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Für Fans des mechanischen Raumflugs und des alten Nokia oder eine moderne Variante der Suche nach dem Heiligen Gral.

Der Studentenulk (stefe) Iron Sky von Timo Vuorensola und einem Team an Drehbuchautoren mausert sich in dieser zweiten Ausgabe zum prallen Genre, das sich von der Musik von Laibach, die eine Stimmung verbreitet, die den Spaß, den die Macher bei der Herstellung des Filmes umtrieb – insofern haben sie das Element des Studentulkes gottseidank noch nicht abgelegt – noch erhöht, auch für den Zuschauer.

2018 haben die Menschen die Erde nuklear ruiniert, dass sie nicht mehr bewohnbar war. Ein Raumschiff konnte sich noch retten und suchte Zuflucht auf der Rückseite des Mondes (den die Chinesen dieses Jahr als erste angeflogen haben; ob sie das gefunden haben, was die Filmemacher wussten? Jedenfalls haben sie nichts darüber berichtet).

Im Raumschiff, das auf dem Mond landet, sind Obi (Lara Rossi), sie ist die Ich-Erzählerin, und Sasha (Vladimir Burlakov) die führenden Figuren. Sie finden jene Nazimannschaft vor, die sich dorthin zurückgezogen hat; aber auch eine weitere Überlebensgemeinschaft.

Allerdings deuten auf dem Mond die zunehmenden Erdbeben darauf hin, dass hier keine lange Bleibe sein wird. Aber es gibt die Info, dass es auf der Erde das Element Vril gibt, das nicht nur das Weiterleben ermöglicht, es wird anhand von einem Muster der eindrückliche Beweis erbracht, dass es auch dazu nützlich ist, einen abgehauenen Finger wieder nachwachsen zu lassen. Ist allso kostbarer als Gold.

So macht sich unser Raumschiff, eine herrliche Schrottmaschine mit Volvo-Motoren etc., auf den Weg zur Erde.

Selbst das Flüchtlingsmotiv, die Herberge ist voll, kommt vor.

Die Fasziantion der Ausstattung des Raumschiffes erinnert an die Begeisterung für Materialen aus dem Alltag an die Raumpatrouille Orion.

Es gibt die Religion des Jobismus auf dem Mond. Und durch das fest verschlossene und mit „Sauerkraut“ überschriebene Kellerabteil ist zu den alten Nazis zu gelangen.

Im anderen Teil ist das geschlossene System des Jobsismsus, alles in Weiß. Die haben eine Gebetsapp. Aber auch deren Führer Donald (Tom Green) will auf den Ausflug zur Erde mit, genau so wie Malcom (Kit Dale) und es gibt grausame Exkommunikationen. Udo Kier als Wolfgang Kortzfleisch und gleichzeitig als Hitler.

So macht sich eine absurd bunte Gesellschaft in einem lottrigen Raumfahrzeug auf zu einer Abenteurerreise zum Mittelpunkt der Erde. Es wirkt wie eine aus der Zeit gefallene Truppe. Auf der Erde trifft sie erst auf eine Abendmahlsszene mit Widergängern von Caligula, Mark Zuckerberg, von Hitler, von Margaret Thatcher, von Dschihadisten und Kreuzzüglern, Vladimir Putin, Mao Zedong.

Ein mitreißende Kinoreise und Genre pur, wonach sich doch gerade das deutsche Kino immer so sehnt.

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Der Perfektionismus und das Spiel mit dem Tod.

975 Meter fast senkrechte Felswand am El Capitan im Yosemite-Nationalpark ohne Seil zu durchklettern, bedeutet, vier Stunden lang keinen einzigen Fehler machen, keinen Fehlgriff mit den Fingerkuppen, keinen Fehltritt mit den Zehenspitzen oder dem eng an den Felsen angedrückten Schuhrücken. Ein solcher Fehler bedeutet den sicheren Tod.

Ein Film über so eine ehrgeizige, lebensgefährliche Klettertour ist ein Kitzel auf Leben und Tod.

Typisch für solche Extrembergsteigerfilme ist auch die lange Reihe von Namen, derer in „loving memory“ gedacht wird.

Die Tour selber nimmt in diesem Film von Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin nur den letzten, kurzen Teil des Filmes ein.

Die Zeit der Vorbereitung zieht sich dagegen in die Länge. Da redet der Protagonist Alex Honnold fast pausenlos direkt in die Kamera oder kommentiert andere Aufnahmen, macht Turnübungen in seinem Wohnwagen, kocht Gemüse oder zeigt sich mit Freundin. Quassel, Quassel, quasselt vor Schülern.

Hier fehlt im Gegensatz zu Durch die Wand die Geschichte. So dürfte der Film lediglich für Leute, die selber solche Kletterei betreiben oder die selbst die Wand durchklettern wollen, von Interesse sein (und irgend so eine Preisjury in Amerika fand den Film auch auszeichnenswert; das ist für mich nicht nachvollziehbar).

Vor dem Hintergrund der lateinischen Weisheit, dass „errare humanum est“, dass also Fehler machen menschlich sei, dürfte es sich hierbei um eine ziemlich unmenschliche Kunst handeln, erhebt sie in den Bereich des Unmenschlichen. Dass sie doch sehr menschlich ist, zeigt die hohe Todesrate, auf die auch eingegangen wird.

Andererseits ist es wie mit den Gladiatoren, Stierkämpfern, Auto- oder Skirennfahrern: wer dem Tod entrinnt, der wird ein Held. Die Massen wollen Helden, die stärker sind als der Tod. Das mag für einen wie Honold, der sich selbst in der Typologie nahe beim Asperger sieht, der in der Jugend mit keinem reden wollte ziemlich reizvoll sein. Und es ist ein Riesengeschäft, wozu auch dieser Film gehört.

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Vom Wesen des Theaters.

Selten hat mir ein Film das Wesen des Theaters so sichtbar gemacht, wie es Herz und Sinne trifft, welches Risiko es eingeht, aber auch dessen Vergänglichkeit.

Für diese Hommage und eindrückliche Liebeserklärung an das Theater hat sich Alexis Michalik die Entstehungsgeschichte eines der erfolgreichsten Bühnenstücke, wie längst auch Filmstoffes, nicht nur Frankreichs, sondern der ganzen Welt angenommen, des Klassikers Cyrano de Bergerac von Eduard Rostand und damit die Geschichte um den Autor; denn Autorenschaft ist auch (mit) eine der, wenn nicht die Essenz des Theaters – und auch der Liebe – und genau darum geht es in dem Stück, der schöne Geist mit der dicken Nase und das schöne Gesicht mit einem Geist, der nicht mit dem des wahren Autoren mithalten kann, Vortragender des Textes des Autoren.

So ist es auch im Theater, so ist die Theaterrealität, lauter Darsteller, die kaum je Dichter sind, tragen die Texte von solchen vor und berühren das Publikum, das nicht weiß, ob es sich in die Darsteller oder in den Autoren verlieben soll; soweit treibt es Michalik aber nicht.

Das Publikum wird die Uraufführung mit Standing Ovations und 40 Vorhängen bejubeln. Auch das Publikum ist etwas getürkt. Egal, das innert kürzester Zeit zusammengeschriebene Stück erlebt seine Geburt am 27. Dezember 1897 und ist seither fester Bestandteil westlicher Kultur. Das deutsche Kino hatte sich zuletzt mit Das schönste Mädchen der Welt wenig erfolgreich an dem Stoff versucht, der eigentlich nicht totzukriegen ist.

Das Theater als ein Sinnesanimierer und gleichzeitig als eine Sinnestäuschung und mittels dieser wiederum Wahrheitsbringer für das Publikum, der an Herz, Gemüt und Geist rühren kann.

Im Abspann erwartet den Zuschauer noch ein kurzer Abriss aus der Wirkungsgeschichte des Stückes. Wieviele zu ihrer Zeit berühmte Namen haben diese Rolle gespielt! Die Namen kennen wir nicht mehr. Der Name des Schauspielers ist unwichtig.

Michalik inszeniert in bestem Komödientempo und einem mitreißenden Flow von der Schilderung der Zeitumstände über die privaten Probleme des Autors Edmond Rostand (Thomas Solivérès) mit Frau und Kind und keinem Einkommen, der seit zwei Jahren nichts zustande gebracht hat, vom großen Darsteller Constant Coquelin (Olivier Gourmet) und von Produzenten, die Geld von ihm wollen, das er ihnen nur bei einem schnellen Erfolg liefern kann.

Die Comédie Francaise funkt dazwischen mit einem Auftrittsverbot für Coquelin. Der Darsteller im Fach des Liebhabers Léo Volny (Tom Leeb), die von ihm angebetete Maria (Mathilde Seigner); der Dichter, der die Texte für dessen Liebesbriefe verfassst – gleichzeitig den Text für das Stück schreiben soll; wie immer in Filmen ums Theater gehen hier Stück und Leben eine ständig ineinandergreifende und oft schwer auseinanderzudifferenzierende Mischung ein, die es so attraktiv macht, ganz zu schweigen von der Aufführung selber, dem beflissenen, typischen Inspizienten oder dem Knallergag mit der defekten Versenkung, das ist zum Schreien, so wie der Erfolg am Schluss nach all den Schlachten mit den Texten und den Menschen ganz schnell in Rührung übergehen kann.

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Die Jagd nach dem Geld

oder: Behinderte sind auch nur normale Katastrophen-Menschen, das sind die Themen dieser teils rabenschwarzen Komödie von Alireza Golafshan.

Oliver (der großartige Tom Schilling) ist Portofolio-Manager, wie er sich nennt. Einer der auf die Art Geld macht wie die Investment-Banker. Einiges davon glaubt er in einem Schweizer Banksafe in Sicherheit. Bevor diese Sicherheit schwindet und er das Geld retten will, kommt ihm seine Ungeduld in einem Stau in die Quere.

Die Jagd nach dem Geld ist von Hindernissen begleitet. Er prescht mit seinem Maserati auf der freien Spur links neben einem Stau vor und baut einen leinwandtauglichen Crash. Aufwachen in der Klinik. Lähmung beinabwärts. Rollstuhl. Reha.

Aber die Jagd nach dem Geld ist eine Sucht, sie geht weiter. Handy-Empfang in der Rehaklinik ist schlecht. Oliver sucht sich Räume, trifft auf die Therapiegruppe „Die Goldfische“, das sind Menschen mit Behinderungen. Die wird ihm bei seiner Jagd nach dem Geld nützlich. Denn das Bankgeheimnis in der Schweiz wackelt. Oliver unternimmt eine vorgebliche Heilungsreise mit der Gruppe in die Schweiz, um das Geld zurückzuschmuggeln. Eine Einkaufsszene in einem Supermarkt liefert ihm den nötigen Geistesblitz.

Die Grundideen des Filmes, die Jagd nach dem Geld sowie die verrückte Reise einer Behindertengruppe – die wird der Höhepunkt des Filmes -, erinnern im Hinblick auf die Jagd des Menschen nach dem Geld an den Film „The Million Pound Note“ (Sein größter Bluff) von 1954 mit Gregory Peck und, was das fröhliche Katastrophengenre anlangt, an „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“ von 1980 von Jim Abrahams.

Allerdings befinden wir uns hier nach wie vor im Bereich des subventionierten deutschen Kinos und da traut man sich offenbar immer noch nicht volle Pulle gleich von Anfang an mitten hinein in eine Komödie einzusteigen – also die müsste gleich starten mit dem Beladen des behindertengerechten Buses der Tarnach-Stiftung mit der Betreuerin Laura (Jella Haase), mit der poetischsten Figur mit dem View-Master, Michi (Jan Henrik Stahlberg), mit dem Waschzwang-Typen Rainman (Axel Stein), mit der blinden Schnapsdiebin Magda (Birgit Minichmayr), mit Franzi (Luisa Wöllisch) und dem robusten Pfleger Eddy (Kida Khodr Ramadan).

Bis es hier im Film allerdings so weit ist, ist schon etwa eine Stunde vergangen, in der der Film sich eher wie ein Themenfilm zum Umgang mit Behinderten gibt, versucht, Verständnis für Behinderte zu generieren.

So wird auch das Problem mit dem schwachen Internetempfang der Klinik viel zu breit getreten, wirkt so wahnsinnig politisch korrekt, wirkt wie ein pädagogisches Kino und somit mehr wie ein netter Fernsehfilm, viel zu erklärend.

Bis dahin leidet der Film merklich unter Timing- und Rhythmusproblemen. Erst mit der Fahrt nach Zürich fängt er an, Tempo zu gewinnen, legt in Zürich deutlich zu und gerät bei der Rückfahrt und dem versteckten Geld in ziemliche Raserei, bei der die Frage auftaucht, ob es sich dabei um ein Bild der Menschheit handelt, die nicht recht bei Sinnen scheint und durch die Welt- und Zeitgeschichte rast, mit Totalverlust von Vernunft und Verstand, abgrundtief schwarzhumorig. Idee von Justyna Müsch.

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Freundliches, den Menschen zugewandtes Kino.

Eine idyllische Bucht nahe Marseille, eine Ortschaft unter einer Eisenbahnbrücke an den Abhang geduckt, ein Hafen, ein Restaurant. Ein Immobilienkatalog, der Häuser hier anbietet, könnte sich leicht in Superlativen übertreffen. Abseits der Hektik der modernen Welt.

Robert Guédigian (Ein Geburtstag in Marseille – Café Olympique), der mit Serge Valletti auch das Drehbuch geschrieben hat, fokussiert sich auf eine Familie, die hier seit langem lebt, die sich hier eine Villa mit einer „broche“, einer Brosche von Terrasse, wie sie das nennen, und darunter ein kleines Restaurant gebaut hat.

Armand (Gérard Meylan) hält die Stellung im Restaurant. Weil es dem Vater schlecht geht, kehren Schwester Angèle (Ariane Ascaride), die Schauspielerin in Paris ist, und Bruder Joseph (Jean-Pierre Darroussin), der für Gewerkschaftsideale steht (kein Arbeiter ist es freiwillig!) und der mit seiner deutlich jüngeren Geliebten Bérangère (Anais Demoustier) aufkreuzt, in die Villa (so der französische Titel) zurück.

Die Rückkehrer stellen fest, dass sich die Ortschaft und das Leben in ihr drastisch verändert haben. Die Globalisierung macht vor nichts halt, zeigt ihre Auswirkungen. Züge, die über die Brücke donnern, sind ein Begleitgeräusch oder ein Begleitbild, das Guédiguian gerne für einen Szenenwechsel dazwischen schneidet.

Es ist eine Famillie mit Geschichte. Eigentlich wollte Angèle gar nicht herkommen. Sie macht es nur auf Anraten ihres Steuerberaters wegen allfälliger Erbschaftsangelegenheiten. Unverarbeitete Familiengeschichte drängt immer wieder an die Oberfläche. Ein fertig und liebevoll ausgestattetes Kinderzimmer erinnert an die Tochter von Angèle, die als kleines Mädchen ertrunken ist. Da gibt es Schuldzuweisungen. Aber nicht so, dass daraus heftige Diskussionen oder Streit entstehen würde.

Es gibt die Nachbarsfamilie mit dem alten Ehepaar Martin (Jacques Boudet) und Suzanne (Geneviève Mnich). Auch ihr Sohn Yvan (Yann Trégouêt) kommt zu Besuch. Er ist erfolgreicher Geschäftsmann, möchte den Eltern unter die Arme greifen. Die aber sind zu stolz, obwohl sie die Miete nicht mehr aufbringen können.

Angèle begegnet Benjamin (Robinson Stévenin), der ist ein überaus sympathischer Fischer mit einem umwerfenden und ganz ungekünstelten Charme, er liebt das Theater und verehrt infolgedessen Angèle.

Wenn Menschen nah beieinander sind für einige Zeit, so können Gefühle nicht ausbleiben.

Guédiguian verfolgt das wie der Wächter eines Leuchtturmes, dessen Scheinwerfer sich im Kreis drehen und ständig diese Menschen-Gegend absuchen. So spielen in die auf den ersten Blick intakte Landruhe die beunruhigenden Themen eines wild gewordenen Kapitalismus hinein, aber auch das Flüchtlingthema genau so wie die Sterbehilfe, Jobverlust und Depression.

Vielleicht auch zu vergleichen mit einem wunderbaren Mikrokosmos, der sich einem beim Betrachten eines Tropfen Wassers unterm Mikroskop ergibt, in welchem sich die ganze Welt spiegelt und gleichzeitig ein verlorenes Paradies.

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Keine Hungersnot.
Wenders statt Pampers.
(Zu München: Das Gabriel Filmtheater ist eine Kulturstätte)
Empört Euch?

Bei Beckett wird aus dem zenonschen Körnchen, das zum Körnchen sich fügt, plötzlich ein Haufen, ein enormer Haufen (le tas, l’enorme tas).

So ein Körnchen, das plötzlich Teil eines enormen kulturellen Haufens bilden wird, nimmt Douglas Wolfsperger unter die Lupe.

Es geht um die rapide Veränderung und Anonymisierung unserer Innenstädte. Die Phänomene ähneln sich. Die Politik will keine Monokultur-Filiatelisten-Meilen als Fußgängerzonen, das behauptet sie, faktisch aber unternimmt sie nichts, wenn wieder ein dm-Markt ein altehrwürdiges Programmkino verdrängt.

Die Geschichte kennen wir aus München zur Genüge. Wo das Tivoli war, werden heute Schuhe verkauft, wo das Eldorado war, ist heute ein Drogeriemarkt, aktuell, wo das Gabriel noch Pressevorführungen zeigt, dürfte demnächst ein Hotel oder vielleicht noch ein Drogeriemarkt einziehen (hierzu gibt es immerhin eine Petition im Internet). Aber da es nur Körnchen sind, regt sich niemand auf. Das Feuilleton schreibt herzzerreißende Nachrufe und das wars.

Douglas Wolfsperger kommt aus Konstanz und wie er gehört hat, dass das Programmkino Scala mitten in der belebten Fußgängerzone, das nicht mal der Zweite Weltkrieg vernichten konnte, ersatzlos einem dm-Markt weichen soll, wollte er das wenigstens dokumentieren.

Dabei ist er auf Machenschaften hinter den Kulissen gestoßen, über die keiner reden will, hat fantastische Kinoenthusiasten aufgetrieben, ist einem Bürgermeister begegnet, der ein Buch über lebenswerte Innenstädte geschrieben hat (abschreckendes Beispiel: Fichtenmonokultur) und jetzt genau gegensätzlich handelt, hat vom Prediger eines bedingunslosen Grundeinkommens und Anthroposophen, dem dm-Gründer und -Chef Fritz Hepp eine hammerhafte Antwort auf die Nachfrage, warum er ein Kino vernichte (freundlicher formliert, selbstverständlich), erhalten.

Im Moment blüht Konstanz und fast scheint die Schweizer Einkaufsfreude schuld zu sein an der enormen Nachfrage nach deutschen Pampers; aber Wolfsperger kommt über den Intendanten des Theaters, Christoph Nix, auch zur Erkenntnis, dass die Söhne der Stadt, diese gerne zur Schöpfung von Mehrwert für die eigenen Taschen nutzen.

Der Film begleitet eine Bürgerinitiative, die versucht, in letzter Minute mit der Forderung nach einer Bebauungsvorschrift, den Kulturverlust in der Innenstadt zu verhindern, bis zur Abstimmung im Gemeinderat. Die Kinofans schauen sich den Pod-Cast von der Sitzung im Kino Scala an. Auch Eva Mattes stellt sich als spezieller Gast, sie war lange die Konstanzer Tatort-Kommissarin, auf die Seite des Kinos. Bei den Abbruch-Arbeiten des Scala ist Douglas Wolfsperger mit seiner Kamera allerdings nicht mehr gern gesehen.

Ein Körnchen einer weit verbreiteten Entwicklung, aber ach, ein Körnchen nur – wenn da nicht plötzlich der enorme Haufen wäre, der kulturelle Scherbenhaufen.

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Hochsensibel erzählte Geschichte einer Chinesin, die am Lido von Venedig ausgebeutet wird. Hier geht’s zum Arte-Link, also zum Film, der hier bis 31. März verfügbar sein wird. Und hier zur Review von stefe.

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Identitätssuche in Polen. Konfrontiert mit der eigenen Vergangenheit in den USA. Ein Pfeifen im Ohr in Italien. Männergedankenlesen in den USA. Vertrauenstest in der Schweiz. Karrierepalast in Berlin. Weltraum und Sexhunger in Frankreich; von da auch ein knuddeliger Comic. Unbefangenes Mädchen mit Hamburger Humanismus und zwei weitere deutsche Produkte: Naziaufarbeitung und Reiselust. Im TV wiederholt der BR eine erfreuliche, österreichische Krimiserie.

Kino
DIE MASKE – TWARZ
Da kann die Christusstatue in Polen nur in die falsche Richtung blicken.

DESTROYER
Der Kommissarin begegnet in der Arbeit ihrer eigenen (problematischen) Vergangenheit.

OHRENSAUSEN – ORECCHIE
Vom Tinnitus existentialiter.

WAS MÄNNER WOLLEN
Der Fehler einer Magierin ermöglicht es Ali, Männergedanken zu lesen.

VAKUUM
Ein Arztbefund bringt das eheliche Vertrauensgebäude ins Wanken.

LAMPENFIEBER
Frühe Talentauslese und -ausbildung für die große Welt der Musicalbühne.

HIGH LIFE
Alternde Französinnen und der Traum vom Weltraumsex.

ASTERIX UND DAS GEHEIMNIS DES ZAUBERTRANKS
Miraculix fällt vom Baum und sucht einen Nachfolger.

ROCCA VERÄNDERT DIE WELT
Was Herzlichkeit und Direktheit einer unvoreingenommenen Elfjährigen bewirken können.

TRAUTMANN – GELIEBTER FEIND
Entsorgung der deutschen Drehbuchkrankheit (Biopic als Themenfilm) nach Brexitannien? Biopic zum Themenfilm verkümmert.

REISS AUS – ZWEI MENSCHEN ZWEI JAHRE EIN TRAUM
Selbstsucher unterwegs; verfahren sich in Westafrika.

TV
SCHNELL ERMITTELT – SCHULD
Schnell macht noch jedes Verbrechen genießbar.

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Ihr letzter Film hieß Auf der Jagd – Wem gehört die Natur?. Jetzt hat Alice Agneskirchner – wenn die Dokumentaristin Gärtnerin wäre, könnte man sagen: die mit dem grünen Daumen – sich auf die Pirsch einer anderen Jagd begeben und der Zusatz zum Titel müsste slauten: wem gehört die Zukunft? oder auch: wer wird ein Bühnenstar?.

Einmal im Jahr bringt das Musicaltheater Friedrichstadtpalast in Berlin ein Kindermusical auf die Bühne. Die Mitwirkenden sind zwischen 6 und 16 Jahre alt. Sie werden fast ein Jahr lang trainiert und auf ihren Auftritt vorbereitet. Jedes Jahr kommt ein Schwung eines neuen Jahrganges hinzu. Das heißt, anfangs mindestens zweimal die Woche Ballett- und Tanztraining.

Es gibt auch ein außerordentliches Casting für Quereinsteiger. Ein solches war der Ausgangspunkt für Alice Agneskirchner. Sie hat sich in ihrer Bilderjagd auf ihren Instinkt verlassen bei der Auswahl ihrer Protagonisten. Ein bisschen auch hat sie beim Casting der imponierenden Leiterin Frau Tarelkin über die Schultern gespickt, so erzählt es die Regisseurin bei einem Vorabscreening im voll besetzten Atelier-Kino an der Sonnenstraße in München am Sonntag vor dem Kinostart.

Denn es ist durchaus ein Risiko, für einen Film unter 200 jungen Menschen die zum Casting kommen, welche herauszupicken und zu hoffen, dass sie Casting und Probenprozess durchstehen und bestehen. Aber der Dokumentarjagd-Instinkt hat die Regisseurin nicht verlassen. Sie hat sich fabelhafte Protagonisten herausgepickt, ganz unterschiedlichen Alters, Herkunft und auch aus verschiedensten Familienverhältnissen.

In inszenierten Szenen wirken die Protagonisten in Gesprächen mit Mutter oder Vater oder untereinander ganz natürlich (jeder hat sein Schicksal, Mutterverlust mit 14 oder eine Mutter mit Krebsdiagnose, eine Emigrantenfamilie, die mit dem anderen Familienteil im arabischen Raum über Skype kommuniziert). Die Dokumentaristin hat das Vertrauen dieser Nachwuchstalente gewonnen, so dass sie einen bleibenden und wunderbar individuellen Eindruck auf der Leinwand hinterlassen.

Das Castingteam umd Frau Tarelkin haben eh einen guten Riecher bewiesen, die machen das ja auch schon seit ein paar Jährchen. Meist bleiben die Kinder über einige Jahre dabei, manche spielen sich nach vorn in die Region der Hauptrollen.

Aber es gibt auch das Mädchen, das gleichzeitig als Kinderdarstellerin eine Fernsehrolle spielt; das wird zu viel, zu oft fehlt sie bei wichtigen Proben – sie wird bei der Aufführung nicht mehr dabei sein.

Frau Tarelkin allein ist eine Show mit ihrer unglaublichen Beweglichkeit, mit ihrem scharfen Blick, mit ihrer Direktheit in der Ansprache ihrer Schützlinge, die Respekt vor ihr haben und sich bei ihr mehr anstrengen als bei anderen. Nie zeigt sie auch nur einen Hauch von Missmut oder Ressentiment. Mühe hat Frau Tarelkin, wenn ein begabtes Mädchen einfach nicht den Drang nach vorne hat, nicht diesen eisernen Willen, etwas zu erreichen, wenn es anderen Dingen nachhängt während einer Probe.

Interessant noch im Casting-Prozess ist auch ein Gruppe sehr kleiner Mädchen, die nicht weitergekommen sind; als ob die Welt für sie zusammenbreche, weinen sie. Sie scheinen mir die protoypischen Ballettmädchen zu sein. Da könnte die Spekulation hochkommen, die könnten Opfer von Elternehrgeiz sein.

Schwierig wird es auch mit einem Jungen, vielleicht 12 oder 13 Jahre alt, der selbst bereits ein Youtube-Star ist und nebst Schule und Proben täglich Clips auf Youtube einstellt. Ein Junge, der schon redet wie ein Altmeister, der kurz vor der Premiere äußert, dass seine Arbeit bei Youtube seine „Sicht auf die Regie hier verändert“ habe, den es auch massiv stört, wenn bei einem anderen Buben zwischen Perücke und Maske noch die eigenen Haare hervorlugen.

Der Friedrichstadtpalast ist eine der größten Bühnen überhaupt. Der Aufwand an Technik, Projektionen, Kostümen ist enorm, auch beim Kindermusical, das eine Zeitreise durch die halbe Kulturgeschichte macht von den Steinzeitmenschen über die alten Ägypter, die Rokoko-Opulenz bis zu den Indianern.

Bei einem Seitenblick auf eine Erwachsenenvorstellung eines Musicals fühlt man sich direkt an die Roaring Twentieth erinnert. Damals folgte darauf Dunkles.

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Der Lärm der Gedanken.

Der Protagonist (Daniele Parisi) ist Philosoph und Lehrer. Er wacht eines morgens mit einem Ohrensausen auf. Auf dem Kühlschrank findet er einen Zettel seiner Freundin, sie sei schon in die Praxis gegangen und sein Freund Luigi sei tot und er möge bitte auf dessen Beerdigung gehen. Nur hat der Protagonist, der bei IMDb nur als „Lui“ (Er) vorkommt, keine Ahnung mehr, wer dieser Luigi ist.

Das ist der äußere Rahmen für die Geschichte dieses Tages, am dem Lui versucht herauszufinden, wer dieser Luigi war und er wird ihm eine schöne Abschiedsrede halten, ohne die Individualität von ihm wieder herausgefunden zu haben, eine Abschiedsrede auf die Einsamkeit des Menschen.

Alessandro Aronadio, der mit Valerio Cilo auch das kultursatirische Drehbuch geschrieben hat, dreht seinen Film ganz in Schwarz/Weiß und im Quadratformat mit generell statischer Kamera, die an die Luzidität der Filme des Neorealismo erinnert, diese ruhige Klarheit.

Die geistige Perspektive ist die durch die Folie eines Camus, Der Fremde, der – wegen der Sonne, wie es heißt -, völlig sinnlos einen Mord begeht. Aronadio ventiliert die Absurdität des Seins, der menschlichen Existenz. Er dekliniert das durch an Alltagssituationen von Empfang in einem Krankenhaus über das Fast-Food-Essen mit Handyselfies bis hin zum absurden Besuch bei seinem Professor Marinetti, der das Ohrensausen auch kannte und als „Lärm der Gedanken“ interpretiert, der jetzt aber degeneriert Playstation spielt, während seine Frau (Milena Vukotic) von „Lui“ keine Hilfe für das Beschneiden der Bachira Aquatica erwarten kann.

Die Stationen gehen vom ehemaligen Schüler, der sich inzwischen Privatstunden leistet, weil er ein erfolgreicher Musiker ist über den neuen Geliebten der Mutter, dessen Vorstellung von Künstlertum (und der Personalisierung von IKEA-Möbeln) und Leben mehr als diffus sind, über den Arztbesuch im Spital (hierbei noch eine groteske Geldautomatenszene), bis zum Padre (Rocco Papaleo) in der Kirche, der mit dem Kammerjäger und dessen Kampf gegen die Kakerlakenplage vollauf beschäftigt ist.

Es ist ein mondo kafkaesco, den Aronadio uns vorführt und der nachhaltig ein Pfeifen im Ohr (welches er ab und an witzig musikalisch andeutet) auslösen kann, das Sein des Menschen zur Kultur und zur Philosophie und die alltäglichen Probleme mit den anderen Menschen, wenn nur die nicht wären. So eine Menschheit kann am Ende fürs Selfie nur noch die Narrenkappe aufsetzen.

Und die Spur der Marienerscheinung hat sich doch nur als Schimmelfleck erwiesen.

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