Heiße Fantasien gegen die Familienidylle
Für fantasievolle Menschen scheint es nichts Langweiligeres zu geben als das perfekte Familienleben im Wohnviertel eines Kleinstädtchens mit lauter Einfamilienhäuschen.
Diese Traumfamilie, das sind Papa Greg Platt (Ewan McGregor), Mama Denise Platt (Anne Hathaway), der 13-jährige Sohn Brian (Christian Convery) und die ältere Schwester Audrey (Maisy Stella) dazu Hund Starbucks.
Für eine Frau wie Denise ist das eindeutig Unterforderung. Heimlich schreibt sie im Keller an einem Buch. Es dürfte Fantasy sein. Einer kompetenten Nachbarin (Anne Gee Byrd) zeigt Denise ihr Script und bekommt es belobigt.
Wie es so ist mit nicht veröffentlichten Fantasien, sie können Eigenleben entwickeln und so ein Dorf, ein Siedlung ganz schön durcheinanderrütteln. Es fängt mit kleinen Phänomen an. So nach einer halben Filmstunde des angenehm kurzen Fantasy-Horror-Streifens und des ordentlichen Quartierlebens gibt es die ersten Merkwürdigkeiten.
Nachbar Mel (P. J. Byrne), der wegen dem Hund auf die Platts eh nicht gut zu sprechen ist, findet eines Morgens einen enormen Kackhaufen in seinem Garten. Von Starbucks kann der nicht sein, aber Byrne beschuldigt die Patts. Sohn Brian hört in der Nacht merkwürdige Geräusche, als ob ein Helikopter landet und sieht helles Licht wie ein Blitz.
Hier stellt sich eine Zusatzfrage, ob vielleicht das Coming-of-Age es ist mit seinem besonderen Faible für übersinnliche Phänome ist, das eine Rolle spielt, nicht nur beim Buben, der ein Mann werden soll/wird, sondern auch bei den Eltern, speziell bei der schreibenden Mutter.
Wie skrupulös David Robert Mitchell an seiner Filmfantasie gearbeitet hat, zeigen die anfänglichen Szenen. In diesen ist Quartierleben mit den Anwohnern vermischt mit Zweier-Szenen der Protagonisten-Familie, mit deren Herausheben aus der Menge und auch deren Vorstellung für den Zuschauer. Da ist eine verblüffende, atmosphärische Disruption der Continuity festzustellen. Die aber weiter nicht stört. Weil der Filmmensch so bedacht seine Geschichte in Gang setzt.
Die Disruption zeigt sich deutlich; die Zweier- oder Einzelszene sind in anderer Stimmung gedreht als die Gruppenszenen. Da kann auch eine gewisse Durchgängikeit der Tonspur nicht drüber hinwegtäuschen. Stört aber nicht, weil die Bild- und Szenenfolgen den Zuschauer immer mehr hineinziehen in dieses Überhandnehmen unglaublicher, unfassbarer Phänomene und das langsame oder plötzlich Eindringen einer Urzeit in diese wunderbaren späten 60er oder frühen 70er Jahre (Zeithinweise geben ein Buch von Neil Armstron über die erste Mondlandung, die war 1969 oder ein Plakat für Kubricks „2001: Odysse im Weltraum“, der 1968 ins Kino kam).
Ähnlich gestrickt ist eine anderer Film, der grad vor einer Woche angelaufen ist: The Ice Cream Man. Auch bei Mitchell kommt der Eiswagen vor; der liegt nach einer Saurierattacke demoliert auf einem Rasenstück. Auf dem Dach hat er nicht die Eismannfigur, aber ein schönes Eis im Cornett.
Die mentale Lage der beiden Filmen dürfte ähnlich sein, die ruhige Provinz und ein tiefes Bedürfnis, gegen die anödende Langeweile einen Stein oder Dreck auf die glatte Oberfläche zu werfen. Es ist wie ein Reflex gegen jegliche Art unnatürlicher Organisations- und Ordnungsprinzipien, gegen die Herrschaft des Spießigen.
Es bleibt Raum für weitere Interpretationen: man könnte auf die Idee kollektiver Psychosen zurückgreifen oder auch, dass je friedlicher ein Mensch es hat, es ihn umso mehr kitztelt, seine Urängste zu befragen, letztlich vor der Vergänglichkeit, vor der Unbeständigkeit und dass dieses friedliche Leben nicht ewig so weitergehen könne. Heute sehen wir, dass dieses heile Amerika gar nicht so heil ist. Es kommt an einer Stelle auch die Frage nach dem Glauben an Gott vor. Der tut das Seinige.