Anomalie und Orientierung
Vermutlich: inspired by M. C. Escher
Ein Labyrinthfilm, ein Schlaufenfilm, ein Symbolfilm für „Gefangen in der Routine und der Wiederholung“ in den Ganglien einer U-Bahnstation.
An einer Stelle, an der die Protagonisten Kazunari Ninomiya, Yamato Kochi, Naru Asanuma und Kotone Hanase in je verschiedenen Phasen des Filmes immer wieder vorbeikommen, allein, oder sich begegen, oder auch zu zweit, hängen Poster an der Wand. Die werden von den Passanten, die sich hier verlaufen, zur Orientierung und vor allem zur Feststellung, ob Anomalitäten vorliegen, benutzt.
Das erste Poster wirbt für einen Anwalt, das zweite für eine Ausstellung von Maurits Escher, das dritte für einen Zahnarzt, das vierte für einen Schönheitschirurgen, das fünfte bietet Stellenangebote und das sechste ist ein moralisches, das ordentlichen Benimm in den U-Bahnstation anmahnt.
Das Plakat mit der Werbung für eine Ausstellung mit Werken von M. C. Escher dürfte als Schlüssel für den Film oder auch als ein Hinweis auf die Inspiration des Filmemachers Genki Kawamura, der mit Kotake Create und Kentaro Hirase auch das Drehbuch geschrieben hat, gelesen werden.
Es ist eine Welt der optischen Täuschungen und multipler Wahrnehmungsphänomene von endlosen Treppen, von Perpetuum Mobiles, von Schleifen und Wiederholungen. Sie können als psychische Phänomene gelesen werden.
In so eine Welt gelangen die Protagonisten. Ausgangssituation ist ein junger Mann in der proppevollen U-Bahn in Tokio. Er dürfte auf dem Nachhauseweg sein. Wechselweise hat er diese kleinen Stöpsel in den Ohren, die ihn vom Lärm der Umwelt abschirmen und zu einer anderen Welt connecten (ein anderer Film zu dem Thema startet heute in den Kinos: Finding Connection). Wenn er sie abnimmt, lässt sich die Kamera von einer sitzenden Mutter mit Baby im Arm gefangennehmen. Das Baby schreit und schreit, ist nicht zu beruhigen. Ein der Mutter gegenüber stehender Herr regt sich auf, wird seinerseits laut. Der entferntere junge Mann steckt sich die In-Ear-Kopfhörer rein.
Die Grundkostellation ist die der Familie. Die spiegelt sich im Labyrinth der Gänge wieder, in das sich zuerst der junge Mann verläuft, immer kommt er wieder an die Stelle mit dem Wegweiser zu Ausgang 8. Da kommt ihm regelmäßig ein anderer Mann entgegen. Wiederholung, nach Nietzsche, des ewig Gleichen. Später ist ein Bub dabei. Und noch später wird sich eine junge Frau in diese Schleifen einbringen.
Wohldosiert gibt es Abwechslungen, mal gibt es eine Treppe, nach oben oder auch nach unten, einmal blutet es von der Decke, es gibt Geräusche aus einem Technikraum, Ertrinkungs-, Untergangsfantasien, alles geht unter, alles geht verloren, dann wieder Momente familiären Glückes am Meer. Artikulation von Urängsten.
Der Bolero von Ravel, der anfangs auf die Tonspur gesetzt ist, signalisiert bereits eine Wiederholung des ewig gleichen. Einmal gibt es schreckliche Bilder von genmanipulierten Mäusen. So ein Film ist ein Spiel und ein Trietzen mit vermeintlichen Sicherheiten, vermeintlichen Zuverlässigkeiten, die eine Routine bietet, und fordert sie heraus.