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Chatliebe.

Im Roman von Daniel Glattauer geht es um die Chatliebe zwischen einem Linguisten und einer Pianistin. Durch einen blöden Zufall kommt der Mailkontakt zwischen beiden zustande. Die Pianistin lebt mit einem Dirigenten in einer eingeschlafenen Ehe. Der Linguist will sich von seiner Freundin, mit der er gar nicht erst zusammenwohnt, trennen.

Der Roman scheint voll zu sein von prima Beobachtungen über Beziehungen, scheint die Fantasien, die sich durch den Chatkontakt zwischen den beiden entwickeln, sensibel zu beschreiben und muss gut unterfüttert sein mit Bonmots zu den Themen.

Kürzlich lief im Kino So wie Du mich willst aus Frankreich mit einem ähnlichen Thema. Dort war Juliette Binoche die großartige Protagonistin, die sich unter falschem Account in einen jungen Mann verliebt und Liebesvariationen durchfächelt.

Im deutschen Kino hat jetzt Vanessa Jopp diesen Roman nach dem Drehbuch von Jane Ainscough verfilmt. Dabei fällt zum Vornherein das Spielerische aus Frankreich weg, denn Linguist Leo (Alexander Fehling) kommt unter seiner direkten Adresse in Kontakt mit Emmi (Nora Tschirner). Sie beschwert sich bei ihm, will ein Abo kündigen, weil seine Adresse mit der eines Verlages zum Verwechseln ähnlich ist. Da sich Emmi Rothner gleich mehrfach beschwert und der Linguist Lunte riecht, dass er es hier mit einer geistig beschlagenen Person zu tun hat, fängt er an, die Geschichte zum Laufen zu bringen (wobei bei den Klarnamen vermutlich beide schnell die volle Identität des anderen hätten recherchieren können).

Vanessa Jopp fängt den Film leichterhand und schwungvoll an. Das Drehbuch tut erst so, als sei Leo der Protagonist. Das füllt Alexander Fehling fantastisch aus, er ist ein Blickfang auf der Leinwand. Allerdings scheinen sich Ainscough und Jopp zu wenig getraut zu haben, sich cineastischer Kunstgriffe zu bedienen, um der Gefahr des Hörspiels, was dieser lange Chat-Dialog unweigerlich birgt, zu entgehen.

Im Gegenteil: Ainscough und Jopp laufen voll in die Hörspiel-Falle, was schnell zu einem Abfall der dramaturgischen Spannung führt. Ferner kann sich Ainscough nicht für eine Hauptperson entscheiden, das haben die Franzosen mit der Konzentration auf die Binoche deutlich klüger gelöst.

Hier wird plötzlich, wie Emmi auf der Leinwand und nicht nur auf der Tonspur erscheint, auch sie als eine Hauptfigur behandelt. Während der Handlungsfaden von Leo plötzlich wie abgebrochen wirkt. Er hat noch seine Auseinandersetzungen mit Marlena (Claudia Eisinger); über seine Schwester Adrienne (Ella Rumpf), die in einer lesbischen Beziehung steht, gibt es zudem Infos über seine Familie. Und die Mutter Vera (Eleonore Weisgerber) stirbt. Vater ist längst abgehauen.

Was fehlt, ist das Kino zum Hörspiel. Am häufigsten sitzen die Protagonisten vor dem PC oder dem Mobilphon, lesen Texte oder schreiben welche, oft lesen sie sie laut oder sie werden von ihnen aus dem Off auf die Tonspur aufgesprochen. Das ist so spannend wie ein Film aus einem Tonstudio.

Und dann unendlich viele Szenen, in welchen er oder sie auf eine Antwort wartet oder wie der Blitz nach dem Gerät greift oder es unbeachtet lässt. Hier fehlt der Wagemut, das Auge des Zuschauers, das mit Kinoerwartung kommt, mit Aufregendem zu beschäftigen, ohne selbstverständlich den beachtlichen Texten die Show zu stehlen. Ein arges Defizit. Immerhin gibt es Ausflüge ans Meer, so dass das unterbeschäftigte Kinoauge wenigstens ab und an ins Weite schweifen kann.

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Coming of Age an der Côte d‘ Azur.

In amerikanischen Filmen lassen die Kids beim Spring-Break die Pubertätssau raus. Hier im Film von Rebecca Zitowski, die mit Zahia Dehar und Teddy Lussi-Modeste auch das Drehbuch geschrieben hat, verbringt die 16-jährige Naima (Mina Farid) den Juni zuhause in Cannes. Aufatmen nach dem Schulabschluss. Etwas erleben. Keine konkreten Pläne hat sie. Sie ist eine junge Frau, die unschuldig und verantwortungsbewusst in die Welt schaut und nicht weiß, was diese ihr zu bieten hat, was sie sich da holen will.

Da taucht ihre Cousine Sofia (Zahia Dehar) aus Paris auf. Diese weiß sehr genau, was sie will. Zumindest verhält sie sich so. Sie behauptet, 22 zu sein. An ihr ist nichts mehr natürlich, wo die Schönheitsindustrie was einzusetzen hat, hat sie es bei ihr getan. Prall alles. Obwohl sie in manchen Momenten und bei bestimmtem Lichteinfall aussieht wie eine alte Frau, fast schon Mumie. Aber sie zieht ihre Freundin mit.

Sich ausstellen im Bikini an einer einsamen Bucht, vor der luxuriöse Yachten kreuzen. Sich finden lassen, sich attraktiv machen, verführerisch wirken und ja nicht den ersten Schritt tun. Auf der Luxusyacht „Winning Streak“, die auf der Isle of Man gemeldet ist, nähern sich die Jäger. Das Spiel beginnt. Und funktioniert. Zumindest für Sofia. So, dass die beiden Freundinnen shoppen gehen können und nur den Namen Montenero sagen brauchen.

Für Naima bleibt die Adabei- oder Zuschauerfunktion. Sie vernachlässigt sogar ihren kleinen, standesmäßig angemesseneren Freund Dodo (Lakdhar ‚Riley‘ Dridi). Dieser Sommerurlaub wird für sie zur Erfahrung Negationis im Sinne von: so doch nicht.

Bei einem Ausflug mit den reichen Yacht-Männern zu einer wohlhabenden Freundin will die geistreiche Gastgeberin von Haus Calypso das Flittchen testen mit Fragen zu Titeln von Marguerite Duras, und siehe da, Sofia ist beschlagen. Allerdings überrascht sie damit auch mich als Zuschauer, denn bis dahin hat sie konsequent die dümmlich dralle Blondine gespielt. Und bis dahin war ich der Meinung, eigentlich sollte man dumme Figuren nicht zu Protagonisten/innen machen. Dieser Bildungsanflug ergibt bei mir ein Problem, was ich nicht ganz lösen kann, wenn eine Frau so gebildet ist, wie kann sie sich dann so zur billigen Puppe aufbrezln?

Ansonsten bleibt eher die traurige Erkenntnis, dass der Schuster bei seinen Leisten bleiben soll, und dass wirtschaftliche Klassenunterschiede mithin unüberbrückbar bleiben. Insofern doch ein nachdenklich stimmender Film, der sich deutlich von der Masse der Coming-of-Age-Sommer-Filme abhebt.

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Familie als ein Dichteraum der Gefühle.

Der Tod ihrer Schwester Rina führt zu einer Verdichtung der Gefühle in Marcelas (Mercedes Morán) Familie. Sie lebt auf engem Raum mit ihrem Mann Jorge (Marcello Subiotto) und ihren fast schon erwachsenen Kindern Carla (Laura Lopez Moyano), Nahuel (Federico Sack) und Jimena (Ia Arteta) in einer Wohnblockwohnung zusammen, in der jede Begegnung von zwei Personen praktisch zum Körperkontakt führt. Dicht an dicht, fast immer auf Hautkontakt leben sie zusammen.

Die Kinder gehen andauernd auf Partys, sie spüren den Drang weg, leben trotzdem auf Tuchfühlung mit ihrer Mutter. Maria Alché, Drehbuch und Regie, untersucht aus intimster Nähe, wie sich der Tod der Schwester von Marcela auf die Gefühlswirbel verstärkend auswirkt, eine hochsensibel beobachtete Angelegenheit.

Die Handlung besteht in den Dingen, die durch so einen plötzlichen Tod erforderlich sind. Marcela geht oft in die Wohnung von Rina. Die muss ausgeräumt werden. Viele Pflanzen hat sie schon zu sich geholt. Es fällt Kleidung ab für die Töchter. Es tauchen alle Fotos und damit Erinnerungen an die Familie auf, in der Marcela aufgewachsen ist.

Verwandte melden sich. Immer wieder kommt es zu zärtlichsten Umarmungen zwischen der Mutter und den Kindern. Selbst wenn sie den Sohn über Geographie abfrägt, lastet der Tod über beiden.

Die ältere Tochter erlebt eine Enttäuschung mit ihrem Freund. Vater Jorge verdünnisiert sich auf Geschäftsreise. Über diese Aktivitäten lernt Marcela Nacho kennen, einen jungen attraktiven Mann, der ungebunden ist und fasziniert von den vielen Büchern in der Wohnung. Wie selbstverständlich und ganz ohne Skrupel geht sie mit ihm in sein Hotelzimmer.

Später bei der Beerdigungsfeier kommen Geschichten über die Eltern und Großeltern von Marcela an den Tag, die nicht unbedingt dem Bild der intakten Familie entsprechen. Das ewige Rätsel und Gefühlsrätsel Familie, Maria Alché zeichnet ein glaubwürdig nahes Bild davon.

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Mächtiges Kino.

Robust, hemdsärmelig, mit großer, gezielter Kelle und enormer Emotion pfeffert Sylias Tzoumerkas, der mit Youla Boudali auch das Drehbuch geschrieben hat, sein Kinogemälde atemlos auf die Leinwand und lässt die großartige griechische Westküste breitbeinig auftrumpfend mitspielen.

Seine beiden Heldinnnen, seine beiden Protagonistinnen sind keine makellosen Seelen, sie leiden, sie kämpfen an verschiedenen Positionen.

Elisabeth (Angeliki Papoulia) ist bei der Antiterror-Einheit der Polizei in Athen. Bei aller Toleranz für Schläge bei Vernehmungen und dergleichen geht es ihr zu weit, dass sie ein gefälschtes Geständnis unterzeichnen soll. Sie wird versetzt in die Provinz, in ihren Heimatort Mesolonghi. Dort übernimmt sie den Job der Polizeipräsidentin. Sie ist kein Vorbild. Sie hat einen rüden Ton drauf; trotzdem versucht sie, ihren halbwüchsigen Sohn menschlich zu behandeln.

Elisabeth bekommt es mit einem Fall zu tun, der ihrer Situation ähnlich ist, mit einer Frau, die in einer Zwangslage ohne Aussicht auf der Flucht in ein Wunderland im Meer von Saragasso sich befindet. Es ist Rita (Youla Boudali, siehe oben auch Drehbuchmitarbeit). Sie wohnt im Provinzkaff und steht ganz im Schatten von ihrem Bruder, der in den Discos ein erfolgreicher Entertainer ist. Er kennt ihre Scheu, aufzutreten; genau deshalb zwingt er sie auf die Bühne und zusammen singen sie einen an die Nieren gehenden Song, weil Rita ihr Schicksal quasi gesanglich erbricht.

Tags drauf nach einer Nacht am Strand findet sich dieser Bruder aufgehängt an einem Baum. Dadurch wird die Polizei involviert und Elizabeth stößt auf Rita und entdeckt die Schicksals-Parallelen.

Der Film steckt voller Emotion, was durch die Musik noch verstärkt wird, Tanz und Gesang, Kämpfereien, Pistolenschüsse, grobe Behandlung der Menschen durch die Menschen, durch die Polizei, und trotzdem ist keine Figur nur ein Rüpel, nur ein Depp, es sind alles hochemotionale Menschen, fühlende Menschen, an Konflikten leidende Menschen, sie beleben die Leinwand mit magischer Wucht, der nicht auszukommen ist.

Herrschaft, Chaos, Emotion und der Traum von der Erlösung, so greift Tzoumerkas zwischendrin auch kurz Topoi des alten Griechentums und des Christentums auf, ohne ihnen die Deutungshoheit über seinen Film zu überlassen, lediglich als Hinweis auf die latent im Raum stehende Frage, ob einer ein guter Menschen geworden sei.

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Warum so ein wichtiger und eindrücklicher Film im Öffentlichen-Rechtlichen erst um 22.45 Uhr gesendet wird, das ist hier der einzige Einwand. Der Film ist verständlich, er bedarf keiner Fernsehredaktions-Zensur, der ist für eine breite Öffentlichkeit von Interesse. Soll die breite Zuseherschaft vor diesen Bildern verschont werden? Immerhin gibt es inzwischen die Mediathek.

Hier geht es zur Review von stefe zu diesem Film von 2016.

Und hier noch der dem Film vorangestellte Text:

„Krieg soll alle falschen Elemente in der Gesellschaft beseitigen.“ Alice Lakwena, Geistige Führerin der ersten mystischen Aufstände im Norden Ugandas 1987.

1986 übernahm Yoweri Musevini die Macht in Uganda.
Das brachte dem Süden des Landes Frieden.
Im Norden löste es jedoch einen neuen Kreislauf
sowohl militärischer als auch religiös-mystischer Aufstände aus.

Im Jahre 1989 gründete der junge Acholi Joseph Kony
geleitet von Geistern, eine neue Rebellenbewegung,
„Lord‘ s Resistance Army“ – die „Widerstandsarmee des Herrn“.
Schon bald begann die LRA massenhaft Heranwachsende
zu entführen, um sie zu Soldaten zu machen.“

Einige diese Soldaten sind Jahre später die Protagonisten dieser meisterlichen Dokumentation von Jonathan Littell.

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Ganz interessant.

Das Märchenschloss Neuschwanstein, in 17 Jahren erbaut vom Märchenkönig Ludwig II, bietet einen unendlischen Schatz an Material für Geschichten, Berichte, TV-Sendungen und TV-Formate.

Oliver Halmburger hat daraus einen Dreiviertelstünder für ARD alpha zusammengestellt. Hier geht es vor allem um die Geschichte zum Bau des Schlosses. Wie Ludwig schon als Kind auf Schloss Hohenschwangau die Schlossträumerei anfing. Wie er durch den Tod seines Vaters König wurde. Der Vater hatte ihn sparsam erzogen. Jetzt sollte Schluss damit sein. Jetzt wollte er, der sich als Bauherr und nicht als König sah, seine Träume realisieren. Daraus wurden mehrere Schlösser.

Halmburger kann auf einen Fotoschatz zurückgreifen, der verschiedene Bauetappen von Neuschwanstein festhält. Mehr davon wäre spannend gewesen. Durch Drohnenaufnahmen eröffnen sich neue Perspektiven auf das Schloss. Diese scheinen allerdings etwas beliebig in den Film hineingeschnitten, der sich aus Statements von Fachleuten, Schlossinnen- und Außenaufnahmen sowie Archivfootage speist.

Es wird erläutert, dass Ludwig bei aller Träumerei in technischen Dingen up-to-date war, vom modernen dampfbetriebenen Baukran über eine trägergestützte, selbsttragende Dachkonstruktion bis zur damals modernsten Zentralheizung.

Udo Wachveitl als Sprecher verbreitet ein zu bemühtes, behagliches Feeling. Dem BR täten ab und an Auffrischungen bei der Sprecherauswahl gut.

Der Film macht auch deutlich, wie viele Menschen und Berufe sich um die Erhaltung von Baudenkmälern und den Geschichten darum herum kümmern; hier kommen zu Wort: ein Ludwig-Biograf, ein Verwandter von Ludwig II, Ludwig Prinz von Bayern, ein Historiker, der Leiter des Geheimen Hausarchivs von Ludwig II, der Museumsreferent von Neuschwanstein, eine Stadtarchivarin, ein Heimatforscher/Architekt, eine Gemeindarchivar, der Schlossverwalter, eine Restauratorin und eine Schlossführerin.

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Ein Igelpaket mit vielen Stacheln. Antisemitismus-Trauma in Paris. Medien und Wahrheit in Amerika. 50er Jahre-Weltbild in England und Liebe zwischen Gleichgeschlechtlichen. Naturschutz gegen Kapitalschutz in Kanada. Ein rarer Einblick in ein Münchner Männerwohnheim. Ein böser Clown an der amerikanischen Ostküste will seine Geschichte des Grauens fortschreiben. Lieber lieben statt kriegen in Deutschland. Die Welt aus semitischer Sicht in Nazareth, New York und Brüssel. Tabuisierte Überschiebung aus dem russischen Gefangenenlager in die DDR. Schloss mit Sinngebung bei Mainz. Das Fernsehen erfand hypothetische Menschen, um zu illustrieren, dass niemand die Alten will.

Kino
SYNONYMES
In Frankreich vom Stachel des Antisemitismus verfolgt.

HOT AIR
Der demokratische Stachel der Medien in Amerika.

DER HONIGGARTEN
Der Genderintoleranz-Stachel im Britannien der 50er Jahre.

THE WHALE AND THE RAVEN
Der Stachel der Tierschützer gegen das rücksichtlose Gewinndenken des Kapitalismus.

SUPER FRIEDE LIEBE LOVE
Diese Existenzen haben nie so richtig funktioniert.

ES KAPITEL 2
Der Film vermittelt das Gefühl, man müsste Kapitel 1 präsent haben.

PETTING STATT PERSHING
Vom Stachel der offenen Zweierbeziehung.

DIE WURZELN DES GLÜCKS
Trendig-internationaler Multithemenfilm um eine jüdische Familie.

UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT
Vom Stachel der Wahrheit nach Errettung aus dem Gulag in die DDR.

FREUDENBERG – AUF DER SUCHE NACH DEM SINN
Vom Entstacheln.

TV
NIMM DU IHN
TV-Zwangsgebühren-Themenfilm über unerwünschten, pflegebedürftigen Vater.

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Ernst /Unernst.

Mit einem ernsten, aktuellen Thema fängt der Film von Andy Muschietto nach dem Drehbuch von Gary Dauberman nach Stephen King an.

In Derry einer idyllischen Kleinstadt in New England, ist gerade Jahrmarkt. Hier vergnügen sich zwei Männer, die sich lieben. Sie werden von anderen jungen Männern angepöbelt mit verheerendem Ausgang.

Die erste Szene hat jedoch mit dem weiteren Verlauf des Filmes nichts zu tun, außer dass der satanische Clown ins Spiel kommt. Der hat hier vor 27 Jahren gewütet und eine Gruppe von Schulkindern arg mitgenommen, so dass sie sich Blutsbrüderschaft und Rache geschworen haben. Sie nennen sich „Die Verlorenen“. Das ist eine ernst zu nehmende Ausgangslage für einen Horrorfilm.

Der Film springt jetzt wieder ins Heute und will eine ordentliche, ernste Exposition für das, was folgt, hinlegen. Das geschieht verwirrend schnell. Im Minutentakt wird je wie ein neuer Film angezettelt, werden die Kids von damals in ihrer heutigen Umgebung gezeigt und wie sie einen Anruf von Mike Hanlon (Isalah Mustafa) aus Derry bekommen, der sie aus allen Wolken fallen lässt.

Sie hätten sich umgehend in Derry einzufinden, denn der Clown sei wieder in Erscheinung getreten und müsse gemäß dem Blutsschwur der Gruppe bekämpft werden. Diese Exposition ist zwar ernsthaft gedacht, um die Handlung zu begründen, aber sie ist wohl aus erzählökonomischen Gründen zu sehr nur anskizziert, wirkt insofern verwirrend, vor allem, wenn man den Vorgängerfilm „Es“ nicht präsent hat.

Weiter geht es mit dem Ernst/Unernst-Stil mit dem Füllen des Hauptbauches des Filmes. Hier bewegen sich die Ehemaligen in der Stadt ihrer Jugend. Sie begehen Örtlichkeiten und begegnen ständig ihren früheren Ichs. Das hat etwas Gemütlich-Behäbiges, wird aber unernst ständig durchbrochen durch Ex-Nihilo-Horror der Geisterbahnsorte, der irgendwoher mit scheußlichen Grimasse und Körperlichkeiten geschossen kommt. Und dann immer die Blicke und Gänge in die Gullis.

Richtig unernst und richtig schön spooky horrorhaft wird es zum Dessert, wenn die Mimen im Heute den Clown besiegen wollen. Der ist ein fantasievolle Figur aus Spinne/Schlange/Affenzahn und Clownsgesicht. Hier entsteht eine entfesselte, Horror-Bilder-Welt, die sich selbst auf die Schippe nimmt, wenn die Kämpfer drei Holztüren vor sich haben, auf der einen steht „überhaupt nicht gruselig“ auf der zweiten „gruselig“ und auf der dritten „sehr gruselig“.

Dieser Horror-Fun wird geht über in never-ending Endings, weil der Film – jetzt wieder todernst – jeden Handlungsstrang einzeln ordentlich zu Ende bringen will.

Bill Skarsgard spielt den Clown Pennywise, Jessicy Chastain die einzige Frau unter den „Verlierern“ Beverly, James McAvoy spielt Bill, Bill Hader ist Richie, Jay Ryan gibt den Ben und Stanley wird von Andy Bean dargestellt.

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12 Zitzen und 13 Ferkel.

Wie bastle ich mir einen Film und sein Maskottchen, seine Symbolfigur, hat sich vielleicht Amanda Sthers gefragt und ist auf das Mutterschwein mit den 12 Zitzen und den 13 Ferkeln gekommen. So dass Ferkel Nummer 13, das kleinste, das mit den geringsten Überlebenschancen, einer besonderen Behandlung bedarf und zu Filmehren kommt.

Denn der Jude Harry Rosenmerck (James Caan) lässt im hohen Alter New York und seine Familie hinter sich, um in Nazareth in Israel als Schweinezüchter zu arbeiten und sich speziell des Ferkels Nummer 13 anzunehmen, das ihm zum Lebensgenossen wird.

Damit hat die Autorin ein religiös starkes Symbol gefunden, an dem sie ihre Haltung zu Religion und religiöser Toleranz wunderbar klar machen kann in einem Film, der wie ein Leuchtturmlicht rotierend oder magazinhaft Harry und seine Familienmitglieder in den Fokus nimmt, seinen schwulen Sohn und Autor David (von ihm wird gerade in Brüssel (?) das tanzchoreographierte Stück „Wurzeln des Glücks“ aufgeführt; das die Geschichte der Familie Rosenmerck erzählt), Harrys Frau Monica (Rosanna Arquette), die mit dem Krebs und der Aussicht auf baldiges Ableben kämpft, sowie seine Tochter Annabelle (Efrat Dor), die für die Schwangerschaft und damit die Fortpflanzung der Rosenmercks zuständig ist, und David bemüht sich mit seinem Partner um eine Adoption. Zeitgemäße Familienverhältnisse.

Diese Geschichte stellt einerseits auf international-modischem Niveau das Leben dieser jüdischen Familie dar, das wie so oft, voller Widersprüche ist, einerseits hat es für sie eine Bedeutung, dass sie Juden sind und das erzählen sie ganz wichtig, andererseits kümmert sie die Religion wenig, hat keine Bedeutung für sie. Also das ist schon eine Frage, warum positioniere ich mich mit einer Position, die mich nicht interessiert, nur aus Schick?

In Israel kommen die üblichen, unversöhnlichen religiösen Konflikte zum Tragen. Das Problem des Schweinefleisches für alle Religionen. Das nützt Amanda Sthers für gezielt groteske bis absurde Situationen und Schlussfolgerungen, denn Schweineblut sei zwar nichts für orthodoxe Juden, aber in einer Darmblase in einem Autobus aufgehängt, sei es ein Mittel gegen Terroristen.

Andererseits freundet sich der ungläubige Schweinezüchter Harry mit dem Rabbi Moshe (Tom Hollander) an, der Verbotstafeln mit Schweinen drauf aufgstellt.

Zu einer Freundschaft mit den Christen reicht es nicht. Die beanspruchen Harrys Haus, weil auf dem Grundstück Jesus gewohnt habe. Die Muslime bleiben randständig.

Zwischendrin gibt es Ausschnitte aus der verwinkelten Aufführung „Die Wurzeln des Glücks“ mit einem symbolträchtigen, halbhohlen Baumstamm als Bühnenausstattung und einer wogenden Tänzertruppe.

Sthers bietet somit einen eleganten, international vermarktbaren Cocktail aus Kunst, Religionskritik, Israelkritik (die Mauer), Judentum, kaputte Familie im Sinne moderner Lebensverhältnisse und Krebsfilm an, gut gemixt und ohne merkliche Widerhaken, leicht verdaulich und ohne nachhaltige Wirkung, ganz im Trend der Zeit. Man ist jüdisch.

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Das Zitat aus dem Film, das stefe als Überschrift für seine Rezension vom Juli 2018 genommen hat, ist jetzt der offizielle Filmtitel – vorher hieß der Film Es ist aus Helmut.

Der Film kam mir in der Fassung, die jetzt im August 2019 der Presse vorgeführt wurde, weniger ungehobelt vor, die Überschrift würde jetzt lauten: Vom Charme des Anekdotischen. Prinzipiell ist aber der Review vom 2018 keine neue oder weitere Erkenntnis hinzuzufügen.

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