Bad Character Sells
Rat an eine – mutmaßlich eher mäßig begabte – Groschenromanautorin: sie solle so schreiben, wie sie es empfinde und dann brauche sie nur noch die moralischen Vorzeichen umkehren, also aus einem guten Menschen einen bösen Menschen machen, tja, und die Bestsellerautorin ist geboren.
Das war eben eine Vorwegpointe, möglicherweise aber hilfreich zum Verständnis dieses Filmes, der so arg glattgebügelt als faltenfreier Groschenroman, als Literatur, die man auf Flughäfen kaufe, daherkommt, der einen absouten Wahrheitsanspruch in Performance wie Geschichte behauptet.
Verity könnte als Ableitung aus dem lateinischen Worte ‚Veritas‘, die Wahrheit, gelesen werden. Denn um die Wahrheit geht es in diesem Film von Michael Showalter nach dem Drehbuch von Nick Antosca nach dem Roman von Colleen Hoover.
Die Wahrheit, die auch das Movens des Groschenromans ist. Mit der dieser sein hinterfotziges Spiel treibt. Auf diese Interpretation könnte man kommen, wenn man den Film The Big Sick desselben Regisseurs Revue passieren lässt. Dort geht es darum, was Comedy mit der Wahrheit für ein Spiel treibt.
Lowen Ashleigh (Dakota Johnson) ist eine locker begabte, wenig erfolgreiche Romanautorin. Der Film stellt sie bei einer Lesung in einer Buchhandlung vor, nur wenige Kunden setzen sich auf die Stühle vor ihr, einer nimmt einen Handyanruf entgegen und sagte es passe ihm wunderbar, steht auf und geht.
Lowen ist zugange mit Corey (Ismael Cruz Cordova); war mir nicht ganz ersichtlich, welcher Art die Beziehung ist. Dieser teilt ihr aufgeregt mit, der Verlag Hachette möchte sie so schnell wie möglich kennenlernen. Ein Hoffnungssignal der Sonderklasse; ein Märchen.
Auf dem Weg dorthin passiert ein Unfall – dieser und der folgende Zufall sind klischeemäßig in Reinkultur inszeniert; das lässt auf eine grinsende Distanz der Macher schließen. Eine Person fällt auf ein Autodach, Blut spritzt, Lowen ist ganz rot überall. In der Not beobachtet sie Jeremy (Josh Hartnett), begleitet sie auf eine Toilette; sie wäscht sich, zieht ihr verschmiertes Kleidungsstück aus; er bietet ihr sein weißes Hemd an. Groschenroman in Perfektion.
Vorher schon gab es einen Blick in die Villa in Vermont von der berühmten Autorin Verity Crawford (Anne Hathaway). Bei Hachett begegnet Lowen erneut Jeremy. Er ist der Gatte von Verity. Das Angebot, was an Lowen herangetragen wird, ist delikat und verlangt nach einer Verschwiegenheitsklausel.
Die berühmte Autorin ist seit einem Autounfall gelähmt, spricht kein Wort mehr, liegt nur apathisch da und hat eine Pflegerin, Frida (Asel Swango). Diese kümmert sich auch um den Buben Crew (Brada Wagner). Groschenroman: sein Zwillingsschwesterchen ist bei einem tragischen Kanuunfall ums Leben gekommen. Groschendrama II: Die Mutter von Lowen ist vor kurzem gestorben.
Die Erfolgsautorin sei von Lowens Buch total begeistert gewesen, erzählt Jeremy Lowen. Deshalb sei sie die einzige, die das Werk der Autorin zu Ende führen, fortschreiben könne. Hier erinnert der Film an „Ein Talent fürs Morden“ (ab 5. November im Kino), in welchem Patricia Highsmith eine Schreibhemmung hat, ein Nachwuchs-Lektor aus Zürich soll sie zur Vertrags-Unterzeichnung für ein neues Buch antreiben. Gerade im Vergleich zu diesem Film fällt die Exponiertheit des Groschenhaften in Erzählung und Darstellung auf und wie in der Handlung als auch auf der Metaebene nach der Wahrheit geforscht wird. Denn Lowen muss sich in die enorme Material- und Notizensammlung der Starautorin hineinwühlen. Sie wird fündig. Der Begriff der Wahrheit muss extreme Strapazen aushalten, wie sie nur ein Groschenroman porentief rein, weiß und glattbügeln kann.