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Lebenslinien: Der Dackel-Seppi von Passau (BR, Montag, 19. Oktober 2020, 22.00 Uhr)

Treuherzig allerliebst

sind Dackelblicke, aber solche Herz-Schmerz-Dudel-Sauce, wie Evelyn Schels sie hier auftischt, haben sie nicht verdient und wirken deplaziert bei den Lebenslinien. Das entspricht nicht dem Niveau, das man von einer Sendung dieses Namens im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erwarten dürfte. 

Nichts gegen den Protagonisten, der Dackel-Seppi vormals der Blumen-Seppi, ist ein spannender Mensch, originell und initiativ dazu, der hat es zu was gebracht. Und das ging nicht ohne Rückschläge, ohne Schicksalsschläge. 

Muss man das aber alles so erzählen, als würde man einen Film für das Staatsfernsehen der DDR machen? Dass ja keine gesellschatlichen Schwachpunkte angesprochen werden, dass ja keine schlafenden Hunde geweckt werden? Muss das alles so eine niedliche PR-Sauce für einen Geschäftsmann werden? 

Allmählich entwickelt sich bei stefe ein Bild von der Dokumentaristin Evelyn Schels. Sie hat sich untertänigst an Baselitz angewanzt, sie hat von Marianne Koch in den Lebenslinien genau die Dinge ausgepackt, die die Protagonistin schon so oft runtergespult hat und eigentlich nicht wiederholen mochte, sie hat für die Krone-Erbin einen reinen PR-Film statt Lebenslinien gemacht und mit dem Kinofilm Body of Truth hat sie unkritisch vier Performerinnen auf einen Sockel gehoben. 

Nein, solche Beiträge dienen nicht der Profilierung weder der Sendung noch des Senders. Und dann wird auch noch unpräzise gearbeitet; in dem Augenblick, in dem der Protagonist vor einem Blumengeschäft im Rathaus München steht, nennt die Sprecherinnenstimme seine Unterkunft in München und man wundert sich, ob das Münchner Rathaus ein Lehrlingsheim beherberge. 

Redaktionell verpennt (oder auch: verpeilt) hat den Film Christiane von Hahn. 

Making Montgomery Clift

Zum 100.sten Geburtstag.

Der Hollywood-Schauspieler Montgomery Clift (1920 – 1966) hatte einen älteren Bruder, dessen jüngster Sohn Robert sich das umfangreiche Archiv vorgenommen und darin gewühlt hat, um diese Dokumentation, in der es über das Dokumentieren des Stars geht, zusammenzustellen. 

In der Familie Clift scheint es eine Sammelwut zu geben und aus diesem Grunde existieren enorme Archive von Tonbändern, Videoaufnahmen, alles, alles wurde gesammelt vom Vater von Robert, der im Krieg beim Geheimdienst gewesen sein soll. 

Und auch Montogmery selber hat offenbar jede Menge Telefongespräche ohne Wissen der anderen aufgenommen auf schönen alten Tonbbandgeräten, von denen der Filmemacher sie auch abspielt und dazu Bildarchivmaterial montiert. Ihm geht es darum, das Bild seines Onkels, das manche Biographien sensationsheischend erstellten, zu korrigieren. 

In diesem Zusammenhang kommt im Gespräch mit einer Bigraphin klar heraus, dass bei Biographien der Kassenerfolg größer werde, je krawalliger sie sind. Clift habe etwas Selbstzerstörerisches gehabt, wurde also kolportiert, das durch seine Homosexualität, die ja verboten war, Nahrung erhalten habe; er sei an den seelische Qualen zugrunde gegangen, die dieses Versteckspiel ausgelöst hätten. 

Dem hält Neffe Robert entgegen, dass sein Onkel mit seinem unbändigen Freiheitsdrang („I’d rather be free than famous“), das gar nicht nötig gehabt habe, auch nicht, irgend einem Studio und dessen PR zuliebe eine Scheinehe einzugehen, wobei er sowieso bisexuell veranlagt gewesen sei.

Montgomery Clifts Freiheitsdrang, das stellt der Film deutlich heraus, hat ihn dazu geführt, Rollen abzulehnen, nach denen andere Stars die Finger leckten, dass er jahrelang nur Theater gespielt habe, dass er die Hauptrolle, die er für das „Urteil von Nürnberg“ von Stanley Kramer angeboten bekommen habe, als lngweilig abgelehnt, sich dafür für die viel kleinere Rolle des Rudoph Petersen interessiert und diese auch noch ohne Gage gespielt habe. Ein radikaler Künstler, dem Starruhm egal war, der spannende Rollen spielen wollte. 

Der Film wirft einen höchst ungewöhnlichen Blick hinter die Kulissen des Hollywood-Betriebes, gerade auch, wie er an Starlegenden strickt, dreht und wendet. Wobei Clift an einem Alkoholproblem litt, egal wie das zustande gekommen sein mag, immer mehr Mühe hatte, Text zu lernen; ein Zerfallserscheinung. Während er am Anfang vor allem ein lustiger, unterhaltsamer junger Mann gewesen sei, der Spaß am Spaß und auch an Albernheit hatte, wie Videoaufnahmen zeigen; er war mit der Gabe einer seltenen Leinwandschönheit beschenkt und sich derer auch bewusst, wenn es um das Verhandeln ging, um die Verteidigung seiner Freiheit. 

Kommentar zu den Reviews vom 29. November 2020

Kommentar zu den Reviews vom 29. Oktober 2020

Ein rasanter Psycho-Comictrip durch die Kunstwelt. Ein umstrittenes Theaterstück zum Jugoslawien-Krieg. Ein kunterbuntes Animationsvergnügen aus der Ukraine. Ein perfekt industrieller Katastrophenfilm aus den USA. Papierenes Strandgut am Rande der Internetwelt in New York. Wenn sich das Tier in der Flugbegleiterin meldet. Lehr- und Wanderreiten von Bayern aus. Wildwest, wie wir ihn erträumten. Dann ist aus der Revoluzgerin doch lieber eine HFF-Professorin geworden. Müssen wir in diesen privaten Mief von Theater- und Filmprominenz hineingezogen werden? Letzter Gang eines bayerischen Filmregisseurs. Auf DVDwerden Eltern unterhaltsam mit den Resultaten ihrer Erziehung konfrontiert. Am Fernsehengab es wunderbare Münchner Lebenslinien.

Kino

RUBEN BRANDT, THE COLLECTOR

Manie: Kunstewerke, die Alpträume bereiten, müssen in seinen Besitz.

SRBENKA

Ex-Jugoslawien: Vom Vorurteil zum Mobbing zum Opfer.

CLARA UND DER MAGISCHE DRACHE

Da brauchen sich die Ukrainer vor Hollywood nicht verstecken. 

GREENLAND

Die Katastrophenenergien, die es braucht, um eine Familie zusammenzukitten. 

THE BOOKSELLERS

Antiquariate: eine aussterbende Spezies.

SCHLAF

Respektabels Horrordebut. 

WILDHERZ

Simone mit den Ponys sucht weiter ihr Lebensziel. 

GLITZER & STAUB

Traum-Wildwest-Cowgirls. 

UND MORGEN DIE GANZE WELT

Sich im Eigen-Anekdotischen verhaspeln; war da mal was Revolutionäres?

SCHWESTERLEIN

Wie langweilig kann denn Privatheit von Berühmtheiten sein?

DER BOANDLKRAMER UND DIE EWIGE LIEBE

Joseph Vilsmaiers Legat. 

DVD

WIR ELTERN

Es ist die eigene Brut!

TV

LEBENSLINIEN: „DIE ISARNIXE“

Hier besinnen sich die Lebenslinien auf ihre höchste Qualität. 

Kommentar zu den Reviews vom 15. Oktober 2020

Noch immer müssen die Kinos Hilfssheriffs für die Seuchenpolizei spielen. Das können ein traumhafter Garten und Menschen unserer Zeit in heute anlaufenden Filmen abmildern. In England durchbricht ein Garten die Schlossdüsternis. In Alaska fernab der Menschenwelt unter Bären. In der Finanzwelt wird Geld aus dem Nichts geschöpft (kein Naturwunder). In Kanada im Alter noch vom Weltraumflug träumen. In Argentinien die Spanne zwischen Sonnenfinsternis und Hinterlassenschaft der Diktatur. Aus der Zeit gefallen, dänisches Kriegsdrama. Ein nordisches Mädchen im modernen Medien- und Politwunderland. Fantasy im deutschen Kinderfilm. In Berlin drei Menschen aus drei Perspektiven betrachtet. In Großbritannien dem Mann als solchem auf den Existenzzahn gefühlt. Soldatengattinnen in England bilden einen Chor. Im TV wurde die zweite Folge eines erfolgsversprechenden Krimis in der Donau versenkt.

DER GEHEIME GARTEN

Verführung, selbst für Gartenmuffel. 

DER BÄR IN MIR

„Hello, it’s ok“ – so der Bärenflüsterer mit beschwörender Stimme. 

OECONOMIA

Der rätselhaft blähende Finanzgarten unserer Welt. 

ASTRONAUT

Nicht jeder Mensch ist fürs Altenheim geboren.

ROJO – WENN ALLE SCHWEIGEN, IST KEINER UNSCHULDIG

Wie eine Sonnenfinsternis Zweifel an vermeintlich glasklaren Verhältnissen aufkommen lässt. 

VON LIEBE UND KRIEG – A WAR WITHIN

Kriegsdrama. Eifersuchtsdrama. Minderheitendrama. Im Stil nordischen Seelendramas.

I AM GRETA

Nordisches Klimamädchenmärchen. 

DRACHENREITER

Kinderfantasywelten, abenteuerlich. 

SAG DU ES MIR

Wie hängen Monika, Silke und René zusammen? Sie verbindet ein Brückenschubser. 

BRUNO

So heißt der Hund des Protagonisten, dem auch sonst noch einiges abhanden kommen wird. 

MRS. TAYLOR’S SINGING CLUB

Kriegsfreundliche Soldatengattinnen. 

TV

DIE DONAU IST TIEF. EIN KRIMI AUS PASSAU.

Zurück zur Fernsehroutine – ächz!

I Am Greta

Greta im Wunderland.

Ein modernes Märchen. Dazu braucht es ein pubertierendes Mädchen (besonders magieaffin), 16 Jahre alt, Schwedin, lebend in Stockholm, aufgewachsen bei intellektuellen Eltern, spricht bereits hervorragend Englisch – sonst versteht keiner das globale Märchen – etwas Asperger, das Mädchen vertieft sich mit diesem konzentrierten Fokus in die weltweite Klimakatastrophe und hat damit ihr Thema gefunden, von dem sie nicht so schnell ablassen wird; das sind elementare Voraussetzungen für das Märchen, das hier aus rein dokumentarischem Material von Nathan Grossman zusammengestellt wird. 

Mir scheint, die ersten Szenen, wie das Märchen beginnt, dürften nachgestellt sein. Es wäre ein Widerspruch zur Asperger-Eigenschaft, wenn sie das schon gezielt hätte filmen lassen. Eines Tages beschließt das Mädchen, statt zur Schule zu gehen für die Klimarettung vor dem schwedischen Parlament zu protestieren. Es gesellen sich andere Leute zu ihr. Daraus wird die Lawine der weltweiten „Fridays for Future“-Bewegung, die Schulstreiks, die Klimabewegung. Und mittendrin als deren Ikone das Asperger-Mädchen aus Schweden, das an ihrer Erkenntnis festhält. 

Wie es zu diesem Märchen in der Wunderwelt von Medien und Politzirkus kam, das kann sie sich selber nicht erklären. Der Zuschauer kann es auch nicht und der Film ebensowenig – wie und wer an welchen Hebeln dazu beigetragen hat. Er kann nur zeigen, wie das kleine Mädchen aus Schweden mit dem Asperger und der Verbissenheit auf dem Thema Klima plötzlich an die Höfe der Macht geführt wird. 

Wenn man an das Anfangsbild vor dem schwedischen Parlament denkt, wo sie erst mutterseelenallein protestiert, so ist es eine Aschenputtel-Geschichte. Die Prunkhöfe von russischer und französischer Politik, die Heiligen Hallen von Welt- und Europapolitik in New York und in Brüssel. Ein Papst, der sie persönlich begrüsst. Er kann da nicht ahnen, dass Greta sich Tage später in Stockholm kaputtlachen wird über das Video von dieser Begegnung. 

Enttäuscht durschaut die junge Ikone den Medien- und Polit-Zirkus und stellt fest, wie sie zur Medienpuppe geworden ist und jeder sich mit ihr schmücken will. Alle finden es toll, was sie macht. Jeder Politstar will sich brüsten mit ihr. Aber, das enttäuschende Fazit: ändern tun sie nichts („how dare you!“ wirft sie vor der UN-Vollversammlung der globalen Politprominenz an den Kopf).

Vielleicht ist das das ernüchternde Ende des Märchens (oder der Beginn eines Geschäftsmodells, siehe weiter unten?). Ein Mensch entwickelt sich in diesem Alter schnell, sie reift zur jungen Frau heran, die Medien- und Politheldin, sie tanzt allein für sich, sie träumt von bürgerlicher Vita mit Studium, Heirat und Kindern. 

Nichts erzählt der Film darüber, wie weit von außen diesem Märchen nachgeholfen wurde, wie weit der Name Greta Thunberg von cleverem Geschäftssinn zum Branding, zum Markennamen gemacht wird. Im Internet werden unter diesem Namen nebst Shirts sogar Mund-Nasen-Masken angeboten; ob der Film selber als dieses Märchen Teil der Branding-Kampagne ist? 

Bruno

Mann und Existenz.

Was macht den Mann aus? Was ist der Mann, wenn er nur für sich ist, wenn er außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft am Rande lebt, wenn er ein Obdachloser ist, der in einem Blechverhau in einer Niemandslandzone lebt in der Nähe eines Spielplatzes und eines Bahngeländes? 

Karl Golden, der Autor und Regisseur dieses Filmes gesellt zu diesem Mann Daniel (Diarmaid Murtagh) den Hund Bruno und gibt dem Film den Titel nach dem Hund. 

Mann und Hund, Bild für verlorene Existenzen. Der Mann wird aber noch mehr verlieren, wo er kaum mehr was zu verlieren hat. Er repariert tüftelig technische Teile, Transistorradios oder Computerpanels und kann sie bei Malik (Seun Shote), einem Menschenfreund mit einer Kleider-Reinigungsfirma, verscherbeln. 

Restbürgerlichkeit hat Daniel sich bewahrt, sowohl von der Kleidung als auch vom Ordnungsgefühl her, nachts räumt er auf dem Kinderspielplatz den Müll weg, den ungare Jungs zurücklassen. Mit denen gerät er in Konflikt. Er wird krankenhausreif geschlagen und bleibt liegen. Der Hund kommt ihm abhanden, dafür findet er nachts einen elternlosen Jungen, der nichts über sich preisgibt und nicht nach Hause will. 

Eine neue Existenzgemeinschaft verlorener Seelen bildet sich, alleiniger Hund mit gefundenem Jungen. Daniels Hütte steht unter Zwangsräumungsbefehl. Der Mann wird von dem wenigen, was er noch hat, alles verlieren, er wird ganz auf sich zurückgeworfen, bis sich, vielleicht auch durch die Erinnerung an die Zeit vor der Entbürgerlichung, die Menschenwelt für Daniel durch eine sich beschleunigende Kadenz von Ereignissen wieder lichtet und Karl Golden über das Mittel hoher Sensibilität seines Darstellers zum Befund finden kann, dass vermutlich für den Mann die Familie doch alles sei, dass er zum Alleinsein nicht tauge. Dazu gehört eine ausgiebige Rasur. Wen wunderts, wenn inzwischen Naomi (Scarlett Alice Johnson) ins Spiel gekommen ist. Ohne Frau bleibt dem Mann nur Rudimentärmenschlichkeit. 

Von Liebe und Krieg – A War within

Kriegsdrama. Eifersuchtsdrama. Minderheitendrama. Deserteursdrama. Familiendrama. Unüberhör- und unübersehbar schwingt im Erzählstil dieses Films von Kasper Torsting, der mit Ronnie Fridthjof auch das Drehbuch geschrieben hat, nordisches Seelendrama mit. 

Der konfliktreiche Kollateralschaden von Krieg ist oft derselbe: die Männer sind an der Front. Kein Mensch weiß wann, wie und ob sie überhaupt zurückkehren. Die Frauen sind zuhause. Sie sind liebessehnsüchtig (während die Männer vielleicht an der Front Frauen vergewaltigen). Und irgendwelche Männer, Soldaten, tummeln sich in der Heimat und haben auch ihre Bedürfnisse. Kinder wachsen auf und wissen nicht wie ihre Väter aussehen. 

Der Krieg führt zu unendlichen Familiendramen. Hier ist es zudem ein Minderheitendrama insofern, als der Film bei der dänischen Minderheit im Norden von Schleswig Holstein spielt gegen Ende des Ersten Weltkrieges. 

30′ 000 dänische Männer waren für die Deutschen an die Front beordert worden; denn 1864 sind große Teile Süddänemarks dem späteren deutschen Kaiserreich zugeschlagen worden. 

In der Nähe von Sonderborg auf einer Insel lebt Esben (Sebastina Jessen) mit seiner Frau Marie (Natalie Madueno) und einem kleinen Buben. Esben wird an die Front nach Frankreich geschickt. 

In Sonderborg befiehlt deutsches Militär. Gerhard (Tom Wlaschiha) hilft in der Mühle von Esben aus; wird zur väterlichen Figur für den Buben; Gerhard ist Pilot. Wie Esben wegen Kriegsverletzung und hochdekoriert (beides ein Schwindel, wie der Zuschauer bereits weiß) zurückkehrt, entsteht Misstrauen, der Bub erkennt den Vater nicht, spricht aber auf Gerhard an. Entfremdung. 

Ähnlich sieht es mit dem von Esben geretteten Kameraden Hansen (Thure Lindhardt) aus; er ist allerdings nach seiner Verletzung nicht mehr fortpflanzungsfähig. Seiner Frau Kristine (Rosalinde Mynster) macht der Deutsche Müller (Ulrich Thomsen) den Hof. 

Statt Frieden finden die Rückkehrer Konfliktpotential und Misstrauen vor. Regisseur und Autor Kasper Torsting entwickelt die Dramatik konsequent mit immer neuen Dilemmen, wer steht zu wem, wer verrät wen, wem ist zu trauen; so dass die kinotypischen Weltkriegsausstattungsdetails weiter nicht stören, weil das menschliche Drama im Mittelpunkt steht. 

Eine Art dramatischer Handgranate wirft Gerhard, indem er in die Wege leitet, dass sein „Rivale“ Esben wieder an die Front geschickt werden soll. Das will Esben sich nicht bieten lassen. Er wird zum Deserteur, hochdramatische Entwicklung. Bis er in einem tragischen Akt, der auch Hoffnung lässt, selbst zum tragischen Helden wird. 

Im Abspann sind Originafotos zu sehen von den Menschen und Häusern, die den Stoff für diese Geschichte geliefert haben. 

Sag du es mir

Skeptische Realitätsbetrachtung

Was ist Wahrheit? Was ist die Wahrheit einer Geschichte, einer Person? 

Es ist eine Frage der Perspektive und auch der Information. So zumindest stellt es Michael Fetter Nathansky in seinem Film von der Filmuniversität Babelsberg dar. 

Es beginnt mit einem Bilderrätsel, einem Ratebild. Der zentrale Ort des Geschehens ist als feststehendes Bild lange mit bewegungsloser Kamera eingefangen. Dem Zuschauer bleibt es überlassen, zu erraten, worauf es bei den wenigen und minimalen, sichtbaren Bewegungen ankommt. 

Ein Gruppe aus Wohnhochhäusern stehen im mittleren Hintergrund an einem See, davor einige Schiffe, vorne, zentral im Vordergrund eine Eisenbahnbrücke mit angehängtem Fußgängersteg. Das einzige, was Bewegungsreize für das Zuzschauerauge aussendet, sind zum einen Autos, die gelegentlich hinter Bäumen und zwischen den Hochhäusern durchfahren, zum anderen ganz im Vordergrund mit nur geringsten Bewegungen die Segelstangen von zu vermutenden Schiffen tief unter der Kameraposition. Das steht so lange, bis eine Person mit hellem Hemd oder heller Bluse von links über die Brücke geht, in der Mitte stehen bleibt, von dort ins Wasser guckt. Dann kommt von rechts eine andere Figur, passiert die Guckende und bevor man es sich versieht, fällt die Guckende ins Wasser. 

Das ist der Prolog zu einer Nahbesichtigung der drei Hauptfiguren, die je der Titel eines der drei Kapitel sind: Monika (Gisa Flake), René (Marc Ben Puch) und Silke (Christina Große). 

Die drei stehen in einem ausgeklügelten Dispositiv zu einander in einem Verhältnis und werden je von verschiedenen Positionen aus filmisch betrachtet, was jedes Mal die Wahrheit von vorher in ein neues, komplexeres Licht rückt. 

Als ablenkende Randhandlung wird in diesem Gebiet ein vermisstes Mädchen gesucht. 

Silke wohnt in einem der Hochhäuser und sie ist es, die von der Brücke geschubst wird. Deshalb trägt sie, wie ihre Schwester Monika aus Mallorca zu Besuch kommt, eine Halskrause. Sie hat den Brückensturz überlebt. 

Der Film versucht, glaubwürdige Menschennähe zu skizzieren, so wird auch das Unangenehme einer Halskrause besprochen, dies nur als ein Beispiel. René wohnt in einem der Hochhäuser mit Blick auf die Wohnung von Silke. Er ist ein Arbeitskollege von Silke und macht sie offenbar für den Selbstmord seines Bruders verantwortlich. Dafür sprechen mehrere Indidzien und das scheint der Anlass für die Brückenschubserei gewesen zu sein, so dass Monika, die bei ihrer Mutter auf Mallorca in der Hotellerie arbeitet, die Schwester besucht. 

Renée arbeitet bei der Polizei und Silke auf einem Schiffschleusenwerk, dessen Konstruktion momentweise symbolhaft ins Bild kommt. Gemeinse Bekannte von allen Dreien heiraten, was den Rätselfilm am Ende doch noch zu einem Hochzeitsfilm verändern lässt, wie als Belohnung für diejenigen, die sich auf den Ratespaß und die Rateüberraschungen eingelassen haben. Und, um Gesprächsfäden zu knüpfen, gibt’s es noch den Interviewer Marcel (Dennis Kamitz), der beinah zum weiteren Mitspieler wird. „Wenn wir’s gut machen, vielleicht glauben wir’s dann“. 

Oeconomia

Der weiße Elefant.

Wo denn das Geld für die Gewinne der Unternehmen herkomme, ist eine der insistenten Fragen von Carmen Losmann (Work Hard, Play Hard) in ihrer spannenden finanzwirtschaftlichen Dokumentation, die sich um die drei Punkte Geldschöpfung, Verschuldung und Vermögensbildung dreht.

Die Reaktion auf ihre Frage bei Finanzprofis ist stupend: solche irritierten Gesichter sind kaum je in einem Spielfilm zu sehen (und in einer Doku auch nicht gerade häufig; wenn überhaupt). Das sei ein gute Frage, die könne er nicht sofort beantworten, man möge die zurückstellen, meint ein Schweizer Finanzexperte. Und der Finanzchef von BMW fängt nach dem spannenden Irritationsmoment an, allgemeinplätzig zu reden, ohne die Frage zu beantworten. 

Carmen Losmann integriert die Arbeit an der Dokumentation in diese. Die wird zur Führung durch den Film. Ihre Anfragen an Firmen und Institutionen (wie die EZB) und die Antworten darauf; wie man genau vorgehe oder, wo und wie man sich bedeckt hält. 

Es gibt Firmen, die sind bereit, Meetings für den Film nachzustellen. Losmann darf in manchen Hochhäusern filmische Impressionen sammeln von Besprechungen, vom Hochsicherheitszugang, Servierpersonal, Putzpersonal, die (überwiegend) Herren in ihren massgeschneiderten Anzügen, die herrlichen Panoramablicke aus den Glas-Stahl-Türmen. 

Manchen Gesprächspartnern scheinen Losmanns Frage zu riskant und so wird die Interviewanfrage abgelehnt oder das Gespräch verkürzt. Eindruck, dass die Finanzwelt gerne vieles in Nebel hüllt. 

Interessant ist auch die Reaktion eine Vertreters der EZB, wie der versucht Geldschöpfung zu erklären und wie ein Assistent aus dem Off versucht, ihm einzflüstern, was er aber gleich als falsch abtut. 

Das ist im Finanzwesen sowieso immer spannend zu beobachten, wie es konträre Glaubensrichtungen gibt und eigentlich – so wie bei Corona – keiner Bescheid weiß. 

Ein Dauerrunning-Gag, der immer wieder eingeblendet wird, ist ein Monopoly-Spiel, das Wirtschafts- und Finanzexperten im öffentlichen Raum spielen und sich dabei über das Thema unterhalten. 

Im Moment kann ich mir keinen Film vorstellen, der die Zusammenhänge zwischen Geldschöpfung, Wirtschaftswachstum und stetiger Umverteilung von Arm zu Reich verständlicher darstellt. 

Wobei beim Thema Staatsanleihen vielleicht auch noch Black-Rock hätte ins Spiel kommen müssen und wie solche Vermögensverwalter versuchen Einfluss auf die Politik zu nehmen; hier kommt der Vermögensverwalter PIMCO vor. 

Dass Carmen Loosmann so instistent auf ihren Grundfragen beharrt, dürfte der Schlüssel dazu sein, dass dem Film zu folgen ist und man nicht mit einer Überfülle an Fakten und Wenns und Abers zugedeckelt wird. Sie muss nicht um die halbe Welt fliegen, um diese Themen in den Griff zu kriegen (was andere Dokumentaristen mit Vorliebe machen – meist ohne Zugewinn). 

Geldschöpfung über Kredite (von Geld, was es noch gar nicht gibt) kurbelt wirtschaftliche Aktivität an, denn die Zinsen müssen erwirtschaftet werden; mit den Krediten wird die Geldmenge erweitert. Und der weiße Elefant? Der steht im Raum, über ihn spricht keiner; wo denn das alles hinführe mit der steten Geldvermehrung und dem Wachstum. 

Drachenreiter

Der Saum des Himmels.

Wo ist der Saum des Himmels, das ist eine knifflige Frage. Ihn suchen der junge Siberdrachen Lung, das Waldkoboldmädchen Schwefelfell und der junge Dieb Ben, der zufälligerweise in die Rolle des Drachenreiters gerät, nachdem er einen Juwelier beklaut hat. Dieses Trio erlebt auf dieser Suche die verschiedensten Abenteuer – und am Schluss wird der junge Drache auch noch richtig Feuer speien können, nachdem dies vorher nur misslich bis gar nicht gelang. 

Warum suchen sie den Saum des Himmels? Weil es dort ein Paradies für Drachen gibt, nachdem diese sich von den Menschen getrennt hatten, weil die mit der Zerstörung des Planeten (Industrialisierung) begonnen haben. 

Der Animationsfilm in der Regie von Tomer Eshed nach dem Drehbuch von Johnny Smith ist die Verfilmung eines Fantasy-Bestsellers von Cornelia Funke. Es ist eine Reise rund um die Welt, durch Wüste, Dschungel und bergige Eisgegend. 

Ein böser Drache, ein Monsterdrache, der entsprechend maschinell animiert ist, verfolgt die drei, um ihnen zuvorzukommen. Ein Winzling(smann) schleicht sich bei der Abenteuergruppe im Auftrag des bösen Drachen als Spion ein. 

Es kommen Hinweise aufs Internet und moderne Kommunikationsmittel vor, aber man sieht auch industriell zertörte Landschaften, eine kleine Mittelstadt, aus der der junge Juwelendieb kommt und in dem gerade eine Drachenshow stattfindet. 

Es ist eine weitverzweigte Fantasiewelt, die die Protagonisten durchqueren, meist fliegend, aber auch zu Fuß. Die Figuren haben fantasievolle Namen wie Nesselbrand, Fliegenbein, Kiesbart, ein Riese Dschinn kommt vor, der wie Gin ausgesprochen wird, eine Drachenforscherin in Indien, der Geschichtsprofessor Wiesengrund spielt eine Rolle und und und, ein unerschöpfliches Universum wie eine unendliche Geschichte, in welchem unsere Entdecker sich zurecht finden müssen – die Animateure schöpfen aus einem Riesenfundus an möglichen Figurzeichnungen und die Drachen wollen nicht mehr Feuer speien.