Alle Beiträge von Stefe

Kommentar zu den Reviews vom 2. Juli 2020

Jetzt fangen auch die letzten, die Bayern, wieder mit dem Kino an schon fast „as usual“. Es wird wieder spannend vor allem auch deshalb, weil es bei jedem Filmneustart offen ist, was für ein Weg ein Film macht, zu sehen, wie andere über die Filme denken, ob ein Film, der einem selbst gefällt, auch sein Publikum findet, ob ein Film sich im Kinoprogramm hält oder ob er nach einer Woche schon wieder verschwindet. Auch das ist eine Art öffentlichen Vorganges, öffentlichen Schauspiels und Wettbewerbes, der in der Corona-Kinowüste abgwürgt war. 

Übel an der Wiedereröffnung der Kinos ist, dass die vom Staat Polizeiaufgaben übertragen erhalten, dass der Staat die Kinos haftbar macht, wenn Besucher Hygienevorschriften nicht einhalten. Die Kinobetreiber werden so zu Blockwarten, das Klima im Kino vergiftet; das entmündigt die Bürger, die Zuschauer; es würde doch reichen, wenn ihnen ein Recht auf Abstand eingeräumt wird, worauf sie bestehen können – oder wenn es nicht möglich ist, dann müssten sie halt auf den Kinobesuch verzichten. Besonders übel ist dieses Vorgehen im Vergleich zu Flugzeugen und Bussen; hier dürfen die Passagiere wieder dicht an dicht sitzen; die Mär vom senkrechten Luftstrom und eine starke Lobby haben es möglich gemacht. Dabei gibt es Nachweise über Ansteckungen in Flugzeugen – haargenau, welche Plätze -; Nachweise über Ansteckungen in Kinos sind mir nicht bekannt.

DIE SCHÖNSTEN JAHRE EINES LEBENS

Das geträumte Leben ist das schönere Leben – somit ist auch die Liebe im Kino die schönere Liebe. 

SIBERIA

Auch so ein Corona-Opfer, Einblicke in die Abgründe eines bürgerlich lebenden Regisseurs.

UNDINE

könnte es mit Corona aufnehmen. 

DER FALL RICHARD JEWELL

Ein übergewichtiger Mensch, der die Vorurteile magnetisch anzieht – in Clint Eastwoods meisterhafter Kinotraumhandschrift. 

MEINE FREUNDIN CONNI – GEHEIMNIS UM KATER MAU

Das erste Mal weg von zuhause und mitten in Abenteuer-, Krimi- und Spukgeschichten hinein. 

SUICIDE TOURIST

Touristenreise ohne Wiederkehr. 

JEAN-PAUL GAULTIER: FREAK & CHIC

Die erschlagende Hektik der Modebranche.

DIE TOCHTER DES SPIONS

Praktisch von einer Minute auf die andere aus der vertrauten Identität herausgerissen ohne ein Zurück. 

SUNBURNED

Cluburlaub mit Anödansage.

DIE KÄNGURUH-CHRONIKEN – RELOADED 3D

Die Fans haben gerade angefangen den Sturm auf die Kinos zu proben, da kam Corona und aus den Känguruh-Chroniken wurden die traurigen Corona-Chroniken. 

ZU WEIT WEG

von spannendem Kino sind hier oft auch die Pseudoalltagsdialoge. 

Suicide Tourist – Es gibt kein Entkommen

Mit dem eigenen, individuellen Tod ist das so eine furchtbare Sache, vor allem, weil wir normalerweise überhaupt nicht wissen, wann, wo und wie er eintritt, ob er schmerzhaft, qualvoll oder schnell und glimpflich ist. 

Noch furchtbarer allerdings ist es, wenn wir es genau wissen, wissen können, wenn wir ins Hotel Aurora in einer wilden Berglandschaft einchecken, um in luxuriöser Umgebung auf eigenen Wunsch dem gezielten Ende entgegenzusehen. 

Jonas Alexander Amby schildert das nach dem Drehbuch von Rasmus Birch am Falle von Max Isaksen (Nikolaj Coster-Waldau), einem schnauzbärtig, hageren Versicherungskaufmann, der doch eine glücklich sein sollende Beziehung zu Laerke (Tuva Novotny) hat – die kommt nach der Mona Lisa -, wie kann man da Sterbewünsche entwickeln? 

Wenn da nicht der Gehirntumor wäre. Amby fängt den Film in perfekt düsterer Thrillerstimmung, sowohl Bild als auch Musik, an. Er liefert als Untertext, der sowohl Stilisierung als auch gemäßigtes Tempo begleitet, die Idee eines letzten Ganges, unwiderbringlich letzter Schritte in einem Leben, von dem wir über Rückblenden erfahren. 

Letzte Schritte, letzte Atemzüge, letzte menschliche Begegnungen wollen wohl empfunden und wahrgenommen werden. Sie sind die Versuchung an der endgültigen Entscheidung, Begegnungen mit Ari (Robert Aramayo) oder Jenny (Lorraine Hilton) – Zimmer- oder Saunabesuche – sind genau das, was die Todeseinsamkeit durchbricht. 

So öffnet der Film sich vom düstern, definitiven Thriller in Richtung einer subtil-verhaltenen Satire, extrem nordisch-trockener Humor – mit einem Drall ins Absurd-Bizarr-Gruselige, wie die dekorativen, wilden Felsformationen im Hintergrund des supergestylten Suicide-Hotels Aurora. Um dann, Vorsicht Spoiler, zum hammerharten Survival-Trip zu mutieren. 

Aus technischen Gründen konnte ich allerdings die letzten etwa zehn Minuten nicht mehr schauen. 

Meine Freundin Conni – Geheimnis um Kater Mau

Kita-Ausflug

Conni verlässt zum ersten Mal ihr fürsorgliches Elternhaus für drei Tage. So lange dauert der Kita-Ausflug, der aufs Land zu einer Burg führt. Übernachtet wird in der Nähe der Burg, in der Wassermühle, einem wunderschönen Fachwerkhaus mit Wasserrad. 

Der Abschied von den Eltern fällt Conni nicht schwer – für Eltern ist das oft seltsam, wenn Kinder bei so einem ersten Abschied sofort sich für das Neue interessieren, als ob die Eltern von einem Moment auf den anderen nicht mehr existieren. Conni spürt, dass sie Abenteuer und Aufregungen erleben wird und freut sich darauf, denn schon haben die Kinder Fantasien von Ritter Kuno und seinem Schlossgespenst entwickelt. 

Schwerer fällt Conni der Abschied von ihrem Kater Mau; ob sie das durchhält, drei Tage ohne ihn? Dem Kater scheint es nicht anders zu ergehen. Er schmuggelt sich in den Kofferraum des Reisebusses und wird viel dazu beitragen, den Kita-Ausflug denkwürdig zu gestalten. 

Der von Ansgar Niebuhr in Kodirektion mi Victoriano Rubio nach dem Drehbuch von Nana Andrea Meyer und Jens Urban nach einer Originalidee von Liane Schneider weich und geschmeidig erzählte Animationsfilm, zeigt allein anhand dieser Busfahrt, wie er aus den Situationen prima genießbaren Unterhaltungswert für die Zielgruppe zieht. 

Der Kater im Kofferraum, die Türme von Koffern. Über dem Kofferraum die Kinder, Conni, die andauernd glaubt, eine Katze zu hören. Der Zuschauer, der weiß, dass sie sich nicht täuscht, denn er sieht in einer Parallelmontage vom Straßenbelag, dessen Unebenheiten, die sich auf den Bus übertragen und die daraus sich ergebenden Probleme des Katers. 

In der Wassermühle entwickeln sich folgerichtig köstliche Abenteuer- und Spukgeschichten dank dem Ineinandergreifen der illegalen Anwesenheit des Katers, den Problemen mit dem Waschbär Oskar vom Buben der Pensionswirtin, einer diebischen Elster, einer Katzenallergie der Pensionswirtin, Unglücksfällen, Besteck- und Schmuckdiebstählen, sowie der Drohung, dass der Waschbär in den Tierpark müsse. 

Der Erzählfluss ist unaufgeregt, immer spannend, die Erzählung nicht überladen oder überrissen, weder von der Figurzeichnung noch von der Action her, immer bestens nachzuvollziehen. Für einen deutschen Film scheint er mir eine erstaunliche Nähe zur großartien Animationskultur der japanischen Ghibli-Studios aufzuweisen. 

Die schönsten Jahre eines Lebens – Les plus belles années d‘ une vie

Claude Lelouch schaut zurück, träumt von der Liebe und illustriert einen Satz von Victor Hugo, dass die schönsten Jahre des Lebens diejenigen seien, die man nicht gelebt hat. 

Dafür knüpft er an seinen Film „Ein Mann und eine Frau“ von 1966 an. Hier gibt es eine Amour zwischen Anouk Aimée als Anne Gauthier und Jean-Louis Trintingnan als Jean-Louis Duroc. Er ist Stuntman beim Film, Rennfahrer und sie ist Skript-Girl. Sie lernen sich kennen, weil sein Sohn und ihre Tochter im selben Internat in Deauville sind. 

Es ist eine Liebe nach dem Zitat, das im Film auch vorkommt, dass es leichter sei, 1000 Frauen zu verführen als eine Frau tausendmal. Aber es ist eine Liebe von so einer Stärke, dass die beiden sich nicht vergessen können (von heute aus betrachtet). 

Der Filmsohn der beiden, Antoine Sire als Antoine Duroc, der 1966 noch ein Bub war, taucht bei Anne, die in der Normandie einen kleinen Laden betreibt, auf und bittet sie, ihren Vater in der Luxus-Altersresidenz „Domaine de l‘ Orgeuil“ zu besuchen. Der Sohn erhofft sich eine Besserung des Gemütszustandes seines Vaters, der immer wieder von Anne spricht. Anne hat gerade Besuch von ihrer Tochter Francoise, die immer noch, wie schon über 50 Jahre vorher, von Souad Amidou gespielt wird. Das allein ist eine filmgeschichtliche Rarität sondergleichen. 

Voll verführerisch beschreibt Lelouch nun die Begegnung der von Anne und Jean-Louis und nach mehr als 50 Jahren. Er trägt immer noch ihr Bild in seiner Brieftasche, leidet aber unter Demenz, ist ein Eigenbrödler. Er hat, wie er sie wieder sieht – und natürlich diese Vertrautheit gleich spürt, kinohaft schöne Träume, wie er mit ihr in ihrer Ente über Land oder ans Meer fährt. Das wird von Lelouche großartig eingefangen. Hier zeigt Lelouche, was auch einer der zentralen Aussagen des Filmes ist, dass so ein Kinotraum noch jeder Realität überlegen ist.

Diese Träume von Jean-Louis gehen überhaupt ihren eigenen Humorweg. Erst werden sie von der Polizei ermahnt, schneller zu fahren, die nächste Patrouille stoppt sie wegen Geschwindigkeitsübertretung, Träume eines Exrennfahrers und Stuntman. Er bleibt bei seinen Leisten; die Liebesgeschichte, die unerlebte, hingegen, die ist eine andere. 

Es ist eine runde Geschichte, wie sie nur die Kunst hervorbringen kann, wie nur sie Träume bannen kann, hier auf die Kinoleinwand. Sie strahlt diese Vertrautheit ab, die so eine intensive Liebe und deren Wiederbegegnung nach so viel Jahrzehnten nur enthalten kann; nebst der Kraft von Schauspielkunst, wie das französische Kino sie immer wieder meisterlich hervorbringt. 

Lelouch schneidet aus dem Film von 1966 Sequenzen der Erinnerung in den Film von heute hinein.

Es ist ein milder, weicher Blick auf das Leben, die Träume, die Treue, die Sehnsucht und das Kino, was Claude Lelouch in höchster Gediegenheit serviert. Begleitet von den schönsten Chansons. 

Dass aber diese Liebesvorstellung nicht nur in die Abteilung Pâtisserie gehört, zeigt Lelouch nicht nur mit dem Beruf des Rennfahrers und Stuntmen von Duroc, er bekräftigt das noch durch Beiziehung von C’était un Rendezvous, in welchem er selbst am Steuer und voll dokumentarisch in einem Rennwagen durch das morgendliche Paris rast, ganz ohne Vorkehrungen, Sicherungen, Absperrungen oder Drehgenehmigung, auch eine der atemberaubenden Seiten dieser hochformulierten Liebe aus der französischen Filmkultur – Kinoverzauberung pur. 

Sunburned

Carolina Hellsgard schickt in ihrem Film eine Mutter (Sabine Timoteo) mit zwei frisch erblühten Töchtern, Claire (Zita Gaier) und Zoe (Nicolais Borger), auf einen Cluburlaub an die Küste Andalusiens mit Blick auf Marokko. 

In einer Mischung aus Faszination und Kritik und in Ansätzen von Ulrich-Seidl-Epigonentum (Paradies Liebe), pickt sie wie mit einer Pinzette Szenen dieses erwartungsgeschwängerten Urlaubes heraus und begutachtet sie. 

Im Gegensatz zum holländischen Film Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess in welchem das Coming-of-Age den Buben wie aus heiterem Himmel trifft – oder wie im Nils Holgersson-Film Der Junge und die Wildgänse, der ebenfalls vollkommen unerwartet in die Pubertät schlittert – sind sich die Frauen ihrer Fraulichkeit, ihrer Attraktivität und ihres Needs, begehrtzusein, bewusst, ja mehr als bewusst, fast überbewusst. Was sie eher hindert und hemmt. Jedes Anbandeln ist sofort mit Bedeutung aufgeladen – und insofern zum Scheitern verurteilt. 

Die Rührgeschichte ist die zwischen Tochter Claire, die noch keinen Mann geküsst hat, und dem Flüchtlingsjungen aus dem Senegal, Amram (Gedion Odour Wekesa), der wie Claire ebenfalls den Vater vermisst, der sich von Claire einen trockenen Lippenkuss gefallen lässt, aber sofort Geld dafür will. Die beiden hängen unentschieden in Hotelräumen, Discos, oder wilder Landschaft mit Pferd herum. Der Senegalese vergisst sein Ziel nicht: die Flucht. 

Ein exponiertes Spiel, was die Erwachsenen treiben, ist das Traumspiel. Hier wird erst der Atem angehalten, dann hyperventiliert und eine betreuende Person, legt den oder die Spielerin auf den Boden zum Träumen. 

Vom Ästhetischen her gefallen dem Film zeitweise alles Dinge mit Reihen: Reihen von Balkonen, Strandhütten, Strandliegen, Flur mit Türen, das einengende, aber auch Sicherheit bietende, grafische System gerader Linien und auch des Lichtrasters. 

Pointiertheit markieren die angenehm knappen Dialoge. Sie deuten auf eine filmische Haltung zwischen Angewidertheit und Begeisterung. Cluburlaub mit Bespaßung, Tanzen, Spiele. Die Kamera zwischen Süd-Begeisterung und stilistischer Übung in Linien. Die Suche von Claire nach wilden Füchsen als Symbol dafür, was sie erleben will – und so nicht erlebt; es scheint ein Traum zu bleiben, wie das Schlussbild andeutet, wenn Amram auf einem Schimmel neben dem Auto der auf dem Heimweg sich befindenden drei Frauen durch das wilde Andalusien reitet. Das öde Shopping. Haltung im Zwiespalt zwischen Faszination durch das Geregelte, Überraschungsfreie des Cluburlaubs und gleichzeitig angewidert davon. 

Kommentar zu den Reviews vom 25. Juni 2020

Allmählich nähert sich das Konjunktivprogramm (was im Kino gewesen wäre, wenn Corona nicht gewesen wäre) seinem Ende; aus den Tiefen von Corona tauchen jetzt vermehrt Filme auf, denen der Start durch die Coronapolitik verhagelt worden ist. 

Kino

WEATHERING WITH YOU

Wenn das kein Symbol für die magischen Kräfte der Pubertät ist: Einfluss aufs Wetter nehmen – Sonnenscheinmädchen befiehlt Sonnenschein gegen das Regenwetter.

SARITA

Nach diesem Film schaut das Bhutaner Bruttosozialglück schal aus. 

IP MAN 4: THE FINALE

Kann die hochgeregelte asiatische Kampfkunst gegen eine ungeregelte amerikanische bestehen?

GIPSY QUEEN

Allein die Titelgebung ist eine brutale Erhöhung in der Erniedrigung der Tochter – und verleiht dem Punch der jungen Frau nur noch mehr Kraft.

DER GEBURTSTAG

Hier traut sich das deutsche Kino auf ein Parkett, das im deutschen Filmsubventionswesen bislang wenig Chancen hatte: die Komödie um menschliche Schwächen. 

BROT

Brot ist nicht gleich Brot und wenn es um die Herstellung von richtigem Brot geht, da kann einem schon das Wasser im Mund zusammenlaufen. 

DVD

DAS WUNDER VON TAIPEH

Frauenfußball hat es heute noch schwer; dabei haben die ein verrückteres Wunder als das von Bern zustande gebracht. 

Sarita (Stream und Sonderveranstaltungen)

Khudunabari,

so heißt ein Flüchtlingslager in Nepal, in welchem seit 1990 Flüchtlinge aus Bhutan von der UNHCR betreut leben. 

Damals sind Hundertausende Buddhisten wegen Repression aus dem kleinen Königreich geflohen. Seither leben sie ein Flüchtlingsleben, bekommen ihre Essen von der UN, versuchen mit Spinnen oder anderen Tätigkeiten etwas dazu zu verdienen, die UN möchte ihnen mit einer weiteren Umsiedlung eine Zukunft in den USA, in Norwegen, Holland oder gar Australien ermöglichen. 

Der italienische Sergio Basso hat über zehn Jahre lang immer wieder in dem Lager gefilmt und jetzt einen schmissigen Film mit einer kleinen Geschichte um die 17-jährige Sarita hergestellt, den er in der Art eines Bollywood-Musicals mit peppigen Tanz- und Gesangsnummern anreichert, videocliphaft, schnell und beschwingt. 

So kann er ganz nebenbei das Leben in diesem Lager schildern, wie die Menschen kochen, zur Schule gehen, Dächer aus Pflanzenblättern für die Hütten flechten; wie sie ohne Elektrizität und ohne fließend Wasser zurecht kommen müssen. 

Manche lässt Basso ihre Geschichte erzählen, von den Folterungen und Misshandlungen, die sie in Bhutan erlebt haben. 

Die Haltung von Bassos Film ist nie mitleidig, erhaben, besserwisserisch oder jammernd. Seine Sarita ist neugierig, will etwas über die verlorene Heimat erfahren, sie versteht nicht, warum sie nach Amerika oder Europa umsiedeln soll, sie und auch andere Junge wollen zurück nach Bhutan. 

Das ist der Konflikt zwischen der jungen und der alten Generation. Dabei spielt der Begriff der Amnesie eine Rolle, es ist die defätistische Haltung derjenigen, die sich in langen Jahren mit der Flüchtlingssituation, die eine Entmündigungssituation ist, abgefunden haben. Das Gedächtnis müsse lödchrig sein wie ein Käse, ist die Schutzbehauptung. 

Trotzdem gibt es in Kathmandu einen Mann, der sammelt alles Geschriebene über die Dhongka, denn in Bhutan würde vieles aus deren Geschichte gefälscht. 

Am schrägsten ist die satirische Kaberettgesangsnummer des englisch singenden Funktionärs des Flüchtlingshilfswerkes, der mit einem grotesken Tanz den Flüchtlingen klar macht, wie gut sie es durch die Aktivitäten dieser Organisation haben. 

Die Sprache dieser Flüchtlinge ist Dzongkha.

Das Flüchtlingslager heißt Khudunabari.

Die Themen Diskriminierung, Demokratie, Toleranz, Vertreibung, Heimat werden extrem leicht behandelt, nie mit moralischem Zeigefinger, nie als Mitleidsnummer. 

Ein fescher Rap ist derjenige, der die Jugend beim Tanzen zeigt, während gleichzeitig im mechanischen Rhyhtmus mechanische Alltagshandlungen der Erwachsenen dazwischengeschnitten werden, wie sie Reis zugeteilt bekommen und das quittieren müssen, beide im selben drängenden Rhythmus. 

Einmal ist die Tanzfläche für eine Nummer der nackte Boden, der schlicht mit Kartons ausgelegt ist. 

Attraktiv und originell wirken selbstgebastelte Spielzeuge für Kinder. Und es ist zu erfahren, dass diese Menschen einst in Bhutan Entrepreneurs waren, gebildete Leute, Ärzte, Lehrer, Akademiker; jetzt sind sie bestenfalls Krankenpfleger oder spinnen Garn, um etwas Geld zu verdienen.

Bhutan ist das Land, was sich mit dem Bruttonationalglück brüstet, was ein beliebtes Motiv in thematischen Dokumentarfilmen ist wie Planet Re: Think oder Speed: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Dieses Bruttosozialglück erscheint nach diesem Film in einem schalen Lichte. 

Zu sehen bei Kino-on-Demand.

Das Wunder von Taipeh (DVD)

Eine abenteuerliche Geschichte

aber auch für den DFB eine peinliche Geschichte, der Aufstieg der Fußball-Frauenmannschaft von Bergisch-Gladbach 1981 zur Weltspitze. Und ein Beleg dafür, wie der Mensch offenbar kein größeres Problem hat als das des Geschlechterunterschiedes, warum sonst soll das so ein Problem sein, dass Frauen Fußball spielen? 

In der breiten Öffentlichkeit findet Frauenfußball nach wie vor wenig statt. Wie es im Mai dieses Jahres nach Corona um die Wiederaufnahme des Fußballspielbetriebes ging, war das dominierende Thema die Nationalliga des Männerfußballs. In den zwei Monaten Corona-Lockdown ist zwar täglich seitenweise über Männerfußball geschrieben worden; Frauenfußball hat vielleicht ein oder zwei Mal stattgefunden. 

Insofern ist der in aufgeregtem Sportlerspielrhythmus und fernsehasthmatisch kurzatmig ineinandergeschnittene Film aus Archivmaterial und heutigen Statements mehr eine verrückte, unglaubliche Geschichte, denn Erinnerung an einen Meilenstein in der Geschichte des DFB, der sie auch war, nämlich, dass Frauenfußball Einzug gefunden hat in die Männerdomäne des DFB und dass nach 1981 sogar eine deutsche Frauen-Nationalmannschaft gebildet wurde. 

Die Geschichte hat Singularitätswert innerhalb des Weltfußballs der Frauen. Die von Anne Trabank Haarbach trainierte Vereinsmannschaft aus Bergisch-Gladbach hat jahrelang den deutschen Frauenfußball dominiert. Geld zu verdienen gab es kaum. Teils mussten sie auf dem schlechtesten Platz spielen, obwohl viel gepflegtere leer standen, auf halbem Acker, so dass sich einmal bei einem Spiel eine Spielerin ein Bein brach. 

Die entscheidende Figur scheint die Trainerin zu sein, die den Spielerinnen dieses Gemeinschaftsgefühl beibringt, das unbezahlbar ist und vermutlich wichtiger als jede Berühmtheit, jeder Sieg oder die öffentliche Anerkennung, ein Teamgeist, der Freundschaften fürs Leben begründet.

Das Kuriosum ist nun, dass 1981 in Taipeh eine Frauenfußballweltmeisterschaft stattfindet, dass aber Deutschland ohne Nationalmannschaft dasteht. So fragen die Chinesen, ob es denn eine treffliche Vereinsmannschaft gebe, die da teilnehmen könnte. So fing das an, was zu dem nicht zufällig an „Das Wunder von Bern“ erinnernden Titel führt, den Seidler für seinen Film gewählt hat, zu dem Wunder von Taipeh. 

Der Dokumentarist hat als neu gedrehtes Material die Teilnehmerinnen von damals befragt und auch zu einem Treffen zusammengeführt. Der Film macht wie Die Unbeugsamen auf die unendliche Kämpferei der Frauen um Gleichberechtigung aufmerksam in der Atemlosigkeit eines 80-Minuten-Laufes. 

Kommentar zu den Reviews vom 18. Juni 2020

Allmählich lichten sich die Corona-Nebel; die hier reviewisierten Filme sollen tatsächlich im Kino zu sehen sein! Das Fernsehen könnte Ihr ruhig vergessen, das hat gegen Bezahlung chinesische Staatspropaganda verbreiten wollen und sonst noch einen Schwachsinnsfilm gezeigt.

Kino

THE WILD PEAR TREE

Kategorie: Meisterwerk. Bildung für die Katz im Land des Despoten Erdogan.

KRAUTROCK 1

Auch eine deutsche Musikgeschichte.

FÜR SAMA

Während wir im Wohlstand und sorglos lebten: in Aleppo. 

PAUSE

Gegen die Corona-Pause ist eine griechische Menopause richtiggehend erquicklich.  

Und das Theatiner in München startet wieder mit

LA VÉRITÉ

Catherine Deneuve und Juliette Binoche beehren das Kino unter japanischer Regie!

PARIS CALLIGRAMMES

Diesen Film im Theatiner zu schauen, ist, als ob es nie eine Pause gegeben hätte.

DIE PERFEKTE KANDIDATIN

Frauenpower in Schleierland Saudi Arabien.

DVD

BUTENLAND

Der Begriff Gnadenhof passt sicher nicht auf diesen quicklebendigen Bauernhof, bei welchem Mensch wie Tier Vergangenheit haben. 

DIE KUNST DER NÄCHSTENLIEBE

Auf Französisch heißt der Titel genauer: Die guten Absichten. 

VOM GIESSEN DES ZITRONENBAUMES

Wer den Zitronenbaum gießt, erntet saure Früchte. 

TV

WUHAN – CHRONIK EINES AUSBRUCHS

Wir schmeißen Eure Zwangsgebühren den chinesischen Machthabern direkt in den Rachen.

HERZJAGEN

In schwerer, erzählerischer Schieflage zu ausgestelltem Leiden.