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Kommentar zu den Reviews vom 20. Juni 2024

Mit eher Unspektakulärem positioniert sich das Kino anspruchsvoll gegen das grassierende Fußballfieber, sich sehr wohl seiner einzigartigen Qualitäten bewusst seiend. In einem New Yorker Mietshaus lässt es Horror auflaufen. In Deutschland bleibt es beim Sport, beim Breakdance. In Tunesien durchleuchtet es vorgebliches Gutmenschentum. In Italien nimmt es sich eine Auf-und-Ab-Familiengeschichte vor. In den USA erliegt es der Motorradschwärmerei. In einer deutsch-amerikanischen Koproduktion behandelt es das Elend der Sterblichkeit und Wünsche dagegen. Und in Holland lässt es einen Bruderzwist heftig eskalieren. Auf DVD bewegt es sich mit Schmetterlingen leichterdings durch die Luft und nimmt sich eine High-School-Göre mit üblem Charakter vor. Die Öffentlich-Rechtlichen sorgen für Gutversorgte mit einem Zusatzverdienst.

STING
Diese präpubertären Gören und die Spinnen!

2UNBREAKABLE
Vom Teen zum Profisportler

EIN NEUES LEBEN
Auch in Tunesien sind vorgebliche Gutmenschen nicht unbedingt Gutmenschen.

WAS UNS HÄLT
Neapolitanische Familiengeschichte

THE BIKERIDERS
Kino nachgestellt nach Fotobuch

ETERNAL YOU – VOM ENDE DER ENDLICHKEIT
KI-Voodoo

HARDCORE NEVER DIES
Bruderkonflikt über den rechten Weg

DVD
BUTTERFLY TALE – EIN ABENTEUER LIEGT IN DER LUFT
Greifvögel, schwindender Notvorrat, weniger Landeplätze wegen Versiegelung, das sind nur einige der Probleme dieses Vogelfluges.

MILLER’S GIRL
Ein verwöhntes, durchtriebenes Luder versucht, einem redlichen Prof zu schaden.

TV
BEZZEL & SCHWARZ: DIE GRENZGÄNGER – DIE ISAR
Hier mit wenig Kommerz-PR

Was uns hält

Malacqua

heißt der Regen im sonnenverwöhnten Neapel, schlechtes Wasser, denn wenn es in Neapel regnet, dann zum Steinerweichen, dann kommt der Film schmerzhaft nah dem Roman, den das Leben schreibt, genauer Daniele Luchitti (Anni Felici – Barfuß durchs Leben, Mein Bruder ist ein Einzelkind), der nicht nur die Regie führt, sondern mit Francesco Piccolo und Domenico Starnone auch das Drehbuch schrieb zu dieser Familien-, speziell Ehegeschichte von Vanda (Alba Rohrwacher/Laura Morante) und Aldo (Luigi Lo Cascio/Silvio Orlando) über mehrere Jahrzehnte.

Die beiden sind im Künstler-Intellektuellenmilieu tätig. Er ist Radiosprecher und muss für die Arbeit nach Rom fahren. Sie ist wohl Lehrerin. Der Film schildert dieses liebevolle Familienleben. Papa ist ein exzellenter Geschichtenvorleser und das Drehbuch referiert auf diese und jene Literatur. Die Kinder hören Papa auch gerne im Radio. Er ist Moderator einer Morgensendung.

Völlig unvermittelt gesteht Aldo seiner Frau einen Seitensprung, sagt aber nicht mit wem. Er denkt sich nicht viel dabei. Bei seiner Frau kommt das gar nicht gut an. Sie meint, wenn er nicht verliebt sei, warum er das überhaupt gestehe, und wenn er verliebt sei, dann müsse er die Konsequenzen ziehen. Da er ehrlichweise nicht sagen kann, dass er nicht verliebt sei, schmeißt Vanda ihn raus. Sie fährt mit ihren Kindern nach Rom, um ihnen die Geliebte zu zeigen und tatsächlich ist es, wie vermutet, die Kollegin Lidia (Linda Caridi), mit der er schmusend das Rundfunkgebäude verlässt. Vanda macht den beiden eine Szene.

Der Film arbeitet mit ab und an unverhofften Zeitsprüngen. Es gibt eine Phase, da sind die Kinder ein paar Jahre älter, das Mädchen mitten in der Pubertät, der Bub grad davor. Vanda weiß, dass ihre Kinder den Vater brauchen.

Es gibt auch eine Szene, in der amtlich über das Sorgerecht diskutiert wird.

Und plötzlich ist das Ehepaar wieder beisammen, aber echt gealtert. Es kommen unangenehme Dinge dieser Beziehung an den Tag.

Während einer Urlaubsabwesenheit passen die inzwischen längst erwachsenen Kinder Anna (Giovanna Mezzogiorno) und Sandor (Adriano Giannini) auf die Katze auf. In dieser Zeit passiert ein Einbruch in die Wohnung und lässt vor allem Aldo irritiert nach Fotos suchen, die möglicherweise gestohlen worden sind, oder, was ihn mehr schreckt, die Vanda entdecken könnte. Sie könnten einiges verraten über sein Verhältnis zu Lidia. Sie sind auch gut versteckt in einer Art magischen Schränkleins.

Ein anderes, lebendigeres Requisit in diesem Haushalt ist die Katze Labes. Es behauptet, das bedeute ‚La Bestia‘. Wer aber ein Wörterbuch zur Rate zieht, kommt auf andere Bedeutungen. Auch die Schnürsenkel und eine gewisse Tanzmusik sind Elemente, an denen sich diese Familiengeschichte haptisch macht.

The Bikeriders

Bikerromantik pur

Bikernostalgie pur. Und selbstverständlich wird der Kultfilm Easy Rider erwähnt mit einem eigenen, kuriosen Hinweis. Ein Mitglied des hier porträtierten Motorraclubs „Vandals“ darf als Antwort auf die Frage, was aus den Leuten geworden ist, mit seinem Motorrad malerisch sich vor einem Kino posieren, um die Leute zum Besuch von „Easy Rider“ zu animieren.

Es geht im Film von Jeff Nichols um das Porträt des genannten Motorradclubs und nicht um das Schwärmen von den Freiheiten des durch die Lande Düsens. Hier bleibt man ortstreu. Hier bleibt man vereinstreu. Es kommen die Spießigkeit und die strengen Regeln eines solchen Clubs nur verhalten zur Geltung.

Es scheint, als ob es Jeff Nichols vor allem darum ging, so genau wie möglich die Bilder aus dem Bildband nachzustellen.

Es gibt zwei lose Handlungsfäden. Im einen interviewt der Fotograf Danny Lyon (Mike Faist) die Protagonistin Kathy (Jodie Comer). Es ist der Fotograf, dessen Bildband über die Gang Jeff Nichols als Drehbuchvorlage gedient hat.

Der andere Handlungsfaden konzentriert sich auf die Liebesgeschichte zwischen Kathy und Benny (Austin Butler). Sie kommen zusammen, weil er anders ist als die anderen, kühner, sorgloser, unbekümmerter, waghalsiger.

Um diese Liebesgeschichte herum, die ohne eine einzige Liebesszene auskommt, fädelt der Film die Geschichte der Vandals auf. Ihr Gründer ist Johnny (Tom Hardy). Es geht darum, zusammen abzuhängen, zusammen im Pulk rumzufahren mit den Motorrädern.

Und es geht um unbedingte Loyalität. Das zeigt ein schönes Beispiel. Da der Club Schule macht und immer mehr sich anschließen wollen, meldet sich eines Tages ein junger Schnösel mit einem kleinen Club, die aus Schrottteilen Motorräder zusammenbauen. Dass er bereit wär, seine Freunde zu verlassen, nur um von den Vandals aufgenommen zu werden, bekommt ihm nicht gut.

Der Film lässt die üble Entwicklung der Clubs zu Gangs nicht aus. In den frühren 70ern entsteht ein Generationenkonflikt, die Alten gegen die Jungen, die kiffen, die Vietnam erleben und die in der Kriminalität ein Geschäftsmodell sehen.

Im Abspann sind Originalfotos von Danny Lyon zu sehen. Ok, die erzählen auf ihre Art eine leicht verschiedene Geschichte.

Im Film dominiert das Need des genauen Nachstellens, während die Vorbilder von den Fotos von einem existenziellen Bedürfnis getrieben scheinen und von einer fundamentalen Begeisterung für Motorräder wie für das Zusammensein in der Gruppe. Das ist es, was dem Film den Touch von Romantik und Nostalgie verpasst. In dieser Hinsicht braucht er sich nicht zu verstecken.

Sting

Diese Gören

mit dem Faible für das Magische, das Übersinnliche, den Horror, diese präpubertären Gören, ob sie die Magie und diese Kräfte gepachtet haben oder ob sie nicht viel mehr ein Gespür, eine Affinität dafür haben. Letzteres scheint doch eher der Fall zu sein. Denn das Übersinnliche, das Horrorhafte kommt meist woanders her.

So auch bei Charlotte (Alyla Browne). Sie lebt in Brooklyn, es ist eisiger Winter mit viel Schnee, in einem mehrstöckigen Haus mit ihrem Stiefvater Ethan (Ryan Corr), Mama Heather (Penelope Mitchell), Tante Gunter (Roby Nevin) und der strickenden Oma Helga (Noni Hazlehurst). Stiefvater ist tagsüber Hausmeister, nachts zeichnet er für einen Comic-Verlag. Mama ist auch in der Kreativwirtschaft. Dann ist da im Haus der Bio-Forscher Erik (Danny Kim) und die Trinkerin Maria (Silvia Colloca). Charlotte hat einen kleinen Bruder, der noch ein Baby ist. Schließlich ist da noch der Kammerjäger Frank (Jermaine Fowler). Ein Personal, was nicht unbedingt den Tag überleben wird.

Handelt es sich doch beim Film des Australiers Kiah Roache-Turner um einen lässig-fröhlichen Horror, der vielleicht lediglich illustriert, wie das Coming-of-Age eines Mädchens ein idyllisches Familienleben umrühren und durcheinander bringen kann.

Es ist eisiger Winter. In Brooklyn liegt dick Schnee. Ein Asteroid schlägt in das Haus ein. Er hinterlässt in einem Fenster ein Loch, etwas größer als das durch eine Gewehrkugel. Aus der Asteroiden-Kugel entsteigt die Spinne, die instinktiv ihren Weg zu Charlotte und bei dieser Mitgefühl findet. Sie nennt sie Sting.

Schon ist der Horror im Haus, findet gut behütet von der Göre seinen Weg zur Entwicklung, findet die gut begehbaren Lüftungsschächte, durch die Menschen verschwinden können oder durch die auch eine Göre pirschen kann.

Die Ausstattung der Wohnungen des Hauses ist puppenstubenhaft und daran und am Horror orientieren sich auch Kamera und Beleuchtung, orientieren sich so australisch-unbefangen bis lauschig diese schauderhaften Vorgänge im Haus, die, je mehr Nahrung die Spinne findet, desto rustikaler werden.

Hardore Never Dies

Der rechte Weg

Zwei Brüder aus einfacheren Verhältnissen, Michael (Joes Brauers) und Danny (Jim Deddes) vertreten verschiedene Lebensmodelle.

Der jüngere Michael, er soll 17 sein, wird behauptet, ist der seriöse, ernsthafte. Er arbeitet tagsüber in einer Tomatenplantage als Erntehelfer. Er bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung für das Konservatorium vor. Sein Traum: als Pianist auf Kreuzfahrtschiffen um die Welt segeln, zwei drei Stunden arbeiten am Tag und sonst ein schönes Leben haben.

Sein deutlich älterer Bruder vertritt die Philosophie, dass es wohl kein Leben sei, nur zu arbeiten, ficken und fressen, um dann zwei Wochen im Jahr lang im Urlaub ausspannen zu können. Er hat sich eine Glatze rasieren lassen, vertickt Drogen und hat ewig Schulden.

Die Schulden sind der Motor für Dannys Handeln. Er lebt mit seiner Freundin Pri (Rosa Stil) zusammen. Er versucht den Geldeintreibern aus dem Weg zu gehen. Er wird von diesen mit wüsten Drohungen gejagt.

Der Hauptkonflikt in dem Film von Jim Taihuttu, der mit Amira Duynhouwer und Victor D. Ponten auch das Drehbuch geschrieben hat, ist derjenige, dass der ältere Bruder in seiner Not versucht, den jüngeren in seine Geschäfte hineinzuziehen, ihn vom braven, soliden Weg abzubringen. Die Eltern bringt das zum Verzweifeln. Sie scheinen rechtschaffen zu sein.

Es gibt noch eine Prise geistigen Inputs in den Film. Einer der Prüfer beim Konservatoriums-Vorspiel empfiehlt Michael, bei Nietzsche nachzuschauen, was er über Beethoven gesagt habe. Dieser geistige Input aber bleibt Episode; es wird nicht auf einzelne Gedankengänge eingegangen.

Michael droht vom rechten Weg abzukommen, gleitet immer mehr in die mit Power-Musik akkustisch ausgestattete Unterwelt von Party, Disco und Drogen, er wird unzuverlässig im Job.

Nachdem sich die Unterweltereignisse dramatisch steigern, bleibt die Frage, ob er es zu seinem Vorspiel noch schafft.

Ein neues Leben

„Your children are not your children. They are the son and daughters of Life’s longing for itself…“
Gibran Khalil Gibran. The Prophet.

Gutmenschen

sind nicht unbedingt gute Menschen. Aus der tunesischen Revolution ist ja auch nichts geworden.

Gutmenschen sind eher Menschen, die ganz schön was zu versteken haben, ohne es sich anmerken zu lassen.

Gadeha (Yassin Tormsi) lebt mit seiner Mutter und seinem kleinen Schwesterchen in Tunesien am Meer. Vater ist nicht vorhanden, soll aber bald wieder zurückkommen. Gadeha vermisst die Vaterfigur. Er tobt mit seinen ebenfalls halbwüchsigen Freunden am Strand herum, erleidet einen Unfall und kommt ins Krankenhaus. Er braucht eine Operation. Die kann er aber nur erhalten, wenn seine Mutter die auch bezahlt. Mit was denn?

Da meldet sich ein netter Herr, er übernehme das. Gutmenschen eben, die ganz human und mitmenschlich handeln. Und nicht nur das. Der Fischhändler und seine Frau nehmen die halbvollständige Familie bei sich auf, haben extra ein kleines Haus für sie eingerichtet.

Gadeha ist ein für sein Alter bereits sehr ernsthafter junger Mann voller Zweifel. Er ist von der OP genesen. Bei seinen Erkundungen im neuen Heim findet er eine dicke Rolle mit Geldscheinen.

Dann kommt der Sohn Oussama (Ahmed Zakaria Chiboub) des Fischhändlers aus der Klinik zurück. Er braucht noch einen Rollstuhl. Die beiden junge Männer freunden sich an. Oussama bringt Gadeah das Bogenschießen bei.

Anis Lassoued, der mit Chea Ben Chaabene auch das Drehbuch geschrieben hat, arbeitet mit erzählerischen Tricks, damit er erst das Gutmenschenleben schildern kann. Das plätschert dahin, nur die kritischen Blicke von Gadeha lassen anderes vermuten, aber ihm geht es mehr um seinen Vater.

Es ist ein ruhiges Familienleben. Es gibt eine Oma, die den beiden Jungs Goldkettchen schenkt, einmal taucht das vorherige Leben der weniger bürgerlichen Jungs und früherer Freunde von Gadeah bei ihm auf. Das wird von den Gastgebern, von der Ersatzfamilie, nicht gut aufgenommen.

Es ist Idylle pur. Allein Mutter blickt so finster, dass sie nicht so ganz in diese nette Welt passt. Der Fischkutter des Fischers wird gezeigt. Es gibt ein Familienfest. Die Jungs springen in den Pool. Oder sie sitzen auf einer Bank am Strand und nehmen auf ihren Handys Videos mit hübschen Frauen und deren Wellenbewegungen auf.

Dann passiert der Bruch. Der zeigt, dass dieses vermeintliche Gutmenschentum so ziemlich alles andere ist. Das führt zu einer hochdramatischen Entwicklung, zu harten, existenziellen Auseinandersetzungen.

Wermutstropfen in dieser verführerisch schön erzählten Geschichte ist die deutsche Synchronisation, die ist, um es freundlich zu sagen, nicht berauschend, die bedürfte dringend eines Klinikaufenthaltes.

Bezzel & Schwarz – Die Grenzgänger: Die Isar (BR, Sonntag, 16. Juni 2024, 15.15 Uhr)

Thematisch mäandrierende Heimatkunde –
glimpflich vom Hochwasser verschont

Dieses BR-gemütlich-Format, das die zwei Promischauspieler Sebastian Bezzel und Simon Schwarz in einem Wohnmobil durch Bayern gondeln lässt, mäandriert thematisch zwischen Heimatkunde und Kleingewerbewerbeportal.

Aus den Angaben im Abspann ist nicht klar ersichtlich, wer für die Themenauswahl, die Auswahl der Protagonisten also, verantwortlich ist. Ob das hier Anne Bürger ist? Jedenfalls ist diese Reise der Isar entlang deutlich interessanter als die vorherige, die sich den Lech vorgenommen hatte. Regie führt beide Mal TV-tauglich Ekki Wetzel.

Diese Isar-Reise scheint bei aller Betulichkeit deutlich prickelnder. Die stellt mehr das Wasser ins Zentrum, das Wasser als Quelle, ok, mit einer Sennerin in der Nähe, da wird nicht näher darauf eingegangen. Aber kurz vor München orientieren sie sich über Wasser als Kraft, Wasser, das in einem Kraftwerk zu Strom umgewandelt wird. Das ist sicher von hohem öffentlichem Interesse. Akut wäre das Thema Hochwasser und Überschwemmung und wie dieser vorzubeugen, ratsam gewesen.

Bei Landshut bleibt es beim Thema, diesmal sind es Ehrenamtliche von der Wasserwacht; Thema Ehrenamt, also auch die Wassserrettung.

Wenn das Format sich in dieser Richtung etwas wacher aufstellen würde, was öffentliches Interesse betrifft, so würde das ihm durchaus keinen Zacken aus der Krone nehmen und man würde sich nicht dauernd fragen, was die beiden Schauspieler bewegt, diesen Job zu machen, außer, weil sie dafür aus den Zwangsgebühren bezahlt werden.

Sinnig ist sicher, dass die beiden Wohnmobilreisenden am Ende einer jeden Folge das Gesehene und Erlebte Revue passieren lassen.