Alle Beiträge von Stefe

Orphan: First Kill

Im Humanen steckt ein Monster

William Brent Bell hat sich schon mit The Boy und Brahms: The Boy 2 als meisterhafter Horrorregisseur zu erkennen gegeben. Diesmal tut er so, nach dem Drehbuch von David Coggeshall, als ob er gleich zu Beginn sein Horrorpulver verschieße. Er startet in Estland im Jahr 2007. Eine junge Frau, Therapeutin Anna (Gwendolyn Collins), kommt an beim Saarne Institut, einer Irrenanstalt. Sie will ihren Job antreten.

Das Institut ist wie ein Hochsicherheitsgefängnis, weil einige Patienten sehr gefährlich sind. Kaum hat Anna das Haus betreten, gibt es Alarm. Leena (Isabelle Fuhrmann) ist verschwunden. Sie gilt als gewalttätig und als besonders gefährlich. Das wird Bell auch gleich in wenigen Szenen beweisen, es ist so schlimm, dass Anna gleich ihren Job wieder quittieren will, als ob es da nicht schon zu spät wäre.

Hier sollte nicht weiterlesen, wer sich überraschen lassen will, wie Brent Bell sich aus der Sackgasse, dass er das Horrorpulver bereits verschossen zu haben scheint, und wie und ob er wieder herausfindet.

Der Film macht jetzt einen geographischen Sprung nach Connecticut, nach Darien zu einem Fechtwettbewerb. Hier geht es zu einer etabliert künstlerischen Familie, zu Tricia (Julia Stiles) und ihrem Mann Allen Albright (Rossif Sutherland), die mit ihrem Sohn Gunnar (Matthew Finlan), dem Fechter, ein Luxusanwesen, vom Look her eher alptraumhaft, bewohnen.

Die Familie versucht, den Verlust ihrer Tochter Esther zu verdrängen. Die Familie kommt aus Estland. Der Film gibt aber auch zu verstehen, dass der Glaube, dass die Tochter zurückkehre, stärker ist als jede realistische Einschätzung. Das wird sich vor allem bei Mutter und Sohn noch als gespaltene Wahrheit erweisen.

Auch hier wird der Zuschauer erst auf eine falsche Spur geführt. Jedenfalls taucht Esther plötzlich in Moskau auf. Mutter fliegt im Privatjet hin, um das Töchterchen abzuholen. Der Zuschauer ist da längst eingweiht, dass es sich um Leena handelt, die versucht, Esther zu spielen.

Es ist spannend zu beobachten, wie die Familie aus purem Ehrgeiz, das Familienbild aufrechtzuerhalten, so tut, als erkenne sie das falsche Gezücht. Aber das wäre langweilig, wenn die Wahrheit nicht auch immer versucht, sich ihren Weg zu bahnen.

Es ist Detective Donnan (Hiro Kanagawa), der was ahnt und bald auch Beweise findet. Es kommt jetzt die Dramatik in Gang, wie wird die Wahrheit an den Tag kommen und wie lange ist eine humane Fassade unter diesen Elitemenschen aufrechtzuerhalten, die teils sehr genau über die Wahrheit Bescheid wissen, dies aber verbergen.

In schöner Hitchcock Suspense-Manier kommt es in höchster Gefahrensituation zum Versuch eines klärenden Gesprächs. Das Monster im Mensch, wie lange ist es zu zügeln? Wie steht es mit der Adoption von bemitleidenswerten Waisenkindern, denen noch eine traurige Geschichte zugeschrieben wird? Oh, oh, this is insane – even for us!

Alle für Ella

Gebrüder Grimm anno 2022
oder Virgina Wölfe

Blutige, abgeschnittene Zehen wie in Aschenputtel kommen im Märchen von Teresa Fritzi Hoerl, die mit Timo Baer und Anja Scharf auch das Drehbuch bereitet hat, nicht vor. So bös ist die Moderne nicht. Auch ist die Protagonistin Ella (Lina Larissa Strahl) keine verstoßene Stieftochter; sie ist Abiturientin in München, wohnhaft mit ihrer Mutter (Lavinia Wilson) in Neuperlach und beide zusammen putzen in einer Münchner Protzenvilla. Der schnöselige Sohn Leon (Gustav Schmidt) hängt unterm Dach als Alpha seinen Elektrokompositionen nach. Klassenunterschied der Moderne.

Was Leon und Ella verbindet, ist das Faible für Musik, der Hunger nach Auftritten, nach Öffentlichkeit, nach Erfolg. Der wird Ella auch in Konflikt bringen mit ihren Busenfreundinnen von Kindheit an, allen voran die prägnante Sina (Andrea Guo). Ihr Konflikt wird sein, Abitur und Teilnahme an einem Musikwettbewerb unter einen Hut zu bringen. Der Ausgang ist absehbar, wird aber gekonnt von plausiblen Twists bis zum Ende aufgehoben.

Der Film ist konsequent auf Feelgood-Romantic-Comedy und Coming-of-Age (es wird zu mehr als nur zum Küssen kommen) angelegt, das darstellende Personal ist kinohübsch, die Musik ist, so leicht wie sie ist, so gut anhörbar. Ein Film, der den Elan und den Optimismus der Jugend als Treiber nutzt.

Wenn das deutsche Kino dazu steht, ein Märchen zu erzählen, so sprengt es schnell den Rahmen der hochsubventionierten Kopflastigkeit. Eine andere Frage ist, ob diese heile Märchen-Welt (auf Aschenputtel wird explizit referiert) ohne blutige, abgeschnittene Zehen oder Fersen die Wahrheit unserer Zeit mit Corona, Inflation, Ukraine-Krieg trifft – ob die Assoziation des Namens der Girlie-Band „Virginia Wolf“, die wie die Wölfe heulen, einen Nerv trifft. Aber: es ist auch ein schönes München-Movie, mit altromantischen Stücken der Stadt als wärmender Kulisse – heiles München, als ob es hier keine Hochhausdiskussion gäbe.

Von oben nach unten (BR, Samstag, 27. August 2022, 22.00 Uhr)

Eine reichlich akademische Geschichte über einen zufälligen Urheberraub, wenig plausibel

Einer will von einem Brückengeländer springen, Selbstmord-Absicht, ein alter Zug mit Fenstern, die man öffnen kann, donnert vorbei. Daraus wird ein Koffer geworfen. Rein physikalisch-theoretisch müsste der Koffer dem Selbstmordkandidaten den letzten Schubs zum Sprung geben. Das muss im deutschen Fernsehen nicht so sein. Da geht es andersrum. Statt in den Fluss springt der Suizidentschlossene auf den Koffer, der von hinten kommt und fällt mit diesem aufs Gleis, gegen jede Physik und gegen jede Logik und ohne jede Verletzung. Abstrus.

So scheint die Basis dieses Filmes von Olvier Mielke, der mit Philip Kaltner auch das Drehbuch geschrieben hat, keinen Boden zu haben. Hauptsache, es kommen Autoren und Fake-Autoren vor, es kommt Ibiza vor und hübsche Frauen. Das reicht dicke fürs dumme deutsche Fernsehpublikum.

Eine dümmliche, unglaubwürdige Geschichte, zumindest kommt sie mit diesem Cast so rüber. Aber auch mit den Texten, diese vernünftelnden und gleichzeitig gestelzten Dialoge aus Allgemeinplattitüden; bestenfalls eine Akademelei über das Schreiben mit auf nicht näher charakterisierte Figuren verteilten Texten.

Damit haben die Drehbuchautoren offenbar öffentlich-rechtliche TV-Redakteure überzeugt, die ihnen darauf das Drehen auf Ibiza und in München finanzierten. Mit pseudointellektuellen Sprüchen über das Schreiben ist es leicht, Fernsehredakteure vom BR zu übertölpeln (wer weiß, wie viele von ihnen selbst verhinderte Autoren sind?), den Film mit Zwangsgebührengeldern zu kaufen und zu senden. Es gibt nichts Öderes, als dümmliche Unterhaltung.

Es dauert, bis klar ist, dass es sich beim Schnitt nicht um Rückblenden handelt, wenn der Fake-Autor dran ist, sondern dass es Parallelmontagen sind.

Der Darsteller des Paul Legert (Michael Brandner) wirkt wie in der falschen Rolle und als ob er versuche, dieses Defizit mit wie mechanisch wirkender Textreproduktion zu kompensieren. Irgendwie ist es schwer, ihm den Autor abzunehmen. Es ist eher nicht zu erwarten, dass diese Besetzung mittels eines Wettbewerbes zustande gekommen ist. Ihn könnte man in der Rolle eines kleinen Wichtigtuers allfenfalls vorstellen, eines Gernegroß, er wirkt wie der Synchronsprecher seiner eigenen Rolle

Und wenn der Darsteller des Paul Lgert einen Münchner Radfahrer mimen soll, so täte er gut daran, vor dem Dreh Münchner Radfahrer zu beobachten, wie die wirklich mit stierem Blick geradeaus durch die Fußgänger pflügen. Oder aber, Herr Brandner sollte dem Zuschauer plausibel machen, warum er beim Mimen von Radfahren so possierlich tut, als gäbe es in München nur schöne Fassaden und auf die Straße müsse man überhaupt nicht achten. Er sollte plausibel machen, warum er ein total zufriedener, ausgeglichener Mensch ist, mit sich und der Welt im Reinen und dem nicht gerade ein Manuskript abhanden gekommen ist. Oder macht sich der TV-Darsteller gar über die Münchner lustig?

Und peinlich! Den Filmtitel „Von oben nach unten“ gab es schon einmal, 1933, von Georg Wilhelm Pabst, da spielte Jean Gabin mit!

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Checker Tobi – Der Migrations-Check (Kika, Samstag, 3. September 2022, 19.25 Uhr)

Fernsehredakteurins Sonntagsschule

Dieser Fernsehbeitrag von Judith Issig und Antonia Simm zeigt in erster Linie, wie sich die öffentlich-rechtlichen Fernsehredakteurinnen Birgitta Kaßeckert und Petra Müller Migration und Integration in Deutschland vorstellen: die Migranten wohnen alle in einem Haus, in dem als einziger Deutscher der inwzischen etwas beleibtere Checker Tobi zu wohnen vorgibt. Wenn das mal nicht gelogen ist.

Selbstverständlich lebt die bunt gemischte Bewohnerschaft konfliktfrei, Friede, Freude, Eierkuchen, jeder bringt zum Fest im Hof Essen aus seinem Land mit. Das mag alles vorkommen. Aber in so einem Haus wohnen bestimmt keine Fernsehredakteurinnen und garantiert keine Familien mit lauter lauten, kleinen Kindern in zu beengtem Raum und mit enormem Konfliktpotential; solches wird ausgeblendet; Stadtviertel, in denen die Integration misslingt, in denen Gangs die Herrschaft übernehmen; Viertel, in denen Jugendgangs mit schlechtem Bildungshintergrund, wenig Zukunftsperspektiven und hoher Gewaltbereitschaft rumhängen; das ist nichts für erzieherisches deutsches Kinderfernsehen.

Nein, die Kika-Integrationswelt ist eine ordentliche Welt. Vor allem, wer wird sich so eine Sendung anschauen? Allenfalls die Braven, die auf dem Integrationstugendpfad sich Befindlichen und von Integrationskonflikten Verschonten. Garantiert nicht jene, bei denen die Integration mit schier unüberwindlichen Hindernissen verbunden ist.

So pädagogisch wert- und sinnvoll im Einzelnen auch das Schubladenspiel sein mag, bei dem jeder Teilnehmer konkret fühlen kann, was Ausgrenzung bedeutet – genau das aber wird dem Fernsehzuschauer zuhause nicht passieren in seinem Sofa.

Die Sendung wirkt wie ein Schönmalen einer Welt, die nicht so schön ist oder wie ein Ausblenden der vielfach harten Integrationsrealität grad auch bei Menschen, die durch Flucht und Krieg traumatisiert sind und also mit ungünstigsten Voraussetzungen vor dieser Herausforderung stehen und die in Deutschland lange nicht überall auf Verständnis stoßen.

Sicher, es ist schwierig, ein solch zentrales gesellschaftliches Thema in einer knappen halben Stunde profund zu behandeln. Aber letztlich bringt das Schönmalen oder das Allgemeinplätzige nichts.

Die Integrationsproblemtischen, die gehen nicht in die Sonntagsschule der Fernsehredakteurin und die schauen auch keinen Kika. Aber wenn Fernsehredakteurinnen Seelenmassage betreiben können, so hilft es wenigstens ihnen. Vielleicht. Kaum zu erwarten, dass am Samstagabend um halb Acht, Jugendliche, die ihre Zeit auf der Straße verbringen, vorm Fernseher hocken und sich so integrieren lassen, oder dass in einer Großfamilie mit Kindern in allen Altersstufen so eine Sendung andächtig geschaut wird.

Vermutlich ist die Sendung realitätsfremd, was die wahren Probleme der Integration betrifft.

Wenn es nach dieser Sendung ginge, würde es wohl nirgendwo einen Migrations-Beirat brauchen. Weil ja Migration, Integration und Wir-Bestimmung so konfliktfrei machbar sind. Schöne heile Fernsehwelt. Sonntagsschulwelt und das N…lein nickt mechanisch, wenn Du einen Groschen einwirfst.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Der Schneeleopard (DVD)

Das verleiht dem Film den speziellen Thrill, dass die beiden Beobachter sich auch darüber unterhalten, dass der Mensch nicht glauben soll, er allein sei der Beobachter – die Natur schaut zurück. Der Film hat sich im Arthouse-Segment der Kinos eine gute Zeit gehalten.

Siehe die Review von stefe

Kommentar zu den Reviews vom 1. September 2022

Diese Woche macht es uns das Kino gar nicht so leicht. Es fordert uns. In Frankreich Isabelle Huppert zu folgen, wie sie um die Vergänglichkeit trauert. In Japan uns von Geschichten faszinieren zu lassen, die wie narrisch um das Thema Liebe kreisen. In einer deutschen Badeanstalt mehr oder weniger entblößten Frauen zuzuschauen. In Istanbul die Auseinandersetzung zwischen einer britischen Professorin und einem Geist aus der Flasche auszuhalten. Vier deutsche Midlife-Frauen auf einem Selbstbesinnungs-Roadmovie in Italien zu folgen. Neue DVDs offenbaren in Italien eine abenteuerliche Jagd nach einem kostbaren Geigenholz, in Skandinavien die ersten, chaotischen Jahre eines späteren Weltfußballers, eine charmante moderne Version französischen Liebesfilmes in der Tradition der Nouvelle Vague und im Iran einen treuherzigen Mann, der sich in einem Lügengespinst verheddert.

Kino
DIE ZEIT, DIE WIR TEILEN
Isabelle Huppert ist fasziniert vom Phänomen des Gedächtnisses wie dem der Zeit, die verrinnt.

DAS GLÜCKSRAD – WHEEL OF FORTUNE AND FANTASY
Geschichten, die mit vielen Dialogen, das Phänomen der Liebe sondieren.

FREIBAD
Die große Knackwurst im Pool.

THREE THOUSAND YEARS OF LONGING
Eine Storytelling-Professorin bekommt es mit einem Urviech des Geschichtenerzählens zu tun.

OVER & OUT
Deutsche Midlife-Frauen versuchen, sich zu besinnen.

DVD
THE QUEST FOR STONEWOOD
Der Baum macht die Geige – und er muss ein seltenes Juwel sein.

I AM ZLATAN
Einen Stein krankenhaus reif schlagen, mindestens so einem Kraftakt kommt die Karriere des berühmten Fußballers gleich.

WO IN PARIS DIE SONNE AUFGEHT
Die Enkel der Nouvelle Vague lieben in den Vorstädten.

A HERO – DIE EHRE DES HERRN SOLTANI
Wenn einer sich in Lügen verhaspelt.

Three Thousand Years of Longing

Überraschung für eine Forscherin

Die selbstbewusst-selbständige, britische Professorin für Storytelling (Geschichten machen erst den Menschen aus; Geschichten über Geschichten) Alithea Binnie (Tilda Swinton) ersteht anlässlich einer Gastvorlesung in Istanbul auf dem Souks ein Fläschchen mit Glasverschluss. Sie wird mit dem Gegenstand ihrer Forschung konfrontiert werden, mit einem leibhaftigen Transmitter (Konflikt: Wahrheit oder Verrücktheit), einem Dschinn.

Im Hotelzimmer entsteigt dem Fläschchen der Geist (Idris Elba als der Dschinn). Den hat sie nun an der Backe, selbst auf der Rückreise und auch durch die Sicherheitskontrollen am Flughafen. Dieser jammert ihr die Hucke voll mit seinem schweren Schicksal und dass er dann wieder jahrhundertelang irgendwo auf dem Meeresboden versenkt bleibe, bis er wieder gehoben wird und neu, was genau?, Opfer, Frauen oder was auch immer findet, denen er drei Wünsche erfüllen wird, ein schwieriges Unterfangen, denn Wünsche, die das Wunschsystem außer Gefecht setzen, sind nicht erlaubt, die nach dem ewigen Leben ebensowenig.

An sich eine neckische Idee, eine voll vertrocknete Wissenschaftlerin, sie wirkt richtig frigid in der Darstellung von Tilda Swinton, mit so einem viel größeren, kräftigen, erotischen Mannsbild in einem sterilen Hotelzimmer und beide in sterilen weißen Hotel-Bademänteln zusammenzubringen. Die Forscherin und ihr Gegenstand, wobei just dieses Thema hinter den Schilderungen des Dschinn zurückbleiben muss.

Das Fleischlich-Erotisch-Orientalische sind die Stories des Djinn, wie Märchen aus Tausend und einer Nacht mit viel Kostümfez, feinen Kissen und Teppichen, höfischen Anordnungen, Turbanen und langen Gewändern und Frauen, an denen Rubens seine helle Freude gehabt hätte und Meuchelmorde ebenso.

Andererseits wirkt es bizarr, wie George Miller, der mit Augusta Gore auch das Drehbuch geschrieben hat nach einer Kurzgeschichte von A. S. Byatt, eine Liebesgeschichte ohne jede Chemie zwischen den zwei Darstellern erzählt, um so mehr, als Miller als Regisseur elegant mit kurzen, oft überraschenden Schnitten und Close-Ups arbeitet, was eitel wirken könnte oder dem Genre der Fantasy geschuldet ist, unter welchem der Film am ehesten subsumiert werden könnte.

Die Kurzgeschichte dürfte vor allem diejenige zwischen der Professorin und dem Flaschengeist sein, sie ist durch das anonyme Hotelzimmer der eigentliche Stimmungskiller, und die großen Extempores, die aus dem Kurzfilm einen Langfilm machen, das sind die opulenten Schilderungen der Erlebnisse des Flaschengeistes in der Art eines Decamerons oder der Geschichten von Shereazade (auf diese verweist ein Reklame-Schriftzug an einer Hauswand in Istanbul), die vermutlich mehr Reiz entwickeln würden, wenn sie im Rahmen des Hotelzimmers vom Dschinn lediglich geschildert würden – und so die Fantasie des Zuschauers ganz anders anregten.

Das Glücksrad – Wheel of Fortune and Fantasy

Liebe, Du bist umzingelt, stelle Dich!

Aber sie hat auch mit Glück zu tun; dabei versuchen die Menschen ständig, am Glücksrad zu drehen; das kann schief gehen, aber dann haut das Glück wieder so rein, dass das Schiefgegangene ausgeglichen wird; das mit dem Glück ist eine labile Sache, hängt viel mit der Vorstellung zusammen; so kann die Schilderung einer Freundin ihres neuen Frauenhelden die Liebe der Ex wieder entzünden, eine Venusfalle für einen Professor geht skurrilst daneben, und das vermeintliche Wiedersehen mit einer Schulfreundin, ist zwar erst ein Irrtum, sieht dann aber plötzlich nach einer Glücksvariante aus.

In drei Geschichten nähert sich Ryusuke Hamaguchi (Drive my Car) dem Thema Liebe, das sich als aalglatt erweist, als wenig greifbar, erst recht nicht als naturwissenschaftlich beweisbar. Immer sind es Gespräche zwischen Menschen, die in einer Liebesbeziehung stehen, wobei die nicht unbedingt real sein muss, sie kann auch in der Vergangenheit gewesen sein oder erträumt, erwünscht oder einfach nur prinzipiell möglich.

Was ist mit der Liebe, wenn sie festgenagelt ist? Das muss nicht mehr unbedingt ihren Reiz ausmachen. Der Reiz besteht oft in ihrer Möglichkeit, in der Theorie, in der Vorstellung.

In der ersten Geschichte „Magie oder etwas weniger Verlässliches“ geht es um eine Dreiecksbeziehung. Zwei Fotomodels unterhalten sich über die Liebe, wie sich eine solche anbahnt, was es braucht, um die physische Hemmung zu durchbrechen, ob das gleich beim ersten Date stattfinden soll.

Meiko (Kotone Furukowa) ist die aufmerksame Zuhörferin. Ihre Kollegin Tsugumi (Hyunri) erzählt von einer magischen Begegnung mit einem Mann, einem wahren Frauenhelden, aber dass sie noch nicht zur Sache gekommen seien; sie schildert minutiös, was an Texten und Gesten, an Hemmungen und Hoffnungen abläuft. Meiko hört aufmerksam zu und begibt sich kurz nach der Verabschiedung zu ihrem Ex Kazuaki (Ayumu Nakajima). Das macht die Angelegenheit nur noch überraschender und komplizierter.

In der zweiten Geschichte „Weit geöffnete Türen“ will ein frustrierter Student seine Freundin Nao (Katsuki Mori) dem gerade erfolgreich gewordenen Professor Segawa (Klyohiko Shibukawa) aus Rache eine Venusfalle stellen. Nicht nur, dass der Professor immer die Tür zu seinem Büro offen stehen lassen will, macht die Sache pikant, erst recht die Textstelle, die die Studentin ihm aus seinem Buch vorliest und sowieso funktioniert die Verführung hier alles andere als planbar und mechanisch und nimmt eine ganz andere Wendung. Aber das Glück hat immer noch einen Choker im Köcher.

In der dritten Geschichte „Einmal mehr“ geht es um ein Klassentreffen. Moka (Fusako Urabe), die vor zwanzig Jahren nach Tokio abgehauen ist, glaubt auf dem Weg zum Klassentreffen ihre alte Geliebte wiederzuerkennen. Es ist Nana (Aoba Kawai). Die kann sich an nichts erinnern. Hier entsteht aus Versuchen der Rekonstruktion, der Klärung, durch Zeigen von Verletzlichkeit etwas Neues.

Hamaguchi lässt mit seinem unkomplizierten Film, der sich primär dialogisch auf sein kaum fassbares Thema konzentiert, den Begriff der Liebe in allen Facetten von der Magie, der Verfallenheit, der Lüge, des Schwurs, des Betrugs, der Hoffnung, der Enttäuschung, der Erinnerung und des Glücks, des Zufalls unterhaltsam schillern. Es ist kein Liebessschnauf- und Liebeswälzfilm, es ist ein Liebe-Ventilier-Film.

I Am Zlatan (DVD)

Ich habe einen Stein ermordet,

dies ist einer der Muhammad-Ali-Sätze, die den Fußballstar Zlatan Ibrahimovic auf dem Weg zum eigenen Erfolg tief beeindruckt haben, der das Schwierige an seinem Charakter zum Ausdruck bringt.

Der Spielfilm von Jens Sjögren nach dem Drehbuch von Jakob Beckman und Uzlatan Ibrahimovic nach der Bestseller-Biographie von David Lagercrantz beschreibt eindrücklich diesen schwierigen Charakter anhand der Nachzeichnung der Geschichte von Ibrahimovic von der Zeit als renitenter, unzuverlässiger Schüler über die U19 und Ajax Amsterdam bis 2004 zur Vertragsunterzeichnung mit Juventus Turin, das ist der Moment, in welchem er den anderen Mohammad-Ali-Spruch von vor dem berühmten Kampf mit Fraser umsetzt „I am gonna dance“, einige der berühmten Original-Paraden des Fußballers kann der Zuschauer im Abspann genießen.

Jens Sjögren hat zwei exzellente Darsteller für den Buben Zlatan (Dominic Andersson Bajraktati) und für den jungen Mann Zlatan (Granit Rushiti) gefunden und hat diesen Charakterzug des Keine-Kompromisse-Machens, des Sich-Nichts-Sagen-Lassens, dieses grundsätzlichen Zweifels an der Ordnung dieser Welt überzeugend herausgearbeitet, wobei beim älteren oft auch noch List aus den Mundwinkeln zuckt am Rande zur Verschlagenheit – und lange kann er das Fahrradklauen nicht lassen.

Sein Talent lässt der künftige Star nur ab und an durchblitzen, eher zufällig – und denkt sich nichts dabei; wenig Glaube an sich selber. Dann kommt er wieder zu spät. Je mehr sein Talent für die andern sichtbar wird, desto stärker setzt das Mobbing ein, massiv mit Unterschriftenlisten.

Auch Anflüge von Größenwahn nach ersten bescheidenen Erfolgen bleiben nicht aus: Porsche, goldene Aufschneider-Uhr. Vor allem muss er lernen, hart und diszipliniert zu trainieren.

Woher seine charakterliche Verwahrlosung kommt wird allenfalls angedeutet, die Familie ist offenbar vor dem Jugoslawien-Krieg nach Schweden geflohen. Die Ehe der Eltern ist zerrüttet, sie leben getrennt, die Kinder mal da, mal da, Vater hängt rum, Mutter ist mit anderen Dingen beschäftigt.

Oft ist es eine Gefahr, wenn Schauspieler solche Stars darstellern, besonders, wenn die am Schluss original zu sehen sind. Das macht hier nichts aus, zum einen, weil Jens Sjögren den Fokus auf den Charakter anhand von biographischen Situationen richtet und erstklassig gecastet hat und zum anderen, weil er die Vorgeschichte erzählt und die tollen Paraden und Balltänze, die am Schluss original zu sehen sind, außerhalb des Zeitabschnittes der Spielhandlung passieren.