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Kommentar zu den Reviews vom 6. Januar 2022

Was bringt uns das Kino 2022? Skepsis ist angebracht beim deutschen subventionierten Kino. Es gibt mit Claudia Roth eine neue Kulturstaatsministerin und die ist gewiss dem Kino gegenüber positiv eingestellt; aber auch sie dürfte wie ihre Vorgängerin die Schutzpatronin des dümmsten Filmpreises der Welt werden. Es ist nicht zu erwarten, dass sie an der behinderten Struktur dieses Preises etwas zu ändern gedenkt. Sie wird die dalkete Geldgeberin an Stelle des Staates sein. Den Preis wird aber die Innung des deutschen Kinohandwerkes, die Massenveranstaltung Deutsche Filmakademie e.V., unter ihresgleichen verteilen. Es geht um 3 Millionen Euro.

Der Preis führt sich auf, als sei er ein Staatspreis. Vermutlich wird Claudia Roth noch mehr Geld für die deutschen Kinoproduktionen loseisen. Das ändert grundsätzlich nichts daran, ja bestätigt das oberste Prinzip in der deutschen Filmlandschaft: nach immer mehr Geld zu verlangen; das hat sie seit Jahrzehnten erlernt und erfolgreich durchgezogen. Der Nachteil davon ist, dass wir ein Kino haben, das sich nach den Herrschern der Fördertöpfe richtet, ein gremienkompatibles Kino, das nicht die deutsche Wirklichkeit spiegelt, sondern das spiegelt, was die Filmemacher glauben, dass es von Funktionären gutgeheißen wird.

Nichtsdestotrotz ist der Kinogang vom ersten Tage des Jahres an zu empfehlen und von den ersten Neustarts: Ein Schaf in Island mausert sich zur Hauptrolle, in Italien ist nicht ganz klar, ob die Eltern oder die Kinder vor der Pubertät stehen, weibliche Topstars jagen weltweit Bösewichte, in Frankreich gibt es eine feine Erzählquiche vom Lande, in der Schweiz kümmert sich die Pflegerin aus Polen vielseitig um einen alten Herren und in Deutschland bewährt sich das Miteinander von Pferden und Mädchen im Coming-of-Age. Das öffentlich-rechtlichen Fernsehen hat es geschafft, einer der spannendsten Krimiautorinnen eine sterbenslangweilige Doku zu spendieren, die Restnutzer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens durften einem verdienten Senior bei einem Austragsreislein zuschauen und sich von einer prominenten Ex-Politikerin glauben machen lassen, dass die Familie unter der Politkarriere der Mutter nicht gelitten habe.

Kino
LAMB
Die Macher machen ein Geheimnis aus dem Schafnachwuchs.

BAD TALES – ES WAR EINMAL EIN TRAUM – FAVOLACCE
Wenn die Eltern fickriger sind als die Pubertierenden.

THE 355
Wenn Geheimdienstlerinnen die Welt retten.

PLÖTZLICH AUFS LAND
Das Lebensziel der Veterinärin, die es von Paris aufs Land verschlägt, ist ein anderes. Aber sie macht was draus.

WANDA, MEIN WUNDER
Die Pflegerin aus Polen und der Reiche vom Zürichsee

IMMENHOF – DAS GROSSE VERSPRECHEN
Mädchen, Pferde, Pubertät wie eh und je, grad sche is.

TV
AGATHA CHRISTIE UND DER ORIENT
Rekordverdächtig, wie langweilig diese spannende Autorin verdokumentiert wird.

GERNSTL UNTERWEGS ZUM MATTERHORN – VOM FURKAPASS NACH ZERMATT
Gemütliches Pfründenreislein.

LEBENSLINIEN: RENATE SCHMIDT – DIE UNBEIRRBARE
Renate Schmidt überstrahlt das Format mit links.

The 355

Agentinnenthriller

Es ist ja nicht das Schema, was den Agententhriller als solchen spannend macht. Das ist immer dasselbe. Es gibt ein Gerät, eine Waffe, mit der die ganze Welt zerstört werden kann. Hier ist es ein schäbig aussehendes Teil wie ein altmodisches, abgenutztes Smartphone. Damit kann derjenige, der Zugang dazu hat, sich in jedweden geschlossenen elektronischen Kreislauf einhacken und die Herrschaft darüber übernehmen. Das wird hier im Film am Beispiel des gezielten Absturzes eines Verkehrsflugzeuges demonstriert. Veranlasst und beobachtet wird das 150 Kilometer südlich von Bogota.

Dieses technische Macht- und Wundergerät befindet sich anfangs eines Agententhrillers immer in der Hand des Erfinders oder eines misanthropen Bösewichts, der damit die Welt zerstören oder wenigstens erpressen will. Oder es soll gegen viel Geld in die Hand eines anderen Bösewichtes mit genau so wenig lauteren Absichten wechseln.

Hinter so einem gefährlichen Objekt ist der Geheimdienst her, mindestens ein Geheimdienst, hier im Film sind es mehrere, der CIA, der MI6 und der BND, um an das Teil zu kommen im Sinne der Rettung der Menschheit.

Da diese Geheimdienste so erstklassig mit Überwachungssystemen ausgestattet sind, wissen sie meist auch, wo sich das begehrte Teil gerade befindet, in welch gefährlichen Händen. Somit kommen wir zum Unique Selling Point dieses Filmes von Simon Kinberg, der mit Theresa Rebeck und Bek Smith auch das Drehbuch geschrieben hat.

Hier sind es drei Agentinnen, von den erwähnten Geheimdiensten, hinzu kommt eine, die behauptet Psychologin zu sein. Und, um diese Exklusivität zu toppen, sind die Darstellerinnen dieser Agentinnen veritable Stars des Weltkinos, es sind dies Jessica Chastain, Diane Kruger, Penélope Cruz, Lupita Nyong’o und, um den chinesischen Anteil an der Produktion zu bedienen, die am perfektesten geschminkte von allen: Bingbin Fan. Ein seltener Darstellerinnenpower.

Als weiteres I-Tüpfelchen auf diesem I-Tüpfelchen, fungieren diese Weltstars auch noch als Produzentinnen, sie haben also ein Mitspracherecht. Vielleicht sind diesem Umstand einige Sonderheiten des Filmes zu verdanken: dass Agentinnen ab und an aufwändig in Handtaschen wühlen, dass eine im langen, bunt getupften Kleid durch Straßen und U-Bahnschächte von Paris hinter einer anderen Agentin her rennt, dass ein verschmutztes Hemd thematisiert wird, dass die Agentinnen sich über ihr „erstes Mal“ – des Tötens! – unterhalten, dass eine Verwundung aus einer Szene mit Akribie, um dem Postulat der Continuity Genüge zu tun, noch einige Szenen weitergeführt wird und vielleicht ist es auch diesem Umstand zu verdanken, dass Melo-Momente Platz finden in dem Film, dass Agentinnen Gefühle zeigen dürfen, mithin auch Tränen oder dass reflektiert wird, dass eine Furchtbares erlebt habe.

Wie dem auch sein, in China findet der Film zu einem actiongeladenen, rasanten Count-Down und für den zwielichtigen Agenten von Frauenverführer Nick (Sebastian Stan) haben die Weltklassefrauen eine ganz besondere Gemeinheit parat, wie um sich für die im Agentengenre oft eingeschränkten Auftrittsmöglichkeiten schadlos zu halten.

Lamb

Sacken lassen

Diesen Film von Valdimar Jóhannsson, der mit Sjòn auch das Drehbuch geschrieben hat, muss man nach dem Schauen vermutlich erst mal sacken lassen. Hier dürfte der Langzeiteindruck der entscheidende sein.

Dass man sich den Film merken kann, dafür sorgen nicht nur die Darsteller Noomi Rapace als Maria, Hilmir Snaer Gudnason als ihr Mann Ingvar und Björn Hlynur Haraldsson als dessen Bruder Peter in den Hauptrollen, dafür sorgt das karge isländische Landschaftbild mit den schroffen Berghängen, die an Ramuz erinnern, dafür sorgt der Topos der Tiermenschen und dafür sorgt nicht zuletzt die Nennung von Bela Tarr im Abspann, bei dem Valdimar Johannsson studiert hat und der auch als executive-Producer des Filmes firmiert.

Im Vergleich zu Bela Tarr ist es jedenfalls ein recht schneller Film. Ein Schaf und noch ein Schaf und noch eines und ein Hund und eine Katze und nicht 20 Minuten lang eine einzige Kuh in einer Einstellung auf einer Weide.

Andererseits ist der Film wieder langsam genug, dass Zeit bleibt, zu überlegen, wie groß wohl der Kleiderschrank oder das Garderobemobil mit den Klamotten für Noomi Rapace gewesen sein muss, das immer irgendwo vor der Kamera versteckt ist; auch bei der Bettwäsche gibt es Varianten wie im Wäschehaus.

Maria und Ingvar führen eine kinderlose Ehe. Ihr Traktor, mit dessen Hilfe sie Kartoffeln pflanzen oder den Boden lockern, macht ab und an sonderbare Geräusche. Diese werden noch sonderbarer ergänzt durch tiefe, nicht näher definierte Geräusche auf der Tonspur, die aus Mythen oder unergründlicher Tiefe kommen könnten.

Wie das Ehepaar das Schaf an Kindes statt angenommen hat, ihm ein Kinderbettchen im Elternschlafzimmer aufgestellt hat, wie sich das Schaf vom Hals abwärts erkennbar zu einem Menschenkind entwickelt, kommt Ingvars Bruder zu Besuch. Er muss mit dem Kinderglück in der Familie seines Bruders zurechtkommen, andererseits wird er die Treue von Maria zu Ingvar auf die Probe stellen.

Jóhannsson stellt mit seinem Film dezidierte Bildbehauptungen auf, verzichtet auf jegliche Erklärung und fordert vom Zuschauer, sich selbst seinen Reim darauf zu machen, seine Schlüsse zu ziehen, seinen Blick auf die Dinge allenfalls in Frage zu stellen.

Dem soll in keiner Weise vorgegriffen werden mittels Verzicht auf Deutungen. Ein kleiner Dialog des nicht allzu gesprächigen Ehepaares geht um das Thema Zeitreise. Das mag der eine oder andere Zuschauer als Interpretationshilfe lesen. Das Kind heißt Ada, wie eine Person auf dem Friedhof. Und wer nicht weiterkommt, der darf ruhig zu einem Whisky greifen. Dann dürfte er bereits etwas begriffen haben.

Immenhof – Das große Versprechen

Die Schauspieler und die Pferde sind die Stars.

Insofern fügt sich der Film nahtlos an den Heimatfilm der 50er Jahre, aber Sharon von Wietersheim, die für Buch, Produktion und Regie steht (Immenhof – Das Abenteuer eines Sommers) lässt ihren Film deshalb noch lange nicht verstaubt aussehen.

Er wirkt auch nicht aus der Zeit gefallen, Themen wie Tierrecht und ob Pferde überhaupt geritten werden sollen, kommen zur Sprache, wenn auch nicht zentral, aber immerhin.

Dann die Aufnahmen von bildhübschen jungen Frauen mit langen Haaren auf Pferden mit fliegenden Mähnen dem Strand entlang oder durch Wiesen- und Waldlandschaft, die sind zu verführerisch und gehören zur DNA des Genres.

Was heißt Starkino? Die Schauspieler werden nicht nur pfleglich behandelt, sie werden auch starlike ausgewählt und oft mit einem Aufheller ins beste Licht gesetzt, es sind richtig schöne, hübsche Menschen und bei den älteren Herren dominiert der fotogene Charakter wie Heiner Lauterbach als der skrupellose Rennstallbesitzer Malinckroth, der Pate im deutschen geförderten Film, oder Torben Liebrecht als der Arzt, dem die Pferde vertrauen (und bestimmt nicht nur sie!).

Die traumhaftesten Schöne-Frau-Aufnahmen hat Leia Holtwick als Lou. Sie ist mit einem Giftanschlag auf ein Pferd befasst und kümmert sich um das bedrohte Rennpferd von Malinckroth. Sie ist Pferdekümmerin und hat mit hübschen Jungdarstellern zu tun, mit dem filmogenen Cal (Max Befort), aber auch mit Leon (Moritz Bäckerling).

Es ist ein Film, der wunderbar ablenkt von der Situation um Pandemie und Inflation, von den vielen Unsicherheiten der Zeit. Es ist eine schöne Welt, eine fast heile Welt, das Böse ist eingezirkelt und zu bewältigen. Scharfblick und Durchtriebenheit einer Göre wie Emma (Ella Päffgen) sind unbezahlbar für das Spiel; für die Komik sorgt ein schlecht erzogenes Pony mit Fantasiehütchen.

Bad Tales – Es war einmal ein Traum (Favolacce)

Die sich ankündigende Pubertät der Kinder wühlt die Eltern auf.

Das sich ankündigende Coming-of-Age der Buben bringt hier im Film der Gebrüder Damiano und Fabio D’Innocenzo die Väter durcheinander, deutlich mehr durcheinander als die Kinder selbst; so durcheinander, dass auch die Erzählung, die eine reife Männerstimme vorträgt, sich selber nicht sicher ist, was wahr ist, was unwahr, was banal und was nicht und wer sie geschrieben hat, ein Mädchen vorgeblich mit grüner Tinte und irgendwann hörte das Tagebuch abrupt auf.

Die Männerstimme behauptet, es sowieso nur an sich genommen zu haben, wegen der unbeschriebenen Seiten, um diese selber zu füllen, vielleicht mit dem, was uns die sinnlich-italienischen Bilder, oft von Zikaden oder Farb-Varianten bis hin zum Geplärre davon auf der Tonspur unterstützt, vor Augen führen, anfangs oft auch mit Kamera- und Bildspielereien. So dass dem Betrachter ganz schwindlig wird in der Unterscheidung, wer ist jetzt hier wer und wer erzählt das gerade.

Es scheint auch, dass die Väter Bruno (Elio Germano) und Amelio (Gabril Motesi) ihre erst ahnungsvollen Buben Dennis (Tommaso di Cola) und Geremia (Justin Korovkin) beinah mit Gewalt zum ersten Sex treiben wollen.

Der Film selber ist wie die Buben auf die entsprechenden Symbole sensibilisiert. Am deutlichsten die Sexbombe. Die ist hochschwanger. Sie kann schon Milch zapfen, gibt einige Tropfen auf einen Keks und offeriert diesen dem Milchbuben Geremia.

Die Buben selber schauen vor allem ausdrucklos, mehr noch Geremia; während Dennis immerhin Musterschüler ist. Geremia bastelt eine Bombe, möchte das ganze Viertel in die Luft jagen. Die Todessehnsucht ist die Umrahmung des Filmes.

Die perfekte Familie sitzt vor dem Fernseher und hört Nachrichten. Eine Schlagzeile berichtet von Eltern, die ihr Neugeborenes in der Badewanne ertränkt und sich dann beide vom Balkon in die Tiefe gestürzt haben. Der Song über dem Abspann handelt von der Notwendigkeit zu sterben.

Ein Kupplungsversuch elterlicherseits nutzt die Masern des Buben, um das Mädchen, das noch nicht die Masern hatte, anstecken zu lassen; ein verquerer Versuch der Zwangsannäherung, um das Coming-of-Age voranzubringen.

Es wirkt, als wollten die Eltern dieses möglichst schnell hinter sich bringen. Ein anderer Versuch besteht darin, dass das mental reifere Mädchen (körperlich noch so gut wie gar nicht), es mit dem Jungen probieren möchte, was furchtbar schief geht.

Gleichzeitig haben die Kinder freien Zugang zum Sex-Chat eines Vater über dessen Handy. Und der ist ziemlich direkt. Wobei auch hier nie ganz klar ist, wieviel die Kinder davon verstehen.

Der Film ist die Aneinanderreihung von Szenen der zwei Protagonistenfamilien eines Sommers, zuhause, im Pool im Garten, auf dem Lande. Er beschränkt sich oft auf Andeutungen, auf das Anskizzieren kleiner Begebenheiten.

Bei allem ungeschickten Eingreifen der Eltern wirkt es doch so, als seien die Kinder allein gelassen, als müssten sie selber aus den banalen Bildern des Alltags das herauslesen, was nicht gezeigt wird, was nicht erzählt wird. Insofern kann der Film auch gelesen werden nach seinem eigenen Motto: die Bilder darauf hin zu befragen, was ‚dahinter‘ ist. Als sei das Coming-of-Age etwas Verhextes. Das ist es vielleicht auch.

Plötzlich aufs Land

Unwirsche Menschen

leben in der französischen Provinz in Morvan, in Burgund, heißt es an einer Stelle in diesem mit handfestem Charme bezaubernden Film von Julie Manoukian.

Nicht nur unwirsch, schön wäre es schon, wenn die knorrigen Landbewohner wengistens die Vokale aussprechen würden, damit man sie versteht (da macht sich auch die deutsche Untertitelung einen Spaß draus). Die Bitte an den Bauern Morille (Christian Sinniger) kommt von der frisch gebackenen Forscherin Alexandra (Noémie Schmidt), die in der Gegend aufgewachsen ist, aber lange schon weg.

Jetzt ist ihr Ziel die Cornell-Universität in Kalifornien, eine der weltweit besten Forschungszentren auf ihrem Gebiet. Ein Anruf ihres Onkels Michel (Michel Jonasz) holt sie in die Provinz. Völlig unvorbereitet stellt er sie vor das Problem, dass er seinen Job als Tierarzt aufgibt, um in der Südsee sein Rentnerleben zu genießen; eine Schock-Info für alle. Auch für seinen Partner Nico (Clovis Cornillac), der allein mit der Praxis überfordert wäre. Alex muss ins kalte Wasser springen und sofort mitangreifen bei Operationen oder schweren Kälbergeburten.

Das ist ein Geschichtenrezept, was sich bewährt hat, einen Menschen mit einer ungeplanten Situation zu konfrontieren und ihm dabei zuzuschauen, wie er damit umgeht und möglicherweise aus so einer Situation heraus das Beste macht oder gar etwas Positives für sich herausholt.

Hier kommen Tiere dazu, die auf der Leinwand immer viele Besucher erfreuen mögen, es gibt niedliche Hundewelpen und als nette Symbolfigur ein wildes Füchslein, was vom Onkel verwöhnt worden ist.

Es gibt ein Auto, das nicht mehr anspringt und deshalb die Flucht zurück nach Paris verhindert. Es gibt eine Hauptstraße, die selbst zur Hauptverkehrszeit menschenleer ist, dazu schöne Landschaftsaufnahmen aus Burgund.

In der Praxis gibt es noch den schüchternen Assistenten Marco (Matthieu Sampeur). Die Konflikte werden handzahm, schonend und mit Humor erzählt. Die Musik nimmts leicht. Es ist französische Komödienkost in der besten Tradition mit fabelhaften Schauspielern; so kann man einen unfreundlichen Januartag wunderbar im Kino aushalten.

Agatha Christie und der Orient (BR, Mittwoch, 5. Januar 2021, 22.45 Uhr)

Eine Firma Bildmanufaktur GmbH hat diese ätzend langweilig, ätzend-professionelle Dokumentation von Sabine Scharnagl für den BR, Redaktion Bettina Hausler-Thomas, produziert.

Beflissenere Langeweile geht kaum. Noch öder kann ein Porträt über eine der spannendsten Krimi-Autorinnen des letzten Jahrhunderts nicht sein. Vielleicht hat die Filmemacherin gemeint, sie muss eine Facharbeit schreiben zum Thema Krimiautorin und Archäologie im Orient. Aber nicht mal dieses Thema wird als Spannungsfaden eingesetzt. Es kommt zwar vor. Es wird berichtet von der ersten Orientreise mit der Bahn. Sie war jung, eine berühmte Autorin bereits, hatte Geld.

Bei der zweiten Reise lernt Agatha Christie den deutlich jüngeren Archäologen Max Mallowan kennen. Heirat. Sie startet eine Stiftung, die ihm Grabungen im größeren Stil in Nimrod ermöglicht.

Nicht dass der Stoff langweilig wäre; es ist schon fast wieder eine Kunst, das Leben dieser Frau so dröge zu schildern. Allein die Fotos, die sie machte, die Schmalfilme, ganz frühe auch in Farben, von den Grabungsarbeiten in Irak und Syrien.

Dramatisch sind die Zerstörungen, die der IS an all den Kulturdenkmälern im Nahen Osten angerichtet hat.

Aber Sabine Scharnagel präsentiert den Stoff wie in einem verstaubten Museum, in dem noch ausgestopfte Menschen gezeigt werden, das aus lauter besucherfeindlichen Vitrinen besteht, nach irgendwas geordnet.

Dazu kommen die Talking Heads, der Tod vieler Dokus, Fachleute sondern Statements ab, aus denen der geneigte Leser allenfalls in einer einsamen Stunde einen spannenden Zusammenhang konstruieren könnte.

Vielleicht verheddert sich die Filmemacherin gerade darin, dass sie eigentlich einen Film über Archäologie oder einen Film über die grauenhaften Folgen der IS-Herrschaft machen wollte und den Namen Agathe Christie nur als Aufmacher nutzte. Das dürfte kaum zum Erfolg führen. Überforderung der Dokumentaristin in der Präsentation ihres fleißig gesammelten Materials. Hinzu kommen die einschläfernd professionellen Sprecherstimmen und außerdem feierlich einschläfernde Musik jenseits von Gut und Böse.

Dokumentarfilm von vorvorgestern, bemüht, überordentlich, zum Stillstand. Die Drohnenaufnahmen vom heutigen Irak und Syrien wären an sich spannend, betreffen einen Schmerzpunkt unserer Zeit. Hier aber kommt alles wie in Formalin eingelegt daher.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Lebenslinien: Renate Schmidt – Die Unbeirrbare (BR, Montag, 3. Januar 2022, 22.00 Uhr)

Nichts geplant,

aber vieles auf die Reihe gekriegt.
Antikarrieristin – aber Familienmensch. Das erste Kind mit 17 nicht geplant. Es musste geheiratet werden, die Familie ernährt. Job als Mutter in der Datenverarbeitung bei Quelle in Nürnberg. Ungleichbezahlung von Frauen. Logisch, dass Renate Schmidt in der Gewerkschaft landet, weil sie etwas verändern will, dass sie in der SPD landet, weil sie etwas verändern will. Und dann plötzlich Bundestagsabgeordnete in Bonn.

Der Film von Steffi Illinger setzt die Familie in den Mittelpunkt. Oft sind die Schwester oder die Tochter und die beiden Söhne zugegen, der zweite Mann an ihrer Seite, den sie Jahre nach dem Tod des Vaters ihrer Kinder heiratete. Familie geht ihr über alles. Was nicht heißt, dass sie deswegen auf die Poltik verzichtete. Es musste mit der Familie vereinbar sein.

Dieses Ungeplante, dieses nicht Berechnende, diese Offenheit und Direktheit der Ex-Politikern, sind und waren es, die ihre soviel Resonanz gebracht haben. Daran hat sich nichts geändert. Sie überstrahlt das Format Lebenslinien mit ihrer ungeschnörkelt direkten und herzlichen Art, die nicht den Verdacht aufkommen lassen könnte, dass dahinter eine Berechnung stünde.

Engagierte Bürgerin ist sie bis heute, wenn es um eine inhumane Abschiebung oder um halbherzige Berichterstattung in der SZ geht, dann meldet sie sich. Also nicht nur eine vorbildliche Politikerin, auch eine vorbildlich demokratische Bürgerin.

Man könnte diese Lebenslinien auch so bilanzieren: Renate Schmidt, Steffi Illinger und Redakteur Christian Baudissin nutzen sie, um Renate Schmidt als Familienmenschen zu porträtieren, als Votum dafür, dass Frau, Familie und Karriere sehr wohl zusammenzubringen sind; weil es für sie offenbar immer noch keine Selbstverständlichkeit ist.

Andererseits verleitet gerade dieses demonstrative Vorführen von intakter Familie dazu, zu hinterfragen, ob die Karriere der Mutter wirklich so schadlos an der Familie vorbeigegangen ist – oder ob die Schäden nicht anders sind als wie bei anderen Karrieremenschen auch – egal ob Mann ob Frau?

Gernstl unterwegs zum Matterhorn – Vom Furkapass nach Zermatt (BR, Samstag, 1. Januar 2022, 18.45 Uhr)

Müde geworden schleppt sich

Franz Xaver Gernstl durch seinen Austrag beim BR, ehrlich erworbene Pfründe, und begegnet im Wallis einem Lebensentwurf, der seinen eigenen relativiert, der Trödler, der stundenlang nur vor seinem Laden sitzt und nichts verkauft, wie er sagt, denn die Leute kaufen selber, sie gehen in den Laden, kommen heraus mit der Ware und bezahlen; immerhin schaut hier für den Schnorrer ein alter Schweizer Armeesäbel heraus, den er auch annimmt. Aber sonst schaut das Fernsehdenkmal grimmig säuerlich in den Mundwinkeln mit einem Restfunken Neugier, ob hier einer doch einen schlaueren Lebensentwurf gefunden habe als er selber.

Die Trödlerexistenz ist dann doch weniger anstrengend als mit einem VW-Bus und zwei Mitarbeitern wieder eine neue Reiseroute planen (redaktionelle Mitarbeit Nicole Joan Islinger), Hotelübernachtungen buchen und dann auf die Pirsch gehen, meist im Hintergrund schon abgesprochen; auch das Warten kann mühsam sein, dafür ist Gernstl nicht gemacht, mit einer Jägerin im Bergwald zu sitzen und hoffen, dass ein Wild sich zeigt, da hat er seine Zunge nicht im Zaum und das Wild umso mehr einen sicheren Instinkt, sich nicht vor den Gernstl-Karren spannen zu lassen.

Immerhin, auf dem Furkapass gibt es was zu knabbern und man kann für ein originelles Produkt werben, den patentierten Matterhornkäse.

Das muss man dem Gernstl lassen, er begegnet dann doch wieder überraschenden Lebensentwürfen auch außerhalb der Produktpräsentation, die deutlich spannender sind als diejenigen ätzender Promi-PR-Lebenslinien wie über Sabine Sauer oder krampfiges Frauenkabarett vom BR, dagegen ist die Schwarznasenschäferin in der Nähe des Matterhornes ein wahrer Jungbrunnen. Sie war Lehrerin, hat Kunst studiert und führt jetzt ein freies Leben im Einklang mit sich, der Natur und ihrem französischen Schäferfreund; ein Leben, das sich aus den Mühlen des Broterwerbes befreit hat und jetzt zwischen Kite-Surfen und Schafhirterei pendelt.

Der Besuch bei Air Zermatt bringt allerdings keine Einladung zum Rundflug, worauf der Gernstl spekuliert haben dürfte; so aber kann er sich als ordentlicher Zwangsgebührenverwalter gerieren, dem am schonenden Umgang mit den Zwangsgeldern liegt und der sagt, so einen Flug auf Zwangsgebührenzahlerskosten zu buchen, wäre nicht zu rechtfertigen. Recht hat er, ein Anfang. Dass er sich mit seiner sicheren Masche ein schönes Altersreislein auf Zwangsgebührenzahlers Kosten leistet, verschweigt er, erwähnt nicht, dass eine unbekannte Anzahl einkommensschwacher Haushalte, die sich so eine Reise nie im Leben leisten können, von ihrem schmalen Budget das Geld dafür auch noch absparen müssen, wenn sie nicht schon in den Mühlen der Armutsverwaltung von HartzIV oder Grundsicherung gelandet sind. Ein Gernstl könnte es sich leisten, sich für eine faire Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dem er soviel zu verdanken hat, einzusetzen: dass diese Finanzierung endlich gerecht auf die verschieden starken Schultern verteilt wird und nicht länger einseitig zu Lasten einkommensschwacher Haushalte geht. Zu verlieren hat dabei ein Gernstl gar nichts. Und könnte sich für etwas mehr Gerechtigkeit im Lande einsetzen auf einem ihm wohlvertrauten Feld.

Kommentar zu den Reviews vom 30. Dezember 2021

Keine Überfütterung mit Reviews zum Jahresabschluss. Dafür feines Kino aus dem Norden über eine königliche Hoheit und ein sehr persönlicher Film über eine Königin von Stadt im Süden. Eine wichtige DVD für alle, denen die Netzfreiheit etwas bedeutet. Das Fernsehen guckte von oben herab auf ein Allgäuer Alpental und war an der Pegnitz kaum im Zaum zu halten vor Lokalstolz. Nun denn, auf ins Kino, auf ins Neue Jahr!

Kino
DIE KÖNIGIN DES NORDENS
Royales Drama

MOLEKÜLE DER ERINNERUNG – VENEDIG WIE ES NIEMAND KENNT
So beredt hat Venedigs berühmtes Bild kaum je geschwiegen.

DVD
ALLES IST EINS. AUSSER DER NULL.
Es geht um die Freiheit im Netz.

TV
BAYERN ERLEBEN – FRÜHLING IM ALLGÄU – DAS RAPPENALPTAL
Wie eine Wespe tollt die Kameradrohne im langgestreckten Bergtal rum.

1806 – DIE NÜRNBERG SAGA

VOR DEM STURM
Hier erzählt der Stadtstolz, wie Nürnberg reich geworden ist als Handelsstadt.

UNTER DEM HAMMER
Hier erzählt der verwundete Stadtstolz, wie eine Großmacht nach der anderen die reiche Stadt geplündert hat.

AUS DER ASCHE
Hier bricht sich die Euphorie über die Stadt Bahn, steigt der Adler der ersten Dampflokomotive wie der Phönix aus der Asche, hier werden die Grundlagen zur industriellen Umweltverschmutzung und zur Rüstingsindustrie gelegt.