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Das Kino kämpft gegen sinkende Besucherzahlen. Aus Cannes kommen keine Impulse, vom Deutschen Filmpreis schon gar nicht, das Kino Gabriel an der Dachauerstrasse hat nach über 100 Jahren Hals über Kopf den Spielbetrieb eingestellt, es habe sich nicht mehr gerechnet. Und wie ein Phoenix aus der Asche steigt just einen Tag nach der letzten Pressevorführung im Gabriel (der witzige MISTER LINK – EIN FELLIG VERRÜCKTES ABENTEUER), wie mit einem Paukenschlag das Mathäser ins Licht der Öffentlichkeit mit einem DOLBY CINEMA, dem ersten seiner Art in Deutschland und aktuell wohl weltweit das ausgeklügeltste, ausgetüfteltste Kino, das ein Kinoerlebnis bietet, wie kein Netflix es kann, kein Stream es kann, kein Homekino es kann. Vorgestellt wurde der Film ROCKETMAN, ein Biopic über Elton John, das einen besseren Saal nicht finden könnte zur Rundumberauschung mit Musik. Das Mathäser hat das frühere Kino Eins umgebaut. Es ist jetzt direkt von der Straßenebene aus zugänglich, hat eine lässige, gläserne Lounge mit Kinobar und mit einem Kaffeautomaten zur Gratis-Selbstbedienung, eine eigene WC-Anlage (sonst sind die Wege zum Klo im Mathäser immer weit). Durch einen Kinoschlund, einen Audio-Video-Tunnel, der noch auf seine adäquate deutsche Übersetzung wartet, betritt der Zuschauer die geheime Welt des ganz großen Kinos. Es ist eine Blackbox, wie jeder Cineast sie sich nur wünschen kann. Die Firma Dolby hat diese in dreifacher Weise ausgestattet. Die erste ist das umwerfende Tonsystem, das Dolby Atmos noch toppt. Die zweite ist das Raumdesign: Blackbox, praktisch keine irritierenden Lichtreflexe aus dem Saal, die Lautsprecher sind unsichtbar gemacht, hinter schwarzer Wandverkleidung. Die dritte ist die Doppellaserprojektion in 4K. Was diese mit dem Bild macht, wird augenfällig demonstriert mit einem kleinen Dolby-Cinema-Trailer: der Unterschied zwischen Dunkel und Schwarz: verblüffend, hätten wir nicht gedacht. Ein Kino, unter dem keine U-Bahn rattert, in das kein Straßenbahnlärm hineindringt, kein Martinshorn, kein Foyergeplapper, keine Nebengeräusche. Ein Kino, in welchem sich der Zuschauer ganz relaxed dem Kinogenuss hingeben kann. Da die Filme dafür extra gemastert werden müssen, werden vor allem Blockbuster gezeigt, da kommt allein dieses Jahr einiges auf uns zu: Toy Story 4, Eiskönigin 2, Star Wars Episode 9, König der Löwen und und und. Eine attraktive Kino-Offensive.

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Filmpolitisch ist aus der Dokumentarfilmecke generell eher Gejammere zu hören: zu wenig Geld, zu wenige und zu wenig prominente Sendeplätze bei den Öffentlich-Rechtlichen, zu wenig Öffentlichkeit, zu wenig Presse.

Einen positiven Impuls für den Dokumentarfilm wollen jetzt Walter Steffen (Fahr ma obi am Wasser, Happy Welcome, Endstation Seeshaupt, Bavaria Vista Club) und Michael Augustin geben. Sie gehen in Vorleistung mit ihrem privaten und eigenfinanzierten Webprojekt DOKfans. Sie haben dieses im Windschatten des DOK.fest München vorgestellt.

Die Überlegung ist die, dass jeder Dokumentarfilmer mit seinen Projekten alleine steht, selber versucht, über die Kanäle der sozialen Medien Fans und Followers zu generieren und die Projekte bekannt zu machen. Mit DOKfans wollen die Initiatioren einen Synergieeffekt erzielen. Die Filmer sollen ihre Fans teilen und damit deren Zahl potenzieren, Crowdfunding-Aktivitäten anstoßen und so mehr Bekanntheit erreichen und im Kino mehr Besucher gewinnen.

Steffen und Augustin nennen es ein ’solidarisches‘ Netzwerk, das generell dem Dokumentarfilm zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen soll. Aktuell liegt die Verantwortung und also auch das letzte Wort bei den beiden Gründern: sie entscheiden letztendlich, ob einer sich eintragen darf oder nicht. Einen Rechtsanspruch auf Eintrag scheint so nicht gegeben (rein theoretisch können sie jederzeit missliebige Konkurrenten fernhalten).

Die Filmer sind aufgefordert, sich auf der Website als „Redakteure“ einzutragen, ihre Projekte vorzustellen; das ist kostenlos für sie. DOKfans wird die Einträge redigieren und über Facebook und andere Social Media verbreiten.

Wenig präzise sind die Antworten von Steffen und Augustin auf die Frage, wie langfristig eine Rechtsform aussehen könnte, die dem Begriff „solidarisch“ gerecht wird und wie eine gesicherte finanzielle Basis herzustellen wäre. Steffen spricht in diesem Zusammenhang von Werbung, wobei zu klären wäre, dass die keinen Einfluss auf den Inhalt nimmt. Stattdessen müsste wohl die Filmförderung ins Spiel kommen. Die bleibt im Moment außen vor, zum einen verharkt sie sich in ihren eigenen Regularien und zum anderen wollen die Initiatioren den Wirkbereich nicht auf Bayern beschränkt sehen (in diesem Falle wäre eine Mitwirkung der Filmförderung heute schon möglich).

Steffen und Augustin wollen in einem Jahr Zwischenbilanz ziehen. Dann wird sich zeigen, ob dieser löbliche Ansatz bei den Dokumentaristen auf fruchtbaren Boden fällt und wie eine Weiterentwicklung im Sinne eines machtvollen Instrumentes für den Dokumentarfilm auszusehen hätte, mit welchen Partnern und in welcher – solidarischen – Rechtsform.

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Nachbarschaftslieblichkeiten aus Island. Vamp-Garstigkeiten aus den USA. Deutsche Inklusion 12 Jahre später. Mutterschlundiges aus Irland. Hollywood russisch ummantelt. Blonde Webteppichträumerei aus Japan. Eine Schicksalsphilosophiererei und ein christliches Wunder aus den USA. Ein lauter deutsch-kanadischer Leise-Film. Das TV berauschte sich an einem Allgäuer Vorbilddorf.

Kino
UNDER THE TREE
Sex am 15. des Monats.

GRETA
Die Huppert amüsiert sich als amerikanischer Kinovamp.

DIE KINDER DER UTOPIE
Inklusion lehrt Toleranz.

HOLE IN THE GROUND
Söhne sind ihren Müttern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

URFIN – DER ZAUBERER VON OZ
Vom gesellschaftlichen Außenseiter, der zum Despoten wird.

MAQUIA
Blonde Japanerin am Hibiol (Webteppich).

THE SUN IS ALSO A STAR
Philosophischer Plot eher umphilosophisch und unkoordiniert dargereicht.

BREAKTHROUGH – ZURÜCK INS LEBEN
Wenn die Schulmedizin nicht mehr hilft, schlägt die Stunde der Wunder und des Glaubens.

THE SILENCE
Ein nicht ausreichend nachvollziehbarer Ansatz zum Umgang mit der Stille.

TV
DAHEIM IN … BAD HINDELANG
Dorf ohne Schatten im Bergschatten.

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Etwas laut

ist dieser Film von John R. Leonetti nach dem Drehbuch von Carey und Shane Van Dyke nach dem Roman von Tim Lebbon im Hinblick auf seinen Titel, der die Stille behauptet.

Hierin unterscheidet er sich radikal von A Quiet Place, der vor etwas über einem Jahr ins Kino gekommen ist. Dort hatte man direkt Angst, dass jemand hustete und sich die Monster ins Kino stürzen würden.

Im vorliegenden Film haben sie mit einem anderen Ansatz gearbeitet. In Pennsylvania, 800 Meter unterm Apalachian Trail, sind Höhlenforscher auf eine Art Fledermäuse oder Wespen gestoßen, die lediglich auf Lärm reagieren. Wo Lärm ist, da fliegen sie hin, da schlagen sie zu, diese einfach gestrickten Urflugsaurier-Miniausgaben. Sie brechen aus der Höhle aus und sorgen an der Ostküste für ein Katastrophenszenario.

Der Film selbst scheint Angst vor der Stille zu haben, er glaubt, er muss immer laute Musik oder wenigstens Waldesrauschen auf die Tonspur setzen. So fällt der Stillemoment nicht schwerwiegend ins Gewicht, wird nicht spannungsvirulent.

Der Film begleitet Familie Andrews (ein 08.15 Cast) durch die Katastrophe. Tochter Ally (Kiernan Shipka) ist die Icherzählerin und taubstumm. Sie hat erst als Teen das Gehör verloren. So sprechen praktisch alle Figuren immer mit Stimme, ab und an gebärden sie den Text dazu. Das haben sie ganz gut hingekriegt.

Die Familie flieht aus dem Ort, bricht aus dem Stau auf der Autobahn aus. Der Onkel rast einen Abhang hinunter und wird später, nachdem er schon tot ist, mehrfach tot quasi, da auch die Wespen ihn nach dem Unfall noch übler zurichten, als Benzinfackel und Explosionsknall den Eindringlingen geopfert. Damit die Familie sich von dannen schleichen kann.

Sie finden ein Gehöft, das mit einer Glocke gesichert ist. Aber da eh viel Lärm ist im Film, können sie ungeniert flüstern. Trotzdem würde man immer mal wieder gerne den Akteuren zurufen, zieh wenigstens die Schuhe aus, wenn du auf dem Kiesweg gehst oder schließ die Tür, wenn du in ein Haus reingehst. Und nachdem sie herausgefunden haben, dass die bösen Viecher leicht zu neppen sind, indem man einen Gegenstand mit Knall irgendwohin wirft und man dann safe ist, würde man ihnen das auch ab und an wünschen, statt dass sie schlecht leises Agieren spielen müssen.

Trotzdem, keine Bange bei all den Katastrophen: die Wespen haben noch eine Eigenschaft, die für das Überleben der Familie Andrews hilfreich sein wird.

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Dieser Film von Ry Russo-Young nach dem Drehbuch von Tracy Oliver nach dem Roman von Nicola Yoon scheint mir einer von der Sorte zu sein, bei welchem der führende Kopf der Produktion, es könnte der Regisseur sein, von dem Roman angefixt war und sofort ‚geile‘ Bilder gesehen hat und sofort Schauspieler im Kopf und eine Begeisterung für das Philosophieren über Schicksalshaftigkeit, Universum kontra Individuum, das All und das Eintagsleben eines Schmetterlings.

Dann hat er einmal eine irre hohe Bahnhofshalle gesehen mit verglasten Wänden und Gängen hoch oben und er stellte sich vor, wie ein junger Mann, Daniel (Charles Melton), mit einem Kumpel in dieser Höhe über der Halle (ähnliche Effekte könnte die Reichstagskuppel in Berlin erzeugen) runter schaut auf die flanierenden Massen, die alle in Eile und nach vorne fokussiert sind. Dann entdecken die beiden jungen Männer eine junge Frau, Natasha (Yara Shahidi), mit Kopfhörern auf, die einfach stehen bleibt und in die Höhe guckt. Da flippt unser Regisseur aus und sieht das als ein zwingender Schicksalsmoment: Liebe, Verliebtheit auf den ersten Blick. – Und die Jagd hinter diesem Glück hinterher beginnt.

Eigentlich könnte sich der Zuschauer nach der Schicksalstheorie beruhigt zurücklehnen, denn das Schicksal wird den beiden so oder so einen sorglosen Tag in New York, einen Liebes-Tag (und eine Nacht im Park dazu) bescheren. Alles drum herum vergessen.

Das enge Timing, in das beide Protagonisten eingespannt sind, das zeigt der Regisseur mit spitzem Zeigefinger auf einer großen Wanduhr, die nicht 5, nicht 4, nicht 3, nicht 2, sondern 1 Minute vor Zwölf zeigt.

Natasha und ihre Familie aus Jamaica sollen nämlich am nächsten Morgen zurückgeschickt werden mangels Aufenthaltspapieren. Daniel soll einen Interviewtermin bei einem Anwalt wahrnehmen, um sich für ein Midizinstudium am College anzumelden. So möchte es jedenfalls sein Vater, seine Mutter und sein älterer Bruder. Es sind Einwanderer aus Korea, die in New York einen Langhaarperückenladen betreiben. Auch das scheint eine Idee, die vielleicht einfach sein musste, weil der Regisseur fand, das sei ein ‚geiles‘ Setting, erst recht, wenn die beiden Brüder anfangen zu schlägern miteinander, damit die Maske für die nächsten Szenen Narbenarbeit hat.

Das scheint auch einer jener Filme zu sein, die, wenn man anfängt sie zu memorieren, sich als Plot, als Storymaterial nicht schlecht anhören, bei denen aber offenbar nicht genügend sorgfältige Drehbucharbeit geleistet worden ist, so dass der Film einem beim Schauen reichlich schablonenhaft vorkommt, als ob einer am Schreibtisch die einzelnen Elemente ausgeschnitten und dann in einer gewissen Reihenfolge zusammengesetzt hat, ohne aber auf die spezifische Anforderung des Spannungsbogens eines Filmes zu achten.

Zwischendrin immer wieder Veduten von New Yorks Skyline und seiner Straßenschluchten, gerne auch mit Drohne. Happy-Romantic-Melo-Drama-LastMinute-MigrantenLovestory.

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Irrwege eines Einsamen.

Urfin wohnt allein außerhalb von Munchkin. Er ist ein Eigenbrödler. Er glaubt, er sei niemandem wichtig. Deshalb sprießen sein Herrschaftsallüren ins Kraut. Das ist doch schon mal eine klare Beschreibung eines Potentaten (der Film stammt aus Russland).

Urfin sieht die Menschen in der Stadt feiern; kräftig russische Folklore. Dann entdeckt er, dass die Asche von einem Unkraut, das vor seinem Haus wächst, tote Materie zum Leben erwecken kann: einen Holzsoldaten zum lebendigen Soldaten, einen Holzkasperl zu einem lebendigen Kasperl, sogar seinen Bärenteppich zu einem echten Bären.

Urfin entdeckt Machtmittel. Die will er in seinem Frust gegen die Stadt einsetzen. Er bringt eine selbst geschnitzte Holzarmee zum Leben, lässt die Soldaten in militantem Stechschritt gegen Munckin marschieren, erobert die Stadt.

Das kann so nicht stehen bleiben in der Geschichte von Fyodor Dmitirev und Darin Shmidt nach Vladimir Toropchin. Die Autoren kapern jetzt einen Hollywoodstoff, Der Zauberer von Oz. Sie holen dessen Hauptfigur Dorothy aus Kansas. Mittels silberner Schuhe kann sie sich nach Munchkin beamen. Ihre Begleiter aus dem amerikanischen Stoff, den Blechmann (der jetzt Zinnmann heißt), den Strohmann und den Löwen, die im amerikanischen Vorbild ihre Fantasiefiguren aus dem Hof in Kansas sind, bringt sie auch gleich ein zur Rettung des russischen Lebens vor russisch einsamen Potentaten auf abenteuerlichen Wegen von Gefangenschaft, Verfolgung, Täuschung, Burgstürmung und als Merkur dient eine Krähe, die wichtige Mitteilungen zur Förderung von Frieden oder Konflikten herumtragen kann.

Ein Oger macht die Befreiung von Munchkin zusätzlich schwierig, wegen seinem Menschen- und Hundehunger, denn er fängt Dorothy und ihren Hund Toto.

Das Schöne an der Sache: am Schluss ist der Potentat geläutert, auch wenn er vorher noch eine furchtbare Vernichtunsmaschine geschaffen hat, er kapiert, dass es mindestens eine Menschin gibt, die ihn wahrnimmt.

Gegenüber amerikanischen Märchenanimationen kommt mir diese russische deftiger, praller, physisch konkreter vor, aber nichtsdestoweniger fantasievoll, Fantasie, die sich öfter aus Konsequenzen der Mechanik von Vorgängen ergibt. Insofern typisch, dass die Hauptfigur ein erdgebundener Schreiner ist (Urfin) und nicht ein verträumtes Mädchen auf einem Hof in Kansas.

Die deutsche Synchro passt dazu und ist zumindest nicht routiniert. Der Film scheint für den Weltmarkt produziert, denn Schriftzüge im Film sind Englisch und die Original-Sprecher ebenfalls.

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Sex am 15. des Monats,

so treffend und kurz fasst Hafsteinn Gunnar Sigurdsson, der mit Huldar Breiffjord auch das Drehbuch geschrieben hat, festgefahrene, eheliche Verhältisse in Wohnblocks und Reihenhäusern in Island zusammen. Und da das Leben sich trotzdem seine Bahn sucht, liefert es Stoff für wunderbar lakonisch, humorvolles, nordisches Erzählen.

Es fängt mit einem Knaller an und nimmt anschließend Nachbarschaftsleben unter die Lupe und als ob es sich am Erzählen selbst berauscht, findet es moritatenhaft besoffen zu einem schauderlichen Ende.

Den ersten Sprengsatz in die sedierten Verhältnisse liefert gleich zu Beginn Atli (Steintór Hroar Steintórsson). Er holt sich zuhause zu einem Video auf seinem Computer einen runter. Darauf ist er zu sehen, wie er mit Agnes (Lára Jóhanna Jónsdóttir) in einem Hotel in Barcelona sexuell zu Gange ist.

Seine Frau Inga (Edda Björgvinsdóttir) hat das Töchterchen zu Bett gebracht und entdeckt ihn bei diesem Fremdgehen. Er muss sich sofort eine neue Bleibe suchen. Das nutzt der Film zu einem Schwenk zu seinem Elternhaus. Der Baum aus dem Titel des Filmes steht in deren Reihenhausgarten.

Dieser titelgebende Baum ist ein Baum des Anstoßes. Er nimmt den Nachbarn die Sonne weg. Die „Fahrradschlampe“, wie Atlis Mutter die junge, neue Frau des Nachbarn tituliert, kann sich auf der Terrasse so keine Sonnenbräune mehr holen; dass sie schwanger ist von dem alten Knacker, ist ein weiteres Apercu für die Beliebtheit beim altgedienten Ehepaar, das die Eltern von Atli darstellen.

Der Nachbarsstreit, der zu einem Krieg ausartet, entzündet sich schon bei der anfänglich höflichen Bitte der Nachbarn, den Baum doch etwas zu stutzen. Es wird ein Krieg, in dem Gartenzwerge, Hundekacke, der Wolfshund Askur, die Katze von Atlis Eltern, zerstochene Reifen, eine Kettensäge, ein Zelt und eine Überwachungskamera eine Rolle spielen werden.

Parallel dazu läuft der Sorgerechtskrieg zwischen Atli und seiner Frau.

Sigurdsson hat eine lockere Erzählart mit Begeisterung für die Menschen und ihre Engstirnigkeit, was er mit pragmatischer und praktischer Kamera ganz ohne Getue einfängt und quicklebendig montiert. Nordisch Flow. Schade, dass die Lieder vom Männerchor, in welchem Atlis Vater singt, nicht mit deutschen Untertiteln versehen sind. In diesen Liedern hört man die ewigen Wellen des Meeres an die Küste Islands anbranden.

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Mutterschlund.

Die Abgründe einer Mutter-Sohn-Beziehung oder eine mögliche Paranoia in der Folge von Mutterschaft schildert Lee Cronin, der mit Stephen Shields auch das Drehbuch geschrieben hat, in einem gediegenen Mix aus Realismus, sanften Horrorbildern und -effekten mit einer Musik, die mehr abstrakt die ständig dräuende Gefahr von Bodenlosigkeit und Identitätsverlust wie Gefährdung des Besitzverhältnisses („Du bist nicht mein Sohn“) ausmalt.

Dabei spielt das Narrative eine Nebenrolle, wird allenfalls genutzt zur Begründung von Sarahs (Seána Kerslake) abgelegener Wohnlage in einem Wald mit ihrem Sohn Chris (James Quinn Markey), damit der Film die beiden wie bei einem wissenschaftlichen Experiment isolieren und beobachten kann oder als Hinweis auf den Bildungsgrad von Sarah (sie wollte studieren, hat das aber für ihr Kind aufgegeben; das erfährt man in einer Freundesrunde).

Sarah selbst möchte, dass Chris in der Schule Freunde findet; sie selbst erkundigt sich bei einer Freundin, die in der Stadt einen Laden hat, dort zu arbeiten, um der Waldeinsamkeit zu entfliehen. Aber diese hält sie wie gefangen; lässt ihre Mutterängste und Angstträume förmlich ins Bodenlose wachsen.

Dem Wahn verleiht die alte Nachbarin Noreen (Kati Outinen) Schub, die bis ins hohe Alter den Verlust ihres Sohnes im Schulalter nicht verdaut hat. Ihr furchtbarer Tod bringt ein paar Menschen zur Beerdigung zusammen; kann aber die Auswüchse der Mutterängste von Sarah nicht bändigen, gegen die sie schon Tabletten nimmt, ganz im Gegenteil.

Der Film ist voll schöner Symboliken vom Ablaufstrudel einer Dusche bis zum sich bildenden Krater in einem Waldstück, von der Spinne, vor der Chris Angst hat (bis er sie isst), von der Tapete, die weggekratzt und erneuert wird, von der singenden Rasselbande oder auch einer Kamera, die sich einmal verblüffend auf den Kopf stellt und so die Waldlandschaft mit der Straße dreht. Oder gar: von der Schizophrenie von Mutterschaft?

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Vorbemerkung: der Filmtitel hat nichts mit der in die Weltprominenz hochgeschwemmten nordischen Klimagöttin zu tun: verführt aber dazu, diese unterm Huppert-Aspekt dieses Filmes zu betrachten – ein zusätzlicher Reiz.

Den Leinwandgöttinnen ins Stammbuch.

Das dürfte das größte Vergnügen von Isabelle Huppert gewesen sein, in diesem Film von Neil Jordan (Drehbuch zusammen mit Ray Wright) den protoypischen amerikanischen Leinwandvamp, den klassischen Hollywood-Leinwandgöttinen eins auszwischen mit dem Untertext: so viel Vamp kann ich noch lange, so tief kriege ich meine Stimme auch und mein Gesicht kann ich dank moderner Schminktechniken richtig geliftet aussehen lassen. Und zeigen, welch garstig Weib, welche Verbrecherin hinter so einer Visage stecken kann.

Jordan kommt ohne Umwege zur Sache. Die Huppert als Greta lässt eine elegante Damenhandtasche in der U-Bahn stehen und marschiert von dannen. Eine junge Frau, Frances (Chloé Grace Moretz) ahnt nicht, dass die Tasche mit Absicht stehen gelassen worden ist.

Frances wohnt mit ihrer Freundin Erica (Maika Monroe) zusammen. Es ist auch ein Film mit und über schöne Frauen.

Gegen den Rat von Erika will Frances die Tasche zurückbringen. Damit ist sie in den Fängen von Greta gelandet. Es ist ein Film darüber, unter Beibeziehung des am Ende schalkhaften Genres von Horror oder Moritat, wie ein Mensch in eine Abhängigkeit hineinrutschen kann und wie andererseits ein anderer Mensch sucht, das Vakuum der Einsamkeit mit einem anderen Menschen verfügender- oder besitzenderweise zu füllen, sowie über Menschen, die einem abhanden kommen.

Selbst wie Frances dahinter kommt, dass das mit der Tasche Methode hat, kann sie sich nicht mehr befreien und sinkt immer tiefer in die Abhängigkeit hinein.

Chopin ist das kulturelle Deckmäntelchen. Und die Ängste, aus einer Sache nicht mehr rauszukommen, werden konkret bildlich dargestellt.

Ein Horrorfilm der leichteren Sorte, der mit Unterstreichungen und Ausrufezeichen arbeitet, der das Genre nicht neu erfindet, nur lustvoll es zum einmaligen Gebrauch fachmännisch einsetzt. Anfangs täuscht der Film über seine wahre Absicht hinweg, er kommt erst wie eine ganz ordentlich-ordinäre Literaturverfilmung daher.

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Zur Relation von Sensationsjournalismus und christlicher Botschaft.

Das hat mir dieser Film von Roxann Dawson nach dem Drehbuch von Grant Nieporte klar gemacht, wie nah sich Sensationsjournalismus und die christliche Botschaft von Wundern oder gar der Auferstehung sind.

Hier geht es um eine Auferstehung zumindest nach einem Nahtod von John (Marcel Ruiz). Er begibt sich am 15. Januar 2015 mit zwei Kumpels auf die Fläche eines zugefrorenen Sees. Der Film ist nach einer wahren Geschichte. Die Eisdecke scheint dick. Plötzlich brechen sie ein.

Der Film erzählt nun im Minutenrealismus, wie lange John unter Wasser bleibt, wie die Kette der Information über den Unfall die Rettung in Gang setzt, wie Polizei, Feuerwehr, Notdienst eintreffen, im Stil eines Aktualitätenjournalismus, eines Sensationsjournalismus.

Und wo schlagen Wunder üblicherweise ein? Sicher nicht in New York, sicher nicht in L.A., irgendwo in der Provinz, in Missouri, genauer in Wentzville, irgendwo im Kaff, das war schon im Alten Testament nicht anders.

Das Wunder wird nicht sein, dass das Opfer nach allen Regeln der ärztlichen Kunst erstversorgt und ins Krankenhaus verfrachtet wird, auch nicht, dass die ärztliche Kunst dem Patienten keine langes Überleben mehr gibt. Auch die exakten Details wieso, weshalb und was alles kaputt sei, ist leichtes Futter für den Sensationsjournalismus, das kreiert Glaubwürdigkeit.

Nein, das Wunder passiert später, das Wunder passiert, wenn der Berg von Adoptivmutter von John, Joyce Smith (Chrissy Metz), mit einer Leibesfülle, die Mitleid obligatorisch macht, am Spitalbett von John erst die Füße massiert und dann betet.

Und plötzlich piepst eine schon totgeglaubte Maschine wieder. Ein Wunder braucht immer auch Zeugen, die es bestätigen und es verbreiten. In den sozialen Netzwerken wird zum Beten für John aufgerufen, das Fernsehen berichtet life vor Ort, Hunderte von Menschen sammeln sich vor dem Krankenhaus, singen und halten Kerzen in die Luft. Eine ganze Gemeinde leidet mit. Auch das ist ein Need des Sensationsjournalismus, unter den Lesern Compassion, Mitleiden und ein Wir-Gefühl zu erzeugen. All das hilft.

Schon zwei Wochen später kann der moderne Pfarrer der Gemeinde, Jason (Topher Grace), die ganze Familie vor versammelter Gemeinde interviewen zu dem Wunder, das ja eben ein Wunder ist, weil die Schulmedizin sich da nicht auskennt, was Empathie, Gedankenkraft, vielleicht auch Überlebenswillen des Opfers alles erreichen kann.

So wie der Film diese Wundergeschichte erzählt, wirkt er allerdings, als ob die Leinwand zur Kirche wird, zum Promotionskanal der christlichen Botschaft. Dawson betreibt die Emotionalisierung des Kinos im Sinne der Religion.

Die Geschichte, die in echt passiert sein soll, die Originaldarsteller sind im Abspann im Bild zu sehen, wird hier filmisch ausgeschmückt mit Szenen aus der Schule und vom Basketball. Zwischen Pfarrer und Adoptivmutter wird erst eine Unversöhnlichkeit behauptet, die durch den Gang der Dinge zu einem glücklichen Ende findet. Und der Pfarrer predigt gegen die TV-Serien-Sucht an.

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