Paradejugendlicher
Isaac (Giulio Brizzi) ist ein Paradejugendlicher. Auf den Begriff kommt man, weil er Paradesoldat bei der Bundeswehr ist. So kann sich denn heute die Probe für ein Fackeldefilee in einen deutschen Spielfilm aus dem Jahr 2025 ganz ungeniert einschleichen, ohne dass das auf Widerspruch stoßen dürfte.
Isaac ist ein Paradejugendlicher auch sonst; tradiertes Männerbild: stark, sportlich, potent, fährt Motocross, ist bei der Bundeswehr und noch ein genialer Klavierspieler dazu. Er lebt in einer Militärbaracke, ist gesellig, trinkfest, beim Bowling schießt er mit einem Wurf alle Kegel um.
Isaac ist ein Held unserer Zeit. Er könnte aber auch ein Held aus dem Jahr 1939 sein, denn da schrieb Stefan Zweig den Roman gleichen Titels, frei nach welchem Lauro Cress und Florian Plumeyer das Drehbuch verfasst haben. Inszeniert hat es Lauro Cress. Dramaturgisch wurden sie beraten von Ulrich Köhler.
Isaac könnte auch ein Held von 1946 sein. Da wurde der Stoff schon mal in England verfilmt. Die männliche Hauptrolle spielte Albert Lieven, die weibliche der gelähmten Edith Lilli Palmer. Ok, solche Querverweise sind mehr eine Spielerei, es dürfte aber möglicherweise reizvoll sein, diesen historischen Kontext zu vertiefen, gerade auch im Hinblick auf das Männerbild.
Beim Bowling mit seinen Kameraden entdeckt Isaac zwei separat sitzende Frauen. Schnell ist er an der Bar im Gespräch mit der eleganten, eloquenten Illona (Livia Matthes). Ihre Begleiterin bleibt allein wie uninteressiert am Tisch sitzen. Es ist ihre Schwester Edith (Ladina von Frisching). Isaac bringt die von den beiden Frauen bestellten Drinks an den Tisch. Er will die unbeteiligte Edith zu seinen Kameraden lotsen, sie will nicht, er packt sie, zack, sie fällt hin. Sie ist lahm und sitzt in einem Rollstuhl. Bekanntschaft gemacht.
Die beiden Frauen verlassen das Lokal. Isaac will sich für sein rüpelhaftes Benehmen entschuldigen, erkundigt sich, wer sie ist. Es sind die beiden Töchter des Lokalbesitzers Tommy (Wesley Dean Adler). Die Familie wohnt in einem schlossähnlichen Bau mitten in einem Park.
Isaac sucht sie mit seinem Motorrad auf. Er bringt Blumen. Ab da kümmert er sich aus Mitleid um Edith. Mit Illona schiebt er zwischendrin eine schnelle Nummer. Er kommt Edith näher. Sie beide verbindet das Interesse am Motorsport. Ihre Lähmung geht auf einen Unfall zurück. Man unternimmt zu Dritt einen Ausflug an einen See. Sex zwischen Edith und Isaac ergibt sich zwangsläufig. Er unterstützt sie auch bei ihrem Wunsch nach einer Stammzellentherapie, was vom Vater harsch abgelehnt wird.
Jetzt nimmt der Film eine Wendung in Richtung Hochzeitsfilm. Er endet nicht so dramatisch wie der Roman von Stefan Zweig. Einmal mehr ist es so, wie in so manchen deutschen Filmen (zB auch In die Sonne Schauen): die Gewerke sind durchs Band vom Feinsten, Kamera, Sound, Licht, Ausstattung, Schauspielerauswahl, Dialoge, Regie, Schnitt.
Hier gibt es allerdings einen Einwand, was die Sprache betrifft: manche Schauspieler sind stellenweise kaum oder nur schwer verständlich. Das mag der Dominik-Graf-Manierismus sein, der glaubt, schludriges Sprechen erzeuge glaubwürdige Schauspielerei. Sonst alles bestens, aber was will uns Zeitgenossen der Film nun wirklich erzählen? Wo liegt das Need zu diesem Film, außer dass Gewerke und Darsteller sich ausprobieren können? Wo liegt der Schmerz, der ein Schmerz unserer Zeit sein soll?