Drill, Baby, Drill,
oder auch, was dem Titel dieses Filmes von Alejandro G. Inárritu nach dem Drehbuch von Sabina Berman, Jez Butterworth und Alexander Dinelaris näher kommt: „Dig, dig, dig“, Zitate des amerikanischen Präsidenten, die direkt nach einem künstlerisch-krassen Feedback schreien.
Die Umweltkatastrophen, die der Energiehunger der Menschheit nach sich zieht, sind vielleicht schon näher als gedacht, wenn man den Satz eines Meteorologen erinnert, der gemeint hat, dieser Sommer dürfte für lange Zeit der kühlste gewesen sein.
Die Niederschlagsarmut bei uns hat ein real erschreckendes Ausmaß angenommen. Hätte man nie für möglich gehalten und haben die Auguren so auch nicht auf dem Schirm gehabt.
Hier im Film wird der horrible, kinematographische Klimawandelbefund in den Tag der Endprobe des Theaterstückes „Fossil Fool“ eingebettet. Es ist ein Prunkstück von altem Theater mit topmoderner Bühnentechnik, ein Augenfang für sich. Das war jetzt allerdings ein Spoiler, denn das Drumherum um die Szenen wird erst allmählich aufgedeckt.
Der Film fängt an im protzig ausgestatteten, mit der bekannten Inárritu-Horroroptik fotografierten Schlafzimmer des Ölmagnaten Digger Rockwell. Ihn spielt Tom Cruise mit seinem oft typisch leicht offenen Mund, vom Schauspielerhandwerk her, würde man in Deutschland sagen, als solide Stadttheaterschauspielerei und absolut humorlos, was zu der Rolle passt.
Digger bohrt in Alaska. Aber erst gähnt er. Sein Hauptproblem ist seine Katze. Wie Tiere im Film effektvoll aufzunehmen sind, das hat Inárritu mit seinem frühen Werk „Amores perros“ gezeigt. Wer den gesehen hat, kann leicht annehmen, dass aus dem Katzenanteil allein ein kleiner, feiner, herrlich-horribler Film sich basteln ließe. Die Katze ist alt, krank, schläft im Bett ihres Herrchens und hat ihn heute früh gekratzt; genässt hat sie auch. Aber Digger ist bestens ausgestattet mit Personal und Doktoren für Mensch und Vieh.
Inárritu zelebriert meisterlich seinen Blick auf die Perversität solcher Verhältnisse. Die werden gestört durch Anrufe aus Alaska. Ein enormes Stück Gletscher hat sich gelöst, ist auf dem Weg nach Europa. Methan hat sich an den Bohrstellen entzündet, eine Plattform steht in Flammen. Katastrophen über Katastrophen.
Wichtig wie in Pressure wird der Meteorologe. Er heißt Ganesh und wird gespielt von Riz Ahmed. Ganesh kann nun wirklich nichts dafür, was da passiert. Er soll aber alles besser wissen.
Dazwischen gibt es Telefonate mit Emma Rockwell – Sandra Hüller scheint inzwischen real in der Topklasse internationaler Stars angekommen zu sein. Eine herrlich grotesk überzeichnete Figur spielt John Goodman als Präsident Compson. Der leidet ganz furchtbar unter Auswüchsen in seinem Hintern.
Die Spielorte sind das Protzenanwesen von Digger, das Weiße Haus, Air-Force-Number One und die UN-Vollversammlung, ein Persiflage-Kabinettstück für sich.
Die Katastrophe lässt die Darsteller laut und heftig agieren. Wie der Film nach und nach den Blick hinter die Kulissen öffnet, wird raffiniertes Bühnentrickwerk sichtbar. Wenn die Akteure hier privat sind, ist, wie so häufig festzustellen, dass das offenbar keine leichte Sache ist, zwischen im Theater gespielter Rolle und Schauspieler-Privatverhalten im Theater-im-Film zu spielen. Das dürfte auch kaum das Hauptinteresse von Regie und Drehbuch gewesen zu sein.
Inárritu geht es darum, spektakulär auf die rasende Klimaveränderung aufmerksam zu machen und zu bedenken zu geben, dass nicht nur die bösen Ölmultis an allem schuld sind, dass die nämlich ohne den Energiehunger der Konsumenten kein Business machen würden. Ok, das kann man galligen Galgenhumor nennen. Oder als einen plakativen Aufruf zu sorgsamerem Umgang mit der fossilen Energie.
So überrissen das alles wirken mag, so überrissen scheint es gar nicht. Ob beten hilft, sei dahingestellt. Jedenfalls knallt Inárritu nach The Revenant einen weiteren, heftigen Kinofetzen auf die Leinwand.