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Breite Qualitätsspanne. Eine Doku aus Nordmazedonien, von den Göttern bereitet. Wie England den Irakkrieg sanktionieren wollte. Verhindertes Künstlertum als spannendes Kino aus Kanada. Eine Doku mit überraschenden Wendungen vor dem Hintergrund der neuen deutschen Geschichte. Gnadenloses Machotum aus Brasilien in Telenovela-Kinoschrift. Operettiges Märchen aus Hollywood. Bundeswehrfilm mit sympathischer Protagonistin. Geistiger Kindermund aus Brüssel. Verspulter Zweitgesichts-Spuk aus den USA. Deutscher Subventionskinoabsturz aus Wien. Am Mittwoch gab es einen Latino-Festivaltipp. Auf DVD unterhalten sich ein Filmemacher und ein Architekt geistreich. Das Fernsehen verführte wenig mit dem Batz über Verführung im Dritten Reich.

Kino
LAND DES HONIGS
Wie in Stein gemeißelt ist diese hochdramatische Dokugeschichte.

OFFICIAL SECRETS
Haarsträubend, dass die Initiatoren des Irakkrieges immer noch frei herumlaufen.

BERNADETTE
Unterdrücktes Künstlertum treibt bizarre Blüten.

SWIMMINGPOOL AM GOLAN
Dieser Pool stand einst als Symbol für Hoffnung.

DIE SEHNSUCHT DER SCHWESTERN GUSMAO
Der Schmerz des Zuschauers: mehr zu wissen als die Beteiligten.

DIE EISKÖNIGIN 2
Diesmal wird’s operettiger.

ICH BIN ANASTASIA
und Batallionskommandantin bei der Bundeswehr.

DIE GÖTTER VON MOLENBEEK – AATOS JA AMINE
Schon Sechsjährige haben Geist, können über Tod und Glauben reflektieren.

DOCTOR SLEEPS ERWACHEN
Wir alle sind Bibliotheken.

WAS GEWESEN WÄRE
Erwachsene in den Fängen des deutschen, zwangsgebührenfinanzierten Kinosystems müssen nicht unbedingt Geist absondern.

FESTIVALTIPP
PANTALLA LATINA 2019
Ein bemerkenswertes Latino-Festival!

DVD
RENZO PIANO – ARCHITEKT DES LICHTS
Gepflegte mediterraner Kulturdiskurs.

TV
JAHRE DER VERFÜHRUNG – FARBFILME AUS BAYERN 1931 – 1939
Wie kleine Kinder zerreißen sie filmische Dachbodenfundstücke und batzen sie neu zusammen.

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Fetter Spukfilm.

Jeder Mensch sei eine Bibliothek („We are all libraries“), heißt es an einer Stelle dieser Stephen- King-Verfilmung von Mike Flanagan. Vielleicht ist das der Versuch, in etwa den Telepathie- oder Telekinese- oder Wieauchimmer-Spuk zu erklären. Denn in Bibliotheken sind auch jede Menge Geister vereint, es kann – theoretisch – ein Austausch stattfinden, es können sich Verbindungen ergeben.

Die Bösen in diesem Film sind die Mitglieder einer Gruselsekte, die junge Menschen tötet, um das, was aus ihnen rauchförmig austritt, zu inhalieren. Teile dieses Lebensdampfes werden in einer Mischung aus Urne und Parfümflacon aufbewahrt und ab und an zur Belebung der Geister inhaliert.

Ein Alkoholiker, der sich im Laufe des Filmes therapiert, und ein Mädchen, das ebenfalls dieses Zweite Gesicht hat, wie man vielleicht auch sagen könnte, oder die Fähigkeit zur Parallelexistenz woanders, werden diese Inhaliersekte verfolgen und versuchen, sie auszuschalten.

Der Count-Down des weit über zweistündigen Filmes findet, unter denen, die noch übrig sind, im Setting des berühmten Filmes „Shining“ (gegen vierzig Jahre dürfte es her sein) statt.

Flanagan inszeniert den Film so, dass er ausschaut, als sei er ein Billigprodukt, wie mit Handykamera gedreht, immer nah an den Protagonisten und so, dass überwiegend eine Ausstattung gar nicht nötig ist, das sieht so billig aus, zumindest bis das Shining-Setting relevant wird. Gut bedient sein dürfte, wer Shining präsent hat, wer Shining inhaliert hat.

Mich hat der Film nicht besonders gefesselt und auch nicht meine Fantasie in Bewegung gesetzt, bedingt sicher auch durch diese Enge, die mit den dauernden Close-Ups erzeugt wird oder anders gesagt, die Bibliothek, die ich bin, wurde nicht besonders angeregt, kam nicht ins Rotieren, aktivierte kein Zweites Gesicht – was ja im Grunde genommen eine tüftelige Eigenschaft von Kino sein könnte.

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Faszinierend persönlich.
Erfrischend normal.

Anastasia ist ein Glücksfall für den Dokumentaristen Thomas Ladenburger. Sie ist eine Menschgewinnerin mit wachem Geist, unteitel und reflektiert. Ihr Traum war immer, da war sie lange noch ein Mann, Bundeswehrsoldat zu werden, denn schon ihr Vater war Flieger bei der Institution.

Der Film setzt zu dem Zeitpunkt ein, wie Anastasia erst richtig zur Frau wird, zu welchem sie ihr Doppelleben beendet. Bis dahin hatte sie es schon weit gebracht in der Armee. Jetzt wird sie Batallionskommandantin. Und in dieser Zeit lernt sie ihre Frau kennen; das ist auch die Zeit der physischen Geschlechtsumwandlung; die wird hier ganz offen erörtert, es sind Dinge zu hören und auch zu sehen, die bei dem Thema gerne verdeckter behandelt werden.

Es gibt in Gesprächen mit Anastasia einen Rückblick auf ihr Leben, dass sie sich immer schon anders gefühlt hat, dass es aber gedauert hat, bis ihr klar war, was es ist, bis sie anfing, heimlich die Kleider der Mutter zu tragen, später die Heimlichkeit an heimlichen Orten mit anderen geteilt hat. Denn offiziell war sie immer noch ein Mann ohne Wenn und Aber und auch Soldat.

Dann die Reaktionen von Verwandten, Freunden und Bekannten, beim Militär bis zu Shitstorms im Internet auf die Bekanntgabe der Umwandlung (sie selber feiert das mit einer „Schwanz-ab-Party“!). Zum Glück hatte Anastasia bei der Bundeswehr einen verständnisvollen Vorgesetzten, der bereit war, sie auf ihrem Weg zu unterstützen. Es gab peinliche Befragungen durch den psychologischen Dienst, es gibt noch Vorschriften, die Homosexualität und Transgender als Krankheiten definieren.

Bald folgt die Einberufung nach Afghanistan, vorher noch schnell die Heirat und ihre Frau bemerkt, dass Anastasia in der Truppe sehr glücklich sei, leicht melancholisch; aber der Job mache Anastasia „einen Heidenspaß“. Mit der Heirat kommt ein Schuss Romantic Comedy in den Film, der gleichzeitig ein sympathischer Werbefilm für die Bundeswehr ist; davon könnte sie mehr gebrauchen bei den überwiegend negativen Schlagzeilen von Nazisymbolen in den Spinden, dem nicht einsatzfähigen Material bis hin zu fragwürdigen Beraterhonoraren und weltweiten Einsatzfantasien der aktuellen Ministerin.

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Wenn Wessis Ossis spielen,
kann der Filmtitel nur ein Konjunktiv sein.

Die DDR hat die Menschen kaputt gemacht.
Das lässt jedenfalls die Figur der Astrid vermuten.
Jetzt diskutiert sie das Gesinnungsthema mit ihrem wohlbeleibten Lover in einem Hotel in Budapest. (Den kennt sie seit zwei oder drei Monaten – in Budapest läuft ihr der Ex-Lover von vor dreißig Jahren in der DDR über den Weg. Das verursacht die Probleme im Film).

Hier quälen sich Schauspieler damit, ein unspielbares Drehbuch halbwegs plausibel auf die Leinwand zu bringen, sie sprechen die Sätze knapp, möglichst sachlich, sie werfen bedeutungsvolle Blicke, sie haben in den Dialogen vor allem Informationen auszutauschen, die das Drehbuch nicht in Spielform bringen kann, so gibt es viele Talks in Hotelzimmern, in Restaurants, in Bars, auf Brücken, am Flughafen und dann noch Zeitsprünge dreißig Jahre zurück in die DDR.

Dem Zuschauer werden Bruchstücke an Szenen vorgesetzt und er soll sich zusammenreimen, was sich Autor Gregor Sander, der einen eigenen Roman – offenbar ohne Drehbuchprofessionalität – zum Drehbuch umgeschrieben hat und den Regisseur Florian Koerner von Gustorf, auch er offenbar wenig bekleckert vom Regiegenius, auf die Leinwand bringen soll.

Was wollen diese Menschen auf der Leinwand? Wollen sie die Liebe untersuchen, junge Liebe in der DDR, 3-Monats-Liebe gestandener Semester (Patient und Ärztin) auf Kennenlern- oder Liebestrip in Budapest?

Erschwerend kommt hinzu die oft nuschelige Aussprache der Akteure (sowas fällt weniger ins Gewicht, wenn ein Drehbuch Stringenz hat; was hier nicht der Fall ist; hier ist es ein Flickenteppich, das den Namen Drehbuch nicht verdient).

Zur Halbzeit statt Pause wird DDR-Disco reingehauen.

Dann gehts weiter mit Erzählungen von einer Tante in Darmstadt, von der Ausreise aus der DDR; der Partner mimt Pseudointeresse. Es folgt ein Mädelsgespräch in der DDR. Dann sitzt einer am Münchner Flughafen und die Mädels kriegen Krach. Dann kommt die Wiederbegegnung. Die wird zwar mit großen Augen und verlegenem Lächeln kurz überspielt und dann wird weitergeredet wie bei einer normalen Geschäftsbesprechung.

Das Kino als Erklärkino dessen, was es nicht kinematographisch zu schildern vermag. Man hat das Gefühl, die Schauspieler erzählen halt das Drehbuch, aber nicht eigene Erfahrungen und Erlebnisse.

Derweil schaut der wohlbeleibte Wessi in Wien sorgenvoll auf einer Parkbank. Dann will er abhauen. Sie will es nicht. Und immer noch dauert der Film über 20 Minuten. Der Film wird erweitert um eine Einladung von Sascha und Julius zu einem ungarischem Künstlerehepaar. Hier nochmal OrbanBashing (kommt gut bei öffentlich-rechtlichen Fernsehredakteuren, ist aber kein Kriterium für einen guten Film, den die Leute dann auch anschauen wollen).

Dann kommt es zur erneuten Liebesszene zwischen der alten Astrid und dem alten Julius und die wirkt so, als ob die Schauspieler das als Spielauftrag verstehen, mehr ist nicht, dass die so eine Geschichte hinter sich haben sollen, ist nicht da.

Dann ein historischer Gesprächsexkurs bei Künstlers. Und dann Erlebnisse und man hat immer den Eindruck, es sind nicht die eigenen Erlebnisse der Schauspieler, es sind gut präparierte Sätze. Und immer noch kein Ende. Oh je, und jetzt wollen sie nochmal an die Grenze fahren, die Alten, Wohlgenährten. Der dominante Eindruck bleibt, gute Schauspieler befolgen Regieanweisungen. Für spannendes Kino ist das zuwenig.

Dass dieser Eindruck entsteht, hat viel mit dem Drehbuch (und der ungelenken Regie) zu tun, das sich die Figuren viel zu wenig gründlich überlegt hat, das sie nur als Spielfiguren erfunden hat vor dem Hintergrund der großen geschichtlichen Probleme, – die auf diese Art keinerlei Relevanz erhalten.

Grundübel der deutschen Drehbuchkultur, dass sie keine Geschichten plausibel/glaubwürdig erzählen kann. Aber es läge auch an den Schauspielern, solche hirnverquasten Drehbücher mit unspielbaren Rollen abzusagen, einen Gefallen haben sich hier Christiane Paul, Ronald Zerhfeld, Sebastian Hülk und Barnaby Metschurat nicht getan.

Wieder einer der Filme, der vermutlich mit einer bestechenden Exposépräsentation die Förderer überzeugen konnte, obwohl in der Endausfertigung alle Klarheiten beseitigt waren … weil: das Detail, die Dialoge machen die Musik, machen den Film – und nicht das Exposé.

Ein Film, bei dem mir nicht klar wird, was er wirklich erzählen will, außer einer diffusen DDR-Aufarbeitung – und wie diese Menschen heute noch gestört sind – vielleicht.

Hier scheint Andreas Schreitmüller von Arte einmal mehr auf ein Treatment hereingefallen zu sein.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Überraschende Wendung

zum Tiefpunkt … und bis zur nächsten Reise.

Solche Filme, persönliche Biopics auf der Suche nach der eigenen Herkunft und Zukunft vor dem Hintergrund der Deutschen Geschichte von der Nazizeit bis heute bieten immer wieder aufregend persönliche und differenzierende Einblicke in diese komplexen historischen Verhältnisse.

Hier versucht Esther Zimmerin, die mit Friederike Ander und Ruth Olshan auch das Drehbuch geschrieben hat, in einer Dokumentation, die sich über 9 Jahre spannt, mehr über ihre Herkunft zu erfahren und daraus Orientierung und Schlüsse für die eigene Zukunft zu erhalten.

Dabei geht Zimmering vom Heute aus und schält die Geschichte nach und nach zurück. Sie ist in der DDR aufgewachsen und war erstaunt, dass sie so wenig Verwandtschaft hatten, außerdem, dass sie und ihr Bruder jüdische Vornamen hatten, Esther und Daniel, obwohl weit und breit kein Judentum praktiziert wurde.

Mit dem Fall der Mauer gab es plötzlich Verwandtschaft in Israel. Eine Schwester der Mutter lebte dort. Die war aber bereits dement, wie die Filmemacherin sie für die Dokumentation interviewen wollte.

Aber es gibt noch andere Verwandte. Immer wieder reist die Filmemacherin nach Israel. Es ist ihr Traumland. Sie möchte dort leben, möchte dort zum Militär. Aber das geht nur, wenn sie einen Israeli heiratet, denn sie selbst hat keine jüdische Mutter.

Mit dem Fortschreiten des Rückblickens weitet die Familienvorgeschichte sich aus auf England (damit verbunden ist eine kleine Korrektur zum DDR-Geschichtsbild, dass nämlich die FdJ gar nicht dortselbst gegründet worden sei!) und bis nach Genf zum Posten des ersten DDR-Gesandten bei der UNO. Dort war der Vater der Filmemacherin ein kleiner Bub. Dessen Schwester ist vorher schon in London zur Welt gekommen. Auch sie, die nie eine Klinkenputzerin, aber immer eine Aneckerin war, ist eine Informationsquelle.

Der Film von Esther Zimmering ist wie ein Weg durch ein wundersames Labyrinth, in dem immer wieder Unerwartetes auftaucht. Besonders überraschend ist der Schluss, den sie aus all ihren Recherchen und Betrachtungen gewonnen hat: wofür sie sich für ihren Lebensinhalt entschieden hat, wobei es hierbei nicht um sie als Filmemacherin oder als Schauspielerin geht, als welche sie eine beachtliche Liste an Credits bei ImdB aufweist, sondern darum, dass sie politisch tätig werden wolle.

Der Tiefpunkt der Geschichte ist rein geographisch gemeint; es ist ein Besuch am Toten Meer an der tiefsten Stelle unter Meeresspiegel; der findet aber statt zu dem Zeitpunkt, der einen markanten Wendepunkt in Esthers Leben und in ihren Zielen darstellt; während das Ziel ihrer nächsten Reise bis dahin keine Überraschung mehr sein dürfte.

Diese Entwicklungen zeigen, dass die Welt doch vielfältiger, weltbürgerlicher werden kann, gegen die Engstirnigkeit von Faschismus, Zionismus, Antisemitismus, Rassimus. Der Swimmingpool im Titel ist ein Symbol für enttäuschte Hoffnungen – aber solche können auch Platz freiräumen für neue Ziele.

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An den Rändern Europas – Hatidze und Muzo.

Als ob ein ganz großer Dramatiker oder Schriftsteller – wie Shakespeare, Dickens oder Dostojweski – das Drehbuch geschrieben hätte, erzählen die Dokumentaristen Tamara Kotevska und Ljubomir Stefanov ein Jahr aus dem Leben der 63-jährigen Imkerin Hatidze.

Sie lebt mit ihrer seit vier Jahren bettlägrigen Mutter Nazife in einem Einraum-Steinhaus in einem verlassenen, verfallenden Ruinendorf in den Bergen Nordmazedoniens. Elementardramatik pur: die Mutter weiß, dass sie der Tochter zu Last fällt und triezt diese damit, dass sie noch lange leben und ihr somit Schmerzen zufügen würde.

Im Gespräch mit der Mutter, warum Hatidze ledig geblieben sei, schiebt die Mutter die Schuld auf den lange verstorbenen Vater, der mit den Angeboten der Kuppler nicht einverstanden gewesen sei – wenn es denn wahr ist.

Aufopferung der Tochter für die Mutter. Den Lebensunterhalt der beiden bestreitet die Tochter mit Imkerei, nachhaltig, natürlich, ohne Zugabe von Zucker. Sie hat einen kleinen Garten mit ganz ungewöhnlichen Bienenstöcken und sie pflegt auch „Fenster“, das sind Bienenstöcke im Dorf, in den Ruinen, an felsigen Abhängen. Hier ist jeweils eine schwere Steinplatte der „Deckel“.

Mit dem Besuch eines solchen Stockes an einem steinigen Abhang beginnt der Film in einer ungewöhnlich großartigen Kinolandschaft. Hatidze gewinnt den Honig behutsam mit bloßen Händen und nur etwas Rauch.

Allein dieses Leben mit der Mutter und den Bienen böte Stoff genug für eine lange Dokumentation, kommen doch noch Marktbesuche in Skopje oder das Verjagen von Wölfen nachts im Winter mit einer Fackel und hellen Rufen hinzu, zu schweigen von der Landschaft und dem Gesicht von Hatidze, in welches ihre Geschichte tief eingeschrieben ist. Dabei ist das erst der Anfang, die erste Stufe der Dramatik.

Gegen Sommer hin marschieren Türken, wie Hatidze vermutet, auf dem Nachbargrundstück auf mit einem Wohnwagen, blau bemalten Bienenkästen und einer großen Kuhherde. Eine Familie, die nach dem Prinzip lebt: jedes Jahr ein Kind. Und auch hier wäre allein die robuste Kindheit dieses Nachwuchses eine Dokumentation wert, wie schon ein kleiner Bub eine Kuh mit einem Seil einfängt, wie er Geburtshilfe leistet bei einem Kalb; das ist nicht zimperlich, umso mehr als der Vater nicht der geborene Vater scheint, noch der geborene Viehhirt noch der geborene Imker.

Das hat seinen Preis: 50 tote Kälber gegen Ende des Sommers. Ein grundsätzlicher Konflikt entwickelt sich mit Hatidze. Die Kinder kosten Geld. Honig bringt Geld. Je mehr Honig, desto mehr Geld. Aber Honig sollte behutsam geerntet werden. Die Hälfte sollte, so Hatidze, den Bienen gelassen werden. Ein Händler bietet dem Vater Hussein viel Geld, so dass er seine Bienen ausbeutet. Dadurch werden sie aggressiv und greifen die Bienen von Hatidze an; deren Bienen durch schonende Behandlung friedlich bleiben.

Zwischen den beiden Ansichten ist der aufsässige Junge Muzo, den der Vater seine Bienenstöcke ernten lassen möchte. Aber Muzo freundet sich mit Hatidze an, sie gewinnt sein Vertrauen und er lernt wissbegierig den guten Umgang mit den Bienen, wodurch es zum Konflikt mit seinem Vater kommt, auch das eine Drama, das für einen ganzen Spielfilm gut wäre.

Flugzeuge mit ihren Kondensstreifen am Himmel erinnern daran, dass die Zivilisation nicht weit ist. Aber menschliche Dramen scheren sich nicht um Zivilisationsgrenzen. Dass die Dokumentaristen Kotevska und Stefanov diese Leute gefunden haben und wie die Geschichte selbst eine unvorhersehbare Dramatik entwickelt, das dürfte für dokumentarische Filmemacher wie ein Sechser im Lotto sein. Sie haben daraus einen Film gemacht, der einem im Gedächtnis bleibt, der vielleicht als einer der stärksten des Jahres oder sogar darüber hinaus in Erinnerung bleiben dürfe.

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Der Preis der Ehrenhaftigkeit in der Machowelt.

In einer zum Kinoformat weiterentwickelten Telenovela-Handschrift erzählt Karim Ainous (Praia do Futuro) nach dem Drehbuch von Murilo Hauser die Geschichte der beiden Schwestern Gusmao, von Euridice (Carol Duarte) und Guida (Julia Stokler).

Es sind zwei Schwestern im heiratsfähigen Alter, sie leben bei den Eltern, sie lieben sich, sie mögen sich, sie brauchen sich, das zeigt eine Szene im an Rio de Janeiro angrenzenden Dschungel hinterm Zuckerhut, wie sie sich ständig mit Zurufen suchen.

Vater Manuel (Antonio Fonseca) ist Bäcker und hat klar Vorstellungen von Ehe und wie sie arrangiert werden muss. Euridice soll den Mehlfabrikanten Antenor (Gregorio Duvivier) heiraten. Da steckt geschäftliches Kalkül dahinter.

Euridice träumt davon, am Mozarteum in Salzburg Klavier zu studieren. Aber weil sie die brävere ist, fügt sie sich, sie geht unaufgeklärt in die Ehe, das zeigen Gespräche vor der Hochzeitnacht. Sie hat noch nie einen nackten Mann gesehen, sie erhält Tipps, wie sie den Geschlechtsverkehr vorzeitig abbrechen kann, da sie keine Kinder will; sie wird – noch im Brautkleid – das erste Mal eines erigierten Pimmels ansichtig (der Zuschauer darf mitgucken). Man muss den Gusmaos zugute halten: dieser Teil des Filmes spielt in den frühen 50er Jahren.

Guida ist die weniger Gehorsame. Sie büxt nächtens mit Hilfe ihrer Schwester aus und ab in die Discos. Sie ist heillos verliebt in den Griechen Georgios. Der ist ein Lump und macht ihr ein Kind, mit dem sie schwanger aus Griechenland, wohin sie über Nacht abgereist ist, nach Hause zurückkehrt.

Die Reaktion des Vaters ist konsequent gemäß dessen Welt- und Ehrenbild und entscheidet so über den Fortgang der Geschichte der beiden Schwestern.

Ainouz erzählt diese Geschichte mit pointiert ausgwählten Szenen, die selbst wieder in telenovelahaft detailreicher Ausführlichkeit geschildert werden (wirkt so wie Extensiv-Kino), von der Hochzeitsnacht über die gynäkologische Untersuchung bis hin zur Geburt. Alles dreht sich um die Fortpflanzung, so ist das bei den Menschen.

Zwischendrin macht Ainouz ganz große, dann sogar gewaltige, generationenüberhupfende Sprünge in seiner Geschichte. Im Gegensatz zu seinem Film Praia do Futuro ist diese Geschichte näher am Groschenromanformat.

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Kindermund.

Das ist die Hauptfaszination dieses Filmes, wie die Protagonisten, 6-jährige Kinder aus dem Ortsteil Molenbeek von Brüssel, angehalten werden über Gott und den Tod, die Religion zu sprechen.

Der Film von Reetta Huhtanen ist durchweht vom Geist der Steiner-Schulen, der ist behutsam, weltoffen, allergisch gegen Feindbilder.

Die Filmemacherin ist die Tante des 6-jährigen Aatos, der in der Schule schon selbständig Vorträge hält. Er stammt aus Finnland, lebt im Viertel Moolenbeek von Brüssel, das eine multikulturelle Mischung aus Einwanderern der verschiedensten Provenienzen darstellt.

Aatos sprich Finnisch mit der Mutter, Spanisch mit dem Vater, Französisch in der Schule und vermutlich auch ein paar Brocken Arabisch und Russisch mit Kindern aus der Nachbarschaft. Sein Freund ist der muslimische Amine aus Marokko. Der lernt Arabisch.

Die Tante von Aatos ist ihm vertraut und sie scheint auch wunderbar das Vertrauen der Spielkameraden von Aatos gewonnen zu haben, es kommt noch das Mädchen Flo dazu.

Die Filmemacherin interessiert sich für die Themen Gott und Glauben, Religion, Terror und Tod und Angst. Sie lässt die Kids darüber reden, das tun sie frisch von der Leber weg, auch nach den Anschlägen von Brüssel, dem „Mardi Noir“, für die Muslime aus Mollenbeek verantwortlich gemacht wurden. Das zeitigt Demos in dem Stadtteil.

Aatos wundert sich, wie Mutter am Abend ein finnisches Märchen erzählt, warum darin keine Bomben vorkommen. Aber die Filmemacherin begleitet die Kids auch beim Spielen mit dem Ball oder Tretroller im Hinterhof, beim Baumklettern, im Park, am Wasser.

Der Film ist eine intime Momentaufnahme aus einem zeitaktuellen Schmelztiegel in Europas Verwaltungshauptstadt. Es folgt ein Abschied, denn die Eltern von Aatos ziehen nach Finnland; Aatos wird dort eine Steiner-Schule besuchen. Amine weint.

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Künstlerpotential,

ungenutzt kann es die merkwürdigsten Katastrophen anrichten – oder versuchen, bis zum Nordpol zu fliehen.

So jedenfalls ergeht es Cate Blanchett als Architektin Bernadette Fox, die in L.A. ganz jung einen Raktenstart an die Weltspitze der Architektur hingelegt hat. Cate Blanchett ist allein schon den Kinoeintritt wert. Sie ist vorm Erfolg aus L. A. nach Seattle in Kanada geflohen. Dort hat sie einen Microsoft-Mann geheiratet, Elgie (Billy Crudup).

Bernadettes letzte kreative Leistung war der Umbau einer Fabrikhalle in die Wohnung für sie, ihren Mann und Tochter Bee (Emma Nelson). Die steht kurz vom Wegzug ins College und wünscht sich, mit ihren Eltern einen Urlaub in der Antarktis zu verbringen. Das schafft für die unterbeschäftigte Bernadette Probleme. Sie mag es nicht, mit wildfremden Menschen zusammen sein zu müssen, zu sozialisieren; das ist auf einem Schiff mit 150 Passagieren nicht zu vermeiden. Sie benimmt sich daneben. Sie sucht nach Gründen, die Antarktis-Reise abzusagen.

Mit ihrer Nachbarin Audrey (Kristen Wiig), einer Nachbarschaftsaktivistin, steht sie auf Kriegsfuß, so sehr, dass sie einen Abhang mit Brombeeren so brutal weghacken lässt, dass dieser beim nächsten Starkregen als braune Brühe in die hübsche Villa von Audrey hineinfließt – Audrey gibt gerade eine Party.

Künstler, die sich nicht künstlerisch ausleben können, können zu Nervensägen mutieren, unterdrücktes Künstlertum zur Tyrannei für die Umgebung, unterträglich, das kann so weit gehen, dass ihnen Nervenkrankheiten angedichtet werden und die entsprechenden Behandlungen in Erwägung gezogen werden müssen. Das wiederum treibt die Künstlerenergie zu noch unvorhersehbareren Taten und damit die Dramatik des Films von Richard Liklater, der mit Holly Gent und Vincent Palmo Jr. das Drehbuch nach dem Roman von Maria Semple geschrieben hat, wieder eine Drehung weiter, bis das Anfangsbild von Bernadette, die in der Antarktis paddelt erklärt ist und damit der Startschuss für das letzte Kapitel des Filmes gegeben.

Der Film ist auch ein Seattlefilm unter Berücksichtigung der dortigen Dominanz der Weltfirma Microsoft.

Linklater hat ein fabelhaftes Schauspielerensemble versammelt, das einen genau beobachteten Alltag besserer Verhältnisse überzeugend rüberbringt. Und was täten Sie, wenn in Ihrem Haus unter dem Teppich plötzlich eine Pflanzenranke sich bemerkbar macht? Die Antwort gibt Bernadette.

Das Motto, unter das der Film, der aus der Sicht von Tochter Bee erzählt wird, gestellt ist: wie das Gehirn mit Überraschungen umgeht. Dass ein Schmuckstück, das jemand erhält, im ersten Moment die größte Entzückung auslöst, welche aber von Tag zu Tag kleiner wird und dass diese Emotion auch mit Angst und Gefahr zu tun habe.

Der Zuschauer darf weiter reflektieren, dass ein Künstler oder eine Künstlerin etwas nicht gebrauchen kann, nämlich Routine, Gewohnheit, dass so einer ständig Überraschungen und Herausforderungen braucht; was Cate Blanchett als Bernadette großartig plausibel macht – und wenn das mit den Überraschung nicht funktioniert, dann können vielleicht Tabletten helfen.

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Die Pantalla Latina in St. Gallen geht in die zweite Dekade und hat sich ihren Platz im Festivalkalender erobert. Die Begeisterung des übersichtlichen Festivals gilt dem lateinamerikanischen Film, von dem jährlich eine anregende Auswahl präsentiert wird. Das beinhaltet drei Kurzfilmprogramme, die mit einem Publikumswettbewerb verbunden sind. Festivalort ist das einzige in der Innenstadt von St. Gallen noch verbleibende Kino (bis auf das Programmkino KINOK), das Kino Scala. Im Folgenden die Filme mit direkten Links zur Programmvorschau.

LA CORDILLERA DE LOS SUENOS
Chile. Dokumentation über die Kordilleren.

LA DISTANCIA MAS LARGA
Venezuela. Zwei Gesichter des Landes anhand einer Oma-Enkelin-Begegnung.

YO, IMPOSIBLE
Interssexualität in Venezuela.

LA CAMARISTA
Mexiko. Der Traum vom sozialen Aufstieg eines Zimmermädchens.

AGOSTO
Kuba. Coming of Age anno 1994.

LA CASA DE ARGUELLO
Argentinien. Persönlich-familiäre Diktaturaufarbeitung.

EL PUEBLO SOY YO: VENEZUELA EN POPULISMO
Venezuela. Doku, wie es politisch so weit kommen konnte.

LUCIERNAGAS
Mexiko. Auf der Flucht, schwul, irrtümlich in Mexiko gelandet.

RETABLO
Peru. Coming-of-Age im Kunstschnitzermilieu.

PIAZZOLLA, THE YERAS OF THE SHARK
Argentinien. Biopic eine virtuosen Musikers.

LA LLORONA
Guatemala. Diktaturaufarbeitung als Drama.

PELO MALO
Venezuela/Peru. Precoming-of-Age.

WOMEN OF VENEZUELAN CHAOS
Venezuela. Doku: fünf Frauen kämpfen um ihr tägliches Überleben.

CENIZA NEGRA
Costa Rico. Komplizierte Kindheit in einfachen, ländlichen Verhältnissen.

A VIDA INVISÍVEL DE EURÍDICE GUSMAO
Brasilien. Was Machotum eines Vaters anrichtet.

EL AMPARO
Venezuela/Kolumbien. Einfache Fischer oder Guerilleros?

Die Kurzfilmprogramme zeigen Filme aus Argentinien, Chile, Mexiko, Venezuela, Kolumbien und El Salvador. Dazu gibt es ein anregendes Rahmenprogram mit Pantalla Bar, Fotoausstellung, Tango Nuevo, Märchengeschichten und Lieder.

Und hier geht es direkt zur Festivalsite.

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