Nightborn

Noras Puppenheim bekleckert

Beim Norweger Ibsen musste das Puppenheim von Nora reinlich, säuberlich, geordnet, comme-il-faut sein, zum Ersticken.

Die Finnin Hanna Bergholm, die mit Ilja Rautsi auch das Drehbuch geschrieben hat, versenkt und beschmiert die Cleanheit in Bädern von Blut, denn Frausein, Muttersein ist immer auch blutig, kann ekellerregende Elemente haben, unangenehme, abstoßende.

Der sich das Puppenheim wie im Bilderbuch wünscht, ist Jon (Rupert Grint), ein bäriger Mann, kindlich und naiv. Er ist verknallt in und verheiratet mit Saga (Seidi Haarla). Er will ihr ein hübsches Heim, das sie von ihrer Großmutter geerbt hat, einrichten mit Zimmern für die drei Kinder.

Lust und Leid, Blut und Sauberkeit liegen nah beieinander. Der Lustschrei des Geschlechtsverkehrs im Wald beim Omas Haus geht direkt über in den Schrei bei der schweren Geburt.

Das Haus ist verwahrlost. Jon richtet es. Dass seine Frau reserviert reagiert, nimmt er nicht wahr. Der Wald bei Omas Haus sei komisch, Oma hat ihn davor gewarnt.

Die Kamera und die Mikros der Tonabteilung nehmen Dinge wahr, die weit über den natürlichen Wald hinaus gehen, sonderbare Knarz- und Wispergeräusche, knorrige Wurzel- und Baumgebilde.

Im Haus wächst mitten in der Stube ein Bäumchen. Motive, die in ähnlichen Filmen schon zu sehen waren, immer wieder schön. Das Bäumchen erinnert an der ersten Kurzfilm von David Lynch, bei dem aus seiner toten Oma auf dem Dachboden ein Bäumchen wächst. Werden und Vergehen.

Mit dem Puppenhein wird nichts, obwohl Jon das Haus hergerichtet hat. Die Natur in Saga wehrt sich. Das dürfte mehr sein als nur eine postnatale Depression. Das Kind ist am ganzen Körper behaart, es ist ein Junge, der gibt Grunzlaute von sich, er beißt beim Säugen Mutters Brust blutig. Mutter guckt immer entsetzter. Freude über Mutterschaft und Familienidylle sind nirgendwo zu finden.

Schwierig wird es für die Verwandtschaft. Die Mutter von Saga (Pirkko Saisio) wird mit wenigen Sätzen als hart und herzlos kritisch, von ihrer eigenen akademischen Karriere vereinnahmt, geschildert, sie hat wenig Zeit, muss gleich wieder nach Boston zurückfliegen. Der Papa möchte das Kind Christian taufen, sein Vater soll die Haustaufe vornehmen, doch die Mutter nennt es, und da gibt es keinen Widerspruch, Kuuru. Das Unappetitliche nimmt seinen Lauf, gibt Stoff für eine Bilderwelt, die dem Begriff Bodyhorror mit viel (geschmackvoller) Bildfantasie gerecht wird, bietet der Cleanheit, dem Anstandsdenken, der Ordentlichkeit, die alles unter den Tisch oder besser, unter den Teppich kehrt, Paroli. Mutterkuchenfilm, Plazentafilm?

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