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Mía und Moi (DVD)

Beziehung und Beziehungstat

Beziehung dürfte die Erlebnisschnittmenge zwischen zwei Menschen meinen.

Beziehung ist das, was weit über die exklusive Paarbeziehung hinausgeht, was Menschen allein schon durch den Magnetismus des ersten Blickes, aber auch durch gemeinsame Erlebnisse (das kann eine Bahnfahrt sein; gemeinsames Schlangestehen an einer Supermarktkasse) verbindet.

Eltern stehen in Beziehung zu ihren Kindern. Geschwister stehen in Beziehung zu einander. Das kann weiter gehen oder weniger weit. Je nachdem was in einer Familie passiert.

Zwischen Mía (Bruna Cusí) und ihrem Bruder Moi (Ricardo Gómez) besteht seit Kindestagen eine innige Beziehung, das Inzestuöse schwebt mit; die Beziehung zu einem problematischen Vater ebenso.

Aktuell sind die Paarungen in diesem Film von Borja de la Vega, der den Beziehungsradar seiner Protagonisten mit dem Unausgesprochenen als Spannungselement unentwegt absucht, Mía mit Mikel (Joe Manjón) und Moi mit Biel (Eneko Sagardoy), der dabei ist einen Uniabschluss vorzubereiten.

Der Ort für dieses Beziehungsscreening ist ein Landhaus in der Nähe der spanischen Küste, weit von anderen Siedlungen entfernt – und auch vom Handynetz: zum mobilen Telefonieren muss eine hohe Leiter weit vor dem Haus aufgestellt werden.

Die Kommunikation zur Außenwelt ist maximal reduziert. So können die Beziehungen in ihrem Angedeuteten, Ungefähren ihre Dynamiken entwickeln.

Mía mit malerischen Talenten scheint hier zu leben. Ihr Bruder Moi besucht sie mit seinem Freund Biel. Schon hier rühren sich die Beziehungsfelder, die Beziehungsgeflechte verhalten dramatisch auf.

Moi wirkt teils wie gelähmt, er muss Tabletten nehmen; aber sein Freund steht zu ihm. Unversehens taucht Mikel auf. Der hatte im Suff einen Unfall gebaut und müsste im Spital sein. Nicht geheilt von seinem Verletzungen verlässt er die Klinik und fährt die zwei Stunden auf dem Motorrad, ein riskantes Unternehmen.

Aber das Beziehungsgeflecht, die Beziehungsinterdependenzien erweisen sich als weitaus gefährlicher; sie drängen förmlich zur Beziehungstat.

Borja de la Vega nutzt die Chance des abgelegenen Drehortes um diese Beziehungsemulsionen unter die Lupe zu nehmen und zu beobachten. Das erinnert an den deutschen Film Geborgtes Weiß. Die Menschen erweisen sich hierbei als rätselhafte Wesen, für die Leben weit mehr und auch weit komplizierter ist, als das simple Paar-Beziehungsdenken als angnehmer Schublade, das einen davor schützt, sich mit den Menschen als Persönlichkeiten zu befassen; Beziehungen, die auch juristisch wenig ergiebig sein dürften; Beziehungen, die nach der Tat, vermutlich eher auf Indizien angewiesen sind. Beziehungstaten, die dann besser nicht an den Tag kommen – zu viel an Beziehungs-Abgründen könnten sich auftun.

Kommentar zu den Reviews vom 4. August 2022

Kino als pikante Mischung aus interreligiöser Komödie, bayerischer Erfolgsfuhre, ein Expresstrain Killerspektakel aus Japan, Lügenbaron auf Französisch, Extrembergsteigerfilm und Rezepten zur Rettung des Planeten. Auf DVD darf die Hollywood-Diva wieder sexy durch den Urwald stöckeln und das TV hat den Wurzeln eines Erfolgssoundes nachgeforscht.

Kino
NICHT GANZ KOSCHER
Juden und Muslime, werden die je zusammenkommen?

GUGLHUPF GESCHWADER
Eine routinierte Eberhofer-Ausgabe

BULLET TRAIN
Und Kugeln und Fäuste durchsiebten den ICE.

WARTEN AUF BOJANGELS
Fantasten auf Traum- und Lügenwolken

DIE UNENDLICHE WEITE DES HIMMELS – THE SANCTICITY OF SPACE
Extrembergsteigerfilm mit historischen Rückblicken

DER LAUTE FRÜHLING
Kann die Menschheit den Planeten vor den klimschädlichen Folgen des Kapitalismus noch retten?

DVD
THE LOST CITY – DAS GEHEIMNIS DER VERLORENEN STADT
Von dem Bild wie sich eine fadendünne Hollywood-Diva im hautengen Glitzerkleid stöckelnd durch den Dschungel beweget, kann das Publikum offenbar nie genug kriegen.

TV
ITALO DISCO – DER GLITZERSOUND DER 80ER
und dann doch mit dem Barock-Element!

Bullet Train

Killer, Karma und Fatalismus

Killer, das sind die Protagonisten in diesem Film von David Leitsch nach dem Drehbuch von Zak Olkewicz nach dem Roman von Kotaro Isaka. Sie werden gespielt von Weltstars wie Brad Pitt (Ladybug) oder Aaron TaylorJohnson (Tangerine) und vier weitere, die wiederum gegängelt werden von Sandra Bullock (Maria Baetle).

Es sind wunderbare, versierte Männerdarsteller, Stars und prima Schauspieler durch und durch, die zu jeder Handgreiflichkeit bereit sind genau so wie zu innerem Monolog fähig und denen man gerne zuschaut ganz unabhängig von dem, was um sie herum abgeht.

Das Karma ist ein Begriff, der eher ungewöhnlicherweise Eingang findet in einen Schnellzugs-Actionfilm. Damit befasst ist Brad Pitt, der – als Killer – in Therapie ist und dies immer wieder äußert; selbstverständlich eine Joke-Grube. Er ist zufrieden damit, behauptet mehr Gelassenheit zu haben, Tiefenentspannung. Was im Laufe der Keilereien noch zu beweisen wäre.

Der Film betrachtet das von der humoristischen Seite her, gewinnt ihm manche Witze und Gags ab. Wie er überhaupt darauf achtet, ständig Gags und Jokes einzubauen, was momentweise den Eindruck erweckt, dass es auf Kosten des Storydrives geht. (Story: sechs Profikiller sind in einem durch Japan rasenden Zug hinter einem Metallkoffer und einem jungen Mann her; alle sind sie angeheuert; aber die anheuernde Instanz bleibt bis fast zuletzt im Dunkeln).

Killergags um der Killergags willen und alle paar Minuten wird körperlich gerangelt, auch mal mit Todesfolgen.

Der Fatalismus wird unter dem Standpunkt erörtert, dass jedes Unglück wieder ein Glück zur Folge haben kann, was weiter auf die Spielhandlung keinen entscheidenden Einfluss hat, denn da geht es darum, aus den Genres der Killerfilme und der Zugfilme eine Produkt herzustellen mit einem Unique Selling Point, 6 Weltstars als Killer in einem Expresszug unterwegs.

Dauerjokes gibt auch der Name des Killers Lemon (Brian Tyree Henry) her: Zitrone; dazu lässt sich viel assoziieren und variieren.

Insgesamt wirkt der Film eher wie ein Jahrmarkt, ein Flohmarkt, ein Konglomerat oder ein Potpourri möglicher Killer-Kampf-Szenen in einem modernen Schnellzug, deren Aneinanderreihung gelegentlich mit kleineren Rhythmus- und Tempoproblemen kämpft, wie er sich wie mit Atembeschwerden von Gag zu Gag hangelt. Das wiederum wird kompensiert durch die evidente Attitüde des spielerischen Umgangs mit dem Genre. Man möchte dem Publikum frisch gestrichen und gebügelt Altbekanntes, was wohl auch kaum mehr veränderbar ist, bieten. Dabei hat allerdings das Methodische des Gags Vorrang vor der Contenthaftigkeit.

Der laute Frühling

Ein „dokumentarisch-fiktionales Filmmanifest“,

nennt sich dieser Film von Johanna Schellhagen. Es ist die ganz persönliche Beschäftigung der Autorin/Filmemacherin mit dem Zustand der Welt, der Klimakatastrophe, der Funktion des Kapitalismus dabei und die Überlegung, diesen abzuschaffen.

Der Film hat einen Rechercheteil: der besteht aus Archivaufnahmen von Demos, Aufständen, Umweltkatastrophen, aus Befunden von Wissenschaftlern, Aktivisten, Fachleuten.

Die Befunde sehen nicht rosig aus. Die Welt spricht zwar von Klimaerwärmung und der Reduktion des CO2-Ausstoßes. Faktisch aber werden die Emissionen immer mehr. Die Klimaerwärmung schreitet erschreckend schnell voran, der Weg aus dem Holozän, dem Zeitalter, das dem Menschen prosperierendes Sein ermöglicht, wird immer schneller.

Die Massendemonstrationen in vieler Herren Länder werden prinzipiell unter dem Thema Klimawandel subsumiert. Das Ergebnis ist ernüchternd: eine Befreiung von Gewaltherrschaft hat nicht stattgefunden (arabischer Frühling, Hongkong, Lateinamerika).

Der Film geht auf die Verflechtung von Kapitalismus und Gewaltherrschaft ein, Lateinamerika, die kapitalistischen und staatlichen Interessen gegen die Indigenen.

Der Film stellt sich die Frage, was zu tun ist. Er entwickelt Visionen, wie die Menschen sich erst die kapitalistischen Produktionsmittel aneignen (mittels Streiks) und dann eine bessere Welt realisieren. Diese Rezepte wirken zusammen mit den Illustrationen allerdings reichlich naiv. Es geht um Modelle, die schon x-fach versucht worden sind.

Der Film arbeitet immer wieder mit Schwarzbild, wodurch er minutenweise Hörspielcharakter erhält.

Die Erkenntnis, dass der Kapitalismus mit dem Überleben der Menschheit nicht kompatibel sei, ist nicht gerade ermutigend, denn der Kapitalismus hängt der Wachstumsphilosophie nach; Wachstum bedeutet: mehr Emissionen, vor allem: Akzeleration dieses Vorganges. Wie genau die Klimabewegung diese Widerspruch trotz dem Spargebot lösen will, bleibt wolkig.

Warten auf Bojangles

Glücklich sein

ist wohl das Ziel eines jeden Lebens. Das kann einem aber ganz schön vermiest werden durch diverse Realitäten, wie Mahnungen, Rechnungen, Forderungen von dritter Seite. Wer sich dem Diktat dieser Realität von Broterwerb, Mietzahlung, Alterssicherung beugt, der kann bezüglich Glücklichsein relativ leer ausgehen.

Der Film von Régis Roinsard, der mit Romain Compingt auch das Drehbuch nach dem Roman von Olivier Bourdeaut geschrieben hat, sieht sich als Votum gegen das Diktat dieser bestimmten Realität, über die nur mit Luftschlössern, Träumereien hinwegzukommen ist, mit Identitäswechseln und Illusionen, die allerdings just an der verdrängten Realität scheitern werden,

1958 trifft sich an der Riviera eine feine Gesellschaft. Georges Fouquet (Romain Duris) ist zwar nicht geladen, zieht aber mit seinen abenteuerlichen Geschichten alle Aufmerksamkeit auf sich; er versteckt sein Schwindlertum gar nicht erst, von der runänischen Abstammung von Graf Dracula über eine Begegnung mit Josephine Baker in Paris nach dem Krieg fällt ihm locker vieles ein. Wie er Camille (Virignie Efira) in Begleitung des dicken Charles Ordure (Grégory Gadebois), der den Begriff Müll schon im Namen trägt, erblickt, ist die Amour Fou entzündet.

Georges und Camille sind Schwindler auf ähnlichem Niveau, Seelenverwandte, Menschen, anfällig für Traumschlösser und nicht für die Realität des seriösen Geschäfts- und Berufslebens. Die beiden heiraten spontan.

Régis Roinsard erzählt das mit der nötigen Schnoddrigkeit und mit ungebremstem Spaß an der Schwindlergeschichte, schreckt nicht vor den nötigen Übertreibungen zurück, lässt die Fantasien sprießen.

Zehn Jahre später ist Sohn Gary (Solan Machado Graner), genannt nach dem berühmten Filmschauspieler, ein Schüler. Von Schulgang wird wenig gezeigt. Er hat die DNA seiner Eltern aufgesaugt.. Die Familie lebt mit einem reiher-ähnlichen Vogel zusammen, der unentwegt mit Stelzengang Körnchen vom Boden oder aus Konservendosen aufpickt, er heißt: Madame Redundanz, Madame Überfluss gewissermaßen; man lebt vornehm, lädt Gäste ein.

Die ungeöffneten Briefe häufen sich zu einem Berg neben der Eingangstür. Der Gerichtsvollzieher wird abgewimmelt. Aber die diktatorische, äußere Realität meldet sich, wie Camille diesen unerledigten Postberg anzündet. Sie landet in der Psychiatrie. Ein höchst unerfreuliche Realität mit Zwangsbädern und kaltem Wasserstrahl; es ist 1967, die Revolution in der Psychiatrie bahnt sich erst an.

Die Flucht aus dieser Realität heraus in neue Traumwelten gelingt vorerst und sorgt für eine kräftige Zugabe eleganten Lebens in Spanien. Aber die andere Realität nagt. Nicht immer funktioniert allerdings das Survival-Kit des Traumschlosses und der Lebenslüge für ein Dauerglücklichsein.

Nicht ganz koscher – No Name Restaurant

Wohldosiert

gehen Stefan Sarazin und Peter Keller mit den Zutaten zu ihrer religionskritischen Komödie um. Das macht es wohl, was den Film so spannend und überraschend, teilweise richtig groß werden lässt und genau das Schematische vermeiden, was oft selbstironisch-jüdische Stories ausmacht; dieses mechanistische Erstellen oft pseudokritischer Pointen. Das fällt hier weg.

Wo skizziert werden kann, belassen sie es beim Skizzieren. Die Rahmenhandlung zum Beispiel. Es geht um den Minjan, das Quorum von zehn erwachsenen Männern, das nötig ist, um einen jüdischen Gottesdienst ordentlich abhalten zu können. Der zehnte Mann fehlt in der jüdischen Gemeinde von Alexandria in Ägypten. Wenn aber hier keine Gottesdienste mehr gefeiert werden können, so wird die Gemeinde von Amtes wegen geschlossen, so die Verabredung mit dem ägyptischen Prokurator, einem Schachpartner des Gemeindevortehers.

Woher den zehnten Mann nehmen? Es trifft sich gut, dass Ben, ein etwa 30-jähriger orthodoxer Jude aus New York auf dem Weg nach Israel ist, weil er dort verheiratet werden soll. Dem wiederum kommt die Anfrage aus Alexandria gelegen, um diesem Menetekel auszuweichen und sich auf den Weg nach Ägypten zu machen. Weil er den Flug verpasst, wird es ein Weg durch die Wüste mit Adel (Hitham Omari), einem Palästinenser mit dem bekannten Palästinenserkopftuch und ein Moslem dazu.

Für die beiden nimmt sich der Film viel Zeit, für ihren Weg durch die Wüste. Aus der Wüste kommt das Wort, der Geist. Und so ist es im Film. Nach langer Sprachlosigkeit wird der Austausch der beiden angeregter, immer absurdere Details religiöser Vorschriften kommen an den Tag und strapazieren die Beziehung der beiden.

Sie haben drei Tage Zeit. Auch weil die Gastfreundschaft des ursprünglichen Beduinen das so vorschreibt. Ein Requisit spielt dabei einer besondere Rolle, der ‚falsche Fisch‘, eine jüdische Speise aus Hähnchen, die Ben mitgebracht hat.

Der Film wird so zum Roadmovie der Verlorenheit der menschlichen Existenz, die gelegentlich nur am Faden religiöser Vorschriften zu hängen scheint; Absurdität pur. Über allem schwebt die Erkenntnis, dass doch alle Menschen gleich sind vor Gott und der Ewigkeit und damit die Frage, wie es überhaupt zu diesen Verwerfungen und Aug-um-Auge-, Zah-um-Zahn- Circulus Vitiosus im Nahen Osten kommen konnte.

Kinematoraphisch steigert sich der Film in der Wüste zu großem Kino. Die Rahmenhandlung dagegen, und wie sie ausgeht, kann er amüsiert skizzieren. Dabei spielt das No Name Restaurant, so wie der Originaltitel heißt, eine Rolle. No Name, Gott ist so groß, dass man ihm keinen Namen geben kann.

Geglhupf Geschwader

Zu viel reingepackt hat Ed Herzog in diese 10. Verfilmung eines Rita Falk Krimis, zu welcher er mit Stefan Betz auch das Drehbuch verfasst hat.

So ergeben sich pausenlose Dialoge mit Pointen garniert, aber es bleibt kein Raum mehr für Hintersinnigkeit.

Es gibt eine Geschichte um einen Lottogewinn von 17 Millionen Euro, der ausgerechnet nach Niederkaltenkirchen gehen soll, wenn denn nicht diverse Dinge um diese Lottoscheine krumm gelaufen wären.

Es gibt das Geschenk eines dreibeinigen Hundes an den Protagonisten Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel), der sich mit Wohlstandsbäuchlein immer weiter von seiner ursprpünglichen Eberhoferfigur entfernt, von dieser anarchistischen Welthaltung, die in krassem Gegensatz zum Job eines Polizisten steht, sich entwickelt in Richtung eines unlustigen Menschen, der widerstandslos grantig wirkt.

Das Geschenk stammt von seinem Intimfreund Rudi Birgenberger (Simon Schwarz). Diese Freundschaft ist gefährdet, weil Rudi eine neue, weltverbesserische Freundin hat, Theresa (Stefanie Reinsperger).

Und es gibt die Dauerprobleme von Eberhofer mit seiner Freundin Susi (Lisa Marie Potthoff): der Verdacht, Eberhofer könnte noch ein Kind von einer anderen haben, Lotto-Otto (Johannes Berzl); der wiederum gerät ins Visier der tschechischen Mafia. Und selbst auf Eberhofer wird geschossen, danebst gibt es einen Brandanschlag auf die Lotto-Annahmestelle. Das sind nun alles andere als besonders originelle Storyteiteile

Nicht zu vergessen die Gugelhupfe von Oma (Enzi Fuchs); die erleben ein Attentat der Sondersorte; aber auch Opas (Eisi Gulp) früher wunderbarer Alt-68-er Lack blättert ab. Die Geschichte wirkt fahrig, bemüht um pausenlose Aktion, sie wirkt routiniert auf ordentlichem handwerklichem Niveau.

Die unendliche Weite des Himmels – The Sancticity of Space

Moses Tooth

ist eine Bergsteigerherausforderung in Alaska.

Der Berg ist eingebettet in eine Kette von Gipfeln. Diese zu queren ist das zentrale Projekt von Renan Ozturk und Freddie Wilkinson (Drehbuch: Ched Ervin, Freddie Wilkinson), das zentrale Abenteuer, das sie mehrfach verschieben müssen.

Der Film selbst ist allerdings viel mehr als nur diese Geschichte.

Die Kletterer und Dokumentaristen betten die Geschichten ein in einen bekömmlichen Mix aus geschichtlichen Rückblicken und Seitenblicken auf andere Expeditionen. Die zentrale Figur hierbei ist Brad Washburn, ein Fotograf und Bergfex, der schon in den 30ern im Gebiet des Moses Tooth unterwegs war mit einer extra großen Kamera und der eine umfassende Bergsteigerphilosophie vertrat, ja nach dessen Fotos gar Kletterrouten geplant werden können.

Brad Washburn ist ein besonnener Abenteurer, der in Archivaufnahmen auch die Geschichte von Barbara, seiner Frau erzählt, ohne die sein Leben nichts gewesen wäre. Er lernt sie kennen und ist überzeugt, dass sie die Kletterei mitmachen würden. Sie ahnt nichts davon, was mit der Ehe mit Brad auf sie zukommen würde. Sie wird aber wie von selbst zur begeisterten Kletterin, die sogar einen berühmten Gipfel als erste Frau erklimmt.

Brad wollte seine immense Erfahrung und sein Wissen teilen, hatte immer eine pädagogische Ader, setzte sich für ein Museum in Boston ein.

Immer spielt in Berg- und Kletterfilmen der Tod eine wichtige Rolle, das Risiko gehen die Leute ein; auch umsichtige Profis kann es erwischen und erwischt es auch immer wieder.

Eine Episode ist der Unfall von Renan, einem der beiden Dokumentaristen. Bei einem kommerziellen Dreh hat er einen Absturz mit enormen Verletzungen. Von denen erholt er sich schnell. Das Traumprojekt Moses Tooth muss aber deswegen auch verschoben werden.

Drohnenaufnahmen geben dem Film ein leicht-luftiges Cachet. Die zentrale Tour selbst ist stellenweise atemberaubend abenteuerlich; wenn die Extremsportler einen früher versteckten Proviant suchen, den Bären inzwischen geplündert haben oder wenn sie das letzte Stück 30 Stunden unterwegs sind, wenn sie auf schneeverwehten Gräten halsbrecherisch eine Linie finden müssen, die nicht überhängend vom Abbruch bedroht ist.

Italo Disco – Der Glitzersound der 80er (arte, Freitag, 29. Juli 23.35 Uhr)

Sonne, Strand, Spaß

und mit dem Sound dazu Geld verdienen („No tengo Dinero“), das war die Devise der Italo Disco, der in den frühen 80ern in Italien aufkam und mit „Vamos a la playa“ um die Welt ging. Wobei in letzterem Song Umweltverschmutzung, Atomverschmutzung und Kalter Krieg, die explosive Grundlage bildeten.

Alessandro Melazzini (Das Vermächtnis der Zisterzienser) hat schwungvoll für das Fernsehen den Weg der Italo Disco nachgzeichnet. Das kommt sogar im Kino super rüber, wie die Münchner Premiere im Kino Neues Rottmann unter Anwesenheit des Regisseurs sowie von Protagonisten wie DJ Hell, Linda Jo-Rizzo, Claudi Casalini eindrucksvoll zeigte.

Diese Italo Disco entstand in Italien, sprang aber schnell nach München über (auch der Filmemacher ist ein Exil-Italiener), weil hier wegen der Amis moderne Studios und Technik nicht unbekannt waren, es jede Menge Studios gab und auch München für seine Discowelt weitherum bekannt war.

Der Italo Disco enstand mit einfachen Mitteln. Es war die Zeit, als die Synthesizer aufkamen, das technische Bearbeiten von Sound und Stimmen. Der Sound zählt und nicht die Individualität. Und der aufregende Name: Savage, aus dem Englischen aber französisch ausgesprochen.

Es gab Leute, die haben in jedem Zimmer einen Synthesizer gehabt und unentwegt experimentiert. Der DJ wird zum Kreativen. Das Prinzip von einfachen Texten, die mehrfach wiederholt werden, eröffnet die unendlichen Variationen mit den technischen Geräten. Eine Mischung aus Trash und Genialität.

Es war zuerst nicht etablierte Studiokunst. Sie zeichnete sich – im Gegensatz zu ABBA beispielsweise – aus durch Internationalität. Die Italo Disco scheut nicht vor Fake zurück, denn wichtig ist der Gesamtsound. So kann man gut vor die Kamera einen ansehnlichen Protagonisten stellen und vor das Mikro jemanden mit einer Ohrwurm-Stimme. Das ist später bei Villi Manilli zum Skandal geworden, entspricht aber der Philosphie der Italo Disco, was ihm durchaus ein barockes Element verschafft.

In den 90ern hat sich das Prinzip erschöpft, erlebt aber mit dem Aufkommen des Internets eine ungeahnte Renaissance, und wenn Linda Jo-Rizzo heute bei einem Konzert Jugendliche fragt, wieso sie herkommen, so antworten sie, weil ihre Eltern das schon gehört haben.