Archiv für die Kategorie: “Allgemein”

Nur schönes Wetter und glückliche Gäste.

Dazwischen gestreut werden alte Fotos und Filmaufnahmen vom Traditionsgasthaus Zirmerhof in Südtirol , über den Jens Meurer unter der gähnenden Obhut der Zwangsgebührentreuhänder und BR-Redakteure Matthias Leybrand und Carlos Gerstenhauer dieses eher unbedarfte Werbefilmchen gemacht hat.

Für eine spannende Dokumentation reicht es nicht. Die Werbefotografie auf der Website des Hotels ist deutlich geleckter.

Der dokumentarische Ansatz von Meurer ist für ein öffentlich-rechtliches Fernsehen zu dürftig, wirkt tendenziell laienhaft. Er kennt den Hof von Kindheit an. Und dass er jetzt einen Werbefilm fürs Fernsehen dreht, widerspricht eklatant der im Film verbreiteten Philosophie des alten, 2014 verstorbenen Wirtes, dass der Hof ein ganz spezieller, auch geistiger Ort sein soll.

Dieser Werbefilm zielt auf die Masse, auf den Umsatz, aufs Legendbuilding, auf das Branding. Er wirbt mit der Geschichte des Gasthofes, mit berühmten Gästen, die hier waren, mit einigen Besonderheiten, wie dem gemeinsamen Essen der Gäste.

Dieser Imagefilm ist der letzte Beweis, dass der Hof genau dort gelandet ist, wo er nie hinwollte: im Effizienzdenken, im Anstreben von Bekanntheit und Ruhm und dem Geschäft damit.

Sollte der Film – und das sollte er auf jeden Fall, wenn er für das öffentlich-rechtliche Fernsehen gedreht wird – mehr sein als nur ein reiner Werbefilm, so müsste der Dokumentarist zumindest auch auf die Wechselwirkung des Hofes mit der Talschaft eingehen, sollte wenigstens ein einigermaßen nachvollziehbares Bild des Hofes herstellen; man möchte auch etwas über die Wirtschaftlichkeit erfahren, mehr jedenfalls als nur zu hören, dass im Sommer die Saison ist und dass im Winter und im Frühjahr umgebaut und gewerkelt wird.

Man möchte mehr hören als nur zugeneigte Komplimente und Statements von Gästen, man möchte auch über die Verteilung des Erbes etwas erfahren, wie das Personal untergebracht ist, was mit dem Hornvieh ist.

Man möchte nicht überschüttet werden mit einem wilden, unkontrollierten Mix aus heutigen Statements und einer ewigen Hin- und Herhupferei in der Geschichte der 5 Generationen, die den Hof bis heute führen.

Wenn so ein Film im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt wird gegen Zwangsgebührengeld, so erwarte ich wenigstens einen kompetenten, dokumentarischen Ansatz. Ein solcher ist hier nicht erkennbar. Der Dokumentarist wühlt sich durch sein Material wie ein Kuh durchs Gras auf der Weide. Sind die entscheidenden Redakteure in dem Hof zu Gast gewesen, auf ein Gläschen Wein und haben dann die Gelder für den Dreh freigegeben? Solche Fragen stellen sich inzwischen immer häufiger bei Produktionen des BR, immer häufiger versteckt sich die PR-Attitüde kaum mehr, wird immer unverhohlener.

So richtig nachvollziehbar ist die Entscheidung der Zwangsgebührentreuhänder Matthias Leybrand und Carlos Gerstenhauer nicht, einen solchen Werbefilm für ein privates Hotel aus Zwangsgebührengeldern zu finanzieren. Für ein Hotel, das für die Oberschicht ist, für Professoren, Anwälte, Bundespräsidenten, Autoren. Ein Hotel, das sich die einkommensschwachen Haushalte, die sich die Rundfunkzwangsgebühr vom kleinen Haushaltbudget absparen müssen, nie leisten können. Aber für einen Werbefilm für so ein Hotel sollen sie blechen. Nein, mit solchen Produktionen untergräbt auch der Chef des BR, Ulrich Wilhelm (jawohl, der mit dem Kanzlerinnengehalt!) seine dreiste Forderung nach einer Erhöhung der Zwangsgebühr, die in keiner Weise berechtigt ist. Diese seine Forderung, auch jene nach der automatischen Zwangsgebührenerhöhung nach dem Indexmodell, verliert mit solchen Produktionen das letzte Stück Glaubwürdigkeit. Und mit dem Framing Manual der superteuren Frau Elisabeth Wehling (über 1000 Euro pro Gutachterseite!) lässt sich das auch nicht schönreden; solches ist nicht „unser freier, gemeinsamer Rundfunk“.

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Kreativität eine Modemachers mit jedem Atemzug. Siehe stefes Review.
(Koinzidenz: Heute die Todesnachricht von Karl Lagerfeld).

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Der pfiffige Findus entdeckt die Selbständigkeit und bereitet Pettersson damit Ungemach. Siehe Review von stefe.

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Keine Narretei. Es gibt ein sinnliches, deutsches Kino. Eine Französin in Japan auf Blütensuche. Ein Rentier in Lappland auf Odyssee. Aus Amerika eine Comic-Superheroinen-Verfilmung, an die Cameron sich selbst doch nicht traute. Jede Menge junger Männer mit Krebs auf Chemotour in deutscher Klinik. Ein amerikanischer Horror von Bloomhouse. Ein Ausbruchsversuch deutscher Subventionsstars aus dem Würgegriff der Routine. Und stefe hat sich einen Aufruf erlaubt.

LUFT
In diesem Coming-of-Age nahe der französischen Grenze vibriert die Luft.

DIE BLÜTE DES EINKLANGS – VISION
Juliette Binoche hängt japanischen Träumereien nach.

AILOS REISE – AILO UNE ODYSSÉE EN LAPONIE
Ein Rentier auf Lapplandodyssee, das will der Originaltitel suggerieren.

ALITA: BATTLE ANGEL
Wie meiner Oma ihr Bilderbuch.

CLUB DER ROTEN BÄNDER – WIE ALLES BEGANN
Ein junger Krebspatient und noch ein junger Krebspatient – und noch einer.

HAPPY DEATHDAY 2U
Darmverwicklung der Zeitschlaufen.

SWEETHEARTS
Geiselnahme führt zu heimelig-süßer Nähe.

Aufruf
Bei diesem Aufruf geht es um die Rettung des Gabriel Filmtheaters in München. Unterzeichnen wäre super!

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Zeitschlaufen-Verschlingungen in kalter Neonästhetik.

Der Geburtstag von Tree (Jessica Rothe) ist Dreh-, Angel- und auch Todespunkt dieser Universitäts-Blondine. Sie verheddert sich endlos in den daraus resultierenden Zeitschlaufen.

Den Geburtstag feiert sie mit ihrem Vater auf der Terrasse eines Restaurants. Da tritt auch immer wieder ihre verstorbene Mutter auf, bis zu einer romantisch-versöhnlichen Szene der beiden Frauen.

Das Problem der Protagonistin in diesem Film von Christopher Landon ist, dass sie einerseits makellos-teenie-hübsch sein soll, andererseits eine Vielzahl von abstoßender Härte, Hysterie und Panik spielen muss. Dadurch wird das mit der Sympathie schon mal schwierig. Eine Komödie ist der Film ja auch nicht.

Hinzu kommt, dass der Film mit einer Zeitschlaufe ihres knuddeligen, blondierten und im Gegensatz dazu mit stark geschwärzten Augenbrauen versehenen Kommilitonen Ryan (Phi Vu) anfängt. Dieser sitzt verschnarcht in seinem PKW. Er wird aufgeschreckt, rennt halb schläfrig zur Uni, wird ständig angerempelt und landet schließlich im Labor bei seinem ganz besonderen Projekt, einem Experiment, das mit Quantenmechanik zu tun hat und aus einer Kugel mit mindestens einem Meter Durchmesser aus Drähten und Röhren besteht und mit einem Computer verbunden ist.

Der Professor erklärt das Projekt für gescheitert. Ryan wird von einem Maskenmann bedrängt, flieht, wird umgebracht. Wacht wieder verschnarcht im Auto vorm Campus auf.

Ryan wird als Sympathie-Figur eingeführt und nachdem er einem Doppel von sich selbst begegnet, übernimmt Tree unerklärlicherweise die führende Rolle im Film. Das ist nur einer der krassen Faux-Pas des Drehbuches, das den Eindruck erweckt, es sei vielleicht von Manangement-Beratern ausgeheckt, sicher aber nicht von professionellen Drehbuchautoren. Jene wollen es knallen und krachen lassen, wollen Hysterie über Hysterie, gern in kalte Neonästhetik getaucht.

Es geht Landon vielleicht um eine Effekten-Ansammlung, ein Überschütten der Leinwand mit wie wahllos zusammengestellten Horroreffekten, von denen er hofft, dass sie am Thema Zeitschlaufe haften bleiben.

Dadurch wirken die allesamt hübschen und sicherlich talentierten, aparten, intelligenten Nachwuchsdarsteller wie beziehungslos, als ob sie den gewünschten Schuh runterspielten, weil auch sie kaum etwas von Beziehung zu den anderen finden. Sie sind Marionetten in einem aus den (Regie- und Drehbuch)fugen geratenen Zeitschlaufenspiel.

So kann die Musik noch so sehr den Swing und den Schwung versuchen – sie kann nicht über das Durcheinander der Story hinweghelfen, auch sie scheint aus nicht weiter erklärlichen Gründen Eingang auf die Tonspur gefunden zu haben.

Der Film findet nicht aus dem Zeitdimensionendurcheinander heraus. Er wird von Szene zu Szene enttäuschender.

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Meiner Oma ihr Bilderbuch.

Dieser Film von Robert Rodriguez nach dem Comic „Gumm“ von Yukito Kishiro, Drehbuch: James Cameron, Laeta Kalogridis und Robert Rodriguez, erinnert mich an vergilbte Bilderbücher, die bei meiner Oma rumgelegen sind. Die konnte man intensiv studieren. Es waren fremde Welten zu sehen, dicht gefüllte Welten, wuchernde Städte und rauchende Industrien.

Der Film erinnert mich über weite Strecken daran, weil er Bild an Bild reiht, hoch elaboriert, ohne einen Storyflow zu entwickeln. Die Bilder sind sehenswert. Iron City als eine wuselige Stadt, vollgepfercht mit wuseligen Menschen.

Der Film fängt im Jahr 2563 an und geht dreihundert Jahre zurück. Dr. Dyson Ido (Christoph Waltz) repariert Cyborgs. Der Fund eines Frauenkopfs in einer Müllgegend reizt ihn. Er baut ihm einen neuen Körper. Das wird Alita (Rosa Salazar mit den Rehaugen).

Dyson selber ist ein Hunter, geht mit breitem Krempenhut, Ledermantel und auffällig großem, dünnem Koffer (irrsinnig klischeehafter Auftritt) heimlich auf Ersatzteiljagd für seine Praxis.

Ein emotionales Link von Dyson zu Alita wird damit begründet, dass er einst seine eigene Tochter verloren hat. Kompensatorische Liebe. Seine Frau ist Chiren (Jennifer Connelly). Diese arbeitet wiederum mit Vector (Mahershala Ali) zusammen, der seine eigenen Ziele verfolgt.

Das Auftauchen von Alita ruft Gegner auf den Plan.

Mitten in der streitbaren Gemengelage sprießt Hugos (Keean Johnson) Liebe zu Alita. So erhalten Naturidylle und Lieblingsplätze ihren Auftritt. Diese Liebe bringt das große Machtspiel durcheinander.

Ein zentrales Element in dieser Comicverfilmung ist der Sport Motorball. Dabei rasen die vielfältigsten Cyborgs und Robotermenschen auf einem Rundkurs wie beim Sechs-Tage-Rennen hinter einer bleiernen Kugel her, die in eine schmale Öffnung versenkt werden muss. Das ist rasante Action.

Dieses Spiel – dann allerdings auf Leben und Tod wie einst bei den Gladiatoren in Rom – wird es erst spät im Film schaffen, von der 1+1-Erzählung in das Muster eines passablen Countdowns einzumünden.

Vorher wirken viele Szenen studiomiefig. Man sieht förmlich die Schauspieler, wie sie in dem Bilderverhau oder Ersatzverhau vor Green-Screen auf ihre Position gehen, stehenbleiben, ihren gelernten Text hochprofessionell abliefern. Wobei Christoph Waltz mir beamtenschauspielerisch vorkommt, er fibriert nicht bis in die letzte Faser, was die großen amerikanischen Schauspieler in solchen Fällen tun und womit sie einen Film tragen können. Waltz scheint es mir zu lässig anzugehen – und zu sehr bemüht, im Englischen keinen Akzent aufscheinen zu lassen, was ihm zwar hervorragend gelingt, aber krass gegen die Action-Performance arbeitet.

3D war vielleicht keine gute Idee, zumindest, wie mich dünkt, dieses Billig-3D, das oft bei schnellen Schnitten innerhalb von schnellen Bewegungen die Adaption der Augen hinterherhinken lässt oder wenn eine Figur am Rande ganz nah bei der Kamera ist, um eine Markierung für die Tiefe zu setzen, irritierende Unschärfe verbreitet.

Ursprünglich wollte James Cameron die Regie selbst übernehmen; er hat wohl richtig gewittert, das das schwierig würde, zumindest nach seinen Ansprüchen.

Vielleicht stellt sich der Film jedoch für Leute, die die Comics und deren Figuren kennen und lieben, ganz anders dar.

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Sinnliches, deutsches Kino,

gibt es das?

Dieser Film von Anatol Schuster, der mit Bitta Schwerm auch das Drehbuch geschrieben hat, beweist es.

Ein Film, wie eine Trance über die Transition des Menschen, wenn in seinem Leben der geschlechtliche Faktor anfängt, virulent zu werden, wenn das häusliche Nest zu klein wird, wenn ein Unruhe den Menschen antreibt, hinauszugehen, zu schauen, zu suchen. Die Übergangszeit zu neuer Paarung.

Schusters Film fasziniert durchs das Schwebende dieser Situation, das er mit traumhafter Sicherheit einfängt und wie mit einem Schmelz aus leicht vergänglichkeitsnostaligischer Patina überzieht. Es ist die flirrende Atmosphäre, in welcher der Mensch Luft hat, braucht oder sie sich nimmt zwischen dem Eingeschnürtsein in seine hergebrachte Familie und dem, was vor ihm steht.

Manja (Paula Hüttisch – eine junge, hübsche Edition von Karoline Eichhorn) ist Schusters Hauptfigur. Es geht um die Wahrnehmung der Weltveränderung, die auf sie zukommt. Deshalb spielen die Augen eine extraordinäre Rolle, die Brillen dazu, ein abgebrochener Bügel oder Kontaktlinsen, ein riskantes Manöver ist es, sie einzusetzen.

Aber das Leben sei eben immer auch Schmerz, heißt es an einer Stelle. Auch die Biographien der Protagonistinnen weisen Schmerz auf, nebst Manja ist es ihre Schulfreundin Louk (Lara Feith); diese hat Schmerz schon in der Kindheit kennengelernt, vielleicht härter als Manja, die mit Babuschka, ihrer Mutter (Anna Brodskaja-Bombke) und Schwester Ewa in kasachischer Gemütlichkeit in Deutschland nahe der französischen Grenze lebt. Hier gibt es heimatliche Musik, heimatliches Essen, heimatliche Kleidungsstücke. Ein Leben also auch zwischen östlicher Tradition und deutscher Moderne.

Manja bewegt sich wie leicht über dem Boden der Realität schwebend im Wohnhaus, im Park, in der Halle, in der später eine wunderbare Jugendparty stattfindet, in der die Jugend rumhängt, rappt, Anmache betreibt. Wobei selbst diese Party-Szene aus dem üblichen deutschen Nachwuchsfilmspektrum herausragt, vielleicht auch wegen der Konzentration auf die Wahrnehmung von Manja, aber auch wegen der erstklassigen Arbeit des Regisseurs mit seinen Schauspielern. Er fordert sie, sie müssen ihm nicht mit Routinen oder Besserwisserei kommen, so scheint es; dadurch gewinnen sie eine besondere Glaubwürdigkeit (selbst die Komparsen im Restaurant haben eine klare Aufgabe und bleiben so Menschen) und werden interessant.

Schuster sieht die Menschen nicht als Thesenträger, wie der deutsch-subventionierte Themenfilm es – mit wenig Erfolg – praktiziert, nein, Schusters Menschen sind vielschichtig im magnetischen Feld auch widerstreitender Gefühle und immer auch haben sie Geist, reflektieren zwar nicht chronisch sich selber, aber immer gibt es Platz für Gedanken zum Leben, zum Wesen der Männer oder der Frauen, gar zum Film, das sei so eine typische Männersache, die wollen etwas hinterlassen, und dagegen zu großzeiträumigem Denken, zum Hinterlassen von Spuren, damit auch über Spuren im Beton und Mauern als Zeitspeicher. Sogar die Photophobie kommt vor, auch sie hat einen Grund.

Aus all den Nebeln und Impressionen tritt allmählich eine zarte Paarung hervor, aus all den Alltäglichkeiten von kranken Fingern der Oma, die Pilze aneinandernäht, von einem Plastikblumensammler, der keinen Lebenssinn sieht, von Schule, Direktion, Disziplin, humanistischem Bildungsideal, aber auch von Chormusik genauso wie dem Rap, von Jugend, die sich ihre Freiräume in von ihren Vätern und Vorvätern hinterlassenen Industrieräumen oder Ruinen sucht, bevor sie sich ihre eigenen Lebensbehausungen einrichten wird, die Lieblingsplätze in der Natur hat, auch an Naturschutz und Massentierhaltung denkt.

Ein bemerkenswerter deutscher Film, dem alles Subventionstypische (was den Wirkungskreis gewöhnlich sehr begrenzt) abgeht. Zu befürchten bleibt, dass Anatol Schuster sich mit dem Film in den entsprechenden Fachkreisen einen Namen macht und dass er damit in die gleichmacherische Subventions-Bürokratie und -Maschinerie des zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehens gerät, seine hier schön spürbare Individualität preisgibt. Aber: Von etwas muss der Mensch schließlich leben und wer zahlt, befiehlt, respektive redet drein und wird ihm Schauspieler aufs Auge drücken, die nicht unbedingt das Gefühl verbreiten, dass der Regisseur es besser wisse und die halt einen Namen haben. So hat schon manch Talent als Subventionsgebrauchsname geendet. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie munter fort.

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Im Würgegriff.

Das Drehen im deutschen, subventionierten Kino (und im von ihm kaum zu unterscheidenden Zwangsgebührenfernsehen) muss öde sein, dass deren Stars zu Ausbruchsversuchen wie diesem Film greifen, um Dinge mal anders zu machen, um mal hüpfen zu können, schreien, winseln, Panickattacken zu spielen, als Frau harte Töne anschlagen, Sex in einem Motel mit einem gefesselten Mann haben, den Boden unter den Füssen verlieren, weinen, hoppeln, quäken, auf Leute schießen, sie anschießen, viele (Übersprungs-?)Witze und Scherze machen, beim Juwelenüberfall noch den Kontakt zum Kleinkind halten, das Geiselgefühl zelebrieren.

Karoline Herfurth, die mit Monika Fäßler auch das Drehbuch geschrieben hat, führt Regie und spielt selbstredend die größte Rolle, selbstredend immer perfekt geschminkt und gönnt sich zwei Haarschnitte. Sie ist die arme Frau, die an Panikattacken leidet, geschunden, gestoßen und gedrückt wird, die sich eine Auszeit von der Arbeit nehmen soll.

Kaum der Firma verwiesen, gerät sie in Geiselhaft einer verfolgten Juwelendiebin (Hannah Herzsprung als taffes Mädel). Auch ein Polizist (Frederick Lau) gerät plötzlich in diese Geiselhaft. So zieht sich ein Stück weit eine Zwangsménage à Trois durch den Film.

Sie spielen das gern und gut, alle die da mittun. Das Problem ist wieder einmal das Buch. Das gibt vielleicht einen Einblick in den Filmhorizont von Karoline Herfurth, der eher am Fernsehen als an wirklichem Kino orientiert scheint.

Die Akteure spielen sich durch extrem ausgelutschte TV-Krimiszenen. Wer den Count-Down auf der Autobahn mit Heli, fliehendem Krankenwagen und viel Polizei mit der exakt selben Situation in Clint Eastwoods The Mule vergleicht, kommt zur Erkenntnis, hier haben die Deutschen noch viel Elementares am Inszenieren zu lernen, bei der Gewichtung der Vorgänge, der Beschränkung der Dialoge auf das Wesentliche; hier werden elementare Defizite des Erzählens evident.

Immerhin haben die Schauspieler neues Material fürs Showreel, denn Karoline Herfurth ist kollegial und gibt den Mitspielern ihre Chancen. Nur schöner als sie darf keine der Frauen sein, keine darf ein so perfektes Make-up haben wie sie.

Merke: gerade das Krimigenre ist eines, erst recht, wenn es komödiantisch angegangen werden soll, das vor allem eines verlangt: Handwerk, Handwerk, Handwerk in Buch, Timing, Inszenierung.

Aus welchem Würgegriff sich Karoline Herfurth mit diesem Film befreien will? Oder ist es die Sehnsucht nach Opfertüdelei, weil sie sich nicht in jenem Starstatus sieht, den sich für sich für angemessen hält?

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Mousse à l’Arthouse.

Naomi Kawase (Radiance, Kirschblüten und rote Bohnen, Still the Water) ist im internationalen Arthouse-Geschäft eine Größe, so dass sie bekannteste Stars anheuern kann.

Hier mochte Juliette Binoche das Angebot für die Rolle Jeanne nicht ablehen, das Angebot für einen Japanaufenthalt im bergiger Idylle. Ob ausschlaggebend für die Rollenzusage war, dass sie im Film Sex (lento) mit Satoshi (Masatoshi Nagase) haben wird, ist nicht mitgeteilt worden oder ob es mehr die Aussicht auf eine Japanreise war. Das Drehbuch allein dürfte es eher nicht gewesen sein, so viel gibt die Rolle der Französin Jeanne nicht her.

Jeanne begibt sich nach Japan auf der Suche nach dem Heilkraut Vision. Dieses soll einen äußerst seltenen, periodischen Lebenszyklus von 997 Jahren haben. Oder steht die Binoche wirklich auf ein Kino im Sinne einer Süßigkeit fürs Kaffeekränzchen-Arthousefeeling, das gerne die Nostalgie zitiert und ein paar Worte zu den Themen Glück, Einsamkeit, Liebe fallen lässt? Und beiläufig Gedanken über Heilkräuter einstreut.

Es gibt tiefenymbolische Fahrten und Gänge durch Tunnels. Die blinde Alte Aki ist selbstverständlich eine Seherin.

Warum die junge Japanerin Hana (Minami), die Jeanne ins ehemalige Kräuterbergdorf einführt, plötzlich aus dem Film verschwindet, ist vielleicht so erklärbar, dass sich letztlich zwischen den beiden wenig tut. Und vor allem, weil Satoshi (Masatoshi Nagase) ins Spiel kommt, was die Interessenlage von Regisseurin, Drehbuch und Hauptdarstellerin schlagartig verändert.

Die Natur, das ländliche Leben werden zitiert, Baumfäller reflektieren (bedeutungsvoll: Wohin sind sie alle gegangen?) über die früheren Zeiten, als das Dorf noch ein Heilpflanzenanbaugebiet war, solange es den Tunnel noch nicht gab. Jetzt fällen sie Ahorns (die geben kurz das Bild eines „Indian Summers“ ab). Ein schwarzer Hirsch wird einmal erlegt und plötzlich ist der Hund tot.

Immer wieder schrecken unsichtbare Schüsse Vogelgetier in den Wälern auf. Und wie Satoshi den verletzten Rin (Takanori Iwata) findet, ist das Spielpersonal um einen attraktiven jungen Mann reicher geworden. Der spielt allerdings nicht in die Sphären sexuellen Verlangens hinein. Wie es bei Kawase sowieso um Nettigkeit geht, um die Überblendung zu Nostalgischem, einmal ums Spaghettiessen (zwengs Glücksdialog, fast wie im deutschen Kino), nie aber gibt es Konflikte.

Es scheint mehr um die Suche nach einem von Vergangenheit angereicherten Gefühl zu gehen, das sich diffus um die Liebe dreht.

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Ein Botschaftsfilm:

Gemeinschaft hilft gegen Leid und Einsamkeit. Das lässt der Film von Felix Binder nach dem Drehbuch von Arne Nolting, Jan Martin Scharf mit Albert Espinosa den Zuschauer spüren.

Erst wird zwei zähe Stunden die Einsamkeit zelebriert, die Einsamkeit junger Krebspatienten, bis dann endlich – das ist nun wirklich in allerletzter Sekunde, um noch den Titel einzulösen – kurz vorm Abspann der titelgebende Club gegründet wird und im Abspann findet sich gerade noch Platz für Bilder aus diesem Clubleben.

Die roten Bänder, das sind diese Plastik-Krankenhausarmbänder. Die verbinden die Clubmitglieder.

Binder treibt ein Psychospiel mit dem Zuschauer, will ihn fühlen lassen, wieviel Vorarbeit für so ein kurzes Clublebensglück notwendig ist.

Scheinbar zusammenhanglos werden verschiedene Krebsschicksale junger Menschen geschildert, mal mit mehr, mal mit weniger Anlauf, mal mit ausgiebig Platz vor der Kamera, mal mit wenig Narrativ onscreen.

Desgleichen gilt für die Familienverhältnisse. Mit viel Glück erfährt man bei der einen Familie, dass der Vater Architekt ist und gerade den Auftrag zum Bau eines Kulturzentrums in Bogota gewonnen hat.

Lange wird Autist Toni (Ivo Kortlan) geschildert, ein Ordnungsfreak, der lieber beim Opa als bei den Eltern ist. Papa ohrfeigt ihn, weil er statt zu Schule zu gehen lieber am Bahndamm steht, um Züge einfahren zu sehen.

Ein Mädel hat eine tolle Stimme, stellt der Chorleiter fest, es möchte eine Gesangsausbildung absolvieren. Der Autist liegt gleichzeitig schon im Koma, teilt ein Zimmer mit dem eindeutigen Protagonisten Leo. Tim Oliver Schultz, der ihn spielt, verdient eine schauspielerische Extraerwähnung. Er nutzt die Chance, die Krebs und Amputation ihm bieten, um weit über das darstellerische Mittelmaß um ihn herum hervorzuragen, sich am amerikanischen Acting zu orientieren.

Wobei die meisten Rollen auch wenig hergeben. Sie haben keine Geschichte, keine Konflikte. Außer dass ein Vater die Mathelehrerin seines Sohnes zuhause auf dem Sofa fickt – wie bescheuert muss der sein. Also nur Dämliches ist über diesen Herrn bekannt. Der Sohn schlägt nach ihm.

Da mehrere Familien mit wenig Identifikationsmerkmalen ohne Beziehungspunkte nebeneinanderherlaufen oder ineinandergeschnitten werden nach einem Beliebigkeitsmuster, gibt es auch wenig über sie zu berichten. Außer dass der Cast offenbar durch einen Griff mit verbundenen Augen in die Kartei zustande gekommen ist.

Das Drehbuch verlangt nicht nach etwas Bestimmtem, bleibt allgemein und so bleibt die Schauspielerei.

Die deutsche Drehbuchkrankheit des Themenfilms, hier noch angereichert um einen Predigtanteil; das sind die Erkenntnisse des Protagonisten, die voice-over eingsprochen werden, balsamierte Sätze und immer wieder. „Es gibt Menschen, mit denen bist Du verbunden, auch wenn es durch ein gemeinsames Unglück ist“.

Wobei im Film die Nichtverbindung überwiegt. Und so auch den Film wenig zusammenhält. Wer will schon eine Krebsdiagnose nach der anderen im Kino aufgetischt bekommen. Und dann noch eine Beinamputation.

Dazu eine naive Tonspur. Wenn wieder eine Krebs-Diagnose ansteht, fällt sie in Moll, wenn es Anlass zu Optimismus gibt, fällt sie in Dur. Und dann sülzt es weiter „Manchmal fühlst Du Dich einsam, obwohl Du von Menschen umgeben bist, die Du liebst.“

Für das Einbringen der Durchhaltemoral in den Film ist Jürgen Vogel zuständig, ebenfalls Krebspatient. Er erledigt das reell wie ein seriöser Klempner, der einen tropfenden Hahn zum Stillstand bringt.

Der Film mag Deutlichkeit. Wie Sohnemann entdeckt, dass Blödvater auf dem Sofa mit der Mathelehrerin zugange ist, greift er ein Glas / Kamerawechsel nach unten, Glas oben / lässt es fallen, Kamera schaltet auf Zeitlupe, symbolisiert: ganz große Scheiße, ganz viele Scherben. Zeigefingermoralverdoppelung.

Dass mich das Verrutschen des Vollhaartoupets von Protagonist Leo beim Ausreißen von Haarbüscheln (damit jeder versteht, es geht hier um Chemotherapie) stört, das zeigt eben, dass bei diesem Film so vieles nicht im Lot ist und insofern stört auch ein Anschlussfehler wie der, dass Vogel eine Zeitung liest im Krankenbett, sie dann weglegt auf das Bett ungefähr Höhe linker Oberschenkel und schon im nächsten Bild liegt sie zusammgefaltet auf dem Beistelltischchen auf der rechten Seite des Bettes.

Es ist offenbar unaufmerksam gearbeitet worden in diesem Film. Oder mit der Aufmerksamkeit irgendwo. Ein Beinamputationsfilm – „Die Ärzte sagen, es ist optimal gelaufen“. Der Film spielt im Alberts-Klinikum. Ganz spät im Film wird klar: er spielt in Köln.

Alles ist hier „irgendwie“: „irgendwie“ ein Plot, „irgendwie“ ein Cast, der „irgendwie“ spielt… daraus wird „irgendwie“ ein Kino.

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