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Capernaum heißt das Lager, in welchem der Protagonist Zain (Zain al Rafeea) aufwächst in diesem Film von Nadine Labaki unter Drehbuchmitwirkung von Jihad Hojelly, Michelle Keserwany und Khaled Mozzanar.

Die Unerträglichkeit seiner Lebensumstände, die eine legitime Existenz sowie anständige Bildung und Erziehung ausschließen, veranlassen Zain dazu, seine Eltern vor Gericht dafür zu verklagen, dass sie ihn in diese chaotische Welt hinein gesetzt haben.

Das ist ein dramaturgischer Kunstgriff der Filmemacherin, durch den der Bub Sätze sagt, die er so garantiert nicht sagen würde, die es aber gleichzeitig ermöglichen, ein präzises Abbild der Lebensumstände in einem Flüchtlingslager in Beirut filmisch zu zeigen.

Zains Zuhause ist eine Hütte, in der seine Eltern und jede Menge Geschwister aller Altersstufen dicht gedrängt hausen und schlafen; das Kleinste im Krabbelalter wird mit einer Kette am Fuß vom Davonkrabbeln abgehalten.

Sie verdienen sich ein Geld mit der Herstellung eines besonderen Tomatensaftes. Schwester Sara erlebt gerade ihre erste Blutung und der kleiner Zain unterstützt sie dabei, das zu verheimlichen und zu vertuschen, denn sobald sie geschlechtsreif ist, soll sie verheiratet werden.

Die Sache geht ungut aus. Zain findet ein neues Zuhause bei der ebenfalls illegalen Äthiopierin Rahil (Yordanos Shiferaw), die den Säugling Yonas hat, den sie verstecken muss. Wenn sie als Toilettenfrau arbeitet, bunkert sie ihn in einem Toilettenabteil, von dem sie den Kunden gegenüber behauptet, es sei defekt. Oder sie arbeitet in einem Lebensmittelbetrieb, kann aber schauen, wo ihr Geld bleibt, da auch der Chef weiß, dass sie nicht klagen kann, weil sie illegal ist.

Sie spart sich Geld, in der Hoffnung gefälschte Papier kaufen zu können. Und Zain spielt das Kindermädchen für den Säugling, versucht diesen zu füttern. Das ist die eher niedliche Phase des Filmes.

Wie Rahil nicht mehr zurückkehrt von der Arbeit, weil sei bei einer Razzia auffliegt und im Gefängnis landet, kümmert sich Zain wie ein kleiner Tramp um Yonas; da geht Armut in malerische Poesie über, wenn er den Kleinen in einem großen Topf, den er auf einem Brett mit Rädern befestigt hat und drum herum allerlei Töpfe, die er verkaufen will, loszieht durchs Lager.

Der Film ist semidokumentarisch insofern, als Labaki die Darsteller bei einem Streetcasting im Lager gefunden und dort auch gedreht hat und somit einen schockierenden Einblick in dieses Lagerleben gibt.

Wenn Zain im Jugendknast Rouieh ist, dann endlich öffnet sich der Blick aus den engen Gassen auf Beirut und das Mittelmeer und dann kommt die Erinnerung an die Dokumentation Taste of Cement.

Der Film will auf diese Lebensbedingungen aufmerksam machen und dass jeder Mensch ein Recht auf ein anständiges Leben hat.

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Mit der Lektüre des Wikipedia-Eintrages Bavaria Film erfährt man deutlich mehr, als in der hier zu besprechenden dreiviertelstündigen schnell-schnell Üblich-Doku in einem Mix aus Archiv-Footage und Statements (Buch und Regie: Katharina Schicking unter der Aufsicht von Zwangsgebührentreuhänder Armin Kratzert (BR), Ute Hoffrath (SWR), Monika Phol (WDR).

Handgelenk-mal-Pi-Doku mit Highlight-Hopping bei geistigem Dünnfluss. Nicht als spannende Geschichte, die es zweifellos ist, erzählt. Es ist ein billiges Durchhüpfen durch die Chronik.

Figuren tauchen auf, von denen man sich wundert, dass sie noch existieren: Mario Adorf, Liselotte Pulver, Iris Berben, Senta Berger und Michael Verhoeven, was tun die heute noch bei diesen gloriosen Vergangenheiten, die sind doch nur noch Schatten ihrer eigenen Geschichte, vom Wind der Kinogeschichte ins Fernsehen oder ins Subventionskino verweht, die meisten zu Zwangsgebühren-Pfründenstars geworden (Mario Adorf hat offenbar als Bedingung gestellt, wenn er schon Statements abgibt, dann nur in Großaufnahme).

Spannend erzählt hieße, sich in die Situation des Studios hineinversetzen, denn das wusste oft nicht, wie und ob es weitergeht. Das wäre anstrengende Recherche- und Drehbucharbeit, die bei dem Sparzwang der Sender nicht entlohnt werden kann.

Also lieber Qualitätseinbußen hinnehmen, Hauptsache, die Sendegefässe werden gefüllt. Hier werden wie wahllos und ohne erkennbare, journalistische Recherche-Idee in anekdotischer Manier dies und das aus dem Fundus gezupft und kunterbunt Trophäen, mit denen Geiselgasteig sich schmückt, vorgeführt.

Dann gibt es noch einen Schnipsel aus dem wenig überzeugenden Remake des Filmes „das Boot“ – als Warnung zu verstehen.

Mit solchen hingeschluderten Dokus erweist sich das Zwangsgebührenfernsehen als optional. Und kein Wort über die Leute, die nach der nationalsozialistischen Machtergreifung das Land verlassen haben, über den künstlerischen Aderlass.

BR-Intendant und ARD-Sprecher Ulrich Wilhelm beweist mit solch qualitativ schwachen, verzichtbaren Sendungen bei gleichzeitiger Forderung nach Erhöhung der unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte erhobenen Rundfunkzwangsgebühr lediglich, dass er der falsche Mann auf dem überaus großzügig vergüteten (jawohl, der mit dem Bundeskanzlerinnengehalt!) Intendantenposten ist.

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2 mal aus den US: das Rückfallproblem beim Drogenentzug und eine modische Neuauflage eines Repertoir-Helden. Einmal Nahost meditativ. Aus Frankreich ein Lese- und Fortpflanzungsproblem. 3 mal aus Deutschland: Rübermachen noch vor dem Fall der Mauer, vom Einbrecher zum Sanitäter und ein Komponist, der hinter vielen deutschen Erfolgsschlagern steht. Im TV wurde ein Promipaar auf dem unfreiwillig komischen Fuß erwischt.

Kino
BEN IS BACK
Julia Roberts mit der Herz-Blut-Geschichte vom verlorenen Sohn.

ROBIN HOOD
für Hipsters.

MEIN LIEBSTER STOFF – MON TISSU PREFERE
Treppenhausgeschichten vor dem beginnenden Aufstand in Syrien.

DAS MÄDCHEN, DAS LESEN KONNTE
Frankreich. Krieg. Ein Dorf ohne Männer. Ein Mädchen, das lesen kann.

ADAM UND EVELYN
Eine spontane DDR-Fluchtgeschichte.

KALTE FÜSSE
Eine weniger spontane Einbruchsgeschichte.

MEINE WELT IST DIE MUSIK – DER KOMPONIST CHRISTIAN BRUHN
Er produzierte einen Hit nach dem anderen, würde sich aber lieber über Arno Schmidt unterhalten.

TV
LEBENSLINIEN: DIE UDES – EIN UNMÖGLICHES PAAR
Für solche von sich eingenommenen Promis, die lesen können, ist das Entäußern von Privatem wie die Quadratur des Kreises.

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Repertoire-Kino für den saisonalen Gebrauch mit Anpeilung eines Zielpublikums wie H&M beispielsweise: junge Hipster, alles nicht zu ernst nehmen, trendy sein, eine lockere Sprache sprechen und nicht zu verbissen, Schmunzelmöglichkeit lassend und dabei die Story nach anfänglicher Einstimmung mit Romantic-Love und jeder Menge Pfeil- und Bogen-Action, die den Orient so glaubwürdig herstellt, wie er in eine Schaufensterauslage passen würde, nicht historische Stimmigkeit interessiert, das Anschnipsen der Ideen, und dann das Drehbuch solide entwickelt.

Der Held Lord Robin of Laxley (Tagerton Egerton) als netter junger Mann, romantisch veranlagt, könnte Werbung für jedes Rasierwasser oder jeden Fetzen von Trendtextilien machen. Er verliebt sich in die makellose Schönheit Marian (Eve Hewson) – auch sie könnte eine Schaufenster- oder Modewerbungsschönheit sein.

Dann Siegel auf eine Order. Ab in den Kreuzzug heißt es für den Lord. Renommierte Kritiker mögen da bereits aus dem Kinosaal geflüchtet sein, bei der Quasi-Belanglosigkeit und der Ehrgeizlosigkeit der Performance (lediglich Spaß um des Spaßes an der unbedarften Erzählerei willen).

Der junge Lord wird mitten in den Kämpfen Zeuge einer brutalen Ungerechtigkeit. Little John (eine lockere Übersetzung seines arabischen Namens; Jamie Foxx) wird Zeuge, wie sein Sohn gezielt getötet wird. Robin wird dafür, dass er sich gegen die Ungerechtigkeit ausspricht, zurück in die Heimat geschickt.

Zurück in der Heimat in Nottingham, hat der Sheriff (Ben Mendelsohn) die Macht an sich gerissen; – es sind einige Jahre ins Land gegangen, seit Robin auf Kreuzzug geschickte wurde. Robin ist inzwischen für tot erklärt worden.

Marian ist mit Will (Jamie Dornan) zusammen. Die beiden agieren im Untergrund zusammen mit Bruder Tuck (Tim Minchin) gegen die Ausbeutung der Leute von Nottingham, die alle in die Minen vertrieben worden sind.

Little John und Robin finden zusammen, spannen zusammen. Erst coacht John, dessen einer Arm nur noch ein Stumpf ist, Robin zum exzellenten Bogenschützen. Erst geht es darum, der korrupten Obrigkeit das Geld zu stehlen. Im Laufe dieser Aktionen stoßen Robin und seine Mitstreiter darauf, wie korrupt der Sheriff mit der Kirche zusammenarbeitet und wie die sogar das eigene Land an die Araber ausliefern. Unwillkürlich denkt man an Saudi Arabien – und wie der Westen jetzt halbherzig auf die offenkundig von höchster Stelle dort befohlene Tötung des Kritikers Kashoggi reagiert. Wie der falsche Respekt vor dem Geld bis tief in die Hirne unserer Politiker hinein festsitzt.

So ganz weit weg ist dieser Streifen von Otto Bathurst nach dem Drehbuh von Ben Chandler und David James Kelly gar nicht von unserer heutigen Realität. Nur, dass der Widerstand nicht mehr mit Pfeil und Bogen passiert.

Die deutsche Routine-Synchro ist von der Attitüde des Filmes her genau angemessen, auch wenn sie für denjenigen, der Originalfassungen vorzieht, anfangs extrem gewöhnungsbedürftig ist. Die Blockbuster-Monumentalmusik wirkt wie ein Modeartikel, genauso wie die Wackelkamera bei den Kämpfen, die Dramatik insinuieren soll. Gute Stimmungsmacher sind die häufig flammenden Verpuffungen über ganz Nottingham verteilt. Immer im Sinne einer attraktiven Schaufensterdekoration. Der Fun der Macher in Telling exactly this story ist nicht in Abrede zu stellen, wobei sie auch größzügig sich bei den Computertricks bedienen (auch wieder im Sinne der Schaufensterdekoration).

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Er hat alles.

Seine Welt ist die Musik und da hat er alles: Erfolg, Frauen, Kinder, eine Villa mit Swimming-Pool und dem eigenen Tonstudio, Millionen, Handwerk, Talent, Kenntnis, Gefühl, Originalgemälde berühmter Impressionisten, Lebens- und Schaffensfreude noch im hohen Alter: Christian Bruhn.

Lieber hätte er Jazz gemacht oder sich über den Heidedichter Arno Schmidt unterhalten. Damit war kein Geld zu verdienen. Abgesehen davon, dass die leicht Muse einem Ondit gemäß das Schwerste ist, der Schlager, der Gassenhauer, den Millionen nachträllern und mitsingen und das womöglich noch nach Jahrzehnten, wie es mit manchen Titeln des nicht schubladisierbaren Komponisten Christian Bruhn passiert.

Von Bruhn stammt Marmor Stein und Eisen bricht oder „Ein bisschen Spaß muss sein“. Er hat für Mireille Mathieu geschrieben, für Katja Ebstein, für Conny und Roberto Blanco.

Marie Reich stellt dieses Musikgenie in ihrer freundlichen Dokumentation als einen bescheidenen Mann vor, der einen Fiat kaum größer als eine Handtasche oder in Österreich zweiter Klasse Bahn fährt, als Bahn- und Ordnungsfreak, als einen, der überall im Haus – wie humorige, subalterne Bürolisten es gerne tun – Sprüche an Wänden und Türen hängen hat („Der Chef als Krankheitserreger“, „Ich Chef, Du Nix“) oder, der Merkzettel auf den Boden legt, wann eine Besorgung zu machen sei, der aber auch gegen ein immer wieder sich ausbreitendes Chaos im Arbeitszimmer kämpft.

Als einen der begeistert einen Techno-Remix eines Schlagers von ihm selbst zuhören kann. Der überhaupt lieber aus Begeisterung arbeitet als aus Zwang. Er sieht sich als einer, der nicht in die Klatschspalten oder auf die Roten Teppiche muss, der lieber gepfiffen als erkannt wird.

Das ist wiederum vielleicht der Schwachpunkt dieser vereinnahmenden Doku, die auch kameratechnisch mehr will und erreicht als eine durchschnittliche TV-Doku und deshalb ins Kino passt, dsas er zwar in seiner Musik, überaus effektbewusst ist, nicht aber darin, sich selbst showmäßig zu präsentieren. Das hat zur Folge, dass der Film das Gefühl vermittelt, knappe anderthalb Stunden mit einem sehr zufriedenen, glücklichen Menschen verbracht zu haben. Immerhin. Es gibt Unangenehmeres.

Andererseits kann der Film ein Missing Link in der öffentlichen Wahrnehmung von bekannten Melodien herstellen – für den, der es noch nicht wusste.

Im Film kommen Musiker, Komponisten, DJs, Musikproduzenten, ein Sohn, Ex-Ehefrauen zu Wort, die diesen Eindruck bestärken. Interessant vielleicht auch, dass er ein Schulversager und dass der Vater nie mit ihm zufrieden war, auch wie der Erfolg mit den Schlagern sich einstellte und dass er die Musik als etwas den Frauen ebenbürtig Erotisches sieht, wobei die Beziehung zur Musik deutlich konstanter ist, vielleicht eben doch prioritär zu sehen.

Eine andere Seite von ihm: er war auch musikpolitisch, zumindest was die Verwertung an den Rechten betrifft, aktiv, jahrelang als Vorstandsvorsitzender der GEMA und das im Sinne aller Musiker.

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Eine feinsinnige Meditation zum Thema Frau, Mann, Liebe, Aufstand in Damaskus im März 2011 von Gaya Jiji in Drehbuchzusammenarbeit mit Zoé Galeron und Eiji Yamazaki.

Das Beklemmende des Filmes machst sein brutaler historischer Hintergrund aus, der Beginn der Aufstände in Damaskus, der Beginn des grauenhaften Krieges, in welchem ein despotischer Diktator sein Land mit allen Mitteln zerstört und Millionen Menschen in Tod und Vertreibung schickt mit Erschütterungen bis Deutschland mit den anströmenden Flüchtlingen.

Dabei sind es eher Treppenhausgeschichten. Nahla wohnt mit zwei Schwestern und ihrer Mutter in einem großstädtischen Wohnblock. Sie arbeitet als Textilverkäuferin in einem kleinen Modeladen. Sie träumt von ihrem Traummann (Metin Adülger). Im Traum ist die Liebe leicht.

Real kommt Salem (Wissam Fares) in die Familie, um sich eine Frau zu suchen. Er ist ausgewandert. Die Heirat mit ihm könnte den Weg in ein anderes Land bedeuten. Erst interessiert er sich für Nahla. Die aber ist bockig, eigenwillig, unhöflich, direkt. Sie vergrämt den potentiellen Brautwerber („Dein Leben ist öd und langweilig“). So kommt er wieder und interessiert sich jetzt für die ältere Schwester Myriam (Mariah Tannoury).

Zwei Etagen über der Familie sind neue Leute eingezogen. Nahla fühlt sich merkwürdig angezogen, sucht unter Vorwänden den Kontakt. Die Madame hat zwar einen kleinen Buben, aber auch einige Mädchen arbeiten bei ihr, ein diskretes Bordell.

Nahla mietet ein Zimmer für sich, gibt sich darin den Fantsien mit ihrem Traummann hin.

Die dritte Schwester Line (Nathalie Issa) ist burschikos. Sie wäre lieber als Junge zur Welt gekommen.

Gaya Jiji erzählt verhalten, in unaufdringlicihen Bildern. Sie lässt die politische Entwicklung im Hintergrund oder über Nachrichten einfließen. Später gibt es Archiv-Footage von Straßenkämpfen, Verhaftungen und Bombardierungen.

Der Film stellt die Frage nach dem Sinn von solch kriegerischen Auseinandersetzungen, dem Leben und der Liebe. Er stellt sie eher fassungslos angesichts der Realität sowohl der Männer als auch der politischen Lage. Aber wissen die Frauen, sie spielen die großen Rollen, was sie wollen und wie eine bessere Welt auszusehen hätte?

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Die Absicht von Regisseur Wolfgang Groos scheint es gewesen zu sein, nach dem Drehbuch von Christof Ritter eine ordentliche Geschichte zu erzählen. Das ist ihm durchaus gelungen. Auch hat er versucht, frisch zu bleiben, auch das ist ihm gelungen.

Groos hat schon viele Kinderfilme gedreh: Robbie Tobt und das Fliewatuet, Rico Oskar und das Herzgebreche, Die Vampirschwestern 2: Fledermäuse im Bauch, Systemfehler, wenn Inge tanzt.

Es ist die Geschichte von Denis (Emilio Sakraya, der in seiner Rolle so wunderbar unterorganisiert wirkt). Er lebt in Neuperlach und macht Kleinganovenzeugs. Wegen Schulden soll er in Österreich für seine Kredit- und Auftraggeber einen sicheren Bruch in die abgelegene Villa des superreichen Raimund (Heiner Lauterbach) machen. Der liege im Spital, habe sein Personal nach Hause geschickt.

Denis, der in Neuperlach bei einer vifen Mutter mit zwei kleinen Geschwistern wohnt: dieses Familienleben versucht Groos mit amerikanischer Verve zu inszenieren. Die Ganoven fahren Denis zu dem verschneiten Anwesen im nahen Österreich.

Denis findet den schlaganfallgelähmten Hausherren auf dem Boden liegend vor. Bald taucht dessen Nichte Charlotte (Sonja Gerhardt) auf. Ihre Mutter hat sie geschickt. Obwohl sie zehn Jahre keinen Kontakt mehr mit dem Opa gehabt haben, soll jemand auf ihn aufpassen, da der Pfleger erst am Tag drauf komme.

Sie überrascht Denis. Diese erste Begegnung verschenkt Groos inszenatorisch. Charlotte ist merkwürdigerwesie auf einer Polizeischule, das ist doch gegen die Lebenserfahrung, dass Abkömmlinge von Superreichen die Polizeischule machen, das ist doch eher ein Beruf für soziale Aufsteiger, also hier fehlt die Plausibilität und es fehlt die Begründung dafür. Nach aller Lebenserfahrung müsste sie intuitiv annehmen, dass Denis der Pfleger ist, der doch zu früh gekommen ist. Sie würde verbissen an ihrem Vorurteil festhalten. Altbekannter Mechanismus, immer wieder leinwandwirkungsvoll. Nicht so bei Groos, weder altbekannt noch wirkungsvoll.

Hier findet eine große Unsicherheit der beiden statt, gegen die Komödienmechanik, aber auch weltfremd, insofern unlustig. Vielleicht konnte sich Groos nicht so richtig entscheiden, ob er eine Komödie drehen will, was aber sonst?
Wenn er realistisch geblieben wäre, dann hätte er Denis ein Kanackendeutsch sprechen lassen; der aber spricht so sauber wie trainiert und die Polizeirekrutin hat sprachfarblich nichts, was auf diese Milieu schließen ließe. Hier fehlt es an Charakterisierungen.

Jedenfalls spielt der Einbrecher Denis – seine Kumpane haben ihm, weil das österreichische Polizeiauto sich dem Anwesen näherte, im Haus sitzen lassen und sind abgehauen – notgedrungen die Pflegerrolle. Das führt zu sogenannt komischen Situationen und Regie und Ensemble bemühen sich, diese auch lustig aussehen zu lassen. Wie Denis Raimund erst statt ihn zu waschen und duschen, einsprayt und wie der Gestank doch heftiger wird, entkommt er der Duschszene nicht.

Einmal ist Denis in ein Zimmer eingesperrt, weil Raimund bei aller Sprachlosigkeit den Wolfshund auf ihn gehetzt hat. Er muss pinkeltn, tut dies zum Fenster raus mit Sichtkontakt zu Charlotte in einem anderen Zimmer; das ergibt einen Eiszapfen mit dem Aroma Natursekt, der auch einer Verwendung zugeführt werden wird. Ok, ist schon sehr breit für einen sehr schmalen Gag erzählt.

Heiner Lauterbach macht es sich – aus Freundlichkeit dem Team und dem Buch gegenüber? – zu einfach. Er ist sprachgelähmt. Stößt kommentierende Laute aus in der Begegnung mit Charlotte und Denis – die später – natürlich – ein Liebespaar werden, auch das nicht ganz so zwingend – statt dass er wirklich versucht „Ja“ oder „Nein“ oder einen kleinen Satz zu sagen, versucht er aus Prinzip unklare Laute hervorzubringen. Das ist für die Spannung und den Unterhaltungswert nicht hilfreich.

Vielleicht meinen sie es hier einfach alle zu nett miteinander, den Förderern und dem Publikum gegenüber, dass sich mir die Frage stellt, wer will denn diesen Film anschauen, was will er uns erzählen, genauso wie das Casting gut gemeint ist. Es fehlt das gewisse Etwas. Dass wir einer deutschen Komödienbemühung zusehen dürfen, die viele nette Ansätze hat, die sich aber nicht traut zu knallen, fast mehr wie eine Schulaufführung unter den Auspizien ders Elternbeirates und der Lehrerschaft. Denn den Culture Clash wie Fuck U Göhte ihn sich getraut hat, das trauen sie sich nicht, den verwischen sie direkt. So dass der Kritiker sich in die Position des wohlwollenden Opas gedrängt sieht, der schon glücklich ist, wenn im deutschen Kino wenigstens der Ansatz einer ordentlichen Story und ein gewisses Vergnügen im Umsetzen da ist.

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Die Geschichte vom verlorenen Sohn.

Mit viel Herzblut, bewunderungswürdigem Einsatz und mit brillantem schauspielerischem Können erzählen Julia Roberts als Holly Burns und Lucas Hedges als ihr Sohn Ben diese moderne Variante einer biblischen Geschichte. Auch mit dem emphatischen Engagement, dass der Sohn zurückgewonnen werden kann.

Der Film von Peter Hedges (Das wundersame Leben des Timothy Green) ist emotional durchgetaktet. Wie eine zweite Zündstufe für die dramatische Entwicklung setzt Hedges einen gezielten Vorwurf des spröden Stiefvaters von Ben (Lucas Hedges) Neal (Courtney B. Vance), ein, der den fast gefundenen Frieden mit diesem hochgradig gefährdet. Mit Neal hat Holly noch zwei schulpflichtige Kinder.

Ben ist drogenabhängig geworden. Er ist auf Entzug. Seit 77 Tagen sei er clean.

Das erinnert an den Film von Philipp von Groeningen „Beautiful Boy“, der sich auf eine cleane, stilistische Übung kapriziert. Beide Mal wird aber gut herausgearbeitet und dramaturgisch effektvoll damit gespielt, dass der Entzug von Drogen immer von Rückfällen bedroht ist.

Bei Hedges geht das Emotionale vor. Das ist eine Rolle für Julia Roberts, die strahlt, die für ihren Buben kämpft – und wenn es sein muss, lügt und lügt. Sie lügt ihren Mann an, sie lügt ihre Tochter Ivy (Kathry Newton) an, wenn sie mit Ben eine nächtliche Tour auf den Spuren seines Drogenlebens absolviert, auf der Suche nach dem allerliebsten Hund, der an Weihnachten verschwunden ist.

Denn es hat sich in dem kleinen Ostküstenort schnell herumgesprochen, dass Ben zurück sei – und es gibt noch offene Rechnungen. Dabei wollte Holly ihren Sohn, denn er hätte gar nicht dableiben dürfen, die 24 Stunden, die sie ihn bei sich aufnahm, nicht eine Sekunde aus den Auge lassen; sie bestimmt strenge Regeln. Selbst beim Pinkeln für den Drogentest steht sie im Bad neben ihm. Zu recht, denn er selbst gesteht ihr, dass er sie nur anlügen würde. Ein verspäteter Weihnachtsfilm, ein Botschaftsfilm.

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Rudimentäre filmkünstlerische Ansätze.

Hier sind rudimentäre filmkünstlerische Ansätze zu betrachten. Mehr Wollen denn Können, mehr Bemühung denn Souveränität.

Regisseur Andreas Goldstein hat das Drehbuch mit seiner Kamerafrau (die auch den Schnitt besorgte) das Drehbuch nach dem Roman von Ingo Schulze geschrieben. Es ist dies eine Knapp-vor-der-Wende-Geschichte.

Es ist die Geschichte vom Schneider Adam und der Kellnerlehrfachkraft Evelyn. Nachdem in der Tschechoslowakei viele DDR-Flüchtlinge in der deutschen Botschaft Zuflucht gefunden haben und die Öffnung der Grenzen in der Luft liegt, planen die beiden spontan eine Urlaubsreise in Richtung Bratislava mit einem blitzblankblauen DDR-Auto. Sie quartieren sich bei Leuten ein, die sie von früher kennen und fahren spontan nach Österreich.

Der Film macht von dort noch einen Sprung nach Hamburg zu den Amtsformalitäten von Evelyn, die rückwirkend versuchen, einige bislang vorenthaltene Infos in den Film zu tragen.

Die Geschichte des Zusammenbruchs der DDR wird immer wieder, zu üppig dosiert, über das Radio oder das Fernsehen aus dem Off eingeblendet.

Adam schneidert Kleider für Frauen und fotografiert sie. Die Kunstbemühung der Macher zeigt sich nicht nur darin, dass die Kamerafrau der Kamera größtmögliche Statik verordnet, meist in der Halbnahen, sie zeigt sich vom Filmanfang an, der lange ein Schwarzbild ist und die Konzentration auf die Tonspur lenkt. Dass es sich um idyllische Landatmosphäre handelt, lässt Vogelgezwitscher erahnen.

Die zeitliche Einordnung kommt da schon aus dem Radio, bis endlich die Datsche auf dem Land sichtbar wird mit ausgewählten Naturimpressionen und das Schildkrötenmotiv, das überstrapaziert wird, hat auch seinen ersten Auftritt.

Auf Kunstbemühung lässt auch die erste Szene mit minimaler Handlung schließen. Ein schwarz-weiß Foto ist im Entwicklungsbad und allmählich wird eine nackte Frau erkennbar. Passend dazu ruft eine Frauenstimme: Adam. Aber das legt bereits eine falsche Fährte, lässt vermuten, dass Adam ein Fotograf ist. Er kommt beim Entwickeln ins Bild und ist ein interessanter Typ, dem man gerne zuschaut, so konzentriert er ist (Florian Teichtmeister).

Mit den Frauen wird es schnell kompliziert, zum Teil ähneln sie sich zu sehr. Er hat mit vielen zu tun, lässt sich bei der Kleideranprobe verführen, aber das sei ja nichts, redet er sich raus. Es gibt Knatsch zwischen ihm und Evelyn (das müsste Anne Kanis sein, aber die Info aus IMDb ist hundslausig).

Die Kunstbemühung des Filmes wird vor allem an zwei Dingen angenehm wie ebenso unangenehm deutlich, in der Dialogregie und in den Dialogen laut Drehbuch.

Die Dialogregie lässt nicht ausschließen, dass der Regisseur sich mit dem Regieführen von Fassbinder (oder dessen Vorbilder) beschäftigt hat: dieses tonlose Geradeaussprechen ohne jede Emotion, das kann Inhalte prima transportieren und lässt die Schauspieler auch als Textreproduzenten gut zur Geltung kommen, so dass sie auf emotionale Mimik verzichten können.

Gerade diese Qualität lässt jedoch drastisch die Minderqualität des Drehbuches zur Geltung kommen; es ist der Mangel jeglicher literarischer Qualität der Texte, der Mangel an Studium der Figuren und was für Sätze sie charakterisieren und somit Interesse erwecken könnten.

So bleiben sie doppelt blass: mit ihren Texten sagen sie nichts über sich aus, werden aber gleichzeitig ihrer darstellerischen Emotionalität beraubt. Insofern ist die Kunstbemühung umensunscht – oder glaubt irgendwer, dass der Film die Menschen ins Kino lockt? So jemand soll mir sagen, wieso.

Dialogbeispiele: Wenn Dir die Beeren schmecken, kannst ne ganze Kiste haben. Da ist Mona. // Ich dachte, Ihr seid beim Baden. Viel Spaß! Viel Spaß? Davon geht er aus, dass wir ihn haben sollten. Dass wir ihn haben. // Ich steh schon auf eigenen Füßen. Du hast schöne Füße. Charmeur. Gehen wir schwimmen? Der Charmeur wird Dich sicher begleiten.

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Den Titel als Leitmotiv für die Erkundung des ehemals populären Münchner OBs Christian Ude von München und seiner Frau Edith von Welser-Ude.

Matti Bauer hat unter der redaktionellen Obhut von Zwangsgebührentreuhänder Christian Baudissin das Paar vor die Kamera geholt und wollte wissen, was die beiden zusammenhält, denn der Titel behauptet, sie seien ein unmögliches Paar.

Ein Paar. Das Paar am Paar scheint allerdings gar nicht so unmöglich zu sein. Denn das zentral Verbindende, das bestätigt der Mann denn auf Nachfrage des Dokumentaristen auch, sei die Paarung; er sagt es nicht wörtlich so, meint aber eindeutig den Sex.

Der Sex (auch wenn das Wort nicht vorkommt), kann ein Paar ganz schön zusammenhalten. Auch wenn sonst vieles dagegen spricht. Hier die enorme intellektuelle Diskrepanz; sie ist ihm intellektuell in keiner Weise gewachsen.

Die unterschiedliche Sozialisierung, er nach dem Krieg geboren, sie hatte noch die Trümmer und Bombardierungen erlebt. Sie hatte einen strengen Vater. Er einen fördernden. Diese Differenzen stellt der Film allerdings nicht bewusst heraus, weil er offenbar sein Thema doch immer wieder aus den Augen verliert.

Andererseits versucht Bauer gewisse, chronische Fallen des Fernsehformates „Lebenslinien“ zu meiden. Indem er nicht ausgiebig und nicht explizit Werbung für Udes Bücher und seine Kabarettprogramme macht, diese werden gar nicht, jene nur pauschal erwähnt. Und auch ihre Fotogeschichten werden als Vergangenheit angeführt.

Allerdings bleibt dann nicht mehr viel übrig, wenn auf den üblichen Öffentlichkeitsbohei der beiden verzichtet werden soll; ganz ohne Schwabing und Mykonos und ganz ohne Katzen geht es dann aber doch nicht. Da offenbar der Sex das Paar zusammenhält und man den anständigerweise nicht zeigen will, bleibt somit nicht mehr viel und schon gar nichts Neues.

Seine Mission, OB von München zu werden, die hat er mehr als erfüllt und längst hinter sich. Jetzt wirkt er momentweise wie ein Schwabinger Spießer, wenn er über die Verdichtung im Viertel klagt, als ob er nichts damit zu tun habe, obwohl doch unter ihm als OB der soziale Wohnungsbau in München arg vernachlässigt wurde.

Ein anderes Problem, warum der Film so leer und dürftig scheint, das ist des Ex-OBs Sprechweise, déformation professionelle, immer alles deutlich aussprechen, so dass der hinterste in einer Versammlung das versteht. Das war ein Markenzeichen. Das ist wirkungsvoll für öffentliche Auftritte. In einer Dokumentation, die dem Paarungsverhalten eines solchen Subjektes auf den Grund gehen will, wirkt es allerdings unfreiwillig komisch, so, als ob er zu einem spontanen (auch erotischen) Satz, zu einer spontanen, persönlichen Äußerung überhaupt nicht fähig sei (das könnte skurrile Schrägfantasien zum Thema Paar in Gang setzen).

Als ob sein Glanz nur darin bestanden habe, in seiner Funktion im Zentrum zu sein, sozusagen durch seine Umgebung, seinen Hofstaat definiert zu werden. Wenn dieser nun wegfällt, so bleibt wenig übrig.

Die Schwäche an Matt Bauers Dokumentation ist allerdings, dass er diese Dinge nicht herausarbeitet und bis auf die eine Nachfrage nach dem, was sie zusammengehalten habe (sie hätten es heftig getan und dazwischen etwas Politik gemacht, meint der Ex-OB), nicht weiterbohrt. So entsteht eine Doku, die auf alles Vorzeigbare der Beiden verzichtet, was allerdings eh schon x-fach durch die Blätter- und Flimmerwelt gegangen ist, so dass nichts übrig bleibt, als das Bemühen, keine formatbedingten, bekannten Fehler zu machen.

Sie wollen, was löblich ist, nicht die x-fach bekannte Homestory nochmal in allen Farben wiederholen (tun sie dann doch mit der Biorepetition von ihr mit den sechs Kindern und der wilden Ehe mit einem jungen Rechtsanwalt). Andererseits zeigen sie, dass sie für eine andere Homestory, die Überraschenderes, Erstaunlicheres, Tiefgründigeres zu bieten hätte, zu festgefahren in ihrem eigenen Öffentlichkeitsbild von sich selbst gefangen sind. Die Komik ist in diesem Falle unfreiwillig.

Bei der ersten Szene im Rathaussaal, da passiert etwas zwischen den beiden. Sie behaupten, sich da überhaupt das erste Mal begegnet zu sein, mit unterschiedlichen Erinnerungen allerdings. Wenn Baur diesem knisternden Dokupfad hartnäckig und konsequent gefolgt wäre, vielleicht hätte er dann auch nicht abgedroschene Dinge zutage gefördert, mit einem lebendigeren, aus der Promireserve gelockten Ude, einem lebendigeren Paar des Zuschauers Geist gefesselt und nicht nur mit zwei müden Promilemuren.

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