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Somewhere Else Together (DVD, VoD)

Raus aus dem Corona-Gefängnis!

Ok, die erhoffte Transformation hat nicht stattgefunden, befindet Daniel Rintz, der sich mit Josephine Flohr auf eine am Schluss drei Jahre lange Reise mit Mottorrädern aufgemacht hat und mit dieser Dokumentation einen schnell und abwechslungsreich geschnittenen Abriss davon gibt. 

So ein Film kann sicher eine anregende Abwechslung sein für Reiselustige, die dank Seuchenschutz genau solche Reisen nicht unternehmen können. 

Es ist die Fortsetzung der Soloreise von Rintz von vor 8 Jahren unter dem Titel „Somewhere Else Tomorrow“. Gestartet ist er mit seiner Reisepartnerin in Deadhorse in Alaska. Von dort aus war das Ziel der südlichste Punkt von Patagonien, Ushuaia. Da waren zwei Jahre um und Rintz hat sich die Eingangsfrage gestellt. Aber aufhören mochten die beiden nicht, die sich mit Jobs über Wasser gehalten haben. Allzu viel erfährt man darüber nicht. Manchmal erzählt Rintz von Filmen, die er unterwegs macht. Oder sie helfen bei der Renovierung einer Schule oder bei der Herrichtung einer Wohnung, die verkauft werden muss. 

Der Film ist eine rasche Montage aus spektakulären Landschaftsaufnahmen, immer wieder die Motorräder in Fahrt auf halsbrecherischen Bergstraßen, auf einem Salzsee oder auf staubigen Pisten, im Dschungel oder liegend oder stehend oder in Reparatur und von vielen Begegnungen mit Menschen, die sie kannten oder kennengelernt haben, auch mit anderen Bikern. 

So ergeben sich magazinhaft bunt gemischte Eindrücke von sozialer Situation, von gesellschaftlicher Lage, von der Sicherheitslage eines Landes, von Eigenarten der Kultur, von Einblicken in das Leben eines afrikanischen Stammes oder von Urwaldbegegnungen mit Gorillas. 

Auch die Folklore kommt vor oder der Besuch in einer Höhle mit 1200 Jahre alten Mumien, die in der trockenen Luft bestens erhalten sind. Aber auch der Kampf um einen Job bei der Verladung der schweren Motorräder auf eine Fähre ist zu sehen; originell auch die Fahrt mit dem Schiff „Stahlratte“, das spezialisiert ist auf den Transport von Motorrädern von Mexiko durch die Karibik nach Kolumbien. 

Es ist ein Film wie gemacht für das Homekino. Man kann ruhig zwischendrin plaudern oder sich ein Getränk in der Küche holen oder Knabbereien. Man kann den Film anhalten und später weiter schauen. Es ist sicher ein schöner Eskapismus, besonders jetzt, wo bei uns die Corona-Zahlen wieder steigen und die Tage kürzer, das Wetter schmuddelig wird. 

Der zweite Teil der Reise geht vom Süden Afrikas in Richtung Marokko. Damit wird das dritte Jahr der Reise eingeläutet, die die Fahrer zusehends auslaugt, was das Gefahrenbewusstsein beeinträchtigt und die Sehnsucht nach einem geregelten Leben in Deutschland stärker werden lässt.

Wobei die Frage ist, wie viel Reisen braucht der Mensch? Man könnte, wenn man es sich denn leisten kann, rauschhaft ständig unterwegs sein; wobei sich auch hier sicher ab und an die Sinnfrage stellt, wie sie es auch bei diesen Selbstdokumentaristen getan hat, dabei hatten sie ja sogar ein Arbeits-Reise-Konzept. 

Komm und sieh‘

Mächtiges Filmwerk aus der Sowjetunion

Mit einer dem Krieg angemessenen Bild- und Soundgewalt reagiert 1985 Elem Klimov, der mit Ales Adamovich auch das Drehbuch geschrieben hat, auf die brandschatzende Vernichtung von 628 belarussischen Dörfern durch die Nazis im Jahre 1943. 

Der Film ist jetzt ausgezeichnet restauriert worden, ein Monument und Dokument sowjetrussischer Filmkunst. Was von Hochkultur – wofür sich an einer Stelle einer Deutscher rühmt – durch den Krieg übrigbleibt, darauf verweist ein kleiner Text am Anfang: dass für die Musik Mozart verwendet worden sei. Allenfalls Spuren davon sind im wie elektronisch erzeugt wirkenden Musiksound übrig geblieben. 

Warum der Film, der die Gräuel dieser Kriegsphase aus Belarussia zeigt, dennoch erträglich ist, gerade so erträglich, das ist dem Prinzip Hoffnung zu verdanken, heißt es doch, die Hoffnung stirbt zuletzt, einerseits, und die Jugend sei die Hoffnung, andererseits. 

Klimov hat sich für einen Protagonisten im mittleren Teen-Alter entschieden, der heißt Fljora Gaishun (Aleksey Kravchenko), ein faszinierender Protagonist. Klimov führt ihn ein mit seinem deutlich kleineren Bruder, wie die beiden im sandigen Boden nach vergrabenen Soldaten buddeln, um Gegenstände zu finden; dabei gehen sie in ihren viel zu grossen Militärmänteln bis an die Grenzen ihrer Kräfte. 

Vorher werden die Buben akkustisch angekündigt von einem zahnlosen, beinah zahnlosen Mann; mit heiserer Stimme schimpft er sie was das Zeugs hält. Dann imitieren die beiden Jungs mit ebenso heiserer Stimme den Alten und sie entdecken das Gewehr. Das ist eine gespenstisch, bizarre Szene und Szenerie mit ungeheurem Drive, der im Laufe des Filmes nicht aufhört.

Fljora will sich den Partisanen anschließen, er brennt dafür, seine Mutter weniger. Die Soldaten kommen und nehmen ihn mit. Das ist der Anfang einer Odyssee, die in einer ersten Phase dank der Begegnung mit Glascha, die sich als Rosa von der Kolchosa vorstellt, und ihn ziemlich direkt anmacht, einer Teenager-Liebesgeschichte/Coming-of-Age gleichkommt. Aber Fljora ist dafür noch nicht reif, nennt sie eine dumme Gans. 

Die Fährnisse und Wirren des Kriegs halten das Pärchen eine Weile zusammen, lassen sie auch von der Truppe entfernen. Vorher wurde der Junge zynisch von Hauptmann Kosach (Liubomiras Laucevicius) in die Partisanengruppe aufgenommen. Aber für den ersten Einsatz muss Fljora zurückbleiben und seine intakten Schuhe mit den kaputten Stiefeln eines erfahrenen Soldaten tauschen. 

Der Krieg treibt den Jungen, später wieder allein, umher. Davor kehrt er mit Glasha nach Hause zurück; dass das ganze Dorf massakriert wurde, entdeckt nur sie. Er bemerkt lediglich die Puppen am Boden des verwaisten Hauses. Es folgt der Versuch, mit Glasha auf eine sichere Insel zu gelangen, der schlammhafte See dorthin droht die beiden zu verschlucken, Überlebenskampf auch hier. 

Die Kriegswirren setzen dem jungen Mann zu. Aber, das ist das erzählerische Pfund des Filmes, dass der Junge nicht sterben wird. Er altert zwar enorm, bei all dem, was er sieht, auch wie Leute sich mitten im Krieg belustigen oder wie Partisanen aus einem Totenschädel eine makabre Hitlerfigur mit Offiziersmantel formen und diese wie eine Heiligenstatue mit sich schleppen. 

Der Film kippt die Kriegsdetails auf die Leinwand, wie ein Müllwagen seinen Inhalt auf die Halde. Es gibt Reden an die Partisanen, jede Menge großartig und perfekt inszenierter Massenszenen von Dorfbewohnern, Partisanen oder Deutschen. 

Es gibt den Monolog von Glasha über die Liebe, das Leben und Kinder (also Hoffnung). Ein Flugzeug kreist oft, Fallschrimspringer gleiten vom Himmel, ein Soldat bleibt im Geäst von Bäumen hängen. 

Der Film entfaltet die volle Wucht und Ästhetik russischer Filmkunst. Die Menschen sind geschundene Menschen, aber sie tanzen auch, singen, lachen, machen Witze; es sind gebeutelte Kreaturen mit wenig Hoffnung – dazu einheizender Wahnsinnssound. 

Ein irrer Panzer fährt offenbar linkisch und irritiert durch die Gegend. Die Partisanen machen im Wald ein Gruppenfoto, auch dies eine denkwürdige Filmszene. Ein tote Kuh könnte Nahrung für Dorfbewohner liefern. Bis schließlich eine massive Invasion deutscher Militärfahrzeuge durch die Dörfer braust, die Bewohner in einem Gebäude zusammentreibt und den Stadel mit den eingesperrten Frauen, Kindern, Jugendlichen beschießt, mit Molotow-Cocktails bewirft, anzündet. Der junge Protagonist hat auch das überlebt. Er gibt den Standpunkt für die Beobachtung ab – er ist derjenige, herkommt und sieht. 

Die Partisanen haben einen SS-Sturmbannführer gefangen, der beteuert winselnd seine Unschuld. 

So richtig wohl kann einem bei diesem cineastisch hervorragenden Film allerdings nicht werden angesichts des aktuellen gigantischen Wirtschaftseinbruchs durch die Coronakrise und der politischen Entwicklungen, die mit der Berufung auf Seuchenschutzgesetze eine demokratische Freiheit nach der anderen kassieren. Denn eben haben wir gesehen, wozu Menschen fähig sind. 

Der Titel des Filmes ist ein Bibelzitat aus dem 6. Kapitel der Offenbarung des Johannes. Mit dem Ausruf „komm und sieh’“ soll die Aufmerksamkeit des Angesprochenen auf die Verheerungen gelenkt werden, die die Reiter der Apokalypse angerichtet haben. Der Film ist eine Illustration dazu, die Verheerungen wurden hier von den Nazis angerichtet. 

Lotti oder der etwas andere Heimatfilm – Bleicherode der Film (DVD und VoD)

Besuch einer Dame.

Es ist keine Millionärin wie im Dürrenmatt-Stück von der alten Dame, die in die Provinz zurückkehrt, um abzurechnen. Hier ist es eine Mondäne, deutlicher: die Pornodarstellerin Asta, die in das Nest Bleicherode zurückkehrt, nachdem sie sich vor zehn Jahren urplötzlich nach Wien abgesetzt hat und nichs mehr von sich hat hören lassen. 

In Bleicherode erinnert man sich gut an sie. Im lasziven Tigermantel, auf hohen Stöckelschuhen und mit Blondinenperücke kommt sie in dem kleinen Ort an. Es ist bürgerlich Lotti Funke (die fabelhafte Marion Mitterhammer); der Tod ihrer Mutter ist Anlass für die Rückkehr. Lotti hat noch die halbwüchsige Tochter Jenny (Joyce Schenke), die bei ihrer Oma aufgewachsen ist. 

Lotti beobachtet die Beerdigung aus Distanz. Es ist ein Heimatfilm, fast wie es im Buche steht, zumindest von der Geschichte, vom Buch von Horst Hammer her: eine extravagante Figur taucht in einem verschlafenen Nest auf und bringt alles durcheinander, wühlt alles auf. 

Hier ist das besonders pikant, weil es ‚Gerüchte‘ über die Dame gibt; das erinnert etwas an Moral von Ludwig Thoma; auch in Bleicherode gibt es jede Menge amoralischer Figuren, allen voran Bruno Jonas, der den schmierigen Eddi, den Arbeitsplatzvernichter, spielt. Denn im Schacht ist nicht mehr so oft Schicht. 

Viele erkennen Lotti wieder, manche mögen sie, andere weigern sich, sie auch nur zu bedienen im Geschäft, manchen kommt sie bekannt vor, was sie als Konsumenten von Asta-Filmen ausweist. Das Tragische an ihrer Geschichte ist das Verhältnis zur Tochter. Klar, Mutter hat versagt, hat sich nicht gekümmert, jetzt möchte sie es und wird brutal abgelehnt. 

Das gewisse, titelgebende „andere“ an diesem Heimatfilm ist die Inszenierung von Hans-Günther Bücking, die spartanisch knappe Sprachregie, und es sind auch die Dialoge, die einerseits von Anzüglichkeiten andererseits von Lebensweisheiten durchdrungen sind: wenn der Schnee schmilzt, kommt der Dreck zum Vorschein. So eine verführerische Frau, bringt so manchen Schnee zum Schmelzen.

Bücking arbeitet zum Vorteil des Filmes mit Stilisierungen, um den Film von plumpem Realismus zu entfernen. Durch diese sichere Sprach- und Stilisierungsregie vermögen die Schauspieler durchs Band zu überzeugen in dieser Mischung aus Top-Profis und lokalen Laien; jede Figur wird durch Kleinigkeiten, Schwächen charakterisiert und gewinnt Persönlichkeit – was dem Film einen besonderen Charme verleiht, wie das erwachende Selbstbewusstsein der Bäckerin gegen ihren angeberischen, eingeheirateten Mann; auch so hebt sich der Film vom Klischeebild des Heimatfilmes ab. 

Akustisches Dauerkolorit verleihen der Provinz die immer wieder auf der Tonspur vertretenen Ansagen des Lokalradios.

Ich bin Anastasia (DVD)

Respekt, Respekt vor diesem Mann, der parallel zur Karriere bei der Bundeswehr zur Frau wurde; sexy, aber nicht frivol. Siehe die Review von stefe. Eine bessere Werbung für die Bundeswehr als die Verteidigungsministerin, die noch als CDU-Parteipräsidentin öffentlich peinlich Genderwitze gemacht hat. 

Face It! (DVD)

Über die unersättliche öffentliche Datensammelwut – wobei die aktuelle Maskendoktrin dieser diametral entgegenläuft; pikant speziell hier, da es vor allem um Gesichtserkennung geht. Siehe die Review von stefe. 

Kommentar zu den Reviews vom 24. September 2020

Nah am Rande. Des Lebens schlechthin in einem amerikanischen Remake. Zum Sex, jedoch mit geringer Hemmschwelle in einem Lust-Film. Dagegen geht es in einem weiteren amerikanische Film darum, offen über Sex zu sprechen – wenigstens. Kaum zu ermöglichen ist Liebe zwischen iranischen Männern in Deutschland. Hochriskanter Weltallflug für einen Hund. Ein Schleswig-Holsteiner macht sich auf die Suche nach seiner Familie. In Deutschland von rumänischem Adoptivkind an den Rand des Nervenzusammenbruchs getrieben. Überleben im KZ mit getürktem Farsi. Auch die Arche im Kinderfilm ist ein Grenzfall. Im TV ritt das öffentlich-rechtliche Fernsehen einen möglicherweise interessanten Stoff in Grund und Boden. 

Kino

BLACKBIRD – EINE FAMILIENGESCHICHTE

In Amerika stirbt sichs mondäner und coronafreundlicher. 

XCONFESSIONS NIGHT

Abwechslung zwischen Geist und Sex.

BRAVE MÄDCHEN TUN DAS NICHT – A NICE GIRL LIKE YOU

Das, was die Julliard-School fürs Leben nicht lehrt. 

FUTUR DREI

Kaum aussprechliche Gefühle zwischen zwei orientalischstämmigen Männern in Hamburg.

SPACE DOGS

An der Kippe der Erdatmosphäre. 

DIE HEIMREISE

Diesen Menschen sieht man die Defekte nicht an.

PELIKANBLUT

An der Kippe zum Aufgeben.

FREIE RÄUME – EINE GESCHICHTE DER JUGENDZENTRUMSBEWEGUNG

Nah am Rande zum Erwachsensein brodelt es und braucht Räume.

PERSISCH STUNDEN

Auf der Kippe zum Überleben mit frei erfundenem Farsi.

OOOPS! 2 – LAND IN SICHT

Eine Arche ist noch lange keine Überlebensgarantie. 

TV

OKTOBERFEST 1900 (FOLGE 5 UND 6)

Auf der Kippe zur Schundstufe. 

LEBENSLINIEN: DIE BREZN-FRAU AUF DER WIESN

Das ganze Leben lang arbeiten – für die Familie.

Freie Räume – Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung

Die durften noch demonstrieren!

Der Titel dieses Filmes von Tobias Frindt ist vielleicht etwas ambitioniert. Diese Geschichte als ein Gesamtwerk in einem Film zusammenzufassen, dürfte ziemlich viel Arbeit sein; gut, er beschränkt sich ja auch auf „Eine“ Geschichte (und dabei eine vielfältige, anregende Materialiensammlung!). Denn wie die ersten Jugendzentren im Nachschwung der 68er in den frühen Siebziegern aufkamen, da sproßen sie im ländlichen Raum wie die Pilze im Herbstregen, wie einer der Talking Heads sagt, wenn es im einen Dorf ein Jugendzentrum gab, so musste das andere auch eines haben. 

Der Ausgangspunkt ist heute schwer vorzustellen, wie auch ein Talking Head sagt: wie erstarrt und geregelt die deutsche Nachkriegsgesellschaft in den 60ern war, wie sehr sie die Nazizeit verdrängte, wie kontrolliert die Jugend war, vor allem die ländliche. Die wollte Räume für sich. Und sie nahm sie sich. Sie demonstrierte dafür. Sie wurden angefeindet, wer lange Haare trug, war automatisch ein Kommunist, damals noch ein Schimpfwort. 

Der Film erzählt viel vom JUZ in Mannheim, bestimmt stellvertretend für viele andere Jugendzentren. Es ist ein Film aus faszinierendem Archivmaterial von Fotos, Videos, Nachrichten der ARD, Zeitschriftenausschnitte vom Spiegel über Lokalblätter, Youtube-Schnipsel; dazwischen geschnitten jede Menge Talking Heads. 

Die Geschichte spannt sich von den frühen 70ern des letzten Jahrhunderts bis in die späten 10er unserers Jahrhunderts. Der Dokumentarist wagt Seitenblicke auf andere Städte. Er lässt Ehemalige, die damals pionierhaft dabei waren, heute erzählen, aber auch Leute, deren Jugendzentrumserfahrung noch nicht lange zurückliegt. 

Jede Generation hat ihre eigenen Jugendkultur und ihre eigenen Feindbilder, an denen sie sich abarbeitet – bald waren sie auch aus der eigenen Generation, Neonazis etc. Die Entwicklung geht von dem Verlangen nach Selbstverwaltung über die Häuserbesetzer-Szene, Musikszene, Antifa bis hin zur Flüchtlingsbetreuung und Demo gegen Pegida. 

Und man wundert sich, wie die demonstrieren konnten, wenn man an das heutige Problem der Anticorona-Demos denkt. Gemeinsam scheint allen Demos zu sein, dass sie einem Teil der Gesellschaft, die über die Polizeigewalt verfügt, nicht in den Kram passen – da hat sich bis in unsere Corona-Zeit wenig geändert; weshalb es immer wieder Bilder von gewaltsamen Zusammenstößen gibt. 

Nichts Neues über die Jugendkultur, sie muss sich immer wieder neu erfinden und irgendwann ist es vorbei, sind die nächsten dran. Aber wenn sie Räume dafür haben, die sie selbst verwalten könnten, so ist das nicht das schlimmste, auch wenn es recht gesittete Jugendliche sind wie in einem Jugendzentrum im Saarland heute, die sich durchaus der örtlichen und regionalen Tradition und Vereinskultur verbunden und verpflichtet fühlen. Hauptsache, man hat einen Ort außerhalb von zuhause, wo man rumhängen kann und es nicht zu teuer ist, wo man sich austauschen kann, ohne kontrolliert zu werden. 

Die Heimreise

Diese pointiert gesetzte Sprechweise,

diese spitzen norddeutschen Konsonanten, diese Vokale, die wie in der Tiefe von Ostsee oder Nordsee gründen, dieses Kamerafeeling, diese charismatische Persönlichkeit, diese Selbstreflexion in den Sätzen, das druckreife Sprechen: alles Eigenschaften, die ein Spitzenpolitiker im Berlin mitbringen sollte, dazu sieht er noch gut aus: Bernd Thiele. 

Aber Bernd Thiele hat einen Defekt; allerdings scheint das Denken intakt – das macht diesen Protagonisten so faszinierend. Er hat eine Leseschwäche, er kann nicht selbständig in einem Haushalt leben, er hat einen Schaden im Gehirn (so wie es beim Auto auch Defekte gibt, wie er sagt), bedingt durch übermäßigen Alkoholkonsum seiner Mutter während der Schwangerschaft. 

Bernd Thiele wird aus Berlin zu Pflegeeltern in Schleswig Holstein gegeben, besucht die Steiner-Schule und lebt jetzt auf Hof Sophienlust.

Bernds Kumpel Johann hat auch eine Behinderung, der kommt aber in der großen Welt wie Hamburg oder Berlin allein und dank Navi zurecht; er ist stoischer Pfeifenraucher. 

Bernd hat keinen Kontakt mehr zu seiner Familie; er weiß nichts über sie. Er will sich auftue Suche machen, ein Projekt, das über vier Jahre dauert und bei dem Dokumentarist Tim Boehme die beiden begleitet. 

Böhmes Erzählverfahren ist das mit Rückblenden, ausgehend von einer Fahrt nach Hamburg und später nach Berlin. Ein Roadmovie von Behinderten mit allen nötigen Zutaten, Überraschungen, aber auch Enttäuschungen, ja sogar Diskrimierung übler Art erleben sie von einem Privatdetektiv, der in Berlin Verwandte aufspüren sollte und wie er erfährt, dass er es mit Betreuungsbedürftigen zu tun hat, den Auftrag hinschmeißt, keine schöne Art. 

Bernd hat auch seine Meinung und sein Wissen zum Verhältnis vom Dritten Reich zu Behinderten und nicht weniger eine klare Meinung über die heutigen Politiker. Bernd ist glücklich auf dem Demeter-Hof in Schleswig-Holstein, reflektiert seine Arbeit, deren Notwendigkeit, aber auch über die leibliche Familie denkt er nach, das sei eben doch etwas anderes und der Hof nur eine Ersatzfamilie. 

Deshalb macht Bernd sich auf die Suche nach seiner Mutter und Verwandten von ihr und auch nach seiner Schwester. Wie in einer spannenden Schatzsuche wird er nach und nach fündig; insofern eine schöne Geschichte, nicht ohne Humor und Originalität, die das Leben schrieb. 

Ein Satz von Bernd über die Schweine: „Die sind wie Menschen, nur dass sie Schweine sind“. In seinem Zimmer hat er eine Reproduktion des Abendmahls von Leonardo da Vinci an der Wand hängen, seine kleine religiöse Ecke. 

Familie und Einsamkeit. Die Einsamkeit von Onkel Manfred in Berlin, das gibt zu denken, wie viele Menschen wie er wohl allein in solchen Hochhauswohnungen hocken und mit kaum menschlichen Kontakten ihre Zeit verbringen müssen. 

Der Film ist eine Produktion des NDR, Redaktion Timo Großpietsch. 

Xconfessions Night

Die Welt ist alles, was der Fall ist.

Dieses Wittgenstein-Zitat hat einer der Pornodarsteller in einem der hier zusammengestellten erotischen Kurzfilme von Erika Lust auf den Rücken tätowiert. 

Erotik und Philosophie. Das steckt den Rahmen, die Spannbreite dieser Sexfilme ab. Sie sind alle geistig fundiert. Natürgemäß wird auf der Tonspur von Sexfilmen überwiegend gestöhnt und geächzt, die Dialogschreiber haben es da leicht. Aber Erika Lust hat es sich nicht so leicht gemacht. Sie weiß, dass Spaß am Sex im Geist anfängt, mit der Träumerei, der Lektüre, der Fantasie. 

Es gibt also für jeden der Kurzfilme einen literarischen Überbau. Ausgangspunkt dafür sind Einsendungen mit erotischen Fantasien, die die Autorin vom Publikum erhalten hat. Das kann der Traum vom Après-Ski-Vergnügen mit dem Skilehrer sein, das können Fantasien sein, die beim Betrachten eines Buches mit erotischen Zeichnungen entstehen; diesen Kurzfilm hat Lust in Schwarz-Weiß gedreht und immer wieder lässt sie dem Film während des Aktes anhalten und in Zeichnungen übergehen. 

Wunschträume, die teils in literarischer Form niedergeschrieben worden sind, oder die Bilder und Vorstellungen entwickeln sich zwischen einem Studenten in einer Bibliothek beim Betrachten des Rückens einer Kommilitonin und er fängt an, sie zu zeichnen, bis sie plötzlich physisch zu Gange sind. 

Es ist ja auch schön, ab und an Sexszenen zu schauen, in jedem Menschen steckt ein kleiner Voyeur und das ist keine Erfindung der Moderne, in Museum mit griechischen Skulpturen oder Töpfen finden sich reichlich Darstellungen, gar nicht so jugendfrei aber oft offen ausgestellt, Satyr mit erigiertem Glied. 

Ausgangspunkt für solche Fantasien kann auch eine Erinnerungsbrille sein, die ein älterer Herr trägt und jugendfrische Szenen in die Gegenwart holt. Einem anderen Paar bereitet der Kleidungs- und Rollentausch besonderes Vergnügen. Um Spaß an solchen Filmen zu haben, muss man also gar nicht unbedingt erst Frau Dr. Ruth fragen. Aber man könnte sich mit dem ebenfalls heute startenden Brave Mädchen tun das nicht flankierend vergnügen.

Futur Drei

Gibt es im Iran überhaupt ein Wort dafür?

Das fragt Protagonist Parvis Joon (der leinwandgeschmeidige Benny Radjaipour) und er meint damit die Liebe und den Sex zwischen Männern, schwul. Die Mutter (Mashid) muss lange nachdenken, bis ihr ein kompliziertes und ihr nicht geläufiges Wort einfällt. Das bezeichnet den schmalem Grat, auf dem dieses Thema überhaupt existieren kann, erst recht, wenn es um die Liebe von zwei iranischen Männern in Deutschland geht. Erschwerend kommt hinzu, dass Parvis hier aufgewachsen ist, sein Coming-Out gehabt hat, sich frei in der Szene bewegt, während Amon (Edin Jalali) im Asylbewerberheim auf eine Entscheidung wartet. 

Amon ist äußerlich der volle Hetero, mehr orientalischer Macho geht nicht – umso erstaunlicher, was der Darsteller in manchen Szenen an Zartheit, Differenziertheit und Sensibilität aufscheinen lässt. Als Katalysator zwischen den beiden fungiert Amons Schwester Banaftshe (Banafshe Hourmazdi). 

Über den sozialen Hintergrund erfährt man vor allem von Parvis etwas, wie seine Eltern in Deutschland geschuftet haben, um dem Sohn ein schönes Leben zu ermöglichen, was er auf seine Art interpretiert und auskostet. Er wohnt noch unterm Dach zuhause und die Eltern tun sich schwer, seine Welt zu verstehen. 

Der Film von Faraz Shariat, der mit Paulina Lorenz auch das Buch geschrieben hat, spielt in Hildesheim und bringt die beiden Männer so zusammen, dass der offenbar kleptomanisch veranlagte Parvis 120 Sozialstunden in einem Asylbewerberheim ableisten muss. Hier lebt Amon.

Amon und seine Kumpels halten den blondierten Jüngling mit den weichen Bewegungen und dem warmherzigen Blick anfänglich für einen Neuzugang und Amon spricht ihn mehr aus Jux gleich an. Wie die Liebe zwischen den beiden sich entwickelt, ist ein sperriger Akt, denn einerseits darf Parvis seine Position als Mitarbeiter nicht ausnutzen, und für Amon, in dessen Welt Schwulität offiziell nicht existiert, ist es ein Ding der schieren Unmöglichkeit. 

Shariat erzählt das mit Leichtigkeit und genauer Beobachtung der Hemmungen und dem Widerstand gegen die Begierden, die Zeichen und die Ablehnungen, die Suche nach raren Momenten, auch mit Hilfe von Trance, Tanz und Disco, mit Ausgelassenheit und scheinbarer Unbeschwertheit einer jugendlich lässigen Ménage à trois. Und dann droht da immer noch die Abschiebung.