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Geborgtes Weiß

Erzählen über das Atmosphärische

Später erklärt sich’s, warum die ersten Szenen dieses Filmes von Sebastian Ko, der mit und nach einer Idee von Karin Kati auch das Drehbuch geschrieben hat, den Eindruck eines tv-orientierten deutschen Themenfilmes machen, der es nicht werden wird.

Hier werden delikate menschliche Verhältnisse über das Atmosphärische erzählt, das mit Infos so sparsam umgeht, wie der Heuhaufen mit der berühmten Nadel.

Ewig lang geht Marta (Susanne Wolff) mit ihrem Buben Nathan (Elia Gezer) durch die endlosen Gänge eines leeren Baumarktes. Bub ist erst lustig, will dies kaufen, jenes. Aber Mama sucht einen Siphon, telefoniert mit ihrem Mann Roland zuhause (der holzschnittartige Ulrich Matthes), ob Röhre oder Flasche.

Nein, es wird nicht mit solchen Haushaltsdetails weitergemacht. Hier geht es darum, dass Sohn Nathan plötzlich verschwunden ist und Mama ihn ewig sucht, mit wachsender Verzweiflung. Ein junger Mann hat ihn aufgegabelt und bringt ihn zurück.

Später wird der junge Mann im Backsteinhaus, das aussieht wie ein altes Bahnhofsgebäude, in dem Marta und Roland wohnen, die Renovation des Bades in Angriff nehmen. Es ist Valmir (Florist Bajgora, ein filmaffiner Typ), der nach weiteren Nachfragen aus Albanien kommt. Er soll bei den Intellektuellen in ihrem wohnlichen Haus schwarz arbeiten und marode Leitungen austauschen. Irgendwann zieht er ins Gartenhaus.

Es soll hier nichts verraten werden, was der Film nach und nach preis gibt, wie er die Beziehung unter den vier Menschen immer näher unter die Lupe nimmt und immer neue Erkenntnisse gewinnt, wie er Drama aufbaut, das sich ganz schön zuspitzt gegen Ende. Wie der Film mit diesem bewussten Zurückhalten von Info Spannung und Interesse erzeugt, wie er den Zuschauer in die Dynamik dieser auf den Seziertiesch gelegten, vorerst so intakt erscheinenden, Verhältnisse hineinzieht.

Auch ein Film über deutsches Akademikertum – und dessen Verhältnis zur Zuwanderung – sie ist Ärztin, er ist ein Autor.

Der Sommer mit Anais

Vernarrt in Anais

scheint Regisseurin Charline Bourgeois-Taquet, in Anais, ihre fiktive Hauptfigur, gespielt von der Schauspielerin Anais Demoustier. Sie lässt ihr alles durchgehen, ihre Schusseligkeit, ihre Nervosität, ihre Unzuverlässigkeit, ihre Spontaneität, ihre rastlose Suche nach Liebe, denn sie ist ein Mensch, eine hübsche Frau, die für die Liebe und nicht für einen 8-16-Uhr-Job gemacht ist.

So kann sie auch die akademische Karrierechance bei ihrem Professor überhaupt nicht ernst nehmen, sie sagt zwar ja, aber dann lässt sie den Kongress in Rouen sausen, wofür sie die ganzen Unterlagen hat, möge der Professor bleiben wo er ist; sie ist von der Liebe angestachelt. Auf Umwegen.

In Paris fängt der Film an. Sie kann ihre Miete nicht bezahlen, weil sie ihrem Freund den Laufpass gegeben hat, zumindest hinsichtlich des gemeinsamen Wohnens. Sie lernt Daniel (Denis Podalydès) kennen; der ist viel älter als sie, eine wahre Schlaftablette von Mann und doch verführt die Rastlose ihn. Begegnung im Treppenhaus. Sie mag nicht Lift fahren, Klaustrophobie. Es passiert alles chaotisch, aber sie landen im Bett.

Daniel ist lange verheiratet mit der Autorin Émilie (Valeria Bruni Tedeschi). Ein Video mit ihr trifft bei Anais ins Schwarze. Der Liebesinstinkt kennt keine Grenzen, sie begegnet ihr, sie macht ihr den Hof, statt nach Rouen reist sie zu einem Seminar nach Kerduel, wo sie sich schamlos an Émilie ranmacht.

Der Film ist genau so rastlos, spontaneistisch, nervös gemacht, wie die darin geschilderte Hauptfigur. Er ist ein pausenloser Strom an Reden, Plaudern, Babbeln, immer auch in der intellektuell-künstlerischen Ecke grasend.

Es ist die französische Filmkultur, die wunderbaren Schauspieler und Schauspielerinnen, nach all der Aufgeregtheit, doch eine kleine Geschichte erzählt zu haben, eine Geschichte über die Liebe und die Träume davon, die Liebe als Inspirator und Muse für Künstler, die Liebe als fantastische Illusion, die den Film daran hindert, als Pleitefall auf der Leinwand zu landen. Gegen das Feuer der Liebe ist jeder Rauchmelder machtlos.

Bibi & Tina – Einfach Anders

Jugendgruppenfröhlichkeit

Das ist wie immer bei Detlev Buck, hier nach dem Buch von Bettina Börgerding, er möchte Fröhlichkeit, gute Laune verbreiten, ein „Medikament für Heiterkeit“ herstellen.

Detlev Buck hat keine Lust auf verbissene Diskussion über Toleranz und Selbstverwirklichung; er möchte diese Botschaft auf unterhaltsame Weise von der Leinwand herab verkünden. Das gelingt ihm recht gut mit einem lockeren, lebendigen Ensemble und immer wieder mit Songs gegen den bitteren Ernst, für das Anderssein (wobei lustig, das Urbild dafür ein Alien ist), für den Protest oder genau so fürs Kuscheln oder auch gegen Langeweile, den Traum vom Promitum oder dem Persönlichkeitsspagat – im Sinne einer Pädagogik, die keine Fingerzeigpädagogik sein will.

Die Story ist ein wilder Mix und ganz ohne Rücksicht auf Konsequenz und Tiefe aus Alien und Meteorniedergang, aus Bibis Magiekünsten, aus adeliger Enteignung wegen fehlender Legitimation, aus Landaufenthalt für schwierige Kids, die im Umgang mit Pferden Resilienz lernen sollen, aus unaufgeklärter Jugendsünde, Vampirtum und Kartoffelernte, aus Kornkreisen und dem Lokalradio.

Es ist ein Film voller Spaß an jugendlicher Lagerfeuerromantik.

1001 Nights Apart

Unüberbrückbar?

Bis zum Sturz des Schahs im Jahre 1979 gab es in Iran ein klassisches Nationalballett; das tanzte zum Beispiel Geschichten aus 1001 Nacht nach Scheherazade. Es gibt im Film Aufnahmen davon in Schwarz-Weiß.

Mit der Übernahme der Herrschaft durch die Revolutionsführer wurde das Ballett verboten. Tanz sei nicht islamisch. Für die Tänzer und die Leiter und Choreographen war kein Bleibens mehr in Teheran. Sie verstreuten sich nach Amerika, England, Holland.

Die Dokumentaristin Sarvnaz Alambeigi spürt diesem kulturellen Bruch, diese Kulturlücke nach. Denn es gibt heute in Teheran eine Untergrund-Tanzgruppe. Allerdings fehlt ihr das klassische Know-How. Sie nutzen Tanz als Ausdruckstanz, als Performance. Sie versuchen ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Sie haben Studioräume im Souterrain eines Hauses, leere Räume, eingerichtet mit wenigen Gegenständen, die oft für die Interviews mit den Tänzern arrangiert werden, fotogen.

Die Frauen tragen alle Kopftuch. Die Gruppe praktiziert Modern Dance, wie es ihn überall auf der Welt gibt. Sie gehen im Raum. Sie gehen im Raum, auf dem quadratische Linien von Gefägniszellen und -fluren gezogen sind. Hier gibt es nur Geradeausgehen, rechte Winkel, weiter gerade aus und eine Art Freiraum, in dem sie zehn Sekunden ihren Tanzimpulsen und Gefühlsimpulsen freien Lauf lassen dürfen.

Der Film streckt seine Fühler zu verlorenen iranischen Ballettkultur aus, sucht Kontakt zu deren emigrierten Protagonisten. Die sind inzwischen alte Herrschaften, haben aber weiter getanzt.

Es ist ein Unternehmen, das an das berühmte Bild von Michelangelo ‚die Erschaffung des Adam‘ erinnert. Zwei Hände, die versuchen sich mit ausgestreckten Fingern zu berühren. Aber die Kluft ist enorm.

Da es schwierig ist, die alten Herrschaften nach Teheran zu holen, gibt es den Versuch, mit der heutigen Untergrundtruppe nach Rotterdam zu fliegen. Bis auf zwei, die ihre Visas frühzeitig hatten, wurden den anderen die Ausreise nicht erlaubt. Die Angst, sie würden nicht zurückkehren.

Mit dem Film gehen die Tänzer und Tänzerinnen ein nicht unerhebliches Risiko ein: denn sie tun etwas Verbotenes: sie versuchen ihren Gefühlen des Eingesperrtseins, der Unfreiheit, der Depression Ausdruck zu verleihen.

Kommentar zu den Reviews vom 14. Juli 2022

Das Kino ventiliert, was passiert, wenn Dinge außer Kontrolle geraten. In Frankreich geht es um die grenzenlose Kreativität eines Malers. In England möchte eine Dame iher Gefühle im Zaum behalten, aber doch ihnen freien Lauf lassen. Ebenfalls in England glauben ein paar ungare Jungs, sie könnten problemlos bei einem Arzt einbrechen. Ganz im Zaum hält sich das deutsche Paar, das sich auf Zypern beim Sex filmt und damit ein wohlkalkuliertes Geschäft macht. Ein Deutscher sieht noch Rettungsmöglichkeiten für das außer Rand und Band geratene Klima. Auf DVD versucht das deutsche Kinderfernsehen indische Kinoträume. Im Fernsehen moderiert ein Schwabinger Filmemacher seine Anfänge in der 60ern. Zur Volksverdummung trägt der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit frisiertem Arbeitsplatztausch bei.

Kino
DIE RUHELOSEN – LES INTRANQUILLES
Doppelseitiger Kontrollverlust; wie aus einem harmlosen Bruch der Horror wird.

MEINE STUNDEN MIT LEO
Votum für das Recht auf Lust

THE OWNERS
Kleiner Burch mit verheerenden Kontrollverlusten

PORNFLUENCER
Weil Sex für viele keine Selbstverständlichkeit ist, stellen sie diesen ins Internet und verdienen daran prächtig.

EVERYTHING WILL CHANGE
Ein Extempore in die Zukunft zeigt, dass die Klimarettung noch möglich ist.

DVD
TRÄUME SIND WIE WILDE TIGER
Eher nicht im deutschen Kinderfernsehen

TV
CHAMPAGNER FÜR DIE AUGEN – GIFT FÜR DEN REST
Klaus Lemke blickt auf die eigenen Anfänge zurück. Klaus Lemkes
letzter Auftritt vor seinem Tod.

MEIN JOB – DEIN JOB: TIERPFLEGER – SÜDAFRIKA
Drastisch verfälschte Realität

The Owners

Kontrollverlust

Dass die drei Jungs Gaz (Jake Curran), Terry (Andrew Ellis) und Nathan (Ian Kenny) in der englischen Provinz offenbar perspektivlos abhängen und dabei auf dumme Ideen kommen, ist nicht besonders überraschend.

Sie haben gehört, dass im entlegenen Anwesen des Arztes Richard Huggins (Sylvester McCoy) und seiner Frau Ellen (Rita Tushingham) einiges zu holen sein, denn die Mutter von Terry ist dort Zugehfrau.

Das Auto, von dem aus sie das Steinhaus beobachten, ist von Mary (Maisie Williams) – sie wird später Nathan mitteilen, dass sie von ihm schwanger ist. Sowieso wollten die drei Jungs nur schnell das Auto ausleihen und gleich wieder zurückgeben. Sie werden aber aufgehalten, weil noch Leute ein- und ausgehen und sie also nicht zuschlagen können. So sucht Mary sie denn mit dem Fahrrad auf und wird dadurch in die Entwicklung der Dinge einbezogen.

Regisseur Julius Berg, der mit Mathieu Compel auch das Drehbuch nach dem Comic-Buch „Une nuit de pleine lune“ von Ivesh and Hermann geschrieben hat, schildert die Vorgänge unmittelbar; der kleine Hickhack in der Gruppe, wie sie, nachdem der Arzt sein Haus samt Frau verlassen hat, Mary im Auto zurücklassen, sie würden in wenigen Minuten wieder da sein.

Aber, wenn das glatt laufen würde, dann gäbe es nichts zu erzählen. Frust entlädt sich unter den Einbrechern, wie sie nicht das finden, was sie suchen. Mary gesellt sich zu ihnen. Sie verwüsten die Wohnung. Der Arzt kehrt zurück.

Das spätestens ist der Beginn der Erosion der Kontrolle der Täter über ihr Vorgehen. Panik macht sich breit, unüberlegte Handlungen. So weit, so üblich, so weit so bald auch blutig, so weit, so gut nachvollziehbar und bewährt.

Aber eines haben die jungen Männer nicht bedacht, man möchte ja nicht zu viel verraten über die aus dem Ruder laufenden Entwicklungen: Ärzte werden oft die Götter in Weiß genannt. Und wieso? Weil sie Herr über Leben und Tod sein können. Dass sie generell sich für das Leben einsetzen, das haben sie dem hypokratischen Eid zu verdanken. Die Frage, wie weit der noch gilt, wenn sie Menschen mit Kontrollverlust ausgesetzt sind und selber in Bedrängnis geraten, stellt sich. Insofern könnte von einem beidseitigen Kontrollverlust gesprochen werden, wobei in diesem prächtigen, britischen Genrestück derjenige des Akademikers jedoch deutlich kontrollierter passiert. Ausgang offen.

Meine Stunden mit Leo

Konkupiszenz

Emma Thompson spielt die Rolle der verwitweten, vertrockneten Nancy Stokes, die sich den Callboy Leo Grande (Daryl McCormack) bestellt, so fabelhaft, dass man am Ausgang des Kinos jede Petition unterschreiben würde, die das Recht auf Konkupiszenz grundlegend verbrieft, damit es, wenn anderweitig nicht erfüllbar, beispielsweise von den Krankenkassen zu bezahlen wäre.

Der Zuschauer dürfte zu Beginn bereits wissen, dass er sich auf ein Kammerspiel, ein Hotelzimmerspiel mit zwei Hauptfiguren einlässt.

Die ersten Sequenzen zeigen ineinandergeschnitten die beiden Protagonisten bei den Vorbereitungen auf das erste Date. Leo auf dem Weg zum Hotel, happy über und neugierig auf den Job. Nancy irgendwie nervös und ungeschickt im Hotelzimmer, so prüde und ausgedörrt wirkend, dass schwer vorstellbar ist, dass sich demnächst überhaupt etwas im Hotelzimmer tun wird.

So läuft es auch an. Sie will, sie will nicht, sie will es schnell hinter sich bringen, weil sie nur die eng getaktete Liebesroutine ihres Mannes kennt. Aber Leo ist nicht auf den Kopf gefallen, ihn interessiert nicht die Mechanik des Vorganges, ihn interessiert der Mensch, er weiß, dass Erotik sich im Kopf vorbereitet, im Dialog also; es ist ja kein Sex-, kein Bumsfilm.

Nancy dagegen ist gehemmt, verunsichert, bekommt ein schlechtes Gewissen so nah an der Erfüllung von Träumen. Leo sieht tadellos aus, ist größer als sie, hat fantastische Hände. Aber er ist auch teuer.

Sie war Lehrerin, er trennt strikt zwischen Beruf und Privatleben. Beide sind unter falschen Namen in Kontakt getreten.

Anfangs inszeniert Sophie Hyde nach dem Drehbuch von Katy Brand das Spiel so, dass man kurz abgeschreckt denkt, ach schon wieder eine ältere Schauspielerin, die aus privatem Gusto eine Affäre mit einem jungen, gut aussehenden Mann spielen möchte. Der Gedanke verflüchtigt sich spätestens dann, wie sie dieses frustrierte, unbefriedigte Rollenmodell durchbricht. Auch wenn die Gespräche, die sich immer über Liebe und Beziehung drehen, manchmal mehr wirken, als in einem Kopf erfunden und nicht unbedingt einer Dramatik folgend, ausgehend von den Charakteren – so spielen die beiden das so fabelhaft, ein richtiges Schauspielerfest.

Und dann hält der Film im Laufe der Begegnungen doch noch Überraschungen parat, denn ganz will Nancy das Private nicht außen vor lassen. Es ist nicht primär ein Film für Voyeurismus, mehr ein Votum für das Recht auf Lust und dass diese Menschen durchaus gut tue und dass Erotik und Sex nicht dazu da seien, nach To-Do-Listen abgearbeitet zu werden.

Die Ruhelosen – Les Intranquilles

Bipolarität

Dieser Film von Joachim Lafosse, der mit vielen Co-Writern auch das Drehbuch geschrieben hat, schildert über den Zeitraum von vielleicht zwei Jahren das Leben des Malers Damien (Damien Bonnard), der mit seiner Frau Leila (Leila Bekhti) und dem Sohnemann Amine (Gabriel Merz Chammah) ein prinzipell glückliches Familienleben führt.

Damien scheint als Maler erfolgreich. Sein Galerist ist Serge (Alexdre Gavras). Da geht ein Gespräch schon mal so, dass Damien ihm verspricht, ihm in 40 Tagen eine Serie von 40 Bildern zu malen, jeden Tag eines, zum Thema des Umzugs.

Der Filmtitel ist zutreffend als auch unzutreffend zugleich. Primär ist Damien der Rastlose. Die Familie wird vorgestellt an einem südlichen Strand. Mama liegt dort. Papa ist mit einem Boot und dem Sohnemann draußen. Papa entscheidet, zurückzuschwimmen. Der Bub, der vielleichdt gerade mal in die erste Klasse geht, soll mit dem Motorboot zurückfahren. Da schleicht sich doch ein leises Unbehagen ein, ob das so durchdacht, so verantwortungsvoll vom Papa ist.

Solche spontanen, garantiert nicht reflektierten Einfälle und Handlungen häufen sich bei Damien. Er hat es auch nicht mit dem Schlafen. Mitten in der Nacht steht er auf und repaiert sein Velo-Solex. Leila wird zusehends in die Rolle der Aufpasserin, der Kümmerin gedrängt, denn Damien ist manchmal wie in einem Rausch, einem Schaffensrausch, einem Kreativitätsrausch nicht nur bis an den Rand des, ja auch bis zum Nervenzusammenbruch selbst. Er landet im Spital. In der Psychiatrie.

Fortan soll er Lithium-Tabletten nehmen. Das passt grad gar nicht zu seiner künstlerischen Lebensauffassung.

Der Film ist das, was man in Deutschland einen Themenfilm nennen könnte und was hier oft kopflastig und dröge daherkommt. Hier fasziniert der Film durch seine lakonische Erzählhaltung, die die Vibrationen, die Unruhen aufnimmt, die aber nie das Gefühl hat, irgendwas erkären zu müssen. Er fasziniert durch die prima ausgewählten Darsteller und auch durch das großzügige Leben, was diese führen können, durch seine Unvoreingenommenheit gegenüber der bipolaren Störung von Damien, die nicht heilbar ist und die seine Frau zusehends misstrauisch seinen Versprechungen gegenüber macht.

Träume sind wie wilde Tiger (DVD)

Dass Träume wie wilde Tiger sind, mag vielleicht in Indien gelten, die ersten Minuten des Filmes spielen dort und sind bollywoodisch angehaucht: Musik, Tanz, Gesang, Strand, bunte Stoffkostüme.

Aber dann stürzt der Film von Lars Montag, der mit Ellen Schmidt, Sathyan Ramesh und Murmel Clausen unter dramturgischer Beratung von Gabriele Jung auch das löchrige Drehbuch geschrieben hat, jäh ab in die Untiefen deutsch öffentlich-rechtlich subventionierten Fernsehens.

Gut, der Film ist wohl nicht fürs Kino gedacht, sondern fürs Fernsehen und erscheint jetzt als DVD. Da darf man vielleicht nicht so scharf urteilen, wie wenn die Behauptung im Raum stünde, ein Kinoprodukt vor sich zu haben.

Gehen wir also davon aus, dass das Fernsehen die Zuschauer nicht so ganz ernst nimmt, dass es gutbläubig davon ausgeht, die würden auch bei einem Film mitgehen, wenn da mitunter haarsträubende Wendungen im Plot vorkommen. So wollen wir denn einfach die gute Absicht hinter dem Produkt sehen, das eher wie eine lahme Ente, denn wie ein wilder Tiger daherkommt, integrativ jedoch politisch korrekt gedacht ist.

Es geht um Integration. Der Film verweist darauf, dass zum Beispiel ein radebrechend deutsch sprechender Inder (Irshad Panjatan), der tatsächlich beim Schuh des Manitu mitgespielt hat, jetzt den Opa (Dada) des Kinder-Protagonisten Ranji (Shan Robitzky) in Indien gibt; er ist der einzige, der die Träume des Jungen versteht: dieser möchte das Casting für eine Rolle in einem Film von Bollywood-Megastar Amir (Terence Lewis) gewinnen.

Dazu muss er ein Casting-Video aufnehmen. Dem kommt dazwischen, dass seine Eltern nach Deutschland auswandern wollen, weil sie dort zehnmal so gut leben würden wie in Indien.

In Deutschland schwingt der Film mit viel Klischee, Karikatur und bekannten Namen die Integrationskeule. Im Flugzeug nach Deutschland darf Roberto Blanco das Präludium dafür geben.

In der immens anonymen Wohnsiedlung ist die Karikatur von Vermieter (Herbert Knaup) die nächste Begegnung. Simon Schwarz als schrullig sein sollender Experimentalmusiker (Experimentalmusik ein pädagogisch wertvolles Thema, ganz klar) ist der Nachbar, in Scheidung begriffen und es klafft ein großes Loch in der Wand zwischen den beiden Wohnungen.

In der Schule finden Rassimus und Integration auch ihren Platz.

Viele Hindernisse werden erfunden, warum Ranji sein Bewerbungsvideo erst in letzter Sekunde und dann nicht mal ganz, absenden kann. Und wie Kinder heute mir nichts dir nichts schnell mal nach Indien fliegen, das sind wirklich Zaubertricks, von denen man nur träumen kann. Insofern bewahrheitet sich der Titel auf seine ganz eigene Art.

„Los, los, los, Integration!“.

Mein Job – Dein Job: Tierpfleger – Südafrika (BR, Montag, 11. Juli 2022, 20.15 Uhr)

Glücks(Heile-Welt-)Format

Alles hat sich hier – verantwortlich als Redakteur Matthias Luginger, Leitung: Ingmar Grundmann – nach dem Format zu richten. Es ist die Kopie oder das Imitat des Formats EXTREME JOB SWAP der Banijay Group. Dieses Format soll vor allem Glücksgefühle transportieren. Es ist eitel und erinnert den Zuschauer ständig an sich, indem bei jedem Ortswechsel der Verzopferzählung das Format-Signet dazwischen geschnitten wird, aufdringlich und ohne jeden narrativen Mehrwert – reine Propaganda.

Die Idee an sich ist ja nicht übel, Berufsleute aus einem Land für eine Zeit in einem anderen Land arbeiten zu lassen und vice versa. Sich umsehen schult, andere Länder andere Sitten kennenzulernen, ebenfalls, erweitert den Horizont; kann Abenteuer sein.

Allerdings geht es hier nicht mehr um den Austausch. Es geht, das bestätigt auch die Dauer-Süßmusik, einzig und allein darum, ein glückliche Geschichte zu erzählen; egal, wie dieses Glück gegen die Realität zurechtgebogen wird.

Das fängt mit der Auswahl der Protagonisten an. Es müssen junge Leute sein, Sympathieträger und in einem nicht schmutzigen Beruf, der eher ein Traumberuf ist. Hier sind es Tierpfleger aus Niederbayern und aus Südafrika.

Die Protagonisten müssen ihren Optimismus, ihre Abenteuerlust, ihre Glücksgefühle ausdrücken können, sie müssen leicht zu begeistern sein, sie sollen möglichst oft etwas toll finden und sicher auch mal einen Fehler machen. Es geht nicht um Inklusion.

Dass die afrikanischen Pinguinschützer in Niederbayern grad alles Stroh mit den Pferdeäpfeln aus dem Stall entfernen, dürfte eher auf fehlende Anleitung zurückzuführen sein. Auch das scheint insofern ein inszenierter Fehler.

Nebst dem ständigen Musikgedudel will sich das Format mit pausenloser Zutexterei, original und sterilem Voice-Over, dem kritischen Zugriff entziehen, sich unangreifbar machen, wie ein Pinguin, der sich gegen Zwangsfütterung wehrt.

Das Format muss sich rechnen. Der Austausch dauert genau eine Woche. Für eine ernsthafte Austausch-Erfahrung ist das zu wenig. Das reicht gerade für einen Abenteuerurlaub. Auch insofern wird sie als sinnvolle Erfahrungsidee nicht ernst genommen.

Die Zeiten sind hart, die Inflation schafft immer mehr Leuten Probleme, die Rundfunkhaushaltgebühr aufzubringen. In solchen Zeiten lassen sich bei einem unfair zu Lasten einkommensschwacher Haushalte finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk solche Glücks-Schnulzen-Sendungen mit Zulutänzern als Zugabe in keiner Weise rechtfertigen.

Solche Fernsehformate dienen einzig und allein dazu, mit der Schilderung einer nach Strich und Faden geschönten Realität Gelder aus dem enormen Topf öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten abzuschöpfen. Solche Formate sind insofern vollumfänglich verzichtbar.

Man fliegt nicht eben einfach mal nach Südafrika; solche Austauschprogramme, wenn es sie denn gibt, setzen Verfahren, Bewerbungen, Vorbereitungen voraus. Während das Format die Illusion erzeugt, es gehe ganz ohne und den Teil der Vorbereitungen, den die Produzenten übernehmen, schlicht verschweigt. Das hat mit dem demokratischen Grundauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes so gar nichts mehr zu tun. Demokratie sollte schon der Realität ins Auge blicken und nicht sie als eine Märchenwelt darstellen. Dieses TV-Format liegt näher an der Propagandaveranstaltung eines totalitären Staates als am Grundauftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders, der der Demokratie verpflichtet ist.