Alle Beiträge von Stefe

Greenberg

Schau mal, mir geht’s auch schlecht, ich habe auch meine Krise, mit diesem Subtext wendet sich Greenberg an sein Zielpublikum, 40-jährige Akademiker in leicht verfrühter Midlife-Crisis… und da die Amerikaner das voll drauf haben, dieses Köcheln im Saft des eigenen Unglücks inklusive ironischer Selbstreferenz auf einen nicht mehr ganz taufrischen jüdischen Humor nebst unverhohlenen Augenzwinkerns mit der New York Times und dies leicht verdaulich und sehgefällig darzustellen wissen, so werden sie das Produkt auch gut an den leidenden Mann bringen und ihm, wie er glaubt, Linderung verschaffen.

Lourdes

Einer fröhlichen Marthalerei auf Leinwand gleich stilisiert, ritualisiert und choreographiert Jessica Hausner Bilder eines Heil-Pilger-Aufenthaltes in Lourdes, faszinierter von Rhythmen, Zusammensetzung und Anordnungen einer Gruppe denn vom inhaltlichen Geschehen, insofern von jeder Deutungsschwere befreit wie ein modernes abstraktes Kirchenfenster, von fremdem Licht durchdrungen; 70 Minuten dauert es bis zum Wunder und nochmal 29 Minuten, bis es vorbei ist – zwei Spannen, die jedem, der noch betrachten, schauen und staunen kann, nicht lange vorkommen werden.

Schwerkraft

Der Inhalt lässt sich auf zwei Zeilen kondensieren: ein Bankangestellter muss mitansehen, wie ein Kunde, dem er eben die Kreditverlängerung verweigert hat, sich vor seinen Augen erschiesst; daraufhin beginnt der Banker ein Doppelleben.

Warum das kein bisschen spannend ist? Dazu mag ein Beispiel aus der Chemie beigezogen werden. Wer Wasser mit Kalium zur Reaktion bringt, der kann sein explosives Wunder erleben. Warum wir das spannend finden? Weil Wasser für uns lebenswichtig ist wegen gewisser Eigenschaften. Manche Eigenschaften aber kommen erst durch den Kontakt mit Kalium zur Geltung und bewirken eine zerstörerische Reaktion. Weil wir über diese Eigenschaften informiert sind, verfolgen wir solche Experimente jedesmal aufs Neue mit Spannung.

Im Film SCHWERKRAFT wird uns allerdings die Information über Eigenschaften der Hauptfigur, die diese aus der Bahn werfen könnten, vorenthalten. Sie wird während der Titel als absolut stereotype Banker-Karrieristen-Figur eingeführt: Dunkle Wohnräume, Couch, Fotos von einer Frau werden angeschaut, piekfeine Hemden und Anzüge im begehbaren Schrank, Hometraineraktivität, eine Frau kratzt sich, helle Küche, gestylt, ok, ein Polyp am Fenster passt nicht so ganz, Fahrt zur Arbeit im Mittelklassewagen, Gehupe, Geschrei wegen Parkplatz (Ellenbogenmentalität), Großraumbüro.

Nach unserer Lebenserfahrung, wir würden wahrscheinlich auf die Berichte über traumatisierte Lokführer zurückgreifen, würde der Typ durch das Erlebnis eines solchen Selbstmordes vermutlich der psychiatrischen Behandlung bedürfen, würde an einen Arbeitsplatz ohne Kundenverkehr versetzt.

Frederik aber, so heisst die Hauptfigur, fängt übergangslos ein Doppelleben an. Das ist dann in etwa so, wie wenn eine Kugel, die auf einem Gleis rollt, an der Stelle des Ereignisses auf ein anderes Gleis wechselt… Von Schmalspur auf Breitspur beispielsweise. Schwerkraft als ein physikalischer Vorgang. Schade nur, dass Schwerkraft an sich nicht dramatisch ist. (Wolfgang Staudte hatte einen Film mit dem Titel ROTATION gedreht, war sich aber der Probleme eines solchen Titels bewusst und hat den Begriff dramaturgisch wie inhaltlich und sinnbildlich fest im Film zementiert; da könnte der Herr Erlenwein vielleicht noch was lernen).

Frederik fängt also neben der Bank- noch eine Verbrecherkarriere an. Wie dies eingeführt und begründet wird, ist so an den Haaren herbeigezogen und knarzt dermassen im dramaturgischen wie auch im inszenatorischen Gebälk, dass man sich wundert, ob denn dem alten Hasen Jürgen Vogel diese eklatanten Schwächen des Drehbuches und damit auch die Begründung für seine Figur gar nicht aufgefallen sind. Denn laut Buch sind der Exknasti und Security-Man Vogel und der Bankkarrierist Frederik in der Schule Kumpels gewesen. Nach unserer Erfahrung paaren sich schon in der Schule Gleich und Gleich, Streber und Streber, Loser und Loser, Nichtsportler und Nichtsportler aber doch kaum künftiger Banker und künftiger Knasti. Unglaubwürdig.

Doch dieser Exknasti stellt sich nun ohne jeden Konflikt, und die verstehen sich auch gleich wieder, zur Verfügung, dem Banker eine Zusatzausbildung in Verbrecherei zu bieten. Uns bietet sich eher ein Einblick in ein etwas abgehobenes, leicht weltfremdes Filmstudentenhirn.

Aber um den Filmemacher muss einem nicht bange sein. Sein Produkt ist schon mit zwei wichtigen Filmpreisen und mit höchsten Jury-Elogen und auch Preis-Geld bedacht worden.

Die Jury des First Steps Award 2009 hat in SCHWERKRAFT ein „Schwergewicht“ gesehen „großes Kino, unterhaltsam und mit Tiefgang“. Ist uns alles nicht aufgefallen. Sie hat weiter „eine hochexplosive Mischung“, die sich in Frederik aufbaut, gesehen – eben doch gerade nicht! Eben nicht wie oben Wasser und Kalium, ferner „eine dichte Erzählung mit brillianten Dialogen“ – die Dialoge sind zwar geschliffen, aber es sind Kieselsteine und keine Diamanten. Die Jury, die das alles gesehen hat, bestand aus: Marco Kreuzpaintner, Bernd Lange, Klaudia Wick, Katja Riemann und Ludwig Trepte. Vielleicht haben die einen anderen Film gesehen.

Und die Vergabe des Max Ophüls Preises an SCHWERKRAFT wurde unter anderem damit begründet, dass eine Nähe zu den Coen Brothers gesehen wurde (Donnerwetter!), dass der Film von den irrationalen Abgründen im menschlichen Charakter erzähle – doch gerade nicht, er erzählt eben nicht, er behauptet nur, drum ist das so unspannend! Ferner diagnostizierte die Saarbrücker Jury noch „Schwarzen Humor“ und eine „abgründige Charakterstudie“, außerdem ein „Casting bis in die kleinsten Rollen stimmig besetzt“ (richtig, kaum einer konnte den Namen Frederik verständlich artikulieren). Diese Jury bestand aus Iris Baumüller-Michel, Thomas Imbach, Marco Kreuzpaintner (der schon wieder!), Simon Verhoeven und Thomas Woschitz. Was die für einen Film gesehen haben mögen?

Die Jury-Zitate sind der Website des Filmes entnommen.

Wer jetzt in den Film geht aufgrund der Jurytexte und dann enttäuscht ist, der weiss, wo er sich beschweren muss.

Wer aber jetzt nicht in den Film geht, aufgrund dieses Textes hier, und dann von Kollegen erfährt, welches Weltwunder er eben verpasst habe, der soll sich bittschön an stefe wenden.

Natürlich ist es nicht nett, einen Film, dem man den Fleiß, den Schweiß und die Mühe ansieht, die in ihn investiert worden sind, als langweilig zu bezeichnen. Aber das wird er wohl ertragen und verdauen können, bei diesen großartigen Elogen von so berufenen Jury-Warten aus und dem schönen Preisgeld, noch dazu kommt diese Review aus einer Nische im Internet – was sind 300 Klicks täglich auf einer Website (laut bizinformation) gegen die Millionen, die bald in diesen sensationellen Film stürmen werden, der Schwerkraft gehorchen müssend.

Ach, du gute Einfalt!

Im Haus meines Vater sind viele Wohnungen

Falls Schomerus mehr als nur einen touristischen Souvernirladenfilm machen, sondern auch ein politisches Statement abgeben wollte, so würde dieses wohl lauten, während sich Juden und Muslime im Nahen Osten die Köpfe einschlagen, haben die Christen nichts besseres zu tun als sich mittels acht rivalisierender Fraktionen auf ein bombastisches Pilgerremmidemmi in der Grabeskirche zu verbeißen, so laut und so wenig christlich, dass Jesus vermutlich den Tempel sofort gräumt hätte.

Das ganze Leben liegt vor Dir

Ein pfiffiger, intelligenter, schneller Film mit einer ausstudierten Philosophin als temperament- und herzvoller Hauptfigur, die die Welt der Call-Center durch die Heidegger-Brille zwar nicht verändert, aber sie praktisch-pragmatisch neu interpretiert und sich zunutze macht – dürfte auch im Lande der Dichter und Denker auf vergnügte Gegenliebe stossen.

Die 4. Revolution

Prima Agitprop-Streifen für die bessere Energie, der vor allem eines klar macht (was die übrigen Medien aus Gründen der Abhängigkeit nie so deutlich auszusprechen wagen), dass es in erster Linie unser innerer Schweinehund und vielleicht naive, dumpfe Gutgläubigkeit ist, wenn wir uns weiter von der milliardengewinnschweren Ölindustrie schröpfen und abhängig halten lassen wollen. Hier kann Kino politisch wichtig werden.

Ein Prophet

Das Gefängnis als Reinraum zur brillianten Analyse und überhöhten Zeichnung der Entwicklung von Machtverhältnissen als Machtverhältnisse auf dem unbeschriebenen Blatt des Gesichtes des Häftlings Malik, der im Gefängnis zum „Propheten“ mutiert, denn die Spur seiner Handlungen skizziert einen Menschen dem Bildung wie opportunistische Anpasserei nur zum Aufbau der eigenen Macht dienen.

Jerry Cotton

Eine Thriller-Inszenierung, die dem Gag und dem Möchte-Gern-Lustig die Priorität vor dem Thrill einräumt und die den Gag gar nicht erst zur allfälligen Erhöhung des Thrills qua Suspense sondern lediglich als Selbstzweck einsetzt.

Zeit also, sich ein paar grundsätzliche Gedanken zur Besetzung zu machen. Denn damit fing alles an. Bei einem Fotoshooting für einen anderen Film, so berichtet der Produzent Christian Becker, habe Christian Tramitz, der hier Jerry Cotton spielt, einen Anzug tragen müssen und dieses Bild, Tramitz im Anzug, habe ihn, Becker, auf die Idee der Jerry Cotton-Verfilmung gebracht.

Und tatsächlich. Auf Fotos und Standbildern und wenn Tramitz im Film einen Moment lang ruhig hält, strahlt er unbestreitbar internationales Thriller-Flair aus. Kaum aber bewegt er sich im Film oder spricht er, so ist das ganze Bild dahin. Das war vielleicht etwas leichtsinnig oder am falschen Ort gespart, da nicht erst ein paar Probeaufnahmen zu machen und vielleicht doch noch sich nach anderen Schauspielern umzusehen.

Und Tramitz hat noch einen Partner: Christian Ulmen, der in Gottes seligem deutschen Kinogarten eine wunderbare Quasseltante sein kann, doch hier funktioniert das nicht, denn das Zusammenspiel zwischen den beiden Kollegen harzt irgendwie – woran das auch immer liegen mag. Da hätten ein paar Probeaufnahmen in verschiedenen Darsteller-Kombinationen möglicherweise einiges verhüten können.

Kommt der übrige Cast, der von den Namen her mit zum Feinsten gehört, was Deutschland aufzubieten hat – oder zumindest vom Teuersten. Vergleichen wir mit einem Gourmet-Restaurant: Sternedarsteller. Was die aber grossteils hier bieten, die Bemühung, aus der Berufsroutine auszubrechen, lustig zu sein, ein anderer zu sein, das gelingt den meisten eher weniger als mehr und wenn, dann einer ein schauderhaftes Schwäbisch rabaukt, was so gar nicht köstlich, so gar nicht liebenswürdig ist – Schwäbisch ohne die Essenz des Schwäbischen herausgearbeitet zu haben, dieses Niedlich-Freundliche, was mit der gewissen Prise selbstverständlicher Schlauheit gewürzt ist – , so würde man, um den Vergleich mit dem Sternerestaurant weiterzuführen, von einem ziemlich versalzenen Essen sprechen müssen, was der Gast normalerweise entrüstet zurückgehen lässt.

Es wird nicht ganz klar, ob die Darsteller bei Vertragsunterzeichnung darüber informiert waren, dass in dieser Inszenierung der Primat des Thrills radikal hinter den Primat des Gags und des Special-Effects zurückzutreten habe.

Möglich, dass ein comedygewohntes Publikum sich darin vergnügen kann.

Aber vielleicht wäre es ein belebender Impuls für den Film gewesen, sich vorher im Lande umzusehen, was es noch für Darsteller gibt und für die es eine einmalige Chance gewesen wär, vielleich wäre dann wirklich Komik zustande gekommen. Wenn man dem Cotton schon den Thrill austreiben will. Das ist hier zweifellos gelungen. Aber das Statt-des-Thrills – eher nicht.

Immerhin kam ein erstklassiges Demoband zustande, wie trefflich sich in Deutschland New York drehen lässt, wenn einer denn die Bürgersteigkanten nicht allzu genau mustert.

Agora – Die Säulen des Himmels

Ein Tsunami an Bildern, den Alejandro Amenabar von der Leinwand in den Kinosaal schüttet und dabei leichthändig eine Geschichte erzählt von Eros und wissenschaftlicher Lehre aus dem innersten Weisheitskern von Alexandria, aus der berühmten Bibliothek mit der „bekennenden“ Atheistin Hypatia als geistiger Wirkkraft, aber die Glaubenskämpfe, die Religionen in ihrem Wahn und Absolutismus zerstören das, bis Schafe, Esel und Ochsen die berühmte Bibliothek bevölkern.

Henri 4

Der rote Erzählfaden, an dem sich der Zuschauer orientieren könnte, bricht ständig ab. Irgendwann im Film heißt es mit eingeblendeter Schrift „2 Monate später“ und einmal „6 Monate später“; ein Meister, wer dann noch sagen kann, wann das genau ist und wo.

Es fängt schon mit der Merkwürdigkeit an, dass der erwachsene Henri 4 (der dann am Ende auch noch ermordet wird!) voice-over über sich als jungen Knaben, der gerade im Bild am Spielen ist, spricht, er wollte ein stinknormaler Junge sein und für ein Geldstück auch sich auf den Boden legen dürfen, und dann einem Mädchen, das breitbeinig über ihn schreitet, unter den Rock schauen, und meint dazu, er habe eine glückliche Kindheit gehabt. Aber er war halt der Prinz von Navarra.

Was das mit dem Thema, wegen dem Jo Baier den Film angeblich machen „musste“, nämlich “Humanismus in einer inhumanen Zeit“, zu tun hat, bleibt unergründlich.

Während der ersten Minuten denkt man noch, ja, das könnte wenigstens für den Grimmepreis reichen, VHS-Kino, deutsches Subventionskino, was viel erklärt und illustriert. Aber selbst davon wird man nach einiger Zeit abrücken.

Wer hier unsere versammelten sogenannten Subventionsstars die Texte bellen hört (die Rede ist hier vom deutschen Cast-Anteil), wenn dieser Standard-Katalog-Cast ohne jede Überraschung in ständigen Close-Ups Szenen spielen muss, denen ganz offenbar der thematische Unterbau fehlt, so fragt man sich, was das mit dem Thema “Humanismus in einer inhumanen Zeit“ zu tun hat.

Wenn Henri 4 in Paris einreitet, dann werden noch schnell in einer leeren Gasse zwei Schweine vor den Herannahenden gerettet: Humanismus in einer inhumanen Zeit. Wenn Marie de Medici, die er später heiraten soll, während ihrer Reise in der Sänfte über die verschneiten Alpen in ein Schneefeld zum Pinkeln sich begibt: Humanismus in einer inhumanen Zeit. Wenn Henri 4 seine erste Frau von hinten nimmt: Humanismus in einer inhumanen Zeit.

Wenn überhaupt jede Schlacht auf dem gleichen Schlachtfeld geschlagen wird, wenn Bewegungen draussen alle durch das gleiche Kornfeld oder an den gleichen schroffen Felsen vorbei führen, wenn jedes Heereslager in der gleichen Kieshalde aufgebaut ist, wenn nur schwer ein Zusammenhang zwischen den Szenen herzustellen ist und man nie weiss, wo im Film man sich befindet, dann sieht man sowohl den Humnismus in einer inhumanen Zeit als auch die 19 Millionen Euro, die das Werk gekostet haben soll, sich in Luft auflösen.

Fernsehkino. Oder nicht einmal das. Es gibt praktisch nur Nahaufnahmen und keine Szenen für emotionale Überhänger (den Trick beherrscht immerhin Frau Dörrie), ist auch gar nicht nötig, denn es gibt keine Konflikte in den Szenen. Aber Bemerkungen, wie die seiner Braut anlässlich der Hochzeit, die aus Konfessionsgründen vor dem Kirchenportal stattfinden muss, es sei „so heiß“. Humanismus in einer inhumanen Zeit.

Dann kommen immer wieder Musikszenen, Filmmusik von Zimmer zum Überdruss, die aus jedwedem beliebigen anderen Streifen stammen könnten, genau so wie viele Hof- und Fickszenen.

Der Protagonist vermag wenig zu überzeugen. Das Buch gibt ihm kein Futter. Oft ist er grob zu Frauen und Bediensteten. Humanismus in inhumaner Zeit.

Die Kamera ist steif und unbeweglich, vielleicht erstarrt vor dem Budget. Ebenso die meisten Szenen; die Schauspieler bedienen die Kostüme und den unnatürlichen (aber nicht etwa auf das Thema hin frisierten) Dialog, zum Beispiel bei der ersten Begegnung mit der Medici-Braut in Paris. Ergibt alles weder Augenschmaus noch Hörvergnügen noch Erotik.

Die Katastrophe fängt mit dem Drehbuchgebastel an, nimmt ihren weiteren Verlauf damit, dass keiner von den Produzenten und Geldgebern das anscheinend bemerkt hat, setzt sich fort über einen Cast, der vermutlich wider bessere Erkenntnis zugesagt hat und dürfte in ein Desaster an der Kinokasse münden.

Verständnis für die Schmähungen in Berlin.