Ein Krimi aus Passau: Wer einmal lügt (Das Erste, Donnerstag, 17. September 2026, 20.15)

Geldnot kann kriminell machen

Jetzt noch schlimmer, wenn einen etwas einmal stört und es kommt wieder, dann wird es richtig ärgerlich, diese Manie mit der Hybris der Akteure vor und vor allem hinter der Kamera, in den Titeln zu erscheinen. Gleichzeitig laufen schon wichtige Handlungsinfos. Die Leiche wird gezeigt. Der Täter ist zu sehen. Es gibt ein Bäckerguti aufs Haus. Wohnungssuche ist schwierig und man will aber keine italienischen Verhältnisse, wo die Kinder bis 30 und länger bei Muttern wohnen. Ein Einbrecher ist bei der Kommissarin, die ihren Frühstückskaffee in der Bäckerei eingenommen hat, zugange, und eine Frau mit Sonnenbrille beobachtet vom Auto aus (könnte Valery Tschecheplanowa sein).

Und da sind noch keine zwei Minuten vorbei. Und dann denkt man noch an den ungelösten Mordfall von der letzten Folge, war es ein Mord oder ist der Typ im Wald nur niedergeschlagen worden?

Jetzt sind die verantwortlichen ARD-Zwangsgebührentreuhänderinnen dran – der ausführende Produzent war schon dran beim Schlossknacken; tja, Kommissarin im Zeugenschutzprogramm Marie Leuenberg ist in Passau nicht die einzige, die über solche Fertigkeiten verfügt – und irgendwen ganz Wichtiges haben wir derweil rechts unten verpasst – Claudia Luzius (BR) und Katja Kirchen (ARD DEGETO); da schaut sich der Einbrecher grad in der Wohnung der abwesenden Mutter und Tochter um und da sind wir, nach grade gut zwei Minuten doch schon beim Regisseur Daniel Rübesam, von dem wir so gar nicht viel halten und uns wundern, wie er an den Job und damit an die Zwangsgebührengelder gekommen ist. Der Sound war, jedenfalls bis jetzt, das, was wir am eindrücklichsten fanden.

Die Titel dürften mit der Regie abehandelt sein. Jetzt volle Konzentration auf eine stumme Begegnung zwischen dem nicht ertappten Einbrecher und der zurückgekehrten Tochter Mia (Nadja Sabersky), woraufhin sie nochmal in die Wohnung geht und sich weinend das Gesicht wäscht. Das ist im Melostrang so: Vater-Tochter-Emotionen und dann den Kopf waschen. Das war der Schuss Melodram der Folge.

Warum der Einbrecher sich nicht gemeldet habe. Hier pflanzt das Drehbuch ein Geheimnis in den Film, spannt die Feder, „morgen um zwölf“. Endlich Minute sieben fünfzig kommt Michael Ostrowski ins Bild und lässt die verdatterte oder verwirrte Tochter in sein Büro. Gleich wird sie unterm Siegel der Verschwiegenheit das in Aussicht gestellte Geheimnis weiterversiegeln, wie Schiller es formulieren würde.

Es folgt ein Lichtblick in den trüben Passauer Gewässern: Gerd Anthoff spricht mit wunderbar tragender Stimme und einer herrlichen bayerischen Farbe in einem Antiquariat in ein überdimensioniertes Mikro über Karl Valentin. (Die Inspiration zu dieser Figur dürfte sich der Drehbuchautor beim realen Klaus Willbrand aus Köln geholt haben, der es mit 80 zum Internetstar gebracht hat; Gerd Anthoff ist eine filmreife Verkörperung und von umwerfendem Charme dazu). Es folgt der zweite Hinweis, dass es um Bücher geht.

Die Story wildert beim Genre geheimnisvoller, alter Bücher. Hier geht es um ein Buch mit keltischen Sagen und, ganz wichtig, einer Widmung. Es ist ein Bezugspunkt zum Leben im Zeugenschutzprogramm von Mutter und Tochter Bader. Dieses alte Leben bricht in ihr betuliches Passau-Leben ein. Das ist ein zentraler Spannungsmacher, hier besonders, weil es nicht um abstrakte Kriminelle geht, sondern um eine enge Bezugsperson. Und die weiß in einem Buch, das seinen eigenen dramatischen Weg geht, ein Geheimnis. Um jene Art enigmatischer Geheimnisse geht es, die aus Wörtern, Texten, Buchstaben und Zahlen etwas Neues eröffnen.

Ein Antreiber für die dramatischen Handlungen sind Schulden. Ruchbar wird die kriminelle Vergangenheit von Akteuren. Die Story von Michael Vershinin und Robert Hummel ist versiert geschrieben, nur in der Countdownphase etwas sehr gestreckt und gewürgt. Sie ist aber so, dass man die hausbackene Schauspielerei in der Regie von Daniel Rübesam mitnimmt, und über gelegentliche, unfreiwillige Komik hinwegsieht, auch etwas milder gestimmt war, weil die Titel diesmal deutlich weniger Sendezeit vereinnahmt haben als bei der vorherigen Folge. Abgesehen davon, dass Leuenberger und Ostrowski nach wie vor eine wundersam-einmalige Paarung sind.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Vergessen wir nicht, dieser öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde einst gegründet, damit nie wieder extremistische, die Demokratie gefährdende Entwicklungen passieren würden; jetzt haben wir diesen fetten öffentlich-rechtlich 10-Milliarden Rundfunk und gleichzeitig das Umfragehoch einer Partei, die zumindest in Teilen „als gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft wird.

2 Gedanken zu „Ein Krimi aus Passau: Wer einmal lügt (Das Erste, Donnerstag, 17. September 2026, 20.15)“

  1. Passau Krimi. Mag ich. Vor allem die beiden ersten Folgen haben einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Dass das auf diesem Niveau nur schwerlich fortzusetzen sein würde, war eigentlich von Beginn an klar. Dennoch fühle ich mich nach wie vor sehr ordentlich unterhalten. Nicht ganz klar ist mir allerdings, wie Du abschließend den Bogen zur Gebührenfinanzierung schlägst. Ich sehe eigentlich keinen direkten Zusammenhang zwischen einem nicht ganz so gutem Donnerstags-Krimi und Wahlergebnissen. Da würde ich eher das eine oder andere Scripted-Reality-Format der Privaten verdächtigen. Und außerdem: Wie definierst Du einen einkommensschwachen Haushalt? Du weißt sicher, dass es mehrere Optionen zur Reduzierung als auch zur Befreiung von Beiträgen gibt?

  2. Der Bogen zur Gebührenfinanzierung liegt bei allem, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk produziert, auf der Hand. Ich werde gezwungen, die Gebühr monatlich abzudrücken. Wer zahlt, dem bleibt hier nur das Kritisieren, allenfalls, oder, was viele machen, hintenrum schimpfen oder einfach ignorieren. Andererseits kapiere ich Deinen Bogen vom „so gutem Donnerstags-Krimi“ zu den Wahlergebnissen nicht.

    Das mit dem einkommensschwachen Haushalt ist – logo – eine relative Sache. Das weiss ich sehr wohl, dass es eine gewisse Einkommensschwäche gibt, die von der Gebühr ausgenommen ist. Das geht aber nur über Formularkrieg und Bürokratismus. Und irgendwo ist da eine Grenze. Und direkt hinter dieser Grenze gibt es sehr wohl eine ganze Menge Haushalte, die nicht allzuviel Budget haben und für die die Rundfunkgebühr spürbar ist. Es ist eben nicht, wie der Professor, der das Modell erfunden hat, dessen Namen ich inzwischen vergessen habe, so, dass 20 Euro für jedermann im Lande Kinkerlitzchen sind. Und da wirst Du mir beipflichten: dass das Modell zur Finanzierung dieser urdemokratischen Gemeinschaftsinstitution sozial unfair ist. Je kleiner das Haushaltsbudget, desto größer der Prozentsatz davon, den die Gebühr ausmacht. Sie wirkt wie eine Strafsteuer und nicht nach dem demokratischen Prinzip, dass jeder nach seiner Kraft sich an den demokratischen Institutionen beteilige. Die Milliardäre, von denen es immer mehr im Lande gibt, die beteiligen sich faktisch nicht an dieser wichtigen demokratischen Einrichtung. Die Gebühr wirkt wie eine Steuer, deren Satz umgekehrt proportional zum verfügbaren Haushaltseinkommen angelegt ist, je kleiner das Haushaltseinkommen, desto höher der Steuersatz.

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