Im Spiegel meiner Mutter

Der innere Buckel,

das ist das, was Corinna Harfouch als Ursula Scheuer zu spielen hat in diesem tief feministischen Film von Jutta Brückner – im Sinne, dass es konsequent um die Befindlichkeit der Frau geht hinsichtlich des Verhältnisses der Abhängigkeit von der Mutter. Corinna Harfouch tut das mit ihren bekannten Mitteln; gegen Ende des Filmes scheint es, als ob dieser innere Buckel etwas dahingeschmolzen sei, als ob sie sich befreit habe davon. Das kann arbeitstechnisch bedingt sein, durch den Prozess gemeinsamen Filmens über Tage und Wochen.

Anfangs ist Corinna Harfouch wie immer, wenn sie Aufwachen spielt, dann ist offensichtlich, dass sie Aufwachen spielt, oder wenn sie Rumschauen spielt, dann spielt sie ersichtlich Rumschauen oder wenn sie leere Koffer – solche ohne inneren Buckel – schwingt. Das oder auch die permanent deutlich wahrnehmbare, perfekte Gesichtsschminke oder auch die oft merkwürdig deplatziert wirkenden Kostüme, bleiben nebensächlich neben der ernsthaften Untersuchung der Autorin und Filmemacherin einer traumatischen Mutter-Tochter-Beziehung.

Die Mutter (Hildegard Schmahl) stirbt im Pflegeheim. In ihrer Wohnung sind die Möbel abgehängt. Zwei Tage nach dem Tod ist bereits alles Geschirr ausgeräumt. Diese Inneneinrichtung wirkt mehr wie eine künstlerisch-symbolische Aktion denn wie Realismus.

Auch der katalysierende Side-Kick Sylvia (Nina Kunzendorf) als Assi im Institut für Archäologie und Ethnologie, an welchem Scheuer lehrt, ist für die gedankliche Betrachtung und Analyse der unendlichen Fundgrube, die eine Mutter-Tochter-Beziehung bietet, hilfreich, in keiner Weise für irgendeinen Handlungsstrang.

Der Film benutzt die Assi zudem als Hinweis auf die prekäre Situation solcher Positionen. Sie schläft mir ihrem Hund im streng geschützten und gesicherten Untersuchungsraum der Moorleiche. Auch diese ist vor allem als Bild zu sehen. Achtung Spoiler: es wird sich um eine Mutter mit Kind handeln. Anfangs sind Geschlecht und Todesursache noch nicht klar. Die Leiche muss sorgfältig mit einem Pinsel vom Erdreich gesäubert werden. Der Film trieft vor Symbolik.

Auch der Zustand der universitären Forschung wird symbolisch als katastrophal gezeigt. Überall Plastikplanen, weil das Institut umgebaut wird, und ein Baulärm sondergleichen, von der Filmmaschinerie deutlich über eine realistische Situation hinaus gezeichnet.

Die Männer spielen keine, kaum eine oder nur blasse Rollen. Ein Samuel Finzi hat gar nur eine Art Platzhalterposition am Tisch des Unigremiums. Der Vater von Scheuer ist nicht mehr als kaum wahrnehmbare Erinnerung. Ein paar Studenten gibt’s noch. Füllmaterial.

Lastende Erkenntnissätze zur Abhängigkeit der Tochter von der Mutter oder wie die Mutter die Tochter in Besitz nimmt, in Besitz zu nehmen versucht. Trotzdem möchte die Tochter eine Obduktion der Leiche der Mutter verhindern. Fett symbolisch neben der Moorleiche wird bei der Vorstellung der Assistentin ein Steinkind im Bild platziert. Und die Info darüber, was das ist.

Der Film ist weniger Geschichte denn der Versuch einer Auslegordnung einer Kindheit, einer Übersicht über gegenseitig offene Rechnungen, über das gegenseitige Betteln um Liebe; dann wieder der Rückgriff auf Kunst, die mit Darstellungen von Vulven Skandal zu machen pflegte und MILF: Mother I Like to Fuck. Das Antiödipus-Thema. Der fett symbolische, rote Gartenschlauch. Fragen zu Liebe und dem Alleinsein. Die Fundgrube des Themenkomplexes ist unerschöpflich. Ein paar Fundstücke daraus werden hier kinematographisch gediegen präsentiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert