Alle Beiträge von Stefe

Zeit des Zorns

Eine merkwürdige Gedenkveranstaltung für den bekannten iranischen Schriftsteller und politischen Intellektuellen Bozorg Alavis, welche im ersten Teil von einem nachwächternden Security-Mann und Freizeitjäger erzählt, der durch den gewaltsamen Tod seiner Frau und den Verlust seiner Tochter zum Rächer am Staat wird, und welche im zweiten Teil sich in einer Menschenjagd in steilem, dichten Unterholz in der Nähe von Teheran zu verlaufen droht.

Nothing Personal

Loneliness / Das Ende einer Beziehung / Heirat / Der Beginn einer Beziehung / Allein. Das sind die Zwischentitel. Vorbeugende Vorkehrungen dagegen, dass einen die Liebe wie der Blitz überfällt. Kopfigkeit gegen Liebe. Aber ausgelassen tanzen in der Disco. Wie Millionen. Nothing Personal. Symbolische Akte: das Wühlen im Seetang, das Herausziehen von Körben zur Krabbenzucht aus dem Wasser, der plötzlich fein gedeckte Tisch, gemeinsam den Wind schauen, Kartoffelsoufflé mit Pilzen aus feuchtem Waldboden. Ironisch. Nothing Personal. „Kein Mensch könnte Dich erfinden“. Die Liebe ist Nothing Personal. Fritz Wunderlich singt: „Fremd bin ich eingezogen“. Der Film als Puppenstube für Liebesexperimente, als ein Traum zum Füllen einer ausgeräumten Wohnung in Amsterdam.

A Single Man

Unter den stilsicheren, geschmackvollen Händen und Augen von Tom Ford schmiegt sich die Leinwand wie aus edelster Seide und topästhetisch um den Zuschauer, erwärmt ihn wie im Luxusspa für die Liebesgeschichte von Professor Falconer, wunderbar gespielt von Colin Firth.

Greenberg

Schau mal, mir geht’s auch schlecht, ich habe auch meine Krise, mit diesem Subtext wendet sich Greenberg an sein Zielpublikum, 40-jährige Akademiker in leicht verfrühter Midlife-Crisis… und da die Amerikaner das voll drauf haben, dieses Köcheln im Saft des eigenen Unglücks inklusive ironischer Selbstreferenz auf einen nicht mehr ganz taufrischen jüdischen Humor nebst unverhohlenen Augenzwinkerns mit der New York Times und dies leicht verdaulich und sehgefällig darzustellen wissen, so werden sie das Produkt auch gut an den leidenden Mann bringen und ihm, wie er glaubt, Linderung verschaffen.

Lourdes

Einer fröhlichen Marthalerei auf Leinwand gleich stilisiert, ritualisiert und choreographiert Jessica Hausner Bilder eines Heil-Pilger-Aufenthaltes in Lourdes, faszinierter von Rhythmen, Zusammensetzung und Anordnungen einer Gruppe denn vom inhaltlichen Geschehen, insofern von jeder Deutungsschwere befreit wie ein modernes abstraktes Kirchenfenster, von fremdem Licht durchdrungen; 70 Minuten dauert es bis zum Wunder und nochmal 29 Minuten, bis es vorbei ist – zwei Spannen, die jedem, der noch betrachten, schauen und staunen kann, nicht lange vorkommen werden.

Schwerkraft

Der Inhalt lässt sich auf zwei Zeilen kondensieren: ein Bankangestellter muss mitansehen, wie ein Kunde, dem er eben die Kreditverlängerung verweigert hat, sich vor seinen Augen erschiesst; daraufhin beginnt der Banker ein Doppelleben.

Warum das kein bisschen spannend ist? Dazu mag ein Beispiel aus der Chemie beigezogen werden. Wer Wasser mit Kalium zur Reaktion bringt, der kann sein explosives Wunder erleben. Warum wir das spannend finden? Weil Wasser für uns lebenswichtig ist wegen gewisser Eigenschaften. Manche Eigenschaften aber kommen erst durch den Kontakt mit Kalium zur Geltung und bewirken eine zerstörerische Reaktion. Weil wir über diese Eigenschaften informiert sind, verfolgen wir solche Experimente jedesmal aufs Neue mit Spannung.

Im Film SCHWERKRAFT wird uns allerdings die Information über Eigenschaften der Hauptfigur, die diese aus der Bahn werfen könnten, vorenthalten. Sie wird während der Titel als absolut stereotype Banker-Karrieristen-Figur eingeführt: Dunkle Wohnräume, Couch, Fotos von einer Frau werden angeschaut, piekfeine Hemden und Anzüge im begehbaren Schrank, Hometraineraktivität, eine Frau kratzt sich, helle Küche, gestylt, ok, ein Polyp am Fenster passt nicht so ganz, Fahrt zur Arbeit im Mittelklassewagen, Gehupe, Geschrei wegen Parkplatz (Ellenbogenmentalität), Großraumbüro.

Nach unserer Lebenserfahrung, wir würden wahrscheinlich auf die Berichte über traumatisierte Lokführer zurückgreifen, würde der Typ durch das Erlebnis eines solchen Selbstmordes vermutlich der psychiatrischen Behandlung bedürfen, würde an einen Arbeitsplatz ohne Kundenverkehr versetzt.

Frederik aber, so heisst die Hauptfigur, fängt übergangslos ein Doppelleben an. Das ist dann in etwa so, wie wenn eine Kugel, die auf einem Gleis rollt, an der Stelle des Ereignisses auf ein anderes Gleis wechselt… Von Schmalspur auf Breitspur beispielsweise. Schwerkraft als ein physikalischer Vorgang. Schade nur, dass Schwerkraft an sich nicht dramatisch ist. (Wolfgang Staudte hatte einen Film mit dem Titel ROTATION gedreht, war sich aber der Probleme eines solchen Titels bewusst und hat den Begriff dramaturgisch wie inhaltlich und sinnbildlich fest im Film zementiert; da könnte der Herr Erlenwein vielleicht noch was lernen).

Frederik fängt also neben der Bank- noch eine Verbrecherkarriere an. Wie dies eingeführt und begründet wird, ist so an den Haaren herbeigezogen und knarzt dermassen im dramaturgischen wie auch im inszenatorischen Gebälk, dass man sich wundert, ob denn dem alten Hasen Jürgen Vogel diese eklatanten Schwächen des Drehbuches und damit auch die Begründung für seine Figur gar nicht aufgefallen sind. Denn laut Buch sind der Exknasti und Security-Man Vogel und der Bankkarrierist Frederik in der Schule Kumpels gewesen. Nach unserer Erfahrung paaren sich schon in der Schule Gleich und Gleich, Streber und Streber, Loser und Loser, Nichtsportler und Nichtsportler aber doch kaum künftiger Banker und künftiger Knasti. Unglaubwürdig.

Doch dieser Exknasti stellt sich nun ohne jeden Konflikt, und die verstehen sich auch gleich wieder, zur Verfügung, dem Banker eine Zusatzausbildung in Verbrecherei zu bieten. Uns bietet sich eher ein Einblick in ein etwas abgehobenes, leicht weltfremdes Filmstudentenhirn.

Aber um den Filmemacher muss einem nicht bange sein. Sein Produkt ist schon mit zwei wichtigen Filmpreisen und mit höchsten Jury-Elogen und auch Preis-Geld bedacht worden.

Die Jury des First Steps Award 2009 hat in SCHWERKRAFT ein „Schwergewicht“ gesehen „großes Kino, unterhaltsam und mit Tiefgang“. Ist uns alles nicht aufgefallen. Sie hat weiter „eine hochexplosive Mischung“, die sich in Frederik aufbaut, gesehen – eben doch gerade nicht! Eben nicht wie oben Wasser und Kalium, ferner „eine dichte Erzählung mit brillianten Dialogen“ – die Dialoge sind zwar geschliffen, aber es sind Kieselsteine und keine Diamanten. Die Jury, die das alles gesehen hat, bestand aus: Marco Kreuzpaintner, Bernd Lange, Klaudia Wick, Katja Riemann und Ludwig Trepte. Vielleicht haben die einen anderen Film gesehen.

Und die Vergabe des Max Ophüls Preises an SCHWERKRAFT wurde unter anderem damit begründet, dass eine Nähe zu den Coen Brothers gesehen wurde (Donnerwetter!), dass der Film von den irrationalen Abgründen im menschlichen Charakter erzähle – doch gerade nicht, er erzählt eben nicht, er behauptet nur, drum ist das so unspannend! Ferner diagnostizierte die Saarbrücker Jury noch „Schwarzen Humor“ und eine „abgründige Charakterstudie“, außerdem ein „Casting bis in die kleinsten Rollen stimmig besetzt“ (richtig, kaum einer konnte den Namen Frederik verständlich artikulieren). Diese Jury bestand aus Iris Baumüller-Michel, Thomas Imbach, Marco Kreuzpaintner (der schon wieder!), Simon Verhoeven und Thomas Woschitz. Was die für einen Film gesehen haben mögen?

Die Jury-Zitate sind der Website des Filmes entnommen.

Wer jetzt in den Film geht aufgrund der Jurytexte und dann enttäuscht ist, der weiss, wo er sich beschweren muss.

Wer aber jetzt nicht in den Film geht, aufgrund dieses Textes hier, und dann von Kollegen erfährt, welches Weltwunder er eben verpasst habe, der soll sich bittschön an stefe wenden.

Natürlich ist es nicht nett, einen Film, dem man den Fleiß, den Schweiß und die Mühe ansieht, die in ihn investiert worden sind, als langweilig zu bezeichnen. Aber das wird er wohl ertragen und verdauen können, bei diesen großartigen Elogen von so berufenen Jury-Warten aus und dem schönen Preisgeld, noch dazu kommt diese Review aus einer Nische im Internet – was sind 300 Klicks täglich auf einer Website (laut bizinformation) gegen die Millionen, die bald in diesen sensationellen Film stürmen werden, der Schwerkraft gehorchen müssend.

Ach, du gute Einfalt!

Im Haus meines Vater sind viele Wohnungen

Falls Schomerus mehr als nur einen touristischen Souvernirladenfilm machen, sondern auch ein politisches Statement abgeben wollte, so würde dieses wohl lauten, während sich Juden und Muslime im Nahen Osten die Köpfe einschlagen, haben die Christen nichts besseres zu tun als sich mittels acht rivalisierender Fraktionen auf ein bombastisches Pilgerremmidemmi in der Grabeskirche zu verbeißen, so laut und so wenig christlich, dass Jesus vermutlich den Tempel sofort gräumt hätte.

Das ganze Leben liegt vor Dir

Ein pfiffiger, intelligenter, schneller Film mit einer ausstudierten Philosophin als temperament- und herzvoller Hauptfigur, die die Welt der Call-Center durch die Heidegger-Brille zwar nicht verändert, aber sie praktisch-pragmatisch neu interpretiert und sich zunutze macht – dürfte auch im Lande der Dichter und Denker auf vergnügte Gegenliebe stossen.

Die 4. Revolution

Prima Agitprop-Streifen für die bessere Energie, der vor allem eines klar macht (was die übrigen Medien aus Gründen der Abhängigkeit nie so deutlich auszusprechen wagen), dass es in erster Linie unser innerer Schweinehund und vielleicht naive, dumpfe Gutgläubigkeit ist, wenn wir uns weiter von der milliardengewinnschweren Ölindustrie schröpfen und abhängig halten lassen wollen. Hier kann Kino politisch wichtig werden.

Ein Prophet

Das Gefängnis als Reinraum zur brillianten Analyse und überhöhten Zeichnung der Entwicklung von Machtverhältnissen als Machtverhältnisse auf dem unbeschriebenen Blatt des Gesichtes des Häftlings Malik, der im Gefängnis zum „Propheten“ mutiert, denn die Spur seiner Handlungen skizziert einen Menschen dem Bildung wie opportunistische Anpasserei nur zum Aufbau der eigenen Macht dienen.