Jason Stratham als Präzisionsinstrument des Tötens wird durch ein Mädchen auf seiner Mitfühlseite gefordert, weil es eben kein Gepäck ist.
Siehe die Review von stefe
Jason Stratham als Präzisionsinstrument des Tötens wird durch ein Mädchen auf seiner Mitfühlseite gefordert, weil es eben kein Gepäck ist.
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Das Kino kennt keine Rast und keine Ruhe. Donnerstags – und nicht nur dann – branden die Neuheiten an, kämpfen um ihre Plätze auf der Leinwand und um die Gunst von Kritik und Publikum. Noch bevor alle Sommerferien zu Ende sind, noch bevor die „Sommerflaute“ mit weniger als einem halben Dutzend Neustarts an einem Donnerstag vorbei ist, zieht das Feld der Neustarts merklich an in einen hoffentlich gloriosen Kinobst. Einen starken Kontrapunkt zum sommerlichen Eisvergnügen setzt eine Horrorgeschichte aus der amerikanischen Provinz. Die Franzosen amüsieren sich distinguierter mit einem Klassikmusikversuch unter fordernden Bedingungen. In Skandinavien schaut sich eine Frau Mutterschaft unterm Aspekt des Body-Horrors an. Ein Ungar hat an einem schwarzen, griechischen Huhn seinen Narren gefressen und es zu seinem Protagonisten gemacht. In Berlin versucht ein Linker, mehr engagiert als organisiert, einen Neonazischuppen zu zerlegen. In Italien schmeichelt sich ein versautes Bürschchen in die scheinbar hermetisch abgeriegelte Gefühlswelt seiner Französisch-Lehrerin ein. Eine Amerikanerin lässt ihr Luderchen die Herzen eines italienischen Clans gewinnen und diesen bekochen. Eine Österreicherin füllt zwei Stunden Film mit Traurersatztexten.
Kino
ICE CREAM MAN
Provinz- und Süßigkeitenhorror schlechthin
DER KLANG DER STRADIVARI
Ein Quartett aus lauter egomanischen, Primadonnenzicken
NIGHTBORN
Mutterschaft hat mit Blut zu tun.
LEBENSANSICHTEN EINES HUHNS
Ein Huhn als Guide zum Menschenschmuggel
FLIEG STEIL
Einen Neonaziladen auseinandernehmen
LA GIOIA
Gefühlsschmelze einer italienischen Französischlehrerin
YOU, ME & ITALY
Luderchen ist ein verkanntes Kochgenie
EVERYTIME
Zwei Stunden Sprachlosigkeit der Trauer
Unausgegoren
wirkt diese späte Rumhängejugend aus Berlin im Film von Martina Schöne-Radunski & Lana Cooper.
Konnie (Ceci Chuh) hat einen Job bei einer Krisenberatungsstelle. Sie will die grölende Neonazi-Szene als Leadsängerin einer Band mit feministischen Texten aufmischen. Das stößt auf Widerspruch. Zur Stärkung ihrer Glaubwürdigkeit behauptet sie, sie hätte eine „Zecke“, einen Linken, getötet, bleibt den Beweis schuldig.
Rudi (Alexander Merbeth) ist eine Zecke. Er will den Neonazischuppen auseinandernehmen. Er lebt selbst nicht allzu zielbewusst; hat mit Freund Cervezito (Tom Lass) eine linke Band. Cervezito betreibt einen Imbiss. Er bietet Rudi an, mit dem weiß gestrichenen Fahrrad Essen auszufahren. Dieser macht das halbherzig, braucht vor allem Pausen, schmeißt das Fahrrad auch mal in einen Kanal, nicht hilfreich fürs Geschäft.
Für seinen Angriff auf den Neonaziladen sucht er unter seinen Freunden Mittäter, auch seine Ex Sandra (Lana Cooper) fragt er, die mit dem gemeinsamen Buben separat lebt. So ein richtiger Motivator scheint Rudi nicht zu sein, ausgereift sind seine Pläne nicht.
Er filtriert sich unter falschem Namen in die tumbe Neonazi-Szene ein, um die Örtlichkeit zu erkunden. Er trifft auf Konnie. Sie spüren, dass sie etwas verbindet, dass sie nicht so richtige Neonazis sind.
Irgendwann kommt eine Pistole ins Spiel. Die Lage spitzt sich dramatisch zu, wie die Neonazis, vor allem der Wirt Andi (Andreas Anke), den Beweis mit der Leiche haben wollen, weil nirgendwo etwas über den behaupteten Mord zu lesen war und erst recht, nachdem einer der Neonazis in der Nähe des Lokals zum Krüppel geschlagen worden ist.
Der Film arbeitet mit viel Handkamera, teils mit Stroboskopeffekten und mit Effekten, die eine subjektive Wahrnehmungsstörung simulieren und dann auch stark über die Musik, streckt er sich in die Nähe eines engagierten Musikvideos.
Noras Puppenheim bekleckert
Beim Norweger Ibsen musste das Puppenheim von Nora reinlich, säuberlich, geordnet, comme-il-faut sein, zum Ersticken.
Die Finnin Hanna Bergholm, die mit Ilja Rautsi auch das Drehbuch geschrieben hat, versenkt und beschmiert die Cleanheit in Bädern von Blut, denn Frausein, Muttersein ist immer auch blutig, kann ekellerregende Elemente haben, unangenehme, abstoßende.
Der sich das Puppenheim wie im Bilderbuch wünscht, ist Jon (Rupert Grint), ein bäriger Mann, kindlich und naiv. Er ist verknallt in und verheiratet mit Saga (Seidi Haarla). Er will ihr ein hübsches Heim, das sie von ihrer Großmutter geerbt hat, einrichten mit Zimmern für die drei Kinder.
Lust und Leid, Blut und Sauberkeit liegen nah beieinander. Der Lustschrei des Geschlechtsverkehrs im Wald beim Omas Haus geht direkt über in den Schrei bei der schweren Geburt.
Das Haus ist verwahrlost. Jon richtet es. Dass seine Frau reserviert reagiert, nimmt er nicht wahr. Der Wald bei Omas Haus sei komisch, Oma hat ihn davor gewarnt.
Die Kamera und die Mikros der Tonabteilung nehmen Dinge wahr, die weit über den natürlichen Wald hinaus gehen, sonderbare Knarz- und Wispergeräusche, knorrige Wurzel- und Baumgebilde.
Im Haus wächst mitten in der Stube ein Bäumchen. Motive, die in ähnlichen Filmen schon zu sehen waren, immer wieder schön. Das Bäumchen erinnert an der ersten Kurzfilm von David Lynch, bei dem aus seiner toten Oma auf dem Dachboden ein Bäumchen wächst. Werden und Vergehen.
Mit dem Puppenhein wird nichts, obwohl Jon das Haus hergerichtet hat. Die Natur in Saga wehrt sich. Das dürfte mehr sein als nur eine postnatale Depression. Das Kind ist am ganzen Körper behaart, es ist ein Junge, der gibt Grunzlaute von sich, er beißt beim Säugen Mutters Brust blutig. Mutter guckt immer entsetzter. Freude über Mutterschaft und Familienidylle sind nirgendwo zu finden.
Schwierig wird es für die Verwandtschaft. Die Mutter von Saga (Pirkko Saisio) wird mit wenigen Sätzen als hart und herzlos kritisch, von ihrer eigenen akademischen Karriere vereinnahmt, geschildert, sie hat wenig Zeit, muss gleich wieder nach Boston zurückfliegen. Der Papa möchte das Kind Christian taufen, sein Vater soll die Haustaufe vornehmen, doch die Mutter nennt es, und da gibt es keinen Widerspruch, Kuuru. Das Unappetitliche nimmt seinen Lauf, gibt Stoff für eine Bilderwelt, die dem Begriff Bodyhorror mit viel (geschmackvoller) Bildfantasie gerecht wird, bietet der Cleanheit, dem Anstandsdenken, der Ordentlichkeit, die alles unter den Tisch oder besser, unter den Teppich kehrt, Paroli. Mutterkuchenfilm, Plazentafilm?
Schilderung einer Trauerlähmung
Nichts ist, wie es einmal war, ein Satz, nicht hier aus dem Film von Sandra Wollner, ein Satz, der überall Anwendung findet, wenn Einschneidendes wie der Tod menschliche Beziehungen trifft.
Jessie (Carla Hüttermann) ist 2024 gestorben. Sie ist laut Grabstein 2007 geboren worden, wurde also 17 Jahre alt. Nichts ist mehr, wie es einmal war bei ihrer Mutter (Birgit Minichmayr), bei ihrem Ex-Freund oder Bruder, ist nicht ganz klar geworden, jedenfalls bei Lux (Tristan López) und bei der kleinen Schwester Mellie (Lotte Shirin Keiling). Diese belebt ab und an mit görenhaften, altklugen Bemerkungen das zweistündige Trauerspiel, also: das kinematogaphische Trauerspiel.
Wie kann man nur zwei Kinostunden füllen und so gar nichts erzählen? Wie kann man so an einem erfundenen deutschen Alltag kleben und die Freiheiten des Kinos nicht nutzen?
Gegen Ende erst kommt eine Kitschstory mit dem süßen Findelkind auf Teneriffa, das die Familie Jessie nennt, auf. Hier versucht das Kino kurz abzuheben, bleibt aber zäh auf der Teerpiste kleben. Kommt nicht voran. Hat nichts zu erzählen. Das macht die oft stark überschminkte Frau Minichmayer zwar gut wie immer. Aber deswegen geht niemand ins Kino.
Niemand geht ins Kino, wenn eine tv-taugliche deutsche Alltagsrealität erfunden wird mit Sätzen wie: „Ich habe Bock auf Milanese“, „Is noch gar keiner da, wo sind sie denn alle?“, dazu fällt der Kamera auch nicht viel ein, außer desorientiert eine Fassade abzusuchen, „Das war ein Schnäppchen, Melli, das kostet normal das Dreifache“, wie kann man nur so betuliches Kino machen?, „Du, dann reich doch … einen Antrag auf Fristverlängerung ein.“, „Die haben da irgendwas falsch verbucht“, „Kannst du schon mal wegräumen?“, Bedeutungslostalk, Verdrängungstalk?
Im Zweifelfall, vielleicht gabs von der Dramaturgieberatung den Tipp, schneidest einen Sonnauf- oder Sonnenuntergang rein, wenn Du nicht mehr weiterweißt, in Berlin oder auf Teneriffa. Teneriffa schmerzt besonders, wenn man an den neuesten Film von Pedro Almodóvar Bitteres Fest denkt, was der aus der Insel mit der schwarzen Erde zaubert. Aber dem reden ja auch keine deutschen Fernsehredakteure rein. Drohnenspielereien, das scheint ihnen zu gefallen. Da kommen sie mit.
Röntgenaufnahme der Provinzdenke
oder, was der Provinizialismus üblicherweise am Ausbrechen hindert, wenn denn nicht ein Eli Roth, der mit Noah Belson auch das Drehbuch geschrieben hat, sich dieses auf der Leinwand traut mit einem leckerschlecker Horrorprovinzmassackerstreifen wie diesem.
Und uns lehrt, wie gefährlich Eiscreme wirklich ist. Nicht nur ansteckend, sondern mörderisch, blutlechzend, Zombies schaffend, Schlachtereien auf offener Provinzstraße initiierend, was das Genre aus seinem Fundus hergibt und mehr.
Bayleen Bay ist ein amerikanisches Provinzkäffchen wie aus dem Bilderbuch, die Idylle selbst, der Frieden selbst, die Ruhe selbst. Es gibt Schrulliges, den altbackenen Krämer, dessen Ladenglocke nicht funktioniert und der stattdessen eine Zielscheibe an die Wand gepeppt hat, auf die die Kunden Centmünzen werfen sollen, damit er hört, dass sie da sind.
Mit unheilschwangeren Untertönen auf der Tonspur versehen fährt locker und lustig der Eismann in die Ortschaft ein. Der hat eine Eismannfigur auf dem Dach, clownshaft, horrormovieeigen, und selbst den bekannten Klingelton. Der schwappt auf die Handys über mit seinem Ringel-ding-dong und einem Zeichentrickfilm dazu, auf dem die Kinder wie hinter dem Rattenfänger von Hameln herzotteln.
Die Kids sind beim Basketball und wollen sich daraufhin ein Eis gönnen. Der Film zögert nicht bis zur Schilderung der ersten Folgen. Die Mäuler sind verschmiert in den bunten Farben und mit den Bonbondekorationen des Eises.
Nachts fährt der Eismann (Ari Millen) durch die schlafenden Wohngegenden mit den Einfamilienhäuschen. Die Folgen sind blutig, man mag sie nicht im Detail schildern. Den aparten Gegensatz zwischen süßem leckerschlecker Eis und grausamen Bodyhorroringredienzien muss man im Kino erleben, darf sich darüber amüsieren wie in der guten alten Geisterbahn.
Ein bisschen Story ist auch dabei. Der präpubertäre Jared (Charlie Zeltzer) ist der Kid, der ungeschoren davonkommt, der sich nicht von Eis verführen lässt, der spannt, dass mit dem Eismann was nicht stimmt, der unbeirrt zwischen den Eiszombies wandelt und noch weitere Überlebende um sich schart. Gemeinsam und mit seiner wundertütenschönen, älteren Schwester Lizzie (Sarahb Abbott), die mit Chris (Dylan Hawco) für die Liebesstoryzutat zuständig ist, und mit einem kleinen Trüppchen Unversehrter nehmen sie den Kampf gegen das Böse auf.
Der Weg führt über die Kirche, den in der Eiskammer aufzufindenden Priester (Benjamin Byron Davis) und schließlich über den Friedhof. Unbeirrbarkeit, Tatkraft und Mut der Jugend schaffen es, das Böse einzugrenzen. Sie werden sich bestimmt als ordentliche Bürger in das Provinzleben einbringen, da sie dessen schützenden Rahmen schätzen und über die drohenden Abgründe, dass der Mensch dem Menschen ein Raubtier sei, Bescheid wissen in der Provinz des Gemetzels. Logo, dass so ein Film keinen besonderen Wert auf Subtilität legt.
Wohlfeile Gesellschaftskritik über die Bande erstklasssiger Hühnerkinematographie
György Pálfi, der mit Zsófia Ruttkay auch das Drehbuch geschrieben hat, möchte mit diesem seinem Film auf das Flüchtlingsproblem im Mittelmeer, auf Schleuserbanden und speziell auf die diesebezüglichen Verhältnisse in Griechenland aufmerksam machen und sie anprangern.
Die Hühnergeschichte, über die er das erzählt, ausgeblendet, bleibt nicht viel mehr als klischeehafte Bilder von Menschenschmuggel, wie ihn das Genrekino darstellen würde.
Der Betreiber eines Fischrestaurants (Yannis Kokiasmenos) hoch über der Küste in unwegsamem Gelände ist mit seinen Mannen in das Schleusergeschäft mit Bootsflüchtlingen involviert. Diese holen die Flüchtlinge am Hafen ab, wo sie mit ihren Schlauchbooten anlanden, verladen sie in den Kühlraum des Fischtransportes und verfrachten sie als Fischtransport getarnt weiter.
Eine Zwischenstation ist in einem Hinterraum des Fischrestaurants. Gegen Zollkontrollen hat man dank Bestechung einen gewissen Schutz. Hier kommt das Protagonistenhuhn ins Spiel. Es ist ein schwarzes Huhn, ein Außenseiterhuhn. Es hat im Film eine lange Vorgeschichte, eine minutiöse Herleitung für diesen Blick auf tier- und menschenverachtende Praxen der Menschheit.
Des schwarzen Huhns Geschichte geht bis zum Legen des Eis in Großaufnahme aus dem Hintern des Mutterhuhns zurück. Daran kann sich der Regisseur nicht satt sehen, Muttermund, Eigeburt, dass er solche Aufnahmen noch vielfach in den Film schneiden wird.
Unser Protagonistenhuhn wird in einer Hühnerfabrik gelegt. Es geht dort massenkompatible Prozesse des Ausbrütens, Schlüpfens, der Aussortierung durch, bis es als schwarzes Huhn von den übrigen von einem zupackenden Arbeiter getrennt wird mit der Bemerkung, das würde der Chef nicht dulden. Es sollte wohl als nächstes in einem privaten Kochtopf landen, doch vorher reißt es aus.
Das schwarze Huhn begibt sich auf eine Odysse, die vielleicht am trefflichsten damit beschrieben ist, dass der Regisseur jetzt endlos Ideen aneinanderreiht, was man mit so einem freischaffenden Huhn auf einer griechischen Insel am Mittelmeer alles erfinden kann. Da sind sicher auch komische Situtationen drunter, die in der Erinnerung in der Menge der Erfindungen schnell wieder verschwinden, unauffindbar sind.
Nach all den Wechselfällen des Hühnerkinos landet das Protagonistenhuhn bei besagtem Fischwirt in der Hühnervolière. Dort legt es einen Routinemarathon an Begattetwerden und Eilegen hin. Die Eier werden gleich entnommen. Es kann sich befreien. Es versteckt sich in der Kühlanlage auf dem Fischtransportkühlwagen. In diesen werden die Flüchtlinge gepfercht. Das Huhn hat inzwischen auf das Ventilatorrad ein Ei gelegt. Es dreht sich nicht. Die Flüchtlinge gehen in der kurzen Strecke zwischen Hafen und Restaurant elendlich zugrunde. Die Übeltäter fackeln das Auto mitsamt den Leichen direkt vorm Restaurant und mit kaum zwei Metern Abstand zu anderen Autos ab. Nichts wird in Mitelidenschaft gezogen.
Vielleicht sollte man sich für diese Dinge die Hühneroptik zu eigen machen, um sie erträglicher und plausibler zu gestalten. Naturbetrachtung ist eines, Hühner geschmeidig-süffig bildstark zu inszenieren und filmisch festzuhalten ein anderes und einen die europäische Flüchtlingspolitik kritisierenden Film machen, wäre nochmal was anderes. (Timbuktu; On the Border – Europas Grenzen in der Sahara).
Das Luderchen und das Glück
Der Originaltitel dieses Film von Kat Coiro nach dem Drehbuch von Ryan Engle und Kristin Engle, lautet ‚You, Me & Toscany‘, der „deutsche“ Titel, wie bekannt, ‚You Me & Italy‘, da hat sich vielleicht wer was gedacht dabei. Egal.
Diese Art Film besticht durchaus durch eine gewisse Ehrlichkeit, indem sie gar nicht erst vorgibt, mehr sein zu wollen, als was sie ist: leichte Sommerkost, kalorienarm und mit viel Süßstoff.
Die Geschichte vom Luderchen, was ein abgrundtief guter Mensch ist und dazu noch ein verkanntes Kochtalent, aber vom Schicksal, Eltern tot, gebeutelt und dem die Geschichte ein schönes Ende bereitet.
Anna (Halle Bailey) ist dieses Geschöpf, naiv, direkt und keineswegs geknickt. Sie schlägt sich durch als Wohnungssitterin. Der Film stellt sie vor, elegant gekleidet, mitten in New York spazierend mit einem Luxushündchen. Man nimmt ihr die reiche Dame ab.
Die Dame des Hauses kehrt überraschend zurück, erwischt sie und Anna ist den Job los. Ihre Freundin Claire (Aziza Scott), die Rezeptionistin in dem Appartmenthaus, kann ihr auch nicht weiterhelfen. Sie landet in einer Bar. Mit den letzten Kreditkartenbeträgen kauft sie sich einen Hamburger und lernt Matteo (Lorenzo de Moor), einen Italiener, kennen. Der jettet um die Welt, ist im feinen Hotel einquartiert. Er sei im Immobiliensektor tätig. Für eine Liebesnacht ist er zu erschöpft.
Am nächsten Morgen findet Ann im leeren Bett neben sich die nötigen Infos, die ihr einen spontanen Trip nach Italien ermöglichen. Sie landet in der Toscana. Findet zu seinem leerstehenden Haus, entdeckt den Schlüssel und quartiert sich ein.
Bis dahin ist mit ihren wenigen Begegnungen eine erste, sorglose Ladung Italianitá in den Film geflossen. Es wird ihrer deutlich mehr werden, dieser überschwänglichen Emotionalität. Mit solcher wird sie in der Familie molto con emozione aufgenommen, nachdem die Mutter (Isabella Ferrari) und die Nonna (Stefania Casini) entdeckt haben. Die glauben nämlich, der Wunsch ist der Vater dieser Festlegung, sie sei die Braut ihres verlorenen Sohnes Matteo, der sich vor einem Jahr abschiedlos aus der Toskana abgesetzt hat.
Die Verwechslungskomödie, in dem alle ihren Part spielen, nimmt ihren Lauf. Es funkt noch der Halbbruder von Matteo rein, Michael (Regé-Jean Page), der der eigentlich brave Sohn und Weinbauer ist. Und ein „Brod“ von Anna dazu. Flirt, ik hör dir Trapsen.
Turbulent entwickeln sich die Dinge weiter, wie Matteo selbst auftaucht und die von der Familie schon sicher geglaubte Hochzeit näher rückt. Davor ist noch das jährliche Fassrennen im Ort, das zwischen den Halbbrüdern ausartet, nicht in Minne.
Auch die Info, dass Anna ein Kochtalent sei, breitet sich aus; rechtzeitig zu dem Moment, in welchem Papa Vincenzo (Paolo Sassanelli) nicht einsatzfähig ist. Temporeich und temperamentvoll und immer auf der Klaviatur menschlicher Schwächen und Fehler spielend erreicht der Film seinen Endspurt und alle werden sie am Schluss Fehler einsehen und Luderchen, das bis dahin glaubte, immer alles zu ruinieren, wird ein sehr, sehr guter und sehr, sehr glücklicher Mensch werden.
Aufweichen erstarrter Gefühle
Gioia (Valeria Golino) ist die Figur im Titel dieses Filmes von Nicoloangeli Gelormini nach dem Drehbuch von Benedetta Mori, Giuliano Scarpinato unter Mitarbeit von Chiara Tripaldi nach dem Theaterstück „Se non sporca il mio pavimento“ („Wenn es meinen Boden nicht verschmutzt“) von Giuliano Scarpinato und Gioia Salvatori; sie wird aber nicht als Titelheldin im dramaturgischen Sinne eingesetzt, deren Heldenreise den Zuschauer einwickeln, faszinieren, mitfühlen lassen soll.
Gioia ist der Spielball in einer Mechanik zwischen lasziver, ungezügelter, verdorbener einerseits und erstarrter, spießiger, eingefrorener Gefühlswelt andererseits. Durch den Zusammenprall dieser beiden Elemente wird Gioias Gefühlspanzer durchbohrt, aufgeweicht, besiegt.
Wichtige Infos werden während der Titel skizziert. Die Fußballbegeisterung von Gioia, ihrer strengen Mutter Gisella (Betty Pedrazzi) und dem dementen Vater in erstarrter Umgebung einer Villa. Auch die andere Seite wird während der Titel im Schnelldurchlauf geschildert. Dann nimmt sich der Film den Antagonisten Alessio (Saul Nanni) vor, ein blonder Engel, Schüler noch, mehrfach sitzen geblieben, uninteressiert an der Schule, versaut durch und durch.
Es ist die Softpornophase des Filmes. Alessio, wie er mit seinem Stiefvater Cosimo (Francesco Colella) sich Männern verkauft, indem er als Frau vor ihnen tanzt, aber auch mit Cosimo wie auch mit seiner leiblichen Mutter Carla (Jasmine Trinca) ist er sexuell zugange. In der Schule küsst er ein Mädchen auf dem Pausenhof.
Gioia dagegen, was Freude übersetzt bedeutet, im Familiennamen kommt noch die Blume vor, ist als das Gegenteil von Freude inszeniert, lange Röcke, gestrickte Pullover mit Blümchenmuster, zwei Teddybären neben dem Bett, unelegante Schuhe, die Begeisterung für Juventus Turin ist darunter der Knaller, der nicht so richtig passt. Das Klischee der strengen, frigiden Frau in Reinkultur. Mit Brille dazu. Sie lehrt französisch an der Schule.
Alessi dringt mit dem Wunsch nach Nachhilfe in Gioias Leben ein. Er bringt ihren Gefühlspanzer zum Schmelzen. So ergibt sich im Film eine Phase, in der das nach echter Liebe aussieht. Auf der Seite von Alessio herrscht Geldmangel, seine Mutter stundet mehrere Monatsmieten, Cosimo verspielt sein Geld und was Alessio mit seinen Transenauftritten verdient, ist nicht genug, er hat seine Träume von der Selbständigkeit. Die strenge Gioia dagegen hat einiges auf dem Konto. Doch Früchtchen bleiben Früchtchen …
Skurriles Biotop
Der Film von Grégory Magne ist eine feine Etüde in der Betrachtung des Künstlertums im klassischen Musikermilieu als eines liebenswürdig skurillen Biotopes. Eine Milieustudie.
Ein Quartett aus lauter egomanischen Solisten klassischer Streichinstrumente soll aufgrund des Wunsches eines Mäzens zusammengebracht werden und ein Auftragswerk des Komponisten Charlie Beaumont (Frédéric Pierrot) in einer bestimmten gotischen Kirche in Frankreich zur Aufführung bringen.
Die Idee des Stifters der Foundation Carlson war, vier Instrumente von Stradivari, alle im Millionenwert, zusammenzubringen für ein Konzert. Die den Wunsch ausführen soll, ist Astrid Carlson (Valérie Donzelli), die Tochter und mit ihrem Bruder Arthur (Nicolas Bridet), die Erbin.
Valérie Donzelli spielt wunderbar diese reiche Frau, die was Gutes tun will, die ein kulturelles Glanzstück vollbringen will. Man denkt an die Tochter von Liliane Bettencourt, an Francoise-Bettencourt Meyers, und an den Film Die reichste Frau der Welt. Ständig ist sie besorgt und auf Draht, damit das Projekt, für das sechs Tage zur Verfügung stehen, auch gelingen möge.
Auf Französisch heißt der Film: Les Musiciens. Die Musiker, das ist auch das Thema. Wie so einen Zickenhaufen namhafter und gefeierter Solisten zum Teamwork zusammenbekommen?
Vorher noch muss eine Violine auf einer Auktion zur Vervollständigung des Quartetts an Instrumenten ersteigert werden.
Die vier Egomanen, das sind die Cellistin Lise Carvalho (Marie Vialle), die auf gar keinen Fall mehr mit dem blinden Violinisten Peter Nicoloescu zusammenspielen möchte. Die beiden haben eine Vergangenheit. Der Superviolinist George Massaro (Mathieu Spinosi), ein eitler Aktionist, der nur sich und nur sich und nur sich sieht und der glaubt, immer recht zu haben und den Ton angeben zu müssen. Und schließlich ist da noch die von allen scheel beäugte Quereinsteigerin und Social-Networkerin Apolline Dessartre (Emma Ravier) an der Bratsche.
Es fängt nicht gut an und das Auftragswerk des Komponisten kennt niemand. Erst wie die Gönnerin den Komponisten persönlich auffährt, da sind schon zwei oder drei Probentage vorbei, kommt Struktur in den Probenprozess.
Der Film schildert mit Sympathie für die Künstler deren Macken und Kindereien, der Spezialwünsche und den mühsamen Prozess über allerlei Hindernisse bis zur beinah zertrümmerten Stradivari-Geige des Zusammenwachsens zum echten Quartett, das so gut sei, wie der Komponist meint, weil vier Instrumente mit leichten Fehlern ein Ganzes ergeben. Er bringt den Musikern bei, sich gegenseitig zuzuhören, er bemüht das Bild vom Vogelschwarm, der als Ganzes plötzliche Wendungen vollzieht.
Es ist also kein Film, der einen Konkurrenzkampf bis auf Blut vorführt; es ist ein Film, der für Insider des Geschäftes ergiebiger sein mag als für Außenstehende. Er lebt von kleinen Beobachtungen und Sonderbarkeiten. Einmal ist zu sehen wie der Superviolinist, Kleinigkeit, seine Hose hochzieht, oder die Story zwischen ihm und der Social-Media-Kollegin, oder wie der Komponist über seine Partitur gebeugt die Zigarette vergisst, die er in der Hand hat und ein Aschenhäufchen fällt drauf.
Es ist ein Film, der den Figuren genügend Eigenleben lässt, um sie als Indivduen zu zeichnen, die aber nicht in einer bitterbösen Auseinandersetzung zueinander stehen, eher in einer gut abgefederten Konkurrenzsituation, diese dann doch professionell überspielen, zum je eigenen Nutzen.
Dann wieder ein Bild wie aus einem wilden Krimi, wenn das Quattro mit je eigenen schwarzen Limousinen im Konvoi zum Aufführungsort gefahren wird, nicht wegen der Zickenhaftigkeit der Künstler, sondern aus Sorge um die Instrumente. Oder die Whirpoolstory, sprudel, sprudel …