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Wim Wenders, Desperado (ARD, Freitag, 14. August 2020, 23.50 Uhr)

Wim Wenders, Desperado, eben im Kino und schon im Fernsehen und dort tief in die dunkle Nacht hineinplatziert, damit ja keiner mitbekommt, was für bemerkenswerte Filmemacher wir doch haben. 

Solche Filmemacher, deutsche Filmemacher von Weltgeltung, die versteckt das öffentlich-rechtliche Fernsehen ganz kurz vor Mitternacht bis in die frühen Morgenstunden hinein. Kultur gilt eben nichts, das zeigt auch Corona. 

Im Anschluss folgen bei ARD in rabenschwarzer Nacht bis hinein ins Morgengrauen 

BUENA VISTA SOCIAL CLUB

und 

DER HIMMEL ÜBER BERLIN

Kommentar zu den Reviews vom 13. August 2020

Das Kino setzt seine Waffen jede Woche vielseitiger ein, um das Publikum nach Corona zurück in die Säle, ins Autokino oder ins Open-Air zu gewinnen. Mit einer großartigen, ungarischen Männerparodie, mit einer knallharten Mafia-Story aus Italien, mit einem amerikanischen Horror-Movie, bei dem die Grenze zwischen Einbildung und Realität fließend ist, mit einem kleinen Nahost-Ausflug mit realen Horrorfolgen, mit einem Blick in das Pubertätsgespinst von Kreuzberger Gören, mit einer Zwangsräumung in Berlin, mit zwei bayerischen Lederhosen auf zwei Zündapps in den USA, mit einer Romanverfilmung, die vor lauter Begeisterung über den Protagonisten verschwimmt, mit einem amerikanischen Bekenntnisfilm und mit einer Knüttel-Klamotte von orientalischem Agentenfilm. 

SOHN DER WEISSEN STUTE – FEHERLOFIA

Männer sind bärenstark – und landen doch im Untergrund und in Eierschalen.

IL TRADITORE – ALS KRONZEUGE GEGEN DIE COSA NOSTRA

Nüchtern recherchiert, analysiert und heiß aufgetischt. 

THE WITCH NEXT DOOR – THE WRETCHED

Delikater Horrorspaß für den Sommerabend.

NUR EIN AUGENBLICK – THE ACCIDENTAL REBEL

So schnell kann es einen in den syrischen Bürgerkrieg hineinziehen. 

KOKON

Die Pubertät ist ein Kokon, aus dem sich die schönsten Wesen entpuppen.

DER LETZTE MIETER

Von Corona mit einer Schonfrist versehen, gilt es jetzt ernst mit der Zwangsräumung.

AUSGRISSN! IN DER LEDERHOSN NACH LAS VEGAS

In der Fremde die Heimat sehen und verstehen lernen?

WEGE DES LEBENS

Ein Leinwandgenius von Protagonist lenkt mit Nahaufnahmen Regie und Publikum von der Story ab. 

I STILL BELIEVE

Glaubensbotschaft – amerikanisch verzuckert.

MOSSAD

Vielleicht ist Klamotte der noch einzig mögliche Umgang mit dem never-ending Nahost-Problem.

I still believe

Felsenfester Glaube.

Zu einem felsenfesten Glauben gehört selbstverständlich das Hadern mit Gott. Auch den Moment gibt es im Leben von Jeremy Camp (K.J.Apa). Es ist der Augenblick, in dem Gott einem Menschen das Liebeste nimmt, hier ist es Melissa (Britt Robertson) – und je größer so eine Liebe, desto größer die Prüfung, die Gott seinem Schäflein zukommen lässt. 

Ganz so explizit formulieren es Jon Erwin und Jon Gunn in ihrem Drehbuch nach dem autobiographischen Roman von Jeremy Camp nicht. The Erwin Brothers, die Regisseure Andrew and Jon Erwin, weichen auch in dieser Szene nicht vom massiv verklärenden Licht ihrer Inszenierung ab. 

Licht einerseits als Energiefaktor, der jede noch so trübe Landschaft strahlen lässt, der Sterne mit der Strahlkraft von Atomkraftwerken malt oder Heißluftballone den Himmel warm aufleuchten lässt, Licht der Sterne im Planetarium, Licht auch in den menschlichen Gestalten, alle Menschen sind nett, verständnisvoll, vor allem aber hingebungsvoll an die anderen, ja mit einem Hauch von Anthroposophie gewürzt, wie mir scheint. So dass Glaube, Licht und Menschlichkeit noch den härtesten Schicksalsschlag zwar mit Tränen für die nicht Abgebrühten, aber nie mit quälenden Schmerzen ertragen lässt. 

Jeremy ist ein aufgestellter junger Mann, Gitarrenspieler. Er verlässt am Anfang des Filmes die elterliche Gemarkung in Indiana, lässt die Eltern mit zwei kleineren Brüdern zurück, der kleinere davon mit einer geistigen Behinderung. 

Er studiert im Calvary Chapel College, wie es im Film heißt, im Internet firmiert es als Calvary Chapel Bible Colleg. Der Begriff Calvary Chapel informiert über den religiösenund damit auch über den geistig-religiösen Hintergrund des Filmes. Dieser wird den Schicksalsschlag, den Jeremy mit seiner Liebe erlebt, erträglich machen, so dass er überleben kann, ja sogar weiter singen, begeisternd und bekehrend singen, gleichzeitig Gott danken. 

Der Film nutzt sämtliche amerikanischen Möglichkeiten des Genres von RomCom über „Will-you-marry-me-“-Filme, Tumor-, Musikfilm und Melodram bis hin zum christlichen Botschaftsfilm, um in perfekter Dichte, Einfachheit und Nachvollziehbarkeit samt Entführung aus einem prosaischen Alltag, die Geschichte dieser Liebe nachzuerzählen. 

Diese Liebe funkt im ersten Moment zwischen Jeremy und Melissa. Im zweiten kommt Jean-Luc (Nathan Parsons) dazwischen, die Erstsemester-Begleitung von Melissa. Die Musik verbindet das Trio – und führt auch zur Entscheidungssituation, denn Jean-Luc ist bereits erfolgreicher Sänger, Jeremy ist gerade dabei, seine Gefühle in seine ersten Songs zu transponieren und vor Publikum aufzutreten. 

Die Gefühle von Melissa sind hin- und hergerissen. Der Tumor funkt in dem Moment dazwischen, in dem sie eine Entscheidung gefällt zu haben scheint. Das ist nach knapp einer Stunde der Fall. Dann schwingt sich das Drama zu einer an Gefühl und Gefühlsinszenierung kaum zu überbietenden Höhepunkt an Hochzeit und Flitterwochen auf. 

Hammerhart folgen die Scherben von Gottes unvorhersehbarem Rat, die in geneigter Weise aufgewischt werden, was der Film maximal gefühlig tut, der ein Menschentum propagiert, das für das reine Leben, das reine Glaubensleben, wie es scheint, geschaffen ist und das in jedem Unglück auch eine Investition sieht, dies nicht ganz gläubig gesprochen. 

Es ist pures Zuckerwattenkino mit Süßholzsound in Reinkultur und mit einer nach allen Regeln der Erzählkunst aufgebauten Geschichte mit Drama und Reinigung, packend gebaut. Aber die Zuckerwatte und der Heilige Glaubensernst, die sind Geschmackssache. Und so wie die Songs der Sänger „wahr“ sein müssen, um ihr Publikum anzusprechen, so stellen die Schauspieler hier entsprechend „wahre“ Menschen dar. Aber es gibt ja nicht nur Melissa, plötzlich taucht eine Adrienne auf, deren Geschichte allerdings gar nicht erst geschrieben wird, ein Schelm, wer sich was denkt dabei. 

Sohn der weißen Stute – Feherlofia

Männer, die die Welt bewegen

„In Erinnerung an die Skythen, Hunnen, Awaren und andere nomadische Völker“ steht im Vorspann, dieser wunderschön restaurierten Fassung des Filmes von Marcell Jankovics, der mit György László auch das Drehbuch geschrieben hat „nach ungarischen Volksmärchen“. 

Oder auch: Männer auf die Schippe genommen in ihrem Männergetue, ihrem Kraftprotzgetue, ihrem Kämpfergetue – und waren doch nur Arbeiter im Untergrund, in der Unterwelt. 

Wenn ein Mann aber als Säugling von einer Stute als Mutter zweimal sieben Jahre gestillt worden ist, dann kann er Bärenkräfte entwickeln, fast unbesiegbar werden. Dann bekämpft er spielend seine beiden Brüder, die strotzen vor Muskelkraft, Steinbröckler und Eisenkneter, heißen sie. Der eine schiebt wie mit links Berge auseinander und der andere schmiedet Schwerter wie nichts. 

Männer brauchen Frauen oder sollen solche retten. Es geht um drei Feen, die in der Unterwelt von bösen und vielköpfigen Drachen gefangen gehalten werden. Aber erst lasst uns Mittag essen und dann kämpfen und schauen wer der Stärkste ist. Es ist Baumausreißer; die beiden Besiegten schwören ihm Gefolgschaft. 

Der Weg in die Unterwelt gestaltet sich schon schwierig genug und wird nicht leichter durch das Auftauchen eines hinterhältigen Koboldes. Per Seil geht es in das tiefe Loch hinab. Solche starken Männer sind Untergrundarbeiter.

Es ist ein Märchen nach dem traditionellen „Es war einmal“ … im Lande Operenzia und die Zahl 77 kommt zum Verzweifeln oft vor, von allem gibt es 77 Wurzeln, Bäume, Raben, Gefahren, bis die Erzählung schließlich bei der Stute landet, die mit ihrem Sohne schwanger geht. 

Es ist eine fantastische Zeichenanimation, die Jankovics furios auf die Leinwand fabuliert und fantasiert, ornamenthaft, dekorhaft, verspielt, scherenschnittartig, mit einer feuerwerkshaften Explosion an Formen und Farben, Konvulsionen und Emulsionen, nie ist Stillstand, immer ist alles in Bewegung, im Übergang, im Ineinanderfließen, es mangelt nicht an Geschlechtersymbolen, es mangelt nicht an männlichem Kraftprotzentum, an weiblich weichen Formen und an Humor fehlt es schon gar nicht, vielleicht sogar galliger Humor, zumindest ungarischer Humor, der diese Herkules-Figuren nicht für bare Münze nimmt im Gegensatz zum amerikanischen Heldenfilm. 

Es sind rotzige Männerbilder von Männern, die auch klatsch, klatsch den anderen den Hintern versohlen oder die mit einem Händedruck andere Riesen zum Erweichen bringen, die die Welt bewegen und ihren Preis dafür bezahlen …. und landen am Schluss doch nur in einer Eierschale. 

Wege des Lebens

Javier Bardem als Leo ist das Pfund mit dem dieser Film von Sally Potter (The Party) ungeniert wurchert mit Nah- und Großaunahmen. Kein Wunder ist dieser Mann ein Weltstar, das Gesicht ist von einer Schönheit, die kaum zu übertreffen ist, und leinwandwirksam dazu, es detailliert zu beschreiben könnte man Seiten füllen – oder eben einen Spielfilm, besser einen Porträtfilm über Bardem als dementen Autor Leo, der weit von der Gegenwart entfernt in Schüben in seine Vergangenheit als Autor und sein Verhältnis zu den Frauen zurückfällt. Da sieht er sich immer wieder mit der vergangenen Liebe Dolores (Salma Hayek). Seine Tochter Molly (Elle Fanning) kümmert sich um den Pflegefall. Das tut sie offenbar ohne weiteres, ohne Vorwürfe, so als sei sie einzig dafür da. 

Allerdings geht ob Sally Potters Begeisterung für Bardem und jede einzelne Regung in seinem Gesicht das Narrative durch die Latten, löst sich fast auf, taucht nur immer mal bruchstückweise in all den Nahaufnahmen auf, was kaum schmerzt, denn es bleibt vor allem das einprägsame Porträt eines Mannes, der in den guten Jahren noch ein faszinierender Autor war und der in seinem dementen Jahren oft kaum sprechen kann, in die Hose nässt, beim Zahnarzt, kaum den Mund zu öffnen vermag, das Mundspülmittel runterschluckt, oft nur noch grummelt – mehr als reine Schauspielkunst – oft belastend nah an der Realität. 

The Witch next Door – The Wretched

Leichte Sommerkost.

Horror mit Ansage ist der Vorspann. Der spielt vor 35 Jahren, wie es heißt, und ist mit allen Zutaten des Genres bestens ausgestattet: das Horrorhaus, die Kellertreppe, die gezielten Lichteinfälle, das verstreute Kinderspielzeug, das Dunkle, Wasserlachen, Indizien von vergangenem Horror, wie die Puppe, der Zahlenwürfel sowie die plötzliche Hexe wie aus der Geisterbahn. 

Nach den Titeln springt der launige Film der Brüder The Pierce Brothers (Brett und Drew T. Pierce) in eine Sommerfrische von heute mit seiner Protagonistenfamilie im Nachbarhaus aus dem Vorspann. 

In der Familie ist der Horror am besten aufgehoben, auch wenn sie nicht mehr ganz intakt ist. Ben (John-Paul Howard), ein Teen, telefoniert mit seiner Mutter, ist aber am See bei seinem Papa Liam (Jamison Jones), der mit Sara (Azie Tesfal) einen Bootsverleih betreibt. Hier im Hauptteil wird der Horror ohne Ansage sein, das macht den Kitzel, denn der Zuschauer weiß mehr über das Nachbarhaus. Im Nachbarhaus ist auch eine Familie zugange mit dem kleinen Buben Dillon (Blane Corckarell). 

Ben selber soll beim Papa mitarbeiten, lernt andere Teens kennen, wird auf Partys eingeladen; aber er findet auch Zeit, merkwürdige Vorgänge im Nachbarhaus mit dem Fernrohr zu beobachten – und irgendwann hat er einen Arm gebrochen, so ein Gipsverband ist zudem ein exzellentes Requisit. 

Aus den Vorgängen im Hexenhaus und Bens Neugier entwickelt sich die für alle Beteiligten unvorhergesehene Dramatik und das Feine bei diesem fein zubereiteten Horrorvorgängen ist, dass es dem Zuschauer überlassen bleibt, ob der Horror nun Einbildung, Hysterie oder Hypersensibiliät der Beteiligten ist oder ob er die Geschichte für bar Münze nehmen will. 

Die Geschichte wird sich indes für die Involvierten als reinigendes Bad entpuppen, eine Sommerfrische, eine Sommer-Erfrischung, die es in sich hat und die auch gar nicht behauptet, dass es Hexen gibt, gar solche, die aus Wurzeln von Bäumen stammen, die es als Material für eine mit gekonntem Horrorspaß fabelhaft erzählte und mit einem makellosen Konfektionscast (ideal für Horror) und dem entsprechenden deutschen Synchro versehene Geschichte nutzt – die im Kino ihren besten Platz haben dürfte. 

Kleiner Gag zur Erheiterung: immer wieder sind nur die Beine von Darstellern zu sehen als Verfremdungs- und Horrorstilmittel, und doch ist sofort klar, zu wem sie gehören – allein das aktiviert Synopsen im Gehirn. Wenn jemand einen Hirsch anfährt, so ist es von Vorteil, wenn er – oder sie – Erfahrung im Ausweiden eines solchen Tieres hat. Und sollte Wikipedia zur Entschlüsselung gewisser Zeichen nicht reichen, so hilft bestimmt „Witchypedia“. 

Mossad

Orientalische Agenten-Klamotte

Das Prinzip der Veralberung des Agentenfilmes beherrescht Alon Gur Arye mit David Zucker als „Creative Consultant“ aus dem Effeff. Das Schema aus dem Agentfilmbaukasten ist perfekt zusammengestellt. 

Ein verpatzter Mossad-Einsatz in Tunis von Guy Moran (Tsahi Halevi) und von Aaron (Tal Friedman) führt zu deren Degradierung. Da Agenten ohne Job dumme Sachen machen, tun sie das auch. 

Aaron wird zum Roboter weiterentwickelt und Guy wird selbständig, arbeitet plötzlich mit der CIA-Agentin Linda (Effrat Dor) zusammen an der Befreiung des Milliardärs Jack Sattelberg (Nitzan Sitzer). 

Ferner spielen technische Werkzeuge, die über Handy-Apps die Welt beherrschen können, eine Rolle, Machtspiele. Man muss das alles nicht im Einzelnen verstehen oder gar ausbreiten. Es geht darum, sich über das Agentengetue zu amüsieren. 

Es wimmelt von Missverständnissen, von Fehlleistungen, kognitiven, verbalen wie durch Tätigkeiten (Hund wird gedankenverloren in Zuckerwatte gedreht). Maskierungen, Demaskierungen, Verfänglichkeiten und Blößen, eine geheime Macht Sugiria (?) Überwachungen und persönlicher Ehrgeiz des Mossadchefs Haim (Illan Dar), der sich darauf freut, etwas zu tun, was noch kein Geheimdienstchef vor ihm getan hat, am letzten Arbeitstag im großen Stadion eine Fackel zu entzünden. Und selbstverständlcih wird auch das schief gehen, wie überhaupt und prinzipiell schief geht, was schief gehen kann, wie so ein Film ein Fest menschlicher Unzulänglichkeit und dummer Sprüche ist; vielleicht auch, um dem Zuschauer Erleichterung zu verschaffen von der Angst vor der bösen, dunklen Macht von Geheimdiensten und Überwachung. 

Zur Unterhaltung gibt es viel Action, waghalsige und händische, und es wird angenehm wenig geschossen, mehr gerangelt. Klamott as klamott can in bester Erinnerung an das Kino der 70er Jahre mit Referenzen an James Bond. „Wenn Dummheit ein Code wäre, würden Sie ihn sicher knacken.“

Kokon

Kreuzberger Schmetterlinge.

2018 in Kreuzberg. Coming of Age noch vor Corona. Sorglos, wild und doch auch poetisch. 

Im Zentrum steht Nora, 14, (Lena Urzendowsky). Sie lebt mit ihrer Schwester Jule (Lena Klenke) in einem Zimmer bei der Mutter in einem anonymen Wohnhochhaus. Mutter arbeitet nachts in einer Bar. Es kann vorkommen, dass die beiden Mädchen, weil sie nicht schlafen können, im Pyjama dort auftauchen – und herzlich aufgenommen werden. Kreuzberger Herzlichkeit. 

Leonie Krippendorf nähert sich in ihrem Film dem Kokon an, der die Verwandlung des Menschen vom Kind zum geschlechtsreifen Erwachsenen schützend umgibt, das ist die Klique, das sind mehrere Mädels, Jungs; Gruppenbildung ist angesagt als identitätsstiftend in dieser aufgeregten Phase der Identitätsveränderung. 

Aus dem Kokon des Atmosphärischen, das Krippendorf wild zeichnet wie mit Handy in Selfiemanier, wie sie rumhängen, spielen, rappen, zur Schule gehen, erste Blutung, Sex liegt in der Luft, vibriert jeden Text, jede Geste, und immer wieder Swimming-Pool, Party, Nora verletzt sich bei einem Spiel, bricht sich den Arm, aus all dem kristallisieren sich konkrete Begehren heraus. 

Ist das eigene Liebesziel überhaupt beim anderen Geschlecht oder gar beim eigenen? Nora hat etwas Zartes und Poetisches. Schön symbolisch hält sie in Einmachgläsern Raupen und beim Act in der Schule, wie die Kids etwas „Abstraktes“ vortragen sollen, liest sie ein Gedicht über einen Schmetterling, den sie als Schattenspiel live präsentiert. 

Die Schule ist wild, die Kids haben Migrationshintergrund. Plötzlich ist Romy (Jella Haase) im Brennpunkt des Interesses von Nora. Aus dem Chaos der Jugend entwickelt sich Annäherung. Romy hat ein eigenes Zimmer, aber auch da gibt es Düsteres in der Familiengeschichte. Ist Nora für Romy mehr als ein Spielzeug? Eine Party mit wilden Knutschereien lässt Nora das befürchten. 

Schöne Symboliken: zur Party geht Nora als Einhorn und ein Junge zeigt ihr vom Balkon aus unten vor dem Haus einen Fuchs, der in Pizzakartons wühlt. Der Weg durch den Kokon endet für Nora damit, dass sie selbstbewusst ein Eis am Stil lutscht. 

Nur ein Augenblick – The accidental Rebel

Klar, Film ist Film und Syrien ist Syrien. Und die Realität in Syrien ist, so wie der Journalist Michel Milo es in einem vorm Abspann eingeblendeten Interviewausschnitt sagt, dass ein Mädchen, das 5 Jahre alt ist und im Gefängnis geboren wurde und nie die Außenwelt gesehen hat, nicht weiß, was ein Vogel ist, was ein Baum ist und was ein Ball ist. 

Im fiktionalen Film von Randa Chahoud wird vor allem deutlich, wie wenig weit weg von uns diese brutale syrische Realität ist. 

Protagonist Karim (Mehdi Meskar) hat es früh aus dem Bürgerkriegsland Syrien nach Hamburg geschafft. Er ist mit der Isänderin Lilly (Emily Cox) zusammen. Ein Kind ist unterwegs. 

Der Film fängt mit einer Rückblende auf das revolutionäre Syrien von 2011 in Latakia an. Seine Eltern (Husam Chadat und Mira Ghazalla) betreiben ein Musiklokal. Sohn Karim tritt dort mit seinem Bruder auf. Sie singen revolutionäre Lieder von der Heimat. Eine Polizeirazzia führt zu einem Ende der Lizenz für das Lokal. Sohn Karim soll in Hamburg studieren. 

In Hamburg setzt der Film 2016 ein. Der Kontakt von Karim zu seinem Bruder wird plötzlich schwierig. Die Eltern haben die Flucht schon bis Sofia geschafft. Jetzt soll Karim „nur ein Augenblick“, also kurz nach Syrien und versuchen herauszufinden, was mit dem Bruder los ist. Dort wird er dann zum „zufälligen Rebellen“, wie der internationale Titel lautet. Diese reale Basis in Hamburg ist es, die diesen Krieg so nahe rückt, der für uns doch so unendlich fern scheint. 

Karim fliegt also schnell für drei Tage nach Adana in der Türkei, nimmt dort ein Taxi nach Reyhanali, von dort können ihn Mittelsmänner zu weiteren Kontakten seines Bruders bringen. 

Aber wenig Stunden von Hamburg entfernt ist Karim bereits ins Kriegsgeschehen verwickelt mitten in der Freien Syrischen Armee – das wiederum wirkt so irreal, wie es ein fiktionaler Film nur darstellen kann. Es wird quasi mehr skizziert, informativ; das ist vermutlich real nachvollziehbar kaum darzustellen. Und was er in den Monaten dort erlebt hat, das geht bis ins mörderische Al-Assad-Gefängnis des Machthabers, ist aus den Traumatisierungen abzulesen, die die Zeit in ihm hinterlässt und sein Verhalten in der Zivilisation in Hamburg verändert, sein Familienglück gefährdet. 

Als einen weiteren Geschichtsast hat Randa Chahoud, diesen sicher im aufklärerischen Sinne des koproduzierenden Fernsehens, Zahnarzt Ali eingeführt, der nebst seiner Zahnarztpraxis dabei ist, eine Kartei syrischer Kriegsverbrecher zu erstellen, die mit Beweisen gefüttert wird – realiter sind aufgrund so einer Beweissammlung in Deutschland bereits syrische Kriegsverbrecher unter Anklage gestellt worden. 

Einer der gesuchten Kriegsverbrecher, der für den Tod des Bruders von Karim verantwortlich sein soll, scheint sich als Schießbudenbetreiber auf einem Rummelplatz im Brandenburgischen aufzuhalten. Das führt zu einer weiteren Action-Geschichte. 

Und klar, der deutsche Freund von Karim, Max (Jonas Nay), entwickelt während der ungewissen Abwesenheit des Vaters die entsprechenden Drähte zum Baby, auch zu dessen Mutter, man ist ja ohne Auskunft über den Verbleib von Karim.

Randa Chahoud zeigt mit ihrem Film, dass das Leben und der Konflikt zwischen Krieg und Zivilisation genau die Elemente und Konflikte eines Thrillers bereit hält. 

Ausgrissn! In der Lederhosn nach las Vegas

Das Dorf fährt mit.

Wenn junge Menschen flügge werden, zieht es sie hinaus aus dem Dorf, hinaus in die Welt; sie machen sich auf zu einer Initiations-Reise, zu einer Coming-of-Age-Reise, zu einer Abenteuerreise. 

Das hatten sich auch die bayerischen Jungmänner und Brüder Julian und Thomas Wittmann vorgenommen. Sie empfinden ihr Dorf nicht unbedingt als Hort der Freiheit. Immer nur Wurstsalat im Wirtshaus. Ob das Leben, das sie vor sich haben, mehr Freiheit verspricht? 

Das Ziel der Wittmann-Brüder war, mit ihren Mopeds Marke Zündapp von zuhause aus bis nach Las Vegas zu fahren. 

Daraus wurde eine Reise von 3 Monaten, 12.000 Kilometern, 36 Tankfüllungen und 17 Pannen, wie im Abspann zu lesen ist. Sie wollten das aber nicht nur als Selbsterfahrungstrip machen, sie planten mehr. Ein richtiger Film sollte daraus werden – und ist es auch geworden. Sie fahren also nicht allein, ein kleines Filmteam mit Kameramann Markus J. Schindler begleitet sie (und liefert schöne Drohnenaufnahmen aus Amerika). 

Die Abenteuerreise soll also dokumentiert werden. Ein Selfie des eigenen Coming-of-Age. Und weil es ein dokumentarischer Spielfilm ist, soll er auch einen thematischen Faden haben. Das ist die Frage nach der Freiheit, was ist Freiheit? Ist es, juchzend auf einem Moped durch die Weiten Arizonas zu fahren? Ist es das, einen Joint zu rauchen? Ist es das, von unbekannten Leuten gastfreundlich aufgenommen zu werden, von einem Aussteiger mit philippinischer Ehefrau irgendwo in den Weiten Amerikas? 

Immer wieder kommt auch die Reflektion, was die zuhause wohl sagen werden; denn viele dort haben so eine Reise nie gemacht. In den USA treffen sie auf den Betreiber eines Motorradladens, der gerade einmal in Florida war, sonst immer schön an sein Geschäft gebunden. Ist das Freiheit? Unglücklich scheint der Mann nicht. 

Ist es Freiheit, als Hells Angel mit einem Behinderten im Wilden Westen auf der Flucht zu sein, weil der Angel während seiner Bewährung wieder jemanden umgebracht hat (wie oft erlebt man das schon in einem Film, dass einer erzählt, wie er jemanden getötet hat)? Hilfsbereit ist er; aber dann kommt doch die Forderung nach Geld. 

Die beiden Brüder haben um ihren Reisefilm herum sich nicht nur die Frage nach dem Reisefilm gestellt, sie haben eine kleine Handlung in der Dorfkneipe inszeniert. Sie wollen dort ihren Film zeigen; das stößt nicht auf restlose Begeisterung; man kennt das Denken des Dorfes; das ist Skepsis pur. Und mit der Filmprojektion funktioniert das auch nicht auf Anhieb. 

Die beiden Protagonisten und Abenteuerfilmemacher wirken in dieser Rahmenhandlung wie Greenhorns, verziehen sich in den Keller. Dort gesellt sich Monika Gruber als aufmunternde gute Seele hinzu, sie kommentiert die Erfahrungen der jungen Männer, sie kommentiert das Verhalten des Dorfes. Sie führt zur Erkenntnis, dass bereits der Entschluss zu so einer Reise ein Akt der Freiheit sei. 

Dörfliches Fazit von den Protagonisten: „Scheißt’s Eich nix, dann feid Eich nix.“ Auch eine Interpretation von Freiheit – oder eine Variante vom „Mia san Mia“? 

Und die Lederhosen, hams die die ganze Reise ned auszogn – oder vielleicht doch?