Alle Beiträge von Stefe

Driveways

Egal, was die Leute sagen

Heute scheinen die USA, was wir gerne als Amerika bezeichnen, politisch heillos zerstritten und absolut unversöhnlich. 

Der Fim von Andrew Ahn nach dem Drehbuch von Hannah Boss und Paul Thureen erzählt wie von einem anderen Amerika, einem Amerika, in dem Versöhnung möglich ist (samt einer gewissen Süße der Erzählung nach dem Motto, Freiheit heißt: egal, was die Leute sagen und insofern für Aufrichtigkeit steht), einem Amerika, das stolz auf seine unabhängigen Filmemacher sein kann, die sich mit stupender Hingabe einer Genauzeichnung der Aufweichung von Feindbildern hingeben in einer klaren Kinosprache, die fasziniert, weil sei pointiert die Dinge zeichnet, die für die Erzählung wichtig sind und ihr Substanz verleihen. 

Es ist die Geschichte von Kahy (Hong Chau), die mit ihrem 9-jährigen Buben Cody (Lucas Jaye) unterwegs ist zum Haus ihrer verstorbenen Schwester irgendwo in der amerikanischen Provinz. Sie will es ausräumen und verkaufen. 

Der Anfang des Filmes deutet auf Horror hin. Mutter am Steuer, videogamender Sohn daneben. Nicht allzu viel Licht. Die Frage, ob dies das Haus sei. Es stellt sich heraus, dass die beiden Schwestern länger kaum Kontakt gehabt haben und dass Kathy sie noch nie besucht hat. 

Nachbar Del (Brian Dennehy) guckt misstrauisch zu den Ankömmlingen rüber; miesiger Nachbar, so wie er im Buche steht,. 

Ahn schildert die Menschen anfänglich als verschlossen, misstrauisch und abweisend, es ist kein Bussi-Bussi-Amerika, kein umarmendes Amerika, das einem sofort die Freundschaft anbietet. 

Nachbar Del spricht bei einer Gelegenheit den Buben an. Mutter wird sofort misstrauisch, nicht weniger als beim Auftauchen der neugierigen Nachbarin Linda (Christine Ebersole). Am herzlichsten ist noch die Maklerin Charlene (Robyn Panye). 

So werden nach und nach ausgewählte Nachbarn, deren Kids eingeführt. Und Schritt für Schritt werden die Mauern eingerissen, findet Annäherung statt. Etwas vielleicht absehbar, etwas vielleicht für uns Europäer ein Tick zu sehr Süßholz raspelnd; nichtsdestotrotz schaut man gerne zu, weil auch die Performance hundertprozentig professionell und gesetzt ist, weil nichts Überflüssiges erzählt wird, weil jede Szene ihre Illustration zum humanen Thema beiträgt, so weit, dass der 9-jährige seinen Geburtstag in der Bingo-Halle spielen darf. 

Dass Cody und Del dickste Freunde werden ist eh klar. Wobei auch hier der Film noch einen Wermutstropfen bereithält. Das unterscheidet diesen Film deutlich vom durchschnittlichen deutschen Themenfilm, der mit der Nacherfindung eines uninteressanten Alltags allenfalls weisungsbegundene Fernsehredakteure zu begeistern vermag. Allerdings schwingt in diesem Independent-Segment durchaus auch die Haltung „Gewusst-Wie“ mit, die zu einer gewissen, leicht überhöhten Deutlichkeit tendiert. 

Lebenslinien: Der Oberpfälzer, der die Mauer platt machte (BR, Montag, 9. November 2020, 22.00 Uhr)

Unergiebig

Diese Lebenslinien von Elisabeth Mayer stehen unter der redaktionellen Verantwortung der Zwangsgebührentreuhänder Christian Baudissin und Fatima Abdollahyan. Es ist die berechtigte Frage eines jeden Bürgers, der in Deutschland lebt und für seinen Haushalt Rundfunkzwangsgebühr abführt, ob er für ein bestimmtes Rundfunkprodukt bereit wäre, die Gebühr zu bezahlen oder nicht. 

In diesem Fall mit dem Protagonisten Winfried Prem eher nicht. Das mag an der Wahl der Protagonisten liegen. Er ist zwar ein lustiger Mensch und Bauunternehmer, aber auch ein Lebemensch und Musiker und kann offenbar mit Geld nicht umgehen. 

Das einzige, was Prem von Millionen ähnlicher Mitbürger unterscheidet ist, dass er just zum Zeitpunkt des Mauerfalls ein Abrissunternehmen mit Spezialmaschinen hatte und dass er vorher schon naiverweise beim Bauministeriun der DDR vorgesprochen hatte, noch vor dem Fall der Mauer und dass er dann unter den 8 Unternehmen in der BRD, die über solche Maschienen verfügten, dasjenige war, das den Auftrag zum Mauerabriss bekommen hat. 

Solche Lebenslinien könnte man wohl eben so unergiebig über jeden Lottomillionär machen. 

Über die Schwächen des Filmes soll ein merkwürdiger Musikscore hinwegtäuschen, der an Zirkus denken lässt oder anVariété, will sagen, alles halb so schlimm.

Über die Mauer heißt es in dem voice-over gesprochenen Text, sie sei für den Westen ein Mahnmal, aber eben auch ein Kuriosum. Kuriosum? Haben wir richtig gehört? Was war an der Mauer ein Kuriosum? Der Todesstreifen? Dass Menschen zu Tode kamen, weil sie über die Mauer in das Gebiet demokratischer Freiheit hinübermachen wollten? Wer die Mauer als Kuriosum sieht, sollte vielleicht besser keinen Film für den zwangsfinanzierten öffentlichen-rechtlichen Rundfunk drüber machen, sondern erst mal die Geschichte studieren. Das wäre so, wie wenn heute behauptet würde, Corona sei ein Kuriosum der 20er Jahre unserer Jahrhunderts gewesen. 

Ständig versucht die Dokumentaristin im direkten Fragespiel dem Protagonisten oder dessen Frau oder Kindern irgend etwas von Belang aus der Nase zu ziehen, was aber durch die Fragestellung ins Leere greift. 

Falls aus dem Protagonisten, der sich für eine Legende hält, überhaupt Lebenslinien von Wichtigkeit und Interesse zu machen gewesen wäre, dann hätte die Dokumentation sicher ganz anders aufgezäumt werden müssen, so aber bleibt sie arglos, naiv, unergiebig, beliebig und geschichtsklitternd. 

Freistaat Mittelpunkt

Ein Menschenschicksal

unter Millionen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, nachgeforscht und nacherzählt von Kai Ehlers. 

Ein Schicksal aus einer Zeit, als es das Internet noch nicht gab, als die Menschen noch Briefe schrieben. Aus solchen und aus Amtsberichten rekonstruiert Ehlers das Leben von Ernst Otto Karl Grossmé, einem Menschen, der ein Systemsprenger war – oder dazu wurde. 

Es ist nicht gewöhnlich, dass ein gelernter Maurer Fotograf wird, dass er noch dazu religiöse Vorstellungen, manche sagen Wahnvorstellungen, in der Adventistsengemeinde auslebt, das dürfte seltener sein. 

Wie die Gesellschaft mit Menschen umgeht, die nicht ihrer Norm entsprechen, das geht aus dem Leben des Protagonisten hervor; das kann sich der Zuschauer anhand von Brief- und Textfragmenten klarmachen. 

Der junge Mann, der in Holstein ein Grundstück geerbt hat, wurde von den Nazis nach Marienborn gesteckt, zwangssterilisert. Eine Briefstelle erzählt, wie er vor einem Gremium von Nazioffizieren nackt auf und ab gehen musste. Die Narbe von der Operation ist geblieben. 

Der Film von Kai Ehlers beschäftigt sich stellvertretend mit einer Opfergruppe der Nazis, die nie offiziell als Opfer anerkannt wurden. 

Grossmé hat lediglich irgendwann eine monatliche Zuwendung von 100 Mark bekommen. Diese Bundesrepublik hat auch ihre Probleme mit so einem Systemsprenger, der inzwischen von den Nazis auch noch traumatisiert worden sein dürfte; wodurch die Gesellschaft störende Eigenschaften eher gewachsen sein dürfte. 

Da geht es in den 80er Jahren um Entmündigung und dann wieder, er hatte eine Ehefrau, mit der er wohl nie Sex hatte, darum, diese Entmündigung wieder rückgängig zu machen. Er lebte jahrelang in einer Hütte im Moor auf seinem Grundstück, entscheidend aber: er hat keinen Menschen belästigt und niemandem was angetan. Sein Schreiben ging weiter. Er beschäftigt sich mit Tschernobyl, überhaupt mit dem problematischen Zustand der Menschheit. 

Gegen die geistige Konzentration des Zuhörens und Sortierens (die Textfragmente werden nicht chronologisch montiert), die Vermittlung dieses Schicksals auf der Tonspur, sollen die Augen des Zuschauers, die sich auf die Leinwand richten, entspannen können mit meditativen Bildern von einem Bauernhof, eine junge Frau führt eine Kuh spazieren, Weiden, Wald, Moor, Arbeiten auf dem Bauernhof, Kühe melken, der mehrfach eingeblendete Vorgang des Tötens von Hühnern und des Ausnehmens, eine Jagdgesellschaft bereitet sich auf die Jagd vor, es gibt einen Blick in einen Gottesdienst – und auch Fotos des Protagonisten, die er teils selbst auf Postkartengröße vergrößert hat, Kinder, Hochzeit, garantiert nicht talentfrei. 

Grossmés Vater sei 41 gestorben, bei ihm habe es einen Befund „geisteskrank“ gegeben; „Gnadentod“, da unheilbar. Natürlich war der Tod sicher nicht. Auch so etwas dürfte nicht spurlos am Sohn vorbeigegangen sein. Vielleicht mit ein Grund für spätere Auffälligkeiten, gar religiöse Wahnvorstellungen in der Adventisten-Gemeinde. Und der Grund für die Sterilisation aus Rassenwahn heraus. 

Displaced

Transgenerationen-Weitergabe von Traumata

Sharon Ryba Kahn ist in München aufgewachsen, hat sich aber nie richtig zugehörig gefühlt. Weil sie Jüdin ist, Enkelin von Auschwitz-Überlebenden. 

Ausgehend von diesem diffusen Gefühl der Hypersensibilität zum Thema Antisemitismus macht sie sich als Ego-Dokumentaristin auf die Recherche nach den Ursachen dafür; insofern begibt sie sich auf das schwierige Feld des Befindlichkeitsfilmes. 

Bei einer ihrer dicksten Freundinnen wird sie nicht fündig, die hat sie nie als Jüdin wahrgenommen. Ein Knackpunkt ist ihr Vater, der in Israel lebt, und zu dem sie jahrelang keinen Kontakt hatte. Der ist kurz nach dem Krieg geboren, in München, wo seine Eltern, die Auschwitz überlebt hatten, gelandet sind. 

In diesem Zusammenhang gibt es einen kurzen Blick auf die ungewöhnliche Münchner jüdische Gemeinde, die sich aus Menschen zusammensetzt, die hier quasi gestrandet sind, die es nicht nach Israel oder die USA oder wo in welches Traumland auch immer, geschafft hätten. 

Der Hickhack mit ihrem Vater ist erfrischend, weil sich hier zwei offensichtlich sehr ähnliche Charaktere bekabbeln. Vater hat nie Zeit, immer ist er mit Golf- oder Bridgespielen beschäftigt; was interessiert ihn da Vergangenheitsbewältigung der Tochter. Aber ein paar Sätze kann sie ihm ab und an entlocken. Der Vater-Tochter-Konflikt dürfte hier weiter gefächert sein als nur zum Thema Holocaust, der wäre möglicherweise genau so vorhanden, wenn es die Shoa nicht gegeben hätte. 

Am aktuellsten ist das Gespräch mit Freundinnen, deren Vorfahren aus Dachau stammen und die bei den Nazis waren. Hier schließt der Film thematisch an Germans & Jews an, in welchem just zweite und dritte Nach-Holocaust-Generation zwischen Täter- und Opfernachkommen das Gespräch suchen. 

Es gibt einen Exkurs nach Bendzin in Polen, wo Sharons Vorfahren herkamen.

Interessanterweise formuliert sich erst bei ihr als der dritten Generation nach dem Holocaust der Vorwurf gegen die Täter. Direkt und deutlich beschwert sie sich über deren Argument, dass doch endlich mal Schluss sein soll. Nein, es darf nicht Schluss sein mit der Debatte, sie muss offen geführt werden, solche Filme müssen gemacht werden und es gibt darüber hinaus genügend aktuellen Anlass zum Thema „displaced“, Thema Flüchtlinge. Das Thema ist brandaktuell mitten unter uns. 

African Kung-Fu Nazis (VoD)

Gerechte Strafe.

Das ist die gerechte Strafe für den Knock-Down des Kinos durch die Corona-Politik. Das Kino muss verduften, wird in den Untergrund – oder ins Internet getrieben, muss sich verkleiden bis unkenntlich machen. Und es lässt – mal wieder – den Führer überleben – in Ghana, trashig in der Nähe des Verarsche- oder Veralbergenres, der Action-Komödie, und dort eine Karateschule gründen zusammen mit dem japanischen Pendant zu Hitler, Tojo, der ebenfalls den Krieg überlebt hat. 

Letzteres ist die rasant kurzmontierte schwarz-weiß Info der ersten Sequenzen dieses Filmes von Sebastian Stein und Samuel K. Nkansah/„Ninja-Man“. Stein hat bereits eine Doku über die japanischen Yakuza gedreht. Er ist also nicht ganz unbedarft, was Asien betrifft, besonders die Kampfart Kung-Fu. 

Leicht kung-fus wird die Ausgangslage in Ghana geschildert, immer wieder unterbrochen von Drohnenfahrten über Kumasi, dem Drehort. 

Den Ghanaern ist Hitler mit seinen weisßgeschminkten Kämpfern (Symbol für die Gehirnwäsche), die Ghan-Arier genannt werden, ein Dorn im Auge. 

Mit Kämpfer Addae (Elisha Okyere) genannt Horst, gewinnt die Story an Fahrt. Er soll sich zum Kung-Fu-Superkämpfer ausbilden und dann den überlebten Führer und den mit ihm aus Japan ebenfalls geflohenen Tojo besiegen. Hitler und Tojo haben in Ghana eine Kampfschule aufgebaut, Karate.

Das Training von Addae durchläuft mehrere Stationen, die mit kurz eingeblendeten Tageszahlen fix geschnitten und schnell abgespult werden. Einer der Lehrer ist ein versoffener Fettwanst mit blondiertem Haar und Säufer dazu. Letzte Ausbildungsstation ist die Wutpriesterin, bei der soll er lernen soll, wie den Fluch der Blutfahne brechen. 

Es folgen die einerseits gesitteten, andererseits blutig-trashigen Kämpfe am Hofe des Führers, so wie man sich vielleicht die Todesskämpfe der Sklaven in Rom vorzustellen hat; es ist Wrestling mit Todesopfern und harten Grausamkeiten, dem Genre geschuldet, bis zum Endkampf. 

Der elementare Spaß der Macher am Genre ist dem Film anzusehen genau so wie der Spaß an den Effekten und den Kämpfen und der Führer hat sich in Ghana mit einer Frau namens Eva Braun-Gebrannt zusammengetan. Es gibt hervorragend inszenierten Kampfsport zu sehen, ohne Verzicht auf das Komödienhafte.

Der Film gewährt uns zudem einen raren Einblick in Ghanas Filmindustrie, die sich sehen lassen kann. 

Kommentar zu den Reviews vom 5. November 2020

CORONA DIE ZWEITE.

Es kommt überhaupt nicht in Frage, dass wir uns durch bornierte Hygienepolitiker die Lust an der Beschäftigung mit Kino nehmen lassen. Es gilt wie beim ersten Mal das Konjunktiv-Programm. Es gibt Reviews über Filme die geplant waren. Die sollen der Vorfreude dienen und wenn die Filme dann von Notstandsverordnungen ungehindert wieder starten dürfen, dann gibt es erneut einen Hinweis zu den Reviews.

Kino

MATTHIAS & MAXIME

Diese schwule Liebe braucht eine Frau als Katalysator.

DOCH DAS BÖSE GIBT ES NICHT

Nein, es gibt nur Gesetze.

SCHATTEN DER VERGANGENHEIT – THE SECRETS WE KEEP

Einer Frau läuft ein Gesicht aus einer dunklen Vergangenheit über den Weg. 

GEFANGEN IM NETZ

Das Kino auf Verbrecherpirsch.

DAS HAUS DER GUTEN GEISTER

Staatsoper und Bescheidenheit, geht das zusammen? Bei Jossi Wieler, ja!

TONSÜCHTIG – DIE WIENER SYMPHONIKER VON INNEN

Die Reproduktion eines berühmten Klangkörpers ist ein delikates Unterfangen.

DVD & VoD

EINE FRAGE DER HALTUNG

Die Antwort liegt in der Zeidlerei – und die zeigt Haltung. 

WHAT YOU GONNA DO WHEN THE WORLD’S ON FIRE?

Wie lange noch Rassismus?

Doch das Böse gibt es nicht

Persien

Dieser Film von Mohammad Rassoulof ist eine leidenschaftliche Liebeserklärung an Persien, seine Menschen, seine Landschaften und vor allem auch an seine Sprache, die in manchen Moment ganz ähnlich wie hebräisch klingt. Er beweist damit, wie filmaffin dieses Land und seine Menschen sind und auch wie sie ein Händchen für filmisch-episches Erzählen haben, vielleicht ein kuturelles Gen, das weit zurück bis zur Illustration von Büchern geht. 

Rasoulof erzählt vier aneinandergereihte Geschichten ohne modische Verhackstückerei. Der Zuschauer kann sich aus Distanz nicht nur am Atem Persiens erfreuen, er kann sich Gedanken machen über den Zusammenhang der vier Geschichten, die narrativ keine Gemeinsamkeit aufweisen, nicht etwa die Reigenform wählen mit Schnittmengen von Darstellern. 

Jede Geschichte steht für sich und das Hauptthema des Films drücken sie keinesfalls aufs Auge; wird eher pointenhaft drübergestreut; das ist das im Titel angesprochene Böse, das es nicht gibt. 

Ausgiebig schildert der erste Film das Leben eines Biedermannes, verheiratet, regelmäßige Arbeitszeit und alles ordentlich, keine größeren, gesellschaftlichen Zusammenhänge sichtbar oder ein Schelm, wer an die Banalität des Bösen denkt. Vielleicht ist der letzte Einblick in des Biedermanns Tätigkeit etwas zu knallig, zu pointenhaft gesetzt. 

Beim zweiten Film fasziniert vor allem die Auswahl der Darsteller. Sie spielen Soldaten. Sie werden beobachtet in ihrem engen Zimmer mit Doppelstockbetten. Nachts wacht einer auf. Es entwickelt sich eine mit großartiger Sprachregie geführte Diskussion unter diesen Männern. Die wirken so andächtig, sind von einer weichen Männlichkeit, ganz anders als die amerikanischen Filmmachos, aber sie erwecken auch nicht den Eindruck von Muttersöhnchen oder Weicheiern, eine nicht verhirnte, nicht bewusst ausgestellte, selbstverständliche Männlichkeit. 

Hier geht es darum, dass einer von ihnen abkommandiert ist, bei einer Hinrichtung im Gefängnis, in dem sie untergebracht sind, den Hocker wegzuziehen. Seine Gewissensbisse spielt er mit Gefühl. Und seine Antwort wird actionhaft sein. 

Faszinierend bei Rassoulof ist auch seine Filmsprache, wie er von Bild zu Bild denkt und nie den Faden verliert mit einer stupenden Souveränität. 

Im dritten Film besucht ein Soldat seine Freundin auf dem Lande. Sie hat Geburtstag. Aber die Feier, die dort vorbereitet wird, ist eine Verabschiedung von einem Menschen, von dem der Soldat bisher nichts gewusst hat und auch nicht, dass jener sich bei der Familie seiner Geliebten versteckt hat, was Misstrauen schürt. Es gibt eine wichtige Info darüber, weshalb Soldaten frei bekommen. Die Locations törnen an, das Haus hoch über Teheran, das verlotterte Sommerhäuschen; so gediegen und stilvoll-romantisch möchte man hausen.

Der vierte Teil schafft eine Verbindung nach Deutschland, das Koproduktionsland ist; eine Perserin, die in Deutschland Medizin studiert, besucht ihren Onkel, der in einer Wüstenandschaft Bienen züchtet, Doktor genannt wird, aber offiziell nicht praktizieren darf und sich auch gegen den Begriff Wüste wendet; immerhin züchtet er hier Bienen, was sofort an andere Bienenfilme denken lässt (zuletzt Eine Frage der Haltung). 

In diesem vierten Teil kommen Familiengeheimnisse an den Tag, die wiederum mit dem titelgebenden, nicht vorhandenen Bösen zusammenhängen; spitz pointenhaft. 

Mit seinem Film erzählt Rasoulof, dieser sanfte Kinomaler, in gewisser Weise auch, dass er auf das titelgebende, nicht vorhandene Thema gerne verzichten könnte und Persien dann noch schöner, noch filmschöner, noch humaner wäre.

Schatten der Vergangenheit – The Secrets we keep

Immer dieser Krieg. 

Der grauenhafte zweite Weltkrieg konnte nicht gleich aufgearbeitet werden. Stattdessen entstand in Deutschand das Wirtschaftswunder und in den USA breitete sich ein schnuckelig bürgerliches Leben aus, zumindest im besseren Mittelstand. Aber auch dort war Aufarbeitung wohl kein Thema. 

Von so einem Beispiel erzählt Yuval Adler, der mit Ryan Cavington auch das Drehbuch geschrieben hat, in seinem Film. Er lässt dabei die Käseglocken-Atmosphäre der 50er Jahre so präzise entstehen, dass man glaubt, dorthin zurückversetzt zu sein. 

Die Hauptfigur ist Maja (Noomi Rapace), bei der gleich bei der ersten, heiteren Picknick-Szene mit Kindern in einem Park klar wird, dass die Idylle möglicherweise trügerisch ist. 

Maja wird herausgerissen durch den Anblick eines Mannes, der in ihrer Nähe vorbeigeht. Was hinter der Kulisse des perfekten Provinzlebens verborgen sein könnte, wissen wir nicht. 

Maja ist verheiratet mit Lewis (Chris Messina), sie haben einen Buben. Der Vater und Ehemann ist Arzt. Maja hilft in der Praxis. Sie bewohnen ein hübsches kleines amerikanisches Traumhäuschen wie aus dem Film. 

Konsequent verfolgt Adler nun, wie Maja nicht loskommt von dem Mann, den sie gesehen hat und den zu verfolgen sie anfängt. Er ist nicht mal unbedingt attraktiv zu nennen, zumindest wenn sie ihm nachschaut. Es ist Thomas (Joel Kinnaman). Der ist mit Rachel (Amy Seimetz) verheiratet. Auch sie haben ein kleines Kind, ein Töchterchen und wohnen in einem amerikanischen Schnuckel-Häuschen. 

Der Film wird nach und nach das entblättern, was Maja und Thomas verbindet, der gar nicht Thomas heißt, der mal Karl geheißen haben muss. Es ist keine Liebesgeschichte. Es ist, so viel darf verraten werden, eine Geschichte aus den letzten Kriegstagen in Deutschland. Mehr soll hier gar nicht gespoilert werden. 

Adler erzählt das spannend, fokussiert und ab und an auch blutig. Am Ende aber wird, typisch 50er Jahre, wieder die Käseglocke drüber gestülpt als sei nichts gewesen. Es war nur dieser „glimpse“ in eine amerikanische Kleinstadtidylle mit heftigen Flashbacks auf die Vergangenheit von Maja und Thomas mit Tendenz zum Horror. Eine Selbstjustizgeschichte, die nie passiert ist. Mantel des Schweigens darüber. 

Matthias & Maxime

Last-Minute-Love.

Erzählkunst. Der Titel macht alles klar. Hier gibt es nichts zu spoilern. Matt (Gabriel D’Almeida Freitas) und Max (Xavier Dolan) sind für einander bestimmt. 

Allerdings wissen die beiden es am Anfang des Filmes noch nicht. Sie sind Buddelkastenfreunde. Maxim soll für zwei Jahre nach Australien. Der Film spielt im französischen Kanada, in Montreal. Herrlich dieses breit gequetschte Französisch, das sie sprechen. Das ist eine gewisse Par-Force-Tour für den, der das nicht versteht, weil die fast pausenlos reden, frotzeln, witzeln, parlieren über dies und das, über die Ansage eines Anrufbeantworters. 

Das macht den Film von Xavier Dolan so attraktiv: diese Fülle an Leere. Es sind keine tiefen Texte, zwar geht es auch mal um die Liebe. Aber es wird nicht seminarhaft in einen Inhalt sich vertieft. Es wird viel mehr der Rausch der Jugend zelebriert.

Dolan erzählt den Count-Down zum Abflug von Max, den er selbst spielt. Ihm zeichnet er eine rote Hautverfärbung wie eine Brandnarbe über das halbe Gesicht. Die Familien von Max und Matt kennen sich. Alles klüngelt hier im Film in wechselnden Kombinationen zusammen. 

Es kommen weitere Kumpels der beiden dazu, Freundinnen, Geschwister und vor allem: die Mütter. Es gibt eine Szene von solchen Müttern die aufgemacht sind wie Travestiten. Sie spielen eine Art Chor im Drama mit ihren Beobachtungen und Bemerkungen. 

Die Mutter von Max ist ein Wrack. Sie ist betreuungsbedürftig. Das ist eines der Dinge, die Max vor seiner Abreise noch regeln muss, eine Ersatzbetreuung. 

Über einen Geschäftspartner seines Freundes Matt soll Max ein Empfehlungsschreiben für Australien erhalten, das ist eine andere Sache. 

Érika (Camille Felton) bringt das Thema Film in den Film. Und auch das Thema der schwulen Liebe. Die beiden Freunde, die bis jetzt herzensreine Freunde sind, sollen sich vor der Kamera küssen. Nach so einer Szene macht Dolan gerne einen abrupten Schnitt und Schwarzbild. Zu viel soll vom Offensichtlichen nicht ausgeplaudert werden. 

Érika behauptet, sie mache einen impressionistisch-expressionistischen Film im Sinne eines ‚Eldomovar‘, ha, ha, vielleicht just das, was Dolan möglicherweise vorschwebt, ironisierenderweise – und was so vieles bei all der Fülle in der Schwebe hält. 

Matt soll sich um einen Geschäftspartner namens McAfee (Harris Dickinson) kümmern, ihm schöne Tage in Montreal bescheren, weil das vollkommen ausreiche für die Geschäftsbeziehung. Auch der ist ein attraktiver junger Mann, der mit dezenten Hinweisen Matt sein unausgesprochenes Thema bewusster macht; geeignet dafür ist eine Bar mit Table-Dancerinnen. 

Speziell die jungen Männer hat Dolan nicht nur hervorragend ausgesucht, sie spielen so erfrischend, unbesorgt, sie wirken so unangestrengt attraktiv jenes Alter, für das alles so offen ist – und manches noch nicht asusprobiert. 

Es fällt schon mal die Bemerkung, ob denn die beiden schon mal rumgemacht hätten, oder sie können sich nur so halbvedrängt daran erinnern, ja sie hätten mal gefummelt. 

Die Erzählkunst, die impressionistisch-expressionistische Schiderung dieser Gruppe von Menschen, macht die bestechende Qualität des Filmes von Xavier Dolan aus, und genau diese Klarheit, wer hier schließlich zu wem gehöre, so spannend, weil das Thema dauernd und vielfältig durchlüftet in der Luft schwebt; drum gehen die zwei Stunden auch wie nichts vorbei, saugen einen ein. 

Dolan zelebriert diese kurze Zeit der Freiheit der Jugend, speziell der jungen Männer, in der sie sich selbst erotisch fühlen, natürlich erotisch fühlen, ohne dieses extra herauszustellen, das ist vielleicht das Geheimnis dieses Filmes, macht dessen kanadische Frische aus. Diese Jugend genügt sich selbst und glaubt nicht, die Welt zu retten zu müssen.