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Vakuum (BR, Mittwoch, 19. Januar 2022, 22.45 Uhr)

Lockdown-Potpourri aus dem Burgenland

Ein Dokument in schöner Standfotografie aus der Zeit des harten Lockdowns in Österreich, wie ihn Generationen von Menschen nicht kannten und sich auch nicht vorstellen konnten: eine absolute Ausnahmesituation.

Kristina Schranz hat die einmalige Chance genutzt, um diese Zeit in Momentaufnahmen festzuhalten. Zuerst montiert sie Aufnahmen von leeren Innenräumen, die normalerweise voll sind mit Menschen wie Schwimmbad, Kirche, Schule. Dann befragt sie Menschen im Lockdown vor ihrer Kamera. Und dann das leere Kino, traurig, traurig, oh, ein Kunde kommt, Popcorn springt – also doch Popcorn-Kino?. Die Frau an der Theke ist glücklich, dass sie drei Stunden wenigstens arbeiten darf.

Ein wiederkehrendes Motiv sind die Grenzschützer, die die grüne Grenze bewachen müssen. Auch die leere Disco; die speziellen Probleme der Disco mit den Körperkontakten, der Nähe, dem Schmusen.

In den recht spontanen Gesprächen, die die Regisseurin mit ihren Protagonistinnen und Protagonisten führt, geht es um die Bewältigung der außergewöhnlichen Situation, wirtschaftlich, beziehungsgemäß, um schlechte Träume und Bewältigungsstrategien, wobei manche auch vorher schon wenig soziale Kontakte hatten.

Das kinematographische Prinzip, möglichst große Raumteile als Ganzes zu erfassen und die Protagonistinnen und Protagonisten darin arbeiten oder sprechen zu lassen, wirkt sich für die Rezeption des Filmes positiv aus; man hat Zeit zu schauen bei gleichzeitigem Zuhören, so dass das Gefühl entsteht, die Filmzeit gehe schnell vorbei.

Nach dem ganz harten Lockdown interessiert sich der Film später für die reduzierte Normalität mit Masken- und Abstandsvorschriften in Restaurants, Einkaufszentren, Sportplatz, Schwimmbad, Kindergarten, Covidteststation, Test in der Familie.

Ihre Protagonisten und Protagonistinnen scheint die Nachwuchsfilmemacherin zuallererst im privaten Umfeld gesucht zu haben. Das trägt zum persönlichen Stil des Filmes bei. Und manches im Film ist zum Glück bereits Geschichte: der totale Lockdown.

Drifters – Die Versuchung meiner Schwester – Gli Sfiorati (DVD)

Alles ist im Fluss,

auch das Bild der italienischen Familie. Die Mama spielt zwar hintergründig ab und an noch eine Rolle. Aber die italienische Familie gibt es nicht mehr.

Der Vater Sergio (Massimo Popolizio) hatte schon bei der ersten Heirat die Frau nicht geliebt, die Mutter seines Sohnes Méte (Andrea Bosca) und seiner Tochter Belinda (Miriam Giovanelli). Die beiden Geschwister kennen sich kaum; Belinda wächst in Madrid auf.

Zur Hochzeit ihres Vater, der eine TV-Größe ist, mit seiner Liebe Virna (Altana Sanchez-Gijón) sind beide in Rom. Das hochattraktive Schwesterchen kommt in der komfortablen Wohnung des Bruders unter. Dieser ist Graphologe und wirkt in Bezug auf Selbstbewusstsein, auch im familiären Sinne, verunsichert. Mit Bruno (Claudio Santamaria) betreibt er eine kleine Firma zur Analyse von Schriften (das wird eine eigene kleine Rolle in einem Fall spielen). Das ist auch ein Stück soziales Netz für Méte.

Auch Brunos Familie ist auseinander. Ab und an muss er für sein kleines Töchterchen sorgen. Méte gerät für eine Nacht in die Fänge der sehr selbstbewussten Beatrice Plana (Asia Argento), die ihm vorrechnet, ein wie spannendes Leben rund um die Welt sie habe. Aber auch sie hat kein Glück, normalerweise sind die Männer, die sie für eine Nacht anschleppt, morgens wieder weg.

Dann ist da noch Damiano (Michele Riondino), auch er verführbar, weil nicht in einen festen Familienzusammenhang einzementiert. Der kommt mit den Gefühlssphären von Méte ins Gehege.

Der Film von Matteo Rovere nach dem Roman von Sandro Veronesi, erzählt das nicht primär als eine Story nach den Regeln des Thrills. Viel wichtiger ist ihm die Atmosphäre in diesem modernen Rom, das Abbild einer Generation ist, die mit dem etablierten Familienbild nicht mehr zurechtkommt, die viele Freiheiten hat, grad auch die Frauen entdecken ihre Eigenständigkeit und sind nach tradierten Methoden nicht zu manipulieren. Was für sie neue Probleme bringt.

Die Leichtigkeit und Lebendigkeit der Erzählung erinnert in ihrer Fragmentiertheit an die Racconti von Cesare Pavese, nicht an der Schwere von Leben, Schicksal und Liebe klebend, sondern eher wie ein Blatt im Wind sich von den Regungen und Bewegungen, die die immerwährende Sehnsucht nach Liebe des Menschen erzeugt, tragen lassend.

Kommentar zu den Reviews vom 13. Januar 2022

Im Kino geht es bei den Reviews dieser Woche von Blockbuster-Horror über Royal-Schauderlich über Sozial-Makaber bis ordentlich und sehr ordentlich zu. In England verirrt sich eine Vogelscheuche an die Weihnachtsfeier der Windsors, in Südfrankreich soll ein vollkommen hilfloser Säugling gleich die Sozialarbeit ersetzen, in Berlin wird die Integration unterm Aspekt der Blindheit besichtigt und in Bhutan wird das Glück in vorsintflutlicher Abgeschiedenheit gefunden. Auf DVD fallen die Ausschläge noch heftiger aus. Mehr Extreme in einem Menschenleben als beim Iren Shane gehen kaum. Gründlicher als eine Französin vermiest niemand den Männern das Machotum. Derweil wird in Griechenland mehr trocken-humoristisch ein Generationenkonflikt ausgetragen.

Kino
SCREAM 5
Mord’s was los in Woodboro.

SPENCER
Der wild Engel und die Scare Crow.

GLORIA MUNDI – RÜCKKEHR NACH MARSEILLE
Alles Glück der Welt in einen Säugling hineinprojiziert.

EGALITE
Gar nicht blind, diese schöne Erzählung über Blindheit.

LUNANA – DAS GLÜCK VOM HIMALAYA
Karma und Yak

DVD
SHANE
Ein Erlebnis!

TITANE
Dieser Frau ist kein Feuerwehrmann und kein Rennbolide gewachsen.

DER HOCHZEITSSCHNEIDER VON ATHEN
Schlimm, wenn der Junior der Traditionsherrenschneiderei sich an Frauenkleidern versucht!

Scream 5

Mords was los in Woodsboro

Ein Coming-of-Age-Film der heftigeren Art. Es ist nicht leicht, in Woodsboro, das durch die Scream-Filme berühmt geworden ist, jung zu sein, wenn einer oder eine in der Clique ist, der oder die vom Serienkiller mit der berühmten Ghostface-Maske abstammt.

Ein Entkommen ist kaum möglich, selbst wenn jemand sich nach Kalifornien absetzt. Jedenfalls taucht das MaskenGesicht plötzlich wieder auf und fängt an, Leute umzubringen und die jungen Leute erfahren, dass einer oder eine von ihnen der Killer ist. Das trägt abgrundtiefes Misstrauen in die Gruppe.

Vertrauen, Misstrauen, das ist ein fundamentales Thema in dem Alter, wenn der Mensch die Paarung im Sinne hat. Ist ein lebenslanges Vertrauen möglich oder stecken irgendwo schon Messer unterm Gewande. Nirgendwo tötet sich’s intensiver als in den engsten Beziehungen; nirgendwo wird häufiger gemordet als in der Familie.

Dies ist die fünfte Ausgabe der Franchise Scream, der Regisseur der ersten vier ist inzwischen verstorben, Wes Craven, dem der Film gewidmet ist in der Regie von Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett nach dem Drehbuch von James Vanderbilt und Guy Busick nach Charakteren von Kevin Williamson.

Die letzte Folge ist schon zehn Jahre her. Stefes Review fing so an „Verfrozzelt, verspektakelt, stellenweise wie ein Fall aus der Serie TKKG, überfrachtet und überfüllt, so kommt diese Fortsetzung einer Fortsetzung der Fortsetzung daher. Oder: der Film fängt nach dem Vorspann zum Vorspann zum Vorspann des Vorspanns endlich an. Er verheddert sich dabei ständig in den Realitäts- und Zitatenebenen und der Zuschauer weiß nicht recht, wo er andocken soll. Dadurch will auch der Schrecken nicht recht in Gang kommen, denn immer wars nur der Schrecken vom Vorfilm oder aus dem Vorfilm zum Vorfilm oder aus dem Vorfilm zum Vorfilm zum Vorfilm.“ Siehe die Review von stefe.

Diesmal fängt es leichter nachvollziehbar an, mit einem Verwirrung stiftenden Anruf, wie es sich gehört für einen feinen Horrorfilm, der viel mehr ist als nur ein Geisterbahnfilm, der in ziemlich extremer Form die Angstsaite der Umwälzungen des Coming-of-Age zum Klingen bringt.

Es dürfte primär ein Film für die Altersklasse sein, die den Film zum Hangout konsumiert, die ihre eigene Situation natürlich weit überspitzt dargestellt sieht und so ist es auch ein neuer Cast einer Riege junger Darstellerinnen und Darsteller, die hier eine Chance bekommen; aber das altgediente Trio aus den ersten Folgen ist auch wieder mit dabei, und das ist für die Fans so einer Serie doch wichtig: Neve Campbell als Sidney, Courteney Cox als Gale und David Arquette als Deputy Dewey.

Der Film dürfte als Massenveranstaltung bestens funktionieren und das Publikum bei der Stange halten. Die Witzeleien auf der Metaebene über das Killermovie-Genre (Stabmovie) sind mir etwas zu häufig eingesetzt; da aber die andere Ebene, die mit dem Thema des Vertrauens und das Familienmelo nicht zu kurz kommt, dürfte das dem Erfolg nicht hinderlich sein, von der Jugend als angenehm schmerzhafte Abwechslung wahrgenommen werden. Und was die Herstellung filmschöner Gesichter betrifft, so eifert die weibliche Starjugend den Seniorinnen erfolgreich hinterher.

Spencer

A Royal Scare-Crow,

eine königliche Vogelscheuche ist das Symbol, was Regisseur Pablo Larraín (Neruda, El Club, Ema, No, Post Mortem) nach dem Drehbuch von Steven Knight diesem Film über Lady Di als farcehaften Stempel aufdrückt. Damit meint er nicht Diana, sensationell verkörpert von Kristen Stewart. Damit meint er allenfalls das Bild, was Her Britannic Majesty the Queens Family von ihr hat. Sie benimmt sich ja auch so.

Dem Film vorangestellt ist der Kommentar, dass es sich um eine Fabel nach einer wahren Tragödie handelt. Jedem selbst benommen, die Vogelscheuche als ein Fabeltier zu sehen – oder Menschen als Vogelscheuchen.

Was sich mit Kostüm, Maske und exquisiter Schauspieler in genialer Regie heute alles machen lässt, ist erstaunlich: ohne dass auch nur einer der Darsteller imitierte, erwecken sie allesamt und allen voran selbstverständlich Kristen Stewart, die Vorstellung der echten Royals zumindest als die Klatschspaltenfiguren, als die sie allgegenwärtig sind.

Das gilt genau so für Prinz Charles (Jack Farthing), für die Queen (Stella Gonet), Camilla Parker Bowles (Emma Darwall-Smith), um die bekanntesten Figuren aus der Regenbogenpresse anzuführen; aber verblüffend ist auch der Cast der Hofschranzen, diese Gesichter, diese Haltungen!, allen voran Major Alistar Gregory (Timothy Spall), den die Extravaganzen der Prinzessin an den Rand der Verzweiflung bringen dürften, wovon er sich allerdings nichts anmerken lässt.

Steven Knight dampft die Handlung auf wenige Weihnachtstage auf Schloss Sandringham ein. Es gibt überwiegend Innenaufnahmen. Prunkvolle Räume, meist in Deutschland gedreht. Die Tage der königlichen Familie sind bestimmt von strengem Protokoll, über das Gregory pedantisch wacht.

Die einzige menschlich ansprechbare Seele für Diana ist ihre Gouvernante Maggie (Sally Hawkins). Die bilden ein herzliches Duo, was in der kalten Atmosphäre Wärme verbreitet. Aber auch das soll nicht sein. Maggie wird aus dem Schloss wegbeordert.

Diana eckt dadurch nur noch mehr an. Sie zieht nicht an, was ihr vorgeschrieben ist, sie will sich selber anziehen, braucht keine Hilfe dazu, sie kommt zu spät, sie reißt sich die Perlenkette vom Hals, weil Charles diese schon Camilla geschenkt hatte.

Subtil und in Details entwirft der Film den eisig-eisernen Käfig, in dem Diana gefangen ist. Sie will ausbüxen, sie will das Gut nebenan besuchen, in dem sie aufgewachsen ist. Sie dreht fast durch, verletzt sich selbst. Fürs Familienfoto zieht sie ein unpassendes Kleid an.

Der Film schafft es, diese klaustrophobische königliche Atmosphäre über den Kinosaal auszubreiten. Insofern ist es kein befreiendes Kino. Und es ist mehr als nur Klatschspaltenkino, dadurch, dass es das Märchenhafte des königlichen Daseins hart konterkariert mit der Vogelscheuche, die er für den Zuschauer anfangs des Filmes etabliert. Und so Folie ist für die Sicht der königlichen Familie auf das ungeliebte Familienmitglied, das doch dem Hof zwei wunderbare Knaben geschenkt hat, Harry (Freddie Spry) und William (Jack Nielen), die noch in sorglosem Vor- oder Frühpubertätsalter sind.

Der ältere soll an dem Wochende den ersten Fasan schießen. Inhaltlich ist das Buch angelehnt an ‚Anne Boleyn‘ (die in Dianas Fantasie ihr erscheint – Arny Manson), ‚Life & Death of a Martyr“.

Dem Zuschauer steht es selbstverständlich frei, das Vogelscheuchenbild genau so auf die königliche Familie zu projizieren.

Der Drall, den Regisseur Pablo Larrain der Angelegenheit gibt, ist bissig, wie schon in Ema oder The Club arbeitet er haarscharf Perversionen menschlicher Existenz heraus, man könnte auch kommentieren: also das ist kein Humanismus, kein humanistisches Menschenbild, was sich je nachdem die Kirche, die Kunst oder die königliche Familie antut; resp. es ist ein humanistische Kino, was die Differenz zum Humanismus so glasklar herausarbeitet.

Lunana – Das Glück liegt am Himalaya

Ein Mensch hat einen Plan, etwas durchkreuzt diesen Plan, aber der Mensch macht was draus.

Das ist ein universelles und bewährtes Erzählmuster, das hat gerade letzte Woche das französische Kino mit Plötzlich aufs Land bewiesen (Wissenschaftlerin mit Karriereambition in Amerika landet als Veterinärin in der französischen Provinz).

Hier im Film von Pawo Choyning Dorji ist es der junge Lehrer Ugyen (Sherab Dorji), der vom Land des Bruttosozialglückes Bhutan nach Australien auswandern möchte. Stattdessen landet er in Lunana, dem abgeschiedensten Nest Bhutans, wobei sich die Armseligkeit des Dorfes wohl mehr am filmisch reizvollen Gegensatz der Differenz zum Traum von Australien orientiert als an der Realität. Aber es ist so milde und schön gefilmt, was soll’s.

Nur schweren Herzens sagt Ugyen diesen letzten Teil seiner Ausbildung zu, verschiebt den Australien-Traum. Schon der Weg Lunana ist unewartet lang und beschwerlich und nicht im Sinne seiner Erwartung.

Aber die Kinder auf 4800 Metern Höhe, die nur mit Tagesmärschen zum nächsten zivilisierten Ort kommen können und nur, wenn nicht Winter ist, sind bildungshungrig.

Besonders Pem Zam, das hellwache Mädchen, provoziert den neuen Lehrer. Er muss sich erst einige zivilisatorische Angewohnheiten abschminken, geheizt wird mit Yak-Dung, Papier ist eine Rarität, die Fenster sind mit Papier notdürftig abgeklebt und da wo der Donnerbalken ist neben dem Haus, steht ironischerweise „Kitchen“.

Schön gradeheraus erzählt der Film, wie die Bewohner und die Kinder und besonders eine junge Frau und Sängerin den Lehrer zum Bleiben verführen und wie es ihm schwerfällt, kurz vorm Wintereinbruch doch aufzubrechen.

Im Film gibt es immer wieder Songs, moderne amerikanische oder traditionelle von den Yakhirten, aber nicht so viele, dass man von einem Musical sprechen könnte.

Gloria Mundi – Rückkehr nach Marseille

All der Glanz der Welt,

all der Ruhm der Welt, all die Hoffnung der Welt, die sind in diesem französischen Themenfilm von Robert Guédiguian (Das Haus am Meer, Der Schnee am Kilimandscharo), der mit Serge Valletti auch das Drehbuch geschrieben hat, so ziemlich das Gegenteil von glanzvoll, hoffnungsvoll, ruhmvoll.

Die Anfangsszene ist dem Photographen Artavazd Pelechian gewidmet. Es ist die positive These in dem Film. Die Geburt eines gesunden Mädchens, Gloria! Es ist die Tochter von Mathilda (Anais Demoustier) und Nicolas (Robinson Stévenin). Die strahlenden glücklichen Familienbilder, Hoffnung pur, Glück pur.

Der Film schaut sich in den familiären Verhältnissen weiter um. Bruno arbeitet als feiner Uber-Limousinen-Fahrer, wird bald schon arbeitsunfähig zusammengeschlagen. Mathilde arbeitet als Verkäuferin in der Kleiderabteilung eines Supermarktes mit doofer Chefin. Finanziell wird die Situation prekär, wie Bruno nicht mehr arbeiten kann, sein Arm ist im Gips. Das ist so eine Story, wie er versucht, eine Beamtin davon zu überzeugen, dass er trotzdem arbeitsfähig sei.

Die Mutter von Mathilda ist Sylvie (Ariane Ascaride). Sie lebt mit ihrem zweiten Lebensgefährten zusammen, mit Richard (Jean-Pierre Darroussin). Der ist Busfahrer, wird aber beim Telefonieren mit dem Handy erwischt.

Der erste Lebensgefährte von Sylvie kommt nach 20 Jahren aus dem Knast in Rennes und taucht bei Sylvie in Marseille auf. Das ist Daniel (Gérard Meylan), der im Gefängnis die Kunst des Haiku erlernt hat, wodurch in die einfache Prolowelt abgetaucht und ab und an ein literarisches Blümchen eingeflochten wird.

Die Schwester von Mathilda, das ist Aurore (Lola Naymark). Sie lebt mit Bruno (Grégoire Leprince-Ringuet) zusammen. Die beiden betreiben nach harten Geschäftsprinzipien einen Laden, in welchem sie gebrauchte Gegenstände an- und verkaufen.

Das Drehbuch konstruiert alle Menschen so, dass sie kaum Spielraum für Glück haben. Was nicht heißt, dass nicht gefickt wird. Und zwar nicht so, wie die offiziellen Verhältnisse sind.

Guédiguian liefert einmal mehr präzise, hautnahe Milieustudien aus den sozial unteren Verhältnissen, aus den sozialen Randgebieten, von den Menschen, für die das Leben wie ein Hamsterrad ist, sie schuften und schuften und kommen auf keinen grünen Zweig.

Die Enge ihrer Verhältnisse verführt sie vielmehr dazu, mit nicht lauteren Mitteln sich durchzuwurschteln mit unerfreulichen Folgen. Und mittendrin wächst die große Hoffnung, das Mädchen Gloria heran, das Ende des Filmes immer noch ein Säugling ist, für den niemand so richtig Zeit hat. Wie ernst das alles ist, untermalt immer wieder ruhige, gedämpft-getragen klassische Musik, dem Soziodram angemessen Rechnung tragend.

Egalité

Unerklärliche Blindheit

Es gibt sie, die unerklärliche Blindheit, sie mag nervlich oder psychosomatisch bedingt sein. Die Ärzte können sie nicht erklären. Blindheit als solche ist negativ belastet. Einzig beim Thema Justiz gilt sie als qualitativ konstituierendes Symbol; darauf dürfte auch der Filmtitel mit dem französischen Wort für Gleichheit, Egalité, anspielen. Vor dem Gesetz sind alle gleich, ohne Ansehen der Person.

Kida Khodr Ramadan, der mit Constantin Lieb auch das Drehbuch geschrieben hat, benutzt den Fall einer plötzlichen, unerklärlichen Blindheit des Mädchens Leila (Dunya Ramadan), um anhand der Familie Aydin (Vater Attila: Burak Yigit, und Mutter, Susana Abdul Majid) einen aktuellen Blick auf den Stand der Integration in Deutschland zu werfen.

Familie Aydin ist praktisch bürgerlich integriert, bewohnt eine großzügige Wohnung, überlegt sich, einen Sprinter als Familienauto zuzulegen, die Kinder gehen ordentlich zur Schule, sprechen einwandfrei Deutsch.

Mutter ist die perfekter Integrierte. Beim Vater scheint die Schale deutscher Bürgerlichkeit noch recht löchrig. Das zeigt sich nach der Mandel-OP von Leila. Die verzögert sich erst und nach dem Aufwachen kann Leila nichts mehr sehen. Attila reagiert schnell unbeherrscht, cholerisch. Mutter beschwichtigt; sie ist die Coole, Beherrschte, nur nicht negativ auffallen.

Hier wäre es ein Gedankenspiel angebracht, wie denn ein deutscher Bourgeois ohne direkten Migrationshintergrund sich aufführen würde. Im cholerischen Falle wäre gut denkbar, dass er mit Gericht und Rechtsschutz droht und auch ziemlich laut würde.

Durch das Problem der Blindheit treffen die Eltern mit anderen Menschen zusammen, Ärzten, Ladenbetreibern, Empfangspersonal (den Deutschesten darunter, der gar kein Verständnis hat, spielt der Regisseur selber). Das Kanakenelement ist so gut wie nicht mehr dabei.

Später greift Attila zu einem Akt der Selbstjustiz: der lässt eher auf eine Sozialisierung durch das amerikanische Fernsehen schließen.

Ramadan hat einen natürlichen Erzählduktus, der sich angenehm abhebt vom oft hochsubventionierten deutschen Themenfilm mit seinen erfunden Figuren und Dialogen. Es liegt Ramadan daran, die Verhältnisse so plausibel und glaubwürdig wie möglich zu schildern, was ihm auch exzellent gelingt unter Verzicht auf jegliche Art von Mätzchen oder Bemühung um Originalität. Er nähert sich – gar nicht blind – dem Hier und Heute. Dabei wandelt sich der Begriff Integration in Richtung Verbürgerlichung.