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Lebenslinien: Der Großfeuerwerker (BR, Montag, 20. April 2026, 22.00 Uhr)

Der Protagonist Thomas

ist sicher ein interessanter Typ, ein Mensch mit Geheimnis, der viel mit sich selbst ausmacht, kein Selbstdarsteller, noch ein Promi, der PR für sich braucht, ein Mensch, der in unserer Gesellschaft eine Funktion erfüllt im Sektor Freizeit und Unterhaltung, also in jenem Sektor, der den Menschen Gutes tun, sie entspannen möchte.

Thomas ist also auf jeden Fall ein Kandidat, der für die Öffentlichkeit von Interesse sein könnte und der sich, zumindest erfährt man darüber nichts in diesen Lebenslinien von Angelika Vogel unter redaktioneller Betreuung von Johanna Teichmann, also keiner, der sich in den Social Media ausbreitet.

Insofern ist Thomas bestimmt ein prima Kandidat für das Fernseh-Format Lebenslinien. Aber just dieses Format scheint in seiner inzwischen doch recht ausgeleierten Form die langweiligst mögliche Art zu sein, sich so einem Menschen anzunähern.

Die Klammer des Feuerwerkes auf dem Frühlingsfest ist nicht gerade ein Cliffhänger. Aber diese Lebenslinien verzichten vollständig darauf, wie es im Märchen bewährt ist, anzufangen in der Art „Es war einmal“ …, und was und wie daraus geworden ist.

Diese Lebenslinien kommen dröge daher wie ein Lebenslauf, der allenfalls für eine Bewerbung geschrieben wird, geschmückt mit Tanten und Angehörigen und dem unvermeidlichen Besuch einer früheren Schule und eine früheren Wohnung, statt dass sie versuchen, dem Geheimnis dieses Mannes mit einem doch recht ungewöhnlichen Lebensweg auf die Spur zu kommen. Das interessiert sie überhaupt nicht. Wie bei einem Arztbericht müssen noch die Krankheiten vermerkt werden und klar, er ist ein Musterbeispiel, er lässt sich nicht unterkriegen, das ist auch gut so. Aber es so öde zu erzählen, das ist vertane Liebesmüh.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Comedy auf Bestellung (BR, Freitag, 17. April 2026, 22.00 Uhr)

Do schaugst!

Mei, was es alles gibt beim Pfründenfunk. Was die sich alles einfallen lassen, um wenigstens ihr verbliebenes Gewohnheitspublikum irgendwie bei der Stange zu halten. So ein Publikum scheint es zu geben, das scheint auch nicht ganz auszusterben. Es scheint noch ein Publikum zu geben, bei dem es was gilt, wenn man am Fernsehen kommt oder wenn das Fernsehen zu einem kommt. Und für dieses Publikum gibt es auch noch Stars, Comedians heißen die hier. Die sollen die Leute zum Lachen bringen in diesen düsteren Zeiten. Lustigkeit auf Bestellung.

Da kommt dann so ein fernsehbekannter Comedian nach Ingolstadt oder nach Bamberg. Dort freuen sich Vereine darauf, die den Comedien ganz einfach „bestellen“ können, so wie eine Pizza oder Dinge über Internet und DHL; Comedian wird abgeliefert. Interaktives oder vielleicht auch: betreutes Fernsehen, jeder einzelne Zuschauer will wie im Pflegeheim betüdelt und bezirzt werden. Ja, die dürfen den Comedians sogar eine Aufgabe, modern-Bayerisch: eine Challenge, stellen.

Der Blindenfußballverein aus Ingolstadt bestellt Michael Mittermeier. Er muss bei denen mit Augenbinde blind Fußball spielen und soll nachher im Studio unter Anwesenheit von Vereinsmitgliedern und Studio-Gästen einen Comedy-Gig zum Thema Blindheit bieten.

Es gibt eine Rahmenhandlung. Comedian Mittermeier und Comedian Simon Pearce sitzen in einem Minikino und unterhalten sich über ihre Auftritte. Mittermeier gibt einen Einblick in seine Comedy-Werkstätte, dass er bei der Witzsuche durchaus Google verwendet; und bestimmt inzwischen auch KI.

Simon Pearce wird von einem Kneipenchor in Bamberg eingeladen. Er zeigt auf der Straße, wie lustig und beliebt er ist, da kriegen Zuschauer glänzende Äuglein, wenn sie den Fernsehstar lebendig vor sich sehen. Das sind so beinahreligiöse Erlebnisse, vergleichbar einer Marienerscheinung in vergangenen Zeiten.

Eigentlich auch nur ein Hokuspokus und manche verdienen ganz schön von den Gebührengeldern dabei. Vielleicht auch dank der Eigenschaft des Pfründentums. Oder können die Zuschauer jedweden Comedian ihrer Wahl beim BR bestellen und der käme damit zu einen Fernsehauftritt, selbst wenn er kein BR-Comedian wäre? Womit der Pfründenverdacht ganz easy ausgeräumt wäre.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Kommentar zu den Reviews vom 16. April 2026

Erneut macht das Kino mit einem massiven Angebot auf sich aufmerksam. Eine deutsch-österreichische Produktion kennt keine Gnade und lässt eine Menschin auf einen Schlag ohne ihre drei Liebsten dastehen. Wenig subtil meldet sich die Antike rabaukenhaft im modernen Horrorgenre. Renommierte Wissenschaftler wehren sich gegen üble Verleumdungen und Denunziation im Zusammenhang mit der Virus-Forschung und Covid. Ein alte Dame in Bayern trickst mit Witz eine Bank aus wegen ihrer Abschiebung ins Heim. Im hintersten amerikanischen Provinzkaff passieren unerhörte Dinge, die so gar nicht zu seinem Namen passen, der Normalität suggeriert. Im Allgäu gibt es Menschen, die so gar nicht ins Provinzielle passen und sich trotzdem lustig einrichten. In der Schweiz kommt ein Kriminalfall von vor über hundert Jahren ins Kino, eine Kindstötung durch die Mutter. In Paris muss eine Psychiatrin aufpassen, dass sie nicht selbst zum Fall wird. Aus Ungarn und den Niederlanden gibt es eine inspirierende Anregung für Nachwuchsliteratinnen. Ein Ami-Altmeister bringt sein Opus Revengum kinomächtig erneut heraus. Ein Kinderanimationsfilm tummelt sich in den Regenwaldschützerkreisen. Auf DVD gibt es eine sehenswerte Liebesgeschichte und das Öffentlich-Rechtliche verschnarcht sich mit abgefuttertem Kirchenstoff.

Kino
VIER MINUS DREI
Mathematik, die brutal einen Schicksalsschlag beschreibt.

LEE CRONIN’S THE MUMMY
Wehe, wenn der Schutz der Antike aufgebrochen wird.

BLAME – FLEDERMÄUSE, POLITIK UND EIN PLANET IN DER KRISE
Gegen absurde Unterstellungen und Anschuldigungen aus der Politik

LINA BRAAKE
Der Bank gezeigt, was eine Harke ist.

NORMAL
Nun ja, so ganz die Normalität ist es nicht, was in dem kleinen Ort abgeht.

DENN DIESES LEBEN LEBST NUR DU!
Glück nach Geschlechtsumwandlung im Allgäu

FRIEDAS FALL
Aus einer Zeit, in der Frauen immer an allem schuld waren.

PARIS MURDER MYSTERY
Jodie Foster als überforderte Psychiatrin in Paris

I ACCIDENTALLY WROTE A BOOK – DER SOMMER ALS (M)ICH MEINE GESCHICHTE FAND
Anleitung zu jugendlichem Autorinnentum

KILL BILL – THE WHOLE BLOODY AFFAIR
Die Machart ist brillant und nicht die Substanz

ALLEGRO PASTELL
Die 30er Generation schaut mit benommenem Blick in den Spiegel.

JAZZY – CHAOS IM REGENWALD
Irgendwie den Umweltgedanken transportieren

DVD
EIN LEBEN OHNE LIEBE IST MÖGLICH, ABER SINNLOS
Diese Liebe kann einem überall, auch in einer Hotellobby, über den Weg laufen.

TV
HIMMEL, HERRGOTT, SAKRAMENT Staffel 2, Folge 1 „Schlafen“
Mögen sie in Frieden ruhen, die hier noch was lustig finden.

Lee Cronin’s The Mummy

Mit der Kinorabaukenkeule

ballert Lee Cronin die Geschichte der Mumie auf die Leinwand, besonders donnernd, als ob er die Mauern von Jericho zum Einstürzen bringen möchte, wenn das Werk in der Arri Astor Film Lounge in München auf die Leinwand projiziert wird.

Lee Cronin schreckt vor nichts zurück, Effekt geht über Story, aber die ist natürlich auch da und dann erst die Szenen, bei denen man versteht, warum der Film erst ab achtzehn freigebeben ist.

Die Story ist solide, nach den Regeln der Kunst und des Genres. Mit einer lauten Familienidylle im gut besoundeten Familienwagen und der entsprechenden Energie fängt es an. Charlie Cannon (Jack Reynor), der Journalist, sitzt vorn auf dem Beifahrersitz. Gattin Larissa (Laia Costa) ist am Steuer. Sie nervt die laut Musik und das Remmidemmi der Restfamilie. Im Fond sind die Kinder Katie (Natalie Grace) und Sebastián (Shylo Molina).

Man ist in Ägypten. Die Familie sucht ein großzügiges Haus am Rande eines Grünzuges außerhalb von Kairo auf. Es folgt eine einstimmende Horrorszene, die es in sich hat, die zeigt, in welche Richtung der Film tendiert; aus grobem Kinoholz, das sitzt, getrieben.

In Kairo ereilt die Familie ein Unglück: Töchterchen Katie wird von einer vermummten Frauengestalt bei einem extremen Sandsturm entführt. Gut für die Familie, dass der Papa einen Job in Albuquerque in New Mexiko angeboten bekommt. So kann sie sich vom Ort des tragischen Geschehens und vom Verlust entfernen und auf andere Gedanken kommen.

Filmisch ist die Wüstenlandschaft in New Mexiko so reizvoll wie Ägypten. Der Film macht einen Sprung über acht Jahre. In Ägypten stürzt ein Flugzeug ab. Unter den Überlebenden ist Katie. Officer Zekhri (May Calamawy), die schon damals mit dem Fall befasst war, informiert die Familie Cannon. Das Kind kommt zur Familie zurück.

Das Töchterchen sieht verändert aus, hm, ja, fast wie eine Mumie und habe, wie es heißt, ein paar ungewöhnliche Eigenschaften sich zugelegt. Etwas muss passiert sein mit ihm. Das ist die Frage, der der Film nachgeht. Aber auch dem, was aus ihr geworden ist und wie die Familie in New Mexiko mit dem zurückgekehrten und irgendwie entfremdeten Familiemitglied umgeht, das Eigenschaften entwickelt hat, die punktgenau zu einem knalligen Horrorfilm passen und die eine ganz Reihe ungelöster Probleme der ägyptischen Antike virulent werden lassen. Das geht nicht ohne Schäden, Blut, Todesfälle und Mutationen ab. Davor bleibt auch die Mama (Veronica Falcón) von Larissa nicht verschont. Das ist die mit der tiefen Stimme.

Jazzy, Chaos im Regenwald

Affig

Jazzy ist ein Affe. Der ist außerordentlich begabt. Wegen eines Brandes im Amazonasdschungel, wo er mit seinen Eltern lebt, landet das Äffchen bei Tierschützern.

Hier findet Jazzy auch andere Dschungeltiere. Er lernt schnell die Gebärdensprache, irgend ein Wunder muss da passiert sein, und die Menschen binden ihm eine Apparatur an den Arm, der seine Zeichensprache in menschliche Sprache übersetzt. So ist eine rationale Kommunikation möglich.

Das hört sich hirnrissig an. Ist es wohl auch. Jazzy ist angefixt von einem Tablet, das er geschenkt bekommt und kapiert auch hier den Umgang sehr schnell, vor allem wie man im Internet senden kann.

Jazzy erinnert sich an seine leiblichen Eltern und macht sich, begleitet von einem anderen affenartigen Wesen mit langem Bart auf die Suche. Das Tablet gibt ihnen Orientierung.

Nach der reichlich absurden Rettungsaktion eines Nashornes, das im Dreck stecken geblieben ist, sind die Abenteurer zu dritt. Sie finden den Heimatwald von Jazzy verbrannt.

Leonardo di Caprio steht als Produzent in den Credits. Vielleicht hat er nur eine Kurzzusammenfassung gelesen: dass mit der Geschichte des verlorenen Äffchens auf die Probleme von Brandrodung des Urwaldes und der Palmölplantagen hingewiesen werden soll. Mehr wird er über das Projekt nicht gewusst haben. Dass sowohl die zeichnerische Äsethetik der Figuren als auch die Storyversatzstücke sowas von zusammengewürfelt wirken, als ob KI massiv die Hände im Spiel gehabt hätte, das war vielleicht aus dem Pitch gar nicht ersichtlich.

Irgendwie fehlt der Storyline und der Figurzeichnung der Persönliche, das Individuelle, das, was sie einzigartig macht. Die einzelnen Elemente wirken austauschbar, könnten von irgendwoher stammen. Das ist gut gemeint, dass das Trio üblem wirtschaftlichem Missbrauch der Natur durch die Industrie auf die Spur kommt und auch der künstlichen Alibiwelt, die sie stattdessen zur Schau stellt. Von der Realisierung her wirkt der Film künstlich, abweisend, inhomogen, inkohärent.

Paris Murder Mystery

Gepflegtes internationales Kino aus Frankreich

Es ist ein Kino, was sich im Graubereich des menschlichen Hirns von Spekulation, Vermutung, Überhitzung, Angst und Fantasie bewegt. Es spielt im Kreis um die Psychoanalytikerin Lilian Steiner (Jodie Foster). Sie spricht tadellos französisch, gibt aber zu verstehen, dass sie ursprünglich aus Amerika kommt. Also schon mal ein stimmiger Mosaikstein in dem Puzzle, das der Film von Rebecca Zlotowski, die mit Anne Berest auch das Drehbuch geschrieben hat, dem Zuschauer serviert.

Eben martert Lilian Steiner der offenbare Selbstmord ihrer Patientin Paula (Virginie Efira). Tochter Valérie (Làna Bajrami) informiert die Ärztin und sie möchte doch vorbeikommen. Dieser Tod treibt sie um. Ist es wirklich ein Selbstmord?

Das Hirn von Jodie Foster arbeitet und kommt nicht zur Ruhe. Sie sucht eine Hypnotiseurin (Sophie Guillemin) auf. Hier steigt sie in weitere Tiefen von sich und der Patientin hinab, öffnet Türen, findet sich in einem Orchester wieder samt der Patientin.

Was Träume so entwickeln. Deutschland, die Nazizeit und das Judentum tragen weitere Steine zum Puzzle bei. Die eigene Familie vernachlässigt Steiner, ihren Sohn Julien (Vincent Lacoste), obwohl der doch selbst schon niedlichen Nachwuchs hat.

Unterm Vorwand, sie brauche eine Kontrolle, meldet sie sich bei ihrem Ex, dem Augenarzt Gabriel (Daniel Auteuil). Damit macht sie einen ersten, von ihm erwarteten Schritt zur Wiederbelebung der Beziehung. Ihre Fantasie um den möglichen Mordfall rattert weiter. Rattert noch heißer, wie bei ihr eingebrochen und Tonkassetten, auf denen sie die psychoanalytischen Gespräche aufgezeichnet hat, gestohlen werden. Darauf folgen Aktionen mit ihrem Ex, die man bei einem jungen Paar als „Pferde stehlen“ bezeichnen würde, sie lancieren selber einen Einbruch.

Es ist ein gepflegtes internationales Kino, was einem noch ein paar Rätsel mit auf den Heimweg gibt und trotzdem leicht verdaulich ist, und man fragt sich, ob es vielleicht sowieso nur um die Krise einer geplagten Psychiatrin geht oder ob sie womöglich selbst an einer bei ihren Patienten gerne diagnostizierte dekompensierten Persönlichkeitsstörung leidet.

Lina Braake (Wiederaufführung)

Ernstes Thema –
Heitere Behandlung

Zusatz zum Titel:
„Die Interessen der Bank können nicht die Interessen sein, die Lina Braake hat.“

Wohin mit den Alten? Das Problem ist vielleicht auf dem Mehrgenerationenbauernhof mit dem Austragshäusel für die Alten gelöst. In den Städten mit dem beschränkten Wohnraum nicht. Die Lösung, die der japanische Film Die Ballade von Naraama von Shohei Imamura vorschlägt, ist für uns ethisch nicht akzeptabel.

Bei uns gibt es die Altenheime, im Geldfalle allenfalls die Altersresidenzen. Oft werden die Leute aus ihren Wohnung unsanft herausgerissen, weil diese renoviert und dann viel teurer vermietet oder gar abgebrochen werden. Das Thema ist ein sozialer Dauerbrenner.

Kürzlich ins Kino gekommen ist Calle Málaga. Eine ähnliche Ausgangslage zeichnet Bernhard Sinkel in seinem Film von 1974. Lina Braake (Lina Carstens) wird wegen des Todes des Besitzers von der Bank aus ihrer Wohnung geworfen. Die Bank hält sich nicht an das Versprechen des lebenslangen Wohnrechtes. Auch der Justiz gegenüber ist Lina machtlos. Die Bank übernimmt die Kosten für den Umzug in das protzige Altenheim Rottmannhöhe am Starnberger See.

Der Chef (Herbert Bötticher) ist ein kleinkarierter Rechner. Lina wird in ein enges Vierbettzimmer gesteckt. Sie fremdelt. Durch den Kontakt mit dem vigilanten Heimbewohner und Gauner Gustaf Haertlein (Fitz Rasp) kommt sie auf Ideen. Über das Monopoly-Spielen bringt er ihr die Grundlagen des Kapitalismus bei.

Ein weiterer Verbündeter bei dem Plan, den sie aushecken, ist Hausmeister Jawlonski (Benno Hoffmann). Der Sardinier Ettore (Teseo Tavernese) bringt Lena auf die Idee, wohin mit dem Geld, was sie der Bank abzuluchsen im Sinn hat.

Der Film hat 50 Jahre auf dem Buckel. Diese Filmkostbarkeit im Kino zu sehen, ist ein exklusives Erlebnis. Es ist der Blick in eine andere Zeit, in eine andere Filmkultur, in eine andere Schauspielerkultur, bei der Sprechen noch Sprechen und nicht Nuscheln war, ohne gleich in die Leier zu verfallen.

Es scheint, die haben mit einem anderen Ernst gespielt und dadurch mit einem ganz besonderen Charme. Das mag mit den Medien zusammenhängen, mit der heutigen Allverfügbarkeit der Bilder, damit, dass die Schauspieler wie zu Allgemeingut werden, indem sie ihr Leben über die Kanäle der Social Media billig und für jeden greifbar machen.

Es ist auch aufschlussreich zu sehen, wie damals ein brisantes, soziales Thema, Wohnraum, Pflege, kapitalistisches Bankgebaren, humorvoll, fast zärtlich behandelt wurde, ohne daraus gleich einen drögen Themenfilm zu machen, wie inzwischen bei den Öffentlich-Rechtlichen gang und gäbe. Nostalgikum: da gab es noch den eurocheque, „Der Scheck ohne Grenzen“.

I Accidentally Wrote a Book – Der Sommer, als (m)ich meine Geschichte fand

Von der fröhlichen Wissenschaft des Schreibens

als einem Hilfsmittel zum Coming-of-Age einer Dreizehnjährigen

Nina (Villo Demeter) ist 13. Sie lebt mit ihrem Vater András (Lászloó Mátray) und einem kleinen, zehnjährigen Bruder zusammen. Die Mutter ist vor acht Jahren gestorben. Tante Adél (Réka Tenki) kümmert sich um die Familie oder mischt sich, nach Sicht von Nina, ein.

Lídia (Kati Zsurzs) ist eine ältere Nachbarin und führt Nina in die Welt der Bücher und des Schreibens ein; sehr bewusst, nachdem Nina sich entschieden hat, ein Buch zu schreiben. Das erinnert an Siri Hustvedt, die in dem Alter entschieden hat, Schriftstellerin zu werden und die es erfolgreich durchgezogen hat.

Einige erste Lektionen sind charmant und unterhaltsam eingebaut in diesen bezaubernden Film von Nóra Lakos nach dem Roman von Annet Huizing. Lídia vermittelt Nina Grundbegriffe wie Cliffhänger, Perspektivenwechsel, Zeitsprung, Charakterisierung von Figuren, Konflikte.

Als waches Mächen setzt die kommende Autorin diese Dinge um, beobachtet ihre Umwelt. Gerade zum Thema Figurkonstruktion entscheidet sie sich statt für das Fiktionale für die Recherche im Hinblick auf ihre Mutter, von der sie kaum mehr eine Erinnerung hat. Sie wird aber auch mit anderen Frauen konfrontiert, mit wechselnden Beziehungen ihres Vaters.

Ungewöhnlich ist Detti (Vivien Rujder). Aber Vater ist selbst ein Künstler; es kommt am Ende des Filmes die Premiere eines Animationsfilmes von ihm vor; in Beziehungsdingen ist er nicht gerade ein Weltmeister.

Nina findet Spuren, sie interviewt Menschen, die ihre Mutter kannten, sie findet Kleider und es kommt ein Video an den Tag. Diese Recherche ist gleichzeitig ein wichtiger Schritt auf ihrem Weg des Heranwachsens und der damit einhergehenden Identitätsbildung.

Es ist die Zeit erster, vager Liebesvorstellungen. Ein Altersgenosse von ihr bringt ihr von seiner Rikscha aus mit der Gitarre wie ein Galan ein Ständchen und eine Freundin von ihr hat gerade den ersten Kuss erlebt. Von Lídia wiederum erfährt sie, dass man über einen Kuss ein ganzes Buch schreiben könne.

Eine andere Kindergeschichte als Anleitung zum Schreiben ist Dalia und das Rote Buch.

Denn dieses Leben lebst nur Du!

Trans im Schwabenland

Erst denkt man, nicht schon wieder, immer dieses Transthema; aber schnell stellt sich heraus, dass Douglas Wolfsperger die Optik auf das Thema unterhaltsam ein Stück weiterdreht, dass er ihm unerwartet köstliche Momente abgewinnt.

Da ist nicht nur der Gegensatz zwischen dem putzigen, barocken, lieblichen Schwabenland, das schwäbische Meer zu seinen Füßen und mittendrin zwei Menschen, die im falschen Geschlecht geboren worden sind. Sie haben 40 Jahre Leidenszeit hinter sich, die eigenen seelischen Qualen, das Mobbing dann die Operationen.

Jetzt ist sie Elisabeth, arbeitet in einem handwerklichen Männerberuf, repariert den eigenen VW-Bus, wohnt mit ihrer Freundin Dunja zusammen, geht mir ihr händchenhaltend spazieren, auch wenn Dunja noch nicht so viel Frau ist, die Körbchengröße lässt zu wünschen übrig und Elisabeth muss noch ein ganz klein wenig rasieren trotz Laserbehandlung der Haut. Aber sie fühlt sich wohl, muss nicht mehr versteckt vor der Öffentlichkeit auf dem Kreuzweg sich in Frauenklamotten ausprobieren.

Elisabeth versteht sich gut mit Bäcker Stefan, der scheint nicht so ganz verbohrt, wundert sich über die Probleme der Menschen mit der Geschlechtlichkeit. Ihm kann sie auf einer Art Hollywoodschaukel herrlich über ihre ersten Orgasmen als Frau vorschwärmen und wie die in keiner Weise mit jenen eines Mannes zu vergleichen seien.

Mit der Freundin paddelt Elisabeth auf dem Bodensee und fällt auch mal ins Wasser. Sie lebt ihr Leben, der Titel des Filmes ist ein Zitat von ihr und auch dieses, dass wenn sie eines Tages vor den Schöpfer treten würde, dann setze es erst mal ein kräftiges Gewitter, weil er sie im falschen Körper hat auf die Welt kommen lassen.

Gabriel ist den umgekehrten Weg gegangen. Er ist heute ein sportlicher Mann mit kräftigem Bartwuchs. Unter der Männerbrust zeigen sich zwei breite Narben, Erinnerungen an das Wegoperieren der Brüste. Er lebt mit einer Frau zusammen, die für ihn ihren eigenen Mann und die Kinder verlassen hat. Liebe schaut nicht unbedingt auf Äußerlichkeiten und ist nicht zwingend von Sexpraktiken abhängig.

Der Film zeigt, wie schwer sich die Menschen mit der Trennung in grundsätzlich zwei Geschlechter eh schon tun und noch schwerer mit den Zwischenbereichen; der Film ist auf seine Art so drastisch wie der fiktionale Rose (Kinostart am 30. April). Douglas Wolfperger hat es auch geschafft, einen Kritiker des Trans-Wesens ins Gespräch mit seinen Protagonisten zu bringen und das mitten im so wunderbaren Schwabenland, das doch an nichts Böses denken lässt.

Allegro Pastell

Nuschel-Befindlichkeitskino

Vielleicht rühren meine Verständnisprobleme mit diesem Film von Anna Roller nach dem Roman von Leif Randt lediglich von der Nuschel-Sprechtechnik der dominierenden und sich auf ihre Befindlichkeit hin befragenden Generation der Dreißiger.

Oder von der Übermanierierheit der Sprechweise eines Jannis Niewöhner, als ob er Kreide geschluckt habe, vielleicht möchte er damit dem männlichen Teil seiner Generationskollegen eine gewisse Waschlappenhaftigkeit und Beziehungsentscheidungsunfreudigkeit vorwerfen.

Eine Martina Gedeck jedenfalls versteht man Wort für Wort und obendrein spielt sie noch eine Figur mit Hand und Fuß. Im Gegensatz zu ihrer Filmtochter Sylvaine Faligant der dreißiger Generation, die eine Autorin spielt, vielleicht eine Art Alter-Ego des Romanautors Leif Randt, während ihr Macker, der so alles andere als einen Macker darstellt, also Jannis Niewöhner – hat der überhaupt einen Beruf? – vermutlich eine Projektionsfläche für das Männerbild einer 34-jährigen Autorin abgeben soll.

Die Beziehung ist nicht so recht Fisch noch Fleisch und es ist das Alter, in welchem Sex nicht mehr neu und aufregend ist. Deshalb wirken die Sexszenen vielleicht auch ein Bisschen krampfig.

Nicht Fisch noch Fleisch auch der Film, vermutlich, weil die Figuren nur mit ihren Beziehungsbefindlichkeiten beschäftigt sind und keine Konflikte haben.

Ok, Niewöhner trifft eine Buddelkastenliebe wieder, Marene (Haley Louise Jones). Sie verreisen nach Lissabon. So viel lustiger mit dem Sex ist es auch nicht als mit der Autorin.

Immerhin gibt es einen Zielpunkt für die Nichthandlung: Sylvester 2018 in Berlin. Es ist das typische Übel der überwiegenden Zahl der Versuche von Literaturverfilmungen: man nimmt das Buch, womöglich am Küchentisch oder am Computer, da geht’s vielleicht noch besser: auf der einen Seite öffnet man das Buch, auf der anderen die zu füllende Drehbuchseite und dann geht man das Buch der Reihe nach durch und versucht daraus ein Drehbuch, Szenen, zu basteln, statt sich erst mal gründlich zu überlegen, was der Unterschied zwischen Literatur und filmischem Erzählen ist.

So kommt ein Ding zustande, was vielleicht ein paar Fans des Buches ins Kino locken wird, aber filmisch belanglos bleibt, erst recht bei einem Buch, was nicht beispielsweise ein Road-Movie oder einen Thriller ergibt, sondern sich mit Beziehungsbefindlichkeitsanalyse einer Generation beschäftigt, was in gewisser, in kinematographischer Sicht, Stillstand bedeutet.

Siehe auch 30 and Wild, ein etwas unerschrockenerer Versuch der Selbstvergewisserung der 30er Generation.