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Call Jane

Belastetes Thema al dente zubereitet

Schwangerschaftsabbruch ist ein Thema, bei dem dessen Gegner kein Pardon kennen; es ist ein Thema, über das mit den Gegnern gar nicht erst diskutiert werden kann. Insofern dürfte es ein Film über das Thema nicht leicht haben, besonders wenn er die Abtreibung befürwortet.

Phyllis Nagy hat für ihre Regie eine Geschichte nach dem Drehbuch von Hayley Schore und Roshan Sethi gefunden, die im Amerika von 1968 spielt, als dort Abtreibung illegal war. Dank exzellentem Filmhandwerk inklusive sachdienlicher Kamera und Szenenauflösung, wie Schnitt, nebst erstklassiger Besetzung gelingt es der Regisseurin einen packenden Film zu machen, der dem schweren Thema die Schwere nimmt.

Es ist die Geschichte von Joy (Elizabeth Banks), einer gut bürgerlichen Frau in uninspirierter Ehe mit Will (Chris Messina) verheiratet. Sie haben Töchterchen Charlotte, die gerade zur Frau wird. Ungewollt wird Joy nochmal schwanger. Die Schwangerschaft birgt Risiken; allerdings nicht von der Art, dass ein autorisiertes Expertengremium der Ansicht wäre, eine legale Abtreibung erlauben zu dürfen.

Die Frau ist auf sich gestellt mit dem möglichen Unheil in ihrem Bauch. Eine verzweifelte Situation, der auf legalem und offiziellem Wege nicht zu begegnen ist. So locken Zettel an Laternenmasten mit der Aufforderung „Call Jane“ und einer Telefonnummer. Eine Nummer, bei der Anrufende, das sind verzweifelte Schwangere, immer das erste Mal aufhängen. Das zweite Mal setzt es eine abenteuerliche Reise in Gang, die in einem Hinterhof bei einer Gruppe von Frauen um Virigna (Sigourney Weaver) endet, die gegen horrendes Geld Abtreibungen unter thrillerhaften Vorsichtsmaßnahmen vornehmen.

Der Arzt Dean (Cory Michael Smith) ist allerdings alles andere als Vertrauen erweckend, wirkt wie eine Figur aus einem Spukfilm. Für Joy ist mit der vorgenommenen Abtreibung nicht Schluss. Für sie fängt es erst richtig an mit überraschenden Entwicklungen, die sie vor ihrer Tochter und ihrem Gatten kaum mehr verheimlichen kann, Entwicklungen, die changieren zwischen Thriller und Schelmenroman.

Dem Film kommt insofern besondere Aktualität zu, als die Diskussion über Abtreibung nicht abreißt, als die liberale Gesetzgebung von 1973 jüngst vor dem Obersten Gericht der USA einen herben Rückschlag erlitten und somit die Diskussion erneut angefacht hat. Warum soll eine Frau das nicht selber entscheiden dürfen?

Lebenslinien: Die Eltern der Wanderhure (BR, Montag, 28. November 2022, 22.00 Uhr)

Unglamoureuse Millionäre

Ihre Bücher erreichen Millionenauflagen und werden in andere Sprachen übersetzt, ihr Leben ist vollkommen unspektakulär, ja direkt langweilig als Topos für diese Lebenslinien von Tanja von Ungern Sternberg unter der redaktionellen Betreuung von Martina Kowalczyk und Christian Baudissin.

Iny Klocke und Elmar Wohlrat, die anfänglich unter dem Pseudonym Iny Lorentz ihre Romane veröffentlichten, verbindet einerseits das Interesse an Fantasy-Geschichten – über so einen Club haben sie sich kennengerlent – andererseits sind sie in ihrer Kindheit menschlich so verarscht worden, dass sie direkt gezwungen waren, sich in Fantasiegeschichten zu flüchten, was wohl dazu führte, dass sie diese Fantasiebegabung weit überdurchschnittlich entfalten konnten.

Das Glück der kaputten Kindheit könnte man fast sagen. Es soll also niemand die beiden über ihren Erfolg beneiden, so teuer, wie sie ihn erkauft haben. Und es hat auch gedauert, bis er sich als solcher niederschlug, bis nach x Groschenromanen endlich ein Buch veröffentlicht wurde.

Bis dahin haben sie Bürojobs gehabt und die Freizeit mit Schreiben gefüllt. Einen Makel empfinden sie, dass sie vom Feuilleton ignoriert werden. Aber wozu auch da hineindrängen? Ist es doch die Sehnsucht nach Glamour?

Die Literaturagentin, die den Mut hatte, den ersten Roman zu veröffentlichen, wundert sich jedenfalls, wie ihre beiden Erfolgsautoren sich durch den Erfolg überhaupt nicht verändert zu haben scheinen. Sie bleiben äußerlich unspannend und wenig ergiebig als Topoi einer Fernsehsendung. Sie genügen sich selbst. Sie müssen sich nichts mehr beweisen. Sie suchen nicht den Kontakt zur Promi-Welt. Am liebsten schreiben sie fulltime oder machen ab und an eine Lesung. Lieber 366 Tage im Jahr schreiben als nur 365.

Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers (DVD)

„Mit enormem Fleiß
hat Marie Noelle Material gesichtet und gesammelt in über zwei Dutzend Archiven, hat ein Dutzend Fachleute interviewt, hat Reenactment-Szenen geschrieben und inszeniert und hat das alles bearbeitet und collagenhaft montiert, möglicherweise inspiriert von den futuristischen Komplexbildern aus der russischen Phase ihres Protagonisten Heinrich Vogeler und darüber einen meist nervösen Sound gelegt.“

So fängt die Review von stefe an.

Kommentar zu den Reviews vom 24. November 2022

Riesenangriff auf die Leinwände mit lauter starken, bemerkenswerten Filmen, selbst wenn es faktisch nur die Dokumentation dessen ist, wie eine Mutter versucht, ihre Tochter zum Star zu machen. An der amerikanischen Ostküste blickt ein Regisseur auf seine eigene Jugend zurück, betörend und verstörend. In Rumänien wird ein Polizist mit seiner versteckten Schwulität konfrontiert. In Venezuela war diese Frauenliebe höchst lebendig und wenig versteckt, die eine grauenhafte Hintergrundgeschichte hat. In Georgien geht es gleichgeschlechtlicher Liebe nicht sonderlich gut. Hollywood verfüllt ein italienisches Märchen nach all seinen massiven Storytellingrezepten. In der Schweiz ist nicht alle Satire Käse, wenn sie von solchem handelt. Zwei deutsche Buben, die abhauen, erleben Unerwartetes. Alte finnische Männer sind bei einem alten Regisseur in besten Händen. Auf einer griechischen Insel wird ein Mörder gesucht. In den USA geilen sich Fantasyzeichner auf. Auf deutschem Adeligen-Gut findet eine Kommissarin im Moor Dinge, die nicht dazu angetan sind, sie zu heilen. In Deutschland evoziert einer eine Kindheit in der Terrorherrschaft in einer Kommune. Ebenfalls in Deutschland wird der Ex-Kanzlerin dokumentarisch ein makelloses Kränzchen gewunden. In einer deutsch-amerikanischen Koproduktion will ein deutscher Star aus seiner Tochter einen internationalen Star machen. Auf DVD unterhält es sich bestens mit einem Folksmusik machenden Nobelpreisträger.

Kino

ZEITEN DES UMBRUCHS – ARMAGEDDON TIME
Irgendwann reicht es mit der weißen Dominanz, die Freundschaften zerstört.

POPPY FIELD
Über tief verwurzelte Homophobie bei der Polizei in Rumänien

NELLY & NADINE – EINE WAHRHAFT UNGLAUBLICHE LIEBESGESCHICHTE
Dem Filmtitelzusatz kann man nur zustimmen: wahrhaft unglaublich.

WET SAND
Heimliche Liebe an einem homophoben Unort.

GUILLERMO DEL TOROS PINOCCHIO
Wozu Lügennasen alles zu gebrauchen sind.

MAD HEIDI
Die Schweiz ist weder gegen diktatorische noch gegen satirische Angriffe gefeit.

NACHTWALD
So zauberhaft und abenteuerlich kann Buben-Coming-of-Age sein.

GRUMP -AUF DER SUCHE NACH DEM ESCORT
Vom Sinn und Zweck alter Männer

GLASS ONION: A KNIVES OUT MYSTERY
Der Hund hat den Kaviar gefressen.

STRANGE WORLD
Disneykonditioniert

ECHO
Afhganistantraumatisierte Kommissarin trifft auf Moorleiche.

SERVUS PAPA, SEE YOU IN HELL
Fiktionale Erinnerung an die Herrschaft des Otto Mühl

MERKEL – MACHT DER FREIHEIT
Hommage-Doku

SHATTERED – GEFÄHRLICHE AFFÄRE
Eine Mutter will ihre Tochter im Kino groß rausbringen.

DVD
JIM ALLISON – PIONIER, KREBSFORSCHER, NOBELPREISTRÄGER
Dass ein Nobelpreisträger so funny sein kann, glaubt man erst, wenn man diese Doku gesehen hat.

Wet Sand

Eine heimliche Liebe
georgisches Drama
an einem Un-Ort am Schwarzen Meer

Das Leben, wie es plätschert und dann wieder aufwühlt

Das georgische Kino weiß immer wieder von Neuem zu überraschen; zuletzt mit Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen. Vielleicht weil der Zeitbegriff in Georgien genau so einer ist, dass genügend Zeit ist, Dinge sichtbar und geschehen zu lassen, ohne zu langweilen und so genügend Platz ist, in der Alltäglichkeit die großen Dinge einzuflechten. So ein Kino kann die ganze Unmenschlichkeit von Kleinkariertheit und spießiger Verbohrtheit (gleich Intoleranz) messerscharf freilegen, ohne dass es gleich literweise Bühnenblut vergießen muss.

Der Film von Elen Naveriania, die mit Sandro Naveriania auch das Drehbuch geschrieben hat, spielt an einem Nicht-Ort am Schwarzen Meer. Zentrale Location ist das Strand-Café oder Strand-Restaurant mit Terrasse „Nasser Sand“. Es wird betrieben von Ammon (Gia Agumava). Er lebt allein, man sieht ihm an, dass er Geheimnisse und vielleicht auch Kummer hat. Aber ein Wirt ist innerhalb einer Gemeinschaft auf seine Art isoliert.

Bei Ammon gehen die Menschen (oder Unmenschen) ein und aus; er wiederum ist allein durch die Wirteposition ein Außenseiter; er hat keine Familie. Ihm hilft Fleshka (Megi Kobaladze), ein gegen das Femininideal gebürstete Frau, die garantiert nicht viel drauf gibt, sich anzupassen, das Weibchen zu spielen. Sie muss sich vom Stammtisch blöd anmachen lassen, von wegen Mann und Jungfrau. Aber sie schluckt es.

Kinder kommen aufgeregt und lachend auf das Café zu. Er sei tot, rufen sie, er sei tot. Der Tote, das ist Eliko (Tengo Javakhadze), auch ein Einzelgänger in der Gesichtslosortschaft. Er hat sich erhängt, was hier als Schande gilt und kirchlichen Abschied ausschließt.

Auch wie Eliko tot ist, haben die Stammgäste im Wet Sand kein gutes Wort für ihn übrig. Begraben will ihn keiner. Seine Enkelin aus Tbilsi taucht auf, eine Frau, die schon von ihrem burschikosen Äußeren her garantiert nicht hierher passt.

Das Drama entwickelt sich um die Beerdigung von Eliko. Dabei kommen Geheimnisse an den Tag, die die Ortschaft vorher bestimmt nicht ertragen hätte; der kirchliche Patriarch feiert am Fernsehen den Tag der Familie; dieser wurde an Stelle des Tages gegen Homophobie gesetzt.

Wie tief die Homophobie in manchen Bevölkerungsschichten an Gesichtslosorten sitzt, das kommt hier immer erschreckender an den Tag. Das Dorfgerede, der Stammtisch gehen mit einer Gewalt fast wie das Meer gegen diese Einzelgänger an, gegen die Außenseiter und Außenseiterinnen, die jede Gemeinschaft doch braucht.

Das hier gezeigte Georgien atmet die Atmosphäre von, nun ja, vielleicht nicht gerade von Zerfall, aber von Dahinbröseln, in die schrill die grässliche Fratze der Erniedrigung, des Mobbings, des Ausgrenzens einbricht.

Glass Onion: A Knives out Mystery

Der Hund frißt den Kaviar,

diese Redensart kursiert in dem Superreichen-Milieu, in welchem dieser neue Whodunnit-Film von Rian Johnson (Looper), eine Mystery-Ergänzung von Knives Out, spielt, auf einer griechischen Luxus-Privat-Insel, ein Film mit personeller Luxusausstattung, angeführt von Daniel Craig als Privatdetektiv Benoit Blanc, irgendwie vierschrötig und irgendwie mit noch mehr Stil, nicht nur, wenn er tagelang in seiner Badewanne ausharrt – bis die merkwürdige Einladung auch ihn erreicht.

Eingeladen sind vom Alpha-Gründer Miles Bron (Edward Norton) gut ein halbes Dutzend Menschen, die von ihm finanziell abhängig, auf ihn angewiesen sind, die aber alle auf ihre Art ein Problem mit ihm haben.

Erst schildert der Film lustvoll und mit Splitscreen, wie die Einladung, eine höchst rätselhafte Box bei den Gästen ankommt; auch wird klar, dass es sich um eine Freundesclique handelt, die sich schon lange kennt, lange vor der Gründung von Alpha. Sie werden Disruptors genannt, was das Karrierprinzip meint, dass einer Grenzen hinter sich lasse, vielleicht auch zu interpretieren, bereit sei, über Leichen zu gehen.

Bei der Ankunft der illustren Runde fallen Sätze, die möglicherweise bedeutsam werden können. Es gibt eine Besichtigung des riesigen Anwesens mit dem Höhepunkt der Glas-Zwiebel, die wie eine Kuppel gläsern über allem thront; sie ist das Nervenzentrum von Alpha, hier wird auch der Superenergiestoff Klear aufbewahrt und andere Geheimnisse.

Die Zwiebel symbolisiert aber auch die vielen Schalen, die um das zu lösende Verbrechen, mindestens ein Mord, von Blanc zu entfernen sind, bis der wahre Kern in von Agatha Christie bestbekannter Manier zum Vorschein kommt.

Bis es so weit ist, dauert es über zwei Stunden, eine Zeit, in der zwar nicht der Hund den Kaviar gefressen, aber möglicherweise Covid etwas viel Zwischenraum geschaffen hat, was der Leichtigkeit und dem Tempo abträglich ist; aber wie es in diesem Luxusmilieu ist, was solls, kein großer Schaden, wenn der Hund den Kaviar vertilgt oder wenn Covid zur Dehnung von Zwischenräumen sorgt. In der Pressevorführung wurde jedenfalls viel gelacht, es sind genügend Pointen eingebaut und technische und andere Überrschungen, die bekanntlich nicht gespoilert werden sollen.