimmel

Mit dem Fest kann Altmeister Pedro Almodóvar nur den Kinohimmel gemeint haben, in welchem er sich seit seinen ersten Erfolgen befunden haben dürfte mit weltweiter Anerkennung, Preisen, Ehrungen und Festivals, ja mit Einladung nach Katar für 200′ 000, so viel scheint man dort für den Besuch eines Weltklassefilmemachers zu zahlen bereit zu sein, zumindest kommt dieses Angebot in diesem Film vor, der von einem Regisseur handelt, Raoul (Leonardo Sbaraglia), unverkennbar eine jüngere Version des Meisters selbst, der nach Jahren ohne einen Film zu drehen wieder an einem Drehbuch schreibt. In diesem ist das Fest Weihnachten als Zeitpunkt für die Handlung angegeben.

Raoul lebt im Kinohimmel, in einer Kinoblase, drum findet er auch hier seinen Stoff, wenn ihm sonst nichts mehr einfällt, und er muss welchen finden, denn er hat seit fünf Jahren nicht mehr gedreht, aber er dürfte von Produzenten, Geldgebern, Förderern dazu gedrängt werden; er gibt aber auch zu verstehen, dass er den Drang zu drehen hat. So gibt er sich damit zufrieden, aus dieser Blase zu berichten, ein Insiderbericht also, wobei die menschlichen Wehwehchen, die ihm am meisten auf den Wecker zu gehen scheinen, nur allzu menschlich sind und in jeder anderen Blase so oder ähnlich vorkommen dürften.

Filmemacherin Elsa (Bárbara Lennie) ist die Protagonistin des Scriptes, das er zu schreiben anfängt und das 2004 spielt. Sie leidet extrem unter Migräne – darunt litt auch Almodovar selbst. Sie ist seit einem Jahr mit Bonifacio (Patrick Criado) zugange, einem „Bombero“ (Feuerwehrmann) und Freizeitstripper, den sie bei einer Strippshow kennengelernt hat. Sie verschafft ihm einen Job bei der Unterwäschewerbung. Sie selbst ist nach zwei Flops aus dem künstlerischen Film ausgestiegen und macht nur noch Werbung, das ist lukrativer. Das wenige Publikum hätte aus ihr allerdings eine Kultregisseurin gemacht. Das war Almodovar zweifelsohne auch.

Die rechte Hand des Meisters, Mónica (Aitana Sánchez-Gijón), braucht eine Auszeit. Der Meister denkt sozial, seine Mitarbeiter haben alles veranlasst, dass sie ordentlich gekündigt wird und so zwei Jahre Arbeitslosengeld erhält. Sie wird ersetzt durch den treuherzig-sinnlichen Santi (Quim Gutiérrez), der wie ein Dackel dem Meister seine Wünsche erfüllt. Es dürfte, wie auch bei seiner Vorgängerin, nicht nur bei dienstlichen Aktivitäten geblieben sein, was diskrete Hinweise vermuten lassenl; obwohl im Hinblick auf Santi der Begriff des Zölibates fällt. Der Himmel eines Regisseurs.

Das Gefühl in diesem Himmel wird immer bitterer, je näher der Tod rückt, und je weniger der Meister Neues zu erzählen hat. Zu den Wehwehchen in seiner Umgebung zählen Suizid-Versuche, Trennungen, Tode, Verdacht auf Seitensprung in einer Beziehung.

Im Kinohimmel entwickeln die Figuren Eigenleben. Sind die Szenen jetzt real oder ist es das, was der Meister beim Schreiben entwickelt. Elsa zieht sich zum Schreiben auf eine Villa auf Lanzarote, Traumvilla, zurück, hält es dort nicht allein nicht aus. Erst ist eine Freundin da, dann holt sie Natalia (Milena Smit), die auch in einer problematischen Situation ist.

Wenn man den Film nur einmal schaut, ist man sehr damit beschäftigt, zu sortieren, wer ist jetzt wer, wer steht in welcher Beziehung zu wem, wer ist Fiktion und wer ist real. Das erschwert den Genuss, des an sich wieder meisterlich inszenierten Filmes.

Er ist zum Teil eine bittere Betrachtung seiner selbst als als eines erfolgreichen Regisseurs, der doch nur von Unglück umgeben ist, das er in seinen Drehbüchern verwertet, mit denen er dann Erfolg hat, dem aber nichts Neues zu schreiben einfällt.

Musikalisch dominiert wehmütige Trauermusik von Streichern, Höhepunkte sind Archivauftritte von Chavela, wie sie fast schon ohne Stimme ihre Texte gerade noch so spricht und einmal singt eine junge Frau eines ihrer Lieder, die vom Schmerz und der Liebe und dem Tod handeln.

Amore und Basta!

Charmanter Versuch gegen das Patriarchat

Die deutsche Übersetzung des italienischen Originaltitels „2 cuori e 2 capanne“ wäre „2 Herzen und zwei Hütten“ oder Wohnungen. Das beschreibt die Grundthese des Filmes von Massimiliano Bruno, der mit Andrea Bassi, Damiano Bruè und Lisa Riccardi auch das Drehbuch entwickelt und geschrieben hat. Es ist eine Frage an das tradierte Familienbild, die Familie, die unter einem Dach wohnt.

Die Protagonisten Alessandra (Claudia Pandolfi) und Valerio (Edoardo Leo) wohnen zwar unter einem Dach, aber in zwei aneinander angrenzenden Wohnungen. Die neben Alessandra ist frei geworden, nachdem die benachbarten Haschdealer ausgezogen sind. Das war praktisch für die Versorgung mit Stoff für Alessandra, sie brauchte nur an die Wand zu klopfen und schon konnte sie auf der Terrasse durch das Grenzgitter ihre Bestellung abholen.

Alessandra ist eine unabhängige Frau, beruflich als Gymnasiallehrerin tätig. Sie liebt die Liebe mit Männern, aber nicht das Zusammenleben. Sie hat ein gravierendes Problem, das in der Art der leichten Boulevardkomödie eingefügt wird, sie hat Mühe mit der Empfängnis und sie hat noch einen letzten Befruchtungsversuch hinter sich. Das benutzt das Autorenteam, um zu zeigen, was sie unter Komödie verstehen.

Alessandra hat einen wichtigen Brief bekommen. Es ist die Auswertung des letzten Befruchtungsversuches. Sie sitzt in einem gut gefüllten Bus des ÖPNV. Ein eher ungeschickter Typ mit einem Tretroller stolpert über sie, ihre Brille geht zu Boden und ein Glas zu Bruch.

Das Problem wir nicht mit Schadenersatzforderungen, Rechthaberei, gar Schuldzuweisungen und Schimpferei gelöst, sondern charmant bietet er ihr an, den Brief vorzulesen. So ist das Thema für die Akteure und den Zuschauer gleichermaßen auf dem Tisch. Er fügt leichtlippig hinzu, dass er auch unfruchtbar sei. Zack. Da braucht es nur noch einen Filmschnitt bis zu heftigem Küssen und Umarmen in ihrer Wohnung.

Nach dem Sex schickt sie ihn wieder nach Hause: das Bett sei nur dafür da. Weiterer Baustein in der Komödienmechanik: Am nächsten Morgen begibt sich Alessandra an ihre neue Stelle. Zack. Der Direktor, das ist Valerio. Nächstes Bauklötzchen für die anstehenden Verwicklungen und das damit einhergehende Ventilieren der Möglichkeit oder Unmöglichkeit von Beziehung, Ehe, Familie: Alessandra ist schwanger.

Weitere Würzzutaten sind schulisch-emanzipatorische Probleme, die Haltung der Direktion und der Besuch eines früheren Samenspenders von Alessandra aus Spanien. Aus der Geschichte der beiden Protagonisten wirken zudem schwierige Familienverhältnisse ins Geschehen hinein.

Ukrainische Erfahrungen auf dem Kaltenberger Ritterturnier 2026

Staunend ziehen Hanna und Sasha über das brechend volle Gelände des Kaltenberger Ritterturniers. Gleich beginnt der Geländeumzug, die Besucher drängen zu den besten Plätzen entlang der Route. An ein Weiterkommen ist nicht zu denken. Fantasievolle Gestalten auf langen Stelzen scheinen über den Köpfen der Leute vorbeizuschweben, ein Feuerspucker zeigt seine Kunst, Barden spielen Musik, Ritter rasseln mit ihren Kettenhemden, klappern mit ihren Rüstungen und drohen Grimassen schneidend mit ihren Schwertern. Die beiden 23-jährigen Ukrainerinnen aus Zhytomyr genießen das Spektakel – mehr aber noch die Tatsache, dass der echte Krieg heute ganz weit weg ist.

Schon zuhause hatten sie sich mittelalterlich anmutende Kleidung besorgt, Hanna hat sich als Elfe geschminkt. Den ganzen Nachmittag trägt sie spitze Gummiohren, und das bei großer Hitze. „Es fühlt sich an, als würde man an ein Filmset kommen oder in ein anderes Universum eintreten“, beschreibt sie ihren Eindruck. Besonders die große Arena-Show mit ihrer gewaltigen Kulisse und den Spezialeffekten habe sie begeistert. Auch über den Markt sei sie lange geschlendert und habe einige Andenken gekauft – „auch wenn manches schon ziemlich teuer war“, sagt sie schmunzelnd.

Hanna, als Elfe verkleidet

Kaltenberg stand schon vor einigen Jahren auf ihrem Programm. Damals machte allerdings Dauerregen dem Vergnügen einen Strich durch die Rechnung, es war nass und kühl. „Es war trotzdem schön, aber überhaupt nicht vergleichbar“, erinnert sich Sasha.  Sie – von Beruf Ausstatterin in einem Theater – trägt ein Gauklerkostüm und hat einen Heidenspaß an diesem Tag.

Hanna und Sasha in Kaltenberg

Diesmal zeigt sich das Ritterturnier von seiner besten Seite. Ein lauer Sommerabend, angenehme Temperaturen und warmes, buntes Licht verzaubern das Gelände in eine fast märchenhafte Welt. Überall führen Handwerker alte Künste vor, es gibt Essen und Getränke oder Lagerleben: Mitwirkende wohnen hier während der drei Turnierwochen tatsächlich in Zelten oder Hütten. Das Turnier selbst ist eine hochprofessionelle Stuntshow mit Lanzenstechen, Schwertkämpfen und mehr, eingebettet in eine sich jährlich wandelnde dramatische Rahmenhandlung.

In ihrer Heimat gab es vor dem russischen Großangriff durchaus ähnliche Veranstaltungen. Hanna erinnert sich an das Festival „Ancient Kyiv“, bei dem Reitkunst, historische Waffen und mittelalterliche Darstellungen im Mittelpunkt standen. Heute seien solche Veranstaltungen weitgehend ausgesetzt oder durch kleinere Benefiz- und Kulturveranstaltungen ersetzt worden.

Für die beiden Frauen gehört Luftalarm zuhause zum Alltag. Mehrmals täglich heulen auch in Zhytomyr die Sirenen. Zwar bleibt ihre Heimatstadt meist von direkten Angriffen verschont, doch die ständige Unsicherheit begleitet das Leben. Ist es da nicht seltsam, ausgerechnet ein Spektakel zu genießen, bei dem Kämpfe zur Unterhaltung inszeniert werden?

„Nein“, sagt Hanna nach kurzem Nachdenken. „Der Krieg lehrt einen, jeden einzelnen Tag auszukosten und möglichst viele schöne Erinnerungen zu sammeln.“ Dass Menschen hier unbeschwert feiern, störe sie überhaupt nicht. Nur die lauten Explosionen und Knalle während der Show hätten sie ein paar Mal zusammenzucken lassen. „Wenn wir hier sind, möchten wir einfach den Abend genießen. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Heimat vergessen“, ergänzt Sasha.

Trotz aller Begeisterung für Kaltenberg und ihren Urlaub in Bayern freut sich Sasha bereits auf die Rückkehr. „Ich schlafe gern wieder in meinem eigenen Bett“, lacht sie. Während ihres Besuchs schlafen sie und Hanna auf der Gästecouch eines Freundes in Augsburg – bequem ja, aber eben nicht wie zuhause.

Als Hanna und Sasha nachts um halb zwei das Festgelände verlassen, ist klar: Sie werden wiederkommen. Hanna würde dann gern auch ihre Mutter und Freunde aus der Ukraine mitbringen – sobald das Reisen wieder einfacher möglich ist. Nur einen Wunsch hat sie noch: Weil das Ritterturnier jedes Jahr voller werde, wären ein größerer Eingangsbereich oder eine stärkere Begrenzung der Besucherzahl aus ihrer Sicht eine Überlegung wert. Und diesmal wollen die beiden auch auf Sitzplätze sparen.

Beim Kaltenberger Ritterturnier 2026
Beim Kaltenberger Ritterturnier 2026
Lanzenstechen beim Kaltenberger Ritterturnier 2026
Lanzenstechen beim Kaltenberger Ritterturnier 2026

Spider-Man: Brand New Day

Ein unnverfälschtes Filmerlebnis,

das wünscht sich der Verleih für den Zuschauer und bittet daher die Kritiker inständig, nichts zu spoilern, was ein unverfälschtes Filmerlebnis beeinträchtigen könnte. Nur, was stellen die sich unter einem unverfälschten Filmerlebnis vor? Am besten man konsultiert den Trailer, der wird von den Produzenten zur Verfügung gestellt und freigegeben und müsst garantiert verfälschungsproof sei.

Aus der deutschen Variante des Trailers ist zu erfahren, dass sein Name Peter Parker (laut IMDb Tom Holland) sei und dass er etwas zu erzählen habe, was sich total verrückt anhört. Er verrät einem jungen Mann, dass er Spider-Man sei. Seinen Freunden erklärt er, dass sie ihn vergessen werden und das aus dem Grund, um Schlimmes zu verhindern.

Im Selbstgespräch erklärt Peter Parker weiter, das sei vielleicht seine Bestimmung, allein mit der Wahrheit zu leben. Als Spider-Man bekommt er es mit Scorpion (ist bei IMDb nicht aufgeführt) zu tun. Es folgt eine Begegnung mit einem Monster, das als Dr. Banner (Mark Ruffalo) angesprochen wird. Dann verspricht er einem hübschen Mädchen, das muss JM (Zendaya) sein, dass er sie beschützen werden.

Und schon kämpft er gegen ein halbes Dutzend wie Kung-Fu-Kämpfer gekleidete Figuren. Dann ist der jugendliche Kumpel von vorhin ganz stolz auf seinen Spider-Tracker; Spider müsse in unmittelbarer Nähe sein. Damit kann nur das nächste Filmtheater gemeint sein.

Über den Textstellen laufen überwiegend Action-Bilder. Spieder-Man in voller Aktion. Das dürfte das Faszinierende an ihm sein, diese Dualität zwischen Normalbürger und beinah göttlichem Helden. Und als solcher einer, der den größten Shit auf der Welt und man denkt es mit, in der heutigen Weltpolitik, aufräumen kann, wie einsten Augias seinen Stall, nicht ganz so agrarisch. Mit der Raffinesse der Spinnen ausgerüstet.

Wer möchte nicht seinen Gegner mit einer Handgeste gleich in einen Spinnennetz eingewickelt sehen? Wer möchte nicht mit Handwurf tragfähige Spinnenfäden erzeugen, um sich an einen Helikopter anzuhängen, Autos einzufangen, alles Spinnenfadenmögliche anzustellen?

Ein Spider-Man und seine Talente gestatten Allmachtsfantasien, gut gegen Unterlegenheits- und Ohnmachtsgefühle, kompensatorisch. Wir kennten hier auf der Welt einige Politiker, denen wir gerne Spider-Man schicken würden, gerade auch solche, die vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag zur Fahndung ausgeschrieben sind, aber auch andere, die frei herumlaufen und apriorisch Morde befehlen.

Ein Wort zum Film, um ja nichts zu spoilern: er dürfte vollauf die Spinnensehnsüchte und Spinnenfantasien so mancher Männer und sicher auch von Frauen erfüllen; allerdings wären für diese Geschichte 90 Minuten ausreichend; die genügten für eine volle Pulle Spideradrenalin.

Übrigens, was an Peter Parker sympathisch ist, und das ist jetzt ein Spoiler, er ist als Spider-Man ein Volunteer: ein Votum fürs Ehrenamt.

Kommentar zu den Reviews vom 23. Juli 2026

Schon irre, was das Kino alles mit einem anstellen kann, was es einem so aussetzt, das kann ganz schön happig sein, kann einem im Kopf rumgehen, auf dem Magen liegen, einen beflügeln, abheben, erschüttern, einen zu irgendwas motivieren, einen verwirrren, belustigen, amüsieren, zu denken geben, einen wütend oder glücklich machen, einen alles um sich herum vergessen lassen, kann einen zudröhnen, hineinsaugen in etwas, einem Angst machen. Heute fasziniert es mit einer ungewöhnlichen Erzählung über eine emanzipatorische Trauerbewältigung qua Auseinandersetzung mit einem Raubvogel. Es infiltriert einen unwiderstehlich mit der Beobachtung einer unmöglichen, amerikanisch-mexikanischen Liebesbeziehung. Es überrumpelt einen fröhlich in der Spielzeugkiste. Es ergreift empathisch Partei für Frauen, die für eine gute Sache kämpfen. Es macht uns vertraut mit zwei Münchner Kreativen und deren Werk. Es will uns französisch für die technisch erzeugte Lust begeistern. Es versucht, uns skandinavisch einen Schreck nicht ohne Augenzwinkern einzujagen. Bei den Münchner Filmkunstwochen verursacht es die Qual der Wahl. Auf DVD zieht es uns in die Fänge eines psychischen Desasters einer Psychiatrin hinein. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen arbeitet weiterhin mit Hochdruck an seiner eigenen Abschaffung.

Kino

H WIE HABICHT
Nicht Freund, nicht Schoßtier, nicht Partner – Auseinandersetzung und Fokus

DREAMS – GEFÄHRLICHES VERLANGEN
Liebe und Besitzgefälle

TOY STORY 5
Tablets und Invasoren sind neu im Spielzeuguniversum.

TO MY SISTERS
Noch aktive Kämpferinnen gegen den ISIS

LEBENSFREUNDSCHAFT
Zwei alte, weiße, fitte und kreative Männer

CHÉRI, ICH KOMME – DIE ERFINDUNG DER LUST
Warum fingern, wenn es Geräte gibt?

KRAKEN – ERWACHEN DER TIEFE
Mit Elementen des Horrorgenres

Filmkunstwochen
Zum 74. Mal veranstalten ausgewählte Münchner Progammkinos die exklusiven Filmkunstwochen.

DVD
PARIS MURDER MYSTERY
Die Psychiatrin selbst wird in die Abgründe hinabgezogen.

TV
SUPERTIERE MADE IN BAVARIA
Zwangsgebührenabgreifformat, ein weiterer Schritt in der Selbstentbehrlichmachung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Kraken – Erwachen der Tiefe

Soniclice

ist vielleicht die Idee, die die Drehbuchautoren Vilde Eide, Kjersti Helen Rsamussen und Natasha Arthur mit Regisseur Pal Oie so zündend fanden, dass drumherum ein Horrofilm gebastelt werden müsse. So richtig nachvollziehbar können sie allerdings nicht erklären, wie die Ton-Läuse, also die Soniclice, funktionieren und wie sie das Wachstum der Lachse im Oslo Fjord positiv beeinflussen sollen.

Anscheinend hat die Idee alle weiteren am Film beteiligten in so einen Taumel versetzt, dass niemand das Drehbuch richtig gelesen hat und dass niemandem aufgefallen ist, dass es am Storytelling total notleidend ist, dass es lediglich aus Versatzstücken besteht, aus denen sich ein ordentlicher Horrorstreifen mit Fjordungeheuer zusammenbauen ließe.

Man müsste den Zuschauer mitnehmen, man müsste ihn an die Angel, an den Haken bekommen, damit er folgt und nicht ständig mit neuen Details aus einer Gesamtsituation konfrontiert wird, die er nicht so richtig einordnen kann und von denen er nicht weiß, ob er sich darauf einlassen soll oder nicht.

Ein Strang wäre die Meeresbiologin mit der aufgespritzten Lippe und dem prima und einheitlich geschminkten Teint. Ein anderer wäre der Lachszüchter, der japanische Kunden von der gefahren- und nebenwirkungslosen Produktmaximierung zu überzeugen versucht, und dass er die Produktion unendlich ausweiten könne, denn es gebe noch so viele Fjorde in Norwegen.

Wieder einer wäre die Tochter des Lachsproduzenten, die mit zwei Jungs eine Umweltaktivistengruppe bildet. Sie will Machenschaften, welchen genau wird nicht nachvollziebar genug geschildert, ihres Vaters aufdecken.

Oder da wären die zwei Typen vor Ort an der Zuchtstation im Fjord, die die krummen Dinge decken. Es gibt zwei Touristen, die plötzlich von der Wasseroberfläche verschwinden. War da so was wie das Ungeheuer vom Loch Ness im Spiel?

Dann ist da die Polizistin, die merkwürdigerweise mit dem Lachsproduzenten verheiratet ist. Die müsste eigentlich auch zwischen alle Stühle und Bänke gerutscht sein, die wäre auch eine Anteilnahme und ein Mitgehen wert; aber auch das funktioniert nicht.

Dann ist da eine Gruppe von Paddlern. Eine Paddlerin verschwindet plötzlich bei der Drehübung in der Tiefe. Und damit auch die Restgruppe aus dem Film. Vergebliche Anteilnahme. Die deutsche Billigsynchro bildet den Sargnagel für den Fim, der vermutlich selbst schon bald in den Tiefen der Fjorde versinken dürfte.

Chérie, ich komme! – Die Erfindung der Lust

Himmlischer Dildo

Das Nonplusultra der Orgasmologie entwickeln der Tüftler Thomas (Francois Cluzet) und seine Frau Fanny (Alexandra Lamy). Ein Dildo-Film also von Reem Kherici, die mit Gari Kikoine und David Solal auch das Drehbuch „nach wahren Begebenheiten“ geschrieben hat. Das Original-Erfinder-Paar ist im Abspann zu sehen.

Fanny stellt nach Jahren der Ehe fest, dass sie nie einen richtigen Orgasmus gehabt, immer aber einen vorgespielt hat. Sie möchte das ändern. Das Orgasmus-Problem soll technisch mit Hilfe eines Gerätes gelöst werden, das die entsprechenden Teile des weiblichen Geschlechts stimuliert. Das führt zu einer Reihe peinlicher Situationen mit Menschen, die keinen unbefangenen Umgang mit solchen Dingen haben.

Es wird eine materielle Notlage des Ehepaars erfunden, ob das beim Vorbild so war oder nicht, sei dahingestellt. Deshalb muss es das Haus verkaufen. Die Tochter führt Interessenten durch das Haus. Wenn dann im Atelier ein Tisch voller Dildomodelle steht, macht das Besucherpaar schnurstracks kehrt, als ob dem Haus ein Makel anhafte.

Ein weiterer Zusammenhang zwischen Orgasmus, Erotik, Liebe, Sehnsucht, Vorstellung, aber auch Macht, Herrschaft, Gewohnheit wird weitgehend ausgeblendet.

Es gibt ein kurzes Flashback an die Liebe, wie sie anfänglich war und irgendwie lieben sie sich am Schluss auch, weil eine Geschichte ja ein Ende haben muss und eine über die Erfindung eines ganz besonderen Dildos ein glückliches. Der geneigte Zuschauer lernt auch, dass mit einem wackeligen Auto über Kopfsteinpflaster zu fahren für Frauen stimulierend wirken kann. So Dinge halt.