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Der Albaner

Der Albaner ist ein junger Mann aus Albanien, der in Griechenland ein Geld verdient, denn in seinem Bergdorf in Albanien ist nichts zu holen.

Der Film fängt mit einer Gruppe junger Männer an, die aus Griechenland in ihre Dörfer zurückkehren. Arben ist unser Protagonist. Er ist verliebt in die Tochter eines entfernten anderen einsamen Gehöftes und sein erster Gang mit seinem Bruder an Krücken führt ihn auf dem Mofa dorthin.

Kussszene, aber alles sehr versteckt, der Bruder muss aufpassen und falls jemand kommt, soll er einen Signalstein werfen. Nach der heftigen Umarmung und den ersten Worten versteckt hinterm Stadel, wirft der Bruder den Stein. Er hatte nur keine Lust zu warten. Die Liebe darf nicht ihren Weg gehen. Der Brautvater hat sich mit der Anschaffung eines LKW hoch verschuldet, das steigert den Brautpreis auf 10’000 Euro. Die hat Beny, wie er abgekürzt genannt wird, natürlich nicht. Und mit den paar Euros, die er in Griechenland verdienen kann, ist er in zehn Jahren noch nicht so weit, die Braut auszulösen. Die soll jetzt nach Amerika verheiratet werden.

Also muss Beny eine Lösung finden. Die Lösung heißt, weil es da auch nett Filmförderung gibt: Deutschland. Hier ist relativ leicht hinzukommen für einige Hundert Euro und dort sei es auch leicht, Geld zu verdienen.

Die Realität in Frankfurt am Main sieht logischerweise anders aus. Der albanische Kontaktmann, bei dem er erst unterkommen kann, verdient sein Geld als Freund eines Schwulen. Dort kann Beny fürs erste bleiben. Doch Beny taugt nicht für Schwulitäten, so hat der Deutsche kein Interesse, ihn weiter bei sich zu behalten. Er soll sich nach einer anderen Bleibe umschauen.

Er findet einen Job für 3 Euro die Stunde, alles illegal und das wird ausgenutzt. Dann verbessert er sich, findet einen freundlichen Albaner, der ihm wohlgesonnen ist. Und er findet auch mit einem Obdachlosen eine Unterkunft in einem leerstehenden Haus. Doch der Obdachlose ist krank. So schleppt er ihn mit zu einer Apotheke, denn Krankenhaus oder Arzt kommen für Illegale nicht in Frage.

Der Apotheker ist eine guter Mensch und bringt die beiden zu einem Pensionsbetreiber, wo sie fortan in einer Rumpelkammer im Trockenen wohnen können. Der Obdachlose findet eine deutsche Freundin, erholt sich, zieht zu ihr und will sie auch heiraten.

Der freundliche Alabaner hat einen Job für die beiden, bei dem sie ordentlich Kohle verdienen können. Es handelt sich um Mitwirkung an einem Menschenschmuggel aus dem Osten. Nachdem Beny da eingestiegen ist und die ersten Tausender in Händen hält, wird er selbstverständlich, da das Milieu ja kriminell ist, betrogen.

Darauf erschlägt er den Boss des Ringes, klaut ihm Unmengen Geld, alles, was der auf sich und in seinem Büro hat und fährt zurück nach Albanien, um seine Braut zu freien. Wegen der gründlichen Schilderung der Verhältnisse in Deutschland hatte man die Braut schon fast vergessen. Er hat zwar oft mit seinem Bruder per Internet kommuniziert – bis der dann auch eines Tages in Berlin war – aber das war dramaturgisch nicht so gelöst, dass der Zuschauer den Ablauf der Sanduhr, bis zum Termin, wo er die Braut noch hätte kaufen können, emotional nachempfindet. Auch der Mord passiert ohne jede Vorbereitung und ohne jedes Nachspiel. Mord ohne Folgen.

Dialogbeispiele aus der Schlepperszene: der Scheißpolacke hat gelogen, hat die Russen selbst verkauft. Aber nicht mit mir. Nächsten Monat 5000. Darauf trinken wir einen. Mich bescheißen, wer mich bescheißt, kriegt eine aufs Maul. Jungs wollt ihr ein paar Flips.

Das Hauptproblem, nämlich dass Beny seine Braut kriegen, wird während der Schilderung des Milieus der Sans-Papiers in Deutschland aus dem Auge verloren. Diese Schilderung kommt wie ein Selbstzweck daher, wie ein zu erfüllender aufklärerischer Auftrag, das ist wohl eine Begründung, öffentliches Geld reinzuschießen in die Produktion.

Jedenfalls hat Beny am Schluss die Kohle, fährt mit einem neuen Auto in seinem Bergdorf vor, will die Braut holen. Aber es ist zu spät. Die Hochzeitspläne sind ad acta gelegt worden. Er findet immerhin heraus, dass sie bei einem Arzt in Tirana untergekommen sei.

Das illegale Milieu in Frankfurt oder die Schlepperszenen im Osten, die werden hier geschildert, wie sie immer im deutschen Film oder im Fernsehen geschildert werden, das haben wir schon bei Hans-Christian Schmid in Lichtern gesehen oder neulich bei Doris Dörrie bei der Friseuse.

Nichts Neues unter der deutschen Subventionsfilmsonne.

Tom Meets Zizou – Kein Sommermärchen

Tommeetszizou@aol.com, das war die Fantasie- und Traummailadresse von Thomas Broich, dem Fußballer, dessen nonkarrieristische Karriere der Dokumentarist Aljoscha Pause über einen Zeitraum von 8 Jahren, von 2003 – 2011, begleitet hat.

Das Thema ist hochspannend und überall, wo es um Karriere geht, aktuell. Schafft einer es, seine Träume wahr zu machen. Oder lässt er sich davon abbringen.

Der Reihe nach. Schon als kleiner Junge hat Thomas Broich vom Fußball geträumt. Er ist in einer Kleinstadt in Oberbayern aufgewachsen und hat sich früh obige Mail-Adresse zugelegt. Das war sein Traum, den Fußballer Zizou zu treffen, in seiner Liga mitzuspielen. Tom meets Zizou.

Thomas Broich ist zu einem Fußballgenie geworden durch das ständige begeisterte Spielen mit dem Ball, sein Leben war Ballspiel. Nicht ganz, er hatte auch musische Interessen, Musik, Klavierspielen, Lesen, eine intellektuelle Ader. Das kann beim Fussball ganz schön störend wirken oder ein toller Aufhänger für Schlagzeilen und zusätzliche Prominenz werden. Der Mozart wurde er geheissen, obwohl diese Alias-Namensgebung dahingehend korrigiert werden müsste, dass der Anlass, bei dem er den Titel bekam, einer war, bei dem er Orff gehört hatte. Der Orff des Fußballs. Aber das können Fußballer nicht unterscheiden. Es gibt im Film diverse Äusserungen von Kollegen, die einem Theaterbesuch oder einer Buchlektüre oder einem Konzertbesuch nun absolut rein gar nichts abgewinnen können.

Bei Thomas jedenfalls läuft erst mal alles glatt. Diese Doku könnte durchaus als Jugendjux begonnen haben, den grossen Träumer beim Wort nehmen. Aus der Träumerei ist dann doch einiges geworden. Der Dokumentarist ist dabei geblieben und hat die Doku im Frühjahr dieses Jahres nach diversen Höhen und Tiefen mit einem Höhepunkt in Australien vorerst abgeschlossen und zu einem gedankenanregenden 141-Minüter zusammengestellt.

Broich war ein nonkarrieristischer Karrierist. Er hatte zwar grosse Träume, aber er hat nicht vergiftet nach Wegen gesucht, wie er an sein Ziel kommen kann. Bei ihm flutschte es anfänglich wie von selbst. Er spielte in der Mannschft in Burghausen, der Jugendmannschaft und wurde von Talentsuchern entdeckt und kam sehr früh nach Mönchengladbach. Von einem Tag auf den anderen war er Profifußballer. Das erste Halbejahr verlief glänzend, er wurde schnell zum Star, spielte einen traumhaften Fußball. Er ist der Typ, den man laufen lassen muss, dann wird er ein königlicher Spielmacher, vor allem ein weitsichtiger Paßgeber für erfolgreiche Torschüsse.

Er hat ganz spezielle Fähigkeiten, die ein Teamchef allerdings sehen und einsetzen muss. Nach dem ersten Trainerwechsel in Mönchengladbach war das nicht mehr der Fall. Ein diktatorischer Holländer kam. Der hat dem Wunderfußballer die Lust ausgetrieben. Oder der Wunderfußballer hat sich von diesem die Lust nehmen lassen. Prompt war es aus mit dem Traumfußball.

Es gibt viele Interviews in diesem Film, die man insgesamt gut hätte kürzen können. Wie denn Aljoscha Pause überhaupt eher eine ausladende Materialsammlung präsentiert statt eines aus dieser scharf kristallisierten Portraits. Außerdem sind diese Materialen von ziemlich unterschiedlicher Qaulität, technisch wie filmisch. Aus diesem vielfältigen und verschiedenartigen Material muss sich der Zuschauer selbst sein Bild von Thomas Broich anfertigen speziell hinsichtlich Karriereverhalten resp. seiner Verweigerungshaltung dem Karrieredenken gegenüber. Portrait eines nonkarrieristischen Genies.

Stellenweise gibt’s privates Material, frühes von zuhause, wie der Bub auf dem Rasen den Ball zähmt, dann in Köln aus der WG (wie er und seine Freundin in Morgenmänteln die Zähne putzen), die Themen Musik und Literatur. Über einen Zeitraum gab es eine Freundin. Die kam einige Male zu Wort. Aber plötzlich verschwindet sie aus dem Film; damit wohl auch aus seinem Leben.

Die Folgen der Unlust bedingt durch den Trainerwechsel und die daraus resultierenden schlechten Leistungen brachten ihn nach Nürnberg. Das war für Broich der komplette Abstieg. Er kam auch im Leben nicht mehr zurecht. Seine Umzugskartons hat er nicht ausgepackt. Die Spiellust kehrte nicht zurück. Erst wie er ganz unten war, machte er wahr, wofür er vorher wohl zu feige gewesen ist: ab ins Ausland. (Für solche Ausnahmetalente vielleicht die einzige Chance zu überleben; ist ja auch in der Filmwelt zu beobachten). Er unterzeichnete einen Vertrag in Australien. Dort kehrte die Lust am Spielen zurück, seine Traumfußballspielerqualitäten waren wieder da und er brachte die Sensation zustande, seinen australischen Klub innert einem halben Jahr in das Finale der australischen Meisterschaft zu bringen.

Broich hat einen hohen Reflektionsstand; vielleicht denkt er zu viel nach. Ihm war zum Beispiel klar, dass er in Nürnberg nicht noch weitere Ausreden finden würde, warum die Dinge nicht mehr klappten.

Ein sympathischer Typ und ein fantastischer Fußballspieler.

Nichts zu Verzollen

Wir befinden uns in Belgien. Schengen steht bevor. Europa soll durchlässig werden. Was tun mit den Zöllnern? Man kann die doch nicht von einem Tag auf den anderen abschaffen. Es muss eine Ersatzbetätigung her. Vielleicht die Schleierfahndung. Oder Stichprobenkontrollen. Zwei Zöllner sollen je gemeinsam auf Patrouille gehen im Grenzgebiet. Ein Franzose und ein Belgier zusammen.

Das kann lustig werden, denn Belgier und Franzosen sind voller Vorurteile gegen einander. Und wir sind voller positiver Vorurteile gegenüber Dano Boon, der hier den einen der beiden Patrouille-Zöllner spielt, den Franzosen Mathias Ducatel, und den wir spätestens sei den Sch’tis mögen gelernt haben. Sein Partner wird der belgische Kollege Ruben sein, gespielt von Benoit Poelvoorde. Diese komödiantische Traumpaarung wird uns jetzt also mitnehmen auf ihre Grenzerlebnisse in einem schrottreifen R 4, um der Schmuggelei an der schengenporösen franzöisch-belgischen Grenze Einhalt zu gebieten.

Dass auf diesen gemeinsamen Patrouillen die Post abgehen wird, das ist zu erwarten, das war so kalkuliert, denn Franzosen und Belgier waren sich schon vor der Grenzöffnung nicht grün. Jetzt erst gemeinsam auf Patrouille.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Franzose in die Schwester des Belgiers verliebt ist. Das war sogar der einzige Grund, warum er sich freiwillig zu dieser unbeliebten Patrouille gemeldet hat; aber der Belgier darf das natürlich nicht wissen. Der Franzose begibt sich also mehr oder minder freiwillig contre-coeur und du coeur in die Prüfanstalt seiner Vorurteile.

Boon lässt hier, wie schon bei den Schti’s im kleinen Ort Bergues die Vorurteile verschiedener Gruppierungen gegeneinander auflaufen. Hier hauptsächlich reduziert auf den engen Raum eines süssen kleinen Polizei-R-4. Keiner schenkt dem anderen was, keiner bleibt dem anderen was schuldig, jeder gibt zurück gemäss dem Schema des eigenen Vorurteils, und ganz am Schluss hat sich dann doch ein bisschen was bewegt.

Das wird mit grossem Tempo und Rhythmus und mit viel Spass an den Möglichkeiten der Komödie, durchaus mit gelegentlichem Bedienen bei der Klamotte, und immer Europa im Auge und über dessen mühsame Einigung frozzelnd, aufgetischt.

Ein herrliches Symbol für die europäsichen Synergien, für das europäische Gefährt ist der alte, lottrige R4 der Polizei, in dem die beiden auf Patrouille gehen sollen. Endlich entdecken sie den Schmuggler (nehmen wir aktuell an, er sei der Währungsspekulant schlechtin!), sie wollen Gas geben und hinterher, aber der Wagen kommt nur noch ruckelweise gerade aus der Kreuzung heraus bis er definitiv stehen bleibt. Aber wozu hat man als dernier cri ein Handy (ganz klein wird gewitzelt, dabei ist es fast grösser als ein Franzosenkopf) und die versuchen zu telefonieren, doch der Beamte auf dem Posten versteht so gut wie gar nix und fängt selber an Kauderwelsch zu reden, der sich leicht maschinell anhört,

Es wäre aber schade, hier jetzt weitere Szenen nachzuerzählen. Sogar die deutsche Synchronisation ist passabel, stellenweise direkt lustig, die Stimmen, die den belgischen Jargon in einer merkwürdig deutschen Variante zu transportieren versuchen – das war für mich bei den ersten Sätzen gewöhnungsbedürftig, mag sein, dass im Laufe der Aufnahmen sich das sehr schnell, sehr organisch entwickelt hat.

Dany Boon dürfte nach den Schti’s in Deutschland bereits ein Publikum haben, was sich auf ihn freut und sozusagen mit viel Vorschuss in NICHTS ZU VERZOLLEN gehen wird.

Eine sinnige Location ist das Restaurant „No Man’s Land“ an der Grenze. Es ist der Treffpunkt der Reisenden gewesen. Nach der Grenzöffnung droht die Leere, die Pleite. Die Zöllner aber versprechen, sie würden ab jetzt da Mittag essen. Da halten sie ihre strategischen Besprechungen ab mit Details der Fahndungsrouten. Der Wirt hört aufmerksam zu. Er braucht Geld und hat Beziehungen zu den Schmugglern.

Auf ein Zückerchen darf ruhig hingeweisen. Es ist ein beliebter Komödiengag schon öfter gewesen: ein kleines, unscheinbares Auto zu frisieren. Das tut der Garagist, wie der R4 der Polizei nicht mehr zu bewegen ist – und was der in dessen Innereien an PS reintut, da offenbaren sich einem direkt die geheimen Möglichkeiten Europas!

Ein Film, aus dem man gut gelaunt heraus geht. Boon dreht voll auf.

Ein bisschen ist unser Lachen bei dieser Komödie aber immer auch vom vorurteilshaften Goodwill wegen der Sch’tis genährt.

Cars 2

Eine hochprofessionelle Animation mit Autos, die sprechen können.

Am Anfang sind die menschlichen Autos gewöhnungsbedürftig, weil das Gros der Blechoberfläche keine Mimik hat, es sind nur die frontalen Kühlerabdeckungen die als Mund fungieren und auf den Windschutzscheiben sind quasi die Augen, die auch nur ganz grob als schwarze Punkte, also sehr abstrakt markiert sind.

Die Räder und ihre Achsen übernehmen wenn nötig die Funktion menschlicher Extremitäten, die Autos können sich mit den Rädern begrüssen oder sich kratzen und diverse andere Dinge anstellen. Um so wichtiger sind die Stimmen als Humanfaktor. Dabei wirkt es sich zuschauerfreundlich aus, dass die deutsche Nachsynchronisation auf sprachliche Farben und Färbungen setzt. Einzig das Hauptauto, Lightning McQueen, ein super Rennauto, spricht das etwas farblose Hannoveraner Synchron- und Hochdeutsch. Vielleicht wollte man diese Hauptfigur damit für alle Ohren und Regionen kompatibel machen.

Zur Geschichte. Die ist gut gebaut und simpel. Und vielleicht dann doch nicht so simpel. Lightning McQueen, der professionell Rennen fährt, möchte ein Pause einlegen. Aber wenn das mit der Pause funktionierte, dann gäbe es ja keine Geschichte zu erzählen. Er hört also von einem neuen Rennserie, die ihn sofort elektrisiert.

Der Clou an dieser Rennserie ist, dass die Autos hier nicht mehr mit Erdöl, sondern mit Pflanzenöl fahren müssen. Auch wenn es inzwischen Bedenken gegen die breite Herstellung von Biokraftstoff gibt im Hinblick darauf, dass ein Konflikt zwischen Anbau von Kraftstoff und Anbau von Nahrungsmitteln entsteht, so gilt der Biokraftstoff doch als eine mögliche Alternative zum Erdöl, dessen Reserven täglich weniger werden. Das Rennen gibt sich also das Deckmäntelchen des Fortschrittes.

Dass es sich dabei nur um ein Deckmäntelchen handelt, dass hinter diesem Rennen und den vielen unerklärlichen Unfällen mitten auf der Rennstrecke gewaltige wirtschaftliche Interessen stecken, dass diese Rennserie nur ins Leben gerufen worden ist, um einen brutalen Wirtschaftspoker auszutragen, ohne dass die meisten Beteiligten – oft auch gutmütigen – Rennwagen das wissen, das wird sich dann erst im Laufe des Rennens und nach einigen spektakulären Unfällen herausstellen. Das Böse kommt hier sehr hinterhältig und kaum identifizierbar daher. Es dauert allein schon, bis die Guten überhaupt merken, was hier mit ihnen gespielt wird. Denn sie waren leicht mit dem Fortschritt zu ködern.

Ein Stück weit ist dieser Film also auch ein Wirtschaftskrimi um ein skandalöses Wirtschaftsverbrechen, in dem mit härtesten Bandagen gekämpft wird, durchaus vergleichbar mit Vorgängen, die in der Realwirtschaft ablaufen und dort oft auch nicht auf Anhieb als solche erkennbar sind.

Die Bandagen dieser Wirtschaftsverbrecher sind so hart, dass ein normalanständiger Mensch gar nicht auf die Idee käme; da hilft dann ein Assistent und Berater, dem erstens keiner was zutraut, der also immer unverdächtig ist und hier in der Gestalt eines kleinen, ruckligen, rostigen, schier auseinanderbrechenden, absolut unverdächtigen Abschleppwagens daher kommt, wie Lightning McQueen ihn hat, und der noch dazu nicht besonders intelligent aussieht. Der aber die Sache im entscheidenden Moment rausreißt. Der dahinter kommt, was Sache ist. Der sich nicht beirren lässt, auch wenn er ins Visier von Geheimdiensten gerät.

Spielen tut dieser Krimi an Rennstrecken um die halbe Welt. Es gibt eine herrliche Überzeichnung des Rennzirkus von Monaco, einem Riviera-Fantasie-ort. Der Ferne Osten kommt vor genau so wie London. Dort wird eine zierlich, zerbrechliche Queen in Form eine alten Rolls Royce den Helden des Filmes zum Ritter schlagen (wozu hat ein Rolls Royce sonst eine Antenne?).

Es gibt eine verhängnisvolle Gefangenschaft im Uhrwerk des Big Ben, waghalsige Verfolgungsjagden, Autorennstarts und Unfälle, Überwachungen, Verkleidungen, Einschmuggeln ins Zentrum des Bösewichts, eine tickende Bombe, Laser, die von den Hausdächern Rennwagen zur Explosion bringen können, ein untergeschmuggelter Oelteppich, Toiletten für Autos, die kitzeln, Autos, die alles und noch einiges mehr können als die Autos von James Bond.

Für Autoliebhaber gibt es jede Menge animierter und reanimierter traumhafter Automodelle durch die ganze Geschichte des Automobils.

Und der Abspann, der von einem eigenen Department entwickelt worden ist, gibt Postkarten-Referenzen an alle Gegenden der Welt, von denen die Macher hoffen, dass der Film dort geschaut wird. Da kommt auch das berühmte Münchner Oktoberfest vor.

Besonders perfid ist übrigens die Bombe gebaut, die die Filmemacher für den Countdown ersonnen haben: sie kann nur mittels Stimmerkennung deaktiviert werden; die Stimme muss die vom Bösewicht selber sein.

Arschkalt

Eine weitere dieser schwachbrüstigen deutschen Komödien, die vermutlich der Fernsehdenke voll Genüge tun, die aber im Kino nichts zu suchen haben. Insofern muss ein Film mit dem Titel ARSCHKALT den Kommentar „am Arsch vorbei“ aushalten können. (Mit Fernsehdenke meine ich: um eine Idee herum eine Story konstruieren ohne Analyse des Grundkonfliktes der Hauptfigur und Einsatz dieses Konfliktes zur Erzeugung dramatischer Spannung, und zwar unabhängig vom Genre).
Hinzu kommt bei André Erkau, dass er vermutlich geglaubt hat, wenn er Sprüche sammelt, googelt oder recherchiert und diese auf die verschiedenen Figuren verteilt, dass er dann schon eine Komödie vor sich habe. Es gibt der Sprüche viele; viele, aber nicht mal alle, haben mit Kälte, aber keiner mit Arscheskälte zu tun.
„Ich denke im Leben ist alles ein Frage der richtigen Temperatur“
„Dass nicht die Kälte des Eiswürfels in den Wodka übergeht, sondern die Wärme des Wodkas in den Eiswürfel. – Das ist romantisch. – Nein, das ist Physik.“
„Sein Vater hat Malaria Endstadium, Blutspucken, Eiterbeulen, das volle Programm.“
„Junge, wir hätten mehr Segeln sollen.“
„Ich zieh Sie vors Gericht (Kunde) – Vors Fischgericht?“ (Ausfahrer).
„Brot ist wie das Leben, früher oder später wird es hart.“ (zu googeln bei Rackls Backstuben).
„Es gibt Dinge, die kann man nicht einfrieren. Was sagt uns das? Ist aber auch egal.“
„Sind wird Profis oder sind wir Profis?“
„Für ein Happy End brauchts eben ein bisschen Geduld.“

Die Idee als solche wäre nicht schlecht. Ein einsamer, kalter Mensch, missratener Sohn eines erfolgreichen Fischstäbchenfabrikanten dazu, hat die Fabrik des Vaters längst ruiniert. Jetzt muss er Fischstäbchen ausfahren und an den Haustüren verkaufen. Als Anzulernenden bekommt er einen jungen Schwätzer beigesellt. Dieser soll den Eingefrorenen wieder zur Menschlichkeit auftauen (das ist die Idee des Autors). Das ist human gedacht. Das könnte eine schöne Geschichte werden. Nur ist zwischen Denken und Umsetzen gelegentlich ein langer Weg, den man ackern müsste, und wenn das Anspruchsdenken ans Kino sich darin erschöpft, Sprüche zu sammeln und mit lockerer Hand auf die Figuren verteilen, so kann das Resultat recht unergiebig werden. Wie hier.

Es fängt schon mit der Darstellung von Herbert Knaup als Rainer Berg an, dem missratenen Fabrikantensohn. Behauptet wird, er sei eiskalt. Aber er spielt den Typen cholerisch. Das ist zwar lustig, ergibt aber wenig Sinn. Ein Choleriker muss nicht aufgetaut werden.

Dieser Rainer Berg meint, manchmal wünsche er sich, er wäre ein Fischstäbchen. Er fährt dann fort über Temperaturen und die Zeit im Allgemeinen und die Haltbarkeit von Fischstäbchen im Besondern zu philosophieren. Leider setzt dies keine Filmkomödie in Gang. Solche Sätze erscheinen, wenn sie nicht an einen dramaturgisch etablierten Konflikt der Hauptperson angeheftet werden, selber wie Fischstäbchen ohne Teller in der freien Luft und ohne Beilagen und ohne Mayo oder Ketchup.

Die Gesichter waren dick geschminkt, aber weder dies noch der Dreitagesbart von Herbert Knaup können gegen die gefühlten Minustemperaturen dieser deutschen Komödie, die sich noch den Gefrierpunkt zum Thema macht, ankommen.

Der Vater von Rainer Berg, der mit seinen Fischstäbchen 45 Jahre lang die Nummer Eins war, verbringt seinen Lebensabend in einem luxuriösen Altenheim. Der Sohn gibt vor, er betreibe die Fabrik weiter und sei erfolgreich. Dabei hat er den Betrieb und damit den Erfolg des Vaters längst an die Wand gefahren. Der Alte scheint von all dem nichts mitgekriegt zu haben, wünscht sich, seinen anstehenden Geburtstag in der prima laufenden Fabrik zu feiern.

Dass der Alte, dessen Lebenswerk die Fabrik war, von deren Zusammenbruch rein gar nicht mitgekriegt haben soll, auch dass ihm offenbar entgangen ist, dass sein Sohn mit der Leitung eines solchen Betriebes vollkommen überfordert ist, erscheint mehr als unglaubwürdig. Das müsste, da es gegen jede Lebenserfahrung spricht, im Film wenigstens plausibel begründet werden. So aber ist der ganze Gag mit der fingierten Wiederinbetriebnahme der verrotteten Fabrik eine ziemlich schwerfällige Gagmaschinerie, vollkommen witzlos, da es keinen Grund dafür gibt. Witz um des Witzes willen, wenn er denn wenigstens zum Lachen wäre, dann hätte er immerhin eine Rechtfertigung durch seine originelle Qualität. Hat er aber nicht.

Es verwundert doch, dass einem Herbert Knaup das nicht aufgefallen sein soll bei der Lektüre des Drehbuches. Denn damit agiert auch er auf einem Boden, der nicht trägt.

Also schon mal zwei fundamentale Fehler in der Konstruktion, die das Komödiengefährt daherrumpeln lassen wie ein Auto mit einem platten Reifen.

Statt sich jedoch um die grundlegenden Dinge zu kümmern, nämlich um die Glaubwürdigkeit und damit Stabilität der Komödie, findet es die Regie viel lustiger, bei jeder Fahrt auf das Altenheim zu, die an verschiedenen Tagen statt finden, deutlich zu machen, dass immer dieselbe Gymnastikgruppe auf der Wiese davor die gleichen Übungen macht, als sei nicht eine Sekunde verflossen dazwischen. Ist vermutlich als zusätzliche Illustrierung der Fittness der Alten in diesem Heim gedacht. Alte, die turnen, das ist eine Lustigkeit per se – das glaubt vielleicht der Fernsehredakteur. Drum muss das mehrmals gezeigt werden.

Das Kühlkettenkonstrukt der Firma, in der Rainer Berg arbeitet, bietet Anlass für eine Reihe mehr oder weniger humorergiebiger Verkaufsszenen vor Wohnungen und Häusern, so wie Lieschen Müller sie sich in einem Scriptwriting-Workshop für Jedermann wohl ausdenken würde und der Kursleiter würde schier einen Orgasmus kriegen, wenn Lieschen ihr Script abgibt, so wie vielleicht hier der Filmförderer.

Dann kommt noch ein Geldproblem dazu. Und ein Unterbruch in der Kühlkette führt zu internen Problemen. Das Thema Kühlkette ist vielleicht dramaturgisch etwas plausibler aufbereitet, würde den Anspruch an einen Schulungsfilm eines Fischstäbchenfabrikanten sicher erfüllen, aber das Hauptthema, wenn es denn eines gibt, scheint mir doch die Vater-Sohn-Geschichte. Aber leider wurde diese dramaturgisch, hm, ja, verkackt.

Es gibt Szenen mit einer ganz langsamen Schwebefähre über einen Kanal, so wie sie wunderbar in den „Demoiselles de Rochefort“ zu sehen ist; bei dem Gedanken an Jacques Demy will einem hier schier das Blut gerinnen oder man kriegt Magenkrämpfe angesichts dieser Gefrierkomödie.

Erklärungsversuch, wie es möglich wird, dass solch ein unausgegorener Film überhaupt gemacht, mit öffentlichen Geldern gefördert wird und in die Kinos kommen soll. Vielleicht geht in den Machern und Ermöglichern von solch „netten“, vielleicht gerade mal fernsehnetten „Filmen“ psychologisch folgendes vor sich: die Deutschen können keine Komödie, eine häufig zu hörende Behauptung, und weil sie sie nicht können, können wir sie sowieso nicht und also müssen wir sie so machen, dass wir uns beweisen, dass wir sie nicht können.

Brautalarm

Warum mir der Film so gefallen hat? Vielleicht weil das Hochzeitsthema mehr ein vordergründiger Aufhänger denn Thema selbst ist. Bei „Fremd Fischen“ beispielsweise, einer typischen Boulevard-Hochzeitskomödie, da geht’s simpel darum, kriegt die Braut am Schluss den Richtigen. Das ist in etwa so spannend, aber auch nicht weniger, wie beim Dart oder beim Golf, trifft der Pfeil in die Mitte, trifft der Ball ins Loch, kommen zwei Dinge, die zusammen gehören auch zusammen oder wie beim Rangieren mit einem Eisenbahnzug, kann der Wagen oder die Lok angehängt werden oder gibt es davor noch eine Menge Komplikationen zu bewältigen. Das bleibt also alles meist beim Oberflächlich-Funktionalen.

Hier fängt es mit einer gezielten Oberflächlichkeit an. Annie, Kristen Wiig, die auch am Drehbuch beteiligt ist, ist in sportlichen Sexübungen mit einem Macker zugange, Stellung um Stellung wird abgearbeitet und am Morgen schmeißt er sie zeitig und ziemlich cool raus. Dabei sind die beiden Figuren einsam geblieben. Null Erotik. Null Zärtlichkeit. Sex als Leistungssport. Damit ist bereits das Thema umrissen, das in diesem Film interessiert, nicht ob die Hochzeit von Annies bester Freundin Lilian, sie kennen sich schon von Kindsbeinen an, gelingt oder ob noch etwas dazwischen kommt, ist das Thema. Hier geht es um menschliche Einsamkeit und den Umgang des Menschen damit, was bisweilen zu abgrundtief komischen Situationen führen kann. Mit solchen ist dieser Film gut gesegnet.

Schon vor der Hochzeit passiert etwas völlig Unerwartetes. Zwischen zweien der Brautjungfern, denn zwischen die Busenfreundschaft von Annie und Lilian drängt sich mit Macht die auch extrem einsame Helen, die aus superreichem Hause kommt (damit für filmisch ergiebige Sujets sorgen wird). Sie ist eine neuere Freundin von Lilian, nimmt diese aber voll in Beschlag wie ein Eigentum, überrumpelt sie förmlich und treibt damit einen Keil zwischen die alte und scheinbar unverbrüchliche Herzensfreundschaft von Annie und Lilian.

Der Streit um die Freundin – und damit der Streit gegen die Einsamkeit der beiden Damen – nimmt schon bei der ersten Begegnung herrlich absurde Züge an. Es ist das Willkommenstreffen aller Brautjungfern. Erst sagt Annie was ins Mikro. Dann Helen. Oder umgekehrt. Und immer wenn die eine das Mikro abgegeben hat, nimmts die andre nochmal in die Hand, um noch eins drauf zu setzen. Incredible, wozu sich einsame Menschen, die um den Verlust ihres vertrautesten Menschen bangen, hinreißen lassen! Eine kleine buhlende Rhethorikschlacht, todtraurig und saukomisch zugleich.

Helen hat Annie gegenüber gleich einen arroganten Ton drauf und macht sie klein wo und wann immer das geht. Brutale Überfahrkiste. Das setzt sich fort bei der Auswahl fürs Brautkleid. Dann wollen die Brautjungfern eine Art Junggesellinenabschied feiern und sie fliegen dem Wunsch von Helen gemäss nach Las Vegas.

Es gibt über Annie sehr viel zu erfahren in diesem Film. Wie sie mit ihrer Schwester, die nur ein Touristenvisum hat und nicht arbeiten darf und ihrem eierköpfigen Bruder zusammenwohnt. Wie sie nicht mehr bei ihrer Mutter wohnen will. Wie ihre kleine Cup-Bakery pleite gemacht hat. Wie einsam sie ist und wie sehnsüchtig nach Liebe. Die Geschichte mit dem Polizisten Rhodes, den sie kennenlernt, wie sie in Schlangenlinien wie von der Helen-Tarantel gestochen durch die Nacht fährt. Der Polizist hält sie aber an wegen defekter Rücklichter. Später kommt es zu einer sehr grotesken Szene, wie sie ihn nach der ersten Nacht bei ihm einfach verlassen hat und ihm contre coeur, auch das eine Folge der Einsamkeit, einen Korb gegeben hat. Wie sie ihn zurückhaben möchte. Wie sie ihm dann endlich Kuchen gebacken und vor die Tür gelegt hat. Wie er nach der Nacht mit ihr Backzeug besorgt hatte er, damit sie wieder bäckt, welch Liebesbeweis, denn er kannte noch die Kuchen von ihrem Laden. Wie dann Annie, wie Lilian vor der Hochzeit plötzlich verschwunden ist, wie verrückt immer an seinem Streifenwagen vorbei fährt, das ganze Register möglicher Verkehrsverstösse begehend, nur um auf sich aufmerksam zu machen, denn er sollte ihr helfen, Lilian zu finden. Und wie als Tüpfelchen auf dem i ihre Erzrivalin Helen von der selben Angst um den Verlust von Lilian getrieben die ganze Chose auf dem Beifahrersitz auch noch mitmacht – das dürfte an Tragikomik nicht so schnell überboten werden.

Zurück zum Flug der Brautjungern nach Vegas. Annie, bockig wie einsam, weigert sich, sich von Helen die erste Klasse bezahlen zu lasssen und fliegt economy, führt sich dann auf im Flugzeug, auf allen Knigge-Codes des Benimms herumtrampelnd. Herrlich.

Urkomisch auch die Szene mit dem Anprobieren der Brautjungfernkleider, wie sie alle das Kotzen und den Durchfall kriegen.

Annie benimmt sich einfach immer mehr daneben. Am Vorabend der Hochzeit bei der Beschenkung: sie schenkt ihrer alten Freundin Erinnerungsstücke und Lilian sagt ganz gerührt, sie sei die beste Freundin; dann kommt ein Umschlag von Helen mit einer Einladung zu einem Flug nach Paris, um das Hochzeitskleid anzuprobieren; da umarmt Lilian Helen und spricht auch von bester Freundin, obowhl die sich erst seit acht Moanten kennen (später wird Helen dann Lilian ihre Einsamkeit gestehen, dass sie immer alles nur mit Geld machen wollte, sich immer alles kaufen wollte und dass sie sowieso nur sehr einsam zuhause hockt und eben total allein ist); da rastet Annie aus; es kommt zu einem Riesengeschrei und die beiden Frauen schenken sich nichts – wie in der Dreigroschenoper das Eifersuchtsduett.

Annie arbeitet übrigens bei einem Juwelier und lässt an den Kunden ihren ganzen Beziehungs- und Einsamkeitsfrust aus, wenn diese von ewiger Liebe reden. Das ergibt Szenen gegen jeden Verkäuferinnenanstand und das kostet sie den Job. Ihre Geschwister werfen sie darauf hin aus der gemeinsamen Wohnung, die Ärmste kehrt wieder zur Mama zurück, gebeutelt vom Schicksal.

Eine weitere Brautjungfer ist Magen, die korpulente. Sie sitzt im Flugzeug neben einem Macho, den sie für einen typischen Airmarshal hält, den sie ständig darauf anquatscht und der es stets abstreitet, bis dann der Ernstfall eintritt, wenn Annie behauptet, sie sehe auf dem Flügel eine Frau aus der Kolonialzeit. So kommt das ganze Flugzeug in Aufruhr. Der Marshall muss sich outen. Damit kommt eine köstliche Liebesgeschichte in Gang.

Die Einsamkeit einer der weiteren Brautjungfrauen wird übrigens dadruch illustriert, dass sie jede Menge Stiefkinder hat, sie selbst ist blond, und sie regt sich maßlos über die pubertierenden Jungs auf, deren Bettlacken voll mit Sperma seien, so voll, dass sie fest wie Bretter seien.

Ein Dialogstück von Lilian zu Annie: „Du hast es geschafft, jede einzelne Veranstaltung vor meiner Hochzeit zu ruinieren“, nun, des einen Ruin ist des Publikums Freud.

Belgrad Radio Taxi

Zum Vorspann fallen Tropfen auf eine Wasseroberfläche, der Mensch als Tropfen – symbolisch.
Die deutsche Synchronisation ist leider eine routinierte und bei den weiblichen Stimmen gerne s-fehlerhaft.

Ineinander verknüpfte Geschichten aus Belgrad. Ausgehend von einem Taxifahrer, also genau genommen von der Stimme von Belgrad Radio Taxi, von der man als erstes erfährt, dass dieses Radio nur noch beschränkt auf Sendung gehen werde und dann aufhöre. Der schöne Zirkelschluss zu dieser Ansage: ganz am Schluss fährt der Sprecher eben dieser Sendung selber Taxi und ein Fahrgast, weiblich, hat die Sendung sehr geschätzt.

Der Blick auf die Brücke zwischen Neu-Belgrad und der Altstadt und die Radioansagen dazu sind Bindemittel zwischen den einzelnen Geschichten, die alle Figuren aus dem heutigen Belgrad portraitieren und die, so will es diese Art von Konstrukt, miteinander in Verbindung geraten.

Der Krieg ist in den Köpfen immer noch präsent. Das zeigt sich im Hang zur Selbstbewaffnung, in Form von Friedhofsbesuchen oder Erinnerungen an Verstorbene oder in den ständigen giftigen Bemerkungen des Hausbesitzers im Innenhof, wo unser Taxifahrer Gavrilo wohnt, der nie Kinder haben möchte, weil er kein Sadist sei und keinem ein Leben, wie er es kennen gelernt habe, gönnen möchte, also eine kriegsbedingt pessimistische Weltsicht.

An Gavrilo bleibt prompt ein Kind hängen. Damit fängt die eigentliche Spielhandlung an. Eine Frau mit Kind auf dem Arm steht an einer Kreuzung. Er nimmt sie mit. Mitten im Stau auf der Belgrad Brücke steigt sie aus, steigt aufs Geländer, weg ist sie und Gavrilo bleibt mit dem Kind auf dem Rücksitz in seiner Taxe zurück. In einem Auto in unmittelbarer Nachbarschaft sitzt ein streitendes Paar, die Frau ist Anica Dobra, sie verlässt das Auto, sie will von ihrem Macker nichts mehr wissen.

Gavrilo hat nun dieses Kind. Aus einem intuitiven Grund mag er nicht zur Polizei gehen. Aber er meldet, dass er als unbeteiligter Zeuge die Frau hat springen sehen und erkundigt sich nach ihr. Sie ist geborgen worden, sie lebt. Sie hatte die Nase gebrochen und liegt im Koma. Um aber das Mädchen wieder loszuwerden, will Gavrilo dass die Mutter wieder ins Leben zurückkommt. Erst geht er mit dem Kind zu seiner Vertrauten, einer guten Bekannten, einer Nutte, die sich ein bisschen kümmert. Dann in seinen Hinterhof mit dem zynischen, rassistischen Hausbesitzer, der wie er das Kind entdeckt sich schon mal mit der Axt dem Mieterfenster nähert, worauf Gavrilo seine Pistole schnell in Griffbereitschaft hat. Wie denn Pistolen auch so noch allerorten auftauchen, so kurz, so selbstverständlich, Rückbleibsel aus einem furchtbaren Krieg, der Folge des Zusammenbruchs Jugoslawiens nach Tito. Von dem übrigens auch immer noch geredet wird und von seinem Geburtstag. Der ist noch präsent, weil die Zeit auch ihr Gutes hatte.

Bei der Polizei begegnet Gavrilo nach seiner Aussage Anica, die auch aussagen will und er bittet sie, doch nicht zu erwähnen, dass die Frau aus seiner Taxe gestiegen sei, weil er dann seine Zulassung verlieren könne, weil er ja anders ausgesagt hatte.

Die Besuche bei der Mutter des Kindes werden fortgesetzt, auch mit Nutte und Kind und die Therapie wirkt. Allmählich fängt die Mutter wieder an, die Augen zu bewegen und einmal wird Gavrilo vom Arzt gefragt, welche Blutgruppe er habe und ob er nicht Blut spenden könne. Er zögert.

Der Regisseur schneidet auf eine Szene in einer Bar. Die Adresse dieser Bar fand Gavrilo auf einer Serviette, die die Frau in seiner Taxe hat liegen lassen. In der Bar erkundigt er sich nach ihr. Hier reißt er sich das Pflaster von der Blutabnahme ab, ob er das hier entsorgen könne.

Eine andere Geschichte ist die von der Lehrerin, in die der adoptierte Sohn Marco eines Mannes verliebt ist, der ihr Kind überfahren hat. Es ist ein bleicher grüner Junge. Er repariert ihr das Auto und fährt es ihr vor die Schule, denn es war kaputt und sie fragt ihn, ob er das Auto aufgebrochen habe, worauf er antwortet, es sei schließlich ein Jugo, diesen Wagen könne man mit einem Hausschlüssel öffnen. Er hat aber den Zünder oder was auch immer repariert. Die Lehrerin ist ihm gegenüber in einem furchtbaren Konflikt. Hier ihr Sohn, der vor vier Jahren vom Vater von Marco überfahren worden ist, man sieht dann auch das Kinderzimmer und wie sie die Spielsachen zusammenpackt und einer anderen Frau gibt, andererseits ist sie nicht unanfällig gegen die Liebe, die der Junge ihr gegenüber behauptet.

Keiner in diesem Film ist unempfindlich gegen die Liebe, den Zyniker im Hinterhof vielleicht mal ausgenommen.

Die rothaarige Apothekerin, Biljana, stellt am Grab ihres verstorbenen Dunscha eine brennende Cigarette auf. Dabei wird sie von Dunschas Bruder Stefan, einem Popen, beobachtet. Stefan ist aber mit einer anderen Frau zusammen, die schon schwanger ist. Biljana scheint das wenig zu interessieren. Sie ist entflammt für Stefan.

Die Mutter mit Kind, Jasmina Hadschidsch heisst sie, wohnt jetzt bei Gavrilo und wie er schlafen gehen will auf dem Sofa, sagt sie, er solle sich doch zu ihr legen, dann liegen sie eng aneinandergeschmiegt beieinander, schönes Bild, Geborgenheit. Nur die Menschen in Jugoslawien sind halt sehr kaputt. Anderntags gehen sie in die Kneipe, wo Gavrilo die Adresse der Frau ausfindig gemacht hat. In der Stadt treffen sie auf einen Mottorradfreak. Er ist der Vater des Kindes. Kaum sieht sie ihn, hockt sie schon hinten auf seinem Motorrad und braust mit ihm davon. Gavrilo bleibt mit dem Kind zurück.

Das Problem beim Versuch, solche ineinander geschnittenen Geschichten zu erinnern, ist, dass man leicht durcheinander kommt. Sowohl in der Reihenfolge, also auch in den Inhalten, und was nun genau wann und wo passiert ist und wer nun genau mit wem was gemacht hat.

Ein weiteres Problem mit solchen ineinander geschnittenen Geschichten scheint mir auch die Gefahr, dass sich die Geschichten dann dem Arrangement anzupassen zu haben und nicht allein ihrer inneren Dynamik folgen, so verlieren sie für mich gelegentlich einen Hauch an Glaubwürdigkeit, weil das dann dem System geschuldet ist, dass zum Beispiel der Taxifahrer am Schluss selber auf der Brücke steht am Geländer und offensichtlich drüber nachdenkt, sich hinunterzustürzen, denn schliesslich ist er wieder allein; er tut es dann doch nicht, wie er aber zum Auto zurückgeht und verkehrsseitig die Tür aufmachen will, da wird er von einem herannahenden Auto erwischt. Das ist doch sehr künstlich herbeigeführter Schluss, der mir zu aufdringlich letztlich von den doch spannenden Geschichten ablenkt, der mir vorkommt wie eine Eitelkeit des Erzählers, die er glaubt, seinem System zu schulden.

Dabei hätte Srdan Koljevic das gar nicht nötig, er ist ein erfahrener Drehbuchschreiber, das ist nur der erste Film, bei dem er auch Regie führt, seine Figuren und Szenen haben Hand und Fuss, wenn man die Struktur einer Erzählung mit einem Tisch als einer Arbeit eines Schreiners vergleichen wollte, so könnte man sagen, die Figuren und Szenen sind im Lot, sie sind stabil, sie wackeln nicht, man kann sich dran setzen, sie sind glaubwürdig, dadurch auch gut spielbar, die Charaktere sind erkennbar, sie haben eine Geschichte, die mehr oder minder unverhohlen in ihr Leben reinspielt, dieses bestimmt. Es sind immer konkrete Handlungabläufe und Sachzwänge, die den Fortlauf der Geschichten bestimmen, die Figuren sind somit sehr gut geerdet und haben sonderbarerweise gerade dadurch auch genügend Momente, ihre Gefühle zu zeigen, ohne dass dadurch extra erklärende Szenen und Texte erfunden werden müssen.

Zum Beispiel bringt die Drohung des Spitals, die aufgewachte Komapatientin solle in die Psychiatrie verlegt werden, einen wichtigen Handlungsimpuls, denn wer weiss (das wird jetzt nicht erzählt, das muss sich der Zuschauer schon selber ausdenken) wo erstens die Psychiatrie ist, zweitens, ob die Patientin da je wieder rauszuholen ist und führt also zu einer sehr schnell organisierten und improvisierten Patientenentführung. Gavrilo muss also in der Apotheke, in der Biljana arbeitet und in der er schon die Durchfalltabletten für das Kind besorgt hatte, schnell einen Arztkittel und sanitäre grüne Hauben besorgen, kurz die Ausrüstung, um den Doktor zu spielen und der Patientin das Aussehen eines reguläre zu verschiebenden Patienten geben, das gibt ihm auch die Gelegenheit zu erwähnen, dasss er auch nicht auf den Kopf gefallen sei, nachdem er die Patientin vorbereitet hat, geht er ganz schnell in ein Nachbarzimmer, zieht einen Stecker raus (das passiert geschickter weise im Off) man sieht ihn nur zurückkommen, es piepst wie wahnsinnig in besagtem Zimmer und während er in aller Seelenruhe die Patientin auf einen Rollstuhl setzt und rausfährt, rennt das Personal, das sieht man durch eine Scheibe, in das Zimmer nebenan, gelungenes Ablenkungsmanöver, eine Szene, die viel erzählt über Gavrilo, und die den Zuschauer lustvoll mitgehen lässt. Das Ziel der ganzen Aktion ist letztlich, das Kind wieder loszuwerden.

Die Begleitmusik ist übrigens besinnlich leicht würde ich sagen, es dominieren die gezupften Streichinstrumente, die gelegentlich auch von einem Klavier oder einem Blasinsturment diskret begleitet werden.

Die Einladung der Apothekerin an Stefan geschieht mittels einer rein sachlichen Information, dass die Apotheke rund um die Uhr geöffnet habe und dass sie lieber nachts arbeite. Auch hier kann wunderbar in Sach- und Geschäftszwängen eingebettet der Hinweis auf ein Rendez-vous stattfinden, statt irgend ein gestottertes Getue, ob man sich wieder sehen könne oder die Telefonnummern tausche.
Wie Stefan nachts in der Apotheke auftauchtt, lässt die Apothekerin was fallen, schilt sich selbst einen Tolpatsch und schön küsst sie Stefan, kurz, heftig, hinter der Apothekenladentheke. Das sind grossartige Szenen, die wie impulsiv passieren.

Später wird Gavrilo seine Pistole verkaufen, notgedrungenermaßen, denn für das Baby müssen Dinge angeschafft werden. Diese Pistole ist also ein Kristallisationskern für einen ganzen Handlungsstrang um den Kauf eines Kinderwagens, später eines Kindersitzes, wie der Motorradtyp mit der Mutter abgehauen ist); beim zweiten Mal im Kinderladen (übrigens hat sich beim ersten Mal die Mutter total desinteressiert gezeigt, was für einen Kinderwagen Gaavrilo kaufen werde), und bei der Anschaffung des Kindersitzes kommt es auch zu einer merkwürdigen Anmachsszene zwischen der Verkäuferin, einer sehr aufgemotzten jungen Dame und Gavrilo. Er verkauft also die Pistole, der Deal geht in einem kleinen Lokal vor sich und die Pistole bleibt nicht lange beim ersten Käufer, schon im nächsten Moment kommt Wuk, der Motorradfahrer in der schwarzen Lederjacke und ersteht sie. Damit wird er in einer Art Countdown-Szene Gavrilo bedrohen. Das war etwas sehr absehbar.

Immerhin hat dieser Verkauf, und dass andere ihn mitgekriegt haben auch die Gelegenheit zu Bemerkungen gegeben, aus denen hervorgeht, wie wichtig, wie ans Herz gewachsen einem heutigen jugoslawischen Taxifahrer seine Pistole ist, einmal hat er das ja auch begründet, dass er die zu seiner Sicherheit brauche; aber die Kommentare zum Verkauf, die lassen auf ein viel tieferes Verhältnis schliessen.

Der Film zeigt lauter Menschen mit Narben, dazu ist der Satz zu hören: „Ein Mensch ohne Narben hat nie gelebt.“

Ein Sommersandtraum

Leise rieselt der Sand. Der Sand in der Uhr ist der Sand der Zeit. Die Sanduhr. Die Unaufhaltsamkeit der Zeit. Hier geht es nicht um eine Sanduhr. Hier geht es um den Sandmann, so der Schweizer Originaltitel. Also nicht um das beruhigende Sandmännchen, hier geht es um einen ausgewachsenen Sandmann. Der verliert Sand. Das ist das Unheimliche, das Rätselhafte an der Sache.

Man stelle sich vor, man steht neben einem Menschen, und ganz langsam bildet sich zu seinen Füssen ein Sandhäufchen, ein stetig wachsendes Sandhäufchen wie im unteren Teil einer Sanduhr. Die Zeit. Der Tod. Die Unausweichlichkeit. Überall Sand. Das ist besonders lästig, ja geschäftsschädigend, wenn in einem Briefmarkenladen plötzlich überall Sand ist. Das kann den Inhaber zur Weißglut treiben. Und den Angestellten den Job kosten.

In diesem Film dürfte die Eigenschaft des Sandmanns, er heißt Benno, weniger die Nähe zu Tod oder Vergänglichkeit sondern eher die zur Hochstapelei sein. Er ist ein einfacher Angstellter besagten Briefmarkenladens, der sich selbst aber als Dirigent eines grossen klassischen Orchesters mit triumphalen Erfolgen sieht. Auch seinem Arbeitgeber gegenüber wird die Loyalität schnell löchrig, wenn ihm eine wertvolle Rarität von Briefmarke, die Grüne Constantin 9 (Anlass für zahlenmystische Überlegungen) in die Hände gerät.

Benno ist kein Sympath, versucht gar nicht erst Sympathien zu gewinnen, er ist skrupellos und mit einer etwas farblosen Blondine zusammen, mit Patrizia. Im Grunde genommen aber gefällt ihm Sandra, Frölein Da Capo, eine Sängerin. Sie ist rundlich und braunhaarig. Warum er nun ausgerechnet für sie gemacht ist und nicht für die andere, das wird allerdings nicht so recht ersichtlich. Gegen Sandra ist er nur brutal. Sie jobbt in einer Kneipe und übt für einen Gesangswettbewerb. Nachts übt sie Trompete und Singen. Dadurch kann der offenbar durch und durch verlogene Benno nicht schlafen. Sowieso benimmt er sich ihr gegenüber richtig rüpelhaft, scheißt sie uncharmant zusammen, ihr Talent reiche überhaupt nicht und sie soll es aufgeben. Er, der Kotzbrocken, der den grossen Traum vom Dirigenten träumt.

Benno beginnt eines Tages Sand zu verlieren und er wird immer dünner. Immer wenn er lügt, verliert er Sand. Das heißt: meistens. Aber auch wenn er versucht, die Wahrheit zu sagen, kommt das nicht gut. Er hinterlässt eine immer auffälligere, dicke Sandspur, bis schließlich sein Zimmer mit einem riesigen Sandhaufen angefüllt ist, in dem er begraben liegt wie Winnie in den „glücklichen Tagen“ von Samuel Beckett.

Eine ungewöhnliche Eigenschaft des Sandes, den er verliert ist die, dass Leute, die an ihm riechen, in Ohnmacht fallen und die bizarrsten Träume haben. Benno träumt immer von einem reichen Leben in einer Mittelmeer-Luxus-Gegend, playboymässig.

Ein bisschen verheddert sich Peter Luisi, der Autorenfilmer, zwischenzeitlich dann etwas in den Träumereien und Sandverlusten von Benno, nachdem dieser aus dem Briefmarkenladen rausgeschmißen worden ist, da fehlt Benno das Rückgrat des Jobs, da wabert der Film ein bisschen unschlüssig zwischen Sand verlieren, Träumen und dann doch mit Sandra anbandeln hin und her.

Am Schluss gibt’s im Traum ein wunderschönes Konzert. Das Konzert muss die Nummer Neun von Beethoven sein, der Zahlenhinweis stammt, wie es in Träumen von Menschen, die Sand gerochen haben sein darf, aus der geklauten Grünen Constantin Nr. 9, die hinter Benno im Sandhaufen schön eingerahmt an der Wand hängt. Das sind genau die richtigen Gedankensprünge für ein skurriles Sommerstück aus der Schweiz.

Die Entscheidung der Produktion für eine rein hochdeutsche Nachsynchronisation des Filmes mag eine geschäftliche Begründung haben, nimmt damit aber einen gewissen Charme-Verlust in Kauf. Warum nicht wie bei der gelungenen DVD- und Fernsehnachsynchronisation für DIE HERBSTZEITLOSEN eine Nachsynchronisation mit einem Hauch Schweizerisch drin wagen?

Insidious

Den Inhalt sollte man hier gar nicht groß referieren. Jedenfalls nicht für die Öffentlichkeit, die den Film noch anschauen will. Weil er ja erst mal auf eine falsche Fährte führt. Die Lamberts sind eben in ein neues Haus eingezogen. Überall sind noch Umzugskartons. Man ist am Einrichten. Das Haus ist etwas dunkel. Etwas unheimlich. Das versteht die Kamera hervorragend einzufangen. Man sieht, dass sie und die Regie in außerordentlich kundigen Händen liegen. Es ist eine unglaubliche Ausgewogenheit zwischen Normalität – so spielen die erstklassig geführten Schauspieler – und dem Horror, der uns ins Haus steht und wie die Bilder eben glauben machen wollen, vom Haus ausgeht.

Der Horror kommt wohldosiert und in kleinen, erst unauffälligen Häppchen daher. Steigert sich dann bis der Papa, der ein Schullehrer ist, offenbar nicht mehr gerne nach Hause zurückkehrt (das ist fast der ungemütlichste Audruck des bisherigen Horrors) und vorgibt, er habe Schularbeiten zu korrigieren oder Tests vorzubereiten, aber man sieht ihn allein im Schulzimmer vor dem Laptop sitzen, nicht sehr beschäftigt. Er hat Angst vor dem Horrorhaus, in dem plötzlich Figuren vor den Fenstern vorbeihuschen oder gar ein skelettartiger, blutroter Handabdruck auf dem Leintuch vom Buben zu finden ist.

Der Bub, der ist schon ganz krank. Der liegt plötzlich in einer Art Koma und die Ärzte finden nicht heraus, was es ist, sowas haben sie noch nie gesehen.

Also zieht man dann lieber um in ein anderes Haus, weil auch die Ehe zu kriseln beginnt. Die Phänomene hören jedoch nicht auf. Im Gegenteil, sie werden schlimmer. Das Haus ist zwar etwas heller. Aber der Phänomene werden mehr. Ein Zwerg spukt plötzlich rum im Haus. Es folgt ein Knall. Andere unheimliche Geräusche. Auch das Gespräch mit dem Pfarrer hilft nichts. Also wird Alice bestellt, eine Geistaustreiberin. Ihr voran tauchen zwei junge Männer mit weißen Hemden auf, sehr merkwürdige Erscheinungen mit Hokuspokus-Geräten ausgerüstet, mit denen sie das Haus absuchen. Wie Alice erscheint, eine Frau mit blondem strähnigem Haar, stimmig wie überhaupt die Besetzung superstimmig ist, da wird klar, wer in dieser Truppe das Sagen hat. Es ist Alice und die beiden anderen haben nur ihr nachzutippeln und aufzuschreiben, was sie bei der Begehung des Hauses sagt. Auffallend ist nun, dass am Ende statt der Notizen das wilde Gemälde eines Gespenstes zu sehen ist.

Im Ersten Teil, im ersten Haus, der knapp eine Stunde dauert, fängt es übrigens mit dem Babyyphon an. Die Mutter hört im Wohnzimmer aus dem Zimmer des Babys Männerstimmen und auch Krach und wie sie nachschauen geht, da ist nichts. Später dann nach so einem Radau liegt der größere Sohn, Dalton, der doch an Infusionen angehängt war, auf dem Boden und das ganze Zimmer ist ein Riesenchaos, das düfte einer der triftigsten Gründe für den Umzug gewesen sein.

Die Analyse von Alice ist jedenfalls, dass es sich um ein Verlassen des Astralkörpers handelt, resp. ein Spazierengehen mit selbigem und man erfährt dabei erstaunt, dass schon der Vater von Dalton das Phänomen kannte. Das Verfahren zur Identifizierung des Geistes, der sich im Körper von Dalton eingenistet haben muss, besteht darin, aufwändige Fotos zu machen, auf welchen der Geist ab und an zu erkennen ist.

Alice kündigt ihre Methoden als „a little unorthodox“ an, was auch zutrifft.
Bei ihr gibt es Geistaustreiben für 600 Dollar.
“I watch myself asleep”.

Geistaustreibsession. Hier wird’s gespensterhaft, wie klar wird, dass auch der Vater damit zu tun hat und noch später wird’s noch gruseliger, wie Alice gewürgt wird bei der Sitzung mit dem Metronom; to be outside ist der Zustand. Der Film hats gesehen und gefilmt, wie er in dem Sessel sitzt und gleichzeitig am Zimmerrand steht und sich betrachtet. Das Ziel ist, ihn wieder hinein zu kriegen. Dafür bedient sich James Wan, der Regisseur, einer ziemlichen Geisterbahnphase, die einfach hübsch gemacht ist, aber nicht allzu aufregend fürs Gemüt, man kann auch nachher sicher ruhig schlafen.

Ein Film, bei dem wohl die Freude darüber, wie schön und horrorstilsicher er gemacht ist, größer sein dürfte als der Grusel und der Kitzel durch die Effekte. Eher eine Augen-, denn eine Zitterweide.
Mit einem durchaus aparten Thema, dessen Nexus zur eigenen Erfahrungswelt aber eher dünn ist, die Anzahl der Fälle, in denen ich vom Bett aus mir zusah, wie ich mich von der Zimmerdecke herab betrachtete, halten sich in Grenzen.

Win Win

Was hier alles ins Kino kommen soll. An und für sich, für das was es ist oder sein soll, ist es geschmeidig, gekonnt gemacht. Was aber ist das, was soll es sein? Es ist eine amerikanische Geschichte vom Lande, aus New Jersey. Es ist das Lob des amerikanischen Provinzlebens in weißen Häuschen mit großzügigen Veranden in angenehmen Wohngegenden, mit einem Gericht und Sportanlagen und, ja, noch einem Supermarkt. Und dem Fernsehen. Sport ist wichtig. Hier wird gewrestlet.

Die Hauptfigur Mike Flaherty ist einer der Bewohner eines solchen Häuschens. Wie die Welt in Amerika vor der Immobilienblase noch intakt war. Die Menschen machen zwar Fehler, aber die Gesellschaft kann die auch wieder ausbügeln. Er ist Anwalt, eher dritter Klasse oder winkelig, er hat sein Büro in einem Keller, der sieht sehr feucht aus, da ist alles voller Akten von ihm und seinem Compagnon, so einem Kopf mit einem Hängemaul, unangenehmer Sportfunktionär nebenher und Coach, wie Flaherty auch, der selbst ein kleiner rundlicher Typ ist, ein beliebter Komiker in Amerika, wie jedes Land und jedes Stadttheater einen hat, Menschen an denen die Welt einigermassen abprallt und die sich zurechtzuwuseln wissen.

So ganz großartig kann das Geschäft nicht laufen. Der Spengler ist auch ständig zugange und ein Heiz- oder Wasserkessel soll ausgetauscht werden. Man hört, das ist das einzig utopistische oder absurde Moment in dem eher biederen Movie, die Röhre donnern wie aus dem Jenseits oder aus einer großen Industrieanlage.

Flaherty ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist gerade mit dem Fall eines älteren Herren befasst, der ins Heim gegeben werden soll. Flaherty aber setzt durch, dass er selbst die Aufsicht über ihn übernimmt. Das zahlt sich nämlich aus, dafür kriegt er 1500 Dollar im Monat. Aber statt den Alten in seinem Haus zu lassen und sich um ihn zu kümmern, steckt er ihn in die Altersresidenz Oak Knoll senior care. Das ist seine Sünde, die das Thema dieses Filmes ist, denn er kümmert sich einen Dreck um den Alten. Ihn interessiert nur das Geld, weil er es braucht für Haus und Frau und Kinder. Eine Sünde für einen guten Zweck.

Die Sünde bringt ihm gleich ein Geschenk. Der Enkel des Alten sitzt plötzlich bei diesem vor der Tür. Er ist abgehauen, weil auch er eine Sünde begangen hat, nämlich ein Auto geklaut und ist dann ohne Führerschein gefahren. Der Rest ist absehbar. Denn er ist ein erstklassiger Wrestler. Wird in die Anwaltsfamilie aufgenommen und bringt das Wrestling Team seiner Altergruppe nach vorn. Er ist ein auffälliger, verschlossener Blondschopf. Amerikanische Provinzidylle, sie lebe hoch, hoch, hoch. Irgendwann taucht auch die Mutter auf. Sie ist drogenabhängig. Sie kommt dahinter, was Papa Flaherty mit dem Alten organisiert hat. Da ist was zu holen.

Um zu einem Ende zu kommen: irgendwann gibt’s eine gewonnene Meisterschaft und die drogenabhängige Mutter bekommt die 1500 Dollar Aufwandsentschädigung, die Flaherty zu unrecht kassiert und der Blondschopf kann seine Schule zu Ende machen. Ende gut, alles gut. Amerikanische Provinz, die heile Welt. Es hat kein 9/11 gegeben, keine Immobilienblase, keinen Finanzcrash, keinen Irak- und keinen Afghanistankrieg, kein Guantanamo; die amerikanische Provinz ist das Glück auf Erden, mit Menschen, die ein bisschen menscheln, aber alles wieder geordnet hinkriegen. Unsere kleine Stadt. Der Film als Beruhigungspille angesichts des wahnwitzigen, unversöhnlichen Pokers, den die Republikaner in Washington zur Zeit mit Obama spielen und damit Amerika an den Rand treiben.