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Kommentar zu den Reviews vom 21. Januar 2021

Die leere Leinwand.

Mit den Reviewzahlen geht es wie mit den Passagierzahlen am Flughafen oder bei der Bahn: sie rauschen in den Keller. Es gibt überhaupt nur zwei Reviews diese Woche: zum einen über einen Coming-of-Age-Film aus dem unendlichen Bezahlstrom des Internets und zum anderen über eine Fernsehdokumentation über die Ära Lilienthal an den Kammerspielen, also auch noch über Theater, was nicht abschätzig klingen soll, Theater kann durchaus eine wichtige Säule für das Kino sein: denn im Theater können die Leute ganz anders rumexperimentieren als im Kino, wo es doch schnell um enorme Geldbeträge geht. 

Der leere Raum des Theaters ist physisch kaum mit der leeren Leinwand des Kinos oder dem leeren Blatt des Autors zu vergleichen, besonders, wenn ein Autor auf dem berühmten leeren Blatt versucht über den Unterschied zwischen leerem Bühnenraum, den Peter Brooks so meisterhaft bespielte, und der leeren Leinwand, wie sie jetzt die Kinos dominiert, zu schwadronieren. 

Letztlich spielt sich alles im Kopf ab und zielt auch auf den Kopf. Keine der Institutionen ist ein Massageraum. Und weil es Kopfsache ist, macht auch erst das Publikum aus seiner Theatervorstellung seinen Theaterabend und jedes Kinopublikum aus jeder Filmvorführung seinen Film. So besehen sind sowohl Kino als auch Theater ursubjektive Angelegenheiten. 

Wobei der Kritiker hoffentlich sich eine gewisse Ursprünglichkeit bewahrt hat und und offen für jeden neuen Film sein sollte; nur dass er, im Gegenteil zum zahlenden ‚Normal’publikum günstigstenfalls präzise erklären kann, woran es liegt, dass ständig im Publikum eine Unruhe zu bemerken war, oder woran, dass atemlose Stille herrschte und dass der Film den Leuten noch lange im Kopf herumgeht. 

Die Solothurner Filmtage, das zentrale Schweizer Filmtreffen, wollen sich dieses Jahr besonders mit dem Filmkritiker befassen (die Chefin kommt aus dieser Richtung) und wie unerlässlich Kritik für eine lebendige Kinolandschaft sei. Nur dass heute keiner mehr bereit ist, etwas dafür zu bezahlen. 

Wir sind die Gratisreviews im Internet gewohnt, auch hier bei filmournalisten.de; hier arbeiten wir ehrenamtlich. Bei anderen Online-Websites wie artechock oder kino-zeit.de sollen die Schreiber allenfalls 30, 40 oder vielleicht 50 Euro für eine Kritik erhalten, für die sie üblicherweise nicht nur den Film sichten müssen, sondern sich auch mit dem Informieren und Schreiben beschäftigen, also dürfte ein Stundenlohn von weit weniger als dem Mindestlohn herausschauen; nicht viel anders schaue es bei der Süddeutschen aus für die Kurzwürdigungen der Filme, die neu ins Kino kommen. 

Das Geld sammeln die erwähnten Internet-Seiten teils von Spendern (artechock) oder von Spenden und Inseraten (wofür sie dann wiederum Klickzahlen schinden müssen), wobei beide Geldquellen jetzt mangels Kinoprogramm zu Rinnsalen schrumpfen. Vielleicht gibt es bei den Print-Medien oder beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch ein paar Topverdiener. …

So kommt man auf dem leeren Blatt vor der leeren Leinwand vom Hundersten ins Tausendste, verliert andauernd den Faden, den man gar nicht hat oder spinnt wieder einen neuen und kommt überhaupt nicht zur Sache, weil die Sache sich aktuell entmaterialisiert hat, weil die Politik felsenfest überzeugt ist, dass im Kino Ansteckungen stattfinden, wohl wahr, aber eben nicht im pandemischen Sinne, sondern mittels Faszination durch das bewegte Bild, für das, was es auslöst, wie es in den Körper fährt, ins Gefühlszentrum oder gar, wenn es hoch kommt, auch ins geistige Zentrum, so dass der Zuschauer sich genau in dem ernst genommen fühlt, woführ ihn vielleicht seine Umwelt belächelt oder wofür dem oft rüden Zeitgeist jegliche Sensibilität abzugehen scheint. 

Manch einer glaubt gar, im Kino einen Blick in Wahres zu werfen, auch wenn heutzutage „24 mal die Wahrheit pro Sekunde“ kein zündendes Wort mehr ist; heute ist die Wahrheit im Kino pixelig, verpixelt; während Altmeister Godard sich in eine Nische verflüchtigt hat, die wie aus einer anderen Welt scheint, in der er nach wie vor Bildmaterial als Wahrheitsmaterial betrachten mag, es auf jeden Fall immer noch furios mit den modernsten Mitteln behandelt und nach wie vor genial montiert; aber von Montage spricht auch längst keiner mehr; das Kino ist oft nur noch amorphe Bildmasse, vor der das Publikum längst den Respekt verloren hat, weil Bilder allüberall und oft in nicht zu bemängelnder technischer Qualität verfügbar sind. 

Andererseits blüht der Arthouse-Zweig wie nie; es fehlt an Sälen um all die vielen Wunderblüten von bestechender Qualität zu präsentieren, die gediegen moderne Geschichten erzählen und das kultivierte Publikum anregend unterhalten. Allein was heute in Frankreich auf dem Humus der Nouvelle Vague für ein üppiger Kinogarten sprießt, während in Deutschland der durch die Nazizeit ausgetrocknete und versteinerte Boden nur mittels massiver Düngung durch weisungsgebundene Fernsehredakteure und Filmförderer mit von Funktionären ‚gemachten‘ Stars eine matte Pracht allenfalls mit einigen hübschen Mauerblümchen hervorbringt. 

Stream

YES, GOD, YES – BÖSE MÄDCHEN BEICHTEN NICHT

Hier erfährt der geneigte Zuschauer, was es heißt, jemandem die Sahne schlagen. 

TV

KAMMERSPIELE – JAMMERSPIELE

Nein, kein Kulturpessimismus. 

Kammerspiele – Jammerspiele (BR, Dienstag, 19. Januar 2021, 22.50)

Die Kränkungen der Münchner

Diese dreiviertelstündige Doku von Chiara Grabmayr und Juno Meinecke mit dem Zusatztitel: „5 Jahre Münchner Kammerspiele mit Matthias Lilienthal“ bringt nicht die distanzierte Gesamtbetrachtung dieser Intendanz, auch nicht, was gar nicht möglich wäre, einen Ausblick auf die Folgen. 

Die Dokumentation bringt Einblicke in Produktionen der letzten Lilienthal-Saison und lässt die Münchner, die auf ihn so gekränkt reagiert haben, dass sie ihm eine Vertragsverlängerung verweigerten, nicht besonders gut aussehen.

Es war natürlich nicht Tout Munich gekränkt, es waren vermutlich eher Politiker, die sich aus ihrer kulturellen Komfortzone herausgerissen fühlten, die die Notbremse gezogen haben, nachdem einige Schauspieler publikumswirksam gekündigt hatten. Wobei die Münchner ja wussten, auf was sie sich mit Lilienthal eingelassen haben; der war kein unbeschriebenes Blatt. 

Lilienthal wollte Internationalisierung einerseits und Eintrag der Freien Szene andererseits in seinen melting Pot einbringen; er konterkarierte das künstlerische Hierarchie- und Prestige-Denken. Das stieß in München anfänglich auf heftige Ablehnung. An sich ist das nichts Neues, dass neue Impulse altes Publikum verschrecken und die Erfahrung zeigt, dass die anfängliche Ablehnung bald in heiße Liebe sich verwandeln kann, so wie auch hier. Aber da war es schon zu spät. 

Vielleicht war der Einstieg (das ist in der Doku nur kurz erwähnt) auf dem falschen Fuß erfolgt. Lilienthal hatte eine Aktion, die er früher schon in Mannheim gemacht hat, als Visitenkarte gewählt: an den luxuriöstesten Plätzen hatten Künstler Notunterkünfte hingestellt, in denen der Zuschauer gegen Entgelt eine Nacht verbringen konnte. Dummerweise kamen just zu der Zeit die ersten Züge mit Flüchtlingen (2015) im Hauptbahnhof München an, Lilienthal konnte nicht mehr reagieren und die Musik spielte am Hauptbahnhof. 

Grabmayer und Meinecke berichten erst von dem gigantischen Projekt im Olympiastadion, das fantastische Diskrepanzen zwischen Kunst und Massensport, Größe und Intimität, Kleinheit und Gigantismus in Dialog bringt, ein Projekt von einem japanischen Regisseur, das neugierig macht. 

Das schaffen die Dokumentaristen mit ihren Adabei-Berichten auch bei den anderen Stücken. Sie bringen Impressionen aus der Entwicklung und von Vorstellungen von „Die Räuberinnen“, es folgt eine akkurate Re-Inszenierung von „Mittelreich“, statt mit weißen mit schwarzhäutigen Darstellern. Als besonderer Gag wird ein Blick auf die Inszenierung von „Kränkung der Menschheit“ geworfen, indem eine Darstellerin sich als SZ-Kritiker, als Lilienthal, als Jurypräsident verkleidet und Statements der Originale vorträgt. 

Es scheint, dass Lilienthal erfolgreich Verkrustungen aufgebrochen hat, die Scholle umgeackert und nur ein paar Körnchen der Ernte einfahren konnte. Jetzt sind neue Leute am Werk. Die haben es nicht mehr mit gekränkten Münchnern zu tun, die sind von Corona herausgefordert. Vielleicht wird uns eine weitere Doku in einigen Jahren darüber aufklären, was schlimmer ist. 

Yes, God, Yes – Böse Mädchen beichten nicht

Feuchtdeutig.

Alice (Natalia Dyer) ist wunderschön, sie kann mit ihren großen Augen so schauen: entschlossen, skeptisch, entsetzt, zerknirscht, naiv, überrascht, irritiert, sinnlich-hungrig, finster, rachsüchtig, madonnenhaft unschuldig, wütend, zaudernd, unsicher, ängstlich, lammfromm. 

Alice ist in dem Alter, in dem der Sex drängt, aber die Erfahrung noch fehlt. Sie lebt in einer Zeit, in der es bereits Handys gibt und in der Computer noch ziemliche Ungetüme sind. Aber es gibt schon Sex-Chats und auf dem Handy das Schlangenspiel. 

Alice ist in dem Alter, in dem Wörter wie Sahne, Milch, Sauerrahm, feucht, Eichenteil nie ohne Doppeldeutigkeit sind, aber Alice ist noch so naiv, dass sie nicht wissen will, was „Sahne schlagen“ oder „jemandem die Sahne schlagen“ heißt – der Zuschauer erhält diese Info gleich zu Beginn des Filmes von Karen Maine, die diesen Begriffserläuterungen noch ein Wort aus der Offenbarung von Johannes voranstellt, in welchem es um die Ungläubigen, Greulichen, Totschläger, Hurer, Zauber, Abgöttischen und Lügner geht. Der Film spielt im katholischen Milieu und könnte Aufarbeitung der eigenen Adoleszenz der Autorin sein. 

Die Jugendlichen um Pfarrer Murphy (Timothy Simons) sollen das Erbauungswochenende ‚Kirkos‘ auf dem Lande verbringen. Die vier Tage werden als Mottotage vorgestellt. 

Es ist eine gemischte Gruppe junger Erwachsener. Gegen den Sex, die Sinnlichkeit und den Hunger darnach setzt die Regisseurin und Drehbuchautorin die strenge katholische Moral, Beichten, Selbstbekenntnisse in der Gruppe, die Moral vom Sex nur in der Ehe zwischen Mann und Frau und uralte, vertrocknete Schwestern, während der Pfarrer – zurecht, wie sich herausstellen soll – nicht ganz so sauber ist, wie er tut. 

Es gibt Blicke auf behaarte Männerarme, Blicke durch einen Türspalt auf den Pfarrer vor seinem Computer oder durch ein Fenster in den Garten hinter einen Baum. Es gibt die Handygeschichte und die Strafe dafür sowie andere Intrigen. Am Schluss holen die Eltern die Kids aus dem Besinnungswochenende wieder ab. Angereist sind sie mit einem dieser wunderschönen, filmklassischen, gelben, amerikanischen Schulbusse. 

Kommentar zu den Reviews vom 14. Januar 2021

Wieder in die Gänge kommen MUSS MUSS MUSS das Kino, der Jahreswechsel hat die Jahresrückblicke hervorgebracht. Witzig und spritzig bei artechock: Running Movies. Hier perfektioniert Felicitas Hübner die Kunst des gezielten Text-Pfeils auf ein Movie, da Darts gerade in ist, mit Treffern voll ins Schwarze, unterhaltsam auch wenn man die die Filme nicht gesehen hat. Außerdem macht dieser Rückblick klar, wie aufregend trotz Corona-Lockdown das Kino 2020 gewesen ist und schraubt die Erwartungen für 2021 entsprechend in die Höhe; denn es ödet schlicht an, wenn da, wo neu ins Kino strömende Filme besprochen werden sollten, sich stattdessen – wegen geschlossener Kinos – die Internetbezahldienste breit machen; das hat weder Hand noch Fuß. Es gibt ja auch jede Menge DVDs, bei denen man nur das Einzelexemplar bezahlen muss und nicht gleich ein Jahresabo. So sind zwei sehr sehenswerte DVDs zu empfehlen und auch im TV gab es Erfreuliches, jedoch auch weniger Erfreuliches. 

DVD 

RUN

Je klarer die Erzählung, desto mehr Schauder beim Filettieren dieser Mutter-Tochter-Beziehung. 

VENTO SECO

Liebessehnsucht gegen Homoklischees.

DIE OBSKUREN GESCHICHTEN EINES ZUGREISENDEN

Wenn das Gegenüber im Zug mehr Geschichten erzählt als der Zug Kilometer frisst.

VoD

VENTO SECO

Nicht alles, was homo ist, ist Hochglanz; kann trotzdem prickelnd sein.

DIE OBSKUREN GESCHICHTEN EINES ZUGREISENDEN

„Wie viele Zugti­ckets braucht eine multiple Persön­lich­keit?“ (Hübner, artechock)

TV

LEBENSLINIEN: EINSATZ IN DEN BERGEN

Glücklich sein trotz irreparabler Defizite – und ein Ohrwurm von Bayerisch. 

ALLTAGSDROGE CRYSTAL METH

Vielleicht hätte ein Stück der Droge den Dokumentaristen zu mehr Power verholfen.

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden (DVD und VoD)

In Corona-Zeiten vielleicht noch schauderlicher, stell dir vor, Du sitzt als einziger Passagier in einem Intercity und der einzige weitere Passagier, der zusteigt, setzt sich genau Dir gegenüber, behauptet Psychiater zu sein und fängt an, Geschichten zu erzählen, die sich Dir in die Eingeweide bohren…. Siehe die Review von stefe. 

Run (DVD)

Frauen wie Gemälde,

das ist natürlich nur das Zückerchen, wie Sarah Paulson als Diane Sherman und Kiera Allen als Chloe Sherman von der Maske hergerichtet sind; das erinnert an die ganz große Renaissance-Malerei und macht den Gegensatz zur Handlung des Filmes von Aneesh Chaganty, der mit Sev Ohanian auch das Drehbuch geschrieben hat, nur umso prickelnder, gôuteuser. 

Chaganty filettiert in seinem präzisen Film mit einer hochkonzentriert auf das Wesentliche fokussierten Kamera einen entfesselten Muttermechanismus – der reine Horror. 

Und es ist schon schwarzhumorig zu nennen, den Film mit einer Anzeigentafel voller Informationen über eine ganze Anzahl von schlimmen Krankheiten anzufangen, von Herzinussfizienz bis Diabetes, die alle lebensgefährlich werden, wenn der Patient nicht dauernd die entsprechenden Medikamente nimmt. 

Eine ganz heutige Geschichte also, wie viele Menschen haben nicht ihr Tablettenkästchen, in dem für jede Tageszeit die bunten Pillen nach Stunden der vorgesehenen Einnahme geordnet liegen. Das ist ein geschickter dramaturgischer Zug, um das Hauptthema ganz hinterlistig nach und nach einzuführen. 

Diane hat gelähmte Beine und jede Menge weiterer Krankheiten, sie braucht immer wieder einen Mundspray, sitzt im Rollstuhl. Sie wird von der Mutter zuhause unterrichtet. Sie war wohl ein Frühchen, das lässt der Film vermuten mit dem Bild von einem dick verkabelten Säugling im Brutkasten – 17 Jahre früher. 

Aber Mutter Diane ist allerliebst, kümmert sich hingebungsvoll um ihre Tochter. Sie nimmt auch an den regelmäßigen, monatlichen Treffen für zuhause unterrichtende Eltern teil. Vorbildlich durch und durch. Sie wohnt abseits in einem schönen nordamerikanischen Holzhaus, baut streng beherrscht einen Gemüse-Garten drum herum an. Aber so einsam und wie es ins Bild gesetzt ist, erinnert es an filmische Horrorhäuser. 

Chloe ist jetzt 17, bewirbt sich an Universitäten und wartet täglich hoffnungsvoll auf positive Resonanz; der Postbote als Heilsbringer und vielleicht auch als Retter aus der einsamen Welt. 

Chloe ist intelligent und hat also berechtigte Hoffnung auf Zusagen. Die harmonische Idylle bekommt Risse, wie Mutter eines Tages eine neue Tablette für die Tochter mitbringt. Etwas macht Chloe stutzig. Sie wird selber aktiv und kommt mittels halsbrecherischer und lebensgefährlicher Exkursionen der Wahrheit auf die Spur; sie hangelt sich an einem dünnen Faden aus ihrer Geborgenheit heraus, die immer mehr zum bedrohlichen Gefängnis zu werden droht. Wobei das Kino als Veranstaltungsort freiwillig und gerne sein Teil zur Befreiung beiträgt, somit einen Hilfsanker bietet, sich aus dem Spinnennetz einer allmächtig wirkenden Mutter zu befreien. 

Die beiden Frauen spielen diesen Psychothriller fabelhaft. Chaganty injiziert den Schauder direkt wie mit einer Spritze unter die Haut, durch seine luzide Erzählweise, die auf Firlefanz konsequent verzichtet; was die an sich nicht neue Geschichte heftig werden lässt. Bestens geeignet für das Heimkino in coronadröger Zeit – und man braucht nicht gleich einen ganzen Kanal dafür abonnieren. 

Vento Seco (VoD und DVD)

Sandro Karnas 

(Leandro Faria Lelo) ist Arbeiter in einer Düngemittelfabrik irgendwo in brasilianischem Niemandsland. Er ist schwul, aber nicht geoutet, entspricht nicht den queeren Schönheitsidealen, keineswegs, er ist schon etwas älter, rundlich, alles andere als markant; aber Männer ziehen seine Augen magisch an; er führt ein verborgenes Schwulenleben, unauffällig. 

Der Film von Daniel Nolasco zeigt im Schwimmbad gleich, was sein Thema ist, was ihn fasziniert. Aber er organisiert es nicht als Film für Voyeure, sondern als Themenfilm in Form eines Porträts von Sandro. 

Nolasco beschreibt Sandros profanes, glanzloses Arbeiterleben. Die Fabrik an einer Autobahnausfahrt mit einem Kreisel vorm Parkplatz. Viele Szenen spielen dort, symbolisieren den ewigen Kreislauf der Routine, zur Arbeit kommen, dann wieder wegfahren. Das thematisitert die Kollegin Paula (Renata Carvalho) in einem Gespräch mit Sandro. 

Paula ist gewerkschaftlich engagiert, versucht die Arbeitskollegen zu aktivieren gegen die miesen Arbeitsbedingungen. Sie platzt immer wieder in Sandros Abschweifungen und Träumereien, stört die Augenkreise seiner ungestillten Sehnsucht. In diesem Suchen erzeugt Sandro Empathie. 

Die Eingangsszene spielt in einem Schwimmbad; die Kamera weiß, wohin sie sich zu fokussieren hat; ein beengter Horizont, sicher, aber auch ein eindeutiger; es sind die Blicke von Sandro, besonders, wenn es nach dem Schwimmen mit lauter nackten Männern unter die Dusche geht. 

Sandros Leben wird als zwiegespalten geschildert. Es ist das Arbeiterleben, das sind Gespräche mit Kollegen, die Fahrt zum Job, das Parken des Autos aber auch Einkaufen; gerade hier kommt es immer wieder zu Begegnungen. 

Real dürften auch die diskreten Treffen mit Kollegen Ricardo (Allan Jacinto Santana) sein; es sind dies Verabredungen in einem Eukalyptus-Wald; heiße Sextreffen und ungehemmt. 

Es gibt aber auch die Traumwelt von Sandro; die ist erotisch sowohl in der filmischen Farbgebung der eindeutigen Schwulen-Szenerie und dazu musikalisch aufgepumpt; es sind die Bilder von Sado-Maso-Welten, Lack, Leder, Stiefel, Leine. Hier wird der Film hard-core, weshalb er als „nicht jugendfrei“ prädiziert ist. 

Nolasco beschreibt recht realistisch diese Gay-Zwischenwelt, die immer auch im Arbeitsalltag, zu dem ebenso eine Geburtstagsparty oder der Ausflug zu einem Festival gehören, aufblitzt, präsent ist und sich kaum zurückhalten kann. Und, bei aller Losheit der Beziehung zu Ricardo, ist Eifersucht nicht weit, Beziehungsclinch in der Nichtbeziehung – und dauernd ungestilltes Sehnen.

Alltagsdroge Crystal Meth (BR, Montag, 11. Januar 2021, 22.50 Uhr)

Rumhupfdoku.

Ein bißchen Beifang aus einem niederländischen Hafen, etwas Autobahn aus Deutschland, Beifang aus Nürnberg, von der tschechischen Grenze, Nahaufnahmen von Händen (Erinnerung an Albrecht Dürer, da Nürnberg in dieser konzeptlosen Doku von Annika Hoch, Christian Gramstadt und Danko Handrick eine gewisse Rolle spielt?) und da ein Statement von einem Kripo-Menschen und dort ein Statement von einem holländischen Drogenfahnder, der die Gefahr des Einmarsches mexikanischer Drogenkartelle an die Wand malt, und dort ein Statement von einer Frau, die auf einer Suchtklinik für Mütter arbeitet, und ein Statement von einem Helfer aus Passau und Bla und Bla und dies und das und dort eine kleine Info, wie leicht Chrystal Meth herzustellen sei und dass die Holländer den Tschechen den Rang ablaufen und Chemiker, die aus dem Abwasser einer Stadt auf den Crystal-Verbrauch schließen können (falls denn die Süchtigen ihr Wasser nicht irgendwo im Park oder im Wald lassen) und wieder Beifang von Autobahn und Beifang von Hausdach und Beifang von Passau und ein kleiner Seitenhieb auf die Politik, die sich vor allem für Hasch interessiere, und eine Selbsthilfegruppe an einem langen Tisch mit Selbsthilfe-Branding-T-Shirts und Kuddel und Muddel und ein Psychiater sagt was; eine Doku, die garantiert nicht preiswürdig ist, die eher neugierig auf das Rauschmittel macht als davon abhält, eine Planlos-Doku mit Reisebudget und einer Kamera, die nicht berauscht, aber ebensowenig berauschend ist, und Dunkelziffern spielen eine Rolle und Zeugen, die nicht erkannt werden wollen, und Spekulationen und nirgend ein stringenter Doku-Story-Faden, eine Allerweltsdoku, eine Rumhupf-Doku, eine Schwatz-Doku, die ihren Platz in der Gesellschaft noch finden muss, vielleicht in einer Doku-Selbsthilfegruppe für desorientierte Dokumentaristen, eine Doku, die der Behauptung, Chrystal- Meth sei kein Top-Thema, fettgedruckt recht gibt, und die mit Zahlen, die wie aus der Luft gegriffen wirken, um sich wirft, eine Doku, die auch mal abschweift auf einen schönen Eisenbrückenbogen, eine Doku, die nicht klar machen kann, warum sie mit Zwangsgebührengeldern finanziert werden muss.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers. 

Lebenslinien: Einsatz in den Bergen (BR, Montag, 11. Januar 2021, 22.00 Uhr und ab Donnerstag, 7. Januar in der Mediathek)

Spanggangerl.

Wast Pertl, der Protagonist der Lebenslinien von Georg Antretter, war nach eigenen Worten als Junge ein Spanggangerl (hoffentlich richtig verstanden); so etwas wie ein Kaspar, ein Klassenclown. Hinter solchen steckt gerne Traurigkeit. Die liegt bei Pertl in der Kindheit auf dem elterlichen Hof begründet. 

Nachkriegszeit. Alles musste arbeiten, auch auswärts. Der kleine Pertl blieb tagelang in seinem Laufgatter sich selbst überlassen. Die alte Mutter erzählt heute noch, dass er jedoch immer munter gewesen sei. Er selbst konstatiert inzwischen Defizite, kaum Beschäftigung der Eltern mit ihm, kaum Liebkosungen, kaum Herzlichkeit. 

Bei der Bergwacht hat er mit dem Heranwachsen den menschlichen Kontakt gefunden, Heimat, das, was er vermisst hatte. Und gute Freunde. Später eine etwas ältere Krankenschwester, inzwischen seine Frau und die Mutter seiner Kinder. 

Diese Lebenslinien von Georg Antretter faszinieren durch die Persönlichkeit des Protagonisten. Das ist vielleicht das erste Geheimnis beim Format „Lebenslinien“, wenn es gelingt, eindrucksvolle Protagonisten zu finden, die nicht kamerageil sind, die aber vor der Kamera eine Natürlichkeit bewahren. 

Wie peinlich Lebenslinien sein können, wenn hauptamtliche Promis die Sendung als Werbezeit für sich als Markenbotschafter nutzen, da bleibt unübertroffen der Beitrag über Rosi Mittermaier und Christian Neureuther oder der PR-Film aus einem anderen Format (‚Kreuzer trifft‘) über Magdalena Neuner. Dass Gebührenzahler dafür zur Kasse gebeten werden, ist nicht nachvollziehbar, ja geradezu abstrus. 

Das zweite Geheimnis überzeugender „Lebenslinien“ betrifft den Dokumentaristen, den Menschen hinter der Kamera, der es schaffen muss, den oder die Porträtierte vor der Kamera glaubwürdig und persönlich erscheinen zu lassen. Auch das gelingt hier exzellent. 

Pertl ist ein bedächtiger Mensch. In dem, was er tut, ist er kreativ, lösungsorientiert, wie man das im modernen Businesssprech nennen würde. Von einem Tag auf den anderen musste er den Hof seines Vater übernehmen, ohne je gebauert zu haben. Beim Notar unterschrieb er etwas, von dem er keine Ahnung hatte, weil man das halt so macht. – Bald ist er im Tal der erste Ökolandwirt. Das wären Erfolgsmeldungen, die aber nicht als solche ausgeschlachtet, eher mit heimlichem Stolz erwähnt werden. 

Andererseits gibt es Unfälle, traumatische Erlebnisse. Der Einsturz des Eishallendaches in Bad Reichnhall. Hier wird er als Retter dazugerufen. Das verändert, traumatisiert ihn. Für ihn ist es ein gewaltiger Schritt, deshalb den Rat einer Psychologin zu suchen. Auch sie kommt hier vor. 

Antretter hat, was diese Lebenslinien noch mehr vom Durchschnitt abhebt, den Film mit einem leicht jazzigen Sound unterlegt. Das bringt diese Lebenslinien zum Schweben. Hinzu kommt der Sound ein wunderbar natürlich gewachsener Dialekt, nicht irgend so eine gecoachtes Schauspieler-Bayerisch. 

Kommentar zu den Reviews vom 7. Januar 2020

Kommentar entfällt mangels Reviews.

stefe macht Pause und liest ein Buch. 

Es gab lediglich einen Tipp für einen VoD-Film

PARADISE HILLS

Richtig geheiratet soll im Leben nichts mehr schief gehen. Siehe die Review von stefe.  (Oder: wenn sonst nichts mehr geht, heiraten geht immer. )