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Kommentar zu den Reviews vom 9. September 2021

Kino, allemal aufregender als der laue Wahlkampf und Vorsicht: das Platzangebot ist coronabedingt immer noch maximal reduziert, was zwangsläufig zu mehr ausverkauften Vorstellungen führt: also zeitig die Karten sichern für einen abenteuerlich wilden Mix aus Filmen: einem deutschen Politthriller, dessen Täter teilweise noch in Amt und Würden sind, Krieg aufs Härteste, passend zum Afghanistandesaster, eher lockere Introspektion ehemaliger österreichischer Weltverbesserer, eine ewig junge Band aus Amerika, den Film zum Nachmittagstee aus Frankreich, übelste Rückbleibsel aus Nazideutschland, Pilze zum Highwerden, ein biederer Amerikaner trottet durch Marseille, vorbildliche Pädagogen von da und dort und die Deutschen versuchen im Schwimmbassin lustig zu sein. Im Fernsehen gab es einen ansatzweise bissigen Film zum Balkan, einen um Originalität und Einmaligkeit sichtlich bemühten Polizeiruf und trashig-blutiges Gottesstaatsfootage.

Kino

CURVEBALL
Der brisante, deutsche Politfilm des Jahres

THE PAINTED BIRD
Wie eine Fortschreibung von KOMM UND SIEH

WAREN EINMAL REVOLUZZER
Die Wiener können schon mal drüber lachen, dass ihr einstiges Revoluzzertum zu Spießigkeit mutiert ist.

FREAKSCENE – THE STORY OF DINOSAUR JR.
Sie haben zwar nicht als Juniors angefangen, sind es aber heute mehr denn je.

DER ROSENGARTEN VON MADAME VERNET
Es geht doch nichts über ein feines Stück Geschichte mit Rosenduft und einer Rose aus Marzipan obendrauf.

FREISTAAT MITTELPUNKT
Rekonstruktion des Schicksals eines von den Nazis Zwangssterilisierten.

FANTASTISCHE PILZE – DIE MAGISCHE WELT ZU UNSEREN FÜSSEN
Es geht vor allem um Pilze, die bewusstseinserweiternde Gifte produzieren.

STILLWATER – GEGEN JEDEN VERDACHT
Matt Damon drückt Südfrankreich seinen amerikanischen Bieder-Stempel auf.

TEACHERS FOR LIFE – LERNEN AUS VERBUNDENHEIT
Positive Lehrerporträts

BECKENRAND SHERIFF
Gremienkompatible deutsche Komödie

TV

KILL ME TODAY, TOMORROW I’M SICK
Failed Nation Building auf dem Balkan

POLIZEIRUF 110 – BIS MITTERNACHT
Wenn das SZ-Filmfeuilleton BR-Fernsehdrehbücher schreibt …

VERLORENE SEELEN – DIE KINDER DES IS
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk macht es sich bildzeitungsbequem mit diesem Sensationsfootage.

Waren einmal Revoluzzer

DNA-Austria

In Deutschland wäre so ein Film, wie dieser von Johanna Moder, kaum denkbar, in dem sich die intellektuelle Elite so selbstironisch und unterhaltsam auf die Schippe nimmt.

Das hängt wohl mit dem sogenannten Wiener Schmäh zusammen, den man separat untersuchen müsste und vielleicht auch damit, dass in Österreich, wie in Frankreich, die Hauptstadt auch das intellektuell-künstlerische Zentrum ist, während in Deutschland die Filmproduktion sich in x Länderförderungen verästelt, jeder Landesfürst ein kleiner Hollywoodproduzent, was natürlich nicht gelingen kann, was schon in die Drehbucharbeit miteinfließt, die Texte und Themen müssen gremien- und meist auch TV-kompatibel sein, was zu massiven Witz- und Substanzverlusten führt.

In Wien ist es die mittlere Generation von Intellektuellen, von Gebildeten, die mit Weltveränderungsambitionen ins Leben gestartet sind und nach einigen Jährchen in Berufs-, Ehe- und Familienleben so manchen Abrieb erfahren haben; es wird ein 40. Geburtstag gefeiert.

Der Fall, der Weltoffenheit und Toleranz auf den Prüfstand und die inzwischen eingerichtete Komfortzone in Frage stellt, ist folgender: Helene (Julia Jentsch) ist Richterin. Sie ist mit Jakob (Manuel Rubey) zusammen, der gerade eine Ruhephase braucht, um seine kreative Schwäche zu überwinden, um wieder Songs komponieren zu können (schön, wie er seine Ideen an einer Wäscheleine aufhängt). Die beiden Töchterchen haben Jakob und Helen bei den Großeltern untergebracht.

Helen bittet den befreundeten Volker (Marcel Mohab), ein verschlossenes Couvert an jemanden in Moskau zu überbringen, da Volker dort oft geschäftlich zugange ist. Volker ist mit Tina zusammen. In Moskau kommt es zu einer höchst konspirativen Übergabe des Couverts an den abgetauchten Pavel (Tambet Tuisk).

Die Folge ist ein urchristliches Problem, was die Christenheit sich jede Weihnachten wieder erzählt: die Suche nach einer Herberge. Denn Volker hat aus eigener Initiative Pavel samt Frau Eugenia (Lena Troonina) und Kleinkind zur Ausreise aus Russland verholfen. Da Eugenia offenbar international zur Fahndung ausgeschrieben ist, haben die beiden befreundeten Paare ihr Problem mit deren Unterbringung.

Dieses Problem wird zum Lackmustest ihres ehemals propagierten Revoluzzertums, ihres Idealismus und beschert dem Film jede Menge kuriose, für den Zuschauer köstliche Situationen; wobei auch jeder sich an der eigenen Nase nehmen dürfte und sich fragen, wie würde ich reagieren, wenn plötzlich hilfesuchende Menschen vor meiner Tür stehen. Josef Hader hat einen Auftritt als Vater von Volker und Autor eines sinnstiftenden Buches.

The Painted Bird

Der Film von Vaclav Marhoul nach dem Roman von Jerzy Kosinksi erinnert stark an Komm und Sieh. Coming-of-Age-Odyssee eines verwaisten Jungen durch die Wirren eines Krieges, hier spezifiziert an einem jüdischen Schicksal.

Es ist Joska (Petr Kotlar) der kaum ein Wort spricht, von dem behauptet wird, er sei ein jüdischer Junge, der diesen Kreuzweg in die erwachsene Menschenwelt geht, der mit den abgründigsten Abgründen menschlichen/unmenschlichen Verhaltens konfrontiert wird. Der aber immer auch wieder gute Menschen trifft, die ihm helfen. Über den ganze Film spricht er kaum ein Wort. Er wird Symbol des stummen Zeugen einer Menschheit, die Zivilisation noch lernen muss, falls überhaupt. Auf dem Klavier kann Joska „Pour Elise“ spielen!

Der Film ist angelegt als Stationenweg, ist ein Schwarz-Weiß-Bilderbogen in dieser edlen Art, die zuerst die Schönheit sieht der Natur, die Idylle, auch das Pittoreske an Armut. Die Kapitel sind mit den Namen von Akteuren überschrieben MARTA, OLGA, MÜLLER, LEKH und LUDMILA, HANS, PREISTER & GARBOS, LABINA, MITKA, NIKODEMUS UND JOSKA. Bis die Menschen sich zeigen, wie sie sind, wenn sie sich wie Gott fühlen, wie Herren der Natur, stärker als die anderen, sich überlegen fühlen und glauben, mit dem anderen Menschen tun und lassen zu können, was immer sie wollen von Mord, Vergewaltigung, Plünderung, Folter.

An einer Stelle ist der Protagonist stummer Zeuge und Beiwohner eines Heckenschützen, der ihn lehrt, dass es so gehe, Auge um Auge und Zahn um Zahn. Hier soll er lernen was ein Kommunist ist und wird in eine Uniform gesteckt. Hier hat er sein sexuelles Erwachen bereits hinter sich gebracht, hier ist er bereits selber brutal geworden, erschlägt von hinterrücks einen alten Mann, raubt dessen Kleider, alles Dinge, die er selber auf seinem Weg schon beobachtet und gelernt hat.

Der Titel bezieht sich auf einen freundlichen Mann, einen Vogelhändler. Der färbt einige Federn eines seiner Vögel und lässt ihn zu einem Vogelschwarm fliegen, der ihn wegen der Farbmarkierung massakriert. Von solchem Vogelmarkieren war im Zusammenhang mit der Auswilderung des Bartgeiers in den bayerischen Alpen zu lesen. Auch diese Vögel werden in die Wildnis entlassen. Allerdings sind sie Aasfresser, vor allem Knochenfresser.

Filme, die sich an Armut, Schwarz-Weiß-Idylle, Grausamkeit und gepeinigter Jugend delektieren und das als hohe Kunst pflegen. Uneingeholtes Vorbild: KOMM UND SIEH. Die gebannt sind von den Grausamkeiten, zu denen der Mensch fähig ist – im krassen Gegensatz zu der unglaublich schönen Natur, die in Schwarz-Weiß noch bestechender wirkt, ob Sonne, Regen oder Sturm, ob Tag oder Nacht. Der Mensch, geworfen auf eine Erde, auf der es leider auch noch andere Menschen gibt. Aber es gibt auch immer wieder gute Menschen, das gehört zum Genre.

Die Menschheit hier ist krude, sieht oft aus wie ein Opernchor, ist in Lumpen und Dreck; lebt armselig in Hütten; erinnert an das Urchristentum, das sich in den Katakomben von Rom versteckt hielt; ist ein Gegenbild zur zivilisatorisch-städtischen Gesellschaft; ist abergläubisch, verfolgt Außenseiter und Andersdenkende; inosfern ist sie auch wieder nicht allzu weit von der modernen städtischen Gesellschaft, von der hochzivilisiserten IT-Gesellschaft entfernt, in der Rassimsus, Antisemitismus, Homophobie Furore machen in Form von denunziatorischen Shitstorms.

Verständlich, dass ein Fim, der sich so auf die menschlich-archaische Ebene begibt, als nicht jugendfrei gekennzeichnet ist.

So ein Film geht von genereller Traumatisierung der Menschen aus; die diese weitergibt, Erbtraumatisierung gewissermaßen.

Vielleicht könnte man auch von einer Art Wandgemälde-Kino sprechen.

Wobei die Gruppeninszenierungen, Gruppenvergewaltigungen, Gruppen-Lynch-Geschichten oft etwas Operchorhaftes haben, also auf die Kunststufe erhoben werden; was sie erträglich macht; der Symbolgehalt für die dunklen menschlichen Eigenschaften. Und im Hintergrund tobt der Krieg.

Nicht als Anklagefilm zu verstehen, viel mehr als ein Film, der fassungslos darüber ist, wozu die Menschen fähige sind: zu allem. Und das ihm Rahmen eines schauderhaften, odyssehaften, irrsinnigen Coming-of -Age beinah durch eine Enzyklopädie der Grausamkeiten und Scheusslichkeiten.

Stillwater – Gegen jeden Verdacht

Moralisches Kino

Die Stärke des Schauspielers Matt Damon liegt darin, das zeigt dieser Film von Tom McCarthy (Win Win, Spotlight), der mit Marcus Hinchey und Thomas Bidegain auch das Drehbuch geschrieben hat, einem Film unerbittlich seinen Stempel aufzudrücken.

Dieser Stempel scheint den Traum vom einfachen, amerikanischen Bürger mit dem untrüglichen Rechtsgefühl zu symbolisieren; und wenn da was schief läuft, dann darf er selbstverständlich zur Selbstjustiz greifen.

Dieser amerikanische Traum könnte inspiriert sein von Schillers Figur des Wilhlem Tell, nicht nur, dass bei ihm die Axt im Haus den Zimmermann erspart (hier gibt es eine Handwerksbude im Keller eines Mietshauses in Marseille; also recht exotisch für einen biederen Amerikaner), sondern auch der Selbstjustizgedanke ist beim schwäbischen Dichter schon angelegt; dafür hält Tell beim Apfelschuss den zweiten Pfeil im Köcher bereit.

Die Amis treiben das weiter. Hier weist Damon gleich einen ganzen Clan aus Marseille in seine Schranken. Wohlverstanden, er, der hier einen ganz einfachen Bauarbeiter spielt. Seine Tochter Allison (Abigail Breslin) sitzt in der südfranzösischen Metropole wegen angeblichen Mordes seit 5 Jahren im Gefängnis.

Allison hat eine neue Spur und da die Offiziellen nicht kooperieren wollen, geht Damon auf eigene Faust auf Verbrecherjagd. Erst muss er den Typen Akim (Idir Azougli) finden, um eine DNA zu erhaschen. Damit könnte ein schmieriger Detektiv, der Zugang zu den Datenbanken der Polizei hat, den wahren Täter identifizieren.

Ein Drehbuch- oder Hotelzufall verschafft Bill, wie Matt Damon hier heißt, die Bekanntschaft zur Schauspielerin Virginie (Camille Cottin), die mit ihrem süßen Töchterchen Maya (Idir Azougli) allein lebt: RomCom ik hör Dir trapsen.

Die Musik versucht mit allen Mitteln und Volumina dem doch sehr beschaulichen Erzählgang, der sich offenbar mit dem Rollenideal der Biederkeit identizifiert, auf die Sprünge zu helfen. Aber Damons Erzählgaul will und will nicht in eine schnellere Gangart als den beschaulichen Trott wechseln; so passiert auch kaum Unerwartetes; man sieht die Dinge kommen; was durchaus eine Qualität ist.

Als lebensweisheitliches Einsprengsel wird der Unterschied zwischen Akzeptanz einerseits und Hoffnung andererseits als Beschreibung der Situation des Gefangenen angeführt.

Verwirrend ist die deutsche Synchro; einerseits heißt es, Bill (Matt Damon) spreche kein französisch; so wird manchmal die deutsche Synchro mit französischem Akzent gesprochen, manchmal nicht, manchmal unterhält sich Bill ganz normal mit Franzosen und im nächsten Moment heißt es wieder, er verstehe nicht oder er werde nicht verstanden.

In einer Theaterprobe von Virginie gibt ihr der Regisseur die Anweisung, sie müsse sich an den Rhythmus des Lichtes halten; Rhythmus des Lichtes, nie gehört. Zu diesem Begriff ein paar Suchmaschinen-Resultate: touchofart, pro-4, fanfiktion, nd-aktuell.

Freakscene – The Story of Dinosaur Jr.

Poesiealbum

zugeneigt aus Empathie zur Musikregion von Rock, Pop, Grunge, Punkrock, in welchem die Gruppe Dinsosaur Jr. verortet wird, versehen mit nervösen Spielereien der Montage von Farben, Bild, Überblendungen erzählt Philipp Reichenheim die Geschichte der Gruppe Dinosaur Jr., die bereits über 30 Jahre unterwegs sind.

Die Geschichte der Gruppe fing holprig in den 80ern in Boston an. Es spricht für die Jungs, dass sie das Musikmachen und nicht der kommerzielle Erfolg interessiert hat mit Auftritten, die oft dazu führen, dass es die einzigen bei einem Veranstalter bleiben sollten, mit einer Desaster Tour, die schon nach wenigen Tagen mit einem kaputten Bus endet, mit Langeweile in Hotelzimmern oder auch in Boston, so dass der Umzug nach New York erfolgte.

Der Film nimmt eine beinah familiäre Betrachtungshaltung ein; der Filmemacher selbst scheint vertraut mit den Musikern, an einer Stelle wird er liebevoll Phili genannt. Er interessiert sich für die menschlichen Zusammenhänge in der Gruppe, die Dynamiken unter den Männern, die über die Musik kommunizieren, mit der übrigen Art des Umgangs durchaus Mühe haben können; diese Betrachtung nähert sich in Momenten einer Familienaufstellung,

Und auch später ist der Stellenwert der Gruppe für die Musiker unterschiedlich, J. und Lou haben eigene Familien, während Murph allein lebt; für den spielen die Touren eine wichtige Rolle als Familienersatz; dieser erzählt auch von seinen Drogenproblemen und weshalb er davon losgekommen ist.

Dagegen philosophiert der Sänger J., er selbst hätte nicht unbedingt das Bedürfnis, zu singen, aber das gehöre halt dazu, einer müsse es machen; ohne Singen hätte er es einfacher.

Zwischen all den Musikacts und Archivaufnahmen gibt es Talking Heads, die mit ihren Statements eine spannende Nahaufnahme dieser Band ergeben; deren Namensgebung eine eigene Anekdote ist: sie haben herausgefunden, dass es bereits eine Band namens Dinosaur gab, also wurde kurzerhand die Abkürzung für ‚junior‘, Jr., angefügt – und so bleiben sie denn, auch wenn sie über 50 sind, immer noch erfrischende Junioren.

Fantastische Pilze – die magische welt zu unseren Füßen

Massen von überwältigenden Aufnahmen von allerlei Pilzen, die im Zeitraffer im Huium ihre Hälse recken und die Schirme aufspannen, auch jede Menge psychodelisches Footage, dazu nicht knapp Talking Heads, berufene Münder, Wissenschaftler, Grenzwissenschaftler, Autoren, Autodidakten mit enormen Infoquantitäten; zum Mitschreiben wäre es defitiv zu viel, all dies Backgroundwissen, all dies historische Wissen, all dies medizinische Wissen.

Dabei gibt es Überschneidungen fast wie Copy und Paste mit dem Film Aware speziell mit dem Wissenschaftler von der John Hopkins Universität in Baltimore, der seit Jahren Tests mit dem Pilzgift Psilobycin macht an hunderten von Patienten, die anschließend von bewusstseinserweiternden Wirkungen berichten.

Der Film von Louie Schwarztberg nach dem Drehbuch von Mark Monroe ist eine Melange aus wissenschaftlichem Zugang zum Thema Pilze, ihrer Geschichte, ihrer Wichtigkeit in der Naturgeschichte, ihrer Wirkung beim Vermodern des Waldes und der Gifte, die der Mensch teils als Droge verwendet, bis hin zur heilsgeschichtlichen Botschaft, dass Gemeinschaft das A und das O auch für die Menschheitsentwicklung und ein Überlebensgebot sei, so wie Pilze und ihre Netzwerke es vorlebten.

Aus der Materialmenge könnte aber aus dem Film auch eine geschickte Werbebotschaft für das Buch eines Autodidakten herausgelesen werden, der ein erfolgreicher Selbstvermarkter und Verbreiter der Botschaft der Pilze zu sein scheint. Botschaft auch hinsichtlich Krebsbekämpfung: der Autodidakt hatte seiner schwer brustkrebskranken Mutter ein Pilzgift verabreicht: vom Krebs ist nichts mehr zu sehen, aber die Mutter kann er Jahre später noch in einer typisch amerikanisch gefühlvollen Show umarmen.

Show ist villeicht auch das richtige Wort für diesen Film, eine gewaltige Show über die Pilzwelt mit heilsgeschichtlicher Botschaft und Buchpromotions-Absicht.

Es ist die Rede von Zersetzung, Verdauung des Waldes, die CO2-Absorption, Wiedergeburt, transzendentales Bewusstsein, Weltverbesserung und Change, intelligentes Netzwerken und dass Pilze sich nicht als Blickfänger attraktiv machen müssen im Gegensatz zu Pflanzen. Vielleicht auch eine flankierende Maßnahme zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit psychodelischen Drogen, die in den USA erst 1999 wieder aufgenommen worden sei.

Der Rosengarten von Madame Vernet

Nachmittagsteekino

nach dem Rezept schöner, eher nicht wahrer Geschichten, da würde sich die Realität doch zu sehr sträuben dagegen.

Eine Geschichte zum uralten und wohl ewigen Gegensatz von Kreativität einerseits und Geschäftstüchtigkeit/Kapitalismus andererseits.

Madame Vernet (Catherine Frot) führt seit dem Tod ihres Vaters dessen Rosenzüchterei mit der treuen Mitarbeiterin Vera (Olivia Côte). Der Betrieb ist das Ein und Alles der beiden unverheirateten Damen. Sonst haben sie nichts außer dem kreativen Genie von Madame Vernet in Bezug auf Rosenzucht.

Das Geschäft läuft schlecht, die beiden Damen sind hoch verschuldet, stehen vor der Insolvenz. Der Inhaber des kapitalistischen Groß-, ja praktisch Monopolbetriebes in der Rosenzüchterei, Lamarzelle (Vincent Dedienne), möchte Madame Vernets Geschäft kaufen und sie anstellen und sich somit auch ihre Gaben zunutze machen. Für Vernet kommt das nicht in Frage.

Vera organisiert als billige Hilfen aus einem Resozialisierungsprogramm Fred (Manel Foulgoc), Samir (Fatsah Bouyahmde) und Nadège (Marie Petiot). Vorgestellt wird das als ein Projekt der Aussichtslosigkeit, kein Wunder, bei diesen Lebensläufen.

Hier greift die Methode des „se debrouiller“, sich durchwurschteln, auch wenn das gesetzeskonform nicht möglich ist, was immer angenehm verdaulich bleibt, da es letztlich darum geht, Probleme und Problemchen zu bewältigen und Lösungen zu finden außerhalb der Konventionalität. Dies geschieht nicht ganz ohne Erfolg, aber dann doch auch wieder ohne Erfolg.

Dabei gibt es schöne Rosen zu sehen und auch dies und das über die Rosenzucht zu erfahren, über das Okulieren und dass es eine Sensation werden könnte, die bestens gehütete Wichuraiana mit Léon zu mischen, damit müsste der Concours de Bagatelle zu gewinnen sein.

Zudem entdeckt Madame Vernet bei Fred, dass er eine ‚Nase‘ für Parfüms habe (siehe den Film über das Parfüm). Er ist auch die Hauptperson eines Nebenhandlungsstranges, sein Verhältnis zu seinen Eltern. Und wie sich doch nicht alles auf ein glückliches Ende hin zuspitzt, erfinden die Drehbuchautoren Fadette Drouard, Blandine Jet und Philippe Le Guay wie einsten Brecht den reitenden Boten des Königs, hier eine rettende Mischung aus Rosen (samt Nesquick-Geschmack), um Frau Vernet und ihre Angestellten vorm Ruin zu retten, um den Zuschauer nicht zu frustieren, sondern glücklich aus dem Kinosaal zu entlassen. Er weiß ja, dass es sich hier um eine Geschichte handelt nach einem bewährten Rezept und dass er nicht die Realität daran zu messen braucht.

Beckenrand Sheriff

Narr am Hofe der Subvention

Marcus H. Rosenmüller ist ein Narr am Hofe der Subvention. Hof der Subvention meint hier alles, was in Deutschland öffentliches Geld für Film ausgeben kann. Die Empfänger müssen daher, da es meist mehrerer Geldgeber bedarf, gremienkompatibel sein.

Rosenmüller erfüllt diese vornehmste Voraussetzungen, er ist gremienkompatibel, denn oft entscheiden viele Könige über ein Projekt. Rosenmüller eckt nicht an und es tut sich immer was in seinen Filmen. Egal, ob Milan Peschel ganz furchtbar outriert als der Bademeister, der als fauler Running Gag immer darauf besteht, dass er Schwimmeister und nicht Bademeister genannt wird, bis der Gag sich totgelaufen hat.

Egal ob Schauspieler ganz unterschiedliche Leistungen erbringen, irgendwas tut sich in Rosenmüllers Filmen immer, ob man es gut findet, versteht oder nicht, ob lustig oder nicht, egal ob das Storytelling stringent ist oder nicht. Egal, ob er allenfalls selber unter Pseudonym wie Marcus Pfeiffer (was hier möglichweise der Fall so ist) das Drehbuch selber schnell zusammenschustert und sich so die Autorengage auch noch einstreicht.

Hauptsache, es werden im Buch ein paar aktuelle Themen gestreift und mit nicht allzu viel Biss gezeigt: Schließung eines Schwimmbades, um einem Immobilienhai den Bau von Häusern zu ermöglichen oder das Thema der Abschiebung. Es scheint vor allem um den Spaß am Dreh zu gehen.

Peschel bemüht sich, etwas zu spielen, was er ganz offensichtlich nicht ist, was einem platten Klischee entspricht. Seine charakterlichen Probleme sind seine spießige Genauigkeit; aber dazu grimassiert er viel zu viel. Es kommt nicht glaubwürdig rüber, wenn er hinterm Tor des Schwimmbades steht und vor dem Tor wartet die erste Kundin und er wartet bis punkt Stundenschlag, bis er öffnet. Das wird ausgewalzt. Da Pinkeligkeit eines Schwimmeisters nicht abendfüllend ist, – oh das Buch ist so notleidend, ist das mal wieder keiner der fördernden Institutionen aufgefallen? – bekommt er einen Asylsuchenden als Hilfe. Siehe weiter unten: Suli.

Es gibt immer Schönes und Nettes zu sehen in den Rosenmüller-Filmen. Hier sind es Unterwasseraufnahmen, die zeigen, dass er seinen Spaß an Kinematographie nicht verloren hat.

Es gibt eindrückliche Schauspielerleistungen wie die von Suli (Dimitri Abold), der von der Abschiebung bedroht ist und bereits einen Schleuser für den Weg nach Kanada bezahlt hat. Er wird dem hysterischen Bademeister als Gehilfe vermittelt und dann als Nichtschwimmer für eine Wasserballmannschaft im Tor sein.

Egal ob der Slapstick bei Rosenmüller gut oder nicht so gut inszeniert ist, Hauptsache die Gremien merken, aha, Rosenmüller greift auch zu Slapstick. Und wenn der so schlecht inszeniert ist wie hier, wie auf dem Baugerüst mit den Farbeimern oder die Leute, die ständig ins Wasser fallen, dann freut das die Gremien womöglich, denn das garantiert, dass der Hofnarr im Lande und am Hofe bleibt, die Gremien lieben Verlässlichkeit und nicht das Risiko, dass einer mit einer brillanten Komödie womöglich an der Kinokasse durch die Decke geht, gar zu einem Shooting Star im Weltkino. Die Gremien dürfen beruhigt sein, bei so einem Film besteht keinerlei Gefahr, dass er zum unkontrollierbaren Hit wird.

Auch Sebastian Bezzel macht sich hier ganz passabel als Immobilienhai, er hat den Eberhofer auf kleine Flamme gedimmt und versucht nicht, das mit irgendwas zu kompensieren; wobei er trotzdem eher wie ein Beamte wirkt. Auch seine Tochter, gespielt von Sarah Mahita, kommt prima als die Schwimmerin mit dem Dummy im Zimmer. Auch das ist egal, dass dieser Dummy am Schluss plötzlich eine dramaturgische Funktion übernimmt, auf die nichs hindeutete, dass er auf dem Beifahrersitz von Bezzel Platz nimmt und einen Monolog hält. Durch nichts begründet, weil es einfach lustig sein soll, ohne tieferen Sinn, ohne Hintersinn, ganz ohne Esprit und Witz. Im Gegensatz zu den Film-Einkäufern aus dem Ausland sind mit solchen Einfällen die Gremien glücklich zu machen.

Gisela Schneeberger ist vieles, sie ist eine gute Schauspielerin, sie ist gremienkompatibel und ihr kann man auch unmögliche Kostüme anziehen, sie verliert ihre Würde als Gemeindechefin nicht.

Vollends zufrieden sein dürften die Gremien mit der Musik, die tut so, als müsse sie den Wahlkkampf der Union anpeitschen. Sie tut genervt, egal aus welchen Gründen auch immer, weil ihr vielleicht die begrenzte Wirksamkeit des Filmes schwant?

Bei Johanna Wokalek erschöpfen sich bald schon die immer gleichen Auftritte als überzeugende Wasserball-Trainerin, aber dem Buch ist da auch nichts besonderes eingefallen.

Eher unverschämt wirkt es, den Film mit einem Tucholsky-Zitat anzufangen, dass Freundschaft wie Heimat sei; aber von Buch und Regie her nicht eine Freundschaft ausgearbeitet ist; angedacht vielleicht zwischen Suli und der Schwimmerin. Auch die Episode mit dem Bürgerbegehren wird nur oberflächlich erzählt. Unfertiges Produkt zum Versenden bei den öffentlich-rechtlichen zu nachtschlafener Stunde.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Verlorene Seelen – Die Kinder des IS (BR, Mittwoch, 8. September 2021, 22.45 Uhr)

55 Minuten Horror-Sensations-Footage

Misshandlungen, Heckenschützen, Leichen, brennende Ölquellen, Qualm, Ruinen, Kinder, die aussehen wie alte Männer, Geständnisse, Horrorberichte, was Kinder alles haben mitansehen müssen, Schießereien, ein Zehnjähriger, der sich als Märtyrer in zwei Teile sprengt, Tote auf Straßen, unkenntlich gemachte Zeugen und Opfer, IS-Propagandafilm, Flüchtlingselend, Schläferzellen, Selbstmordattentat zwischen Panzern, Gerangel um Essenspakete, Triumph bei Eroberung Mossuls, kranke, verkrüppelte Menschen, Isolation im IS-Lager, nur noch Kinder, Frauen, Witwen, die mies von den IS-Leute behandelt werden, Horror aus Kindermund, Mord- und Rachegedanken Zehnjähriger.

Ideologien können nur mit Ideologien bekämpft werden, heißt es.

Als öffentlich-rechtlicher Sender, der gerade vom Bundesverfassungsgericht die Unabhängigkeit attestiert bekommen hat im Rahmen der Klage zur Durchsetzung der Zwangsgebührenerhöhung, könnte der BR diese Unabhängigkeit nutzen, um zu so einem Horror-Footage-Streifen Umgebungsarbeit zu leisten.

Man könnte fragen, wie es überhaupt zu diesem IS-Staat kam und was das mit dem Irak-Krieg zu tun hat. Und wie es zum Irak-Krieg kam. Und da muss die Frage schnell nach Deutschland zurückgeführt werden; eine vornehme Aufgabe für einen unbedingt unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Da müsste der BR auf den Film CURVEBALL (der morgen ins Kino kommt) verweisen und darauf, dass bis jetzt wohl noch keiner der darin namentlich erwähnten Politiker öffentlich Widerspruch gegen den Film erhoben habe. Die Spur führt bis ins höchste Amt des Landes.

Die weltöffentliche Begründung für den Start des Irakkrieges durch die Amis beruhte auf einem Beweis auf einem Blatt Papier, das der damalige US-Außenminister Powell vor der UNO-Vollversammlung präsentierte und damit den Eintritt in den Krieg rechtfertigte. Das Papier war vom deutschen Geheimdienst beschafft worden. Zu dem Zeitpunkt wussten aber der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder, der deutsche Außenminister Fischer, der in der UN-Vollversammlung anwesend war, sowie Kanzleramtsschef Frank Walter Steinmeier bereits, dass der Beweis ein Fake war von einem Iraker, der in Deutschland Asyl suchte.

Alle drei Herren schwiegen zu der TV-wirksamen Begründung für den Irakkrieg, obwohl sie es besser wussten. Hätte einer von ihnen den Mut gehabt, die Amis vor der UN-Vollversammlung davon in Kenntnis zu setzen, wäre der Irak-Krieg womöglich nicht begonnen worden mit all den grauenhaften Folgen bis hin zum IS, wie hier in vielen Gräuelvarianten gezeigt und erzählt.

Konkret an die zuständigen Redakteure des unabhängigen BR, Frau Sonja Scheider, Herr Matthias Leybrand und Herr Carlos Gerstenbauer: woran liegt es, dass es zu so einer kleinen Umgebungsarbeit, die demokratisch sinn- und wertvoll wäre bei einem vollkommen unabhängigen Sender nicht kommt, warum nur à la Bildzeitung die Sensation fett bringen? Meine Damen und meine Herren, Sie sind unabhängig, das hat der Bundesverfassungsgericht unmissverständlich festgestellt und deshalb der Erhöhung des Zwangsbeitrages zugestimmt. Nutzen Sie diese Unabhängigkeit demokratieselbstkritisch! Nutzen Sie sie, denn das ist die vornehmste Aufgabe Ihres Arbeitgebers und damit von Ihnen!

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!