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Bonn – Alte Freunde, neue Feinde (DVD)

Diese ARD-Miniserie kommt mit pompösem Anspruch daher: nämlich die junge Bonner Republik, die aus den Trümmern des Nazireiches emporsteigt, und ihre Verwicklungen mit diesem zu schildern.

Die Eröffnungsszene dieser ARD-Mini-Serie unter redaktioneller Aufsicht von Götz Vogt ist gleichzeitig die Schlüsselszene.

Sie zeigt zweierlei. Zum einen den Vorgang, der im Laufe der Serie enträtselt wird. Zum anderen, dass hier mit möglichst wenig Geld und viel schnellem Studio eine glaubwürdige historische Atmosphäre erzeugt werden soll. Historisches im Film und im Fernsehen ist immer aufwändig und teuer, umsomehr fällt auf, wenn gespart werden soll – und das ist hier so.

Es ist eine typische Zweit-Weltkriegs-Studio-Wald-Szene. Soldaten kämpfen. Ein Titel besagt, dass es sich um die Ardennen 1944 handeln soll. Die Figur im Mittelpunkt dieser Szene wird Dreh- und Angelpunkt der Recherchen und Nachforschungen, der Enthüllungen und Verhüllungen, der Verwicklungen in der jungen Bundesrepublik zehn Jahre später.

In Salamitaktik bringt die Serie Stück um Stück die Erklärung dieser Szene an den Tag.

Es ist ein dramaturgisches Machtspiel, wenn man so will, mit einer Serie eine anfangs im Unklaren belassene Studiowaldszene zu erklären. Ob das eine gute Idee ist? Erzähltechnik im Stile des Vergeheimnissens – eher billig.

Die Absicht dieser ARD-Miniserie in der Regie von Claudia Garde nach den Drehbüchern von ihr selbst, Peter Furrer, Gerrit Hermans, Martin Rehbock und Lucas Thiem scheint es zu sein, einem möglichst breiten Publikum in der Form eines Thriller zu zeigen, wie naziverseucht die junge Bundesrepublik war.

Dies ist zwar immer wieder schockierend. Andererseits handelt es sich hierbei um eine Banalität, war doch der Großteil der Deutschen entweder Nazis oder Mitläufer; Widerständler, die nach dem Krieg glaubwürdig entnazifiziert werden konnten, gab es wenige, darauf weist die Serie an einer brisanten Stelle hin, wie eine mutmaßliche Verschwörung vom Verfassungsschutz hops genommen werden soll.

Die Banalität besteht in der simplen Überlegung, wer hätte denn das Land wiederaufbauen sollen, wer wäre übrig geblieben, wenn alle Exnazis und alle Mitläufer nicht hätten mittun dürfen? Das Land wäre wohl heute noch nicht wiederaufgebaut.

Dass die Serie für ein einfacheres Publikum gedacht ist zeigen Dialogsätze, die genauso gut als Füllsätze interpretiert werden können; es sind dies überwiegend beliebig austauschbare Sätze, die weder eine Figur charakterisieren, noch die Handlung vorwärtstreiben, noch der Geschichte eine Besonderheit geben, es sind Sätze von einer erbärmlich sterilen TV-Austauschbarkeit, Sätze wie aus einem Do-it-yourself-billig-Baukasten für TV-Drehbuchautoren. Sätze, die Könner bei der ersten Überarbeitung des Textes sofort wieder streichen würden.

Ich komme diese verdammte Fliege nicht gebunden, hilf mir.
Sie betreiben ein schmutziges Geschäft Herr John.
Ich kümmere mich um ihn.
Nein, ich kann nicht, ich kann sie nicht alleine lassen.
Wovor hast Du Angst?
Du tust, was du für richtig hälst.
Was ist passiert?
Pass gut auf dich auf, ich muss los.
Damit du über die Runden konmst.
Und das ist ein sehr schönes Nachthemd.
Du darfst jetzt nicht aufgeben.
Sie können jetzt einen Kaffee trinken gehen.
Wir sollten uns heiraten, weil wir uns lieben.
Ich glaube, die Farbe könnte Ihnen sitzen.
Ich gebe immerhin großzügig Trinkgeld.
Esse bitt, jetzt iss doch was.
Er muss sich jetzt erholen ..
und das sollten Sie auch tun,
Schlafen Sie, wenn Sie können.

Ab und an werden Sprichwörter in die Dialoge eingeflochten wie „Reisende soll man nicht aufhalten, heißt es“, was auf eine oberflächliche und schnelle Drehbucharbeit schließen lässt.

Die öffentlich-rechtliche Moral muss selbstverständlich bei so einem schweren Thema auch Eingang finden in den Dialog mit dem Vorwurf: „Wie kann man eigentlich damit leben, dass Millionen Menschen ins Gas geschickt wurden?“.

Mercedes Müller spielt die reine, zentrale, ehrliche Figur Toni Schmidt, die den Nazidreck sieht, der überall noch vorhanden ist. Ihre wichtigste Frage ist diejenige nach dem Verbleib ihres Bruders Stefan. Darum ranken sich Texte und Geheimnisse. Toni wird vorgestellt bei einer Party in London, wo sie eine Au Pair Stelle angenommen hat. Das wird für sie von Nutzen sein, denn nach ihrer Rückkehr wird sie als Sekretärin und Übersetzerin für Reinhard Gehlen arbeiten und tiefe Einblicke in diese Organisation erhalten, sie erfährt Dinge, die sie kaum glauben möchte.

Martin Wuttke als Reinhard Gehlen (Organisation Gehlen) ist einer der beiden männlichen, markanten Eckpfeiler dieser Miniserie. Sein Gegenspieler ist der nicht weniger markante Sebastian Blomberg als Otto John vom Verfassungsschutz. Dieser ist ein Nazijäger, während Gehlen der Nazivertuscher und -schützer ist.

Für Toni wird eine schematische Liebesgeschichte nach den mutmaßlichen Ansprüchen der Fernsehunterhaltung erfunden. Sie wird sich mit dem Betreiber eines Radio- und Fernsehgeschäftes verloben. Ihr wird der Konflikt zwischen Liebe und Job aufgehalst, der einmal auch das Thema der Gebärmaschine in einen Dialog einbringt. Ihr Vater ist Bauunternehmer (Juergen Maurer). Die Familie wohnt extrem repräsentativ für die 50er Jahre. Ihrem Vater hat sie den Job bei Gehlen zu verdanken. Die beiden kennen sich lange. Gemeinsame Nazivergangenheit, gemeinsame Ziele heute.

Der vierte im Bundes des dramaturgischen Grundpfeiler-Quartetts ist Max Riemelt als Wolfgang Berns, ein Nazijäger aus persönlichen Gründen. Er sitzt zwischen allen Stühlen, und, das ist nun wirklich billig, weil er mit Toni zu tun hat, können laut Fernsehautoren auch hier die Gefühle nicht geleugnet werden. Ihm wird eine Biographie zugeschrieben mit Abgründen und Schicksalsschlägen, wie sie zu dem prima Schauspieler und generell vertrauenswürdigen Typen, der er ist, überhaupt nicht passen; er ist eine sympathische Fehlbesetzung, wenn denn das Buch Glaubwürdigkeit beanspruchen wollte. Die ihm zugeschriebene Biographie verlangte nach einem kaputten Typen oder zumindest nach einem mit seelischer Verkommenheit, untauglich für die Rom-Com, die das Buch in Heimatfilmmanier ihm an Ende noch unterjubelt; da stimmt dann zwar der Riemelt, aber die Geschichte nicht mehr. Riemelt ist einfach zu nett und zu sympathisch, selbst in Zweikämpfen.

Es ist eine illustrierende Serie mit zu viel austauschbarem Fülltext und zu oberflächlich und schematisch konstruierten Liebesgeschichten. Blomberg und Wuttke, dazwischen der gummiartig freundliche, sich anpassende, undurchsichtige Agent Berns und dann die reine, nicht käufliche Sekretärin, die neuen Verbrechen auf die Spur kommt. Was jeweils am Anfang einer Folge in kurzen Takes von der Vorfolge wiederholt wird, ist im Wesentlichen auch die Substanz jener Folge, also sehr wenig, was dann jeweils auf etwa eine Stunde aufgeblasen und mit blassen Figuren und dünnen Texten aufgefüllt werden muss; diese werden von den Darstellern in professioneller Konzentration dargeboten.

Kommentar zu den Reviews vom 26. Januar 2023

Heute geht es im Kino ans Eingemachte! In England muss ein Vater einen depressiven Sohn aushalten. In Russland kochen die Fieberträume über. Kaum auszuhalten, diese anfängliche Harmonie einer Jungsfreundschaft in Belgien. Einen Blick in arabische Gefängnisse zu werfen, kostet Nerven. Als Adoptierte aus Frankreich die leiblichen Eltern in Korea ausfindig zu machen, ist eine Herausforderung. Als Muslima in Myanmar zu überleben, geht ans Existenzielle. Wenn Klassik aus dem Konzertsaal hinaus an Brennpunkte geht. Die Detektivinstinkte deutscher Kids sind mit einem Requisitenjob beim Film nicht ruhigzustellen. Die Knastkarriere eines Jungen aus Berlin ist vorgezeichnet, das ist die Härte. In Amerika für die Gleichberechtigung der Schwarzen zu kämpfen nicht weniger. In Deutschland liegen sich die Geschlechter im Clinch nach einem Theaterstück. Bei den DVDs gibt es Angebote vom kulinarisch interregligiösen Austausch über eine ukrainische Kriegsheldengeschichte zu einem amerikanischen Horror-Plus bis zum hochkünstlerisch-malerisch dystopischen Ökokrisengemälde. Im TV haben sie sich in einem neuen Talk-Format verläppert. Und dann gab es noch einen Kommentar zu den Oscar-Nominierungen.

Kino
THE SON
Das mit der pubertären Depression ist eine besonders schwierige Sache.

PETROV‘ S FLU – PETROW HAT FIEBER
Ein Russland in Fieberträumen

CLOSE
Kostbar-gefährdete, flämische Jungsfreundschaft

SHARAF
Gnadenloser Einblick in arabische Gefängnis-Welten

RETURN TO SEOUL
Die Sache mit den leiblichen Eltern bei Adoption in einen anderen Kulturkreis kurz nach der Geburt

MIDVIVES
Als Muslima überleben in Myanmar

CHOPIN – ICH FÜRCHTE MICH NICHT VOR DER DUNKELHEIT
Musik als Waffe

DIE DREI??? – ERBE DES DRACHEN
Einmal mehr können sie ihre Detektiv-Instinkte nicht bändigen.

KALLE KOSMONAUT
Wenn das Leben nichts Gscheits mit einem vorhat.

TILL – KAMPF UM DIE WAHRHEIT
Skrupulös zur schwarzen Emanzipationsgeschichte in den USA mit einer Gesetzesfolge Jahrzehnte später

CAVEMAN
Der Mann stammt vom Höhlenbewohner ab.

DIE AUSSPRACHE – WOMEN TALKING
Wollen diese Frauen sich emanzipieren oder nicht?
Darüber müssen sie lange in einer Scheune reden.

DVD
NICHT GANZ KOSCHER
Orientalische Versöhnungsgeschichte

SNIPER – THE WHITE RAVEN
Ukrainische Kriegsheldengeschichte

ORPHAN FIRST KILL
Das Horrorpulver gleich zu Beginn verschossen zu haben, ist eine Finte.

VESPER CHRONICLES
Düsterer Öko-Bio-Design Sci-Fi

TV
KARLSPLATZ
Promis tun sich an den Zwangsgebührentöpfen gütlich – mit Überschaubarem Gegenwert.

Kommentar
Kommentar zu den Oscar-Nominierungen

Chopin – Ich fürchte mich nicht vor der Dunkelheit

Kunstvolles Dreierlei

Joanna Kaczmarek, die mit Eunjung Koo und Youngkyung Yoon auch das Drehbuch geschrieben hat, verbindet in ihrem Dokumentarfilm die Kurzporträts der Pianisten Leszek Mozdzer, Fares Marek Basmadji und Won Jae-Yeon, musikphilosophische Gedanken speziell anhand von Chopin und welpolitisch brisanten Bruchstellen zu einem geistangregenden Triptychon.

Den syrischen Pianisten Fares Marek Basmadji verbindet mit Chopin die gemischte Herkunft, seine Mutter ist Polin, sein Vater Syrer. Der südkoreanische Pianist won Jae-Yeon lebt direkt am Grenzzaun zu Nordkorea. Ihm ist die brutale Spaltung des Landes ständig bewusst und er fragt sich, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er in Nordkorea aufgewachsen wäre. Der polnische Pianist Leszek Modzzer verbindet Musik- mit Naturphilosophie.

Alle drei Künstler weiten ihren Horizont über das klassische Musikgeschäft hinaus. Sie glauben an die transformative Kraft der Musik, besonders bei Chopin, daran, dass Musik die gemeinsame Seele verschiedener Menschen ansprechen kann, dass Musik Resonanz erzeugt, den Menschen so in seinem naturhaften Zusammenhang anspricht; natürlich auch im Antikriegssinne, wenn das so wörtlich auch nicht ausgesprochen wird.

Chopin sei vom menschlichen Körper ausgegangen: und manche politischen Verwerfungen sind auf Trennung der menschlichen Körper aus. Deshalb wird der syrische Pianist, der nach England geflohen ist, vor Flüchtlingen in Beiruth auf der Straße spielen; er konfrontiert sich mit der Aussichtslosigkeit der Kinder in den Lagern, was Bildung und eine schöne Zukunft verspricht; schätzt sich glücklich, dass er so eine Ausbildung haben konnte. Der südkoreanische Pianist will sich nicht defätistisch mit der Trennung Koreas abfinden: er organisiert einen Auftritt auf einer nicht benutzten Grenzbrücke. Dem polnischen Pianisten gehen die Gräuel der Nazis nicht aus dem Kopf: in Auschwitz will er positive Resonanz erzeugen. Es ist die Hoffnung, dass Musik, die im Dunklen gespielt wird, etwas auslösen kann oder auch, dass sie einen psychotherapeutischen Effekt habe.

Close

Pointillistisches Storytelling

Close, nah, ist nicht nur Titel im Film von Lukas Dhont, der mit Angelo Tijssens auch das Drehbuch geschrieben hat, nah ist auch die systematische Erzählmethode. Sie ist immer nah dran, verzichtet auf jegliche Art von Establishing Shots, von Rahmen der Erzählung.

Fast vernarrt scheint der Regisseur in die Welt seiner beiden Protagonisten, den etwa 12-, 13-jährigen Jungs Léo (Eden Dambrine) und Rémi (Gustav De Waele). Sie sind unschuldige, ahnungsvolle Bubenfreunde, Jungsfreunde. Eine Freundschaft, zwischen die kein Blatt passt.

Lukas Dhont ist immer nah an den beiden dran, beim Blumenpflücken, beim Radfahren, in der Schule, zuhause, wenn der eine beim anderen übernachtet, wenn der eine den anderen beobachtet.

Dieses Punktuelle als Erzählstruktur, das meine ich mit Pointillismus, es entsteht so ein Gesamtbild wie bei den Pointillisten, aus lauter einzelnen Eindrücken – Farbtupfern, Erzähltupfern – zusammengesetzt, ein heiter-helles Bild.

Es gibt zwar Unterschiede der beiden Freunde, Rémi ist der musisch begabte, Léo spielt den harten Männersport Eishockey und auf die Frage von Mädchen in der Schule, ob die beiden ein Paar seien, verneint er energisch.

Es ist ein Film, der sich im Gefühligen suhlt, der das Unausgesprochene, das schwer Auszusprechende bebildert. Es ist ein Film, der so eine Jugendfreundschaft vollkommen anders schildert als Acht Berge oder Zeiten des Umbruchs. Hier entsteht das Drama aus anderen Gründen, aus Gründen der weißen Vorherrschaft in Amerika zerbricht die Freundschaft der beiden ungleichen Freunde Paul und Johnny.

Im Film von Lukas Dhont ist es die Liebesgeschichte selber, die der eine nicht aushält, vielleicht auch das nicht Erklärte, das nicht Besprochene, das den einen Verzweifeln lässt. Warum der eine Angst hat davor, das muss sich der Zuschauer selber zusammenklamüsern.

Es ist die Geschichte des Anfanges eines hochsensiblen Coming-of-Ages von zwei Jungs, das in die Randbezirke und weiter des Suizidalen führt. Es ist ein unerklärlicher Bruch in einer Beziehung, wie er gerade in The Banshees of Irisherin in der Erwachsenenwelt und aus heiterem Himmel vorgeführt wird.

Es ist eine Erzählform, die Platz für das Werweißen lässt, eine Erzählform beiläufigen Beobachtens, hochartifizeller Misen-en-Scene; die kommen nicht zusammen, um eine Liebesszene zu spielen oder dergleichen, sie tun, was Schuljungs tun und der eine darf beim anderen übernachten, alles höchst normal und selbstverständlich.

Der Film erhascht so aber auch immer Momente, die verdeutlichen, wie sensibel diese Freundschaft ist, was für Gefühle in diesem Alter noch unbekannt, aber am Erwachen sind, fast könnte man meinen, der Film verlustiere sich voyeuristisch, gar exploitativ daran bis zur Ekstase. Oder er sprüht dieses Gefühl wie ein besonders kostbares Parfüm auf die Leinwand. Ohne die dunkle Seite bei dem vielen Licht zu vernachlässigen.

Caveman

Als Theaterstück

ist Caveman ein Welterfolg, auch in Deutschland wird es immer und immer wieder gespielt.

Unter dramaturgischer Betreuung durch Doron Wisotzky hat Laura Lackmann, die mit Simon Hauschild auch das Drehbuch geschrieben hat, das Theaterstück für den Film adaptiert.

Als Rahmenhandlung für den realen Theaterauftritt von Moritz Bleibtreu als Comedien wird die Geschichte drumherum erfunden und hinzugefügt und dann immer wieder in den Theaterabend in einem reizvollen Theater mit Lämpchen und Tischchen für den Champagner der Gäste hineingeschnitten. Es dürfte damit, wenn ich das richtig verstehe, aus dem Privatleben der Hauptfigur die Genese des Stückes nachgezeichnet werden.

Moritz Bleibtreu, ein nach wie vor wenn nicht immer mehr, fantastischer Schauspieler, lebt mit Laura Tonke in einer Beziehung mit dem üblichen Beziehungsclinch, aus dem wohl der Stoff für mehrere Theaterabend zu destillieren wäre. Mann und Frau passen nicht zusammen, die Vorstellung des Mannes von der Frau und die Vorstellung der Frau vom Mann, sind nie und nimmer kongruent zu machen.

Der Manager von dem edlen Theater schlägt Bleibtreu vor, ein Programm zusammenzustellen. Dazu kommt er aber kaum, weil immer der Beziehungsclinch dazwischenfährt. Sowohl Privatleben als auch das Stück sind gespickt mit Pointen zu dem Never-ending-Thema Mann und Frau.

Eine weitere, wunderbare Figur bringt der hier langhaarige Wotan Wilke Möhring in die Szenerie; er ist Freund und Nachbar von Bleibtreu, lebt mit Hund im angrenzenden Reihenhaus. Eine Spezialnummer gibt es zwischen Bleibtreu und Jürgen Vogel. Der spielt hier mit kurzen Auftritten einen Putzmann, da die Gespielin von Bleibtreu nicht ständig hinter ihm herputzen will und er selber dafür nicht das entsprechend ausgebildete Sensorium hat. Die Spitzennummer ist ein köstlicher Leitertanz der beiden auf der Straße mit den Reihenhäusern.

Das Stück spielt offenbar in Amerika. Das wird aber bei dieser deutschen Variante nicht weiter thematisiert, außer bei einigen Szenen mit einer dieser amerikanischen Männersportarten.

Anfangs versteht der Film es, einen als ungewöhnliche deutsche Komödie zu vereinnahmen und in der Nähe des Erfolgsfilmes Das perfekte Geheimnis anzusiedeln. Allerdings kann er diese Leichtigkeit auf Dauer nicht durchhalten; je mehr der amerikanische Sport auftaucht, desto mehr drängt sich einem auf, dass hier das deutsche Kino versuche mit dem amerikanischen zu wetteifern, wodurch allerdings eine gewisse Schwere nicht mehr zu übersehen ist; hier sind die Figuren im Lebensalter weiter fortgeschritten.

Trotzdem, das thematische Spiel, das sich auf der Unsicherheit der Geschlechter mit sich selber und mit dem anderen Geschlechte aufbaut, dürfte beim Publikum eine sichere Bank sein.

Till – Kampf um die Wahrheit

Untadelig

Nicht nur untadelig ist dieser Film von Chinonye Chukwu, die mit Michael Reilly und Keith Beauchamp auch das Drehbuch geschrieben hat, nein er wartet auch mit einer oskarreifen Leistung seiner Protagonistin Danille Deadwyler als Mamie Till-Mobley auf, die mit ihrer Trauerarbeit um ihren ermordeten Sohn Emmett (Jalyn Hall) ein Mosaiksteinchen zur Emanzipationgeschichte der Schwarzen in den USA beigetragen hat, indem letztes Jahr, also 67 Jahre nach der Tat, in den USA der Emmett Till Antilynching Act am 28. Februar 2022 Gesetz geworden ist.

Die Mühlen der Demokratie mahlen wahrlich langsam. Immerhin schon zwei Jahre nach der Tat gab es den Civil Rights Act von 1957.

Untadelig wird der Film erzählt. Es scheint, als wollen die Macher unangreifbar bleiben, um der Sache willen, die hier engagiert vertreten wird, die Würde des Menschen ohne Ansehen der Person, der Hautfarbe. Untadelig sind die Kostüme, entzückendste 50er Jahre, untadelig das Drehbuch, das die Geschichte auf ihre Folgen hin bearbeitet, untadelig der Cast, die Ausstattung, Kamera, Regie.

Mamie lebt mit ihrem 14-jährigen Sohn in Chicago. Sie hat als einzige Schwarze einen Bürojob bei einer Luftfahrtsgesellschaft. Gute Verhältnisse. Der Vater ist im Zweiten Weltkrieg gestorben. Mamie hat einen Freund, Gene (Sean Patrick Thomas).

Der Sohn möchte an den Herkunftsort seiner Vorfahren zurück nach Mississippi, wo noch ein hinterwäldlerischer Rassismus herrscht. Mamie bläut ihm ein, sich anständig zu benehmen, sich anzupassen, sich Weißen gegenüber zu entschuldigen, egal was ist.

Aller gute Rat nützt nichts; Emmett ist eine andere Kultur gewohnt; die streift man nicht bei einem Ortswechsel ab. Im kleinen Kiosk in Money, in dem die Schwarzen einkaufen, bedient eine Weiße, Carolyn Bryant (Haley Bennett). Eine Anmache von Emmet reicht, um das Drama zum Laufen zu bringen. Ihm fällt es nicht ein, sich zu entschuldigen. Er wird von Weißen bei seinem schwarzen Verwandten nachts abgeholt. Später wird seine aufgedunsene Leiche gefunden. Das ist die Stunde des Handelns für Mamie, die sich nicht passiv mit dem Lauf der Dinge abfinden will. Sie findet Unterstützung bei Bürgerrechtlern im Süden, sie geht an die Öffentlichkeit, der Prozess kommt ins Laufen.

Für den fröhlichsten Punkt in der Ausstattung sorgt die Tapete im Zimmer des wunderbaren Emmet: Flugzeuge, Fahrzeuge, Schiffe, bunte Träume. Die Musikuntermalung präferiert das Jazzige.

Return to Seoul

Was ist modern?
Der französische Lebensstil oder der koreanische?
Diese Frage ist auf einen simplen Nenner runtergebrochen.

Freddie (Park Ji-Min) ist biologisch Koreanerin, sozialisiert aber als Französin, als Adoptivkind von, wie es scheint, echt biederen französischen Eltern. Überraschend und gegen die Absprache mit ihren Adoptiveltern unternimmt sie eine Reise nach Korea.

Eigentlich wollte Freddie nach Japan, da gab es kurzfristige Flugausfälle und Freddie hat nur zwei Wochen Zeit. Im Hostel freundet sie sich gleich mit Teena (Guka Han) und Donywan (Son Seung-Beom) an. Beim Ausgehen zeigt sie denen, wie in einer Kneipe angebandelt wird. Hier scheint der französische Lebensstil der lustigere, der modernere zu sein.

Der Film ist ein zweistündiger Zweiteiler. Der erste Teil handelt von diesem Spontanbesuch, der zur Folge hat, dass Freddie sich an die Adoptionsbehörde wendet, dem Hammond, und von denen Telegramme an ihre leiblichen Eltern schicken lässt. Mutter meldet sich nicht. Zur Begegnung mit dem Vater und seiner Familie kommt es in im Provinzstädtchen Gunsan. Freddie wird als Familienmitglied aufgenommen. Aber das ist nicht ihr Leben. Vater fängt an, sie richtiggehend zu stalken.

In der Mitte macht der Film einen Sprung von zwei Jahren. Freddie ist offenbar in Korea geblieben, ist eine moderne Frau, hat Tinder-Begegnungen. Mit André (Louis-Do de Lencquesaing), dem Waffenhändler, scheint sie weiter zugange, auch nach einem 5 Jahressprung; Maxime (Yoann Zimmer) tritt als neue Figur auf. Der Kontakt zum biologischen Vater (Oh Kwang-rok) ist da. Freddie ist eine moderne Frau, kein Fleisch, kein Alkohol. Sie ist inzwischen Raketenverkäuferin.

Der Film gibt sich selber modern, mit abrupten Brüchen, einer gewissen Sprunghaftigkeit der Erzählung, dem Einführen neuer Figuren, ok, Covid tut seines mit dem plötzlichen Erscheinen von Masken, andererseits ist er ein ganz normaler Themenfilm, der Details einer Adoption, vor allem aber das Prozedere fachlich präsentiert, wenn ein Adoptivkind seine biologischen Eltern kennenlernen möchte; es ist ein etwas intellektualistischer Zugriff aufs Thema.

Dieser Film von Davy Chou sei frei nach dem Leben von Laure Badufle.

Sharaf

Zustände sind das!

Dieser Film von Samir Nasr nach dem Roman von Sonallah Ibrahim ist weit mehr als nur die Schilderung der Zustände in einem arabischen Knast, wie er anfänglich den Eindruck erwecken mag. Er ist kein Knastploitation-Movie, der sich an den (erotischen) Zwangssituationen im Knast aufgeilt.

Es ist ein Fim, der sich überraschenderweise zu einer Fundamentalkritik an den arabischen Gesellschaften und ihren selbstverschuldeten Unmüdigkeiten entwickelt.

Möglicherweise ist konkret die palästinensische Gesellschaft gemeint; Hinweis sind einige Kriegs- und Aufstandsdaten seit 1947. Eine der zentralen Szenen im Film lässt darauf schließen, dass weit mehr gemeint ist.

Die arabische Revolution war nirgends erfolgreich, vielleicht etwas in Tunesien. Aber sonst ist die arabische Welt überwiegend geprägt von diktatorischen und unterdrückerischen Strukturen, die mit Demokratie in unserem Sinne wenig gemein haben.

Hauptfigur Sharaf (Ahmed Al Munirawi), ein junger Mann mit Bildung und Manieren, wird in den Knast eingeliefert. Im Film heißt es ausdrücklich, dass es sich um eine fiktionale Geschichte handelt.

Die Uniformen der Beamten sind vielleicht so etwas wie prototypisch arabische Uniformen. Sharaf wird umstandlos gefoltert. Er hat jemanden umgebracht, der ihm zudringlich wurde. Seine Frau und seine Freundin besuchen ihn ab und an. Der Anwalt, der von ihnen versprochen wird und der für einen Prozess unabdingbar wäre, taucht nie auf, das hat eine Parallele mit Warten auf Godot, immer versprochen und nie gekommen.

Im Knast gibt es zwei Gesellschaften, die feinere, die wird „die Königliche“ genannt. Hier genießen die Knastis Privilegien, die sie bezahlen müssen; dass die Korruption grassiert, ist normal, das ist so selbstverständlich wie dass das Wort arabisch mit „A“ anfängt.

Kurz nur schildert der Film die dreckigen Verhältnisse in der zweiten Klasse. Sharaf kommt dank einem Mentor, den er Pascha nennt, in die königliche Abteilung. Er freundet sich an mit Dr. Ramzy (Fadi Abi Samra). Das ist ein reflektierter Mensch, der als Forscher Sauereien in der Pharmaindustrie auf die Spur gekommen ist. Er ist der Kopf hinter dem Puppentheater, was die Gefangenen zur Siegesfeier aufführen dürfen und was der arabischen Welt einen satirischen Spiegel vorhält; was bei den anwesenden, uniformierten Funktionären nicht gut ankommt.

Ramzy kassiert Einzelhaft. Hier wird er in einer endlosen Suada, oft nur auf der Tonspur zu hören, das ganze Elend der arabischen Gesellschaften auf den Punkt bringen. Derweil ist der neue Gefangene Salem (Ibrahim Salah) bei den Königlichen eingezogen. Zu ihm entwickelt Sharaf eine ganz eigene Art von Freundschaft.

Petrov’s Flu – Petrow hat Fieber

Durchgeknalltes Russland
Russexzess
Russenwahn

In diesem neuen Film von Kirill Serebrennikov nach dem Roman von Alexey Salnikov sprengt das russische Leben schier die Leinwand. Es wird geflucht, gehustet, geschimpft (über Barbaren), angerempelt, gekillt, gekotzt, geraucht, vergewaltigt, gefickt, gesoffen.

Es ist Winter, Weihnachten steht bevor. Schnee überall in der russischen Stadt, keine Sonne, Nebel, Düsternis. Im Autobus geht es ruppig zu und her. Ein Alter, der wagt den Mund aufzumachen, wird brutal rausgeworfen, dabei verliert er sein Gebiss, ein Requisit, das durch den Film uns erhalten bleibt.

Das Gebiss landet beim Protagonisten Petrov (Semon Serzin). Der ist sowohl Automechaniker als auch Comic-Zeichner, einer, der sich gehen lässt, der sich durch diese Nacht schieben und treiben lässt. Im Bus, in einer Bibliothek (hier eskaliert eine Dichterlesung in Rangelei), in einem Buchverlag, in der Autowerkstätte, in einem Leichenauto, dem die Leiche wegläuft, und schließlich soll er noch sein Söhnchen, das fiebrige, zur Weihnachtsfeier begleiten. Seine Frau Petrova (Chulpan Khamatova) arbeitet bei der Stadtbibliothek. Messer lösen in ihrem Kopf Mordfantasien aus. Außerdem fickt sie während der Lesungen zwischen den Bücherregalen.

So chaotisch wie Serebrennikov das Leben im Autobus schildert, gerade hier wird extrem auf die Politik und die Politiker geschimpft, so chaotisch läuft die Weihnachtsfeier mit den Kindern, den Häschen und all den Kostümierungen ab, mit dem Nikolaus, ob im Hier oder in der Rückblinde in Schwarz-Weiß, die den letzten Teil des Winters ausmacht. Hier ist noch UdSSR-Zeit. Jahrestag der Oktoberrevolution wird gefeiert, 60 Jahre Revolution. Die Jugend kümmert es nicht weiter, sie ist jung und verliebt und denkt an ihre eigene Zukunft, ist sorglos, muss sich deshalb mit dem Thema Abtreibung beschäftigen.

Ein Autor kommt vor, der ein Manuskript im Buchverlag unterbringen will, auch hier chaotische Zustände, der Verleger nimmt den Autor zur Seite, erklärt ihm seine Untauglichkeit. Darauf will er Selbstmord begehen, Petrov soll ihm dabei assistieren; das wird eine seiner Anekdoten dieser Nacht; die er wohl für sich behalten wird.

Es ist eine Welt, in der auch ein vertikaler Regenbogen nicht weiter verwundert, so wenig wie ein Aspirin von 1977 mit besonderen Wirkungen. Serebrennikov zeichnet ein Russland in Fieberträumen, ein Russland, dem der Boden ständig entzogen wird, ein Russland aber auch, das wunderbar darüber hinweg Musik machen kann und die biedere Kunst des Super-8-Familienfilmes genau so gelten lässt. Ein Russland am Rande des Wahnsinns, ein Russland zum Verzweifeln. Ein Russland, das den Flu erwischt hat.

Auf seine Art durchaus wesensverwandt mit dem Irrsins-Porträt Bardo von Innarritu.
Oder mehr noch mit dem russischen Monumentalklassiker Komm und Sieh.

Midwives

Hla und Nyo Nyo

sind die beiden starken Persönlichkeiten von Protagonistinnen in diesem seltenen Expemplar eines Dokumentarfilmes aus Myanmar, der es bis zu uns ins Kinos schafft. Sie leben im Rakhaing-Staat in Myanmar. Hier lebten für Zeiten Buddhisten und Muslime friedlich zusammen, bis 2016 ethnische Säuberungen begannen, die Muslime verfolgt und vertrieben wurden, ihre Häuser gebrandschatzt.

Noch lebt eine muslimische Rohingya-Minderheit dort. Sie sind stark eingeschränkt in ihren Freiheitsrechten, in ihrer Bewegungsfreiheit. In diesem Gebiet betreibt Hla eine Klinik, weil die Muslime woanders nicht mehr behandelt werden. Hla ist Buddhistin, eine erfahrene Hebamme und Krankenbehandlerin. Im Laufe des Filmes wird es ihr verboten werden, Muslime zu behandeln, so steht ihre Klinik leer. Was heißt hier Klinik, das ist ein einfaches Haus mit mehreren Holzgestellen als Betten.

Nyo Nyo ist Muslima und eine Schülerin von Hla. Die Beruteilung durch die Meisterin fällt nicht gerade hervorragend aus, sie sei zu faul und zu sehr aufs Geld aus, das zeige ihre Kette am Hals. Aber sie ist eine Träumerin. Sie will nach Rangun, ihr Leben hier, wo die Frauen alles machen und die Männer sich bedienen lassen, gefällt ihr nicht. Sie hat einen Mann und zwei Buben. Ihr Mann soll eine andere Frau suchen meint sie.

Doch bevor Nyo Nyo den Traum des Abhauens wahrmachen kann, wird sie schwanger, bekommt endlich ein Mädchen. Auch ihren Traum von der eigenen Klinik wird sie realisieren, auch das ein ganz einfacher Bau. Sie ist die Frau, die mehr Geschäfts-, denn Medizinsinn hat; sie ist Mitglied in einer Spar- und Kreditgruppe muslimischer Frauen; aber sie setzt eine Spritze in den Unterbauch auch mal durch ein Kleidungsstück hindurch. Hier sieht man auch Männer Hand anlegen bei der Errichtung des Hauses.

Die Dokumentaristin Snow Hnin Ei Hlaing stammt selbst aus der Gegend und hat somit einen intimen Zugang zu ihren Protagonistinnen. Sie zeigt Myanmar als ein landschaftlich-kinematographisch verführerisches Gebiet. Die Menschen leben in einfachsten Verähltnissen. Es passiert ein Krieg um die Dörfer herum zwischen zwei Armeen, derjenigen von Myanmar und derjenigen vom Rakhaing-Staat. Zu verstehen ist das aus dieser Perspektive nicht, wie es wahrscheinlich überhaupt nicht zu verstehen ist, auch nicht, warum die Rohingyas plötzlich diskriminiert und vertrieben wurden; es lebt immer noch um eine Million von ihnen außerhalb ihres Heimatlandes als Geflüchtete.

Es kommt der Begriff der „Kinder der verzweifelten Zeit“ vor, der Kinder bezeichnet, die bei der Flucht der Muslime mitten auf den Reisfeldern geboren wurden. Auch werden die Muslime von ihren Verfolgern nicht Muslime, sondern Kalar, das heißt: Farbige, genannt. Sie sollen plötzlich Arkanesisch sprechen.

In den Film hineingeschnitten ist News-Footage über die politischen Entwicklungen, den Militärputsch von 2021, über Demonstrationen und Flucht, teils auch von privaten Quellen. Die Dokumentaristin agiert auf Augenhöhe mit ihren Protagonistinnen, einmal ist sie auch zu hören, wie die Mutter von Hla sie nach ihrem Namen fragt.