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Ungeduld des Herzens

Paradejugendlicher

Isaac (Giulio Brizzi) ist ein Paradejugendlicher. Auf den Begriff kommt man, weil er Paradesoldat bei der Bundeswehr ist. So kann sich denn heute die Probe für ein Fackeldefilee in einen deutschen Spielfilm aus dem Jahr 2025 ganz ungeniert einschleichen, ohne dass das auf Widerspruch stoßen dürfte.

Isaac ist ein Paradejugendlicher auch sonst; tradiertes Männerbild: stark, sportlich, potent, fährt Motocross, ist bei der Bundeswehr und noch ein genialer Klavierspieler dazu. Er lebt in einer Militärbaracke, ist gesellig, trinkfest, beim Bowling schießt er mit einem Wurf alle Kegel um.

Isaac ist ein Held unserer Zeit. Er könnte aber auch ein Held aus dem Jahr 1939 sein, denn da schrieb Stefan Zweig den Roman gleichen Titels, frei nach welchem Lauro Cress und Florian Plumeyer das Drehbuch verfasst haben. Inszeniert hat es Lauro Cress. Dramaturgisch wurden sie beraten von Ulrich Köhler.

Isaac könnte auch ein Held von 1946 sein. Da wurde der Stoff schon mal in England verfilmt. Die männliche Hauptrolle spielte Albert Lieven, die weibliche der gelähmten Edith Lilli Palmer. Ok, solche Querverweise sind mehr eine Spielerei, es dürfte aber möglicherweise reizvoll sein, diesen historischen Kontext zu vertiefen, gerade auch im Hinblick auf das Männerbild.

Beim Bowling mit seinen Kameraden entdeckt Isaac zwei separat sitzende Frauen. Schnell ist er an der Bar im Gespräch mit der eleganten, eloquenten Illona (Livia Matthes). Ihre Begleiterin bleibt allein wie uninteressiert am Tisch sitzen. Es ist ihre Schwester Edith (Ladina von Frisching). Isaac bringt die von den beiden Frauen bestellten Drinks an den Tisch. Er will die unbeteiligte Edith zu seinen Kameraden lotsen, sie will nicht, er packt sie, zack, sie fällt hin. Sie ist lahm und sitzt in einem Rollstuhl. Bekanntschaft gemacht.

Die beiden Frauen verlassen das Lokal. Isaac will sich für sein rüpelhaftes Benehmen entschuldigen, erkundigt sich, wer sie ist. Es sind die beiden Töchter des Lokalbesitzers Tommy (Wesley Dean Adler). Die Familie wohnt in einem schlossähnlichen Bau mitten in einem Park.

Isaac sucht sie mit seinem Motorrad auf. Er bringt Blumen. Ab da kümmert er sich aus Mitleid um Edith. Mit Illona schiebt er zwischendrin eine schnelle Nummer. Er kommt Edith näher. Sie beide verbindet das Interesse am Motorsport. Ihre Lähmung geht auf einen Unfall zurück. Man unternimmt zu Dritt einen Ausflug an einen See. Sex zwischen Edith und Isaac ergibt sich zwangsläufig. Er unterstützt sie auch bei ihrem Wunsch nach einer Stammzellentherapie, was vom Vater harsch abgelehnt wird.

Jetzt nimmt der Film eine Wendung in Richtung Hochzeitsfilm. Er endet nicht so dramatisch wie der Roman von Stefan Zweig. Einmal mehr ist es so, wie in so manchen deutschen Filmen (zB auch In die Sonne Schauen): die Gewerke sind durchs Band vom Feinsten, Kamera, Sound, Licht, Ausstattung, Schauspielerauswahl, Dialoge, Regie, Schnitt.

Hier gibt es allerdings einen Einwand, was die Sprache betrifft: manche Schauspieler sind stellenweise kaum oder nur schwer verständlich. Das mag der Dominik-Graf-Manierismus sein, der glaubt, schludriges Sprechen erzeuge glaubwürdige Schauspielerei. Sonst alles bestens, aber was will uns Zeitgenossen der Film nun wirklich erzählen? Wo liegt das Need zu diesem Film, außer dass Gewerke und Darsteller sich ausprobieren können? Wo liegt der Schmerz, der ein Schmerz unserer Zeit sein soll?

Architektur des Glücks

Symptom oder Einzelfall?

Campione d‘ Italia ist eine italienische Exklave mitten am Schweizer Ufer des milden Luganer Sees.

Es ist ein Ort mit der Monokultur einer Spielbank. Diese hatte ihr Blütezeit in den 60ern des letzten Jahrhunderts und machte das kleine Dorf zu einer Art mondänem Klein-Monaco.

Mit dem Aufkommen des Internets verlagern viele Spieler ihr Interesse dorthin. 2018 macht die Bank dicht. Damit kommen schwierige Zeiten auf das Dorf zu, die mit Covid noch erhöht werden.

Der Film von Anton von Bredow und Michele Cirigliano, mit italienischer sowie Schweizer Fernsehbeteiligung und vielfältigen Förderanteilen aus der Schweiz, hat sich im Dorf umgehört. Er hat Welterklärer und Weltverbesserer gefunden, diese durchaus im positiven Sinne, wie den arbeitslosen Gärtner mit seiner Ziege, der sich um den Blumenschmuck im öffentlichen Raum kümmert.

Es sind Menschen, die hautnah Blüte und Niedergang der Institution und damit des Ortes miterlebt haben. Es ist also nicht eine Dokumentation, die sich faktenfaktisch gibt, sondern die dem Subjektiven nachspürt und so ein treffliches Stimmungsbild einfängt.

Der Film findet Belege für den Niedergang der Ortschaft, erwähnt, dass die Leute abwandern. Als Schnittfutter fügt er Bilder von einer Miniaturlandschaft mit Eisen- und Seilbahnen, mit Bergen, Wiesen und Wasserfällen ein.

Man fragt sich, kann es so auch einem Land wie Deutschland ergehen, dessen überbordender Wohlstand so stark von der Auto-, dann noch von der Maschinenbauindustrie geprägt war und die jetzt schwächeln und von billiger Konkurrenz überholt zu werden droht? Die ersten Signale in Kommunen gibt es bereits. München muss sparen, München, die stolze, barocke. Also kann es nicht schaden, sich mit Orten zu beschäftigen, die den Niedergang schon hinter sich haben.

Die Einwohner von Campione haben sich auf die Hinterbeine gestellt. Ein Casino in kleinerem Rahmen wird wohl noch zur Covid-Zeit, die Galagäste tragen alle Masken, eröffnet.

Ein eigenes Thema wäre die Architektur nicht des Glücks, wie der Titel sagt, sondern des Baus, der das Spieler- und vor allem das Casinoglück ermöglichen soll. Es fällt das Wort faschistische Architektur und man ist geneigt, bei der enormen Klotzigkeit nicht zu widersprechen.

Es ist auch einer der Filme, die einmal mehr vom enorm langen Wege bis ins Kino erzählen: die offenbar neuesten Aufnahmen sind die der Wiedereröffnung mit den Masken, 2022. Der Architekturklotz scheint von Mario Botta zu stammen.

Folktales – Mit Schlittenhunden ins Leben

Das Steinzeitgehirn aufwecken

Dass das menschliche Hirn sich seit der Steinzeit kaum entwickelt habe, ist eine der frühen Infos in dieser geschmackvollen Dokucollage von Heidi Ewign und Rachel Grady. Daraus dürften nicht wenige der Probleme des modernen Menschen mit der Informations- und Kommunikationsflut der IT-Zeit herrühren. Es gibt den Versuch, ein Mittel dagegen zu entwickeln. Die Volkshochschule Pasvik bietet so eines an.

9 Monate können junge Menschen vor dem Eintritt ins Erwachsenenleben Eigenverantwortung und Unabhängigkeit lernen mittels arktischem Überlebenstraining und Hundeschlittenfahren. Es kommen junge Menschen aus ganz verschiedenen Ländern.

Die beiden Dokumentaristinnen rücken zwei Jungs und ein Mädel, Tore, Romain und Hege, ins Zentrum ihres Interesses.

Pasvik liegt in der Finnmark in Norwegen, 300 Kilometer über dem Polarkreis unweit der russischen Grenze. Hier herrscht wochenlang Polarnacht. Dafür gibt es als schönen Beitrag ins Portefeuille der geschmackvollen Bilder Polarlichter zu sehen. Wie die beiden Filmemacherinnen überhaupt sehr gediegen das Footage aus ihren Clips ausgewählt und aneinandergeschnitten haben.

Eingepackt wird das Dokumentarische mit der Geschichte von Odin und den Nornen. Odin, der auf den Baum des Lebens zuschreitet, auch das in gepflegte Bilder geprägt, erbittet sich von den Schicksalsgöttinnen ein gelungenes, glückliches Leben. Sie stricken zwar an ihren roten Fäden, aber die Verantwortung für sein Glück liege allein bei ihm. Das heißt, auf die Übung mit den jungen Menschen übertragen, sie müssen selber Dinge wagen, müssen sich aus ihrer Komfortzone herausbegeben.

Es fällt nicht jedem leicht, allein in winterlicher Polarnacht mit einem Husky übernachten zu müssen, ein Feuer anzufachen. Speziell bei dieser Szene wird einem allerdings auch ein Problem dieser Art von Mäuschen-Doku bewusst, die sich selber unsichtbar macht, allenfalls mal als stummer Interviewpartner spürbar wird.

Mit dem Alleinsein ist es nicht so weit her, wenn noch ein Kamerteam dieses Alleinsein aufnehmen soll. Das Problem geht weiter. Es gilt genau so für kleine Gruppen. Auch hier verändert ein Filmteam die Situation und die Protagonisten können das ja nicht so leicht ausblenden, erst recht nicht, wenn sie angehalten sind, sich vor der Kamera über ein bestimmtes Thema zu unterhalten. Insofern wird eine, wenn bestimmt auch gefällige und sicher viele ansprechende Realität entworfen, die es so eben nur für den Film gibt.

Der rote Nornenfaden ist ein durchgängiges Motiv. Es macht Äste im Schnee besonders fotogen.

Ein Kuchen für den Präsidenten

Die Würde bewahren,

in den Spiegel schauen können oder wie Bibi (Waheed Thabet Khreibat) ihrer neunjährigen Enkelin Lamia (Baneen Ahmad Nayyef) erzählt, dass man seine Liebesten sehe, wenn man in die Wasseroberfläche schaue.

Bibi und Lamia leben in einer kargen Hütte aus Schilfrohr und Naturmaterial mitten im Wasser der mesopotamischen Marschlandschaft im Süden Iraks. Es ist der 26. April 1990; der Geburtstag des Diktators Saddam Hussein steht bevor.

Der muss gefeiert werden, auch in der Schule von Lamia. Sie wird ausgelost, für diesen Geburtstag einen Kuchen zu backen. Das ist ein Problem, wegen der herrschenden Nahrungsknappheit und auch wegen der ärmlichen Verhältnisse, in der Lamia mit ihrer Großmutter lebt.

Von dieser Aufgabenstellung her erinnert der Film an Amrum. Hier will der Junge Nanning seiner Mutter kurz vor Kriegsende 1945 ein Weißbrot mit Honig organisieren.

Die Schwierigkeit ist vergleichbar. Die Begründung allerdings ist dort direkt mitmenschlicher Natur und das Organisieren wird vom Jungen mit Idealismus betrieben. Lamia aber lebt in einer menschenverachtenden Diktatur. Wenn Schüler ihre Aufgabe nicht erledigen, droht ihnen Ungemach.

Als Beispiel wird Rasul erwähnt, der am Boden geschleift wurde. Trotzdem schildert Hasan Hadi, der auch das Drehbuch geschrieben hat, Lamia nicht als angstgetrieben. Es ist eine Aufgabe, die sie mit Ernst, Schläue und Ehrlichkeit erledigen möchte. Sie fährt mit ihrer Oma in die Stadt, um die nötigen Zutaten für den Kuchen zu beschaffen. Mit ihnen ist auch ihr Mitschüler Saeed (Sajad Mohamad Quasem), der mit dem „verkrüppelten Vater“, wie er gehänselt wird.

Der Weg beginnt mit dem Ruderboot. Auf der Straße geht es per Anhalter weiter. So enthält der Film Road-Movie-Elemente.

Ein treuer Begleiter von Lamia ist ihr Hahn Hindi, den sie in ein Stück Stoff eingebunden mit sich trägt. In der Stadt kumulieren sich und kulminieren die Ereignisse.

Der Film benutzt seine Story, um das Leben im Irak in dieser Zeit zu schildern. Ständig sind Kampfflugzeuge am Himmel. Es ist ein korruptes Land, überall wechselt Bakschisch die Hände und Bilder des blutrünstigen Diktators zieren die Wände. Demonstrationszüge bejubeln den Blutherrscher.

Wie in souveränem Erzählkino gerne eingesetzt, gibt es Anlässe für musikalische Darbietungen. Es ist ein zutiefst humanistische Kino, das zeigt, wie Menschen versuchen, in einer menschenverachtenden Diktatur über die Runden zu kommen, ungeschoren davonzukommen und dabei ihre Würde zu wahren.

No Other Choice

Unterhaltsames Wimmelbild zum menschlichen Überlebenskampf im Turbokapitalismus

Man-su (Lee Byung-hun) arbeitet seit 25 Jahren in der koreanischen Papierbranche. Er ist verheiratet mit Miri (Son Ye-jin), zwei Kinder, angenehmes Haus, zwei Hunde.

Umbruch in der Firma. Ein Investor kauft sie. Kündigung, ein sakrosanktes Thema in Korea mit der familiären Tradition der lebenslangen Bindung an eine Firma. Job weg. Wohlstandseinbruch. Haus weg, ein Teil der Möbel, Hunde weg, kleinere Autos, schäbiges Haus. Jobsuche. Es gibt noch einen Konkurrenten in der Papierbranche der sucht einen Mitarbeiter. Begehrenswerter Job.

Wir sind eine freie Gesellschaft heißt es allenthalben. Aber, der Mensch, der hier um seine Brötchen kämpft, hat keine Wahl. Denn Man-su möchte seinen Kindern die Hunde zurückgeben, seiner Familie den Komfort.

Park Chan-wook (Die Taschendiebin, Die Frau im Nebel), der mit Donald E. Westlake und Lee Kyoung-mi auch das Drehbuch geschrieben hat, schildert diesen Überlebenskampf mit einer gnadenlosen Lust an der Zuspitzung und mit einer mitfühlenden Sympathie für den Lebensbewältigungsdilettantismus seiner Figuren. Es sind Laien im Überlebenskampf. Sie werden vor nie gekannte Herausforderungen gestellt. Dieser Umgang mit Konkurrenz. Fairness ist dabei ein unbekanntes Wort.

Bei allem Ungeschick, das Man-su an den Tag legt, ist er nicht völlig erfolglos.

Der Film bauscht kleine Details mega auf. Wie Man-su einem missliebigen Mitbewerber von einer Dachterrasse aus einen Blumentopf auf den Kopf fallen lassen möchte. Da lässt sich der Filmemacher so einiges einfallen, um es dann doch nicht geschehen zu lassen und den Möchtegerntäter begossen dastehen zu lassen. Er verweigert sich der pseudorealistischen Wahrheitserzählung. Er serviert das Gerstenkorn im Auge der Gesellschaft auf der dünnen Spitze eine Pincette, dick und fett.

Wie und wann Man-su sich endlich den kranken Zahn zieht, das ist nicht erbaulich, wird aber gut erinnerlich bleiben. Oder wie der Mensch in einer Selbsthilfegruppe lernen soll, mit seinen Schwachstellen umzugehen und wie er das bei einem Bewerbungsgespräch anwendet.

Ein Schlangenbiss wird zum kuriosen Erzählfaden für einen Storyteil bei der Konkurrenzbeobachtung samt unfreiwilligem Kontakt zu dessen Frau. Die wiederum ist eine Schauspielerin, die um ihr künstlerisches Überleben kämpft.

So ein Wimmelbild gibt unendlich viele Details her, kleine Geschichten von Lumpereien und Halunkereien im Bestreben, sich im kapitalistischen Wettbewerb durchzusetzen. Die werden gerne aufgemotzt durch kinematographische Mätzchen, wilde, überraschende Kamerfahrten und -einstellungen.

Zur Vielschichtigkeit trägt das Thema Papier als eine Art thematischer Leitfaden bei; immer mal gibt es neckische Hinweise zum Papierloszeitalter und zum guten alten Papier.

Park Chan-wook treibt die Szenen gerne in den Exzess, überlegt sich, was dabei – und wie dilettantisch – daneben gehen kann; so ergibt sich eine neue Sicht auf das Schildern einer Duellsituation.

Die oft leicht swingende Musik sorgt für die richtige Rezeptionsstimmung. Ach ja, und Vietnam hat auch noch etwas zu berichten in diesem Wimmelbildzusammenhang, da ist ein Opa und Erinnerungssutensilien. Und es gibt auch die heile Seite dieser Welt, eine Tochter, die wenn sie denn kann und darf, wunderbar Cello spielt.

Der Schimmelreiter

Stormfrei

Viel ist vom Theodor Storm im Drehbuch von Léonie-Claire Breinersdorfer nicht übrig geblieben.

Es gab ja wohl auch noch zwei Fernsehredakteure, so ist es dem Abspann zu entnehmen, die vermutlich dreingeredet haben und ferner ist dort eine Position für die Dramaturgie vermerkt. Dieser ist vielleicht zu verdanken, dass keine Szene zu lang wird, damit Fernsehzuschauer gar nicht erst auf Wegzappgedanken kommen, und dafür, dass sich in schöner Regelmäßigkeit Liebes- und Familienszenen, solche von der Natur, dem Meer und der Naturgewalt, ab und an einem Schimmel oder einem Pferdeskelett mit solchen, die das übriggebliebene dramaturgische Rohgerüst der Storm-Erzählung noch hergibt, abwechseln.

Von der raffiniert verschachtelten dreifachen Rahmenhandlung der Novolle ist lediglich eine krude Verkürzung auf den voice-over eingesprochenen Text eines Kindes, der sich wenig literarisch anhört und den man auch gleich wieder vergisst, übriggeblieben. Das Kind spielt mit einem Drachen.

Die Erzählung geht wohl um das Schicksal der beiden Protagonisten Hauke (Max Hubacher) und Elke Haien (Olga von Luckwald, die oft und bereitwillig ein ZDF-Lächeln aufsetzt). Kurz angerissen wird der Tod des alten Deichgrafen. Dadurch stellt sich das Problem der Nachfolge. Um diese konkurrieren Hauke und der Unternehmer Ole Petersen (Nico Holonics).

Der Film spielt im Heute; der Stoff ist der modernen Klimaproblematik, der Erderwärmung und dem Ansteigen des Meeresspiegels angepasst. Die Hauptauseinandersetzung ist die über die technische Frage, wie dem zu begegnen sei, mit immer neuen Verstärkungen der Dämme oder mit einer innovativen Idee, die Hauke hat; weit entfernt von großem, literarischem Stoff.

Die Beharrkräfte gegen die Weiterentwicklung, wie sie in jedem Bauerntheater schnell mal auf die Bühne gebracht werden. Zur Zeit sind wir verwöhnt mit Filmen von der Nordsee, von den Halligen: Amrum vom Fatih Atkin oder Yunan. Dagegen hat es dieser Film in der Inszenierung von Francis Meletzky schwer.

Das Ensemble wirkt inhomogen, das hat mit Drehbuch, Casting und Regie zu tun; auch sprachlich herrscht eine Beliebigkeit zwischen TV-Deutsch und Dialektfarben. Max Hubacher, der schon mehrfach positiv in Erscheinung getreten ist (Der Hauptmann, Die feige Schönheit, Monte Veritá scheint mit Rolle, Drehbuch, Regie, der norddeutschen Mentalität und Pferden zu fremdeln.

„Frei nach Theodor Storm“ bedeutet für die Drehbuchautorin, dass sie Sätze schreibt, wie „Scheiße, das geht nicht“ oder „Ich will nicht lang drumherum reden“ oder „Was ist das denn fürn Scheiß?“. Manchmal fallen auch zu deutlich gschminkte Gesichter auf.

Winter in Sokcho

Wenn das Leben Regie führt

Das ist im Kino generell eher nicht der Fall. Wenn es aber so wirkt, wie in diesem Film von Koya Kaumar, der mit Stéphane Ly-Cuong auch das Drehbuch geschrieben hat nach dem Debütroman der Schweizer Autorin Elisa Dusapin, so ist das besonders apart.

Sokcho ist eine südkoreanische Provinzstadt, am Meer gelegen. Es wachsen gesichtslose Hochhäuser und Hotelbauten in den Himmel. Es gibt aber auch die Pension, die sich ‚Blue Hotel‘ nennt. Herr Park (Ryu Tae-ho) betreibt sie. Ihm hilft die junge, hübsche Sooha (Bella Kim). Sie hat französische Literatur studiert, aber Herr Park braucht Hilfe und sie unterstützt ihre Mutter (Park Mi-hyeon) beim Fischverkauf.

Sooha ist mit Joon-oh (Gong Do-yu) zugange. Der träumt davon, in Seoul eine Modelkarriere zu beginnen und mit Sooha dorthin zu ziehen und sie zu heiraten.

Das Leben plätschert provinziell und wenig ereignisreich dahin. Ein unangemeldeter Gast taucht in der Pension auf, in der im Preis Mittag- und Abendessen inbegriffen sind. Es ist der Franzose Yan Kerrand (Roschdy Zem). Sooha bringt ihn in einem wenig komfortablen Nebengebäude unter. Soohas Interesse am neuen Gast ist vielleicht stärker als bei anderen Gästen, weil er aus Frankreich kommt, denn ihr unbekannter Vater ist Franzose.

Kerrand weiß nicht so recht, wie lange er bleiben will. Sie kommt beim Saubermachen des Zimmers dahinter, dass er Maler/Zeichner ist. Selbstverständlich, da sie Französisch spricht, ist sie ihm dabei behilflich, Papier und Tusche zu besorgen. Sie anerbietet sich auch, ihm Sokcho zu zeigen. Sie machen eine Seilbahnfahrt zusammen, unterhalten sich über die Gegend und was man in die Bergformen für Figuren hineininterpretieren kann.

Das sind Dinge, die sich selbstverständlich aus Notwendigkeit und weil niemand anderes es tun kann, ergeben. Er braucht jemanden, der ihm in dem fremden Land, dessen Sprache er nicht spricht, behilflich ist. Ihr Interesse wächst. Sie beobachtet vom Nebenzimmer aus, wie er malt, ja sie quartiert sich sogar in dieses Zimmer ein.

Wie Soohas Freund einen Werbejob hat und nach Seoul ziehen will, trennt sie sich von ihm. Da ist kurz eine Parallele zu dem Film Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos, zu entdecken.

Der Film lässt frappant an das wunderbare Kino des Hong Sang Soo denken, der selbst ein Frankreich-Aficionado und Verehrer der Nouvelle Vague ist. Auch bei ihm plätschert das Leben oft in Konversation dahin und zwischendrin zeigen sich tiefere Strömungen. Es gibt Melo-Momente, in denen Sooha die Aussichtslosigkeit ihres Sehnens erkennt. Und es gibt wunderbare Animationen, die die seltsamen Gefühlszustände dieser großartigen Protagonistin illustrieren.

Kommentar zu den Reviews vom 29. Januar 2026

Heute bieten die reviewisierten Filme ein breites Spektrum an Themen und Genres: diese Revolte im Menschen, wenn seine Verwandlung zum Erwachsenen passiert; das Harmoniebedürfnis in der Familie, das alles zudecken und zukitten soll; die Jugend, die gleich den Planeten retten will; die Erkundung der Bestie im Mensch; ein Haustier, das bei Aliens eine merkwürdige Wandlung durchmacht; ein experimentelles Get-Together von Menschen mit fragmentierten Familien; Schauderfantasien, die sich über ein Superreichen-Anwesen legen; muslimische Frauen, die die Freiheit der Forschung genießen. Auf DVD macht sich das Horrorgenre über echte Bösewichte her und nimmt sich zwei biedere Bienenzüchter vor, die in größere, ausseriridische Angelegenheiten verwickelt werden. Das Home-Entertainment hat sich das Glitzersteinbusiness unter den Nagel gerissen.

Kino

LITTLE TROUBLE GIRLS
Diese unsägliche Pubertät, kaum zu bewältigen

ACH DIESE LÜCKE, DIESE ENTSETZLICHE LÜCKE
Harmoniebedarf über allem – so ist alles zu meistern.

WOODWALKERS 2
Einmal mehr rettet die Jugend die Natur, damit die Zukunft und die Welt.

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Am besten aber hilfst Du Dir selbst.

CHARLIE – DER SUPERHUND
Hier haben Aliens die Finger im Spiel.

DIE SOLISTEN – EIN FILM ÜBER ALLEINERZIEHENDE
Film? Eher Doku über einen Workshop

PRIMATE
Blutiges aus einer Luxustraumvilla am Pazifik

DIE SCHULE DES MUTS
Afghanistans Robotik-Frauen

DVD
1978
Wenn das Horrorgenre Folterknechte malträtiert.

BUGONIA
Die Aliens sind an allem schuld.

Home Entertainment
REFLECTION IN A DEAD DIAMOND
Kann nur brillieren.

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Der Mensch ist eine Bestie –
Evaluation von zwei Möglichkeiten von Bestientum des Menschen.

Im Kapitalismus ist der starke Hecht an der Chefposition die Bestie. Das ist Bradley (Dylan O’Brian), der als Sohn an die CEO-Position nachrückt. Donovan (Xavier Samuel) dagegen wird die Karrierleiter hochgeworfen, weil er die Pläne und Projekte von Linda Lindell (Rachel McAdams) bei der Geschäftsleitung als die seinen ausgibt.

Bei einem Rundgang durch die Büros im Glashochhaus stellt sich Linda Bradley, dem neuen Boss, vor. Sie ist übergangen worden bei den Beförderungen, obwohl sie viel länger als Donovan in der Firma gute und geschätzte Arbeit geleistet hat. Sie hat noch Thunfischreste am Mundwinkel kleben.

Linda ist karikaturhaft mit Wollstrümpfen und dumpfen Schuhen ausgestattet, überhaupt mit ihrer Biederkleidung und auch wie sie schaut, nicht in die Direktiven passend. Aber sie hat Köpfchen. Rachel McAdams spielt diese Phase ihrer Rolle als die verhuschte, quasi ständig stolpernde und unpassende Komikerin großartig.

Bradleys Verlobte Polly (Kristy Best) dagegen ist eine schlanke, elegante Beauty mit einem teuren Diamantring, wie aus dem People-Magazin gestochen. Trotzdem braucht die Geschäftsleitung Linda für einen Trip im Firmenjet nach Asien. Dieser Flug wird kurz und schmerzhaft komisch abgehandelt, die Turbulenzen, Flashback an die „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“, der Absturz kommt schnell.

Linda, bieder-angschnallt, überlebt. Sie landet auf der einsamen Insel an. Das Thema Survival ist bis hierher schon verschiedentlich angesprochen worden. Sie zeigt Überlebenstalent. Das erinnert an den Film Triangle of Sadness. Und wie dort, drehen sich auch hier die sozialen und hierarchischen Ebenen um.

Linda findet den angeschwemmten Bradley. Sie wiederbelebt ihn, bettet ihn, versorgt ihn mit all ihren Survival-Künsten. Es folgt die Robinson-Phase, wie die beiden sich einrichten.

Bradley ist bislang als reines Arschloch mit dreckiger Lache gezeichnet. Das findet wohl der Film von Sami Raimi nach dem Drehbuch von Damian Shannon und Mark Swift etwas dünn; er baut eine Szene der beiden ein mit einem zutraulichen Gespräch, in dem sie über ihre beschissenen Elternhäuser berichten; also die Erzeugergeneration ist schuld, dass sie so sind, wie sie sind. Daran wird sich auch nichts ändern.

Das zu illustrieren lässt sich der Film noch einiges einfallen bis an die Grenze des Zombietums, hier gibt es eine kurze Schnittmenge zu Primate, der auch diese Woche in die Kinos kommt. Wenn Bradley vorher das Biest im Kapitalismusanzug war, so kehrt Linda jetzt ihre Überlebens- und sowie Revengestrategien im Dschungelhemd heraus.

Der Film wirkt wie am Computer entworfen zur Illustrierung der Möglichkeiten, dem Biestelement des Menschen auf die Spur zu kommen.

Die Schule des Mutes

Tempi passati

Waren das glückliche Zeiten für Frauen in Afghanistan unter Nato-Besatzung; sie durften sich bilden, sich mit Computern und dem Internet, mit KI beschäftigen. Manche Frauen leisteten in diesem Bereich Hervorragendes.

Von einer wahren Begebenheit aus diesem Bereich berichtet dieser Film von Bill Guttentag, der mit Jason Brown und Elaha Mahlboob auch das Drehbuch geschrieben hat. Es ist einer dieser Film, die die Welt verbessern wollen und die den Stempel der Engel-Gilde aufgedrückt bekommen haben; ein Messagefilm.

Es ist die Geschichte um die IT-Spezialistin Roya Mahboob. Sie spielt um 2017, in der Zeit, noch bevor die barfüßigen und bärtigen Taliban die größte und bestgerüstete Militärmacht der Welt, die Nato, mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt haben.

Roya ist computeraffin und möchte unbedingt, dass auch Frauen an den Schulen am Computerunterricht teilnehmen können. Es fehlt an Anerkennung und Geld. Sie sieht die Chance, an internationalen Frauen-Robotik-Wettbewerben teilzunehmen.

Ein Weg, nicht ohne Hindernisse, aber, das ist eine der Botschaften des Filmes, wenn man will und dranbleibt, kann ein Resultat nicht ausbleiben. Die Story ist das Quod-Erat-Demonstrandum dieser These.

Roya sucht sich die vier talentiertesten jungen Frauen aus, die sie in Herath finden kann. Es folgt eine Geschichte von Rückschlägen, Hindernissen, Schwierigkeiten und immer wieder Wettbewerbsteilnahmen auf aller Welt mit selbst gebauten Robotern.

Der Film erzählt das alles glatt, also ob auch das Kino in einer vergangenen Zeit stehen geblieben sei. Die Schauspielerinnen sind makellos geschminkt und ausgeleuchtet. Sie können wenig Persönlichkeit entwickeln. Sie sind alle dem Zweck der Sache untergeordnet.

Prinzipiell ist diese Art der Erzählstruktur und des Spannungsbogens bewährtes Hollywoodkino, das auf einen rührenden Höhepunkt hinsteuert. Das ist ein Roboter-Wettbewerb für weibliche Nachwuchsteams aus aller Welt, bei dem das Afghanistan-Team, das selbstverständlich erst in letzter Sekunde sein Gerät zusammenbasteln kann, einen Minenräumroboter präsentiert, der so leicht ist, dass er Minen aufspüren und markieren kann, ohne selbst in die Luft gejagt zu werden. Einwandfreier Entwicklungszweck.