Alle Beiträge von Stefe

Winterreise

Ein komplexes Unterfangen

Anno 1995 hat Martin Goldsmith in Tuscon Arizona seinen Vater George, der als Günther geboren worden war, über seine Vergangenheit befragt. 

George wurde in Deutschland geboren, war ausgebildeter Flötist, spielte lange in Nazideutschland im Orchester des Jüdischen Kulturbundes, einer von Göbbels aus Gründen der Kontrolle initiierten Organisation. Dort lernte Günther seine Frau kennen. 

1941 sind die Goldsmiths nach Amerika ausgewandert. Mutter Rosemarie spielt wieder in einem Orchester. Während der Vater 35 Jahre lang als Möbelverkäufer seine Familie ernährt– und diesen Beruf hasst. 

Anders Ostergaard und Erzsébel Rácz haben diesen Stoff ausgehend vom Interview verfilmt. Das Drehbuch hat Ostergaard zusammen mit Martin Goldsmith, dem Sohn von George, verfasst. Die Rolle seines Vaters spielt Bruno Ganz. Es dürfte eine seiner letzten Filmrollen gewesen sein. Dieses Wissen lenkt den Blick auf die Figur, wie krank ist er schon, in manchen Szenen ziemlich, in anderen sieht er recht fit aus, manchmal schnauft er schwerer, manchmal weniger; aber seine urschauspielerische, naive Spielfreude ist keine Sekunde erlahmt. 

George kümmert sich in seinem Garten in Tuscon um die Kakteen, die gelegentlich auch als Symbole der Einsamkeit eines Vertriebenen herhalten müssen. 

Ostergaard und Rácz bewältigen die Kompexität ihres Unterfangens mit unterschiedlichen filmischen Mitteln, die manchmal wie mühsame Klauberei in der Suche nach Erinnerungen wirken, die deutlich machen, wie schwer es ist für George, diese Zeit überhaupt wieder hervorzuholen. Bei vielen Dingen, zB die Bar Mitzwa im Jahre 1926, will er sich erst gar nicht erinnern, dann gibt er nach, es werde wohl so gewesen sein. 

Die Regisseure stecken Fleiss und Arbeit in die Zusammenstellung ihres Montagematerials. Das sind die Aufnahmen aus dem Haus von George, sind die Interviews. Sein Sohn Martin stellt die Fragen immer aus dem Off. Zur Bebilderung dient teils aktuell nachgedrehtes Material zB aus Oldenburg, wo die Familie Goldsmith herkommt, hinzugefügt wird vielseitiges Archivfootage.

Es gibt Szenen, die eine Mischung aus Reenactment sind, in denen der junge Günther von einem jungen Schauspieler nachgespielt wird, die Szenerie aber wird Fotos aus Archiven entnommen. Manchmal lenkt solche Arbeit auch ab, man fragt sich, wie ist das zustande gekommen, ist das jetzt ein Double? 

Es gibt Stummfilmszenen in Schwarz/Weiß, die nachträglich vertont worden sind. Es gibt Archivfootage, zeitgenössisches aber auch von der Familie Goldsmith. Es ist ein Mix aus Bildertricks und dazwischen immer wieder die aride Landschaft Arizonas, die symbolhaften Kakteen und nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter, um den Titel, der auf Schuberts Winterreise verweist, bildhaft zu erläutern. So komplex und collagenhaft diese Bilderarbeit ist, so wirkt sie aber auch hingebungsvoll und persönlich und macht den Film zu einem Unikat in der Masse der Nazizeitverarbeitungsfilme. 

Ema

Bürgerliche Libertinage

Gerne spielt in lateinamerikanischen Filmen das Verhältnis von Arm zu Reich, von Herrschaft zu Dienerschaft eine Rolle. 

Hier im Film von Pablo Larrain (No, Neruda, El Club), der mit Guillermo Calderón und Alejandro Moreno auch das Drehbuch geschrieben hat, geht es, wenn ich das richtig sehe, ausschließich um eine Problematik innerhalb der bürgerlichen Klasse samit ihren Defiziten. 

Ema (Mariana Di Girolamo) rebelliert gegen das zuhause erlittene Unrecht mit poppigem Aussehen (plattgedrückte, strohweiße Haare), mit Tanz (Reggaeton), sexueller Libertinage und Feuerzündeleien. Statt selbst ein Kind auszutragen, adoptiert sie mit ihrem Freund und Choreographen Gaston (Gael Garcia Bernal) den Buben Polo (Cristián Suárez), eine Protestadoption. 

Eines Tages, wie das Kind nicht mehr in ihr Leben passt, wird der Bub wieder seinen Eltern zurückgegeben. In diesem Themenbereich funkt die Fürsorge in den Film hinein, der einer akademische Auseinandersetzung gleich zu den Themen Kunst/Freiheit/sexuelle Freiheit gegen die bürgerlich katholische Moral in Stellung gebracht wird (für diese steht das Thema Schuld) und weniger wie eine stringente Geschichte daherkommt. 

Der Film ist Diskurs statt Narrativ. Das führt dazu, dass die faszinierende Eigenwilligkeit des Aufmerksamkeit erregenden Anfangs mit der brennenden Ampel sich mehr und mehr als Prinzip um seiner selbst Willen entpuppt auf Kosten einer narrativen Themenentwicklung und somit an Elan verliert. 

Die Symboliken von Feuer gegen die menschenwuselnden Tänzermassen in den Choreographien sind kräftig und soghaft, libertinärer geht nicht, wenn nicht gerade diese Bilder das Libertinäre gar in seinen Schranken weisen. 

Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes

Großes Erzählkino.

Was ist Erzählkino? Das ist ein Kino, salopp formuiert, was seine Geschichte gut verdaulich bis kulinarisch zubereitet, diese auch klar und ohne komplizierte Ebenen vor dem Zuschauer ausbreitet, ohne ihn schockieren, aufregen oder langweilen zu wollen, den Zuschauer in die Welt dieser Geschichte entführen, mit vielleicht gelindertem Schmerz und auch ohne Euphorie (höchstens über die Kunst der Erzhählung), jedoch die Sache, den Inhalt nicht schmälernd und generell sich auf eine Hauptfigur konzentrierend. Wobei es keine Rolle spielt, ob die Geschichte eine wahre Geschichte ist oder die Geschichte aus einem Roman oder Märchen. 

All diese Kriterien erfüllt Nikluas Hilber, der mit David Clemens und Patrick Tönz auch das Drehbuch geschrieben hat, in seinem fiktionalen Film über den Schweizer Umweltaktivisten Bruno Manser und füllt damit spielend zweieinhalb Stunden im Urwald von Malaysia mit Zwischenspielen in der Schweiz und in New York und erinnert den Zuschauer daran, zu welchem Preis wir uns Tropenhölzer oder Palmöl leisten, zum Preis der Vernichtung der indigenen Völker. 

Dagegen hat der Schweizer Bruno Manser sich aufgebäumt. Diese seine Geschichte wird hier im Film erzählt. Sie macht insofern auch Hoffnung, dass, auch wenn es dauert in der harten Realität, der Kampf nicht ganz umsonst war. 

Die Besetzung der Rolle von Bruno Manser mit Sven Schelker erweist sich als Glücksfall von hoher Authentizität. Von den ersten Bildern an, zu denen die Figur voice-over beschrieben wird als ein Mensch, der äußerlich ein Mann, innerlich aber noch ein Kind sei, überzeugt Schelker mit seiner Brille und seinen glatten halblangen Haaren, diese Offenheit im Blick, die nicht unkritisch dafür mehr neugierig ist. 

Manser ist eben aus der Schweiz in Malaysia angekommen und will hier ein Stück Dschungel auf eigene Faust entdecken. Intuition. Er entdeckt das Volk der Penan. Und bleibt bei ihnen. Nach drei Jahren spricht er deren Sprache und ist einer der ihren. Er denkt nicht an eine Rückkehr in die Schweiz.

Doch die Holzfäller rücken den Penan auf die Pelle, vernichten ihren Lebensraum. Manser übernimmt die Führung im passiven Widerstand. Bis ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wird. 

Über Mansers Kampf gibt es bereits den Dokumentarfilm „Bruno Manser – Kampf um den Regenwald“ von Christoph Kühn. Im Vergleich zu diesem wird deutlich, welche Abweichungen von der Realität sich ein Spielfilm erlauben kann. Die Penan sind hier alle bekleidet, auch sehr uniform, sehr fundushaft. Aber das stört überhaupt nicht, weil ja nicht vorgegaukelt wird, es handle sich um Realitätstreue. Auch den Schlangenbiss und die Folgen habe ich aus der Dokumentation deutlich brutaler in Erinnerung. Aber auch hier stört mich die fiktionale Abmilderung wenig, geht es doch darum, mit der Geschichte ein Stück Bewusstsein über die Grundlagen unseres Reichtumes und unseres Luxus‘ zu schaffen. Das gelingt diesem Film von Niklaus Hilber hervorragend.

Erzählkino: die Message kommt sanft, wie bei einer craniosakralen Massage daher und nicht mit dem Regenwaldabholzhammer. 

Lebenslinien: Der Dackel-Seppi von Passau (BR, Montag, 19. Oktober 2020, 22.00 Uhr)

Treuherzig allerliebst

sind Dackelblicke, aber solche Herz-Schmerz-Dudel-Sauce, wie Evelyn Schels sie hier auftischt, haben sie nicht verdient und wirken deplaziert bei den Lebenslinien. Das entspricht nicht dem Niveau, das man von einer Sendung dieses Namens im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erwarten dürfte. 

Nichts gegen den Protagonisten, der Dackel-Seppi vormals der Blumen-Seppi, ist ein spannender Mensch, originell und initiativ dazu, der hat es zu was gebracht. Und das ging nicht ohne Rückschläge, ohne Schicksalsschläge. 

Muss man das aber alles so erzählen, als würde man einen Film für das Staatsfernsehen der DDR machen? Dass ja keine gesellschatlichen Schwachpunkte angesprochen werden, dass ja keine schlafenden Hunde geweckt werden? Muss das alles so eine niedliche PR-Sauce für einen Geschäftsmann werden? 

Allmählich entwickelt sich bei stefe ein Bild von der Dokumentaristin Evelyn Schels. Sie hat sich untertänigst an Baselitz angewanzt, sie hat von Marianne Koch in den Lebenslinien genau die Dinge ausgepackt, die die Protagonistin schon so oft runtergespult hat und eigentlich nicht wiederholen mochte, sie hat für die Krone-Erbin einen reinen PR-Film statt Lebenslinien gemacht und mit dem Kinofilm Body of Truth hat sie unkritisch vier Performerinnen auf einen Sockel gehoben. 

Nein, solche Beiträge dienen nicht der Profilierung weder der Sendung noch des Senders. Und dann wird auch noch unpräzise gearbeitet; in dem Augenblick, in dem der Protagonist vor einem Blumengeschäft im Rathaus München steht, nennt die Sprecherinnenstimme seine Unterkunft in München und man wundert sich, ob das Münchner Rathaus ein Lehrlingsheim beherberge. 

Redaktionell verpennt (oder auch: verpeilt) hat den Film Christiane von Hahn. 

Making Montgomery Clift

Zum 100.sten Geburtstag.

Der Hollywood-Schauspieler Montgomery Clift (1920 – 1966) hatte einen älteren Bruder, dessen jüngster Sohn Robert sich das umfangreiche Archiv vorgenommen und darin gewühlt hat, um diese Dokumentation, in der es über das Dokumentieren des Stars geht, zusammenzustellen. 

In der Familie Clift scheint es eine Sammelwut zu geben und aus diesem Grunde existieren enorme Archive von Tonbändern, Videoaufnahmen, alles, alles wurde gesammelt vom Vater von Robert, der im Krieg beim Geheimdienst gewesen sein soll. 

Und auch Montogmery selber hat offenbar jede Menge Telefongespräche ohne Wissen der anderen aufgenommen auf schönen alten Tonbbandgeräten, von denen der Filmemacher sie auch abspielt und dazu Bildarchivmaterial montiert. Ihm geht es darum, das Bild seines Onkels, das manche Biographien sensationsheischend erstellten, zu korrigieren. 

In diesem Zusammenhang kommt im Gespräch mit einer Bigraphin klar heraus, dass bei Biographien der Kassenerfolg größer werde, je krawalliger sie sind. Clift habe etwas Selbstzerstörerisches gehabt, wurde also kolportiert, das durch seine Homosexualität, die ja verboten war, Nahrung erhalten habe; er sei an den seelische Qualen zugrunde gegangen, die dieses Versteckspiel ausgelöst hätten. 

Dem hält Neffe Robert entgegen, dass sein Onkel mit seinem unbändigen Freiheitsdrang („I’d rather be free than famous“), das gar nicht nötig gehabt habe, auch nicht, irgend einem Studio und dessen PR zuliebe eine Scheinehe einzugehen, wobei er sowieso bisexuell veranlagt gewesen sei.

Montgomery Clifts Freiheitsdrang, das stellt der Film deutlich heraus, hat ihn dazu geführt, Rollen abzulehnen, nach denen andere Stars die Finger leckten, dass er jahrelang nur Theater gespielt habe, dass er die Hauptrolle, die er für das „Urteil von Nürnberg“ von Stanley Kramer angeboten bekommen habe, als lngweilig abgelehnt, sich dafür für die viel kleinere Rolle des Rudoph Petersen interessiert und diese auch noch ohne Gage gespielt habe. Ein radikaler Künstler, dem Starruhm egal war, der spannende Rollen spielen wollte. 

Der Film wirft einen höchst ungewöhnlichen Blick hinter die Kulissen des Hollywood-Betriebes, gerade auch, wie er an Starlegenden strickt, dreht und wendet. Wobei Clift an einem Alkoholproblem litt, egal wie das zustande gekommen sein mag, immer mehr Mühe hatte, Text zu lernen; ein Zerfallserscheinung. Während er am Anfang vor allem ein lustiger, unterhaltsamer junger Mann gewesen sei, der Spaß am Spaß und auch an Albernheit hatte, wie Videoaufnahmen zeigen; er war mit der Gabe einer seltenen Leinwandschönheit beschenkt und sich derer auch bewusst, wenn es um das Verhandeln ging, um die Verteidigung seiner Freiheit. 

Kommentar zu den Reviews vom 29. November 2020

Kommentar zu den Reviews vom 29. Oktober 2020

Ein rasanter Psycho-Comictrip durch die Kunstwelt. Ein umstrittenes Theaterstück zum Jugoslawien-Krieg. Ein kunterbuntes Animationsvergnügen aus der Ukraine. Ein perfekt industrieller Katastrophenfilm aus den USA. Papierenes Strandgut am Rande der Internetwelt in New York. Wenn sich das Tier in der Flugbegleiterin meldet. Lehr- und Wanderreiten von Bayern aus. Wildwest, wie wir ihn erträumten. Dann ist aus der Revoluzgerin doch lieber eine HFF-Professorin geworden. Müssen wir in diesen privaten Mief von Theater- und Filmprominenz hineingezogen werden? Letzter Gang eines bayerischen Filmregisseurs. Auf DVDwerden Eltern unterhaltsam mit den Resultaten ihrer Erziehung konfrontiert. Am Fernsehengab es wunderbare Münchner Lebenslinien.

Kino

RUBEN BRANDT, THE COLLECTOR

Manie: Kunstewerke, die Alpträume bereiten, müssen in seinen Besitz.

SRBENKA

Ex-Jugoslawien: Vom Vorurteil zum Mobbing zum Opfer.

CLARA UND DER MAGISCHE DRACHE

Da brauchen sich die Ukrainer vor Hollywood nicht verstecken. 

GREENLAND

Die Katastrophenenergien, die es braucht, um eine Familie zusammenzukitten. 

THE BOOKSELLERS

Antiquariate: eine aussterbende Spezies.

SCHLAF

Respektabels Horrordebut. 

WILDHERZ

Simone mit den Ponys sucht weiter ihr Lebensziel. 

GLITZER & STAUB

Traum-Wildwest-Cowgirls. 

UND MORGEN DIE GANZE WELT

Sich im Eigen-Anekdotischen verhaspeln; war da mal was Revolutionäres?

SCHWESTERLEIN

Wie langweilig kann denn Privatheit von Berühmtheiten sein?

DER BOANDLKRAMER UND DIE EWIGE LIEBE

Joseph Vilsmaiers Legat. 

DVD

WIR ELTERN

Es ist die eigene Brut!

TV

LEBENSLINIEN: „DIE ISARNIXE“

Hier besinnen sich die Lebenslinien auf ihre höchste Qualität. 

Kommentar zu den Reviews vom 15. Oktober 2020

Noch immer müssen die Kinos Hilfssheriffs für die Seuchenpolizei spielen. Das können ein traumhafter Garten und Menschen unserer Zeit in heute anlaufenden Filmen abmildern. In England durchbricht ein Garten die Schlossdüsternis. In Alaska fernab der Menschenwelt unter Bären. In der Finanzwelt wird Geld aus dem Nichts geschöpft (kein Naturwunder). In Kanada im Alter noch vom Weltraumflug träumen. In Argentinien die Spanne zwischen Sonnenfinsternis und Hinterlassenschaft der Diktatur. Aus der Zeit gefallen, dänisches Kriegsdrama. Ein nordisches Mädchen im modernen Medien- und Politwunderland. Fantasy im deutschen Kinderfilm. In Berlin drei Menschen aus drei Perspektiven betrachtet. In Großbritannien dem Mann als solchem auf den Existenzzahn gefühlt. Soldatengattinnen in England bilden einen Chor. Im TV wurde die zweite Folge eines erfolgsversprechenden Krimis in der Donau versenkt.

DER GEHEIME GARTEN

Verführung, selbst für Gartenmuffel. 

DER BÄR IN MIR

„Hello, it’s ok“ – so der Bärenflüsterer mit beschwörender Stimme. 

OECONOMIA

Der rätselhaft blähende Finanzgarten unserer Welt. 

ASTRONAUT

Nicht jeder Mensch ist fürs Altenheim geboren.

ROJO – WENN ALLE SCHWEIGEN, IST KEINER UNSCHULDIG

Wie eine Sonnenfinsternis Zweifel an vermeintlich glasklaren Verhältnissen aufkommen lässt. 

VON LIEBE UND KRIEG – A WAR WITHIN

Kriegsdrama. Eifersuchtsdrama. Minderheitendrama. Im Stil nordischen Seelendramas.

I AM GRETA

Nordisches Klimamädchenmärchen. 

DRACHENREITER

Kinderfantasywelten, abenteuerlich. 

SAG DU ES MIR

Wie hängen Monika, Silke und René zusammen? Sie verbindet ein Brückenschubser. 

BRUNO

So heißt der Hund des Protagonisten, dem auch sonst noch einiges abhanden kommen wird. 

MRS. TAYLOR’S SINGING CLUB

Kriegsfreundliche Soldatengattinnen. 

TV

DIE DONAU IST TIEF. EIN KRIMI AUS PASSAU.

Zurück zur Fernsehroutine – ächz!

I Am Greta

Greta im Wunderland.

Ein modernes Märchen. Dazu braucht es ein pubertierendes Mädchen (besonders magieaffin), 16 Jahre alt, Schwedin, lebend in Stockholm, aufgewachsen bei intellektuellen Eltern, spricht bereits hervorragend Englisch – sonst versteht keiner das globale Märchen – etwas Asperger, das Mädchen vertieft sich mit diesem konzentrierten Fokus in die weltweite Klimakatastrophe und hat damit ihr Thema gefunden, von dem sie nicht so schnell ablassen wird; das sind elementare Voraussetzungen für das Märchen, das hier aus rein dokumentarischem Material von Nathan Grossman zusammengestellt wird. 

Mir scheint, die ersten Szenen, wie das Märchen beginnt, dürften nachgestellt sein. Es wäre ein Widerspruch zur Asperger-Eigenschaft, wenn sie das schon gezielt hätte filmen lassen. Eines Tages beschließt das Mädchen, statt zur Schule zu gehen für die Klimarettung vor dem schwedischen Parlament zu protestieren. Es gesellen sich andere Leute zu ihr. Daraus wird die Lawine der weltweiten „Fridays for Future“-Bewegung, die Schulstreiks, die Klimabewegung. Und mittendrin als deren Ikone das Asperger-Mädchen aus Schweden, das an ihrer Erkenntnis festhält. 

Wie es zu diesem Märchen in der Wunderwelt von Medien und Politzirkus kam, das kann sie sich selber nicht erklären. Der Zuschauer kann es auch nicht und der Film ebensowenig – wie und wer an welchen Hebeln dazu beigetragen hat. Er kann nur zeigen, wie das kleine Mädchen aus Schweden mit dem Asperger und der Verbissenheit auf dem Thema Klima plötzlich an die Höfe der Macht geführt wird. 

Wenn man an das Anfangsbild vor dem schwedischen Parlament denkt, wo sie erst mutterseelenallein protestiert, so ist es eine Aschenputtel-Geschichte. Die Prunkhöfe von russischer und französischer Politik, die Heiligen Hallen von Welt- und Europapolitik in New York und in Brüssel. Ein Papst, der sie persönlich begrüsst. Er kann da nicht ahnen, dass Greta sich Tage später in Stockholm kaputtlachen wird über das Video von dieser Begegnung. 

Enttäuscht durschaut die junge Ikone den Medien- und Polit-Zirkus und stellt fest, wie sie zur Medienpuppe geworden ist und jeder sich mit ihr schmücken will. Alle finden es toll, was sie macht. Jeder Politstar will sich brüsten mit ihr. Aber, das enttäuschende Fazit: ändern tun sie nichts („how dare you!“ wirft sie vor der UN-Vollversammlung der globalen Politprominenz an den Kopf).

Vielleicht ist das das ernüchternde Ende des Märchens (oder der Beginn eines Geschäftsmodells, siehe weiter unten?). Ein Mensch entwickelt sich in diesem Alter schnell, sie reift zur jungen Frau heran, die Medien- und Politheldin, sie tanzt allein für sich, sie träumt von bürgerlicher Vita mit Studium, Heirat und Kindern. 

Nichts erzählt der Film darüber, wie weit von außen diesem Märchen nachgeholfen wurde, wie weit der Name Greta Thunberg von cleverem Geschäftssinn zum Branding, zum Markennamen gemacht wird. Im Internet werden unter diesem Namen nebst Shirts sogar Mund-Nasen-Masken angeboten; ob der Film selber als dieses Märchen Teil der Branding-Kampagne ist? 

Bruno

Mann und Existenz.

Was macht den Mann aus? Was ist der Mann, wenn er nur für sich ist, wenn er außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft am Rande lebt, wenn er ein Obdachloser ist, der in einem Blechverhau in einer Niemandslandzone lebt in der Nähe eines Spielplatzes und eines Bahngeländes? 

Karl Golden, der Autor und Regisseur dieses Filmes gesellt zu diesem Mann Daniel (Diarmaid Murtagh) den Hund Bruno und gibt dem Film den Titel nach dem Hund. 

Mann und Hund, Bild für verlorene Existenzen. Der Mann wird aber noch mehr verlieren, wo er kaum mehr was zu verlieren hat. Er repariert tüftelig technische Teile, Transistorradios oder Computerpanels und kann sie bei Malik (Seun Shote), einem Menschenfreund mit einer Kleider-Reinigungsfirma, verscherbeln. 

Restbürgerlichkeit hat Daniel sich bewahrt, sowohl von der Kleidung als auch vom Ordnungsgefühl her, nachts räumt er auf dem Kinderspielplatz den Müll weg, den ungare Jungs zurücklassen. Mit denen gerät er in Konflikt. Er wird krankenhausreif geschlagen und bleibt liegen. Der Hund kommt ihm abhanden, dafür findet er nachts einen elternlosen Jungen, der nichts über sich preisgibt und nicht nach Hause will. 

Eine neue Existenzgemeinschaft verlorener Seelen bildet sich, alleiniger Hund mit gefundenem Jungen. Daniels Hütte steht unter Zwangsräumungsbefehl. Der Mann wird von dem wenigen, was er noch hat, alles verlieren, er wird ganz auf sich zurückgeworfen, bis sich, vielleicht auch durch die Erinnerung an die Zeit vor der Entbürgerlichung, die Menschenwelt für Daniel durch eine sich beschleunigende Kadenz von Ereignissen wieder lichtet und Karl Golden über das Mittel hoher Sensibilität seines Darstellers zum Befund finden kann, dass vermutlich für den Mann die Familie doch alles sei, dass er zum Alleinsein nicht tauge. Dazu gehört eine ausgiebige Rasur. Wen wunderts, wenn inzwischen Naomi (Scarlett Alice Johnson) ins Spiel gekommen ist. Ohne Frau bleibt dem Mann nur Rudimentärmenschlichkeit. 

Von Liebe und Krieg – A War within

Kriegsdrama. Eifersuchtsdrama. Minderheitendrama. Deserteursdrama. Familiendrama. Unüberhör- und unübersehbar schwingt im Erzählstil dieses Films von Kasper Torsting, der mit Ronnie Fridthjof auch das Drehbuch geschrieben hat, nordisches Seelendrama mit. 

Der konfliktreiche Kollateralschaden von Krieg ist oft derselbe: die Männer sind an der Front. Kein Mensch weiß wann, wie und ob sie überhaupt zurückkehren. Die Frauen sind zuhause. Sie sind liebessehnsüchtig (während die Männer vielleicht an der Front Frauen vergewaltigen). Und irgendwelche Männer, Soldaten, tummeln sich in der Heimat und haben auch ihre Bedürfnisse. Kinder wachsen auf und wissen nicht wie ihre Väter aussehen. 

Der Krieg führt zu unendlichen Familiendramen. Hier ist es zudem ein Minderheitendrama insofern, als der Film bei der dänischen Minderheit im Norden von Schleswig Holstein spielt gegen Ende des Ersten Weltkrieges. 

30′ 000 dänische Männer waren für die Deutschen an die Front beordert worden; denn 1864 sind große Teile Süddänemarks dem späteren deutschen Kaiserreich zugeschlagen worden. 

In der Nähe von Sonderborg auf einer Insel lebt Esben (Sebastina Jessen) mit seiner Frau Marie (Natalie Madueno) und einem kleinen Buben. Esben wird an die Front nach Frankreich geschickt. 

In Sonderborg befiehlt deutsches Militär. Gerhard (Tom Wlaschiha) hilft in der Mühle von Esben aus; wird zur väterlichen Figur für den Buben; Gerhard ist Pilot. Wie Esben wegen Kriegsverletzung und hochdekoriert (beides ein Schwindel, wie der Zuschauer bereits weiß) zurückkehrt, entsteht Misstrauen, der Bub erkennt den Vater nicht, spricht aber auf Gerhard an. Entfremdung. 

Ähnlich sieht es mit dem von Esben geretteten Kameraden Hansen (Thure Lindhardt) aus; er ist allerdings nach seiner Verletzung nicht mehr fortpflanzungsfähig. Seiner Frau Kristine (Rosalinde Mynster) macht der Deutsche Müller (Ulrich Thomsen) den Hof. 

Statt Frieden finden die Rückkehrer Konfliktpotential und Misstrauen vor. Regisseur und Autor Kasper Torsting entwickelt die Dramatik konsequent mit immer neuen Dilemmen, wer steht zu wem, wer verrät wen, wem ist zu trauen; so dass die kinotypischen Weltkriegsausstattungsdetails weiter nicht stören, weil das menschliche Drama im Mittelpunkt steht. 

Eine Art dramatischer Handgranate wirft Gerhard, indem er in die Wege leitet, dass sein „Rivale“ Esben wieder an die Front geschickt werden soll. Das will Esben sich nicht bieten lassen. Er wird zum Deserteur, hochdramatische Entwicklung. Bis er in einem tragischen Akt, der auch Hoffnung lässt, selbst zum tragischen Helden wird. 

Im Abspann sind Originafotos zu sehen von den Menschen und Häusern, die den Stoff für diese Geschichte geliefert haben.