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Kommentar zu den Reviews vom 3. September 2026

Kino ist Konzentrat. Konzentrat von Zeit und Sein. Ein irres Konzentrat. Kino ist verdichtetes Leben. Es kann aber auch ein Dilatat sein, Ausdehnung, Ausweitung von Leben schlechthin, oder Auseinanderdividierung, Filettierung, Vergrößerung oder Verkleinerung, Reduzierung oder Herauskristallisierung, es kann eine Reise in die Tiefe sein oder ein rasender Ritt an der Oberfläche. Es kann im Rezipienten einen Perzeptionssturm auslösen, es kann nur einen kleinen Teil der Hirnzellen aktivieren oder einen größeren. Aber auch die Gefühlszellen bleiben nicht ungeschoren. Kino ist in seiner Gesamtheit kaum zu beschreiben, kaum zu erfasssen, drum muss das ständig erneut versucht werden an ständig neuen Filmen oder aber auch an Filmen, die sich gehalten haben. Kino hat mit Kunst zu tun, in Italien meisterlich schaut es auf die Kostümkunst. Kino kann wichtige Zeugnisse der Geschichte festhalten, gerade über Zeiten, die sich nie wiederholen sollten. Kino hat mit Politik zu tun, in Deutschland schaut es auf die Zeit zurück, als ein berühmter Exilant sich durch das zerstörte Land fahren und feiern lässt. Zwei animierte europäische Ameisen machen sich auf die Suche nach den Ursachen eines Wassermangels. Wenn den Deutschen nichts mehr einfällt, machen sie das Remake einer französischen Komödie. Es gibt aber auch weltoffenere Deutsche, die sich mit dem Rad auf Afrikatour aufmachen. In Pakistan ist es schlecht um die Bildung bestellt, und das nicht zufällig, findet ein Mädchen heraus. Das Haudrauf-Thema ist ein chronisch amerikanisches, heute in femininer Form oder in der männlichen, aber diesmal wissenschaftlich-experimentell hochgezüchtet. Dann wiederum gibt es Deutsche, denen kann die ganze Weltpolitik gestohlen bleiben, sie versuchen wie in der Bastelstunde einer von ihnen verehrten, längst verblichenen Malerin ein Kränzchen zu winden. Auf DVD kommt aus Frankreich eine Klerikalkomödie, die es hier nicht ins Kino geschafft hat. Eine Deutsche wiederum wirft einen nicht ganz unmoralinischen Blick auf Leute, die sich mit Dreck aus dem Internet beschäftigen. Dann gibt es noch einen UK-USA-produzierten Animationsfilm, der Schafen Ermittlungsaufgaben überträgt.

Kino

DIAMANTI
Wenn die Liebe zur Kunst über das Kostüme geht.

ALBRECHT WEINBERG – ES IST IMMER IN MEINEM KOPF
Einer der definitiv letzten KZ-Zeugen

VATERLAND
Geschminkt als Thomas Mann genießt Hanns Zischler seine Fahrt durch das Nachkriegsdeutschland im Mercedes mit Schweizer Kennzeichen wie ein Staatsgast. Er wird chauffiert von Sandra Hüller.

ARNE & BARNEY
Ameisen mit menschlichen Dürreproblemen

DAS GEWISSE ETWAS
Der Unterschied zum französichen Original dieses deutschen Remakes: in Frankreich hat ein populärer Komiker die Hauptrolle gespielt.

SAME SUN – MIT DEM FAHRRAD DURCH AFRIKA
Wer durch Afrika strampelt, der kann was erleben, dem wird die Dimension dieses Kontinentes erst so richtig bewusst.

GHOST SCHOOL
Pakistanische Antibildungsintrigen mit Gespensterstories

THAT’S WHY THE LADY IS A CHAMP
Die Bergmannstochter, die alle vermöbelt.

ONSLAUGHT
Hochgezüchtete Schlächtermaschinen

WER WEISS SCHON, WAS EIN LEBEN IST
Wichtiggetue um eine berühmte Künstlerin

DVD
PAPAMOBIL – EIN PAPST ON TOUR
Papstreise, gesponsert von mexikanischer Drogenkartellchefin

AMERICAN SWEETSHOP
Horror der Internetzensoren, die behaupten, Moderatoren zu sein.

GLENNKILL: EIN SCHAFSKRIMI
Schafe als Detektive

Wer weiß schon, was ein Leben ist?

Selbstdokumentierte Dokufiktion

Es fällt in diesem Film von Annelie Boros und Vera Brückner (Paula) schwer, sich auf Paula-Modersohn-Becker zu konzentrieren, um sie herum ranken sich vielfältige, ebenfalls künstlerische und wissenschaftliche Bemühungen.

Es ist die selbstdokumentierte Doku-Fiktion, mit der sich die beiden Filmemacherinnen der Künstlerin anzunähern versuchen, bis zwei Drittel des Filmes sind ein Faden die inszenierten Drehvorbereitungen.

Die Regisseurinnen setzen Fachleute vielfältiger Provenienz (Kuratoren, Historiker, Star-Autoren, Museumsdirektoren) in eindringlichem, enorme Aufmerksamkeit heischendem Schwarz-Weiß in ein leeres Theater, sie blenden zu Zitaten newshaft „Newsflashs“ ein, sie zeigen einen Teil des Casting- und Rechercheprozesses, Leseproben, Fahrten durchs Studiogelände, quasi private moments der Akteure, die eingeübt und gespielt wirken, der Filmvorbereitung für den Film, den es als solchen wohl nicht geben wird.

Die beiden Fiktionalistinnen überlassen der Tonspur eine eigene, vom Geschehen auf der Leinwand unabhängig wirkende Dynamik, auch künstlerisch; ablenkend. Sie wollen als Filmkünstler selber mit diesem fleißigen Gebastele auf sich aufmerksam machen.

Zwischendrin werden eindrückliche Bilder der Malerin eingeblendet, die selber viel Aufmerksamkeit binden.

Dann gibt’s Impressionen vom heutigen Paris, von einer Führung durch das Hoetger-Anwesen in Worpswede, Wohnhaus- und Museumsbesuche.

Dann fällt der Satz, „Du brauchst mal wieder ein Erfolgserlebnis“ und ab in den Rummel, Büchsenschießen, Karussellfahren. Kamera und Spielerei mit Filmgrafik entwickeln Eigenambition. Too much.

So ein Film verstellt den Blick auf die Künstlerin eher, als dass er ihn öffnet und weitet. Nicht mal Epigonal-, lediglich subventionierte Sekundärfilmkunst.

Der Augenfang schlechthin in diesem Film, der vorgibt, sich mit einer Malerin zu beschäftigen, ist die Inszenierung der Starautorin inmitten einer Sinfonie von Blumenarrangements vor großem Fenster in einem luxuriösen Muschelsessel. Ein Motto von Paula Modersohn-Becker: die Kräfte voll zu konzentrieren, hier ins Gegenteil verkehrt: hier werden sie diffundiert. Die von den groß in Szene gesetzen Experten heiß diskutierter Frage, mit wem Paula Modersohn-Becker Sex gehabt habe, ist ein Hinweis auf das profunde kunsthistorische Interesse dieser Möchtegern-Doku und eine kräftige Volte gegen einen allfälligen Scharlatanerie-Verdacht.

Das gewisse Etwas

Rezept, das sich rechnet.

Große Filmproduktionsfirmen, und vermutlich nicht nur in Deutschland, müssen ihren Laden am Laufen halten. Wie hier in Deutschland Constantin-Film mit Oliver Berben an der Spitze. Sie verfügen über Renommee, die nötigen Beziehungen zu den Geldquellen, Finanziers, Filmförderern, Fernsehen. Sie haben Kontakte zu den besten Leuten der verschiedenen Gewerke und zu den bekannten Schauspielern, Regisseuren und Drehbuchautoren.

Was ihnen offenbar manchmal zu fehlen scheint, das sind Ideen für Projekte. So muss es sich bewährt haben, Filme, die in Frankreich – und natürlich nicht nur dort – Erfolg hatten, diese, selbst wenn sie hier im französischen Original – mit Untertiteln oder synchronisieert – gelaufen sind, zu remaken.

Dies war mit Contra so, hier haben stefe einige Punkte in der deutschen Fassung sogar besser gefallen als im Original Die brillante Mademoiselle Neili – Le Brio. Oder Der Vorname im deutschen Remake ebenfalls als Der Vorname , der Nachname, zu Deutsch ebenfalls Der Nachname und später der Spitzname als eigenständiger deutscher Sprößling Der Spitzname.

Allesamt Filme, sie sich für die Produzenten gerechnet haben dürften, die bei der Kritik eher skeptisch aufgenommen worden sind.

Ähnlich dürfte es sich mit dem hier vorliegenden Remake des Filmes Was ist schon normal? verhalten. Auf jeden Fall die Zweitverwertung nach dem Kinoauftritt dürfte sich rechnen.

Der Film ist ein solides Industrieprodukt, deutlich zackig preussischer als das französische Vorbild. Es fehlen ihm Charme und Vibe des französischen Originals, das dieses dort außerordentlich erfolgreich gemacht hat. Vielleicht auch, weil es den Spirit des französischen Komikers Artus ungefiltert atmet.

Die zwei Juwelenräuber Alex (Max von der Groeben) und Karlo (Florian Lukas) geraten auf der Flucht vor der Polizei in eine Reisegruppe Behinderter hinein, weil die Deppen ihr Auto auf dem Behindertenparkplatz abgestellt hatten und dies gerade abgeschleppt wird. Ungünstige Ausgangssituation für die Flucht.

Die Behindertengruppe aus dem Fliederhaus unter Leitung von Mala Emde, die gerade dabei ist, den Reisebus zu besteigen, hält Alex für den erwarteten Otto, den niemand in der Gruppe kennt. Das checken die beiden Juwelenräuber und spielen das Verwechslungsspiel mit.

Karlo gibt sich als der Betreuer aus. Zwischen ihm und Joshua (Simon Rupp) wird sich über den Fußball ein besonderes Verhältnis entwickeln, was in der deutschen Variante allerdings nicht so fein die Annäherung der beiden Welten charakterisiert wie im französischen Original. Dafür wird beim Essen deutlich gezeigt, dass es Pampe ist, sehr dick auf die Teller gehauen.

Das mit dem Handy-Empfang ist so eine Sache, weil man die Ortschaft in Sichtweite hat; das französische Original hat die Abgelegenheit des Ferienhauses glaubwürdiger rübergebracht. Die solide Regie besorgte Marc Rothemund, die deutsche Bearbeitung des Drehbuches Murmel Clausen. So verdienen denn alle ihre Geld und trotzdem dürfte niemand so recht glücklich sein mit so einem Produkt.

That’s Why the Lady is a Champ

Harte Kost, weich verpackt

Lesbiertum im harten Boxsport mag gesellschaftlich noch angehen und nicht so tabuisiert sein wie Schwulität bei Fußballern; nicht so in West Virginia im Bergarbeitermilieu, aus dem Christy Salters, später Christy Martin (Sydney Sweeny), stammt. Sie ist eine begabte Basketballerin und zum Missfallen ihrer Familie mit Rosie (Jess Gabor) zugange. Aus Spaß macht sie bei einem Boxkampf mit und erweist sich als begabt.

Da ihre Familie und sie in Geldnöten sind, nimmt sie das Angebot für einen Kampf, bei dem sie Geld bekommen kann, an. Das setzt den Anfangspunkt einer Karriere, die keine Traumkarriere sein wird.

Christy wird dem Boxtrainer Jim Martin (Ben Foster) vorgestellt. Der nimmt sie unter seine Fittiche. Ohne größere Probleme oder innere Kämpfe lässt sie sich auf ein Verhältnis mit ihm ein, lässt Rosie sausen, sie heiratet ihn. Sie wird angepriesen als die Bergmannstochter aus West Virginia, die alle vermöbelt. Don King (Chad L. Coleman) managt fortan die Kämpfe für sie.

Die Beziehung zu Jim wird indes toxisch, krankhafte Eifersucht auf Sparringpartner oder auf den netten Nachbarn, der ein freundliches Wort mit ihr tauscht.

David Michód, der mit Mirrah Foulkes auch das Drehbuch nach der Story von Katherine Fugate geschrieben hat, schildert diese schiefe Entwicklung in der Ehe nicht psychologisch analytisch, sondern chronikhaft-illustrativ in der Art eines souverän mit den Mitteln von Hollywods Filmindustrie hergestellten Groschenromans.

Es geht, das zeigt schon die Besetzung mit der süßen Sydney Sweeny, nicht um eine realistisch fakedokuhafte Erzählung, sondern um die weiche, melodramatische Verpackung einer harten Story, denn die Beziehung zu Jim artet, wie von manch Nahestehenden befürchtet und wie allgemein aus solchen Beziehungen bekannt, wüst aus.

Im Abspann sind Bilder von Boxerinnen zu sehen, die diese These untermauern; das sind Frauen, die nie und nimmer eine Titelrolle in so einem Film erhalten würden; die Abweichung von der Hollywood-Schönheitsnorm ist augenfällig.

Onslaught

(Kriegs)Pech gehabt

hat Adam Wingar mit diesem seinem Film, zu dem er mit Simon Barrett auch das Drehbuch geschrieben hat, Pech gehabt insofern, als er einen, was die Militärtechnik betrifft, einen – von der Machart her nostalgisch-romantischen – Science-Fiction-Streifen gedreht hat, der im Vergleich zu den aktuellen, täglich sich überbietenden und brutalisierenden Kriegsentwicklungen in der Ukraine und an der Straße von Hormus mit den Drohnenkriegen, völlig daneben liegt.

Das ist umso schmerzlicher, als im Anspann eine wilden Bildcollage auf die modernen Kriege der Amerikaner referiert. Sie greift zurück auf den Zweiten Weltkrieg und dass Deutsche für die Amis die Atombombe entwickelt haben, irgendwo in der wilden Wüste New Mexikos.

Der Deutsche Hans Kammler (Dan Stevens) entwickelt in geheimen Labors Kämpfer zu Superkampfmaschinen weiter, die unbesiegbar sein sollen, die kein Gewissen, kein Gefühl, keine Schwachstellen haben. Der Traum von der Unbesiegbarkeit ist im Sagenschatz der Menschheit nicht neu.

Privat, das soll einen kritischen Blick auf das Genie werfen, ist Doktor Kammler ein devoter Hund, leckt seiner Domina (Rebecca Hall) die Füße, gehorcht auf Befehl. Das soll im Film nicht die einzige private Sonderheit bleiben.

Den Countdown für ein spezielles Experiment gibt der Film mit dem Zählen der Stunden, die noch verbleiben. Das Experiment geht schief. Drei der menschlichen Robotoiden machen sich selbständig, brechen aus.

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch, wusste schon Hölderlin und professionelle amerikanische Autoren wissen das auch.

Ganz in der Nähe des Wüstengeheimlabors gibt es, fernab der Welt, den Trailer Park „Windy Oasis“. Hier wohnen weltflüchtige Figuren. Darunter ist Celeste (Adria Arjona). Die hat selbst eine Kämpfergeschichte hinter sich, zieht allein, Family muss rein in jegliche Art von Katastrophenfilm, ihr Töchterchen auf; der getrennt lebende Vater ist unzuverlässig. Liefert das Mädchen spontan und unangemeldet bei ihr ab, wichtige geschäftliche Termine. Sie muss husch husch ihre Messilandschaft aufräumen, Knarren weg, Alkoholflaschen.

Der Film stellt die beiden Schausplätze parallel vor. Und wer schon ein paar Filme gesehen hat, der weiß, hier werden Welten aufeinanderprallen. Blut wird spritzen, die Kettensäge bekommt prominente Auftritte. Dass es zu unschönen Schlächtereien kommen wird, das spoilert schon der Titel.

Arnie & Barney retten das Wasser

Brandaktuelles Thema

An dem Tag, an dem die Pressevorführung stattfand zu diesem Animationsfilm von Sean Heuston, der mit Fin Edquist und Antoine Marbach auch das launige Drehbuch geschrieben hat, war ein Bild in den Zeitungen von der ausgetrockneten Loire in Frankreich, eine andere Meldung, inmitten dieser zweiten Hitzewelle, eine dritte ist da bereits für August in Aussicht gestellt, war die Aussage eines Meteorologen, dass dieses wohl der kälteste Sommer für die nächsten Jahre sein würde; München hatte da bereits die Brunnen mit dem größten Wasserverbrauch abgestellt.

Um Wasser geht es, denn die Wiese der beiden Protagonisten-Ameisen Arnie & Barney ist plötzlich trocken, staubtrocken. Da die beiden als fantasiebegabt dargestellt werden, glauben sie, mit Einbildung den Mangel beheben zu können, sie nehmen also ein Bad im Wasser, was sich als Staubbad erweist.

Es gibt für sie den Auftrag, das Loch des unmöglichen Mysteriums zu finden und zu bewachen. Sie spannen, dass ihre Kräfte dadurch gebunden werden sollen. Also packen sie flugs das Loch, das sie selbst gegraben haben, ein, das sich dabei praktisch als eine Zeichnung herausstellt, die man bequem falten und also auch bewachen kann, wenn man unterwegs ist.

Unterwegs zum Ursprung des Wassermangels. Ein Grund dürfte der Staudamm sein, der plötzlich da ist. Weiter finden sie heraus, dass Legs, der Tausendfüßler, eine Flaschenabfüllanlage für frisches Wasser betreibt. Das Wasser muss irgendwoher kommen.

Aus der Falle, sie in der Wäscherei zu beschäftigen und von der Wassersuche abzuhalten, befreien sich Arney und Barney genial. Ihr Trick ist es, den Eindruck zu erwecken, dass sie dumm sind. Das führt später zur Behauptung von Hypnita, dass sie selbst zum Hypnotisiertwerden zu dumm seien. Bei den anderen Ameisen ist es gelungen, die lassen sich hypnotisiert zum Bau des Staudamms und zu dessen Bewachung einsetzen.

Hilfreich wird die Begegnung mit Szzkeat, auch einem Insekt, aber auch der Autorin der Comics, die selber mitspielt und der die eigenen Ideen wie ein Gehirninsekt ab und an durchzudrehen drohen spätestens im Moment, in welchem ihre beiden Protagonisten die erfolgreiche Hypnotisierung spielen und auf die Spitze treiben.

Die Ästhetik der Figuren ist einfach und witzig, es sind überwiegend Insekten und es gibt auch Sorge um den Nachwuchs, die Larven, für die eine Flasche zum Gedeihen zu wenig ist, die mindestens einen Tümpel oder einen See brauchen.

Same Sun – Mit dem Fahrrad durch Afrika

Offen sein,

das ist das Fazit von Wiebke Lühmann nach ihrer Fahrradtour von über 20′ 000 Kilometern in 283 Tagen durch 22 Länder vom Norden Afrikas entlang der Westküste bis zum Kap der Guten Hoffnung.

An etwa 45 der insgesamt 430 Reisetage und auch bei den Vorbereitungen hat die Dokumentaristin Fabienne Engel sie begleitet und hat den Film zusammengestellt aus diesem Material und aus dem, was die Protagonistin selbst mit dem Handy aufgenommen hat oder sie begleitende Radfahrer, vor allem Julien, der immer wieder für eine Zeit als Kompagnon mitgefahren ist.

Das Fazit ist eine andere Formulierung, als was sich Wiebke anfangs vorgenommen hat. Sie wollte sich selbst beweisen, dass sie so eine Tour, von der ihr überwiegend abgeraten worden ist, alleine schaffe. Stärke sei Freiheit, meinte sie. Bald hat sie eingesehen, dass es genau so spannend sein kann, mit anderen Leuten, die ein ähnliches Ziel haben, eine Strecke gemeinsam zu bewältigen. So kommt die Begegnung mit Julien zustande. Der will aber immer wieder allein sein.

Wiebke ist, sofern Kommunikationsverbindungen bestehen, regelmäßig in Kontakt mit Zuhause. Dort lebt ihre Zwillingsschwester. Die ist ein konträrer Typ, verheiratet, hat ein Kind, strebt eine wissenschaftliche Karriere an.

Jeder Reisefilm hat sein eigenes Gesicht, wie auch jede Indiviudalreise sich unterscheidet. Viel hängt mit der Offenheit zusammen, mit Unkompliziertheit der Protagonisten. Man kann sein Zelt ja auch in einem Schulraum aufstellen. Oder man wird von Bewohnern eines Dorfes oder einer Missionsstation eingeladen. Die Gastfreundlichkeit in non-touristischen Gebieten ist schier grenzenlos.

Was sich in Afrika seit den ersten Entdeckern, Kolonialisten, Forschern und Missionaren nicht geändert zu haben scheint: wenn in einem Dorf ein Fremder oder eine Fremde auftaucht, so sind sie sofort umringt von einer riesigen Kinderschar.

Der Film blendet Krisen nicht aus, Momente, in denen Wiebke ernsthaft an einen Abbruch der Reise und an Rückkehr denkt. Aber ein paar Tage Ruhe und Erholung lassen doch ganz schnell die Abenteuer- und Reiselust wieder aufflammen. Und man bekommt einen Eindruck vom Kontinent Afrika, viel riesiger als wir leichthin glauben und Ökonomen würden wohl ein immenses Entwicklungspotential sehen.

Die Texte sind, wenn nicht O-Ton, Voice-Over-Texte von Wiebke oder aus ihren Tagebüchern.

Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf

Vor Doktor Mengele an der Rampe

“... als wenn wer 20 Ratten auf zehn Zentimeter Kiste eingesperrt hat, frisst einer den anderen auf, alleine die Krankheiten, die Krätze, die Diphterie, der Durchfall, der Gestank, wir mussten Appell stehen und zur Arbeit und wer vor Krankheit oder Hunger gestorben ist, wir mussten ihn denn abends wieder mit reinschleppen, die mussten alle wieder gezählt werden, damit die SS genau gewussst hat, dass da 60, 70 tausend Häftlinge waren, da durfte nicht einer oder zwei fehlen, lebend oder tot… in Auschwitz, da war keiner versorgt, da gab’s eine Suppe … eine Bohnensuppe, die hat gestunken wie die Gülle, jede Erbse hat ’n Loch mit ‚m Wurm drin gehabt, so eine Art Essen haben wir gekriegt. Bevor wir unsere Suppe gefasst (?) haben, die fast nicht essbar war, da wurde zugemacht die Tür und der SS-Mann hat dagestanden und hat dich angeguckt, weil du nackig vorbeigehen musstest an ihm, und wenn du abgemagert warst oder wenn du die Krätze hattest oder einen Hautausschlag oder Geschwüre von Unterernährung so was, hat er deine Nummer aufgeschrieben und am nächsten Tag biste … wir wurden reduziert zu einem Tier. Wir waren keine Menschen mehr, wir waren nur Haut und Knochen“ (Transskript, vorbehaltlich von Verständnisproblemen).

So ein Bericht aus eigenem Erleben, wie ihn Albrecht Weinberg mit fast 100 Jahren hier im Film von Güner Yasemin Balci und Jesco Denzel abgibt, ist was anderes, als eine Hochkultur-Sicht auf einen Massenmörder wie Dr. Mengele, dargestellt von einem geschätzten Schauspielerstar kürzlich im Film Das Verschwinden des Josef Mengele. Das ist am ehesten noch vergleichbar mit den Schilderungen aus Die Ermittlung. Die zynisch andere Seite von Auschwitz zeigt der Film Zone of Interest.

Albrecht Weinberg hat das erlebt, hat als 14-Jähriger vor der Rampe in Auschwitz vor Dr. Mengele gestanden. Er kam ins Arbeitslager. Die Erzählung erster Hand eingangs bezieht sich auf jene Zeit der Entmenschlichung. Es sollten weitere Phasen folgen, Mittelbau-Dora Munitionsproduktion, Todesmärsche bis endlich die Befreiung kam.

Albrecht Weinberg kann nach Amerika auswandern und will nie wieder zurückkehren. Die Erlebnisse traumatisieren ihn, verfolgen ihn Tag und Nacht.

Das sind die zentralen, starken Punkte dieses späten Filmes hinsichtlich der Befragung von Augenzeugen, die Erzählungen des Protagonisten.

Im Film wird Albrecht Weinberger seinen 100.sten Geburtstag feiern, ein Großanlass der Stadt Leer in Ostriesland, die ihn aus Amerika zurückgeholt und zum Ehrenbürger gemacht, ein Gymnasium nach ihm benannt hat.

Das ist eine weitere Schiene des Filmes, der Blick auf die deutsche Holocaust-Erinnerungskultur und wie ein solches Opfer heute dort eine zentrale Rolle spielt. Schienen und Waldwege werden als symbolisches Bildmaterial reingeschnitten zur gelegentlichen Bebilderung der Erzählungen, sie symbolisieren die Gefangenentransporte in die KZs und erinnern an Das kostbarste aller Güter von Michel Hazanvicius.

Der Film ist aber auch eine Erzählung über eine rare Geschwisterliebe. Albrecht war bis auf die Zeit im KZ praktisch immer mit seiner Schwester Friedel zusammen, zusammen sind sie auch ausgewandert; der ältere Bruder Dieter hat die Nazizeit ebenfalls überlebt, ist wenig später bei einem Badeunfall gestorben.

Kurz nur wird die Amerikazeit von Albrecht Weinberg und seiner Schwester geschildert. Allzu sehr, vor allem auf die lustigen, unterhaltsamen Seiten will er nicht eingehen. Die ihn das fragt, und das ist eine bis heute andauernde Geschichte, das ist die patente Ostfriesin Gerda, die mit seiner Rückkehr nach Deutschland seine Pflegerin wurde und die ihn nach dem Tod seiner Schwester als WG-Genossen und Pflegling aufgenommen hat.

Der Film lebt von der Persönlichkeit von Albrecht Weinberger, und wie er Dinge berichten und schildern kann. Die Begnung mit einem Zeitgenossen von damals von der Naziseite allerdings zeigt: man kann zwar vielleicht einander leben lassen, aber eine Versöhnung scheint doch sehr fraglich, zwischen einem Menschen, der damals 30 bis 40 Verwandte im KZ verloren hat und einem der damals mit der Masse über das zu verspritzenden Judenblut mitgeplärrt hat.

Vaterland

Highend Quality Holocaustaufarbeitung

Der Begriff des Holocaustaufarbeitungsfilmes muss hier ausgeweitet werden über die üblichen Thematiken vom Aufzeigen des Grauens, vom Erzählen von Einzelschicksalen, von den Filmen, die Zeugen befragen auf die grundsätzlichere, gesellschaftliche Frage: wie geht ein Land mit so einer grauenhaften Geschichte um.

Das Beispiel, was Pawel Pawlikowski (Cold War – Der Breitengrad der Liebe, Ida, Welcome to Karastan (Drehbuchmitarbeit)) für seinen Film ausgewählt hat, ist die Reise Thomas Manns (Hanns Zischler – die Maske ist hervorragend!) 1949 mit seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) ins Nachkriegsdeutschland auf den Spuren Goethes. Er soll Vorträge in Frankfurt und in Weimar halten. Er erntet teils Reaktionen in Form von Briefen, die man heute als Shitstorm bezeichnen würde. Dass er ins Exil gegangen sei. Das wird ihm auch auf einer Pressekonferenz vorgeworfen. Er antwortet, wenn er das nicht getan hätte, stünde er jetzt nicht hier.

Sohn Klaus (August Diehl) hätte auch mitkommen sollen, hat sich aber nach Südfrankreich abgesetzt und dort den Freitod gesucht. Es gibt einer Begegnung mit Gustav Gründgens (Joachim Meyerhoff) mit seiner Exfrau Erika Mann in Frankfurt. Die Begegnung endet mit einer Ohrfeige für ihn, nachdem er rumlaviert, nicht er hätte die Freundschaft zu den Nazigrößen gesucht.

Die Gebrüder Wieland (Enno Trebs) und Wolfgang (Theo Trebs) Wagner sprechen den Nobelpreisträger auf dessen Wagnerbegeisterung an und möchten, dass er beim bayerischen Kulturminister ein Wort einlegt für die Wiederaufnahme der Wagneraufführungen in Bayreuth. Sie bekommen eine Abfuhr.

Im Osten Deutschlands werden der Dichter und seine Tochter, die eine Limousine mit Züricher Autonummer chauffiert, wie Staatsgäste behandelt. Erst werden sie in der Kantine stehengelassen. Hier serviert ihnen eine Kellnerin (Fritzi Haberlandt) einen Kaffee und ein Kaltgetränk. Dann taucht Johannes R. Becher (Devid Striesow) auf. Er wird das illustre Paar bei seiner Reise im Osten begleiten und bietet ihm die Präsidentschaft der Akademie der Schönen Künste an. Der Gast lehnt ab.

Der Dichter scheint Prominenz und Aufmerksamkeit zu genießen. In seinen Reden in Frankfurt und in Weimar gerät er ins Schwärmen über Goethe. Weltfremdheit sondergleichen, wenn man bedenkt, vor wie kurzer Zeit an der Stelle und als Vertreter einer arischen Rassenideologie das braune Regime geherrscht hat. Kein Wort davon.

Mann erscheint als ein Meister des Verdrängens. Es ist davon auszugehen, dass der Großteil der vielen, herrlich zeitgenössisch stilisierten Massen, die ihn jetzt ehren, damals ihre Arme gehoben und Heil gebrüllt haben.

Pawel Pawlikowski konnte eine Crême de la crême deutscher Schauspieler um sich scharen. Selbst ein Hanns Zischler wirkt prima. Er verzichtet bis auf ein paar typische Funksprecher-Gesten bei den Reden auf Privatismen. Der Rhethorik verpasst er einen leicht schlitternd-schlenkernden Drall bei den Vokalen.

Der Film ist in Schwarz-Weiß und im Schmalformat gedreht aus einer Art gothischer Optik. Die Linien nach oben dominieren, die Kamera sitzt tief, die Menschen wirken nicht allzu groß, selbst im Auto setzen die Linien nach oben die Akzente.

Es ist makellos großes Kino. Pawlikowski versteht es meisterhaft, den Chor zu führen, die Gäste in Restaurants und Hotels, die Zuhörer bei den Vorträgen, die Journalisten bei der Pressekonferenz.

Die Masse ist nach wie vor Masse, entgeistert lauscht sie den Worten des berühmten Literaten. Auch die Begrüßungszeremonien mit Personal und Gesang sind perfekt inszeniert.

Einmal stürmt ein Mann, Armin Schaufelberger (Milan Peschel), ins Hotelzimmer von Thomas Mann. Jener berichtet von politischen Gefangenen im ehemaligen KZ Buchenau. Kein Kommentar von Thomas Mann, wie der Eindringling von Sicherheitskräften abgeführt wird.

Ghost School

Bildungskrimi

Auf dem Dorf in Pakistan. Die bildungshungrige, zehnjährige Rabia (Nazualiya Arsalan) steht vor dem Problem, dass ihre Schule geschlossen ist. Ihre Eltern haben wenig Bildung, der Vater ist Fischer.

Die Begründung für die Schulschließung, die vom brummigen Wachmann angegeben wird, ist diejenige, dass der Lehrer (Muhammad Zamaan) besessen sei und nicht mehr unterrichten könne.

Nadia gibt sich damit nicht zufrieden. Sie wird zum Investigativ-Mädchen. Sie geht den Ursachen auf den Grund. Sie misstraut der Dschinn-Behauptung.

Seemab Gul (Buch und Regie) erzählt ihre Geschichte ohne Umschweife nach einem stringenten Story-Board immer auf den Spuren des Krimis, immer in Bewegung wie Rabia, dazu eine bänkelsonghaft begleitende Sitar.

Es ist die Geschichte von einem Mädchen, das einen Lehrgang macht durch die korrupte Welt einer kleinen, politischen Einheit mit einem Großgrundbesitzer (Adnan Shah Tipu), der nur an seine Macht, an seinen Reichtum denkt und der es für hinderlich hält, wenn das Volk sich Bildung aneignet, die kostet, und dem Märchen wie von den Dschinns gerade recht kommen, wenn er sie nicht selber streuen lässt, um Schulen zu schließen und Intellektuelle aus seinem Wirkungskreis zu verbannen. Rabia lernt aber auch die herablassende Güte der Reichen und Herrschenden kennen. Sie bewegt sich genau so sicher in der Sphäre der Fantasie von Pferden mit Flügeln.